Welcome Kapstadt – Teil 9

» Was? Wo ist er? «
» Shaun, bitte. Lass uns schlafen, wir wollen doch morgen früh raus. Ich erzähl dir alles, aber jetzt nicht. Einverstanden? «
Ich konnte seine Reaktion im Dunkeln nicht sehen, bildete mir aber ein dass er nickte. Und es zog mich zu ihm hin. Ich wollte nicht alleine auf meiner Hälfte schlafen in dieser Nacht, ich konnte es einfach nicht.
» Erst mal wechseln wir aber noch den Verband an deinem Finger. Ich hab’s Case versprochen. «
Natürlich, ich hatte wieder nicht daran gedacht.
Shaun stand kurz darauf mit Verbandszeug und der Salbe neben mir. » Wir müssen da einfach dran denken « sagte er knapp.
Gekonnt entfernte er die Binde und zu meinem Erstaunen sah mein Finger schon ganz ansehnlich aus.
» Aber hallo. Das dauert keine Woche mehr, dann kannst du wieder… dann ist das wieder in Ordnung. «
Was er damit meinte?
Seine Hände waren wirklich flink und ein paar Minuten später hatte ich einen neuen Verband.
» Danke « sagte ich und unter normalen Umständen wäre ein kleiner Kuss angebracht gewesen, aber ich hielt mich zurück.
» Keine Ursache. Du musst mich einfach dran erinnern, ich bin so vergesslich. «
» Werd ich tun « antwortete ich, ohne näher auf seine Aussage der Vergesslichkeit einzugehen.
Wir legten uns wieder hin und Shaun löschte das Licht.
Es war für mich einfach unerträglich so weit weg von ihm. » Shaun, darf ich.. darf ich mich neben dich legen? «
Ich wusste dass ich gerade jetzt viel von ihm verlangte, aber meine Sehnsucht nach seinen Berührungen war unbeschreiblich.
» Klar, komm « sagte er leise und ich begann zu schweben. Nichts als neben ihm zu liegen. Ihn festzuhalten, mit ihm im Arm einzuschlafen.
Langsam rückte ich zu ihm, er schlug seine Decke auf und so konnte ich drunterkrabbeln. Ich schob meine Hand unter sein T-Shirt, legte sie auf seinen Bauch und drückte mich eng an ihn. Ich ging einfach davon aus dass er damit rechnen musste, auch wenn es trotzdem ein Risiko war so mit seinen Gefühlen zu spielen.
Und da war er wieder, dieser süße Duft, diese Wärme. Überhaupt seine weiche Haut zu spüren. Ich schlug die Decke um unsere Körper und schloss die Augen. Ewig wollte ich so neben ihm liegen, für den Rest meines Lebens.
» Shaun? «
» Ja? «
» Es stört dich doch nicht, oder? «
» Was soll mich stören? «
» Ich. «
» Dummkopf « antwortete er ganz leise.
Und dann drehte er sich zu mir. Unsere Nasenspitzen waren ein paar Zentimeter voneinander entfernt, sein warmer Atem umhüllte mein Gesicht. Ich fuhr ihm durch die Haare, streichelte über seine Wangen, seine Nase, sein Kinn, seinen Hals. Dabei beließ ich es, dort ließ ich meine Hand liegen.
Ich spürte sein Herz klopfen, wie ruhig er atmete. Das alles war wie ein Rausch und er wurde noch schöner, als ich plötzlich eine Hand fühlte. Shaun knöpfte mein Schlafanzughemd auf und legte sie auf meinen Bauch und dort ließ er sie liegen. Mit einem Mal verschwammen die Ängste und Sorgen wie im Nichts. Schöner konnte es gar nicht mehr werden, das war die Erfüllung meiner Träume. Dass mein kleiner Freund schwieg war nach all dem nur zu verständlich. Das alles hier brauchte seine Zeit, und nun betete ich, dass sie kommen würde. Kommen musste. Irgendwann. Nur da, da war es mir egal dass nicht mehr passierte.
Shauns Atem wurde heißer, er streckte die Zunge heraus und leckte mir über die Lippen. Ich tat es ihm nach. Wie das kitzelte als sich unsere Zungenspitzen trafen – es glich einem leichten Stromschlag durch meinen ganzen Körper. Seine Zunge war nicht wild, ganz zärtlich spielte sie mit meiner und wir wuschelten uns durch die Haare. Ich genoss es, unendlich, ließ mich hinabfallen in meine Gefühle. Sog jede Sekunde in mir auf, brannte sie in mein Hirn. Bewusster schmecken, fühlen und riechen wie in diesem Augenblick kann man gar nicht.
» Gute Nacht « hörte ich seine leise Stimme nach einer Weile wie aus fernem Nebel.
Meine zitternden Fingerkuppen umspielten seine Schläfe, ließen sich von den winzigen Bartstoppeln kitzeln. » Gute Nacht, Schnucki. «
Völlig aufgelöst durch die letzten Minuten starrte ich zur Decke, die ich nicht sehen aber ahnen konnte. Alles musste gut werden. Alles.
Er drückte seine Wange an meine und umklammerte mich, näher können zwei Menschen gar nicht beieinander sein. Ich schloss die Augen und diese Berührung entschädigte mich für alles, was in der letzten Zeit passiert war. Wir mochten uns nicht nur, das war wirklich Liebe. Das musste sie einfach sein. Zumindest beschloss ich das in diesem Augenblick. Einen anderen Gedanken ließ ich nicht zu.
Daggi tauchte plötzlich auf. Sie schimpfte und fluchte, ich sah mich mit meinen Eltern in einer wilden Diskussion und hörte Fritz am Telefon wüste Sachen sagen. Niemand dort wollte mich gehen lassen. Meine Mutter heulte, mein Vater rannte aufgebracht im Zimmer auf und ab. Genau verstanden hab ich kein Wort, nur dass er laut und wütend war. Und ich war verängstigt. Shaun wartete doch auf mich, der einzige Mensch in meinem Leben der mir etwas bedeutete. Ich musste zu ihm, das sagten meine Gefühle und mein Verstand. Niemand konnte es mir verbieten. Herr Lobig. Ich sah, wie er mich über seine Lesebrille anstarrte und eine Standpauke hielt. Wie ich dazu käme, die Schule zu verlassen nur um in einem fremden Land Dummheiten zu machen. Jugendlicher Leichtsinn oder so ähnliche Sachen hörte ich ihn sagen. Dabei hatte ich nie etwas gegen unseren Rektor, aber nun kam er mir vor wie ein aufgeblasener Clown in einem Zirkus. Mit dickem Bauch, roter Pappnase und gekünsteltem Grinsen. So wie alle Gestalten dieses Szenarios unecht wirkten. Marionetten, mehr mögen es nicht gewesen sein. Geführt von den Fäden des Lebens. Aber es waren nicht ihre eigenen, sie wurden gesteuert. Und ich als einziger würde mich nicht führen oder steuern lassen, niemals.
Ich schlug die Augen auf, mein Herz klopfte wie wild und ich hatte das Gefühl, als säße ich in einer Badewanne.
» Du hast wieder Fieber « hörte ich Shaun leise sagen, » bist ja völlig nassgeschwitzt. «
Ich setzte mich schlagartig hoch. Das konnte, das durfte nicht sein. Nicht schon wieder. Ich fühlte meine Stirn und sie war heiß. Entsetzt starrte ich zu Shaun, der sich ebenfalls aufgesetzt hatte.
» Das ist nicht wahr, oder? Ich … nein, das ist nicht so. Ich kann kein Fieber mehr haben.. Ich hab schlecht geträumt..« Meine Stimme zitterte und ich geriet in Panik.
» Ja, und das hast du weil es dir nicht gut geht. Du hast im Traum geredet und mit den Armen um dich geschlagen. Ich geh runter und Case rufen. «
Ich hielt ihn am Arm fest. » Nein, tu das nicht, bitte. Wir wollen doch wegfahren.. «
» Schon, aber in deinem Zustand fahren wir wohl eher nirgendwo hin. «
Ich sah ihn nur verschwommen das Zimmer verlassen. Ein Blick auf den Wecker, es war drei Uhr Morgens. Ich dachte noch ein paar Sekunden daran ihm nachzulaufen und ihn aufzuhalten, aber dann ließ ich mich in das schweißnasse Kissen fallen. Verdammt, wann würde das ein Ende haben? Alles hatte doch jetzt so gut angefangen.
Doktor Case wirkte so wach, als wäre er schon Stunden auf.
» Ein Nachbeben, kein Grund zur Sorge « lächelte er, nachdem er mir Puls und Fieber gemessen hatte. Die kalte Metallplatte des Stethoskops – nie werde ich mich daran gewöhnen können.
» Du hast dich aufgeregt, nicht wahr? «
Ich nickte verhalten.
» Das ist nicht gut so kurz danach. Aber keine Bange, ich lass dir ein paar Tabletten da und in ein paar Stunden ist das überstanden. Du brauchst Ruhe, ein, zwei Tage. Und nimm die Dinger, verstanden? «
Ich nickte. Ahnte oder wusste er von meiner Abneigung gegen Tabletten?
» Ich wollte mit Shaun doch heute noch nach Arniston.. « warf ich ein.
» Prima, es ist das was du jetzt tun solltest. Ähm, was ihr tun solltet. « Case’ Blick fiel auf Shaun. » Denn ich denke, du hast den richtigen Aufpasser dabei. «
Mein Schnucki nickte.
» Shaun, es war gut dass du mich gerufen hast, man kann nie wissen. Aber nun eine gute Nacht euch beiden.. Und erholt euch da unten. Schade, ich beneide euch, aber zur Zeit ist hier die Hölle los. «
Doc Case kam mir vor wie ein Geist. So schnell wie er immer da war, so schnell war er auch wieder verschwunden.
Ich lag auf dem Bett wie gelähmt. Ein kaltes Tuch senkte sich auf meine Stirn und ich sah Shaun dankbar an.
» Warum sagt Case, es wäre die Hölle los? « fragte ich ihn, während er mir ganz zart mit dem nassen Tuch über das Gesicht fuhr.
Er sah mich nachdenklich an. » Eigentlich behandelt er fast nur AIDS – Kranke. Ich weiß nicht wieviele Menschen er am Tag sterben sieht. Es ist ganz furchtbar hier. «
Ja, ich hatte es gehört und gelesen. Man registriert es und geht dann zur Tagesordnung über. Aber nun, so nah am Geschehen, bekam das eine andere Dimension.
» Wir fahren, so schnell wie möglich « unterbrach Shaun meine Gedankengänge. Und dabei schenkte er mir wieder dieses Lächeln, wegen dem alleine ich ihn schon liebte.
» Und warum nicht gleich? «
» Hm, ich glaube dass das gerade jetzt nicht so gut wäre. «
Ich fühlte mich schwach und schlapp, aber man nimmt mit 16 Jahren so manches locker hin. Und ich wollte weg.
» Komm, lass uns packen. Der Doc hat gesagt, es wäre das, was ich jetzt tun sollte. Also tun wir es. «
Er sah mich ungläubig an. » Meinst du wirklich? «
» Mensch, nun komm, jede Minute die wir warten ist eine verlorene. Wie lange werden wir fahren? «
Shaun rieb sich das Kinn. » Es werden schon fast drei Stunden bis wir da unten sind, eher mehr. «
» Siehst du, in der Zeit kann ich mich erholen. «
Mit diesen Worten stand ich auf, nahm schnell eine der Tabletten die Case mir dagelassen hatte, spülte sie mit einem Glas Wasser hinunter und ging zu dem Schrank, in dem sich meine spärlichen Klamotten befanden.
» Was sollen wir mitnehmen? «
Shaun stand im Zimmer und starrte mich an. Er schien immer noch nicht glauben zu wollen was ich da gerade tat.
Ich stellte mich vor ihn und tippte ihm an die Stirn. » Hey, Shaun, jemand zu Hause? Was soll ich einpacken? «
Er lächelte. Nein, er lachte. Seine Grübchen kamen deutlich zum Vorschein, seine Augen glänzten. Ich konnte es nicht fassen, er schien aus einem Traum zu erwachen. Und ich in diesem Augenblick auch. Aus meinem Albtraum. Aus unserem Albtraum.
» Äh, nimm alles mit was du hast. Man kann im Herbst nie wissen wie es am Meer wird. Und in den Hotels gibt es keine Heizung. Zumindest jetzt noch nicht. «
» Na bitte, ist doch ein Wort. «
» Ich dusche kurz und zieh mich an « sagte er und verschwand mit seinen Sachen im Bad. Wieder wurde ich nachdenklich. Würde er sich denn je ausziehen wenn ich bei ihm war? Unter meinen Augen? Mit roher Gewalt schlug ich die aufkommende Resignation nieder. Es würde sich geben, geben müssen. Heute nicht, morgen nicht, aber irgendwann würde es vorbei sein. Aber jetzt wollte ich mit ihm wegfahren. Allein das zählte.
Ich hörte das Wasser laufen und versuchte mir vorzustellen, wie er nackt unter der Dusche stand. Vorsichtig ging ich zum Bad und schob die Tür einen Spalt breit auf. Natürlich sah ich nichts als seine Kontur in der Duschkabine. Seine Figur war verschwommen, ließen mich nur grob erahnen wie er wirklich aussah. Seine Boxer lag auf dem Boden, sein T-Shirt daneben. Ich hob beides auf und hielt es mir vor das Gesicht. Tief sog ich den Geruch ein, den die beiden Klamotten von sich gaben. Es war nicht zu definieren, nichts bestimmtes oder markantes. Aber trotzdem war da etwas und meine Sinne wurden dadurch vernebelt. Sicher nur durch den Gedanken, dass sie von ihm stammten.
Ich weiß nicht, wie lange Shaun mir dabei zugesehen hat. Ich hatte im Taumel der Gefühle nicht bemerkt, dass er den Duschvorhang geöffnet und nach seinem Handtuch gegriffen hatte. Dabei erwischte er mich, vertieft in seinen Klamotten riechend.
Wir starrten uns an. Ich brachte kein Wort heraus, wie auch. Aber ein Lächeln gelang mir. Warum sollte er es nicht wissen? Was hatten wir zu verbergen? Und dann grinste er mich an – und zum ersten Mal sah ich meinen Schnucki nackt vor mir. Ich traute mich zunächst nicht, ihm zwischen die Beine zu sehen, aber einen sekundenlangen Blick erlaubte ich mir dann doch. Er war nicht beschnitten und auch sonst nicht zu groß oder zu klein, aber dennoch fuhr es mir durch den Bauch. Seine Figur, die unbehaarte Brust mit den zwei niedlichen Knöpfchen, die schmale Taille, der glatte Bauch, der dünne Strich feiner Härchen von seinem Bauchnabel abwärts, das kleine, aber dichte Haarpolster um seinen Penis. Adonis war nicht weit von ihm entfernt.
Shaun wurde ein bisschen rot und ich sah ihn gern so verlegen. Immerhin war er vier Jahre älter und ich bekam dadurch das Gefühl, ihm ein bisschen überlegen zu sein.
So standen wir da. Ich seine Klamotten in der Hand, er völlig nackt und unsere Augen waren aufeinander fixiert. Es kam mir vor wie ein Stummfilm. Man sieht die Handlung, muss sich aber voll darauf konzentrieren was gesagt werden könnte und denkt sich seinen Teil. So sprachen seine Augen zu mir und meine zu ihm. “Ich liebe dich, unendlich, bis ans Ende meiner Tage.”
Er streckte die Hand nach mir aus. » Kann ich meine Sachen wiederhaben? «
Schon wie er die Frage stellte. So lieb und ohne Vorwurf.
Es dauerte ewige Sekunden bis ich von meiner Wolke herunterkam und wortlos hielt ich ihm seine Klamotten hin, ging dann aber auch sofort aus dem Bad. Ich wollte es nicht provozieren.
Ich stand in seinem Zimmer und versuchte das gerade erlebte zu ordnen. Immer wieder sah ich zur Badezimmertür und obwohl ich meinen Freund nicht sehen konnte, fixierte sich sein Bild. Er hatte sich endgültig eingebrannt in meinen Kopf. Wir gehörten zusammen, Zweifel gab es nicht.
Nachdem auch ich geduscht und mir frische Sachen angezogen hatte, packten wir unsere Sachen zusammen und gingen so leise wie möglich die Treppen hinunter.
Shaun legte seiner Mutter einen Zettel auf den Küchentisch, sie solle sich melden wenn sie wach war. Mir war es wirklich recht, denn so konnte uns niemand aufhalten.
Ich drehte die Heizung in dem Auto auf, es war noch dunkel und kühl. Insekten leuchteten im Scheinwerferkegel vor Shauns Golf auf und sahen aus wie kleine Sternschnuppen. Sollte ich mir bei jeder etwas wünschen? Ja, ich tat es, so unsinnig und kindisch mir das auch vorkam. Shaun war ein sicherer Fahrer, das hatte ich nach den ersten hundert Metern bemerkt und das monotone Geräusch des Motors lullte mich ein. An Shauns Seite würde ich um die Welt fahren.
Wir fuhren auf der Autobahn Richtung Brodersdorp und waren fast alleine auf der Straße. Shaun hatte das Radio angemacht und der lokale Sender brachte genau die Musik, die ich so liebe. Und die Stimme des Moderators war sanft und weich, so wie die meines Fahrers. Ohne etwas ringsum zu sehen wusste ich in diesem Augenblick ganz genau, das sich das nie mehr vermissen möchte.
» Ein paar Kilometer müssen wir Gravel Road fahren. Wird nicht sehr angenehm « sagte Shaun nach einer Weile.
» Was ist das? » Ich hatte eine Hand auf seinen Schenkel und meinen Kopf an seine Schulter gelegt und er wehrte sich gegen diese Berührung nicht.
» Unbefestigte Straße. Steinchen, Löcher, Wellen. Wir werden langsam fahren müssen, sonst fällt mein Auto auseinander. «
Wie schön. Langsam fahren. Ewig fahren.
» Macht doch nichts « sagte ich.
Er lächelte. » Naja, dir sicher nicht.. Wie geht es dir? «
Ich seufzte. Wie es mir ging fragte er. » Hat Doc Case eigentlich schon den Nobelpreis? «
Shaun lachte. » Wie meinst du das? «
» Er hat mir das Leben gerettet. Und heute dafür gesorgt, dass es mir so gut geht wie noch nie in meinem Leben. «
Mein Schnucki grinste breit über das ganze Gesicht. » Kannst ihn ja vorschlagen. «
Er fuhr nicht schnell und ich hatte das Gefühl, er tat das extra. So konnte Shaun ohne Probleme eine Hand vom Lenkrad nehmen und mir über das Gesicht streicheln. Nur Daunenfedern fühlen sich so zärtlich an. Ich fasste seine Hand und drückte sie.
» Shaun? «
» Was gibt’s? «
» Was ist wenn ich hier bei dir bleibe? «
» Was soll sein? Dann ist der hübscheste, zärtlichste und liebste Junge den ich je kennengelernt habe, für immer bei mir. Er wird hier weiter zur Schule gehen, er wird studieren und mit mir zusammenleben. Wo ist das Problem? «
Ich dachte viele Kilometer über seine Worte nach.
» Ich habe kein Geld, jemand müsste für mich das alles bezahlen. Meine Schwester – naja, reich sind die nicht. «
» Deine Eltern, sie müssten wohl für deinen Unterhalt aufkommen. Oder du jobbst. Es gibt gerade in der Nähe der Unis viele Möglichkeiten. Unter anderem bin ich ja auch noch da. «
» Shaun, ich will dir nicht auf der Tasche liegen. Niemals. «
» Wieso? Du kannst es ja zurückzahlen. Es ist dir sicher nicht entgangen dass es uns nicht schlecht geht. Und damit eines klar ist: Du sollst nicht den Eindruck haben, dass ich dich damit kaufen will. «
Ich knuffte ihm in die Seite. » Das würde ich, wenn wir uns nicht lieb hätten. Aber damit ist das ja kein Thema. Willst du mich noch mal kneifen, wegen dem Traum? «
Wieder dieses umwerfende Lächeln, bei dem die Grübchen sogar im Dunkel des Autos sichtbar wurden.
Kräftig zwickte er mich an der Nase.
» Und, ist’s ein Traum? «
Ich schüttelte nur den Kopf, denn mit tränenerstickter Stimme wollte ich nichts sagen.
Es begann zu dämmern, allmählich wurden die Konturen der Landschaft sichtbar. Viele Felder ringsum.
» Das ist die Kornkammer am Kap. «
Ich nickte nur, denn in diesem Augenblick ging die Sonne über den sanften Hügeln auf. Mild tauchte der Stern die Landschaft ins Licht, und solche Farben hatte ich noch nie gesehen. Mir verschlug es die Sprache, was selten genug vorkam. Es wurde immer schwieriger, nicht an einen Traum zu glauben.
» Wo nimmst du all die Tränen her? « fragte mich mein Fahrer nach einer Weile.
» Weiß nicht. Aber vielleicht ist es schlimmer überhaupt nicht weinen zu können « .
Er legte seinen Arm um meine Schulter und steuerte den Wagen mit nur einer Hand. » Ja, nicht weinen zu können dürfte das Schlimmste sein, was einem Menschen passieren kann. «
Viele Kilometer fuhren wir ohne ein Wort. Und es war schön, mit den Fingern jener Hand zu spielen, die um meine Schulter gelegt war. Jeder, der mir davor erzählt hätte, dass Finger etwas erotisches haben können, hätte ich auf der Stelle ausgelacht. Dennoch dachte ich wieder an etwas perverses. Den Zehen gleich, die ich gerne einmal abgeschleckt hätte. Aber in diesem Moment warf ich Moral, perverses Denken und Handeln über den Haufen. Ohne zu überlegen was genau ich tat steckte ich Shauns Zeigefinger in meinem Mund und lutschte darauf herum.
Ein kurzer Seitenblick und ich sah meinen Schnucki grinsen.
» Hey, das kitzelt « sagte er dann nur leise. » Tun das alle? «
» Was und wer? «
» Dass schwule Jungs auf Fingern herumlutschen. «
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. » Weiß nicht « sagte ich gekünstelt, » vielleicht nur, wenn sie jeden Millimeter ihres Freundes lieben. Nicht nur die eine Stelle.. «
Und Shaun sah plötzlich sehr ernst auf die Straße.
» Hab ich jetzt was Falsches gesagt? « wollte ich wissen, denn ich fürchtete zu weit gegangen zu sein.
» Nein, sicher nicht. «
Er beugte sich, ohne die Straße dabei aus den Augen zu lassen, zu mir herüber und küsste mich ganz zart auf die Schläfe.
» Du hast keine Ahnung wie sehr ich dich liebe « sagte er danach.
Ich drückte seine Hand sehr fest. » Sowenig wie du eine Ahnung von meinen Gefühlen hast. «
Wir lachten. » Gut, zwei verliebte Jungs. Kann mir gar nichts besseres denken. «
» Doch « antwortete Shaun.
» Ach ja? «
» Klar, da vorn ist eine kleine Kneipe, da machen wir erst Mal Frühstück. «
Wieso befürchtete ich hinter jedem Satz immer gleich Katastrophen?
Mitten in dieser Pampa stand am Wegrand ein kleines Haus. Ein Hund lag unter der Terrasse, auf der sich außer Tischen und Stühlen allerhand Gerümpel befand. Sachen, die man kaufen konnte.
Wenig später hatte ich eine Portion Rührei mit Speck verdrückt und nachdem der Teller leer war wusste ich, es geht mir gut. Fast auf einen Zug leerte ich die Tasse köstlichen Kaffees. Ich betrachtete die Binde um meinen Finger.
Shaun aß Brot mit Marmelade und sah meinen Blick.
» Ich hol einen neuen Verband. Warte, ich bin gleich wieder da. «
Er hatte es nicht vergessen. Nachdenklich sah ich ihm nach. In mir zog sich alles zusammen. Nein, wenn es sein musste würde ich mit Gewalt bei ihm bleiben. Niemals gab es noch so jemanden wie ihn. Nirgends auf dieser Welt.
» So, jetzt haben wir noch eine Stunde etwa, dann sind wir da « sagte Shaun, nachdem er den Verband gewechselt hatte. Mein Finger machte gute Fortschritte und ich dachte schon daran, dass dies der letzte Verband sein könnte. Weh tat der Finger jedenfalls nicht mehr.
Wenig später bogen wir in die Gravel Road ab. Es war wirklich ein fürchterliches holpern und Shaun fuhr zeitweise nur im Schritttempo. Aber so konnte ich die Gegend um uns herum richtig genießen. All die fremden Büsche und Bäume. Und man konnte auf einmal das Meer riechen. Endlich das Meer. Und am Ziel meiner Träume der letzten Tage.
In Arniston angekommen steuerte Shaun zielstrebig zu der Hotelanlage. Wider Erwarten war das kein riesiger Hotelkomplex wie man ihn ansonsten gewöhnt ist. Es waren viele kleine Häuser, weit über das Gelände verstreut. Und wir hatten so ein Häuschen ganz für uns alleine.
Shaun parkte seinen Wagen direkt vor dem Haus, und wir luden die Sachen aus. Etwas sprachlos stand ich vor unserer Unterkunft.
» Wie lange bleiben wir hier? Das ist ja wunderschön. «
» Eigentlich so lange du willst, es ist keine Saison. Vorläufig hab ich mal drei Tage festgemacht. «
Drei Tage. Würden sie etwas ändern können? Sie mussten es. Sie oder ich würde gehen müssen. Es lag nicht an mir, es lag auch nicht an Shaun. Es lag an all den Umständen um uns herum.
In dem Haus war es urgemütlich. Drei große Zimmer, ein Wohnzimmer mit einem traumhaften Kamin, ein Eßzimmer und ein Schlafzimmer. Riesig fast die Betten und ein Blick direkt auf das Meer. Die Küche war nicht klein und mit allem Schnickschnack ausgestattet. Shaun wusste schon wie man es sich gemütlich machen konnte.
Wir packten unsere Sachen in die Schränke und gingen anschließend gut vermummt in Jacken und langen Hosen an den Strand. Die Sonne schien, das Meer rollte die Wellen an den Strand und der Wind pfiff uns um die Ohren. Wir waren alleine an dem Strand.
Shaun bückte sich ab und zu um irgendwelche angespülten Muscheln, Schnecken oder Korallen genauer zu betrachten. Es war eine Augenweide ihm dabei zuzusehen. Er liebte die Natur, das wurde mir dann klar. Immer wieder zeigte er mir seine Fundstücke und erklärte mir was es damit auf sich hatte. Dabei trafen sich oft unsere Blicke die so viel mehr sagen konnten als jedes Wort.
Als er mir wieder ein schönes Schneckenhaus zeigte, nahm ich seine Hand. Ich umklammerte sie regelrecht und ich drückte wirklich fest.
Shaun sah mich an, sagte nichts mehr. Dann zog ich in zu mir, und dieser Kuss war so lang und schön wie noch nie zuvor. Und er schmeckte salzig,.. Der Wind zauste sein Haar, die Sonne beleuchtete ihn und ich wünschte mir, dass es immer so bleiben sollte. Ein paar Möwen waren die einzigen Zeugen, die sich mit ihrem Geschrei unter das Tosen des Windes mischten.
Shaun fuhr mir durchs Haar.
» Dario, es.. ist so schön mit dir. Bitte, bleib bei mir. Es wird alles gut werden. Ich weiß es jetzt. «
Ihm nicht zu glauben kam mir nicht in den Sinn. Wir legten unsere Arme um die Schultern und gingen eng umschlungen durch den weichen Sand.
Vom Meer her zogen dichte Wolken auf.
» Komm, laß uns gehen, Morgen gehen wir zum südlichsten Punkt Afrikas, heute würden wir sicher nass dabei. « Shaun musste fast schreien, so blies der Wind um uns.
Langsam gingen wir weiter zu unsrem Haus. Ein nicht zu deutendes Gefühl begleitete mich dabei. Was würde jetzt passieren? Alles oder nichts?
Wir betraten das Haus und Shaun schloss die Tür hinter uns. Zurück blieb das heulen des Windes um das kleine Gebäude.
Shaun zog seine Jacke aus und trat zu dem Kamin, der sich im Wohnzimmer befand. Dann knüllte er ein paar alte Zeitungsseiten zusammen und legte Holzscheite darüber auf den Rost.
Wenig später prasselte ein schönes, warmes Feuer und ließ den Sturm vergessen, der jetzt draußen tobte.
Rasch wurde es angenehm warm in dem Raum und ich zog meine langen Hosen aus, Shaun tat es mir nach und bald saßen wir nur noch mit Shirt und Boxer auf dem flauschigen Fell direkt vor dem Feuer auf dem Boden.
Außer dem heulen des Windes und dem prasseln des Feuers war es still. Wir hatten seit der Rückkehr vom Strand kein Wort gesprochen. Aber es war kein bedrückendes Schweigen.
Ich saß im Schneidersitz und starrte in die Flammen. Es war wie ein Traum und ein halber Meter neben mir saß Shaun, die Arme um die angewinkelte Knie geschlungen und sah ebenfalls in das Feuer.
Langsam rückte ich zu ihm. Zentimeter für Zentimeter näherte ich mich meinem Schnucki und ließ ihm damit Zeit, mir ausweichen zu können, falls er meine Nähe nicht wollte.
Aber er starrte nur immer auf die Feuerstelle. Bemerkte er überhaupt dass ich auch noch da war? Er schien mir weit weg zu sein mit seinen Gedanken.
Irgendwann war ich bei ihm, ganz dicht. Noch eine Handbreit trennte mich von ihm, als er sich plötzlich nach hinten fallen ließ und seine Arme nach mir ausstreckte.
» Komm her, mein Sonnyboy, komm. Ich will dich haben, jetzt. «
Ich war sprachlos. So schnell wie er sein T-Shirt ausgezogen hatte konnte ich gar nicht sehen. Seine Strümpfe flogen im Bogen hinterher und ich starrte auf seine nackten Füße. Sekunden unseres Fluges tauchten wieder auf. Wie er in der Anrichte stand und ich mir nichts mehr wünschte als sie einmal in meinen Mund zu nehmen.
Und seine Augen leuchteten. Er kramte in der Hosentasche und brachte ein kleines, weißes Knäuel zum Vorschein.
» Ich glaube es ist an der Zeit, dieses Teil zu erneuern « grinste er.
Mir verschlug es die Sprache. Was war mit meinem Schnucki passiert? Zum ersten Mal seit langer Zeit meldete sich mein Spielkamerad wieder. War es endlich soweit?
Ich zog mein Shirt über den Kopf und warf es auf seins, auch meine Stümpfe folgten. Und dann ließ ich mich einfach auf meinen Freund fallen, drückte ihm meine Zunge in den Mund, krallte mich an seinen Haaren fest, leckte ihm über das Gesicht, den Hals, die Brust. Alle guten Geister verließen mich in dem Augenblick und ich schob meine Hand unter den Bund seiner Hose.

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