Zoogeschichten I – Teil 23

Eine neue Woche

Der Wecker klingelte. Montagmorgen, eine neue Woche. Ich rieb mir über das Gesicht und schlug auf den Wecker. Wie konnte man mich nur aus so schönen Träumen reißen? Ich streckte mich und spürte die Wärme eines kleinen Körpers neben mir.

Ein breites Grinsen zierte mein Gesicht. Michael hatte mich gestern Heim gefahren. Nach einem kurzen Kaffee mit meiner Mutter und einer Untersuchung meines Rückens durch meinen Vater, verschwand er wieder.

Da ich die Nacht zuvor nicht viel geschlafen hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück und beschäftigte mich intensiv mit Krümel, der die letzten Tage nicht viel von mir hatte. Tim ging es nach Aussagen meines Vaters den Umständen entsprechend.

Das schlechte Gewissen plagte mich trotzdem irgendwie, aber anscheinend doch nicht so sehr, denn irgendwann war ich eingeschlafen. Vorsichtig hob ich Krümel an, der immer noch fest schlief und legte ihn auf meinen Bauch.

Würde er jetzt wach werden, könnte mein Bauch aussehen wie mein Rücken, der Kleine hatte verdammt scharfe Krallen. So begnügte ich mich mit etwas Kraulen und setzte ihn auf den Boden.

Gähnend stand ich auf und streckte mich nochmals. Mein Rücken juckte, aber Dad meinte, ich solle ja nicht kratzen, sonst könnte es sich vielleicht noch entzünden. Müde taperte ich ins Bad und versuchte, mich vor dem Spiegel zu verdrehen, um meinen Rücken begutachten zu können.

Außer einem leichten Schatten über dem Schulterblatt konnte ich aber nichts entdecken. Ich hörte etwas klirren. Schnell war ich in meinem Zimmer zurück. Krümel war wach geworden und hatte sich im Kabel meiner Nachtischlampe verheddert.

Die lag nun zerbrochen auf dem Boden.

„Krümel, was machst du denn da?“

Brummend schaute er zu mir herüber und versuchte, sich aus dem Kabel zu befreien, das sich um seine Hinterbeine gewickelt hatte. Ich bückte mich und befreite ihn.

„Na ihr zwei, schon Frühsport?“

Mein Dad stand in der Tür.

„Nein, Krümel hat meiner Lampe den Kampf angesagt.“

„Und anscheinend gewonnen“, grinste Dad.

Ich schaute zu ihm und rollte die Augen.

„Könntest du den Kleinen mit nach unten nehmen, ich mach hier noch sauber und komm dann auch.“

„Klar, aber vorher möchte ich mir noch kurz deinen Rücken anschauen“, sagte Dad.

Er stellte sich hinter mich und tastete leicht meinen Rücken ab.

„Das ist ja schon gut am Heilen, also Entzünden wird sich das nicht mehr.“

Er nahm Krümel, der wild strampelte und verschwand mit ihm. Während ich die Scherben zusammen sammelte, hörte ich unten den Türgong. Ich hörte Mum etwas sagen, dann kurzes Gepolter auf der Treppe. Freudig stand ich auf, um Michael zu begrüßen und ging zur Tür. Aber es war nicht Michael… Tim? Aber…?

„Was tust du denn hier?“, fragte ich.

„Auch einen schönen Morgen Herr Kahlberg“, sagte Tim und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

Verdattert schaute ich an, langte fast abwesend auf die grad geküsste Wange.

„Du… Dennis… ich wollte nur kurz vorbei kommen… um mich zu entschuldigen… das am Samstag war riesiger Mist von mir.“

„Das kannst laut sagen!“

„Tut mir echt leid… mir muss da eine Sicherung durchgeknallt sein.“

„Eine?“

Warum war ich jetzt wieder so zickig?

„Mensch Dennis… bitte…“

„Ja ist gut…“

Wir schauten uns beide an und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich gerade nur in Shorts da stand. Irgendwie war mir das jetzt peinlich und ich schaute im Zimmer herum, ob nichts Greifbares zum Anziehen da lag.

„Ich geh mal wieder, will ja nicht zu spät kommen… also dann … Tschüss Dennis“, sagte Tim und verschwand wieder.

Ich stand noch immer an derselben Stelle und schaute auf die Tür, wo eben noch Tim gestanden hatte. Träumte ich noch? Kopfschüttelnd ging ich ins Bad und machte mich fertig.

*-*-*

Als ich nach unten in die Küche kam, saß Michael schon da und gab Krümel die Flasche. Er lächelte mir entgegen.

„Morgen Dennis.“

„He, guten Morgen.

Ich ging zu ihm hin und gab ihm einen Kuss.

„War das eben Tim, den ich von euerem Haus hab weglaufen sehen?“, fragte Michael.

Er hatte ihn also gesehen.

„Ja, er wollte sich für Samstag entschuldigen.“

„Und?“

„Und was?“, fragte ich und schenkte mir einen Kaffee ein.

„Ob du die Entschuldigung angenommen hast?“

„Ja…“

„Morgen Michael“, mein Dad kam in die Küche.

„Morgen Herr Kahlberg.

„Sag doch Ben zu mir, bist ja jetzt endlich mit meinem Sohn liiert, oder?“

Gibt es etwas Peinlicheres als Eltern? Ich verschluckte mich an meinem Kaffee und musste mächtig husten.

„Ich würde dir ja jetzt gerne auf den Rücken klopfen, aber ich denke, das würde dir nicht gut tun“, meinte Dad.

Vorwurfsvoll schaute ich ihn an und Michael grinste.

„Ja und ja!“, sagte ich bloss.

„Was?“, fragte Dad.

„Ja, ich bin mit Michael zusammen und ja, das würde mir nicht bekommen“, meinte ich und stellte meine Tasse in das Waschbecken.

„Dann mal herzlichen Glückwunsch euch Beiden! Jetzt muss ich aber los, sonst komme ich zu spät.

„Wir sollten heute auch zeitig los, auf uns wartet noch eine Menge Arbeit“, meinte Michael und erhob sich mit Krümel auf dem Arm.

„Moment, ich hole schnell noch meinen Rucksack, dann nehme ich dir Krümel ab.“

*-*-*

Michael stellte den Motor ab. Es war das erste Mal dass ich so früh im Zoo war. Um diese Zeit kamen die meisten Kollegen hier an.

„Morgen Dennis. Und, schönes Wochenende gehabt?“, fragte Volker und schlug mir dabei auf den Rücken.

Ich ging etwas in die Knie und verzog das Gesicht.

„Au…“

„Was ist denn mit dir… verletzt?“

„Er wird beim Fensterln beim Micha von der Leiter gefallen sein“, kam es von Fritz, der auch gerade ankam.

Ich konnte mir gerade noch ein „Arsch“ verkneifen und hinter mir fing Michael an, zu lachen.

„Man könnte sagen, so ähnlich, Fritz“, meinte Michael lachend.

Da war er wieder, der ironische Michael, der gerne austeilte.

„Ins Fenster reingefallen?“, fragte Volker.

„Nein ich bin vom Türgatter herunter gestürzt“, knurrte ich.

Alle beide schauten mich kurz an, bevor sie losprusteten.

„Wie kompliziert die Jugend doch heute ist, früher hatten wir die Probleme nicht, oder Volker?“, sagte Fritz.

Meine Chance!

„Fritz, du warst mit Volker zusammen?“, fragte ich scheinheilig und wieder lachte Michael hinter mir.

„Michael, ich glaub du sperrst den Kleinen mal lieber in einen Käfig, der wird frech“, sagte Fritz.

„Nein, das werde ich bestimmt nicht tun… meinen Kleinen einsperren“, sagte Michael und zog mich an sich, um mir den Nacken zu küssen.

Volker hob die Hand ausgestreckt Richtung Fritz.

„Lass rüberwachsen!“, sagte Volker.

Fritz grummelte irgendetwas, was ich nicht verstand, zog seinen Geldbeutel hervor und entnahm einen zwanzig Euroschein und reichte ihn Volker.

„Danke Jungs“, meinte Volker zu uns.

Fragend schauten wir uns an.

„Ich hab mit Fritz gewettet, dass einer von euch beiden den anderen herum bekommt und ihr heute als Paar erscheint.“

Siegessicher steckte er das Geld weg.

„Öhm… Fritz, war das der genaue Wortlaut?“, fragte Michael.

„Ja… wieso?“

„Dann lass dir dein Geld zurückgeben, zumindest zehn Euro, denn der erste Teil der Wette ist nicht eingetroffen… hier hat keiner von beiden den Anderen „herumgekriegt.“

„Das gilt nicht!“, beschwerte sich Volker, während Fritz nun die Hand aufhielt.

„Und wie seid ihr dann zusammen gekommen?“, fragte darauf Fritz.

„Der Gentleman schweigt und genießt“, sagte Michael und grinste.

„Wir wollten auch keine Details hören“, sagte Volker.

„Typisch Erwachsene, die haben Angst, wir Jungen könnten ihnen noch etwas vormachen“, meinte ich lachend und lief Richtung Bärenhaus weiter.

Verdutzt blieben die zwei stehen.

*-*-*

„Morgen Sabine“, rief ich.

„Morgen Dennis, du bist aber früh da.“

„Ja, Michael meinte, heute wäre viel los.“

„Ja, einige Tiere müssen noch gekennzeichnet werden oder ihr Zahlencode überprüft werden.“

„Zahlencode?“, fragte ich und setzte Krümel auf dem Boden ab.

„Ja, jedes Tier bekommt einen kleinen Chip unter die Haut gespritzt, wo sich die Codenummer darauf befindet, so gibt es keine Verwechslungen und man hat auch alle Notizen zu dem Tier.“

Ich ließ Krümel bei Sabine und machte mich auf den Weg zur Umkleide. Dort angekommen, hörte ich auf der anderen Seite ein Gespräch zweier Damen.

„Und die zwei sollen jetzt zusammen sein?“, fragte die Eine.

„Ja, sie sollen sich heute Morgen sogar auf dem Parkplatz geküsst haben, vor den Anderen.“

„Warte ab, bis Gisbert vom Urlaub zurückkommt.“

„Wieso, was hat das mit Gisbert zu tun?“

„Gisbert wird hier schon wieder Ruhe reinbringen. Seit er weg ist, wird die Arbeit hier eh schleifen lassen.“

„Und was hat das mit Michael und seinem neuen Lover zu tun?“

„Er hasst Schwule!“

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