You are not alone – Teil 2

Hallo Leute, erinnert ihr euch noch an mich. Ich bin der Christopher. Es ist ja auch schon zwei Jahre her, dass ich was von mir hören lassen habe.

Ja, in dieser Zeit ist einiges geschehen. Wo soll ich nur anfangen. Am besten bei meinem Michael. Wir sind immer noch zusammen, und ich behaupte sogar, so verliebt wie am ersten Tag.

Seit er achtzehn geworden ist, wohnt er fest bei mir, und meine sogenannten Schwiegereltern Julius und Julia sind immer noch sehr zufrieden mit ihrem Schwiegersohn. Julius ist immer noch Sozialarbeiter beim Amt und meine erste Anlaufstelle, wenn ich hier im Haus Probleme habe.

Tja, und hier im Haus? Andreas und Thomas sind mittlerweile fester Bestandteil meines Teams hier geworden, sie helfen mir, wo es geht, soweit es ihre Jobs zulassen. Thomas arbeitet jetzt in dem gleichen Metallverarbeiteten Betrieb, wo er seine Ausbildung absolvierte.

Andreas hat nach seiner Genesung, eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen und ist jetzt bald im letzten Jahr seiner Ausbildung. Kirstin und Dennis, ja die beiden sind jetzt auch ein Paar, wohnen mittlerweile nach argen anfänglichen Schwierigkeiten zusammen. Kirstin ist jetzt Bankkauffrau und Dennis konnte ich für den Beruf des Schreiners begeistern. Er lernt in dem Betrieb, wo ich schon meine Lehre machte. Und Patrick mein Cousin, er ist wieder in den Staaten.

Er studiert jetzt Sozialpädagogik, wie mein Michael. Meine Stiftung, die ich ins Leben gerufen hatte, wurde ein voller Erfolg. Mit Mister Lucas zusammen haben wir mittlerweile drüben das dritte Haus eröffnet, wo Jugendliche und junge Erwachsene eine Bleibe finden können.

Er hat auch tatkräftige Unterstützung bei Leuten gefunden, die dieses Programm mittragen. Wenn es Michaels Studium erlaubt, fliegen wir ab und zu rüber, um Patrick zu besuchen und auch nach dem Rechten zu sehen.

Immer wieder tauschen wir uns aus, welche Verbesserungen angebracht werden, oder über andere anfallende Sachen. Was ist neu, unsere Zugänge hier im Haus. Einmal wären da das Zwillingspärchen Klara und Gunther, deren Vater im Knast sitzt und die Mutter, die das Weite gesucht hat, ohne ihre Kinder.

Ein sehr ruhiges Pärchen, aber wir haben viel Spaß mit ihnen. Absolut neu ist unser Bastian, er wohnt seit einer Woche hier im Haus. Sehr verschlossen, und bis jetzt hat noch keiner von uns einen Zugang gefunden zu ihm.

So und hier fange ich wieder an zu erzählen, was sich so in meinem Alltag abspielt.

1.

„Kannst du mich nachher abholen?“, fragte mich Michael, der gerade im Bad verschwand.

„Gerne, wann denn und vor allem wo?“ gab ich zurück.

„So in drei Stunden, am Marktplatz.“

„Oh, dass kann ich nicht versprechen, ich muss nachher mit Bastian noch zu Julius, und ich weiß nicht wie lange das geht.“

„Okay ich kann mich ja bei dir per Handy melden.“

„Ja mach das, willst du noch einen Kaffee?“

„Gerne, kannst ihn mir schon einschenken, bin gleich fertig hier.“

Ich nahm seine Tasse und schenkte den Kaffee nach.

„Und wie sieht es jetzt aus, was habt ihr gestern Abend noch alles zu Stande gebracht, bei eurer Besprechung?“, fragte Micha, als er in die Küche kam.

„Wir haben uns weitgehend dahin geeinigt, dass sich die Mädels, Bastians vielleicht annehmen. Weil nach der Vergewaltigung durch seinen Vater, wissen wir nicht wie er auf andere Jungs reagiert“, gab ich Micha zur Antwort.

„Natürlich wäre mir lieber, Bastian würde zu mir Vertrauen finden, aber wenn es nur über diesen Weg zu schaffen geht, dann halt so.“

„Das kriegst du schon irgendwie hin, mein Großer“, sagte Michael und gab mir einen Kuss, „So, jetzt muss ich aber los, sonst komm ich zu spät.“

„Ja, und ruf an, wenn du fertig bist! Ich versuche es auf jeden Fall, dich abzuholen.“

„Keine Sorge“, und weg war er.

Vom Flur her hörte ich ein paar Wortfetzen.

„Guten Morgen Bastian, falls du zu Christi willst, geh ruhig rein, er ist in der Küche.“

Und die Haustür fiel ins Schloss. Ich lugte zur Küchentür hinaus, und tatsächlich Bastian war eingetreten und schloss gerade die Wohnungstür.

„Morgen Bastian“, sagte ich und ging zurück in die Küche, „auch einen Kaffee?“

„Hallo Christopher, wenn es geht, einen Tee. Aber nur, wenn ich dir keine Umstände mache“, kam es leise von ihm.

„Nein, machst du nicht. Pfefferminz, wenn ich mich recht entsinne..“

Er nickte. Ich schaltete den Wasserkocher ein und holte eine weitere Tasse aus dem Schrank.

„Setze dich doch Bastian. Wir haben noch eine Stunde Zeit, bis wir zu Julius ins Amt fahren.“

„Mir ist nur die Decke auf den Kopf gefallen, ich hab es da oben nicht mehr ausgehalten alleine“, sagte er und zum ersten Mal, seit er in diesem Haus war, schaute er mir voll in die Augen.

Mir tat es fast schon weh, als ich seine Augen sah. Rot umrandet vom vielen Weinen, einen hilflosen Blick und vor allem irgendwie matt, als wäre jede Lebensfreude gewichen, was wahrscheinlich auch der Fall war.

„Kein Problem Bastian, du bist hier jederzeit willkommen, dafür bin ich da. Ich bin für dich da, wenn du irgendetwas auf dem Herzen hast, oder auch, wenn du einfach nicht alleine sein willst.“

„Danke… und ich störe dich auf keinen Fall?“

Ich goss das heiße Wasser ein, stellte ihm die Tasse hin, nahm meinen Kaffee und setzte mich zu ihm.

„Hör mal zu, Bastian“, fing ich an.

„Dies hier ist speziell eine Einrichtung für junge Leute die Zuhause oder mit der Umwelt Schwierigkeiten haben. Schau mich und Kirstin an, wir sind, besser gesagt waren beide Heimkinder, bevor wir hierher kamen. Andreas und Thomas drüben, sind als Minderjährige von Zuhause rausgeschmissen worden. Die Zwillinge sind mehrfach von zu Hause weggelaufen und haben hier ihre Chance bekommen neu anzufangen.“

„Und Michael?“

„Michael ist mein Lebensgefährte und der Sohn von Julius, er ist hier im Haus die einzigste Ausnahme.“

„Und Dennis?“

Wir hatten uns gestern Abend, bei der Besprechung, alle das Einverständnis gegeben, offen über uns zu reden, falls einer von uns mit Bastian ins Gespräch kommen sollte. So konnte ich bedenkenlos auch von Dennis erzählen.

„Dennis war mit vierzehn von zu Hause abgehauen und um Geld zu beschaffen. Na ja, er ist auf den Strich gegangen.“

Bastian machte große Augen.

„Und jetzt?“

Dennis lebt jetzt hier schon zwei Jahre ist mittlerweile mit Kristin zusammen, und macht gerade eine Lehre als Schreiner.“

„Und ihr… habt keine Probleme… damit, dass er…“, Bastian konnte den Satz nicht beenden.

„Nein, wir haben keine Schwierigkeiten damit, dass Dennis vier Jahre auf dem Strich gegangen ist. Das ist Vergangenheit und wir helfen ihm so gut wie möglich, dass zu verarbeiten.“

„Du sagst immer WIR…“, meinte Bastian.

„Ich sage >wir<, Bastian, weil wir hier in dem Haus eine Gemeinschaft bilden, füreinander da sind. Und dich haben wir jetzt dazu aufgenommen, auch wenn sich das jetzt irgendwie blöde anhört, du bist einer von uns, du gehörst jetzt zu unserer Familie.“

„Familie…“, Bastian fing an zu weinen.

„Ja Bastian, ich weiß, dass dein Erlebtes weh tut, und es wird auch nicht so schnell vergehen…“

„Das ist es nicht Christopher…“

„Was ist es dann…?“

Bastian wischte sich die Tränen ab.

„Ich bin jetzt eine Woche hier, alle sind so nett hier und so zuvorkommend, das bin ich nicht gewohnt. Entschuldigung, wenn ich euch gegenüber so skeptisch bin, aber ich bin einfach bisher auf mich selber gestellt gewesen, ich kenne den Ausdruck Familie als solches nicht, obwohl ich Eltern hatte.“

Das Wort „hatte“ lies mich ein wenig zusammen zucken. Aber er hatte Recht, seine Eltern waren für ihn abgeschrieben, beide dem Alkohol verfallen, und ihn jahrelang misshandelt. Nun saßen beide im Gefängnis in einer anderen Stadt, da wo Bastian früher einmal lebte.

Das Amt hatte den Nachnamen von Bastian ändern lassen, damit er auch in Zukunft in Ruhe leben konnte. Weil irgendwann kamen seine Eltern wieder frei…..

„Bastian, ich kann unser Angebot nur wiederholen“, ich nahm vorsichtig seine Hand in die Meine, „wir sind hier alle für dich da, du gehörst zu uns.“

„Danke“, war alles was er rausbrachte und weitere Tränen kullerten die Wangen hinunter.

***

„Hallo Julius“, sagte ich, nachdem wir sein Büro betreten hatten.

„Hallo ihr beiden, na schon ein bisschen eingelebt, Bastian?“, fragte er.

Bastian schaute mich an und lächelte ein wenig.

„Ich denke ja, ein bisschen“, sagte er.

„Christopher hier sind ein paar Unterlagen, schau sie dir an und mach dir mal Gedanken. Sag mir dann was du davon hältst. Ich finde man könnte da was arrangieren, ich denke du weißt was ich meine“, meinte Julius zu mir.

Wir setzten uns und Julius füllte mit Bastian zusammen mehrere Formulare aus. Währenddessen zog ich mich auf die Couch zurück und vertiefte mich in die Unterlagen. Ein weiterer Kandidat für uns Haus. Dominic hieß er und in Bastians Alter. Vor allem dieselbe Vorgeschichte wie er.

„Ich müsste aber erst ein Gespräch führen, ob wir beide wirklich zusammenlegen können, Julius.“

„In Ordnung, wie lange brauchst du um das zu regeln?“

„Ich denke ich werde mich gleich nachher darum kümmern. Ich gebe dir dann Bescheid, wenn ich mehr weiß.“

Ich schaute auf die Uhr, in einer viertel Stunde sollte ich Micha abholen.

„Braucht ihr zwei noch lange?“, fragte ich.

„Nein nur noch eine Unterschrift von Bastian hier und wir sind fertig.“

„Okay, dann kann ich Micha noch von der Uni abholen.“

„Oh, sag meinem Herrn Sohn mal einen schönen Gruß, er soll sich mal wieder daheim blicken lassen“, kam es von Julius.

Bastian schaute zwischen mir und Julius hin und her. Ich legte meine Hände auf seine Schultern.

„Richte ich aus Julius und sag du Julia einen Gruß von mir.“

Bastian stand auf, wir verabschiedeten uns und liefen zum Auto hinunter. Ich beobachtete Bastian, und mir fiel auf, dass er nervös war.

„Ist irgendetwas Bastian?“, fragte ich.

„Ich weiß selber nicht…, wie gesagt es ist alles noch so neu. Euer Umgang eben, der war so herzlich.. ich kenne das halt nicht.“

„Hast du eigentlich je einen richtigen Freund gehabt?“

„Nein habe ich nicht, warum fragst du?“

„Ich will dich eben kennen lernen. Das soll kein Verhör werden.“

„Gut, was willst du noch wissen?“ Über Bastians Lippen huschte ein Lächeln.

***

„Hey, du bist aber pünktlich, hallo Bastian“, sagte Michael, als er zu uns ins Auto stieg.

„Hallo Micha“, kam es zaghaft von Bastian.

Michael schaute mich mit großen Augen an, und fing an zu lächeln.

„Übrigens einen schönen Gruß von deinem Vater soll ich dir ausrichten und du sollst dich mal daheim wieder blicken lassen“, sagte ich zu Michael.

„Aha, hat meine Mum mal wieder Sehnsucht nach mir? Sie könnte ja einfach mal zum Kaffee kommen, dann könnte sie mich sehen.“

„Jetzt tu nicht so. Dir wird schon nichts abbrechen, deine Herrschaften zu besuchen.“

„Hast ja Recht. Und Bastian, alles klar?“

Dieser drehte seinen Kopf und schaute Michael an, während ich den Wagen startete und los fuhr.

„Ja, war ein schöner Vormittag, dank Christopher“, antwortete dieser und schaute wieder nach vorne.

Durch den Rückspiegel sah ich in Michaels Augen und erkannte ein Grinsen.

„Michael, neben dir liegt ein Umschlag, würdest du mal reinschauen und mir dann sagen was du darüber denkst.“

„Kann ich gerne machen“, sagte er und überflog die Unterlagen.

„Bastian, hast du Lust bei uns mitzuessen?“, fragte er plötzlich.

„Gerne wenn ich keine Umstände mache“, sagte Bastian.

„Machst du keine“, antworte Michael ohne von den Papieren aufzusehen. Ich konnte mir vorstellen, was gerade in seinem Kopf vorging.

***

Später beim Essen.

„Könntest du dir vorstellen, uns zu helfen Bastian“, fragte Michael.

„Inwiefern helfen?“, kam die Gegenfrage.

„Wie soll ich dass jetzt erklären?“

„Kann ich?“, fragte ich.

„Gerne“, kam es von Michael.

„Also Bastian folgendes. Ich hab dir erzählt, dass wir alle füreinander da sind, wenn Probleme da sind, so wie auch für dich. Meinst du, du wärst schon bereit, auch so eine Aufgabe bei jemanden anderem zu übernehmen?“

„Ich meine… ich bin erst eine Woche hier und kenne euch noch gar nicht so gut.“

„Es handelt sich auch um niemand von diesem Haus, es wäre ein Neuzugang.“

„Und was müsste ich da machen?“

„Einfach für ihn da sein, wenn es Probleme gibt, in seiner Nähe sein“, sagte Michael.

„Ihr meint, ich packe dass?“

„Ja, wir denken schon. Und außerdem kennst du dich mit diesen Problemen am Besten aus“, sagte ich vorsichtig.

„Welche Probleme?“

„Dominic, so heißt der junge Mann hat das gleiche gerade durchgemacht, was du vor einem Jahr erlebt hast.“

„Oje…“, kam als Reaktion von Bastian.

„Nur möchten wir nicht, dass er in kein Heim kommt, sondern gleich hier her“, gab ich zu Bedenken.

„Könnte er bei mir wohnen?“, kam es von Bastian.

Jetzt war ich doch etwas überrascht, von dem Vorstoß Bastians.

„Da hättest du nichts dagegen?“, kam es von Michael, der genauso überrascht war wie ich.

„Nein, vor allem wäre ich dann nicht so alleine da oben. Ein zweites Zimmer für ihn hätte ich ja. Und außerdem…“, er stockte kurz, „weiß ich, wie es ist.. danach, man fühlt sich schrecklich einsam und verlassen. Möchte mit jemanden reden und hat niemanden. Im Heim war jeder um mich besorgt, doch es war irgendwie oberflächlich.“

„Christopher, ich bin immer wieder erstaunt, wie du Leute aus ihrem Schneckenhaus hervor lockst. Gestern war Bastian, noch stumm wie ein Fisch und heute ist er nicht wieder zu erkennen“, sagte Michael und begann den Tisch abzuräumen.

Bastian wurde rot, ich klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Bei Christopher hat man auch das Gefühl, man würde man ihn schon ewig kennen“, sagte Bastian.

„Komisch war bei mir am Anfang nicht so“, gab Michael von sich.

„Wieso, wie habt ihr euch kennen gelernt, wenn ich fragen darf?“

„Bei meinem Einzug hier in die Wohnung“, antwortete ich.

„Ja und da bekamen wir uns fast in die Wolle, weil ich etwas falsch verstanden hatte“, sagte Michael.

Er setzte sich mit seinem Saft wieder an den Tisch und erzählte Bastian die ganze Geschichte.

„Und das ist der Thomas, der nebenan wohnt?“, fragte Bastian nach einer Weile.

„Ja eben dieser“, meinte ich.

„Wow, ihr seid wirklich bewundernswert“, sagte Bastian.

„Warum?“

„Ihr geht hier wirklich so offen miteinander um, vor allem so freundschaftlich, so was kenne ich nicht“, antwortete Bastian.

„Dann tauch ein in unserer Gemeinschaft. Du gehörst dazu, bist ein Teil davon. Du wirst sehen, was es alles in dir zum Vorschein bringt“, meinte Michael.

„Aha, der Psychiater hat gesprochen“, konnte ich mir nicht verbeißen.

Michael sprang auf und fing an mich zu kitzeln.

„Immer diese Bemerkungen von diesen Laien“, sagte er, umarmte mich dann und gab mir einen sinnlichen Kuss.

Bastian schnaufte, „ ob ich auch mal so eine süße Freundin finde.“

Michael lachte.

„Wirst du Bastian, wirst du, glaub es mir“, sagte Michael und entlies mich aus seiner Umarmung, was mir gerade nicht passte. Ich schnappte ihn mir und zog ihn wieder an mich.

***

Ich rief danach Julius an und erzählte ihm von den Ergebnissen von hier und er war ebenfalls über Bastian erstaunt. So konnte Dominics Einzug nichts mehr im Wege stehen. Die zwei folgende Tage war Bastian damit beschäftigt, Dominics Zimmer herzurichten.

„Hallo Christopher, was hast du eigentlich mit Bastian angestellt“, fragte Kirstin.

„Hallo Kirstin, ich hab doch gar nichts getan“, sagte ich unschuldig schauend.

„Dennis war angenehm überrascht, als Bastian gestern zu ihm kam und ihn fragte, ob er ihm helfen würde eine Kommode für Dominic zu bauen.“

„Tja, unser Kleiner geht voll in seiner Aufgabe auf.“

„Wann soll Dominic einziehen?“

„Morgen schon, am Samstag“, antwortete ich.

„Wenn die ganze Meute anwesend ist. Das kann ja heiter werden.“

„So lernt Dominic wenigstens gleich alle kennen.“

„Da hast du Recht, so ich muss noch einkaufen gehen. Bleibt es dabei, morgen Abend bei uns zum Essen?“, fragte Kirstin.

„Wer kocht eigentlich“, stellte ich die Gegenfrage.

„Dennis, er will seine berühmten Spaghetti mit Tomatensauce machen.“

„Da bin ich bestimmt da und Micha auch, dass lassen wir uns nicht entgehen.“

„Ach, was mir noch einfällt, du solltest mal bei den Zwillingen vorbei schauen.“

„Warum denn?

„Die haben heute einen Brief von ihrem Vater bekommen.“

„Aus dem Knast?“

„Ja, das Amt hat ihn weitergeleitet.“

„Da werde ich mich mal drum kümmern müssen“, sagte ich.

„Und Dennis meinte, ob sich jemand gut in Mathe auskennt, Andreas hat einwenig Schwierigkeiten in der Berufsschule“, sagte Kirstin schon im gehen.

„Da soll sich Micha drum kümmern, der kennt sich da am besten drin aus“, sagte ich noch und schon war sie verschwunden.

Mein Handy vibrierte.. eine SMS kam. Ich nahm es in die Hand. Micha.

Bin gerade bei Dad. Kann Dominic heute schon einziehen? Erklärung kommt später! HDL Micha

Was war denn jetzt passiert. Ich lief an mein Telefon, und rief Bastian an. Er war zwar überrascht, aber er meinte, das Zimmer von Dominic wäre so weit fertig. So nahm ich mein Handy und schickte ein

Geht klar! HDAL Chris

zurück.

Ich zog meine Wohnungstür zu und lief hinauf zu Klara und Gunther. Beide waren schon zuhause, es war ja Freitag.

„Na ihr zwei, wie geht es euch?“

„Danke ganz gut“, sagte Klara und schenkte sich gerade einen Kaffee ein, „ auch einen?“

Ich nickte.

„Bis auf diesen Brief, den wir heute von unserem Vater bekommen haben…“, sagte Gunther leicht genervt.

„Er will doch nur, dass wir ihn besuchen“, warf Klara ein.

„Ich möchte aber den Alten nicht mehr sehen“, kam es von Gunther.

„Er ist doch unser Vater..“, meinte Klara traurig.

„Aber er hat sich nie danach benommen, oder?“ sagte Gunther jetzt etwas lauter.

„Du brauchst nicht gleich aus der Haut fahren, ich kann nichts für unseren Vater!“.

„Entschuldige Klara, du weißt, unser Vater ist ein rotes Tuch für mich.“

„Schon gut“, antwortete Klara und legte zärtlich ihre Arme um ihren Bruder.

Ich war mir nicht sicher, ob ich jetzt was sagen sollte.

„Bleibt der Brief unbeantwortet?“, fragte ich dann dennoch.

Gunther sah zu Klara, sie zuckte mit der Schulter.

„Wenn nicht nehme ich ihn mit und er wird vom Amt als ungelesen zurück geschickt“, sagte ich im beherrschten Ton.

„Wenn wir ihn nicht beantworten, weil wir sauer auf ihn sind, begeben wir uns auf das gleiche Niveau, wie Vater es uns damals gegenüber an den Tag gelegt hat, Gunther“, sprach Klara.

„Und was sollen wir schreiben…?“, fragte Gunther.

„Das weiß ich jetzt noch nicht, aber wir könnten uns wenigstens aufraffen, etwas zu schreiben.“

„Wenn es sein muss.“

„Dann will ich nicht länger stören“, sagte ich und stand auf, „ach übrigens, Dominic wird nachher schon gebracht, könnte also sein, dass ich mit ihm nachher euch einen Besuch abstatte.“

„Geht in Ordnung Christopher, wir sind da“, sagte Gunther und ich verabschiedete mich. Im Flur traf ich Thomas und Andreas, die gerade von der Arbeit zurückkamen.

„Hallo ihr zwei“, gab ich von mir.

„Hallo du einer“, kam es im Chor zurück.

„Gut dass ich euch treffe, Dominic kommt heute schon, besser gesagt, er müsste gleich eintreffen.“

„Oh, ist gut, dass du uns das sagst. Wir müssen nämlich noch die Wohnung aufräumen“, sagte Thomas.

„Schon wieder, oh Mann, dass nimmt ja nie ein Ende“, sagte Andreas lustlos.

„Würdest du dein Zeug nicht einfach rum liegen lassen, hätte wir nicht so eine Unordnung.

„Aha, Herr Saubermann macht keine Unordnung“, sagte Andreas im eingeschnappten Ton.

„Komm, zick jetzt nicht so herum, ab in die Wohnung mit dir.“

Ich lief in meine Wohnung und konnte mir das Grinsen nicht verbeißen. Ich schloss auf und ein frischer Kaffeeduft kam mir entgegen.

„Micha.. bist du schon da?“, Stille.

„Micha….“

„Ja, ich bin hier im Wohnzimmer, kommst du bitte.“

Ich lief zum Wohnzimmer und war ein wenig schockiert, was ich da sah. Auf dem Sofa, zusammen gekauert unter einer Decke, lag ein Junge. Das Bild erinnerte mich stark an Thomas, als er den ersten Tag bei mir war.

„Ist das Dominic?“, fragte ich leise, der Junge schien zu schlafen.

„Ja, ist er und voll gepumpt mit Schmerzmittel“, gab Michael zur Antwort.

„Was ist passiert?“

„Eine ganz doofe Sache.. Dominic war zur selben Zeit auf der Wache, als auch sein Vater dort war. Irgendwie konnte er sich losreißen und stürzte sich auf Dominic. Die Polizisten hatten einiges zu tun, um die zwei von einander zu trennen. Es muss furchtbar gewesen sein, wie der Vater auf den Jungen eingedroschen hat. Wenigstens sitzt er jetzt hinter Gittern, für den tätlichen Angriff gibt es jetzt genug Zeugen.“

„Und wie kommt Dominic jetzt hierher?“, fragte ich.

„Ein befreundeter Polizist meines Vaters wusste Bescheid, dass Dominic morgen hierher ziehen sollte. Man entschied einfach, ihn nach dem Arztbesuch direkt her zubringen.“

„Und seine Sachen?“

„Bringt mein Vater heute Abend nach.“

„Okay, dann lassen wir ihn mal schlafen, und ich rufe Bastian herunter, falls er dann aufwacht.“

„Mach das, ich bleibe solange bei ihm sitzen.“

Ich lief zum Telefon und wählte Bastian an. Er nahm auch gleich ab.

„Ja“, hörte ich Bastians Stimme.

„Bastian würdest du bitte runterkommen…. Dominic ist da.“

„Ist was passiert?“

„Schau es dir am Besten selber an.“

„Komme sofort, bye.“

Ich legte auf und öffnete die Wohnungstür. Bastian kam die Treppe herunter gerannt. Ich nickte ihm zu und legte meinen Finger auf die Lippen, damit er ruhig war.

Er trat ins Wohnzimmer und sah Dominic.

„Welches Schwein war das?“, fragte er flüsternd.

„Sein Vater“, antworte ich im gleichen Flüsterton zurück.

„Irgendwelche Medikamente vom Arzt da?“, fragte er, und ich sah wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, trotzdem versuchte er sachlich zu bleiben.

Ich legte meine Hand auf seine Schulter.

„Geht es?“

„Schon gut, es tut nur weh, wenn ich ihn da so liegen sehe“, sagte er leise und wischte seine Tränen weg.

Michael hob ihm eine Tüte entgegen, in der ich die Arznei vermutete.

„Tabletten, Creme, Verbandszeug, alles da, ja sogar Schmerzmittel für die Spritze, die kann ich ihm auch geben. Ich brauche nachher einen von euch, wenn Dominic wach wird. Er muss sich eine halbe Stunde in ein Entspannungsbad legen, und ich weiß nicht ob ich ihn alleine in die Badewanne bekomme“, sagte Bastian.

„Woher weißt du das denn alles?“

„Micha, du vergisst, ich habe dasselbe durchgemacht wie er, nur das ich weitgehend auf mich alleine gestellt war, und somit vieles selber tun musste.“

Michael schaute mich traurig an, und ich konnte nur mit den Schultern zucken.

„Ich denke ich werde dir sowieso helfen müssen, ihn nachher hinaufzubringen“, sagte ich zu Bastian.

„Das kannst du vergessen, so wie ich die Mittel hier einordne und den Zettel gelesen hab, was er eingenommen hat und noch einnehmen muss, kriegen wir ihn kaum die Treppe hoch“, meinte Bastian.

„Gut dann bleibt er die Nacht eben hier“, erwiderte ich.

„Kann ich auch hier schlafen?“, fragte Bastian.

„Natürlich, hol im Keller die Matratze hoch, dann kannst du dich zu ihm legen“, sagte Michael.

Ich nahm in den Arm, und war stolz auf meinen Kleinen. Ohne zu überlegen, war er mittlerweile so großzügig wie ich selber geworden.

„Wie machen wir das mit dem Essen, Gunther kocht für uns alle heute Abend“, fragte ich.

„Dann essen halt alle in der Küche bei uns und Gunther soll ebenfalls hier kochen. Wenn der Kleine aufwacht sieht er wenigstens, dass er nicht alleine ist“, meinte Michael.

„Das ist eine gute Idee finde ich“, sagte Bastian, „ ich gehe die Matratze holen. Wo sind seine Klamotten?“

„Julius bringt sie später mit her“, sagte ich.

„Gut bis gleich, passt mir auf den Jungen auf bis ich wieder da bin“, sagte Bastian und verschwand.

„Meinst du es war gut ihn hiermit zu betrauen?“, frage ich zweifelnd Michael.

„Ja, es ist gut Chris! Er hat eine Aufgabe. Du siehst, wie sehr er in ihr aufgeht.“

„Aber, seine Tränen…“, versuchte ich zu erklären.

„Das ist gut für ihn, glaub mir, es ist auch eine Verarbeitungsmöglichkeit für ihn, indem er Dominic helfen kann.“

„Na ja, ich bin zwar nicht so überzeugt, aber wenn mein Schatz das sagt, vertraue ich dir voll und ganz.“

Er stand auf nahm mich in den Arm, und gab mir einen zärtlichen Kuss. Von einem Wimmern wurden wir unterbrochen. Dominic schien wach geworden zu sein und weinte leise. Michael lief zu ihm hin und setzte sich neben ihn.

„Alles wird gut Dominic, hier bist du bei Freunden. Dir kann hier nichts mehr passieren“, sagte Michael und versuchte ihm vorsichtig den Kopf zu streicheln.

Dominic zuckte zusammen. Bastian kam mit der Matratze zurück.

„Das würde ich lassen Micha, jede Berührung ist im Augenblick wie ein Stich ins Herz. Lass ihn erst vollkommen wach werden“, sagte Bastian, „er muss sich erst an uns gewöhnen. Gib ihm einfach Zeit, das geht dann recht schnell.“

Bastian legte die Matraze ab und setze sich auf einen der Sessel.

„Will von euch beiden jemand Kaffee?“, fragte ich und beide nickten.

„Kann ich auch einen haben“, kam es plötzlich von Dominic.

„Sicher doch, Dominic. Milch, Zucker?“, fragte ich.

„Nur Zucker“, antwortete er jetzt ein wenig fester und versuchte sich aufzusetzen, verzog aber gleich sein Gesicht vor Schmerzen.

„Kann ich dir helfen?“, fragte Bastian.

„Ja gerne, alleine komm ich nicht hoch“, sagte Dominic, „wer seit ihr überhaupt? Michael kenne ich ja, aber wer seid ihr beide?“

Bastian half ihm vorsichtig sich aufzusetzen.

„Der junge Mann, der dir hoch hilft ist Bastian“, sagte Michael.

„Du bist das? Bei dir darf ich wohnen?“, fragte er, als er saß.

„Wenn du möchtest gerne, dein Zimmer ist bereit“, gab Bastian zurück.

„Ein eigenes Zimmer bekomm ich?“

„Ja natürlich, dass hat hier jeder von uns“, mischte ich mich ein.

„Das ist mein Freund Christopher, von dem ich dir erzählt habe. Er ist auch für dieses Haus zuständig“, sagte Michael und schaute leicht lächelnd mich an.

„Ich würde dir ja gerne eine Hand geben Christopher, aber mir tut alles so weh“, sagte Dominic.

„Schon gut, ich hol jetzt den Kaffee und für dich am besten ein Röhrchen“, meinte ich und ging in die Küche.

„Für dich lassen wir nach dem Kaffeetrinken erst mal eine Wanne ein, das tut dir gut“, sagte Bastian.

Dominic schaute Bastian mit seinem geschwollen Gesicht an.

„Du hast…. ich habe vorhin etwas mitbekommen… was Ähnliches erlebt?“, fragte Dominic.

„Ja habe ich… meine Eltern sind beides Alkoholiker oder waren es, was weiß ich, ist ne Weile her. Sie haben mich regelmäßig grün und blau geschlagen…“

Michael stand auf und kam zu mir in die Küche.

„Siehst du, es war eine gute Idee, die zwei zusammen zu bringen. Hör nur wie sie miteinander reden, und mich verblüfft wie offen Bastian reden kann“, meinte Michael.

Wir hörten ein Lachen aus dem Wohnzimmer, nahmen die Tassen und liefen zurück. Bastian saß mittlerweile bei Dominic auf der Couch.

„Aha, eine fröhliche Runde, darf man erfahren, was euch so belustigt?“, fragte ich.

„Darfst du, Dominic hat mich gerade gefragt ob ich auch schwul sei, und erst wusste ich nicht, was ich antworten sollte und wir kamen uns darüber ein, das wir da beide nicht ganz sicher seien, nachdem wir mit bekommen haben, wir ihr zwei so miteinander umgeht“, erklärte Bastian, „ dass gefällt uns nämlich beiden.“

„Aha, interessanter Gedanke. Aber vom zugucken wird man nicht gleich schwul“, grinste Michael.

„Alle fingen wir an zu Lachen, doch Dominic hielt sofort inne, weil ihn der Schmerz plagte. Wir saßen noch eine Weile zusammen und redeten, da klingelte es an der Wohnungstür. Dominic zuckte zusammen.

„Ganz ruhig“, meinte Bastian, „ ist alles in Ordnung Dominic, kann nur jemand von uns sein. Hier kommt kein Fremder rein.“

Dies schien ihn zu beruhigen, seine Atmung wurde wieder ruhiger.

„Die Tür ist offen“, rief ich.

„Bin nur ich“, kam es vom Flur zurück. Kirstin. „Wo seid ihr denn alle?“

„Im Wohnzimmer“, antwortete Michael. Kirstin kam herein.

„Hallo ihr zusammen. Ah, du scheinst Dominic zu sein oder?“ sagte Kirstin, ohne eine Miene zu verziehen, als sie den Zustand von Dominic bemerkte, „steht heute noch was an?“

„Ja, Gunther wollte für uns alle heute Abend kochen. Oh ich muss ihn noch anrufen“, sagte ich und lief schnell zum Telefon.

„Ich bin Dominic, entschuldige, wenn ich dich nicht richtig begrüßen kann. Du wohnst auch hier?“

„Ja, zusammen mit Dennis, gegenüber von Bastian, hier oben drüber.“

„Hier wohnen auch Mädchen?“, fragte Dominic überrascht.

„Ja, außer mir, gibt es noch die Klara, sie wohnt unterm Dach mit ihrem Bruder Gunther.“

„Gibt es noch jemanden, den ich kennen lernen muss?“

„Genau noch zwei, die wohnen hier gegenüber, Andreas und Thomas.“

***

Nachdem Kirstin gegangen war, beschlossen Bastian und Dominic, erst mal das besprochene Bad zu machen. Michael half den beiden so gut es ging. Ich währenddessen, ließ mich von Gunther zur Küchenhilfe abstellen.

„Christopher, darf ich dir eine Frage stellen?“ sagte Gunther, der gerade irgendetwas in der Pfanne brutzelte.

„Natürlich, schieß los..“, sagte ich.

„Was ist für dich der Sinn des Lebens..?“

„Wow, gleich die Hammerfrage der Fragen… lass mich überlegen.“

„Keine einfache Antwort?“

„Einfach ja, aber schwer in Worte zufassen.“

„Dann probier es einfach.“

„Ich würde sagen, … es sind einfach mehrere Sachen die sich zusammensetzten, um diesen Sinn zu bilden.“

„Was für Teile..?“

„Für mich speziell, warte, wie soll ich das erklären. Einmal, meine Arbeit hier. Für euch da zu sein, euch zu helfen, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die ich habe. Zum anderen die Stiftung die ich in Amerika gegründet habe um auch dort jungen Menschen, wie ich es selber bin, die Möglichkeit zu schenken, etwas aus eigenen Anstrengungen zu schaffen.“

„Was noch?“

„Mein Freund Michael den ich über alles liebe, ihm meine Liebe schenke, ihn an meinem Leben teilhaben lasse. Es ist schwierig Gunther, dass alles und noch mehr zusammen zufassen, zu einem Ganzen.“

„Ich verstehe, was du meinst, aber ich für meinen Teil habe keine so großtragenden Sachen, wie du hier mit deiner Arbeit.“

„Es müssen doch nicht immer riesige Aktionen sein, Gunther. Du hast eine Schwester, für die du da bist und dich rührend kümmerst. Klara braucht dich! Für dich mag das wenig sein, für sie ist es enorm viel.“

„Du meinst also Dinge, die wir uns im Leben schaffen, für uns und andere, ergeben diesen Sinn dieses Lebens.“

„So ungefähr würde ich sagen. Viele sehen halt nur was aus ihnen geworden ist. Sie streben immer nach mehr und merken nicht dabei, wie sie ihr Ehrgeiz zerfrisst. Sie wirst du nie in einem Park erleben, dass sie sich über eine kleine Blume auf der Wiese freuen. Sie verlieren den Überblick, können sich nicht mehr über Kleinigkeiten freuen.“

„Aber man braucht doch Ehrgeiz um weiter zukommen im Leben, sonst bleibt man auf der Strecke“, warf Gunther ein.

„Du bleibst irgendwann auf der Strecke, wenn du es übertreibst. Ein gesundes Maß an Ehrgeiz, da hat niemand etwas dagegen einzuwenden. Du musst deine Weitsicht behalten, alles aufnehmen, was um dich herum geschieht, nicht nur Dinge die eventuell für dich interessant sein könnten.“

„Aber, dass alleine hilft doch einem nicht weiter“, kam es von der Tür. Unsere Köpfe flogen herum, Andreas war gekommen, er hatte den größten Teil unserer Unterhaltung mitangehört..

„Dass habe ich auch nicht behauptet Andreas“, sagte ich.

„Wie meinst du das dann?“, fragte er und setzte sich auf einen Küchenstuhl.

Ich putze weiter an meinem Salat.

„Für mich ist einfach, na ja, der Sinn des Lebens mit meinem Leben etwas zu bewegen und sei es nur durch Kleinigkeiten. Ich beobachte viel meine Mitmenschen, lerne durch ihr Verhalten einiges über mich selber.“

„Was du vielleicht besser machen kannst?“, fragte Gunther.

„Ja auch, aber auch wie ich besser auf meine Mitmenschen zugehen kann, besser auf sie eingehen kann.“

Kirstin und Thomas kamen in die Küche so langsam wurde es voll bei mir, aber sie merkten gleich, dass wir in einem Gespräch waren und verhielten sich ruhig.

„Das hört sich an wie ein Studium“, kam es von Andreas.

„Es ist ein Studium wenn du so willst Andres“, sagte ich und warf den Salat ins Wasser, „dein ganzes Leben wirst du nur sehen – lernen – verstehen.“

„Aber das ist nicht immer leicht finde ich“, sagte Kirstin.

„Ich habe nie behauptet, dass dies einfach ist. Dieser Lernprozess wird meist negativ behindert vom Umfeld. Aber auch da kann man sogar was davon lernen.“

„Es sind aber so viele Sachen vor mir, wo ich denke, ich schaffe das einfach nicht“, meinte Gunther und probierte seine Sauce.

„Da sind halt deine Freunde da Gunther, wir sind da zu helfen wenn du nicht weiter weist. Gut du musst lernen auf deinen eigenen Füssen zu stehen, aber es darf nie der Gedanke in dir aufkommen, du musst dass alles alleine schaffen.“

„Ich frag mich manchmal wer von uns beiden studiert.“

Michael stand an der Tür.

„Du solltest eine Abhandlung darüber schreiben, finde ich“, sagte er und kam zu mir.

„Nein, das tu ich mir jetzt wirklich nicht an. Meine Stärke ist das Zuhören und zu reden, aber so was aufzuschreiben, nee, das liegt mir wirklich nicht“, sagte ich und gab ihm eine Kuss.

„Danke“, sagte er.

„Für was?“

„Das es dich gibt!“

Alle nickten zustimmend.

2.

„Der Abend hat mir sehr gut gefallen“, sagte Michael.

Wir lagen eng aneinander gekuschelt im Bett. Seine Hand strich zärtlich über meine Brust. Ich genoss einfach seine Nähe und Wärme.

„Mir auch, besonders, das Dominic so aufgetaut ist, als würde er schon immer dazu gehören“, meinte ich zu ihm.

„Ja ich war auch erstaunt. Dann ist unsere Familie mal wieder größer geworden.“

„Stört es dich eigentlich?“

„Was?“

„Meine Arbeit hier, ich kann nicht grad behaupten, dass ich viel Zeit für dich habe.“

„Chrisi, dafür liebe ich dich. Wenn ich was dagegen hätte, würde ich nicht bei dir wohnen.“

Er richtete sich auf und gab mir einen Kuss auf die Lippen. Seiner Forderung nachgebend öffnete ich meinen Mund und lies seine Zunge gewähren. Seine Hände waren überall und es war gut ihn zu spüren. Das gewohnte Kribbeln durchfloss meinen Körper.

***

„Morgen mein Schatz, na wieder fit?“ sagte ich, als Michael seine Augen öffnete.

„Was heißt denn ich und fit, du bist doch danach eingeschlafen“, antwortete er frech grinsend. Ich gab ihm einen kleinen Kuss und stand auf.

„Was, du lässt mich alleine?“, fragte er entrüstet.

„Ich geh duschen“, sagte ich.

„Warte ich bin gleich bei dir.“

„Du kannst wohl nie genug haben“, sagte ich und verschwand in Bad.

Als ich unter der Dusche stand, hörte ich die Türklingel. Besuch um diese Zeit, wer mochte das sein, vom Haus ganz bestimmt nicht, das waren alles Langschläfer.

„War der Postbote“, rief Michael ins Bad.

„So früh schon?“, fragte ich und machte das Wasser aus.

„Er hat ein Telegramm gebracht.“

„Man Micha, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Mach es auf und sag von wem es ist.“

Ich hörte ein zereisendes Papiergeräusch.

„Oh, wir bekommen Besuch.“

„Von wem, Micha?“

„Deinem Cousin Patrick“, sagte Michael und trat zu mir an die Dusche, „ heut Mittag gegen drei kommt er am Flughafen an.

„Ups, ist was passiert?“

„Er bringt jemanden mit aber mehr steht da nicht.“

„Er hätte ja mal anrufen können, aber egal ich freu mich trotzdem auf ihn.“

„Dann heißt es wohl jetzt sauber machen, oder?“

„Ja Micha, aber vorher könnten wir doch noch ein bisschen frühstücken, wenn du schon nicht an die Uni musst heut?“

„Ja geht klar, aber ich möchte vorher auch noch ins Bad, wenn du fertig bist. Übrigens ich könnt grad über dich herfallen, so wie du da vor mir stehst“, sagte Michael, gab mir ein Kuss und verschwand aus dem Bad.

***

„Man gibt es hier überhaupt keinen Parkplatz“, frotzelte ich rum, und fuhr jetzt schon das zweitemal durch die Parkreihen.

„Es ist Samstag mein Guter“, gab Michael von sich, „ halt da wird grad einer frei.“

Ich stellte das Auto ab und wir beeilten uns, ins Terminal zu kommen.

„Schau der Flug ist bereits gelandet… wo denn genau… ah da 14, da müssen wir uns aber beeilen, das liegt fast auf der anderen Seite.

So liefen Michael und ich recht zügig, um Patrick nicht lange warten zu lassen. Dort angekommen, fanden wir ihn auch recht schnell, zusammen mit Mister Lukas und einem Jungen so um die vierzehn schätzte ich.“

„Mister Lukas, dass ist aber eine Überraschung“, sagte ich und reichte ihm die Hand.

„Ja, ich habe das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden. Hallo Michael, weißt du ob dein Vater heute noch Zeit für mich hätte?“

Hallo Mister Lukas, kann ich ganz schnell herausfinden“, sagte Michael, nahm sein Handy und stellte sich ein wenig abseits.

Patrick und ich umarmten uns erst mal zur Begrüßung.

„Na Kleiner, wie geht es dir?“, fragte ich ihn.

„So gut wie lange nicht mehr“, bekam ich zur Antwort.

„Habe ich irgendetwas versäumt?“

„Ich hab jemanden kennen gelernt.“

„Oh, und warum hast du sie nicht gleich mitgebracht?“

„Weil ich sie erst zwei Wochen kenne, kann sie dann nicht gleich im Privatjet der Firma mitnehmen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil sie doch noch gar nicht weiß, wer ich bin.“

„Hast ihr einen falschen Namen gesagt?“ meinte ich grinsend.

„Nein, sie weiß nur nicht aus welcher Familie ich stamme.“

„Ach so ich verstehe. Wer ist eigentlich der Junge den ihr mitgebracht habt?“

„Oh Mann, vor lauter Begrüßung hab ich den fast vergesse. Er ist eigentlich der Grund unseres Kommens, aber darüber reden wir nachher, an einem ruhigeren Ort.“

Mr. Lukas hatte inzwischen das Handy, und schien mit Julius zu reden. Michael kam auf uns zu.

„Also Mr. Lukas wird von meinem Vater abgeholt er fährt gleich los zum Flughafen. Und Nico fährt dann mit zu uns.“

„Nico?“, fragte ich.

Der Genannte hob den Kopf. Er stand die ganze Zeit traurig mit dem Köfferchen in der Hand da. Patrick lief zu ihm hin und schob ihn zu mir.

„Das ist mein Cousin Christopher, von dem ich dir erzählt habe“, sagte Patrick in gebrochenem Deutsch.

„Hallo“, kam es von Nico.

„Hallo Nico, freut mich dich kennen zu lernen.“

„Du hast auch keine Eltern mehr…..?“, fragte er mich.

Michael schaute mich schockiert an. Also daher wehte der Wind. Nico bekam feuchte Augen.

„Ja meine sind gestorben vor neun Jahren.“

„Meine…“, er schaute auf dem Boden und sprach ganz leise, „ meine vor zwei Wochen….“

Ich nahm in den Arm und er fing an zu heulen. Sein Koffer flog auf den Boden und er klammerte sich fest an mich. Patrick und Michael nahmen den Koffer und wichen ein wenig zur Seite, um Nico ein bisschen Freiraum zu geben.

„Es ist das erstemal seit dem Tod seiner Eltern, das er weint“, sagte Patrick zu Michael.

„Dann ist es gut, dass er jetzt bei Chrisi ist“, meinte Michael, „ und warum ist er hier?“

„Seine Eltern waren erst vor kurzem nach Amerika ausgewandert, und nun wo sie tot sind, hat Nico nicht die geringste Chance da drüben. Sie wollten ihn in ein Heim stecken, weil er nicht redet oder es nicht versucht. Liegt nur daran, das er der Sprache nicht ganz mächtig ist und sich nicht traut etwas zu sagen, verstehen tut er alles“, erklärte Patrick.

„Und jetzt bringt ihr ihn wieder zu Verwandten hier in Deutschland?“

„Er hat sonst keine Verwandten.“

„Ups, das ist sche…“, Michael verkniff sich das Wort.

„Dahinten winkt jemand“, sagte Patrick.

„Oh, das ist mein Vater, ist der geflogen oder was, weil er so schnell hier ist.“

Es war Julius. Man begrüßte sich schnell und Mr. Lukas fuhr dann mit Julius davon. Ich hatte Nico im Arm und lief langsam mit ihm zum Wagen. Michael und Patrick waren schon vorgegangen.

„Du bist Deutscher?“, fragte ich vorsichtig.

„Ja, meine … Eltern sind vor einem halben Jahr nach Amerika ausgewandert.“

„So steig erst mal ein, wir fahren zu mir nach Hause.“

Michael schaute mich an und zuckte mit den Schultern.

***

Zu Hause angekommen, war der Teufel los. Im Vorgarten war eine wilde Wasserschlacht im Gange. Ich wusste eigentlich nur das Dennis mit Blumen gießen dran war. Aber nun stand die ganze Meute vor dem Haus und bespritze sich mit allen möglichen Gefäßen.

Wir standen am Eingangstörchen und schauten dem treiben zu. Und es kam wie es kommen musste. Dennis duckte sich und ich bekam eine volle Ladung eiskaltes Wasser ab. Plötzlich hörten alle auf. Michael war es, der als erstes laut anfing zu lachen, alle stimmten ein, sogar Nico.

„Ist das lustig Leute, ich hab heut schon geduscht“, sagte ich doch leicht verärgert.

Stark tropfend, öffnete ich das Tor und ging langsam Richtung Haustür. Alle versuchten nicht zu lachen, aber es gelang ihnen nicht, diesmal war es Thomas, der als erstes losprustete. Ich sah einen Eimer Wasser auf den Boden stehen.

Thomas wand sich vor Lachen und hielt sich an Andreas fest um nicht umzufallen. Ich nahm den Eimer und goss ihn über Thomas. Im Nu war die Wasserschlacht wieder im Gange und wir mittendrin.

„Wer ist das?“, fragte Kirstin, die gerade eine volle Ladung von Nico abbekommen hatte.

„Das ist Nico, er ist mit Patrick angekommen“, gab ich zur Antwort.

„Aha, so jung und doch schon so frech zu Mädchen.“

Das hätte sie lieber nicht rufen sollen, mit einem Male, waren alle Wasserladungen auf sie gerichtet, und trafen auch. Dennis lag auf dem Boden und bekam sich nicht mehr ein.

„Ist das immer bei euch so?“, fragte mich Nico, der tropfend neben mir stand.

„Ab und zu schon, wenn gewissen Herrschaften die Sicherungen durchbrennen, komm aber erst mal rein dass wir uns trocken legen können“, sagte ich, Leute ab rein mit euch die ganze Nachbarschaft ist schon auf den Füssen. Wer hat eigentlich Treppendienst?“

„Gunther“, rief es wie in einem Chor.

„Oh Menno, ihr setzt ja den ganzen Flur unter Wasser, runter mit den nassen Sachen und schmeißt sie neben dem Keller auf dem Boden ich hänge sie alle freiwillig auf.“

„Wir sollen uns nackt machen“, tuckte Andreas rum. Alle fingen wieder an zu lachen.

„Dann sehe ich Andreas endlich mal ohne was“, sagte Bastian frech, „Traum meiner schlaflosen Nächte.“ Das Lachen ging weiter.

„Finger weg von Andreas, das ist meiner!”, sagte Thomas grinsend, „wobei, wenn ich’s mir überlege, Dennis sieht auch nicht schlecht aus, wenn ich ihn mir so richtig anschaue.

Dennis war bereits fast ausgezogen und hatte nur noch Boxershorts an.

„Da lässt du schön deine Finger weg, Thomas, der ist mir!“ meinte Kirstin, die jetzt auch nur noch in Unterwäsche rumstand.

„Und ich gefalle wieder niemanden“, sagte Gunther gespielt beleidigt.

„Und wie“, sagte mein Michael und hauchte ihm ein Kuss auf die Wange. Gunther wurde feuerrot und das lachen nahm kein Ende.

***

Als wir uns endlich alle etwas Trockenes angezogen hatten, Nico war noch im Bad, setzte sich Patrick zu mir.

„So jetzt haben wir die nötige Ruhe“, sagte Patrick, „jetzt kann ich dir erzählen, warum wir hier sind.“

„Da bin ich jetzt aber gespannt“, meinte Michael, der sich mit einem Handtuch, die Haare trocken rubbelte.

„Wie ihr mittlerweile mitbekommen habt, ist Nico Vollwaise. Ich hab mir überlegt, ob du Christopher.. na ja … die Pflegschaft für Nico übernehmen würdest.“

Ich saß erst mal sprachlos da.

„Und wie kommst du auf mich, wie alt ist Nico überhaupt.“

„Vierzehn, ich weiß auch nicht wie ich auf dich kam, ich weiß nur noch, dass du die Vormundschaft von Thomas damals auch übernommen hattest“, sagte Patrick.

Das sind aber noch vier Jahre bis Nico volljährig wird, dass ist eine lange Zeit“, gab ich zu Bedenken.

„Mir würde es nichts ausmachen Christopher, ehrlich“, kam es von meinem Micha.

„Und wo sollen wir ihn unterbringen?“

„Thomas und Andreas haben ein Zimmer leer stehen, das wäre eigentlich ideal für Nico. Und einer von uns ist immer da.“

„Bist du sicher, dass wir das machen sollen?“, fragte ich ein wenig unsicher.

„Ja bin ich und einen kleinen Bruder hast du dir doch schon immer gewünscht.“

„Mr. Lukas hat gesagt, dass du ihn nach amerikanischem Recht, nach einer bestimmten Zeitspanne als Bruder adoptieren kannst, natürlich nur, wenn du es möchtest“, sagte Patrick.

„Machen würde ich das schon gerne, aber was meint Nico dazu, wir bestimmen hier einfach über sein Leben und wissen nicht mal, ob es ihm recht ist.

„Dann fragen wir ihn doch einfach, er kommt gerade aus dem Bad.“

Nico kam rein und setzte sich auf den Sessel. Patrick erklärte unser Vorhaben. Er saß erst mal ruhig da.

„Das würdest du für mich machen, du kennst mich doch gar nicht“, kam es dann plötzlich leise von ihm.

„Daran, am kennen lernen, wird es wohl nicht scheitern, denke ich“, gab ich zur Antwort.

„Ihr müsst entschuldigen, aber ich bin noch ein bisschen durch den Wind. Es ist halt alles plötzlich so neu und ungewohnt.“

„Du brauchst dich ja auch nicht sofort entscheiden“, sagte Patrick, „wir bleiben ja noch ein wenig hier.“

„Wie lange denn?“, fragte ich.

„Bis Dienstag, dann müssen Mr. Lukas und ich wieder zurück in die Staaten.“

„Ich dürfte hier bei euch wohnen?“, fragte Nico weiter.

„Ja drüben bei Thomas steht noch ein Zimmer leer, außer Micha ist bereit, sein Arbeitszimmer zu opfern“, sprach ich und schaute zu Michael.

„Das könnte ich machen, wenn wir hier das Wohnzimmer umstellten, bekommen wir meine Sachen auch noch unter“, meinte dieser.

„Dann wäre die Frage ja schon geklärt“, meinte ich.

„Also wenn ich es mir recht überlege, in ein Heim zu gehen oder bei euch zu bleiben, fällt mir die Entscheidung, doch sehr leicht… ich würde gerne bleiben“, sagte Nico.

„Dann wäre das auch geklärt“, meinte Patrick, „ Micha dann kannst du deinen Vater anrufen, dass er und Mr. Lukas alles in die Wege leiten können.“

„Das hast du mal wieder gut eingefädelt“, gab ich von mir.

„Ich wusste, dass du Nico nicht im Stich lassen würdest“, sagte Patrick.

***

Der Dienstag war schnell gekommen, wir verabschiedeten uns am Flughafen von Mr. Lukas und Patrick.

„Und Patrick, das nächste mal will ich Clarissa kennen lernen, also bring sie mit“, sagte ich und nahm Patrick in den Arm.

Nico gab Mr. Lukas noch mal die Hand und bedanke sich für alles. Dann checkten sie ein. Nico blieb bei mir zurück. Ich hatte die Vormundschaft, mit Hilfe von Monika, zugesprochen bekommen und so konnte Nico bei uns wohnen.

Nach dem Flughafen fuhren wir gleich zu Nicos neuer Schule. Ich stellte das Auto ab und lief mit Nico in das Gebäude. Am Vorzimmer angekommen, klopfte ich und trat ein.

„Guten Tag, ich bin Christopher Miller, ich möchte Nico Strader zur Schule bei ihnen anmelden, ein Schreiben vom Amt müsste schon eingetroffen sein“, sagte ich zu der kleinen, dicken Dame mit ihrer großen Brille auf der Nase.

„Ach ja, Direx Schlüter erwartet sie schon“, erwiderte sie und stand auf. Im gemächlichen Schritt lief sie zur Tür, klopfte und öffnete sie.

„Herr Schlüter, der Neuzugang ist hier.“

„Soll nur rein kommen“, kam es mit einer dunklen Stimme aus dem Büro.

Nico sah mich ängstlich an.

„Keine Angst ich bin bei dir Nico, ich lasse dich jetzt nicht alleine“, sagte ich und schob Nico vor mir her in das Büro.

„Grüß Gott, Nico ich freue mich, dass du da bist!“

Herr Schlüter stand auf und gab ihm die Hand. Er schaute mich an.

„Christopher Miller, Vormund von Nico.“

Miller.. Miller, der Name sagt mir was. Moment ich komme gleich drauf.. ach ja sie führen das Haus für Jugendliche irgendwo in der Südstadt.“

„Stimmt.“ Er wies uns auf die zwei Stühle vor seinem Schreibtisch.

„Ich habe einiges davon gehört und versuche schon die ganze Zeit mich ein wenig mehr zu engagieren, sie müssen wissen, ich habe selber zu Hause zwei Pflegekinder.“

„Und wo liegt die Schwierigkeit, ich meine, woran hängt es, dass sie sich nicht einbringen können?“, fragte ich.

„Es ist schwierig an die Leute vom Amt heranzutreten, weil die jungen Leute sehr abgeschirmt werden“, gab er als Antwort.

„Das ist richtig, weil ich einige Jungs im Haus habe, die von ihren Eltern misshandelt wurden, und um spätere Besuche dieser abzuwehren, bleibt auch unsere genaue Adresse geheim. Aber ich kann mit dem Sozialarbeiter Julius Brecht reden, der wendet sich dann umgehend an sie, weil Helfer können wir immer gebrauchen, vielleicht auch um das Programm zu erweitern.“

„Das Programm?“

„Wir unterstützen Jugendliche und junge Erwachsene, die kein Elternhaus mehr haben oder eben von zu Hause rausgeschmissen wurden. Die Idee, es jetzt zu erweitern kam mir mit Nico. Eine Schule, wo wir die Jüngeren unterbringen könnten, ohne das die Herkunft unserer Sprösslinge bekannt wird, wäre schon eine große Hilfe.“

„Das wäre von meiner Seite her kein Problem“, sagte Direx Schlüter, „ so und nun zu dir Nico.

Nico schreckte ein wenig zusammen, als sein Name genannt wurde.

„Gleich als erstes, Nico, falls du irgendwelche Schwierigkeiten haben solltest, keine falsche Scham, komm bitte direkt zu mir. Irgendwie werden wir das dann gemeinsam lösen.“

„Danke“, kam es leise von Nico.

„Aus den Unterlagen kann ich entnehmen, dass du ein sehr guter Schüler bist. Also werde ich dich auch in der achten Klasse unterbringen, die du vorher auch besucht hast in den Staaten.“

Nico war sichtlich erleichtert. Er atmete tief aus.

„Wenn du willst können wir gleich rüber gehen und deine neue Klasse besuchen, und ab morgen kannst du dann regulär hier her kommen. Frau Seiters draußen, versorgt dich dann noch mit den nötigen Büchern und deinem Stundenplan.“

Er stand auf und wies uns beiden die Tür. Er lief mit uns den gang herunter und blieb vor einem Klassenzimmer stehen, an deren Tür er klopfte. Nach einem Herein öffnete er dann diese.

Nico im Arm lief er dann ins Klassenzimmer. Nico wurde kurz vorgestellt. Da die Unterrichtsstunde fast vorbei war, machte der Klassenlehrer den Vorschlag, das Nico doch ein bisschen bleiben sollte, dass er sich mit der neuen Klasse ein wenig vertraut machen konnte.

Ich lief mit Direx Schlüter zurück in sein Büro. Er wollte noch einiges mehr über das Programm wissen, und ich gab ihm gerne Auskunft.

***

Am Abend saß ich vor meinem PC und rief meine Mails ab. Außer Patricks Mail, das er gut zuhause angekommen war, waren da noch ein paar Werbungen und eine Mail ohne Absender.

„Michael kommst du mal bitte“, rief ich Richtung Küche.

Michael trat aus der Küche.

„Was ist denn mein Großer?

„Du hast doch mal gesagt, wir haben da so ein Programm auf dem PC, wo wir Mails von unbekannten Absendern lesen können ohne uns einen Virus einzufangen.“

„Ja schau hier, dies öffnen, um eine Verbindung zuschaffen, und dann die Mail rüber ziehen. Um was geht es da?“

„Moment ich weiß es selber noch nicht.“

Ich öffnete die Mail und lass sie mir durch.

Hallo Ihr,

ich habe von eurem Haus gehört und durch einen Freund diese Mailadresse bekommen. Ich hoffe meine Mail kommt auch bei euch an und der Typ hat mich nicht aufsitzen lassen.

Ich heiße Sascha, bin dreizehn und lebe auf der Straße. Bisher habe ich es immer irgendwie geschafft mich so durchzuschlagen. Aber jetzt bin ich am Ende meiner Kräfte und suche Hilfe. Nachdem ich von einem Freier vergewaltigt wurde, bin ich auch gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe. Ich weiß sonst nicht wohin ich mich wenden könnte, außer an euch. Ich habe diese Mail hier von einem Internetcafe abgeschickt.

Ich werde versuchen, morgen Abend wieder hier zu sein. Vielleicht ist es jemanden von euch möglich dann hier zu sein. Ich werde mich dann zu erkennen geben, wenn ich sicher bin, dass ich hier mit der Mail an die Richtigen geraten bin, und keinen Fehler gemacht habe.

Bis dann Sascha

(Internetcafe in der Breslauer Straße)

Wir waren erst mal beide ruhig und lassen uns den Text noch mal durch. Michael zog sich ein Stuhl heran und setzte sich neben mich.

„Ich will ja nichts sagen, aber wie jung werden die denn noch, wenn sie auf den strich gehen“, meinte Michael entsetzt.

„Du rufst jetzt deinen Vater an, gibst ihm Bescheid ob er kommen könnte und ich rede mal mit Dennis, der hat da ja leider auch Erfahrung drin.“

„Entscheidungsfreudig wie immer, dass liebe ich so an dir“, sagte Michael und strich mir zärtlich durchs Haar.

Dennis war sofort bereit runter zukommen und Michael zog sich in die Küche zurück um mit seinem Dad zu telefonieren. Als Dennis erschien setzte ich ihn gleich vor den PC und ließ in die Mail lesen. Nico kam aus seinem Zimmer.

„Christopher kannst du mir mal helfen, mein neuer Klassenlehrer hat mir ein bisschen Lehrmaterial mit gegeben, damit ich nicht völlig unvorbereitet morgen in die Schule komme.“ “Um was geht es denn?“

„Um Mathe“, gab er zur Antwort.

„Oh da wendest du dich bitte an Michael, der ist der Bessere von uns in Mathematik“, sagte ich mit einem Lächeln.

Nico nickte und lief in die Küche zu Michael und ich wandte mich wieder Dennis zu.

„Also wenn er sich schon per Mail an euch wendet, dann muss es ihm wirklich dreckig gehen. Weil ein Straßenjunge gibt nicht so schnell auf.“

„Und wie schlimm ist es, denkst du?“

„Ich denke er wird körperliche Verletzungen davon getragen haben, ganz zu schweigen von den seelischen.

„Du meinst ich soll hingehen?“

„Ja mach das. Das hört sich sehr beunruhigend an.“

„Würdest du mit mir kommen?“

„Wenn du sicher bist, gerne vielleicht kann ich dir ja irgendwie helfen.“

„Das ist meine Hoffnung.“

„Und wie möchtest du vorgehen?“

„Als erstes warte ich mal ab was Julius dazu meint, wenn er heut Abend noch vorbei kommt.“

„Er kommt gleich gefahren, und meine Mutter im Schlepptau“, rief Michael aus der Küche.

Bleibst du da Dennis um zu hören was Julius meint?“

„Ja bleibe ich, und wo soll er wohnen, wenn es wirklich klappen sollte, dass wir ihn finden und Julius natürlich damit einverstanden ist?“

„Dass weiß ich noch nicht so genau, mit dreizehn möchte ich ihn nicht allein in eine Wohnung stecken.“

„Also, ich denke, wenn ich noch mit Kristin rede, könnten wir ihn bei uns aufnehmen. Natürlich auch die Verantwortung für ihn.“

„Du meinst dass mit der Vormundschaft?“

„Ja, wir sind beide jetzt zwanzig, ich denke, da dürfte es keine Probleme von Monika her geben.“

„Wenn ihr das wirklich machen würdet, fände ich das Klasse.“

„Ich gehe dann nur mal kurz zu Kirstin hoch um es mit ihr zu bereden, bin gleich wieder da.“

„Okay bis gleich.“

***

Später saßen wir in größerer Runde im Wohnzimmer und diskutierten über Sascha. Nico, war aus Müdigkeit eingeschlafen und hatte seinen Kopf auf meinem Schoß liegen.

„Willst du ihn nicht ins Bett bringen?“ meinte Julia.

„Doch mach ich, lass ihn aber noch ein wenig hier liegen. Er ist sehr anlehnungsbedürftig“

„Und ihr zwei seid euch sicher, dass ihr so eine Verantwortung übernehmen wollt?“, fragte Julius Kirstin und Dennis.

Die beiden nickten sich zu und wandten sich wieder zu Julius.

„Wir wohnen jetzt beide hier seit zwei Jahren und haben beide einiges mitbekommen“, sagte Kirstin, „und wir beide möchten einfach nur helfen, weil ohne unsere Hilfe kommt er ins Hein und das wollen wir ihm ersparen.“

„Auch wenn wir vom Alter her nicht seine Eltern ersetzten können, so haben wir hier die Möglichkeit, ihm das Gefühl von einem Zuhause zukommen zu lassen“, setzte Dennis hinten dran.

„Gut da gebe ich dir Christopher mal grünes Licht zu der Sache und werde morgen mit Monika Rücksprache halten“, meinte Julius, „ und wir müssen auch an einen Arzt denken, der den Sascha medizinisch betreuen kann, ohne gleich viel Aufhebens zu machen.“

„Und ich denke, wenn man soweit schon vorgreift darf, eine Schule für ihn hätten wir auch schon“, warf ich ein.

„Das läuft prima an, nun müssen wir nur noch abwarten ob er zu dir und Dennis Vertrauen fasst“, sagte Julius, „Schule? Hast mir aber noch nichts erzählt davon.“

„Hole ich nach wenn ich wieder da bin“, sagte ich, „ aber erst bring ich mal meinen Kleinen hier ins Bett. Nico aufwachen, komm geh ins Bett, ich komm auch mit.“

Nico öffnete die Augen ein wenig und richtete sich auf. Er sagte leise gute Nacht und ich ging mit ihm in sein Zimmer.

„Aber ausziehen kannst du dich selber?“, fragte ich scherzhaft.

„Bin so müde, da ist mir sogar das egal“, sagte Nico und lies sich auf sein Bett fallen, wo er gleich wieder seine Augen schloss.

Also ging ich zu ihm, zog ihm erst seine Schuhe und Socken aus, danach seine Hose. Beim Tshirt hatte ich schon mehr Probleme. Nico war wirklich wieder fest eingeschlafen, so dass ich Mühe hatte, es runter zu bekommen.

Ich sah ihn mir so an, wie er fast nackt vor mir lag und dachte, wenn Nico mal älter ist, gibt er einen schönen Jungen. Ich deckte ihn zu gab ihm ein Kuss auf die Stirn und löschte beim Rausgehen das Licht, die Tür ließ ich einen Spalt offen.

„Er schläft schon wieder“, sagte ich in die Runde und setzte mich wieder mitten rein. Wir redeten noch eine Weile und dann war es doch Zeit für uns alle ins Bett zu gehen.

Ich war gerade so schön am Einschlafen, als wir einen Schrei aus Nicos Zimmer hörten. Michael und ich liefen rüber. Nico saß schweißgebadet in seinem Bett und war schwer am Atmen.

„He Kleiner, schlecht geträumt?“, fragte Michael und setzte sich wie ich auf Nicos Bett.

Langsam kam Nico wieder zu sich, und merkte wo er war.

„Das war nur ein böser Traum“, sagte ich.

„Es war aber so real…“ meinte Nico und zitterte immer noch am ganzen Körper.

„Was ist denn passiert, was kam im Traum vor?“, fragte Michael.

„Ich habe… meine Eltern… brennen sehn…“, gab Nico von sich und fing an zu schluchzen.

„Ähm Nico… hast du das auch real erlebt?“ meinte Michael.

„Ja.“

„Willst du darüber reden?“

„Es tut so weh…“

„Verstehe ich Nico“, sagte Michael und nahm seine Hand.

Ich saß nur stumm da und lauschte, was die beiden sagten.

„In dem Mietshaus, in dem wir wohnten… gab es.. eine Gasexplosion…“, weitere Tränen rannen über Nicos Wangen.

„Und wie bist du rausgekommen?“

„Ich war ja gar nicht da…..“, erneut schüttelte Nico ein weiterer Weinkrampf.

„Du warst nicht zu Hause, als es passierte“, fragte Michael.

„Nein… ich schlief… bei einem Klassenkameraden…“, antwortete Nico, „ zwei Häuser weiter. Ich bin von der Explosion wach … geworden, ich lief raus… sah alle brennen… da wo ich einmal wohnte… war ein Flammenmeer….“

Michael nahm Nico in den Arm.

„Wir nehmen den Kleinen mit rüber wenn du nichts dagegen hast unser Bett ist groß genug.“

„In Ordnung“, meinte ich nur und war bereits aufgestanden.

Michael trug Nico ins Schlafzimmer rüber. Da er recht klein war, gab es für meinen durchtrainierten Micha keine Probleme. Er legte ihn in die Mitte und schon bald waren wir alle drei eingeschlafen.

***

„Na, hast du gut geschlafen?“ sagte ich zu Nico, als er zu mir in die Küche kam, wo ich das Frühstück zubereitete.

„Es geht…“ gab er zur Antwort.

„Und geht es dir einwenig besser, als heute Nacht?“, fragte ich.

„Chris, dass wird wohl noch eine Weile anhalten, auch die Alpträume“, sagte Michael, der aus dem Bad in die Küche kam.

Unser Nico hier denkt, er hätte zu Hause bei seinen Eltern sein müssen, denk ich.“

„Wirklich Nico?“, fragte ich.

„Ja..“, stammelte Nico.

„Warum denn Nico, du warst bei einem Freund, du bist doch nicht schuld, an dem Tod deiner Eltern, du hättest genauso drauf gehen können“, sagte ich.

„Wäre besser so gewesen…“

Nico schaute auf den Boden, als er dies leise los ließ.

„Rede doch keinen Blödsinn.“

„Was soll ich ohne meine Eltern anfangen…?“

„Nico ich weiß, Micha und ich können dir deine Eltern nicht ersetzten, aber du bist nicht alleine. Wir haben die Verantwortung für dich übernommen, und werden deswegen immer für dich da sein, egal mit was du zu uns kommst. Du bist auf keinen Fall, auf dich alleine gestellt.“

Michael lächelte mir zu.

„Danke“, sagte Nico und fiel mir um den Hals.

Später setzten wir Michael an der Uni ab und danach brachte ich Nico zur Schule. Ich hatte einen Termin mit Direx Schlüter.

„Hallo Her Miller“, begrüßte er mich freundlich.

„Sagen sie ruhig Christopher zu mir Herr Schlüter“, entgegnete ich und schüttelte ihm die Hand.

„Danke Christopher, womit kann ich ihnen helfen?“

„Ich habe ihnen ja schon heute Morgen von dem Jungen erzählt, der sich mit einer Mail an uns gewandt hat.“

„Ja.“

„Wir werden versuchen, ihn aus dem Schlamassel heraus zu ziehen, ich weiß zwar nicht wie lange es dauert, aber ich hoffe, er ist nicht in einem allzu schlechten Zustand.“

„Und was kann ich da tun?“, fragte mich der Direx.

„Ich würde bei Sascha, so heißt der Junge, gerne versuchen, ihn wieder zur Schule zu bewegen, und da würde ich ihre Hilfe brauchen.“

„Inwiefern.“

„Also, wenn er soweit ist, würde ich gerne ein Treffen arrangieren, mit ihnen beiden.“

„Hier in der Schule?“

„Nein, das fände ich nicht so gut, ich würde vorschlagen bei uns. So hätten sie auch die Gelegenheit unser Haus mal kennen zulernen.“

„Stimmt, dass fände ich gut. Sie können sich auf mich verlassen ich helfe gerne und ich denke, dass es schwierig wird, den jungen Mann, zur Schule zu überreden.“

„Dann bedanke ich mich schon mal im Voraus.“

„Nichts zu Danken, tue ich gerne.“

Ich verließ das Schulgebäude und machte mich auf den Weg in die Stadt. Ich wollte noch einwenig einkaufen gehen, ja bummeln. Ein bisschen Zeit für mich dachte ich. Mein Job macht mir zwar sehr viel Spaß, aber sehr viel Zeit für mich alleine war da nie drin, eben ein Fulltimejob.

Aber es störte mich nicht weiter, ich war glücklich. Ich sah mir ein paar Klamotten an und entschied mich dann sogar für den Kauf zweier neuer Hosen, und ein paar Hemden und Shirts. Voll gepackt lief ich zurück zum Auto.

Zu Hause angekommen, zog ich mir erst mal meine Wohlfühlklamotten an, machte mir einen Kaffee und genoss eine Zigarette. Das Telefon klingelte.

„Christopher Miller?“

„Von Gutendorf, hallo Christopher.“

„Hallo Gerlinde, dass ist aber eine Überraschung. Aus welchem Grund rufst du an?“

„Aus einem sehr erfreulichen, denke ich, eigentlich aus zweien!“

„Schieß los und spann mich nicht so auf die Folter.“

„Was machst du übernächstes Wochenende?“

„Da habe ich noch nichts vor, warum?“

„Da bist du recht herzlich ins Rathaus eingeladen, zusammen mit den ganzen Einwohnern eures Hauses.“

„Hat das einen bestimmten Grund?“

„Dass darf ich noch nicht verraten, nur soviel, zieh deine besten Klamotten an.“

„Dies verstehe ich jetzt zwar nicht, ist ja egal und was ist der zweite Grund?“

„Mein Mann möchte sich endlich mit Andreas aussprechen, ich denke wenn Thomas Eltern sich aufgerafft haben, sich mit ihrem Sohn wieder zu vertragen, kann das Gerhard auch.“

„Das freut mich jetzt aber. Soll ich Andreas schon was erzählen?“

„Nein, behalte es bitte noch für dich, sein Vater will ihn damit überraschen.“

„Geht in Ordnung, aber es ist ihm klar, dass Andreas hier bei Thomas wohnen bleiben wird.“

„Ja, da hat er zwar noch daran zu knabbern, aber dass wird er auch noch akzeptieren denk ich. Wird ihm nichts anderes übrig bleiben, sonst gibt’s Ärger mit mir.“

Seit Gerlinde sich sehr in der Stadt engagierte, hatte sie sich auch verändert. Sie war viel selbstbewusster geworden, und somit viel stärker.

„Schon gut.“

„Also Christopher, das war eigentlich schon alles, wir sehen uns dann spätestens in zwei Wochen.“

„Gut Gerlinde, einen schönen Tag dir noch.“

„Dir auch, tschüß.“

„Tschüß.“

Das war jetzt wirklich eine Überraschung. Aber was sollte die Einladung ins Rathaus. Gedanken verloren schalte ich meinen Computer ein. Sie haben keine neuen Nachrichten. Gut das bedeutete schon keine Arbeit für mich. Ich legte mich einfach auf die Couch und wenig später war ich schon eingeschlafen.

„He Großer aufwachen … essen ist fertig.“

Ich öffnete die Augen und sah Micha vor mir.

„Du bist schon zu Hause?“ Wie spät haben wir es denn?“

„Hast du den ganzen Morgen hier gelegen?“

„Scheint so. ich war ein wenig fertig, da legte ich mich hin und weg war ich. Oh Gott, Nico…“

“Keine Sorgen, den habe ich abgeholt. Er ist in seinem Zimmer und macht Hausaufgaben. Ich war etwas früher heute dran, und als ich heim kam und dich so schlafen sah, dacht ich, ich lass dich einfach. Hast ja auch genug um die Ohren.“

„Danke mein Schatz“, sagte ich und zog ihn zu einem Kuss zu mir herunter.“

„Wenn ihr mit der Knutscherei fertig seid, könnten wir dann essen, ich habe Hunger.

Nico stand frechgrinsend an der Tür.

„Ja wir kommen Nico, ich muss dem alten Mann hier nur noch aufhelfen.“

„Pah, alten Mann, sei vorsichtig was du sagst“, gab ich lachend an Michael.

***

Am Abend fuhr ich dann mit Dennis zum Internetcafe. Eine gewisse Unruhe, war schon da bei uns beiden. Ich bestellte mir einen Kaffee und Dennis eine Cola. Wir sahen jedes Mal auf wenn die Ladentür aufging.

„Wie soll er uns überhaupt erkennen?“, fragte ich Dennis.

„Straßenkinder haben eine gute Menschenkenntnis, er wird uns schon finden“, versuchte Dennis mich zu beruhigen.

„Bei seinem letzten… Date anscheinend nicht“, erwiderte ich.

„Das war ein Fake“, sagte Dennis.

„Was ist ein Fake?“

„Das ist ein Mensch, der das blaue vom Himmel herunter lügt, und so ein falsches Bild von sich erscheinen lässt.“

„Und gegen solche kann man wahrscheinlich nichts unternehmen.“

„Wenn sie nicht aufgegriffen werden, nein, dann nicht. Bei den Strichjungen geht ja auch niemand zur Polizei und zeigt sie an.“

„Das ist so eine blöde Grauzone, und mich ärgert es, dass man da überhaupt nichts tun kann.“

„Beruhig dich Christopher, im Augenblick versuchen wir ja etwas zu unternehmen.“

Ein Junge saß die ganze Zeit am Nebentisch. Erst als er aufstand und an unseren Tisch kam, bemerkten wir ihn.

„Sascha?“

Er nickte. Ich wies auf den Stuhl neben mir. Vorsichtig, mit Schmerz verzehrtem Gesicht, setzte er sich neben mich.

3.

„Starke Schmerzen?“, fragte Dennis.

„Ja, aber noch kann ich sie ertragen“, antworte der Junge.

„Ich heiße Dennis und das ist ein Freund, Christopher. Ist Sascha dein richtiger Name oder ist das dein Name für die Straße?“

„Du kennst dich aus“, gab der Junge von sich.

„Ja, war selber vier Jahre „on Street“, sagte Dennis.

„Und wie hast du den Absprung geschafft?“

„Dank meines Freundes Christopher hier. Er hat mir alles ermöglicht, was ich bis jetzt erreicht habe.“

„Übertreibst du jetzt nicht etwas Dennis?“ warf ich ein.

„Doch Chrisi, wenn du nicht wärst, wäre ich jetzt nicht mit Kristin zusammen und hätte auch keine Lehrstelle.“

„Schön und gut, aber wie hilft das jetzt Sascha hier weiter?“

„Frank, ich heiße Frank“, sagte der Junge.

„Willst du dir von uns helfen lassen?“, fragte Dennis.

„Ihr scheint okay zu sein. Und wie wollt ihr mir helfen.“

„Wenn du nichts dagegen hast, suchen wir erst mal einen Freund auf, und lassen dich verarzten.“

„Ihr habt viele Freunde, oder?“

„Ja schon“, sagte ich.

„Und warum macht ihr das? Ihr helft einfach wildfremden Leuten?“

„Weil es uns Spaß macht zu helfen, Frank.“

In Franks Gesicht war wieder eine Spur mehr Misstrauen zu sehen.“

„Keep cool, Kleiner. Du kannst Christopher wirklich vertrauen, er hat selber einiges durchgemacht.“

„So, was denn?“, fragte Frank fast schon ein bisschen abfällig.

„Christopher ist zum Beispiel im Heim aufgewachsen, er hat keine Eltern mehr…“, sagte Dennis etwas lauter.

Ich wollte ihn schon abhalten, lauter zu werden, doch er wehrte mich ab.

„Lass ihn doch, Christopher, wenn er sich nicht helfen lassen will, dann lassen wir es. Nico zu Hause braucht unsere Hilfe genauso, also lass uns heimfahren.“

Frank war blass im Gesicht geworden, genau dass, was Dennis anscheinend erreichen wollte, es zeigte Wirkung.

„Was ist dem … Nico passiert?“, fragte Frank.

„Er musste mit ansehen, wie seine Eltern verbrannten“, antwortete Dennis.

„Dennis bitte“, warf ich ein, mir schien als würde Dennis jetzt doch zu weit gehen.

„Ja ich höre auf, komm wir gehen, zahlst du?“ wandte er sich an mich und zwinkerte mit einem Auge, für Frank nicht sichtbar, mir zu.

Ich wusste zwar nicht was er vorhatte, aber es blieb mir jetzt nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.

Gut ich geh schon mal vor und zahle“, meinte ich.

„Nehmt mich bitte mit, ich kann nicht mehr“, sagte Frank plötzlich, an seinen Wangen liefen Tränen hinunter.

„Also gut, hör zu, wir bringen dich jetzt zu einem Arzt und dann bekommst du ein Zimmer bei mir…, alles Weitere können wir später regeln“, meinte Dennis.

„Hast du so was wie eine Pension?“

„Nein, wir haben alle eine eigene Wohnung und da habe ich ein eigenes Zimmer für dich.“

Ich merkte wie unsicher Frank immer noch war. Ich setzte mich noch mal zu ihm, und startete selber einen Versuch.

„Hör mal Frank, ich bin vor zwei Jahren aus dem Heim entlassen worden, weil ich achtzehn geworden war. Ich hab vom Amt, damals eine Wohnung bekommen. Das Haus stand bis zu dem Zeitpunkt leer.

Ich bekam das Angebot gemacht, mich um Jugendliche und junge Erwachsene zu kümmern, die mir folgten und einzogen. Mittlerweile sind wir eine ganze Menge und wie eine große Familie.

Jeder von uns hat irgendetwas erlebt bevor er zu uns kam. Dennis hier, war selber auf der Strasse, bevor er zu uns kam, dass ist schon die Wahrheit. Er und seine Kirstin haben sich bereit erklärt, dich bei ihnen aufzunehmen.

Du darfst bei ihnen wohnen und hast dort sogar ein eigenes Zimmer. Das ist ein Angebot, dass sie nur dir machen. Nimm es an oder lass es.“

„Und warum macht ihr das? Ich verstehe das nicht“, meinte Frank.

„Weil wir alle irgendwie in solch einer Situation wie du waren, und froh sind jemanden gefunden zu haben, der uns hilft. Und nun helfen wir selber, weil wir einfach denken, wir geben anderen die gleiche Chance wie wir sie bekommen haben“, sagte Dennis, der sich auch wieder gesetzt hatte.

„Wir sind niemanden etwas schuldig, wir machen das freiwillig, weil wir eben dankbar sind“, hängte ich noch dran.

„Gut, in Ordnung. Können wir gehen, denn ich glaube ich fange wieder an zu bluten“, sagte Frank.

„Mensch Junge, sag doch etwas, wir fahren sofort zum Arzt“, sagte ich besorgt.

Frank machte den Versuch, auf zustehen. Sein Gesicht sprach Bände, was er für Schmerzen ertragen musste. Er tat mir so leid. Sein Misstrauen uns gegenüber, verstand ich, aber ihm musste geholfen werden. So schnell ließ ich ihn jetzt nicht mehr von der Angel.

„Kann ich dich auf den Arm nehmen, oder kannst du laufen?“, fragte Dennis.

„Hey, ich bin schon dreizehn“, sagte Frank einwenig sauer.

„Egal und ich könnte dein großer Bruder sein, also tu nicht so empfindlich.“

„Ist ja schon gut.“

Dennis nahm Frank auf den Arm, und trug ihn aus dem Laden hinaus zum Auto. Vorsichtig setzte er ihn auf die Rückbank meines Wagens.

„Und nun so schnell wie möglich zum Arzt. Du weißt wo der ist?“

„Ja und per Handy hab ich ihm auch schon Bescheid gegeben.“

***

Der Arztbesuch würde mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ich hatte noch nie einen Jungen mit so vielen Verletzungen gesehen. Überall verschrammt, blaue Flecke, Blutergüsse. Das was mich am meisten entsetzte, war, dass er regelrecht vergewaltig worden sein muss.

Jetzt lag er friedlich schlafend in seinem Bett und Kristin schaute ab und zu nach ihm.

„Das wäre geschafft. Nun muss er nur noch bleiben wollen und uns nicht als Zwischenstadion auf seinem Weg sehen. Er muss verstehen, dass wir ihm die Möglichkeit geben, abzuspringen“, sagte ich zu Dennis.

„Keine Sorge Chrisi, ich denke du hast ihn schon beeindruckt. Im Bad vorhin, hat er alles Mögliche wissen wollen von dir“, meinte Dennis.“

„Echt?“

„Ja, er wird es schaffen, so wie wir alle auch. Danke Chris, danke einfach, dass du für uns da bist.“

Ich zog mich zurück in meine Wohnung und besprach das erlebte mit Michael. Irgendwie kamen mir die Tränen. Michael tröstete mich auf seine Art, weil er mir nachfühlen konnte, was ich empfand.

Ich würde gerne mehr helfen, merkte jedoch, wie sich jetzt langsam meine Grenzen auf tat. Ich war enttäuscht, dass ich nicht mehr tun konnte. Aber Micha gab mir zu verstehen, dass ich doch recht viel schaffe.

Er machte mir verständlich, was ich schon alles erreicht hatte und er war sich sicher, dass ich bestimmt noch vielen helfen konnte. Wie meinte er, ich würde im Kleinen helfen, aber bei denen, wo ich helfen würde, hätte das große Auswirkungen.

***

Die zwei Wochen bis zu der Veranstaltung im Rathaus vergingen im Flug. Jeder von uns hatte eine schriftliche Einladung bekommen.

Frank erholte sich schnell. Jeden Tag fuhr ich mit ihm zum Arzt und seine Verletzungen klangen ab. Auch das Gespräch mit Direx Schlüter verlief prima, nach den Ferien konnte Frank wieder zur Schule gehen.

Eine Rückführung zu den Eltern war unmöglich. Die Mutter war tot und der Vater ein Trinker. So bekamen Dennis und Kristin, die Vormundschaft gemeinsam mit dem Amt von Monika, der Richterin, zugesprochen.

Mit drei Wagen fuhren wir alle zum Rathaus. Ein wenig verwundert war ich schon, als ich eintrat und fast die gesamte Stadtprominenz vorfand. Wir setzten uns auf die zugewiesenen Plätze und warteten, dass die Veranstaltung begann. Der Bürgermeister selber trat ans Rednerpult.

***

„Normalerweise, halte ich meine Reden kurz, wenn junge Menschen anwesend sind, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ermüdend solche sein können.“

Ein Raunen ging durch den kleinen Saal.

„Aber wir sind heute zusammen gekommen um einen jungen Menschen zu ehren, der es sich zum Ziel gemacht, anderen in Schwierigkeiten zu helfen, ohne nach dem „Wie“ und „warum“ zu fragen.

Aber nicht nur ich habe etwas zusagen, sondern auch noch ein paar andere Gäste.“

Jetzt erst merkte ich, dass der Bürgermeister mich meinte. Meine Gesichtsfarbe wechselte ins tiefe Rot und ich spürte Michas Hand an meiner, wie er sie fest zudrückte und mir ermutigend zu lächelte.

Dann war ich erstaunt, dass plötzlich Mr. Lukas am Rednerpult stand.

„Meine Damen und Herren, ich hoffe sie üben Nachsicht, für mein schlechtes Deutsch, hoffe aber, das sie mich trotzdem verstehen.

Als ich Christopher vor zwei Jahren kennen lernte, sprühte er vor Ideen und Tatendrang. Das ist bis heute so geblieben.“

Ein kleiner Applaus ging durch die Menge und ich fühlte mich immer unbehaglicher.

„Durch seine Hilfe wurde in den Staaten eine Stiftung gegründet, die sich, wie hier, um junge Erwachsene kümmert und ihnen die Möglichkeit schafft, etwas mit ihrem Leben anzufangen. Ich finde, so eine Tatkraft, wie sie hier unser Christopher Miller an den Tag legt, gehört honoriert, deswegen sind wir ja auch zusammen kommen.“

Ein lauter Applaus schloss die kurze Rede von Mr. Lukas und ich wurde sichtlich nervöser, weil ich nicht wusste was auf mich zukam. Direx Schlüter trat hinter das Pult.

„Ich kenne Christopher Miller noch nicht so lange wie einige von Ihnen hier, aber er hat mich in kürzester Zeit davon überzeugt, dass man mit kleinen Schritten, auch Großes vollbringen mag.

Seine Ideen zur Wiedereingliederung von Jugendlichen in die Schulen, haben uns sehr geholfen, mit dem Thema besser umzugehen. Dank ihm, konnten wir einen Jungen wieder voll in die Klassengemeinschaft einbringen.“

Nico schaute mich an und lächelte mir zu.

„Eine weitere Person, wird nach den Ferien folgen, und ich hoffe, dass wir so die Möglichkeit haben, noch mehr wieder in die Schule zu ziehen, sie wissen selber, wie wichtig Bildung heute ist.“

Erneut brauste kurz ein Applaus auf, Julius und Monika traten gemeinsam ans Rednerpult.

„Ich bin einer derjenigen, der den Christopher am Längsten kennt. Ich habe ihn herangewachsen gesehen und bin jetzt stolz, so einen Menschen meinen Freund nennen zu dürfen.“

Monika übernahm das Wort.

„Herr Brecht und ich hatten irgendwann die Idee zu diesem Jugendprogramm und Herr Miller half uns es umzusetzen. Seine Tipps waren uns eine wertvolle Hilfe. Dank seiner Hilfe haben es jetzt acht junge Menschen geschafft, ein neues Leben zu beschreiten, ganz zu schweigen, die zahl derer, die in den Staaten diese Möglichkeit bekommen haben.“

Ein weiterer Applaus unterbrach nun jetzt auch Monika. Ich war gerührt und gleichzeitig glücklich über die Worte meiner Mitstreiter.

Deswegen ist es mir eine besondere Ehre, hier heute Christopher Miller eine Dankesurkunde der Stadt überreichen zudürfen. Kommst du bitte Christopher.“

Meine Mitbewohner johlten und klatschen wie wild, als ich aufstand. Meine Tränen machten sich selbstständig, als ich zu Monika kam. Sie nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich, ebenso Julius.

Der Bürgermeister schüttelte mir kräftig Hand und trat erneut ans Mikrophon.

„Ich hätte da noch zwei kleine Sachen hinzuzufügen. Einmal habe ich hier einen Scheck von 250.000 Euro bereitgestellt von unserer Stadt um das Programm weiter zu fördern, und zweitens den Kaufvertrag für das Nachbarhaus neben dem Ihrigen, um dort noch mehr junge Menschen unterbringen zu können“, sagte der Bürgermeister.

Total gerührt bekam ich die Urkunde, den Scheck und den Kaufvertrag in die Hand gedrückt. Der Applaus schien nicht zu enden. Julius schob mich zu Mikro hin.

„Entschuldigung, liebe Leute, jetzt bin ich aber wirklich sprachlos. Das ist schon fast zuviel was hier bis jetzt passierte“, sagte ich und legte die Unterlagen aufs Rednerpult.

„Als ich vor zwei Jahren in meine Wohnung zog, war dies ein großer schritt für mich. Bisher war ich ja in Heim untergebracht, hatte eine Lehrstelle.

„Aber das erste Mal merkte ich wie es ist, für sich alleine zu sein, aus dem Schoss der gewohnten Umgebung heraus genommen und auf sich selber gestellt zu sein. Ich habe meine Eltern mit elf Jahren verloren und trotzdem fand ich Menschen, die für mich da waren. Sie konnten zwar nie meine Eltern ersetzen, aber sie halfen mir wo es nur ging.

Raus aus dieser Umgebung, einen neuen Abschnitt beginnend entschloss ich mich, diese Liebe, die ich erfahren habe, weiter zu geben, an Menschen die das gleiche Schicksal oder Schlimmeres erfahren hatten.

Einer meiner Mitarbeiter stellte mir die Frage, worin der Sinn des Lebens besteht. Ich habe diesen Sinn für mich bereits gefunden, einfach für andere Menschen da zu sein und ihnen zu helfen, wenn sie es nötig haben.

Es gibt nichts Schöneres als den Dank derer in den Augen zu lesen, zu spüren, wieder hast du einen Menschen glücklich gemacht. Das habe ich mir als Ziel gesetzt und mit dem Geld und dem neuen Haus, haben sie Herr Bürgermeister und die Stadt neue Möglichkeiten gegeben, dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Ich weiß selber, wie es in unserem Rechtsstaat aussieht und Misshandlungen, Verstoßungen oder einfach nur der Tod der Eltern junge Menschen wie mich aus der Bahn werfen können, aber mit diesen Mitteln, können wir wieder einigen unter die Arme greifen und einen Neustart ermöglichen. Und ich bin froh um jede Unterstützung die ich bekomme. Danke Ihnen allen.“

Unter lautem Applaus bedankte ich mich noch einmal per Handschütteln bei den Umstehenden. Michael hielt mir ein Taschentuch hin, damit ich mir endlich die Tränen abwischen konnte.

Meine Mitbewohner waren jetzt alle an mich heran getreten und gratulierten mir zu dieser Ehrung. Aus dem Augenwinkel sah ich heraus, wie Herr von Gutendorf auf uns zukam. Ich ging zu Andreas und drehte ihn zu seinem Vater.

Sie schauten sich lange an und fielen sich dann in die Arme. Wieder schossen mir die Tränen vor Rührung in die Augen, und Gisela nickte mir lächelnd zu. Michael kam und nahm mich in seinen Arm.

„Siehst du, es geht immer weiter Christopher. Die Stadt schenkt dir neuen Möglichkeiten und die Zahl derer, die dich besser gesagt uns, in unserer Sache unterstützen werden auch immer mehr“, sagte Michael, „ und ich kann nur sagen, ich bin überglücklich, dass du mein Freund bist!“

Er nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich. Jeder meiner Mitbewohner tat das Gleiche.

Ich stand nun inmitten derer, die für mich jetzt wie eine Familie waren, und ich wusste, dass diese Freundschaften, die mir hier zuteil wurden, ein Leben lang halten würden. Ich wusste zwar, dass jetzt neue Arbeit auf mich zukam, aber ich wusste auch, dass ich liebe Menschen um mich hatte, die mir mit ihrer Hilfe und Liebe zur Seite standen.

Wenn ich zurück dachte, wie es angefangen hatte und was alles daraus entstanden ist, fielen mir die Worte von Michael ein.

Man kann mit vielen kleinen Sachen, große Dinge bewegen. Und das war etwas, woran ich auch in Zukunft festhalten wollte.

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