Zauberwald – Teil 5

»Scherzkeks. Von Bremen da hoch ist es schon ein bisschen weit für einen Besuch.«
»Aber du hast ja auch mal wieder Ferien..«
»Ja, in 1000 Jahren.. «
Ich musste grinsen, trotz allem. »Naja, nun mach mal. Du, ich muss Schluss machen. Ich melde mich, okay? Ach, und Gruß an deine Freundin.«
»Ich hab keine Freundin«, sagte er knapp und leise, so dass ich es durch die Freisprechanlage fast nicht verstehen konnte.
»Was meinst du damit?«
»Ich hab gelogen.«
»Warum?«
»Ich schick dir ne Mail, okay?«
»Ja, klar. Ciao Marcus.«
Mir drehte sich wieder alles. Was sollte das denn nun bedeuten?

Tine kam auf mich zugelaufen, als würde sie mich erkennen. Groß war sie schon geworden, hatte keine weißen Flecken mehr auf dem Fell.
Frau Beier stand neben mir und zusammen betrachteten wir uns das Rehkitz.
»Hofmann bleibt?«, fragte ich knapp.
»Ja, vorerst schon. Aber es wird eine Petition geben. In ein paar Wochen wird entschieden.«
»Im Ochsen?«
»Ja. Und du solltest hier sein..«
»Garantiert.«
Ich wollte gerade in mein Auto steigen, als Michaels Auto auf Beiers Gelände fuhr. Gebannt sah ich hin, obwohl ich es nicht wollte. Michael steuerte direkt auf mich zu und ich konnte sein Lächeln sehen. Er schien sich zu freuen.
Staub wirbelte auf als er vor meinem Wagen bremste und dann aus dem Auto stieg. Hatte ich ihn eigentlich je wiedersehen wollen?
Er kam auf mich zu. Sein stolzer, aufrechter Gang, dieses braune, hübsche Gesicht. Arcos rannte mir entgegen und warf mich beinahe um.
»Er mag dich, Stefan«, sagte Michael und lächelte wieder. Ich sah weg, wollte es nicht sehen. Dieser Mensch machte mich verrückt, trotzdem vermied ich zu sagen „ich dich auch“.
»Bist du zurückgekommen?«, fragte er.
Nun musste ich ihn doch ansehen. »Nur kurz, zu Besuch. Hatte Sehnsucht nach Tine.«
»Ah, die Kleine. Ja, hat sich gut gemacht.«
»Und Hofmann?«, fragte ich.
»Man muss sehen in vier Wochen.. Wo warst du überhaupt letztes Mal nach der Kirche? Ich hab dich überall gesucht.«
Was sollte ich sagen? Dass ich ihm lieber aus dem Weg ging, weil er meine Phantasie zum kochen brachte? Er musste es doch selber wissen.
»Stefan, ich kann dich ja verstehen. Aber sieh mal, ich kann das nicht und..«
»Ist gut, Michael, vergiss es. Ich..«
»Okay, kein Problem.«
Ich lief zu meinem Auto, winkte Frau Beier noch einmal zu und ein letzter Blick zu Michael, der mir irgendwie traurig nachsah.

»Nichts mit Freunde?«, rief er mir zu.
Damit traf er mich voll. Natürlich wollte ich ihn als Freund, aber ich wollte tief im Herzen mehr von ihm. Viel mehr. Alles. Ganz. »Doch, Michael, doch«, log ich.
»Dann bleib doch.«
»Wozu?«
»Freunde haben nichts voneinander, wenn sie nicht füreinander da sind.«
Mir fiel die Predigt von Pfarrer Vogt ein. »Schön hast du das gesagt.«
»Mensch, Stefan. Was ist mit dir los?«
Ich ging zu ihm hin, damit uns Frau Beier nicht hören konnte. »Was mit mir los ist? Ich hab letzte Nacht mit einem Jungen geschlafen, das ist los.«
»Na und?«
»Wie na und? Ich hab mich gehen lassen. Wie eine Hure fühl ich mich.«
»Nun komm mal wieder runter. Sowas ist doch..«
»Was? Abnormal?« fauchte ich.
»Quatsch. Natürlich nicht.«
»So, was dann?«
»Mir scheint, man kann mit dir nicht mehr vernünftig reden. Dabei kenn ich dich anders. Ist es Eifersucht?«
Dieses Wort war mir fremd, und doch nicht. »Wer weiß.«
»Ich wünsche mir, dass du in vier Wochen hier bist. Es ist mein Wunsch, hörst du?«
»Ja, ich hab’s verstanden.«
Ich drehte mich um, einer Ohnmacht nahe. Warum war ich so zu ihm? Ich lief zum Auto, er folgte mir.
»Stefan, bleib doch. Wir können reden, die ganze Nacht.«
»Nein, Michael, ich möchte nicht. Es ist alles so kompliziert und ich möchte dich nicht in meine Laune reinziehen. Ciao.«
Arcos wuselte mir nach, schnüffelte an meinen Hosenbeinen. Ich bückte mich zu ihm und streichte ihm übers Fell. »Ich komm bald wieder..«
Auf der Fahrt nach Hause heulte ich unentwegt. Was war zum Teufel mit mir los? Ich begriff mich immer weniger.

„Hallo Stefan.
Es tut mir leid dass ich dich angelogen habe. Aber ich konnte nicht anders. Ich hab gespürt was du für mich empfindest, aber ich kann deine Gefühle nicht erwidern. Darum hab ich eine Freundin erfunden, die es niemals gab. Sie wird es geben, irgendwann. Ich weiß, dass du jetzt sauer auf mich bist weil ich dir nicht die Wahrheit gesagt habe. Ich hoffe, du kannst mich verstehen.
Lieber Gruß
Marcus.“
Verstehen, immer muss ich die anderen verstehen. Bevor ich die E-Mail abrief klopfte Fabian an meine Tür. Ob ich ein Bier hätte, sein Vorrat war aufgebraucht. Ich holte ihm eins, während er unter der Tür stand. Ich bat ihn nicht herein, ich konnte nicht. Allmählich machte sich der Gedanke in meinem Kopf breit, selbst eine Hure zu sein. Wollten die mich im Bett haben oder ich sie? Oder beides?
Ich brachte ihm ein Bier und mir entging nicht sein Blick unter der Tür.
Er blieb einfach stehen und sah mich an.
»Ist noch was?«, fragte ich ihn.
»Allerdings.«
»So, und was?«
»Spinnst du eigentlich?«
»Warum?«
Ungefragt schloss er die Tür und setzte sich auf den Sessel, schnappte sich den Öffner vom Tisch, kappte die Flasche Bier und nahm ein paar kräftige Schlucke.
»Hör mal, junger Mann. Es kann ja sein dass du Riesenprobleme hast und vielleicht kurz vorm Selbstmord stehst – aber so lass ich mich nicht abspeisen.«
»Ich speise dich nicht ab.«
»Doch, das tust du. Wir hatten ne schöne Nacht zusammen, unter anderem. Und ich hab dir signalisiert, dass ich dich mag. Aber was tust du? Schneckenhaus. Weltschmerz. Nicht mal nen vernünftigen Grund warum du mich nicht magst. Kannst es ruhig sagen, dann weiß ich wenigstens Bescheid.«
Er trank die Flasche ganz aus und stellte sie auf den Tisch. »Falls es dir in Sachen Gefühle mal wieder besser geht, du weißt, wo du mich findest.«
Abhauen, ich wollte bloß noch abhauen. Irgendwohin, wo mich keiner kennt. Wo ich allein sein konnte. Aber das wurde natürlich nichts.

Eigentlich wollte ich nicht auf Ninas Geburtstag, aber ich dachte mal wieder an Ablenkung. Ich nahm beim Einkaufen in der Tanke einen Blumenstrauß mit und drückte ihn ihr unter der Tür in die Hand.
»Alles Gute.. und viel Glück und Gesundheit…«
».. und dieses ganze Blabla. Danke, Stefan, komm rein.«
Lena war da, Klaus von gegenüber, Karin und Britta, Jasper und Lothar – und Fabian.
Unsre Blicke trafen sich und ich wollte wieder gehen. Aber Nina war schneller. »Ihr kennt euch ja alle. So, wir sind vollzählig. In der Anrichte steht was zu essen, zu trinken ist auch genug da. Das Buffet ist eröffnet.«
Fabian stellte sich in der Anrichte neben mich, fischte sich ein Wurstbrötchen vom Teller und goss sich ein Glas Sekt ein.
»Auch eins?«
»Eher nicht, ich hab die letzen Tage..«
»Keine Ausrede.«
»Willst du mich wieder gefügig machen?«, grinste ich.
Und er zurück. »Ich hab dich nie gefügig gemacht, das warst du selber. Aber wenn du meinst.. ich hab nichts dagegen.«
Wir stießen an und dann lernten wir uns richtig kennen. Die anderen ließen uns in Ruhe, nur ab und zu prostete uns Lena vom Zimmer aus zu.
Bruno und Peter kamen Sonntagmittag zurück. Im Grunde waren sie mir ja egal, aber jetzt passten sie überhaupt nicht in meine Landschaft.
Sie redeten und redeten und ich hörte überhaupt nicht zu. Ich dachte zeitweise, mein Kopf platzt.
Dann schien es mir, als gäbe es doch noch einen Gott. Es klopfte an jenem Abend und der Richter stand unter der Tür, Hausmeister seines Zeichens.
»Kann ich Herrn Schilling sprechen?«
»Er steht vor Ihnen.«
»Hier, die Schlüssel zu Zimmer 20. Sie können sofort einziehen, wenn Sie möchten.«
Ich starrte den Mann an wie einen Geist. Warum ich ihn in den Arm nahm und auf seine grauen, schütteren Haare küsste wird er bis heute nicht kapiert haben, aber ich tat es.
»In einer Stunde, Herr Richter.«
Er glotzte mich an und ich stürmte sofort in die Wohnung, um meine Sachen zusammen zu suchen.
Meine beiden Mitbewohner beobachteten mich eine Weile, ohne ein Wort zu sagen. So schnell hatte ich noch nie alles zusammen gepackt was mir gehörte und trug Teil für Teil aus der Wohnung, fuhr zwei Stockwerke höher, um mein neues Reich zu beziehen. Ein Einzelzimmer.. Dass Fabians Zimmer direkt neben meinem lag störte mich nicht. Nicht mehr. Seit dem Abend bei Nina wussten wir viel voneinander und es war ihm gelungen, mich mal wieder zu lachen zu bringen.
Auch wenn ich eine Wiederholung jener Nacht mit Fabian nie mehr gewollt hatte, ich konnte nichts dagegen machen. Nachdem wir Ninas Party verlassen hatten lud er mich noch zu sich ein. Unverbindlich, wie er sagte. Aber es wurde verbindlich. Und diesmal wusste ich am Morgen noch, was passiert war. Er war so richtig schnuffig und ich begann mich, in ihn zu verlieben. Endlich jemand, der nur mir gehörte. Kein David, kein Andreas, kein Michael, auch nicht Marcus. Fabian war anders als sie.
Gemütlich räkelte ich mich auf meinem Bett. Ein Zimmer, ganz für mich allein. Machen können, was ich will. Bruno und Peter waren ziemlich sauer, das kann man so sagen, aber sie mussten sich schließlich damit abfinden.
Die Vorlesungen begannen, der studentische Alltag kehrte ein. Aber irgendwie machte es mir mehr Spaß als zuvor. Weil ich nach Hause kam und Fabi da war. Mal schlief er bei mir, mal ich bei ihm, aber nie getrennt. Er zeigte mir was Liebe und Freundschaft bedeutete und ich akzeptiere es. Es ging mir so gut wie nie zuvor.
An einem Samstag Abend klopfte es an meiner Tür, ich wusste dass Fabian um diese Zeit zu mir kommen würde.
Aber er war es nicht.
»Was machst du hier?«
»Stefan.. ich…«
»David, was willst du?«
»Ich wollte dich mal wieder sehen. Deine Eltern haben mir die Adresse gegeben.«
»Denk ich mir. Wo ist Andreas?«
»Darf ich reinkommen?«
Ich dachte an Fabian. Was wir uns aufgebaut hatten; es durfte nicht kaputt gehen. »Nur kurz, ich erwarte Besuch.« Mir war nicht wohl als sich David in den Sessel setzte. »Also, was willst du?«
»Hab ich doch schon gesagt.«
»Du fährst die ganze Strecke, nur um zu sehen wie es mir geht?«
»Ja, ist das so abwegig?«
»David, ich hab einen Freund, er wird jeden Moment kommen und ich möchte nicht, dass er dich sieht.«
»Ah so? Du verleugnest einen alten Freund?«
»Nein, du bist kein Freund. Ein Bekannter vielleicht, aber ich weiß nicht wie mein Freund es auffassen wird. Und ich habe nicht die geringste Lust, ihm irgendetwas über uns zu erzählen. Wo ist Andreas?«
David spielte mit seinen Fingern. Schöne Finger. Sekundenlang tauchte die Nacht auf, in der wir so glücklich waren. In der ich glücklich war.
»Er ist abgereist.«
Schadenfreude war es nicht, die in mir aufkam, aber Genugtuung. »Warum?«
»Die Leute im Dorf..«
»Musst nicht weitererzählen.«
David sah mich an. Wäre da nicht Fabi gewesen.. »Wundert es dich? Und du bist hoffentlich nicht gekommen, weil du jetzt was von mir willst, oder?«, fragte ich.
»Nicht wirklich.«
»David, bitte geh jetzt. Es ist schon so viel passiert inzwischen, ich möchte nicht dass etwas kaputt geht bevor es richtig angefangen hat.«
»Ich..«
»David, bitte. Ich hab dich einmal sehr gern gehabt, aber das ist vorbei. Es tut mir Leid, wenn Andreas jetzt wieder weg ist, aber ich hab damit nichts zu tun.«
»Ich weiß, aber trotzdem..«
»David, bitte geh.«
Plötzlich stand Fabian im Zimmer. Er ließ seine Sporttasche fallen und sah uns an. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ich musste handeln, sofort.
»Darf ich vorstellen? David Rongisch, ein alter Bekannter.«
Ich sah Fabians misstrauischen Blick. Langsam kam er zu David heran und streckte die Hand aus. »Fabian Simons.«
Sie gaben sich die Hand, aber ich konnte ihre Blicke sehen. Ich spürte, wie mir der Schweiß die Achselhöhlen runterlief. Ich durfte nicht zulassen, dass sie ins Gespräch kamen.
»David, würdest du jetzt bitte gehen? Fabian und ich haben noch etwas vor heute Abend.«
Er stand auf, sah mich an. Dieser Blick.. Aber ich ließ mich nicht. Er gab mir die Hand, auch Fabian. Wortlos verließ er die Wohnung.
»Was war das denn jetzt?«, fragte Fabian.
»Ein alter Schulkamerad.«
»Und was wollte er?«
»Er war zufällig in der Gegend und hat mich besucht.«
Fabian schien sich damit zufrieden zu geben. »Was gibt’s zu essen?«, fragte er und zog sich aus. Wie immer, wenn er vom Sport heimkam. Und mich auf 200 brachte, wenn er so dastand mit seinen Shorts und seinen Körper präsentierte.
»Heute nichts.«
»Wie, nichts?«
»Wir gehen zum Griechen.«
»Oh, Lotto gespielt?«
»Nein, Überweisung meiner Eltern. Nu mach hin, ich hab Hunger.«
Fabian verschwand unter der Dusche und ich atmete auf. Das schien gerade noch einmal gut gegangen zu sein. David durfte hier nie wieder auftauchen, egal wie. Hätte es ihm sagen müssen.

»David ist hübsch«, sagte Fabian beim Essen. Mir passte es nicht, denn die Umgebung war nicht dafür geschaffen. Stavros hatte eine Kerze auf unseren Tisch gestellt, im Hintergrund lief dezent griechische Folklore. Es war einfach nur romantisch. »Ja, kann man so sagen.«
»Und ihr habt nix zusammen gehabt?«
»Fabi, bitte.«
»Was denn? Ich würde es verstehen, ehrlich.«
Er provozierte mich. Wie andere vor ihm auch schon. Ich sah ihn an, blickte in seine Augen. Wenn er es darauf anlegte, würde er keine Ruhe geben. Und zudem vermutete ich, dass er es annahm. Er kannte ja wohl auch meinen Geschmack. Ich nahm einen großen Schluck Wein.
»Warum willst du es überhaupt wissen?«
»Nur so.«
Fabian aß mit Freude an seinem Spieß, es war, als würden wir uns übers Wetter unterhalten.
»Nur so. Naja, dann ist es sicher nicht wichtig.«
Er grinste mich an. »Gib doch zu, dass da was war.«
»Und wenn? Stört es dich?« Ich wurde nervös. Solche Gespräche konnten sehr schnell ausarten, und bei Fabian hatte ich dazu keine Lust.
»Angenommen, es war so. Was würde dir das bringen?«
Er sah mich nachdenklich an, endlich. »Nichts.«
»Siehst du. Ach, übrigens, ich meine mich erinnern zu können dass ich auch nicht dein erster im Bett war.«
Da grinste er plötzlich richtig frech. »Stimmt. Eins zu Eins Unentschieden.. Prost.«
»Wir sollten zusammenziehen, meinst du nicht auch?«, wechselte er das Thema.
»Meinst du?«
»Wir sind jetzt schon seit etlichen Wochen zusammen. Ich denke, ein Haushalt ist besser als zwei und billiger wird es auch.«
Er hatte Recht, und ich Angst. Dass es bald Streit geben könnte und ich dann mit ihm zusammen wohnen musste.
»Nein, Fabi, ich denke wir sollten damit noch warten.«
»Traust du mir nicht?«
»Das meinte ich nicht.«
»Sondern?«
»Lass es doch erst Mal so wie es ist. Wir können ja in ein paar Monaten noch mal drüber reden.«
Ich spürte, dass es ihm nicht passte, aber meine Entscheidung war gefallen.

Am anderen Abend bekam ich einen Anruf. Mama war dran.
»Stefan, Vater geht es nicht gut..«
»Was ist passiert?«
»Ich hab ihn ins Krankenhaus bringen lassen.«
Ohne Worte legte ich auf, packte ein paar wichtige Sachen zusammen und fuhr nach Langenrehm. Mama saß in der Küche, völlig aufgelöst.
»Was ist mit ihm?«
»Sein Herz. Was soll jetzt werden wenn er nicht mehr kann?«
Ich setzte mich zu ihr und nahm sie in den Arm. »Was soll werden? Ich bin doch da.«
»Aber dein Studium?«
»Muss warten.«
»Stefan, das geht doch nicht..«
»Natürlich geht das, mach dir keine Sorgen um den Hof.«
Schon auf der Hinfahrt beschloss ich, das Studium zu unterbrechen. Was immer das für Konsequenzen nach sich ziehen würde, meine Eltern und der Hof waren wichtiger.
»Hallo Fabian.«
»Stefan, wo bist du?«
Ich erklärte Fabian alles am Telefon.
»Du kannst doch das Studium nicht schmeißen.«
»Ich schmeiße es nicht, ich unterbreche. Ich werde hier gebraucht, das ist mir im Augenblick wichtiger.«
»Und ich?«
»Fabi, tut mir Leid, ich…«
»Verstehe..«
»Nein, tust du nicht. Du bist mir wichtig, das weißt du. Aber..«
»..nichts aber. Du hast dich entschieden. Machs gut, Stefan.«
Nein, das konnte nicht sein. Warum war er so stur?

Die folgenden Tage verbrachte ich auf dem Hof, ohne dass sich Fabian noch einmal meldete. Ich hatte mich an der Uni abgemeldet, musste aber noch einmal hin um Formalitäten zu erledigen. Leicht war es nicht, mein Prof nörgelte anständig herum. Aber er sah es schließlich ein.
Als ich an dem Tag aus Hamburg zurückkam, war Mama nicht da. Nur ein Zettel auf dem Tisch..
„Stefan, ich bin im Krankenhaus.. Vater geht es schlecht..“
Warum hatten sie nie ein Handy gewollt?
Am Abend lag ich auf meinem Bett. Vaters Augen vor mir, als er mir die Hand drückte und sagte, ich soll mich um alles kümmern. Dann war er fort, für immer. Ich heulte, die halbe Nacht.
Mein Entschluss stand fest. Ich musste auf dem Hof bleiben, er war meine Zukunft, irgendwie.
Fabian rief dann wieder öfter an, fragte wie es mir ginge. Mehr war nicht und niemand war darüber trauriger als ich. Endlich hatte ich jemanden gefunden, aber ich wollte oder ich konnte nicht über meinen Schatten springen.
»Fabian, du kannst doch auf den Hof«, sagte ich ihm eines Abends.
»Was? Kühe füttern, Gras mähen? Nein, Stefan, ich will was Gescheites machen.«
Damit stand fest, dass ich auch Fabian verloren hatte. Ich überlegte nicht mehr, was war oder noch kommen könnte. Der Hof, meine Mutter.. mehr nicht. Endgültig.
Zur Beerdigung meines Vaters kam fast die ganze Gemeinde. Es war schön zu wissen, dass er beliebt war.
Die Tage vergingen, irgendwie kehrte Alltag ein. Ich hatte nur Abends kurz Zeit, über mich nachzudenken, aber ich versuchte es in Grenzen zu halten.
Bis zu dem Sonntag, an dem ich nach der Kirche in den Ochsen ging. Ich wusste dass Michael da war, aber ich wollte seine Nähe meiden. Hofmann abwählen und wieder gehen, mehr hatte ich nicht vor.
Ich betrat diese uralte Dorfkneipe, in der das Flair der 50er Jahre hing. Bewusst sah ich mich nicht um, setzte mich auf einen freien Platz.
»Hallo Stefan.«
Mein Mund wurde trocken. »Hallo Michael.«
Er zog einen Stuhl bei und setzte sich neben mich. »Tut mir leid mit deinem Vater.«
»Danke.«
Ich sah ihn nicht an.
»Stefan, du bist zurück um dich um den Hof zu kümmern.«
»Ja, bin ich.«
»Wenn ich dir helfen kann…«
»Ich denk, ich komm schon klar.«
Er lachte gekünstelt. »Wie kann ein Mensch bloß so stur sein?«
»Ich bin nicht stur.«
»Wie würdest du dann dazu sagen?«
»Lass mich.«
Ich schüttelte seine Hand ab, die er auf meine Schulter gelegt hatte. »Was ist mit der Wahl?«, fragte ich ungehalten.
»Du scheinst ja wirklich nicht hier zu sein. Drüben, im Nebenzimmer.«
Ich stand auf und ging in den „Wahlraum“
»Hallo Stefan, schön dass du da bist.«
Breitsteiner saß an der Urne und lächelte mich an.
Ich lächelte zurück, er gab mit die Wahlkarte und wies mir mit der Hand den Weg zu einer leeren Kabine.
Ich machte ein fettes Kreuz hinter Michaels Namen, noch mal und noch mal, bis fast das Papier an der Stelle zerriss.
Ich warf den Zettel ein und ging hinaus. Ich musste raus. Weg von all dem hier, vor allem weg von Michael.
Als ich vom Parkplatz fuhr, sah ich ihn auf der Treppe zu der Kneipe stehen, er sah mir nach.
Die nächsten Stunden fuhr ich Ziellos umher, bis ich mich entschloss, zum Zauberwald zu fahren. Nicht zum nachdenken. Einfach nur wieder der Junge sein, der ich damals war. Träumen, wovon auch immer, aber nicht nachdenken.
An einer der Kreuzungen nahm mir ein Motorrad fast die Vorfahrt. Ich bremste und fluchte.. Das Motorrad hielt plötzlich an. Der Fahrer sah zu mir herüber und ich setzte meine Fahrt fort. Ich hatte David sofort erkannt, aber er war mir egal.
Wenig später lag ich auf dem kleinen Fleckchen Moos, kaute auf einem Grashalm und versuchte, die Vergangenheit abzuschütteln. Nur ich sein, sonst nichts.
Äste knackten, jemand kam in den Wald hinein. Außer Marcus kannte die Stelle niemand, aber der konnte es nicht sein. Ich richtete mich auf.
Arcos stürmte auf mich zu und ich knuddelte ihn.
»Michael…«
»Stör ich?«
Natürlich tat es das, aber er war mir lieber als jeder andere. So konnte mir wenigstens nichts passieren.
»Nein, komm, setz dich.«
Im Schneidersitz neben mir stopfte er seine Pfeife, sagte kein Ton. So, als wollte er die herrliche Stille nicht unterbrechen.
Es roch nach Vanille, als er die Pfeife anzündete. Arcos schnüffelte aufgeregt im Unterholz, ich schloss die Augen. Michaels Nähe tat gut, ich würde ihm nicht mehr aus dem Weg gehen.

Er streckte die Beine aus und legte sich auf den Bauch neben mich. »Geht es dir besser?«, fragte er, auf seine Ellenbogen abgestützt.
»Wie man’s nimmt.«
Dann wieder Stille. Ich wollte nicht nachdenken, tat es aber trotzdem. Fabian.. Ich tat ihm unrecht, aber ich hatte keine Wahl. Entweder der Hof oder das Studium.
»Wenn ich dir irgendwie helfen kann – mein Angebot steht.«
Wie konnte Michael mir helfen? Er hatte selbst genug zu tun. »Ich werd schon klarkommen, mach dir keine Sorgen.«
»Aber den Hof praktisch alleine bewirtschaften, das wird nicht gehen und das weißt du.«
Er hatte ja recht, aber was sollte ich machen? Für einen Helfer warf der Hof nicht genug ab.
»Michael, ich weiß dass es schwer wird, aber ich kann mir keinen Mitarbeiter leisten.«
»Wende dich doch mal an die Bundesanstalt für Arbeit.«
Nun musste ich doch grinsen. »Ja klar. Das mach ich dann jeden zweiten Tag..«
Er spürte, dass ich mich nicht unbedingt unterhalten wollte. Er pfiff kurz und Arcos stürmte auf uns zu. Brav setzte er sich vor Michael. Er stand auf. »Ok, wie gesagt, wenn du Hilfe brauchst..« Er gab mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer, tippte mit dem Finger an seinen Hut und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Ich ließ mich zurückfallen, vermied es aber, ihm nachzusehen.

Mutter wurde nach Vaters Tod in sich gekehrt und still. Sie hatten sich wirklich geliebt – etwas das ich bis dahin nie so richtig wahrgenommen hatte. Also versuchte ich so eine Art Ersatz für ihn zu sein, was mir natürlich nur zaghaft gelang. Über allem lag auch ständig die Frage, wie es mit dem Hof weitergehen sollte.
Einige Wochen nach Michaels Wahl zum neuen Revierförster sahen wir uns bei einer kleinen Feier in seiner Jagdhütte, die eher einem Jagdschloss ähnelte und in das sie eingezogen waren. Seine Frau – übrigens eine bezaubernde Erscheinung – war ständig um ihn herum. Ich versuchte Michael nicht allzu nahe zukommen, was er spürte und respektierte. Die paar Mal die wir uns später sahen waren mehr geschäftlicher Natur, meistens bei den Treffen im Ochsen. Michael faszinierte mich weiterhin, vor allem weil er immer so gut aussah und scheinbar niemals schlechte Laune hatte. Aber ich blieb auf Distanz. Leicht fiel mir das nie, eine andere Wahl hatte ich jedoch nicht.
Fabian rief irgendwann nicht mehr an und ich versuchte ihn und unsere Zeit zu vergessen.
David sah ich ein paar Mal, meistens wenn er auf dem Weg zu den Feldern war, sein Pferd ausritt oder mit dem Motorrad unterwegs war. Wir wechselten wohl einige belanglose Worte, aber nichts was mit Freundschaft zu tun hatte. Er wollte scheinbar nicht darüber reden und ich wollte es nicht wissen.
Marcus meldete sich auch nicht mehr. Okay, ich hoffte am Anfang er würde seine Ferien wieder hier verbringen wollen, aber anscheinend war er anderweitig beschäftigt. Ich machte mir keine weiteren Gedanken, wie das aussehen konnte.
Glücklich war ich mit all dem nicht, aber ich nahm es hin.
Für eine heftige, aber nur kurze Aufregung sorgte nur ein Brief vom Kreiswehrersatzamt. Einladung zum Eignungstest. Ich wusste ja dass der irgendwann kommen würde, dennoch hatte ich gehofft durch das berühmte Sieb zu fallen. Tat ich nicht, man wollte mich einziehen.
Aber ohne großes Theater wurde ich vom Dienst freigestellt, was im Grunde ja auch zu erwarten war.
Zum guten Glück verschafften mir die Breitsteiners vier polnische Hilfsarbeiter für den anstehenden Sommer. Tagelang rechneten wir aus ob wir die Männer bezahlen konnten, aber Rudolf machte dann die Rechnung auf.
»Vielleicht kommst du erst Mal in die Miesen, aber es sieht nach einem guten Erntejahr aus. Ich denke du solltest es riskieren.«

Mutter wollte Anfangs keine fremden Menschen auf dem Hof haben, aber ich konnte sie letztlich doch überzeugen dass es ohne fremde Hilfe nicht mehr ging. Ihre Angst, eines Morgens könnten sie samt Mobiliar über alle Berge sein legte sich, als sie die vier näher kennenlernte. Sie kümmerte sich mit um die Tiere auf dem Hof, führte den Haushalt und versorgte die Arbeiter.
Untergebracht waren sie im alten Bedienstetenhaus, das ich wenige Tage vor ihrer Ankunft relativ schnell in wohnlichen Zustand brachte.
Sie sprachen bis auf einen schlechtes Deutsch, verstanden ihre Arbeit aber sehr gut und sie brachten Erfahrung mit was mir natürlich viel Ärger und Zeit ersparte.
Jan verstand unsere Sprache noch am besten, teilte die anderen drei auch zur Arbeit ein. Er war schon nach kurzer Zeit so etwas wie mein Vorarbeiter, auf ihn konnte ich mich verlassen und so bekam ich etwas mehr Ruhe in das Durcheinander. An manchen Tagen hätte ich nicht gewusst wie ich ohne die vier herumgekommen wäre.
So hatte ich ab und zu ein paar Stunden, um Tine zu besuchen oder nach Hamburg zu fahren, nur um mal etwas anderes zu sehen. Aus dem kleinen Kitz war inzwischen ein richtig stattliches Reh geworden und es erkannte mich immer gleich. Meistens suchte ich mir für die Besuche schönes Wetter aus, aber nur vor dem Hintergrund dass ich anschließend zum Zauberwald fahren konnte. Ich setzte mich dann an meinen alten Platz und ließ die Zeiten, die hinter mir lagen, Revue passieren. Schlimmer waren meist die Aussichten, der vage Blick in die Zukunft.
Dennoch – die große Abwechslung war es nicht und die trostlosen Nächte mehr als erdrückend.
Einige Aufregung gab es dann doch, als Paula erneut ein Kalb zur Welt brachte. Diesmal war alles in Ordnung mit dem Nachwuchs, es gab keine Komplikationen. Jan hatte mir an dem Nachmittag geholfen es auf die Welt zu bringen, eine Situation, in der sich sehr intensiv an Marcus denken musste. Es war mir schnell klar, dass der Kleine ebenfalls seinen Namen tragen sollte.
Dann kam jener nachdenkliche Abend. Wir saßen alle am Küchentisch zum Abendbrot, als der Strom ausfiel. Schwüles Gewitterwetter lag in der Luft und irgendwo war der Blitz in die Stromleitung eingeschlagen. Wir waren eh alle schon nervös weil wir wegen des Wetters auf der Hut sein mussten, denn wenige Wochen zuvor war die Scheune eines Nachbarhofes wegen Blitzschlags abgebrannt und das konnte auch uns jederzeit blühen.
Jan stand rasch auf, fischte sich die griffbereite Taschenlampe und stürmte nach draußen. Ich folgte ihm, denn ich wusste nicht was er vorhatte.
Draußen vor dem Haus blieb er stehen und lauschte.
»Wird kein Gewitter geben, ist zu weit weg und zieht woanders hin«, sagte er nur, ging dann aber langsam Richtung Scheune.
»Wo willst du hin?«, fragte ich ihn.
»Nachsehen ob alles in Ordnung ist.«
Er sagte das in einem sehr merkwürdigen Ton, so kannte ich ihn nicht. Nur als Mensch der Anweisungen annahm und unter Umständen weitergab. Über private Dinge hatten wir uns kaum unterhalten, ich wusste nur dass er schon lange als Saisonarbeiter nach Deutschland kam, ansonsten in eher ärmlichen Verhältnissen nahe der deutschen Grenze wohnte. Allein, wie ich ihn zu verstehen glaubte.
Ich folgte ihm neugierig in die Scheune. Es war unheimlich still an jenem Abend, fast schon beängstigend.

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