Welcome Kapstadt – Teil 3

Dann stand auch ich auf und lief zu den Toiletten. Allmählich hatte ich das Gefühl hier oben zu wohnen. Keine Angst mehr vorm Rückflug. Shaun hatte recht – Fliegen ist etwas schönes. Naja, nicht von Anfang an. Aber dieser Junge hatte mir die Angst genommen. Adrian auch. Und außerdem.. ja, schon möglich. Wenn man verliebt ist werden die Dinge leichter. Auch wenn da vielleicht keine Gegenliebe ist, ich war irgendwie zufrieden.
Ups, wieder musste ich mich an den Lehnen festhalten weil der Flieger zu schaukeln begann. Aber ich geriet nicht mehr in Panik. Auf der Toilette war das dann sogar ulkig wie alles schwankte. Ich würde mich dran gewöhnen, dachte ich.
Als ich zurückkam staunte ich nicht schlecht. Shaun war wohl zur Seite gekippt – und lag jetzt quer in unseren Sitzen. Na Prima. Stehen wollte ich ja nicht, also musste ich ihn zwangsläufig wecken.
Ich schüttelte ihn leicht an der Schulter.

» Hey Shaun, du… «

Er blinzelte mich verschlafen an.

» Oh, tschuldige.. « und er setzte sich auf.

Seine Haare standen jetzt wirr auf seinem Kopf und das sah wirklich niedlich aus. So wie der ganze, verschlafene Boy.

» Macht nichts « sagte ich und setzte mich.

Ich musste irgendwann wissen was an Adrians Worten dran war. Entschlossen fuhr ich durch Shauns Haare. Ich grinste ihn an.

» Siehst aus wie ein aufgeplatztes Sofakissen. «

Er lächelte und schloss die Augen. So, als würde ihm das gefallen. Plötzlich fasste er meinen Arm.

» Dario, warum tust du das? «

» Was? «

» Mich so anfassen. «

» Was meinst du? Ich wollte doch bloß dass du zivilisiert aussiehst. Mehr nicht « antwortete ich.

» Mehr nicht? «

» Nein… «
Er drehte sich zum Fenster und sah nachdenklich in die Nacht. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. “Mehr nicht”.
Ich lehnte mich zu ihm.

» Shaun… «

» Was ist? «

» Ich hab dir nicht alles gesagt. «

» So? «

» Ja, ich.. es ist so.. dass ich dich mag. Also, du hast mich so um mich gekümmert und ich bin dir auch dankbar, aber es ist ein bisschen mehr was ich für dich empfinde. «

Er drehte seinen Kopf zu mir und sah mich an. Lange, ohne einen Ton. Dann huschte aber doch ein Lächeln über sein Gesicht.

» Wenn du aufs Klo musst, dann geh jetzt « murmelte mir mein Schnucki aber stattdessen zu,

» die stehen nämlich bald Schlange. Und nimm gleich dein Waschzeug mit. «

Er verstand es also nicht. Er begriff nichts. Wenn er auf Jungs stand, dann hätte er an dieser Stelle reagieren müssen. Ich sah auf meine Uhr. Es ging gegen Fünf.

» Waschzeug? « frage ich dann, mehr oder weniger beleidigt.

» Ja. Waschlappen, Seife, Deo, Zahnbürste. Rasierer weiß ich ja nun nicht.. « brummte er mehr zu sich selbst.

So, als müsste das doch jeder wissen. Ich schluckte. Wer dachte denn an sowas? Einen Rasierer brauchte ich zum Glück noch nicht, aber alles andere doch schon. Nur, ich hatte es eben nicht dabei.

» Mach die Gepäckklappe auf und nimm meinen Kulturbeutel. Du findest da drin in einer kleinen Schachtel eine Zahnbürste, die kannst du haben « sagte er immer noch müde, » und alles andere kannst du auch benutzen. «

Ich zitterte irgendwie als ich seinen Kulturbeutel nahm. Er verhielt sich ja schon wie ein Freund, der alles mit einem teilt. Ich lief den Gang entlang, schlüpfte in eine Klokabine und schloss die Tür. Lange starrte ich mich im Spiegel an.
Übermüdet, ja, so sah ich aus. Ein Schluck Schlaf ist für mich einfach zu wenig. Meine Haare standen auch wirr auf dem Kopf. Gut, das akzeptierte ich an mir noch. Rod Steward hatte ja auch so eine Steckdosenfrisur und sah auch nicht besser aus. Auch sonst schien nichts an mir in der Reihe zu sein. Die Ringe unter meinen Augen gefielen mir nicht.
Dann öffnete ich seinen Beutel und suchte die kleine Schachtel, aber das, was ich beim herumkramen dann in die Finger bekam, erzeugte ein Gefühl als hätte ich an eine Stromleitung gelangt: Ein Päckchen Kondome. Ich hielt es in der Hand.
Es ist doch merkwürdig was einem da so durch den Kopf gehen kann. Ich stellte mir vor, wie Shaun irgendwo dieses Päckchen öffnete, ein Kondom herausnahm und es sich über seinem Steifen abrollte, oder, noch geiler, rollen ließ?
Und wer wohl dabei war? Eine Freundin wohl eher nicht, er hatte es gesagt. Aber wofür schleppte er die Dinger dann herum? Ein Freund?? Oder war er einer, der alles mitnahm was sich ihm in den Weg stellte und sich ein Schäferstündchen ergab? Sammelte er Nächte mit Mädchen oder Jungs wie andere Leute Briefmarken? Oh je, vielleicht war er viel schlimmer als ich ahnen konnte. Nun gut, ich konnte mir niemanden vorstellen, der ihn von der Bettkante stoßen würde. Da bissen garantiert auch labile Heten an. Ich stellte ihn mir vor, wie er in seinem knappen Slip in einem Schlafzimmer stand und sein geilstes Lächeln aufsetzte. Wie er zu der oder dem ins Bett steigt und wie sie anfangen sich zu streicheln… Würde das passen? Shaun war ein Katalogmensch. Ein überaus hübscher Boy. Eine geile Ratte – ach wie auch immer. Ich seufzte tief.
Ich schimpfte mich erneut ein Schwein, das sich so wüste Sachen zusammenreimte die weder Hand noch Fuß hatten. Trotzdem – Schauer liefen über meinen Rücken. Wie ein Stück heißes Eisen ließ ich das Päckchen zurückfallen.
Dann war da noch eine kleine Plastiktüte. Eng zusammengerollt lag sie in meiner Hand. Eigentlich ging es mich überhaupt nichts an, was Shaun da in seiner Tasche hatte, aber die Neugier überwiegte. Ich rollte die kleine Tüte auf und erstarrte abermals. Ein Slip. Mein Herz schlug bis zum Hals. Die hatte er bestimmt vorhin gewechselt und ganz winzig zusammengerollt.
Ich betrachtete mich im Spiegel. Sehr genau tat ich das. War ich berechtigt zu dem was ich da tat? Oder besser gefragt, wie pervers bin ich eigentlich? Erst seine Schuhe, dann diese Gedanken und dann sein Slip. Wie viel Jungs mag es geben, die in so einer Situation ähnlich denken wie ich? Bin ich denn wirklich so abnormal?
Nein, bin ich nicht. Höhere Gewalt, basta. Und außerdem – er musste damit rechnen, dass ich die Sachen finden würde. Ja, es war überhaupt nicht möglich sie NICHT zu finden.
Was sollte ich jetzt machen? Ich starrte wieder auf die Tüte. Wie gern hätte ich.. Eigentlich kam ich mir vor wie Verbrecher. Ein sexuell abartiger Lüstling. Aber es war nichts zu machen. Ich nahm das Teil aus der Tüte und betrachtete es. Schöner Slip. Dunkelblau mit grünen Streifen und einem weißen Schriftzug am Bund. Ebenfalls keine Billigware. Dachte ich wenigstens.
Mein Liebling muckte wieder auf. Ich öffnete meine Hose und ließ ihn frei. Schnell stieg er auf und wenige Sekunden danach stand er wie eine Eins.
Ich schnüffelte an dem Teil und das war so abartig geil, dass ich nur ein paar Minuten brauchte bis die bunten Sterne tanzten hinter meinen Augen.
Jetzt war es also doch passiert. Nur die Umstände waren andere, an solche hatte ich überhaupt nicht gedacht. Aber es war okay so.
Ich wischte die Spuren meiner Tat von der Ablage, vom Waschbecken und vom Boden, zog mein Hemd aus und schüttete mir kaltes Wasser ins Gesicht. Nach einer Katzenwäsche benutzte ich Shauns Deo. Nach dem hatte er vorhin gerochen und das machte mich schon wieder an.
Verdammt, dachte ich, komm ich denn nie mehr von diesem Trip runter?
Ich putzte mir die Zähne und zog mein Hemd wieder an. So ging es mir schon viel besser und nun sah ich mich nochmals im Spiegel an. “Du bist das größte Schwein da unten auf Erden und hier oben am Himmel”. Meine Haare waren ungewöhnlich widerspenstig und so ließ ich sie wie sie waren. Sicher kam das von den Strähnen, das hatte ich schon mal gelesen. Egal. Wen konnte das schon interessieren. Außer Shaun vielleicht.
Trotzdem waren noch Fragen offen. Ich dachte immer nur an Adrians Worte. “Er traut sich nur nicht..”
Ich ging zurück, verstaute den Beutel in der Klappe und setzte mich.
Shaun hatte wieder seinen Kopfhörer auf.

» Danke, Shaun. «

» Keine Ursache. Hast du alles gefunden? «

Ich musste sehr breit grinsen. So, dass es ihm wirklich nicht entgehen konnte.

» Ja, allerdings. «

Er sah mich an und ich hatte den Verdacht, er unterdrückte sich ein Grinsen. Nein, da war ein Grinsen. Er wusste sehr wohl dass ich das gefunden hatte was ich finden sollte. Aber warum?
Ich hatte meine Liebe zu ihm gestanden. Ich hatte ihn hart angefasst, zärtlich berührt, geküsst, gestreichelt, ihn mit dem erotischstem Wimpernschlag angelächelt, den ich aufbringen konnte. Was um Gottes Willen musste ich noch tun, um wenigstens herauszufinden was mit ihm los war?
Shaun schien nun Musik zu hören, sein Monitor war aus und er hatte die Augen geschlossen. Das Taschentuch fiel mir wieder ein.
Schnell griff ich in das Gitter, fummelte es heraus und nahm es in meine Hand. Noch einmal schnüffeln, und dann ab in die Hosentasche. Ich ahnte ja, dass der sexuelle Trip hier oben so lange kein Ende fand, bis wir uns irgendwann trennen mussten. Aber dieses Andenken würde ich ein Leben lang behalten.
Schlaf war ausgeschlossen, ich war unheimlich aufgewühlt. Zweimal hintereinander getrieben und immer noch war mein Lümmel nicht zur Ruhe gekommen.
Shaun döste vor sich hin und dann sah ich an ihm vorbei durch das Fenster, wie der Horizont heller wurde. Sonnenaufgang, die Nacht war zu Ende. Und vielleicht auch das Ende meiner Hoffnung. In zweieinhalb Stunden waren wir da.
Immer heller wurde es und schließlich tauchte die Sonne am Horizont auf. Der Feuerball schien durch das Fenster und Shauns Gesicht wurde zur Silhouette. Schön, dachte ich. Und doch..
Shaun räkelte sich und schlug die Augen auf. Sofort sah er mich an.

» Und, alles klar bei dir? «

Ich nickte, sagen wollte und konnte ich nichts.

» Komisch « sagte er leise.

» Was ist komisch? «

» Ich hab grade einen Traum gehabt. «

» So? «

Sollten mich seine Träume interessieren? Nur, wenn sie etwas anzügliches an sich hatten, aber das war ja bestimmt kein Thema.

» Ja. «
Plötzlich rückte er zu mir, nahm meine Hand und sah mich an mit einem Blick, der mich auf der Stelle schmelzen ließ.

» Ich hab geträumt, dass.. «

Er sah sich um. Trotz der nun einsetzenden Helligkeit schliefen die Passagiere in unserer Nähe noch tief und fest. Und dann war sein Kopf auf einmal ganz nah an meinem. Ich hörte und spürte seinen Atem, aber ich sah weg.
Wie gebannt starrte ich auf den dunklen Monitor auf der Rücklehne vor mir. Was sollte das werden? Ich spürte seine Hand in meiner, aber wider Erwarten schwieg mein kleiner Freund. Etwas anderes fühlte ich plötzlich. Nur, was genau war es?
Schnell und tief sackte der Flieger in ein Luftloch und ich bekam ein Gefühl in den Bauch, wie ich es noch nie zuvor gespürt hatte. Für Sekunden war ich Schwerelos. War es Angst? Todesangst sogar? Trat jetzt ein, was ich seit unserem Abflug befürchtet hatte? War dies das Ende? Wie lange würden wir brauchen, um da unten aufzuschlagen?
In diesem Augenblick spürte ich Shauns Lippen auf meiner Wange.
Nein, das in meinem Bauch war keine Angst. Es waren Schmetterlinge, die nur darauf gewartet hatten losfliegen zu dürfen.
Und sie flogen los. Zu Tausenden, in alle Richtungen. Sie sausten in alle meine Körperteile, von den Zehen – bis zu den Haarspitzen. Und im Kopf waren ein paar ganz besonders verrückte. Sie raubten mir den Verstand, das logische Denken. Sie verjagten die Angst und sie umnebelten alle anderen Gedanken in dem Moment. Sie riefen “Tu es, du Idiot, tu es”.
Ich drehte meinen Kopf und sah in Shauns Augen. Jetzt waren die Falter in meinem Herzen an der Reihe. “Du bist verliebt wie noch nie, tu endlich was”.
Ich war wie gelähmt. Diese Augen, die so unbeschreiblich waren. Sie starrten mich nicht an, nein, sie sahen ganz sanft in mich hinein. Durch mich hindurch. Und sie mussten die bunten Schmetterlinge sehen, die in meinem Kopf herumsausten und mich fast wahnsinnig machten.
Ich öffnete meinen Mund, aber ich brachte keinen Ton hervor. Shauns Gesicht reflektierte das goldene Sonnenlicht, sein Geruch wirkte wie eine Droge auf mich.

» Ich hab geträumt, du hättest mich geküsst « flüsterte er.

» Was sagst du da? «

» Ja. Ist das so verkehrt? «
Seine Stimme war leise, erotisch. Ja fast Verführerisch. Ich legte meine Hand hinter seinen Kopf und zog ihn noch näher zu mir.

» Nein, bestimmt nicht. Ich denke, das war ein schöner Traum. «

Wortlos trafen sich unsere Lippen. Ich glaubte es nicht. Es konnte nicht sein. Eigentlich. Der Kuss dauerte nur wenige Sekunden, aber sie reichten um mich beinahe verrückt zu machen. Shaun hatte die Augen geschlossen und fuhr sich mit der Zunge über seine Lippen.
Er setzte sich zurück und sah in die Sonne.

» Tut mir leid, hab ich nicht gewollt. «

» Wolltest du nicht? Glaub ich dir nicht. Ich hab eher den Verdacht, du spielst mit mir. «

Jetzt fasste ich allen Mut zusammen.

» Dummkopf. Merkst du eigentlich nicht, dass wir zusammengehören? «

» Was meinst du? «

» Shaun, bitte. Ich hab mich in dich verliebt. Und du dich in mich. Ich bin schwul, das wirst du ja wohl bemerkt haben. Warum hast du mir kein Zeichen gegeben? Offensichtlicher konnte ich doch gar nicht sein. «
Er grinste.

» Tja Dario, ich bin eben nicht leicht zu haben. Ich halte nichts von gewöhnlichen Heteros, die nur ein Abenteuer mit einem Jungen suchen. Sowas gibt’s schließlich auch. Oft genug waren das scheinheilige Typen, die nur ein Date wollten. Weit weg von zu Hause, von Frau und Familie. Auf sowas fall ich nie mehr herein. Ich wollte einfach sicher sein. «

Ich knuffte ihn.

» GEWÖHNLICH. Es ist schlimm wenn man sowas über mich denkt. Ich bin nicht gewöhnlich. «

» Ja, hab ich gemerkt « sagte er etwas ernst.

» Und man war wirklich schon hinter dir her? «

Meine Frage war blöd. Man musste sich Shaun nur genauer ansehen, dann war diese Frage überflüssig. Ich wollte nicht wissen wie sie es angestellt hatten um ihn zu verführen. Und ich wollte nicht wissen, wenigstens jetzt nicht, wie das dann gelaufen war. Vielleicht deshalb die Kondome?

» So kann man es nennen. Die denken, ich warte nur auf sie. «

» Du Shaun? «

» Ja? «

» Hast du einen Freund? «

Er wurde verlegen.

» Nicht wirklich. «

» Und wie muss ich das verstehen? «

» Es gab mal einen, aber wir waren nur sehr enge Freunde. Ich hab ihn geliebt, glaub ich wenigstens. Aber er erwiderte es nicht. Vor drei Jahren ist er dann nach Durban gezogen und wir telefonieren noch regelmäßig. Naja, das war’s auch schon. Und du, hast du.. «

Er schien etwas Angst vor der Antwort zu haben.

» Nö, ich hatte noch nie einen. «

Es folgte ein kleiner Kuss meinerseits, und in diesem Moment ging die Beleuchtung im Flugzeug an. Er war so total süß und strubbelig, ich verliebte mich langsam aber sicher unsterblich in ihn. Shaun hielt meine Hand.

» Hey, wenn du Lust hast kannst du mal einen oder zwei Tage zu mir kommen. Mein Onkel hat ein großes Weingut in Stellenbosch und es wird dir dort bestimmt gefallen. «

Da waren sie, die Ferien. Vorbei die Angst, vorbei die Gedanken wie es meinen Eltern oder Daggi ging. Lichtjahre weit weg war die Schule und das ganze Theater drum herum. Ich atmete tief durch und ließ mich so richtig entspannt in den Sitz sinken.

» Was ist? Magst du nicht? «

» Oh Shaun, wenn du nur einen Funken Ahnung davon hättest, wie gern ich zu dir komme. «

Und während dem Frühstück plauderte er nur fröhlich, was wir anstellen könnten wenn ich bei ihm war. In der Gordons Bay wollte er mit mir surfen, den Helderberg mit Mountainbikes erklimmen, in Kapstadt auf dem Tafelberg herumkraxeln, einen Stadtbummel machen und ans Kap der Guten Hoffnung fahren.

» Ich weiß dort ein schnuckeliges Hotel « sagte er, während wir unsere Brötchen und das Rührei verdrückten.

» Du wirst sehen, es gefällt dir. «

Er redete, als wäre das alles bereits beschlossene Sache. Mir schwebten immer mehr Schleier vor den Augen. Ich versuchte all das zu realisieren, aber ich konnte es nicht.
Nur ungern unterbrach ich seine Pläne.

» Shaun, meine Schwester und mein Schwager – ich denke dass sie mich nicht so einfach ziehen lassen. Ich bin noch Minderjährig und von daher… «

Wieso stiegen mir Tränen in die Augen? Mir? Sowas gab es nicht. Ich hab doch noch nie geheult. Also in den letzten Jahren wenigstens nicht. Und auch noch wegen einem Jungen? Aber mir fiel es schwer an all das zu glauben. Immer noch ein Traum?
Shaun schien das gar nicht zu berühren.

» Mach dir mal keine Sorgen. Ich denke, ich sehe deine Schwester und deinen Schwager in Kapstadt am Airport. Lass mich mal machen. «

Nun hatte ich keinen Appetit mehr. Was Shaun mir da anbot war viel zu schön um wahr werden zu können. Ich nahm seine Hand und drückte sie fest. Vielleicht auch weil ich wusste dass das ein Ende haben würde. Bald würden uns wieder Zehntausend Kilometer trennen, und dann wäre das alles hier wirklich nur noch ein Traum.

» He, Kleiner, das ist kein Grund traurig zu sein. Lass mich mit ihnen reden, es wird schon. «

Ich seufzte.

» Und dann? Die paar Tage sind schnell vorbei und alles ist aus. «

Und wieder musste ich schlucken. Der Gedanke war so schrecklich, dass sich nun doch eine Träne ihren Weg über meine Wange suchte. Verstohlen wischte ich sie weg, aber Shaun hatte es bestimmt bemerkt.
Er sah mich an, intensiv tat er das und die Schmetterlinge in meinem Bauch waren noch nicht fortgeflogen.

» Ich weiß das ja auch. Aber wir können doch in Verbindung bleiben. «

Als wenn das eine Lösung wäre. Natürlich konnten wir das. Aber ich wusste wie lange das gehen würde. Ein paar Wochen, dann würden die Emails spärlicher, um schließlich ganz auszubleiben. Das Leben war manchmal sehr ungerecht. Wieso musste es unter Milliarden von Menschen auf dieser Welt ausgerechnet ein Junge sein, der soweit weg wohnte? Ich wurde richtig depressiv, und Shaun merkte das auf der Stelle.

» Mensch, Dario, reiß dich zusammen. Ich würde mich so freuen wenn wir ein paar Tage zusammen sein können. Wer weiß, vielleicht gibt es ja so etwas wie Schicksal. «

» Ja, ja « hauchte ich nur.

Der Gong ertönte. Anschnallen. Anflug auf Johannesburg. Erneut kam Angst in mir auf. Das Fluggeräusch wurde leiser und schließlich hatte ich das Gefühl, die Piloten hätten die Triebwerke ganz abgestellt. Meine Ohren fuhren wieder zu und ich drückte Shauns Hand immer fester. Aber der Druck wurde erwidert. Dann plötzlich legte Shaun seinen Arm um meine Schulter.

» So, jetzt mal keine Panik. Wir sind in zwanzig Minuten da unten und nichts, gar nichts wird passieren. «

Mein Körper wurde steif, ich schluckte. Immer wieder rumpelte es wenn die dichter werdende Luftturbulenz den Flieger traf. Ich schloss die Augen. Es war eine Mischung aus Angst, aus Vorfreude und aus Geborgenheit. Ich fürchtete, mit all diesen Gefühlen nicht fertig zu werden. Ich krallte mich in Shauns Hose und mir war egal, was er sich dabei dachte.
Irgendwann schüttelte es mich und ich öffnete die Augen. Der Flieger hatte auf der Landebahn aufgesetzt.
Shaun strahlte mich an.

» Du hast es geschafft « sagte er laut, drückte mich unglaublich und seine Freude schien unermesslich.

Und, um wie das alles zu unterstreichen, gab er mir einen Kuss. Ob er mir oder seiner Freude gehörte – das war mir in dem Moment egal.

» Wir, Shaun, wir haben es geschafft. «

» Bleib sitzen « sagte er, als der Flieger an der Gangway angekommen war, » dieses Gedränge ist völlig unnötig. Die kommen auch nicht schneller an ihre Koffer als wir. «

Wir warteten, bis der letzte Passagier an uns vorübergegangen war.

» Okay, komm, Südafrika wartet auf dich. «

Ich konnte es nach diesen Worten nicht fassen. Ich war wirklich da. So weit von zu Hause weg. Es war plötzlich ein ganz anderes Gefühl, dass der Boden nicht mehr schwankte. Aber eines war mir da sicher: Angst würde ich auf dem Rückflug nicht mehr haben. Nun endlich winkten die Ferien und ich packte Shaun am Arm. Er sah mich an und schien zu ahnen was ich sagen wollte.
Nachdem nun niemand mehr in der Kabine war, zog ich ihn zu mir und küsste ihn auf die Lippen. Dass seine Zunge Einlass suchte registrierte ich nur nebenbei, ich ließ meine auf sie los.

» Die Maschine muss in einer Stunde wieder nach Frankfurt zurückfliegen. Wollt ihr dableiben oder doch besser aussteigen? «

Erschrocken fuhren wir auseinander. Adrians Grinsen war breiter als ich es je gesehen habe. Er strahlte und reichte uns die Hand.

» Puh, ich dachte schon das wird nichts mehr. Nun hoffe ich , dass ihr ein paar schöne Tage erlebt – zusammen. «

» Ich weiß nicht ob das so einfach ist « antwortete ich ihm.

» Einfacher als du denkst. Die Liebe hat Macht, sehr viel Macht. Vergiss das niemals « sagte Adrian.

Ich ging auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. » Danke, Adrian, du hattest recht. «

» Wie meistens « grinste er und schob mich von sich.

Als er und Shaun sich die Hände gaben sahen sie sich an und schwiegen. Was war das für ein Blick? Adrian begleitete uns zur Tür und gab uns nochmals die Hand. Ich fand jetzt keine Worte mehr für ihn, aber der Blick in seine Augen reichte auch.
Eine halbe Stunde später schoben wir unsere Gepäckwagen aus dem Flughafengebäude und begaben uns zum neuen Terminal, was gut einen halben Kilometer Fußweg bedeutete. Ich sog die Luft ein, die so ganz anders war als bei uns zu Hause. Zwischen den Gebäuden endlich ein paar Dattelpalmen. So wusste ich wenigstens, wirklich hier zu sein. Und es war trotz Herbst sonnig und schön warm.

» Und, wie fühlst du dich? « fragte Shaun.

» Ich kann es nicht beschreiben. Viel seh ich ja hier nicht von dem Land. «

Wie sollte ich auch, umgeben von Flughafengebäuden.

» Das kommt noch. «

Ungewöhnlich waren die vielen Schwarzen; Sie trugen Koffer, sie fuhren Busse und Taxis, sie standen an fast jeder Ecke in schmucken Uniformen und hatten Pistolen im Hüftgürtel. Und sie schienen nicht feindlich gesinnt zu sein.
Wie immer hatte Shaun meine Beobachtungen bemerkt.

» Es sind ganz normale Menschen. Gewöhn dir ab, dass sie etwas anderes sein könnten. Seit Ende der Apartheid vor zehn Jahren hat sich viel geändert in unserem Land. «

» Du hast keine Probleme mit ihnen, wie? «

Er lächelte.

» Nein, die hatte ich auch vorher nicht. Ich bin von einer Farbigen sozusagen großgezogen worden. Deswegen schon nicht. «

Ich blieb stehen.

» Wieso das? «

» Ganz einfach. Mutter musste Arbeiten, mein Vater auch. Und hier ist es nun mal so dass sich dann in der Regel ein Kindermädchen um einen kümmert. «

Nach Ewigkeiten, wie mir schien, kamen wir am neuen Terminal für Inlandsflüge an. Wie war ich froh, dass Shaun bei mir war. Ich hätte mich in dem Dschungel aus Schaltern, Ein- und Ausgängen mit Sicherheit verlaufen.
Kurze Zeit später saßen wir auch schon im Gate für den Weiterflug nach Kapstadt. Shaun konnte ohne Mühe einrichten, dass wir auch auf diesem Flug nebeneinander sitzen konnten.
Schnell schickte ich meiner Schwester eine SMS und in wenigen Worten teilte ich ihr auch mit, dass Shaun in meinem Schlepptau war.
Irgendwie wurde mir schummrig vor den Augen und sofort suchte ich Shauns Blick.

» Ist dir nicht gut? « fragte er zum wievielten Mal.

» Weiß nicht, mir ist schwindlig. «

Er lächelte.
» Mach dir nichts draus. Wir sind hier fast 2000 Meter hoch, das ist die dünne Luft. Geht wieder vorbei. «

Was hätte ich nur ohne ihn gemacht? Die zwei Stunden in dem Flieger verliefen ohne Vorkommnisse. Der Flug war ruhig, es gab nur einen Snack und etwas zu trinken. Allerdings bestand Shaun darauf, dass wir trotz der frühen Stunde zwei Piccolo bekamen.

» Um elf Uhr Morgens kann man schon mal einen Sekt trinken « meinte er, » und für deinen Kreislauf ist das auch nicht schlecht. Außerdem müssen wir auf unsere Freundschaft anstoßen, auf Südafrika und freilich auf die schönen Tage, die wir zusammen sind. «

Er war felsenfest überzeugt dass das funktionieren würde. Aber er stieß erst auf unsre Freundschaft an, dann auf sein Land. Ich fühlte mich geschmeichelt.

» Shaun? «

» Ja? «

» Ich wollte dich das schon die ganze Zeit fragen. Kommt dein Vater eigentlich nicht wieder nach Südafrika? «

Er wurde nachdenklich.
» Doch, irgendwann. Aber die Kanzlei, in der er arbeitet, braucht ihn schon seit Monaten. «

» Kann das niemand anders für ihn erledigen. Es gibt doch jede Menge Juristen. «

» Schon, aber das ist ein spezieller Fall. Er redet darüber nicht, aber ich glaube das hat auch mit ihm direkt zu tun. «

» Und du lebst alleine? «

» Nur unter der Woche, da hab ich ein Zimmer in der Nähe der Uni. Am Wochenende bin ich bei meinem Onkel im Weingut. «

» Und deine Mutter? «

» Die lebt auch dort. «

Alles in allem schien er nicht glücklich über diese Umstände zu sein, aber ich fragte nicht weiter nach. Der Anflug auf Kapstadt war atemberaubend. Shaun ließ mich am Fenster sitzen und so sah ich die ganze Landschaft unter mir vorbeiziehen.
Schon jetzt, ohne auch nur einen Fuß auf dieses Land da unten gestellt zu haben, wusste ich wie der Abschied werden würde. Ich bekam Angst vor einem der blödesten Faktoren in so einer Situation. Nämlich dem Faktor Zeit. Zu kurz, sauste es durch meinen Kopf. Zu kurz und zu schnell. Ich betete, dass Shaun bei meinen Verwandten Glück haben würde. Und ich mit ihm ein paar schöne Tage verbringen konnte.
Diesmal schloss ich meine Augen beim Anflug nicht. Ich sah das Meer, die sonnenüberfluteten Weingüter, die unbeschreiblich hohen Berge, auch den Tafelberg, den ich von Bildern her gut kannte.
Angespannt wie eine Stahlfeder wartete ich, bis der Flieger auf der Bahn aufsetzte.
Shaun sah mich an und lächelte.

» Welcome Kapstadt « sagte er wie fast zu sich selbst.

» Ja, Welcome Kapstadt « plapperte ich ihm leise nach.

Während wir unseren Gepäckwagen durch die Halle rollten, ging mir immer wieder Shauns Angebot durch den Kopf. Ich sah nicht die neue, völlig ungewohnte Umgebung, nicht die vielen andere Leute. Ich sah nur immer wieder zu ihm hin. Studierte sein Profil, saugte alles an ihm auf. Die Angst, ihn nie wieder zu sehen, schnürte meine Kehle zu. Das durfte nicht sein.

» Dario!!! «

Meine herzallerliebste Schwester rief am Ausgang so laut sie nur konnte. Dabei war weder ich noch sie zu übersehen, trotz der vielen Menschen hier. Immerhin sind wir beide um die einsfünfundachtzig groß. Sie winkte und dann sah ich auch meinen Schwager, den ich bisher nur von Fotos kannte.
Unsicher ging ich auf sie zu, Shaun folgte mir auf dem Fuß.

» Wirst du nicht abgeholt? « fragte ich ihn.

» Nein, ich fahre mit dem Zug. Ist einfacher und meistens auch schneller. «
War da etwas von Traurigkeit in seiner Stimme?
Ich fiel meiner Schwester um den Hals, dann folgte ein fester Händedruck meines Schwagers. Ich hatte schon öfter mit ihm telefoniert, seine Mails gelesen. Er war wohl das Beste, was meiner Schwester passieren konnte. Wolfgang war so groß wie ich, kräftig, einen Bart und eine Brille. Keinesfalls mein Typ, aber das musste er ja auch nicht sein. Vor allem aber hatte er Grips im Kopf, das wusste ich schon aus seinen Emails.
Aber hinter mir stand Shaun. Ich sah ihn nicht, aber ich spürte ihn. Langsam drehte ich mich um. In seinem Gesicht stand ein großes Fragezeichen geschrieben.
Ich wurde nervös. Sehr sogar. Und Nadine ist noch feinfühliger als mein Shaun.

» Ist was passiert? « fragte Nadine.

Ich lächelte gequält.

» Eigentlich nicht. «

» So, so , eigentlich nicht. « sagte sie und man konnte spüren dass sie mir nicht glaubte.

Ihr Blick fiel auf Shaun. Dann wieder auf mich, dann wieder auf Shaun.

» Willst du mir nicht sagen was los ist? « Ihre Stimme verriet, dass sie Ahnungen hatte.

» Das ist Shaun Schweizer. Wir haben uns auf dem Flug kennen gelernt. Er ist.. nun ja.. er hat sich um mich gekümmert weil mir der Flug nicht sonderlich bekommen ist. «

Nadine ging auf ihn zu, musterte ihn ausgiebig, sah Wolfgang, ihrem Mann und dann mich an.

» Dario, dich kann man keine Minute alleine lassen « und dann lachte sie schallend und herzergreifend.

Sie streckte Shaun die Hand hin.

» Nadine Huber, das ist mein Mann Wolfgang. «

Sie gaben sich die Hand.

» Freut mich « sagte Shaun höflich.

» Nun, Sie werden nicht abgeholt? Können wir Sie mitnehmen? «

» Nicht nötig… « sein Blick traf mich.

» Hey Shaun, sagtest du nicht, du wohnst nur eine halbe Stunde weg von uns? «

Ich sah zu meiner Schwester.

» Wo wohnen Sie denn? « fragte sie daraufhin.

» Stellenbosch. «

» Ach, das ist ja gar kein Problem, oder Wolfgang? «

Der winkte nur ab. » Ein Katzensprung. «

» Kommt, wir gehen jetzt bevor wir hier Wurzeln schlagen « beendete Nadine die Diskussion.

Ich strahlte und Shaun sah auch nicht unglücklich aus. Am liebsten hätte ich ihn untergehakt
und wäre so mit ihm zum Auto gelaufen.
Wenig später standen wir am Wagen. Platz genug war in dem Toyota und Wolfgang meinte, ich solle auf den Beifahrersitz.

» Nein, lass mal, ich setze mich nach hinten zu Shaun. «

Als ich einstieg machte ich erst Mal große Augen. Wolfgang saß als Fahrer rechts – da fiel mir ein, dass in diesem Land Linksverkehr herrscht. Das war völlig ungewohnt und wurde richtig verwirrend als wir auf die Autobahn fuhren. Wir wurden rechts überholt und der Mittelstreifen war auch rechts…
Während ich versuchte, die Logik zu erforschen musste ich Nadine Haarklein alles erzählen, was zu Hause vor sich ging. Shaun saß ruhig neben mir und hörte zu, schließlich hatten wir ja über diese Dinge gar nicht geredet.
Eine halbe Stunde später tauchten rechts und links der Autobahn Blechhütten auf. Verfallen sahen sie aus, aber dennoch sah man auch Menschen davor.

» Das ist Kyalitsha, eines der größten Homelands in Südafrika « sagte Shaun, den ich vor lauter Erzählen und rausgucken fast vergessen hatte.

Schnell suchte ich seine Hand, und er drückte wieder zu.

» Du musst mir alles über dieses Land erzählen « sagte ich und sah, wie mich Wolfgang durch den Rückspiegel betrachtete.

Es war an der Zeit, die Frage aller Fragen dieser Ferien zu stellen.

» Du, Nadine.. «

» Was gibt’s « fragte sie zurück und drehte sich zu uns.

» Shaun… na ja, also, wir würden gern ein paar Tage zusammen verbringen. Sein Onkel hat ein Weingut und… «

Nadine macht große Augen. » So, welches denn? « fragte sie Shaun.

» Rustenburg « antwortete er.

Nadine kam ins Schwärmen.

» Ach du liebe Zeit. So schön ist es dort, nicht wahr, Wolfgang? «

» Kann man sagen. Und da willst du jetzt auch hin? « fragte er Shaun.

» Ja, wenn’s möglich ist.. «

» Klar, kein Problem. «
» Sicher kannst du ein paar Tage dort bleiben. Ihr könnt das ja unter euch ausmachen « sagte Nadine und ich hätte ihr um den Hals fallen können.

Shaun und ich sahen uns an und es war nicht zu übersehen wie glücklich er war. So wie ich auch. In seinem Blick stand geschrieben: “Ich habe dir doch gesagt dass es klappt.”
Die Landschaft wurde noch schöner, die Schmetterlinge tanzten wieder in meinem Bauch und ich war drum und dran Shaun einen Kuss zu geben. Aber so offensichtlich wollte ich das nun doch nicht tun.

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