Eric Einarson – Das Pompeji – Projekt

Chief Inspektor Eric Einarson. Ich schaute in den Spiegel und musste lachen. Zu meiner Jeans und Sneakers hatte ich ein weißes Hemd mit Kravatte gewählt und darüber eine legere Jacke.

Ich fuhr noch einmal durch meine braun, blond gesträhnten Haare und schnappte mir meine Schlüssel. Wenn ich nicht zu spät in meine neue Abteilung kommen wollte, musste ich mich sputen.

Seit einer Woche war es offiziell und durfte mich Chief Inspektor nennen. Lange genug hatte der Weg dahin gedauert. Und ich war auch froh, von dort wegzukommen, wo ich bisher meinen Dienst absolviert hatte.

Ab heute sollte mein Dienst in Reykjavík, der Hauptstadt von Island beginnen. Jeder fragt sich natürlich, warum gerade Island, wo doch England so groß ist. Ich konnte es keinem richtig erklären, ich wollte einfach weg.

Da kam mir dieses Angebot dieser Stelle in Island gerade recht. Freunde hatte ich sehr wenige und so fiel mir es auch nicht weiter schwer, hier her zu ziehen. Schwieriger gestaltete es sich dagegen mit der Sprache.

Klar ich war in Island aufgewachsen, aber in frühster Kindheit war ich nach England verfrachtet worden, weil mein Vater dort einen lukrativen Job angeboten bekam. Schnell war das isländisch vergessen.

Wie oft raufte ich abends verzweifelt die Haare, weil ich nicht weiter kam. Mittlerweile sprach ich wieder  die isländische Sprache, aber mit der Schreibweise stand ich noch auf dem Kriegsfuß.

In Island gab es sogar eine Rune im Alphabeth und weitere entliehener Buchstaben aus dem Lateinischen. Ich hatte das Glück, eine Wohnung in der Nähe der Dienststelle zu bekommen. So lief ich gerade mal zehn Minuten, bevor ich etwas ehrfürchtig meinen neuen Arbeitsplatz betrat.

Am Empfang wurde ich gleich weiter geschickt, obwohl ich nicht mal über einen Dienstausweis verfügte. Sportlich wie ich war, nahm ich die Treppe in den zweiten Stock, wo ich mich bei Chief Superintendent Björndottir melden sollte.

Da es nur eine größere Tür in diesem Flur gab und diese offen stand, lief ich einfach hinein. Ein Großraumbüro wäre übertrieben gewesen, aber dennoch hatte ich sieben Leute vor mir, die an ihren Schreibtisch saßen.

Etwas dahinter, durch eine große Glasscheibe getrennt saß eine… eine Frau. Mir fiel das Namenswesen der Isländer wieder ein. Hier gab es kein Smith, Miller oder Backer, natürlich gab es die auch, waren aber nicht typisch isländisch.

Hier wurden die Vornamen der Väter genommen und Sohn (son) oder Tochter (dottir) dahinter gesetzt. So hieß der Vater meiner neuen Vorgesetzten wohl Björn. So wie ich Einarson hieß nach meinem Vater.

Dies galt eben nur für die echten Isländer, nicht den zugezogenen. Mittlerweile hatte ich wohl Aufmerksamkeit erregt, denn ein Augenpaar nach dem anderen blickte zu mir. Chief Superintendent Björndottir schaute auf und erhob sich. Sie verließ ihren Glaskasten und steuerte auf mich zu.

„Hört mal kurz zu…, darf ich euch Chief Inspektor Eric Einarson vorstellen…, er wird uns ab heute hier zur Seite stehen.“

Ihr Alter konnte ich nur schwer schätzen. Sie trug ihre braunen welligen Haare offen. Ihre stechenden Augen verbarg sie hinter einer dicken Brille, doch mehr Eindrücke konnte ich nicht sammeln, denn sie stand bereits vor mir und hob mir ihre Hand entgegen.

„Chief Superintendent…“, weiter kam ich nicht, denn sie unterbrach mich sofort.

„Eric, ein kleine Regel zum Anfang. Wenn wir so wie jetzt unter uns sind, nennen sie mich bitte Anna, wie alle anderen hier. Falls Kollegen anderer Abteilungen oder Fremde zugegen sind, nennen sie mich Chief…, nicht mehr und nicht weniger.“

Ich nickte.

„Dann werde ich ihnen mal ihre neuen Kollegen vorstellen.“

Ich folgte ihr an den ersten Tisch. Vor mir saß ein Asiate.

„Das hier ist Kriminalinspektor Kim Jonson. Er ist hier geboren und wie sie unschwer erkennen können, ist seine Mutter eine Asiatin und es anzumerken, ein Sprachgenie.“

Kims Gesicht wurde rot und ein Kichern ging durch die Runde.

„Gegenüber sitzt Inspektor Hekla Frieddottir, eine Perle am Computer, aber das werden sie schnell merken.“

Sie nickte mir zu.

„Ein weiterer Computerfreak sitzt am nächsten Tisch. Detective Alexander Nimson! Ist ab und zu schwer einzuschätzen, ob man ihn ernst nehmen soll oder nicht.“

Aus einem allgemeinen Grinsen wurde ein Lachen. Bis auf Alexander, der eine schräge Grimasse zog. Sein Gegenüber stand auf und reichte mir die Hand.

„Detective Stefan Harryson!“

Er stand fast stramm vor mir.

„Unser Mann für den guten Ton“, kam als Anmerkung vom Chief lächelnd.

Am Nachbartisch stand nun ebenfalls ein junger gutaussehender Typ auf und streckte mir die Hand entgegen.

„Sergenant Ari Smith, der jüngste in unsere Gruppe, auch noch nicht lange bei uns.“

„… aber mittlerweile unersetzbar!“, kam es von Alexander.

„Ja, weil ich dir jeden Tag deinen Kaffee holen muss“, entgegnete Ari und setzte sich wieder.

Ich musste nun ebenso grinsen.

„Zu guter letzt unser Geschwisterpaar Detective Chief Inspektor Katrin und Detective Lilja Arrondottir.“

Beide nickten mir lächelnd zu. Nach dem Chief hatte ich den höchsten Rang. Das hatte ich nun nicht erwartet.  Das Telefon klingelte und Alexander nahm ab.

„Detective Alexander…, am Apparat…“

Er schaute zu Anna.

„Wo…? Das liegt eigentlich nicht in unserem Zuständigkeitsbereich. Warum ausgerechnet wir?

Er erntete von allen Seiten fragende Blicke.

„Okay…, ich werde es ihr ausrichten…“

Er legte den Hörer zurück.

„Ein neuer Mordfall?“, fragte Lilja.

„Na ja…, wahrscheinlich…“

Anna lief an ihm vorbei, Richtung Glaskasten.

„Alexander…, könntest du mir bitte genau sagen, was los ist.

„Es wurden zwei junge Männer gefunden, beide tot, der eine wahrscheinlich erstochen.“

„Und wo liegt das Problem?“, wollte Anna wissen.

Anna lief an ihm vorbei und nahm ein Blatt entgegen.

„Heimaey“, antwortete Alexander nur und schaute seiner Chefin nach, die abrupt stehen blieb.

Ich wollte schon fragen was er meinte, als mich Anna ansah.

„Eric…, sind sie Flugtauglich?“

„Ähm… ja… warum fragen sie?“

„Ari, gibt der Flugcrew Bescheid, dass wir in zehn Minuten starten wollen und gib Heimaey an…, Alexander…, Katrin und Kim kommen auch mit!“

Plötzlich wurde es hecktisch. Anna lief in ihren Glaskasten und holte Jacke und Tasche. Sie blieb vor mir stehen.

„Auf junger Mann… ihr erster Einsatz!“

*-*-*

Noch im Treppenhaus drückte mir Alexander eine Schwimmweste und Kopfhörer mit Mikro in die Hand. Verwundert folgte ich der Truppe die Treppe hinauf. Wenig später stieß Anna eine Metalltür auf und trat ins Freie.

Wir befanden uns auf dem Dach der Polizeistation und ein Helikopter kam in Sicht. Mir wurde es etwas mulmig. Mit flugtauglich dachte ich eher an Flüge mit dem Flugzeug. Der Rotor begann sich langsam zu drehen und alle liefen eilig zu der offenen Kabinentür.

So wie die anderen stieg ich ein und ließ mich auf einen Sitz fallen. Ich beobachtete, wie die anderen ihre Schwimmweste anzogen, den Kopfhörer aufzogen, so tat ich es ihnen gleich. Kaum hatte ich meinen Gurt festgezogen, zog der Helikopter auch schon nach oben.

Anna sagte etwas, aber ich konnte sie nicht verstehen. Kim neben mir, lächelte mich an, griff nach dem Kabel meines Kopfhörers und steckte den Stecker in die Buchse, etwas neben mir in Kopfhöhe.

„So, verstehen sie mich jetzt, Eric?“

„Ja.“

„Ich denke sie werden verwundert sein, dass wir über einen Helikopter verfügen, aber er ist nur Mittel zum Zweck. So erreichen wir manche Tatorte schneller.“

Ich nickte.

„Eric, sagte ihnen das Pompeji-Projekt etwas?“

„Pompeji-Projekt?“

„1973 brach auf Heimaey überraschend dicht an der Stadt ein Vulkan aus. Die Bevölkerung wurde schnell evakuiert, aber auch nur, weil die komplette Fischerflotte, wegen eines Sturmes am Vortag im Hafen lag. Mehr als 100 Häuser wurden von den Lavaströmen zerstört oder überrollt.“

„Davon habe ich gehört ja.“

„Das Pompeji-Projekt, das ich eben erwähnte begann 2005. Zehn Häuser sollten vorsichtig ausgegraben werden und später für die Öffentlichkeit als Museum zugänglich gemacht werden.“

„Und was hat das mit unserem Fall zu tun?“, fragte Katrin.

„In einem dieser Häuser wurden bei den Ausgrabungen wohl zwei junge Männer gefunden.“

„…das heißt, sie liegen da seit 1973?“, fragte ich.

Anna schüttelte den Kopf.

„Nein, es sind frische Leichen, wenn ihr das meint, die man heute Morgen bei Arbeitsbeginn auf der Ausgrabungsstätte gefunden hat.“

„Bisher wurde noch jemand als vermisst gemeldet“, kam es plötzlich von meiner Seite.

Kim hatte sich zu Wort gemeldet.

„Ja, ich weiß“, antwortete Anna, „aber man weiß ja nie, ob vielleicht Fremde oder Einheimische sind.“

„Und warum wird nach uns gefragt?“, fragte nun wieder Katrin.

Anna schaute kurz durch das kleine Sichtfenster nach draußen. Sie atmete tief durch.

„Eins dieser zehn Häuser war mein Elternhaus…“

*-*-*

Nach knapp mehr als einer Stunde, setzte der Helikopter zur Landung auf. Ich konnte zwei Leute sehen, die am Rande des Landeplatzes standen. Die Anderen stöpselten sich ab, zogen die Kopfhörer herunter und öffneten ihre Schwimmwesten.

So machte ich dies auch. Die Tür wurde aufgezogen und einer nach dem anderen verließ den Helikopter.

„Ach bevor ich es vergesse…“, wandte sich Anna zu mir und hielt mir einen kleine Plastikkarte entgegen, „herzlich Willkommen in meiner Abteilung und diese sollten sie auch immer bei sich tragen“,  und überreichte mir eine Waffe.“

Ich schaute die Karte an und sah, dass es sich um meinen neuen Dienstausweis handelte. Jetzt wusste ich, wo mein Lichtbild abgeblieben war, dass man von mir verlangte. Bei der Waffe handelte es sich um eine Glock-Pistole aus Österreich.

Mein damaliger Tutor in England hatte eine Vorliebe für Waffen, so konnte ich Einiges bei ihm lernen. Zu meiner Überraschung zauberte meine Chefin auch noch ein Gurthalfter hervor. Ich zog schnell meine Jacke aus, die freundlicherweise Kim entgegen nahm und legte den Gurt an. Schnell war die Waffe verstaut und die Jacke wieder darüber. Anna wandte sich zu den Männern die herbei geeilt waren.

„Chief Superintendent Anna Björndottir…, sie haben nach uns verlangt?“, sprach sie einen der Männer an, die uns empfingen.

„Ja! Superintendent Egill Holmson. Folgen sie mir bitte, der Wagen steht für sie bereit.“

Die anderen folgten schweigsam ihrer Chefin. So bestiegen wir wenige Minuten später zwei Wagen. Anna stieg mit den zwei Männern in den ersten Wagen, während wir vier mit dem zweiten Wagen vorlieb nahmen.

Kim und Katrin saßen mit mir auf der Rückbank, während Alexander es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte. Wir durchfuhren die kleine Hafenstadt und bald kamen die ehemaligen Lavafelder in Sicht.

„Du weißt schon, dass das eigentlich Erics Platz ist“, sagte Katrin plötzlich zu Alexander, während der Wagen sich in Bewegung setzte.

„Warum?“, fragte ich.

„Du hast den höheren Rang!“

Ich schaute sie lächelnd an.

„Ist es wichtig, was für einen Rang ich habe?“

Sie legte ihre Stirn in Falten und begann zu lächeln.

„Damit habe ich sicher keine Schwierigkeiten“, sprach ich weiter, „und das wird auch so bleiben. Ich habe schon gemerkt, dass ich hier nach Anna der Ranghöchste bin, was mich ehrlich auch verwundert hat, aber so etwas ist mir zu wider, dass ständig heraus hängen zu lassen.“

Alexander drehte sich herum.

„Warum?“, wollte er wissen.

„Weil dies an meiner vorigen Arbeitsstelle Gang und Gebe war.“

„Bist du deswegen hier her gekommen und warst du schon mal hier?“, wollte Kim neben mir wissen.

„Ja und nein, ja, ich bin in Island geboren, aber zog mit meinen Eltern als Kleinkind nach England.“

„Dann beherrschst du sicher die englische Sprache!“, sagte er im guten akzentfreien Englisch.

„Ja klar“, antworte ich ihm, während ich merkte, dass mich die anderen komisch ansahen.

„Alexander, ich habe dir gesagt, lerne englisch… dass ist Weltsprache“, meinte Kim, wieder ins Isländisch verfallend, zu Alexander, der leicht verärgert sich wieder nach vorne wandte.

„Die Stelle hier wurde mir angeboten und weil es auf meiner alten Dienststelle nicht so rosig lief, nahm ich es gerne an.“

„Familie und Freunde?“, fragte Kim neugierig weiter.

„Freunde fast gar keine und Familie, meine Eltern und ich sind getrennte Wege gegangen.“

Eigentlich wartete ich jetzt auf ein „Warum“, aber es kam keins.

*-*-*

Die Gegend änderte sich abrupt, plötzlich gab es keine Häuser mehr nur noch Büsche und niederes Gras. Hier war damals also der Lavastrom durchgeflossen und hatte einen Teil der Stadt zerstört.

Der Wagen holperte etwas, die Straße schien nur behelfsmäßig zu sein. Seit dem anfänglich kurzem Gespräch wurde nichts mehr geredet, jeder war irgendwie mit sich selbst beschäftigt, oder ob es an mir lag?

Der Wagen vor uns wurde langsamer und es erschienen Holzgebäude und Baugeräte.

„Wir scheinen da zu sein“, meinte Alexander und löste bereits seinen Sicherheitsgurt.

Unser Wagen hielt. Ich schob die Tür auf und trat ins Freie. Es war recht kühl und ein leichter Wind ging. Während die anderen ausstiegen beobachtet ich Anna. Sie schaute sich um und redete immer noch mit den zwei Männern.

Alexander setzte sich in Bewegung und lief auf sie zu.

„Wunder dich nicht über Alexander.“

Katrin sah mich an.

„Er ist immer etwas forsch und zu neugierig.“

Das sagte sie mit einem Lächeln, was erneut eine Frage in mir aufwarf. Wusste sie über mich Bescheid, so von wegen weibliche Intuition und so, oder hatte meine neue Chefin meine Akte frei zugänglich gemacht.

Aber das wiederum konnte ich mir nicht vorstellen. Es war so wieso ein Ärgernis, dass in meiner Akte, ein Vermerk über mein Privat und Liebesleben gemacht worden war, was niemand etwas anging.

In der vorigen Abteilung war allgemein bekannt, dass ich mich mehr nach der Männerwelt orientierte, was aber auch ein Nachteil war, weil ich ständig damit aufgezogen wurde, auch ab und zu weit unter der Gürtellinie.

Ich schüttelte leicht den Kopf und verwarf alle diese Gedanken. Dies hier war ein Neuanfang.

„Ist etwas?“, fragte Kim neben mir.

„Nein wieso?“, fragte ich zurück.

„Du scheinst sehr im Gedanken, deine Augen schauen traurig, deine Hände zittern.“

Katrin wandte sich nun auch zu mir.

„Anna hätte dir wohl bei Kim auch sagen sollen, dass er immer sehr genau sein Gegenüber beobachtet und sie mit seiner Direktheit, oft konfrontiert.“

„Nein, es ist schon in Ordnung…, eben noch alles sehr neu.“

Damit dachte ich eigentlich, wäre dieser Punkt vom Tisch.

„Wenn etwas ist, sprech mit einfach an“, meinte Kim neben mir und klopfte mir leicht auf die Schulter.

„Das Gleiche gilt für mich auch“, kam es von Katrin.

Sollte ich wirklich so viel Glück haben und anständige Kollegen haben.

„Hat Anna euch meine Akte gegeben?“, fragte ich frei raus.

Beide blieben stehen und schauten mich an.

„Warum sollte sie?“, fragte Katrin.

„Damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt.“

„Hör mal Eric, so läuft dass bei uns nicht. Sie hat uns lediglich zu verstehen gegeben, dass wir einen neuen Kollegen bekommen, damit unsere Abteilung komplett ist. Jeder hat irgendwie ein Spezialgebiet, bei dem er sich gut auskennt. Gemeinsam ziehen wir da alle Nutzen daraus.“

Damit kam die nächste Frage auf. Welches Spezialgebiet hatte ich?

„Kommt ihr?“, rief uns Alexander zu.

So nahm dieses Gespräch abrupt ein Ende. Wir folgten Anna und Alexander auf die Baustelle. Ich war verblüfft, als die befreiten Häuser in Sicht kamen. Eigentlich ging ich davon aus, dass es mehr oder weniger sich um mehrere Ruinen handelte, aber hier standen komplett aufgebaute Häuser.

Eins davon war mit Sperrbändern versehen, die wir nun passierten. Mein Gehirn arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Nur weil Anna hier mal gelebt hatte, wurden sie und ihre Truppe außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches hergerufen.

Mit etwas mulmigem Bauchgefühl betrat ich das Haus. Auch hier war ich überrascht. Teile der Zimmer waren eingerichtet und gänzlich sauber.

„Hier“, hörte ich einen der Männer sagen und Anna betrat als erstes den Raum.

„Wir haben nichts verändert.“

Mittlerweile hatten Katrin und ich ebenso die Tür zum Zimmer erreicht. Auf dem Boden waren zwei Körper mit einer Plane abgedeckt, die gerade hochgehoben wurde. Ich traute meinen Augen nicht.

Auf der Stelle drehte ich mich um und eilte aus dem Haus. Draußen angekommen, atmete ich tief durch. Sollte das mein Spezialgebiet sein?

„Der Anblick ist wirklich nicht schön“, hörte ich plötzlich Anna neben mir, „gehen wir ein Stück.“

Wir liefen die Häuserfront langsam ab.

„Eric, ich möchte ehrlich sein. Ein guter Bekannter, der ebenfalls an ihrer ehemaligen Abteilung arbeitet, hat mir ihren Fall geschildert. Ich ließ mir ihre Akte kommen und wurde neugierig auf sie.“

„Auf mich? Was ist so interessant an mir?“

Ich wusste, dass ich leicht ärgerlich geklungen hatte, aber dafür wollte ich mich jetzt nicht entschuldigen.

„Eric, wie sie wissen, ist unsere Abteilung für Fälle zuständig, die sich bei Randgruppen und Minderheiten ereignen, und so gehört dieser Fall ebenso in unseren Zuständigkeitsbereich.“

„Sie wussten das von Anfang an… oder?“

Ich schaute ihr direkt in die Augen.

„Ich weiß vieles, Eric, aber ich bin nicht allwissend. Das die beiden Männer in einer verfänglichen Haltung vorgefunden wurden, überraschte selbst mich, auch wenn sie jetzt mit einem Schwert durchbohrt, wie ein Sandwich auf dem Boden liegen.“

Sie wusste also, dass ich schwul war und dachte wohl, dass ich dadurch meine Hilfe beisteuern konnte.

„Eric…“, sie schaute sich kurz um, „ihr Liebesleben ist mir schlichtweg egal. Ich wollte sie in meiner Abteilung, weil sie ein interessanter Mensch sind, der durch seine Ausgeglichenheit, seinem Verstand mit Herz und seiner Vernunft eine gute Hilfe für unsere Truppe ist.“

„Aber…, sie kennen mich doch überhaupt nicht… woher…?“

„So hat sie ihr Kollege beschrieben, der sehr große Stücke auf sie hält.“

Angestrengt überlegte ich, wer das sein konnte.

„Machen sie sich jetzt keine Kopf, wer oder was sie hier her gebracht hat. Sie sind jetzt ein Mitglied meiner Abteilung und ich erwarte…, ihre volle Unterstützung, mit welcher Hilfe auch immer.“

Ich nickte und bemerkte, dass Alexander auf uns zu geeilt kam. Anna folgte meinem Blick.

„Chief, dies scheint nicht der erste Mord… ähm an…“

„An Homosexuellen?“, fragte ich und sah, dass mich Anna kurz schmunzelnd beäugte.

„Ähm ja… es ist schon das dritte Pärchen.“

„Das Dritte?“, fragten Anna und ich gleichzeitig.

Alexander nickte. Anna sah auf ein Haus und schien sich in ihren Gedanken zu verlieren.

„Alexander…“, sagte sie plötzlich.

„Ja?“

„Sie fordern von den Kollegen alle Unterlagen an, auch von den beiden anderen Fällen. Kim soll sich um eine Unterkunft für uns bemühen und Katrin… ach du weißt schon. Zahnbürste und so Zeug, eventuell etwas zum wechseln.“

„Okay…, wir bleiben über Nacht?“

„Richtig erfasst Alexander.“

Alexander lief ohne weitere Worte zum Tatort zurück. Ich folgte Annas Blicke, die wieder zu diesem Haus schweiften.

„Haben sie hier gelebt?“

Anna nickte.

„Aber nicht lange. Als ich ins Schulpflichtige Alter kam, verkauften meine Eltern das Haus und wir zogen aufs Festland.“

„Also haben sie noch genügend Erinnerung an hier?“

„Klar, auch wenn die Gegend jetzt total anders aussieht, es hängen hier noch viele Erinnerungen in meinem Gedächnis fest. Aber dass ist Vergangenheit, die man nicht mehr ändern kann und ruhen lassen sollte.“

Bei den letzten Worten schaute sie mich durchdringend an.

„Anna, sie sagten, dass wir für Randgruppen zuständig sind.“

„Ja.“

„Warum, werden wir jetzt aber erst zu diesem dritten Mord hinzugezogen?

Sie schaute mich fragend an.

*-*-*

Mit einer Tüte bewaffnet, betrat ich das Zimmer und schaute mich um. Jemand stieß gegen meinen Rücken.

„Hoppla, warum bleibst du stehen“, hörte ich hinter mir.

Ich drehte mich um und Kim stand hinter mir. Ich sah zwei Betten im Zimmer, so schien ich es mit ihm zu teilen.

„Kommt es öfter vor, dass wir bei Fällen wo übernachten?“

„Meist nur, wenn es der Fall erfordert. Aber das kommt meist auf Anna an, sie hat ein Gefühl dafür, wenn etwas mehr Zeit braucht. Welches Bett?“

„Hm?“

„In welchem Bett du schlafen willst?“

„Das ist mir egal…“

„Okay, dann nehme ich das am Fenster.“

Kim steuerte auf das Bett zu und warf seine Tüte auf das Bett.

„Wartet auf dich zu Hause jemand?“, fragte Kim.

„Nein…wieso?“

„Dann hättest du jetzt Zeit die zu verständigen, den spätestens in einer Viertelstunde wird Alexander hier erscheinen und uns zusammenrufen.“

„Okay.“

Ich schaute in die Tüte. Zahnbürste, Zahncreme und Duschsachen, alles war vorhanden. Mit frischer Wäsche konnten sie nicht aufwarten. Woher auch, es kannte niemand meine Größe. Ich stellte die Tüte in das kleine Regal ab und verließ das gemeinsame Zimmer mit Kim wieder um Anna aufzusuchen.

Wie vermutet hatte sie ein Zimmer für sich alleine. Ich klopfte an ihrer Tür.

„Ja?“, hörte ich es von drinnen.

„Hier ist Eric…“

„Kommen sie herein.“

Ich öffnete die Tür und fand Anna an einem Tisch sitzend vor.

„Gut, dass sie kommen, Eric. Ich habe mir ihre Frage von vorhin noch einmal durch den Kopf gehen lassen und ich gebe ihnen Recht, es ist komisch, dass wir nicht informiert wurden.“

Sie zeigte auf den leeren Stuhl neben sich. Ich setzte mich zu ihr.

„Ich habe einige Telefonate getätigt“, sprach sie weiter, „also die Akten wurden an uns geleitet, wurden aber anscheinend auf dem Transport zu uns abgefangen, ebenso die Mitteilung, dass Morde geschehen waren, wurde unterbunden.“

„Wie kann so etwas sein?“, fragte ich ungläubig.

„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht Eric. Irgendwer hat da die Finger drauf…, aber ich werde schon heraus kriegen, wer das ist.“

Ich wollte noch etwas sagen, da klopfte es an der Tür.

„Ja?“, rief Anna.

„Wir treffen uns in fünf Minuten in der Lobby, Anna“, hörte ich Alexanders Stimme.

„Gut wir kommen“, rief Anna und seufzte.

Sie hatte wir gesagt, ob Alexander wusste, dass ich bei ihr war? Anna beugte sich nach vorne und zog ihre Schuhe an.

„Die Dinger bringen mich irgendwann einmal um.“

„Warum besorgen sie sich keine Laufschuhe?“, fragte ich lächelnd.

„Ich nehme es mir immer wieder vor, aber es kommt immer wieder etwas dazwischen.“

*-*-*

Als ich mit Anna unten eintraf, saßen alle schon auf der kleinen Sitzgruppe neben dem Eingang versammelt. Ich folgte Anna und setzte mich wie sie dazu. Mir blieben die skeptischen Blicke von Alexander nicht verborgen.

„Also, was haben wir?“, fragte Anna und riss mich aus den Gedanken.

„Also bei den zwei Toten“, begann Katrin, „ handelt es sich um zwei Touristen aus Rangärding eystra, wurden aber bisher nicht als vermisst gemeldet.“

„Das gleiche gilt für die anderen zwei Paare, also bisher nicht als vermisst gemeldet und ebenso von der Küste vor Heimaey. Es handelt sie hierbei um zwei Frauen und zwei Männer, Zusammenhänge habe ich bisher noch keine gefunden. Vielleicht noch…, einer der Männer, naja eher der jüngere, gerade achtzehn, ist Aktenkundig.“

„Aktenkundig?“, fragte ich, bevor es Anna tun konnte.

„Ja, er wurde aufgegriffen, als er sich als Strichjunge anbieten wollte, das war vor ungefähr vier Jahren.“

„Mit vierzehn?“, fragte Alexander entsetzt.

„Bevor du irgendwelche falschen Schlüsse ziehst, Alexander, du weißt nichts von seinem Umfeld“, warf Anna ein und nahm Alexander so den Wind aus den Segeln.

Ich schaute mir Alexander genauer an und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesem Herrn noch Ärger bekommen würde. Unsere Blicke trafen sich, doch ich hielt seinem Blick stand.

Anna schien diese kleine Aktion mitzukriegen und begann erneut zu sprechen.

Alexander, Kim und Katrin, ihr habt eure Aufgabe, Eric, sie kommen mit mir“, befahl sie und stand auf.

Ich tat es ihr gleich und folgte ihr nach draußen. Wir waren einige Schritte gegangen, als sie stehen blieb.

„Eric, was ich nicht in meiner Truppe haben will, sind Rivalitäten zwischen meinen Mitarbeitern. Ich weiß, Alexander ist ein Hitzkopf und spielt oft gerne das Alphamännchen, aber ich bitte sie, seien sie etwas nachsichtig mit ihm, auch wenn er ihnen jetzt recht eisig vorkommt.“

Ich bewunderte die Frau, wie sie so schnell dies alles erfasst hatte. Ohne auf ein Kommentar von mir zuwarten, sprach sie einfach weiter.

„Auch ist mir nicht entgangen, dass Alexander da etwas mit sich herum schleppt und den Platzhirsch nur spielt…“

„Was meine sie…?“

Sie lief einfach weiter.

„Das werden sie noch heraus finden. Darf ich sie etwas Privates fragen?“

Sie drehte sich zu mir um, während ich sie eingeholt hatte.

„Ja…, natürlich.“

„So natürlich ist es nicht!“

„Ich habe da kein Problem damit, Anna.“

„Okay… auf was für einen Typ Mann stehen sie?“

Grinsend sah sie mich an und ich verstand.

„…hm, keine leichte Frage…, aber Alexander ist absolut nicht mein Typ!“

„Gut, dann wäre auch diese Frage geklärt.“

Sie schaute wieder nach vorne.

„Sie möchten keine Beziehungen in ihrem Team?“

Sie lachte.

„Dass habe ich nicht gesagt, aber bevor sich ein Drama bildet, hätte ich gerne klare Linien abgesteckt.“

„Keine Sorge“, lächelte ich und sah einen Laden auf der gegenüberliegende Seite der Straße.

„Anna, hätten wir noch eine viertel Stunde Zeit, bevor wir uns weiter in die Ermittlungen stürzen?“

„Ja…, wieso?“

„Kommen sie einfach mit.“

*-*-*

„Eric, sie sind verrückt, aber ich gebe zu, meine Füße haben sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt, ich spüre die Schuhe kaum.“

Ich musste grinsen, als wir den Schuhladen gemeinsam verließen. Ich hatte sie hier her geschleppt, denn es gab bei Laufarbeiten nichts Schlimmeres als schmerzende Füße.

„So, aber nun gehen wir auf das Revier, wir werden sicher schon erwartet“, meinte sie und setzte ihren Weg von vorhin fort.

Dies war wohl eine Fehlvermutung, wie sich später heraus stellte. Ich hatte noch nie einen so kühlen Empfang erlebt, wie auf dieser Dienststelle. Es erinnerte mich stark an meinen letzten Arbeitsplatz.

Nachdem Anna dem wachhabenden Offizier ihre Dienstmarke unter die Nase gehalten hatte, wurden wir endlich zum Chief der Station geführt. Sein Büro entpuppte sich als kleiner Raum und das Fenster, war nicht der Name wert, welches etwas Tageslicht ins Zimmer fallen ließ.

„Chief Superindent Björndottir, was verschafft mir die Ehre?“, begrüßte er Anna mit Handschlag und musterte mich kurz.

Ihr war dieser Blick nicht entgangen.

„Das ist mein Kollege Chiefinspektor Einarson und wir sind gekommen, weil sie uns ja wohl gerufen haben.“

Die Stimmung im Zimmer sank auf den Gefrierpunkt.

„Das ist wohl ein kleines Missverständnis und auf die Unwissenheit eines unserer neuen Sergenant zurückzuführen, der fälschlicherweise den falschen Dienstweg gegangen ist.“

Was war das hier? Streitigkeiten über den Zuständigkeitsbereich. Ich kam mir vor, wie im Kindergarten.

„Aber da wir jetzt schon einmal da sind, können sie unsere Hilfe doch sicher gebrauchen?“

Der leichte Ton von Sarkasmus schwebte durch das Zimmer und war nicht zu überhören.

„Aber sicher doch.“

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass noch zwei ähnlich gelagerte Fälle anstehen.“

Die Augen des Chiefs verengten sich.

„So? Das ist mir neu, was meinen sie damit?“

„Die Morde an zwei Paaren…“

„Na ja Paare würde ich sie nicht nennen, es handelt sich schließlich um zwei Frauen und zwei Männer.“

Erwischt, also wusste er doch darüber Bescheid und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wurde ihm sein Fehler gerade bewusst.

„Wäre es denn möglich, die Akten dieser beiden Fälle einzusehen?“

„Ich werde meinem wachhabenden Offizier Anweisungen geben, ihnen die Akten zukommen zu lassen.“

„Danke.“

Wir verabschiedeten uns beide von ihm und verließen dessen Büro.

„Was war das jetzt?“, fragte ich.

Anna hielt kurz inne.

„Ich weiß es nicht, aber ich denke, wir werden es heraus finden. Jedenfalls ist das Verhalten auf dieser Station, mehr als komisch. Komm lass uns die Akten holen und dann verschwinden.“

*-*-*

Ich saß nun schon zwei Stunden über den Akten und wurde daraus nicht schlau.

„Entweder war hier jemand unheimlich faul, oder es wurde schlampig gearbeitet“, gab ich von mir und sah auf.

Wir hatten uns in dem Hotel einen kleinen Nebenraum angemietet. Der kleine Konferenztisch war mit Papieren verdeckt. Anna sah mich an, während sich die Tür zum Raum öffnete. Kim kam mit einem weiteren Stapel Papier herein.

„Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat“, entschuldigte sich Kim.

Nach ihm traten Alexander und auch Katrin ein, sie setzten sich zu uns.

„Es ist leichter an Daten der Queen von England zu kommen, als über die Station von hier etwas zu erfahren.“

„So?“, grinste ihn Anna an.

„Ich habe mich mit einigen Kollegen unterhalten, soweit das möglich war“, kam es von Alexander, „der Sergenant, der als erstes am Unfallort war, wurde wegen Unwohlseins beurlaubt, so sagte man mir es auf alle Fälle.“

„Das wundert mich nicht“, kommentierte Anna.

Sie schien kurz zu überlegen und sah uns wieder an.

„Ich habe meine Meinung geändert. Katrin bitte wickle alles Formelle mit dem Hotel ab und Kim du forderst bitte den Helikopter an.“

„Wir bleiben nicht?“, fragte Alexander, die Frage, die sich wohl jetzt selber stellte.

„Nein, denn ich denke, wir können hier im Augenblick nichts weiter ausrichten.“

*-*-*

Als wir wieder im Büro eintrafen, sah ich, dass sich der Stand der Möbel etwas verändert hatte und dicht neben Annas Büro sich nun ein weiterer Schreibtisch befand. Darauf prangte mir mein Namensschild entgegen.

Anna lächelte mich kurz an und betrat ihr Büro. Ich umrundete den Schreibtisch und ließ mich auf dem Bürostuhl nieder. Hekla kam zu mir und überreichte mir einen kleinen Hefter.

„Hier stehen alle unsere privaten Adressen drin, unsere Mailadressen und Telefonnummern. Gleich auf der ersten Seite befindet sich deine Mailadresse und ein Zugangswort, dass du nach betreten deiner Mailbox bitte änderst.“

„Danke…, aber warum eure private Adressen?“

„Es ist immer gut zu wissen, wo die Kollegen wohnen, meist, wenn sich etwas Dienstliches ergibt und keiner hier ist. Es wäre nett von dir, wenn du uns deine Adresse und Telefonnummer hinterlässt.“

„Aber sicher doch… Moment. Ich griff in die Brusttasche meiner Jacke und zog mein kleines schwarzes Büchlein hervor, das ich immer bei mir trug. Ich blättere durch die Seiten, wo ich meine neue Adresse und Handynummer aufgeschrieben hatte.

„Hier, schreib es gleich ab“, meinte ich und gab es ihr, ohne darüber nach zudenken, ob sie vielleicht eventuell den Rest des Inhaltes lesen würde.

„Danke“, meinte sie, ging an ihren Arbeitsplatz zurück.

Sie setzte sich und tippte anhand meines Notizbuches meine Daten ein. Wenig später stand sie wieder vor mir und gab mir mein Eigentum zurück.

„Ich habe an alle hier im Büro eine Mail geschickt, so hat es jeder.“

Ich nickte und steckte das Notizbuch wieder zurück in die Jackentasche. Ich griff nach der Maus und der Bildschirmschoner, Bilder aus der Gegend hier, wandelte sich auf meine Benutzeroberfläche.

In der Mitte öffnete sich ein kleiner Kasten und meine Mailadresse und Passwort wurden verlangt. Ich griff nach dem Ordner und lass diese, um sie wenig später einzugeben. Ein weiter Kasten öffnete sich.

Die Frage, ob ich mein Passwort ändern wollte erschien und ich klickte auf ja. Ein weiteres Feld erschien, wo das neue Passwort eingeben werden sollte und noch mal mit dem identischen Passwort bestätigt werden musste.

Ich überlegte kurz und musste grinsen. Ich gab meine Zahlen und Buchstabenkombination zweimal ein und bestätigte. Eine Mittteilung über das Speichern meines Passwortes erschien kurz.

Nun hatte ich freie Sicht auf mein Arbeitsfeld. Neben diversen Ordnern fand ich einen der mit Aktuell betitelt war. Ich klickte ihn an und sogleich öffnete sich ein neues Fenster, das wiederum mehrere Ordner zeigte.

Anscheinend war man hier sehr fleißig, denn ich konnte verschiedene Daten entdecken, die wir auf der Insel ermittelt haben. So öffnete ich erneut die Daten der Toten, die ich bereits auf der Insel beäugt hatte.

Mir fiel die Datei des jungen Mannes ins Auge, der schon Aktenkundig war. Ich öffnete seine Ordner und mehrere Seiten von Informationen prangten mir entgegen.

„Kim kannst du kurz kommen?“, hörte ich Anna rufen und schaute kurz auf.

Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich Kim und ging zu Anna. Ich widmete mich wieder der geöffneten Seite. Mutter früh verloren, wuchs bei seinem Vater auf, der später wieder heiratete.

Als sich bei dem Paar Nachwuchs einstellte, wurde er schlicht weg vor die Tür gesetzt. Danach schien er wohl abgerutscht zu sein, denn etwas später wurde er dann als Stricher aufgegriffen.

Vierzehn Jahre. Alexander hatte schon Recht, er war sehr jung. Ich schaute auf und sah die anderen emsig an ihren Computer arbeiten.

„Weiß jemand vielleicht, wer den Fall des Jungen bearbeitet hat, oder ihn verhaftet, kann ich dass irgendwo nach lesen?“, fragte ich in den Raum.

„Rechts oben, siehst du einen Quervermerk mit Nummer“, antworte Alexander, „einfach anklicken und du findest alle uns bekannten Daten.“

„Danke“, meinte ich und befolgte Alexanders Ratschlag.

Sogleich ging ein Fenster auf und nach kurzen lesen, stellte ich auch hier fest, dass der, der sich damals die Mühe machte, Daten einzugeben, entweder schlampig, oder zu faul war. Ein Verdacht kam in mir auf und mir lief es kalt den Rücken herunter.

Bilder und Erinnerungen aus meiner alten Dienststelle kamen auf. Ich stand auf und lief zu Anna, deren Büro gerade von Kim verlassen wurde. Ich schloss hinter mir die Tür, was mir sofort ihre Aufmerksamkeit einbrachte.

„Die Tür wird selten geschlossen, außer…, diesen Raum soll nichts verlassen.“

Ich schaute kurz zu den anderen, die alle auf mich starrten. Wieder auf Anna schauend, zeigte sie auf den Stuhl ihr gegenüber. Ich setzte mich.

„Es tut mir Leid, wenn ich gleich an meinem ersten Tag hier…“

„Keine Entschuldigungen!“, unterbrach mich Anna, „sie werden sicher einen Grund haben, oder?“

Ich nickte.

„Also, dann schießen sie mal los!“, meinte sie und lehnte sich zurück.

„Sie werden sicher wie ich gemerkt haben, dass alle Informationen über die Opfer, oder generell, was diese Fälle betrifft, sehr nachlässig oder Lückenhaft geführt wurden.“

„Ja, und?“

„Es erinnert mich stark an meine alte Dienststelle. Ich möchte jetzt niemandem etwas unterstellen, aber die Einträge hinterlassen bei mir den Eindruck, dass die Offiziers dort selbst etwas mit der Sache zu tun haben.“

„Starker Tobak, aber wie kommen sie darauf?“

„Wie gesagt, gab es Fälle bei uns, wo die Einträge genauso stümperhaft geführt wurden. Sie häuften sich und es wurde eine Sonderermittlung beantragt.“

„Intern, oder von dem dortigen Personal?“

„Intern…, wurden von Deputy Chief Constable Gordon Fisher durchgeführt.“

Ich konnte ein kurzes Lächeln auf ihren Lippen erkennen.

„Er…?“, fragte ich nur und sie nickte.

Jetzt fiel es mir wieder ein. Gordon hatte mich zu dieser Ermittlung abkommandiert und mich so zusagen aus dem Schussfeld der Kollegen genommen. Es hatte sich anscheinend herum gesprochen, dass ich oft den Angriffen meiner Kollegen ausgesetzt war.

Irgendwie hat er sich auch die ganze Zeit rührend um mich gekümmert und so etwas wie ein väterlicher Freund geworden. Ich atmete tief durch, da ich nun wusste, wer sich so positiv über mich geäußert hatte.

„Er hat sie angefordert…, zu diesen Ermittlungen, oder?“

Dieses Mal nickte ich.

„Und was ist bei den Ermittlungen heraus gekommen?“

„Dass mindestens vier meiner Kollegen daran beteiligt waren, sich an Ausländern… oder auch Schwulen zu vergreifen…“

„Was passierte mit den vier Herren?“

„Drei Herren, eine Dame…“

Annas Augenbraun wanderten kurz nach oben.

„Suspension…, Gerichtsverhandlung. Die drei Kollegen sitzen hinter Gitter, die Kollegin wurde nur mit einer Bewährungsstrafe belangt, obwohl ich mir bis heute sicher bin, dass sie der Kopf der Bande war.“

„Bande?“

„Entschuldigen sie den Ausdruck, aber es war geplantes Handeln.“

„Und warum bekam sie nur Bewährung?“

„Weil wir ihr nichts Direktes nachweisen konnten“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Und das hat sie nicht gerade beliebter gemacht, dass sie in dieser Sonderermittlung tätig waren.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Und jetzt hegen sie den gleichen Verdacht, bei dieser Untersuchung?“

„Ja!“

„Ich gebe zu, diesen Gedanken auch schon gehabt zu haben, aber nun, wo sie diesen Verdacht teilen, sollten wir dieser Spur nach gehen.“

„Anna…, bevor wir diese Ermittlungen starten…“

„Sie haben Angst, dass hier genauso etwas passieren kann, wie in ihrer alten Dienststelle?“

Ich nickte und krempelte meinen linken Ärmel hoch. Sie sah die Narbe auf meinem Arm.

„Was ist das?“

„Eine lautstarke Auseinandersetzung mit Kollegen und einer zerbrochenen Bierflasche.“

„Aha…“, meinte sie nur und ließ ihren Blick zu den anderen wandern.

Sie stand auf, griff nach der Türklinke, wandte sich dann aber wieder zu mir.

„Eric, es ist Zeit die Fragen ihrer Kollegen zu beantworten, die auf deren Seelen brennen, sind sie bereit dazu?“

Wieder atmete ich tief durch und krempelte meinen Hemdsärmel hinunter.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Vertrauen sie mir?“

„Ja!“

„Oh, das war eine klare, schnelle Antwort und freut mich.“

Sie öffnete die Glastür und trat nach draußen.

„Fahrt eure Computer herunter…, in zehn Minuten unten auf dem Parkplatz.“

„Wo geht es hin?“, fragte Alexander.

„Zu mir…!“

„Oh…“

Sie kam wieder herein und griff nach ihrer Tasche.

„Eric, sind sie mit ihrem Wagen da?“

„Ich habe noch keinen eigenen Wagen und zudem wohne ich nur zehn Minuten von hier weg.“

„Gut, dann fahren sie mit mir.“

*-*-*

Eine viertel Stunde später, saß ich in einem Ford Kuga, neben Anna. Forsch steuerte sie den Wagen durch die Stadt. Die anderen folgten uns in ihren Privatwägen.

„Warum fahren wir zu ihnen?“, fragte ich.

„Bevor ich weitere Fragen beantworte, Eric, wir reden uns mit dem Vornamen an und auch wenn sie erst den ersten Tag da sind, möchte ich ihnen das du anbieten, denn ich denke, das nachher folgende Gespräch mit den Kollegen wird sehr privat.“

„Okay…, warum fahren wir dann zu… dir?“

„Ganz einfach… zwei Gründe. Zum einen finde ich, dass solche privaten Gespräche, die sicher nachher stattfinden, nicht in die Dienststelle gehören, auch nicht den Verdacht den wir hegen, es geht schließlich vielleicht um Kollegen.“

„Und der zweite Grund?“

„Ich mag es gemütlich!“

„Bitte?“

„Eric, ich bin ein sehr harmonischer Mensch und bei so einer Gelegenheit wie dieser, bin ich gerne in Privaträumen und da bietet sich mein Haus bestens an.“

„Fährt ihr öfter zu dir?“

Sie lachte. Verwirrt schaute ich sie an.

„Das heute ist eine Primere!“

„Aha…“

Es dauerte eine Weile, bis wir in einen Vorort von Reykjavík erreichten, namens Grafarvogur, wurde der Verkehr ruhiger. Zum zweiten Mal heute sah ich das Meer. Anna verlangsamte ihr Tempo und bog in eine Einfahrt die von Bäumen gesäumt war.

Vor uns tat sich ein Garten auf, in dessen Mitte sich ein Haus befand. Es war im typischen Baustil für Island, komplett mit Holz verkleidet. Grundtenor war weiß, was aber die blaue Farbe der Fenster und Rähmen hervorstechen ließ.

Anna ließ den Wagen ausrollen. Ich stieg wie sie aus und schaute auf die Kollegen, die nun das Grundstück befuhren.

„Hallo Anna, ihr seid aber schnell da, ich konnte gar nichts richtig vorbereiten!“, hörte ich eine Stimme vom Haus.

Ich drehte mich um und sah einen Mann in der Tür stehen, der Anna recht ähnlich sah.

„Mein Bruder Phillip“, sagte Anna, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

Er kam zu uns und begrüßte seine Schwester mit einer Umarmung und einen Kuss auf der Wange.

„Darf ich dir Eric vorstellen?“, fragte Anna ihren Bruder, als sie gemeinsam den Wagen umrundet hatten.

„Ah, der Neue!“

Ich lächelte und streckte meine Hand aus.

„Hallo!“, meinte ich und schüttelte ihm die Hand.

„Phillip, du hast uns nie erzählt, dass du und deine Schwester so nobel wohnt“, hörte ich Lilja rufen, die mittlerweile auch ausgestiegen war.

„Besteht ein Grund, dir das auf die Nase zu binden?“

Alle lachten. Phillip ging zu ihnen und wurde von allen herzlich begrüßt.

„Mein Bruder bekleidete das gleiche Amt wie ich nur an einer anderen Dienststelle, ist aber seit einem schweren Unfall bei einem Einsatz in Pension…, vielleicht erzählt er dir mal, was damals passiert ist.“

Deswegen war er auch mit allen bekannt. Ari stand mittlerweile neben mir und pfiff leise.

„Nicht schlecht“, konnte ich leise hören, was Anna wieder zum Grinsen brachte.

„Gehen wir hinein“, rief Phillip und wir folgten ihm ins Haus.

*-*-*

Für das, das Phillip wenig Zeit hatte, war eine Menge gerichtet. Auf der Terrasse stand ein großer Tisch mit Bänken auf jeder Seite und auf einem Grill loderte schon Holz. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser, verschiedene diverse Getränke und Brotkörbe.

„Warum ich euch zu mir gebeten habe“, begann Anna plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, „Eric und ich hegen einen gemeinsamen Verdacht, der uns etwas in Schwierigkeiten bringen könnte.“

„Passiert das bei euch nicht oft?“, lachte Phillip.

Alle lachten mit, doch ich konnte mich oder Stimmung nicht so anschließen. Anna schaute mich an.

„Bevor wir aber unseren Verdacht äußern, wird, denke ich, Eric etwas weiter ausholen und euch Frage und Antwort stehen.“

In diesem Augenblick schauten alle zu mir. Unwohlsein machte sich in mir breit, aber plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Anna stand hinter mir. Sie ließ los und setzte sich neben mich.

Ich atmete tief durch und schloss kurz die Augen.

„Sicher… es ist schon die Frage gefallen, warum ich von England hier nach Island gewechselt bin. Offiziell, weil Anna mich angefordert hat…“

„Und inoffiziell?“, fragte Alexander.

„Alexander, lässt du Eric bitte ausreden, es fällt ihm, wie ihr sehen könnt, nicht leicht und wird sicher nachher eure Fragen beantworten“, meinte Anna und griff nach ihrem Glas.

Alexander nickte. Weiterhin waren alle Augen auf mich gerichtet. Meine Hände waren kalt und feucht. Ich zitterte leicht und schaute hilfesuchend zu Anna.

„Inoffiziell…“, begann sie, „weil ich finde, dass Eric ein interessanter Mensch ist, der mit seinen Eigenschaften und Wissen in vielen Fällen behilflich sein werden kann.“

„Ich…, ich“, begann ich zu stottern, „… wurde in meiner alten Dienststelle gemoppt.“

Mein Blick wanderte über die Gesichter der Anderen.“

„Warum?“, fragte Katrin.

„Es hat indirekt mit unserem jetzigen Fall zu tun. Auch bei uns wurden Daten wie hier schlampig geführt, was eine Untersuchung nach sich zog. Ich wurde von dem damaligen Deputy Chief Constable zur Untersuchung dazu gezogen.“

„Aber dich deswegen moppen…“, kam es von Ari.

Ich hob die Hand und er redete nicht weiter.

„Es wurde heraus gefunden, dass sich vier meiner Kollegen an Übergriffen an Randgruppen beteiligten, was Suspension und Gefängnisstrafen zur folgen hatte.“

„Aber dafür kannst du doch nichts, daran sind die Kollegen doch selbst schuld“, meinte Hekla.

„Ich…, ich gehöre zu einer dieser Randgruppen…“

Deutlich war ein Fragezeichen in den Gesichtern meiner Kollegen zu sehen.

„Ich bin schwul…“

Es war raus. Ich blickte auf die Tischplatte und traute mich nicht mehr hoch zu schauen.

„Krass!“, kam es von Ari, „und das kam dann raus und sie moppten dich?“

Er sprach einfach weiter, als hätte ich etwas Normales erzählt. Ich atmete noch einmal tief durch und schaute zu Ari, Dabei krempelte ich wie zuvor bei Anna meinen Hemdsärmel hoch und die circa fünfzehn Zentimeter lange Narbe wurde sichtbar.

„Es hat einen Streit vom Zaun gebrochen und es gab sogar einen tätlichen Angriff.“

Ich schaute in die Augen der anderen, die mich betroffen anschauten. Bis auf Kim, der lächelte. Warum auch immer. Aus Alexanders Blick wurde ich nicht schlau.

„Eric und ich“, ergriff Anna wieder das Wort, „denken, dass in Heimaey etwas Ähnliches von statten geht.“

„Die haben die umgebracht?“, fragte Ari entsetzt.

„Nein, soweit möchten wir nicht gehen, daran beteiligt irgendwie“, meinte ich.

„Tut das noch weh?“, fragte Stefan neben mir und schaute gebannt auf die Narbe.

„Ab und zu…“

„Dann kannst du ja froh sein bei uns untergekommen zu sein“, ließ Alexander vom Stapel, was ihm gleich eine Kopfnuss von Katrin einbrachte.

„Aua! Was denn? Ich mein ja nur…“

Phillip kam zurück und brachte zwei Schüsseln mit Salaten mit.

„Ist etwas passiert, oder warum schaut ihr wie eine Trauergemeinde?“

Erneut atmete ich tief durch und schaute zu Phillip.

„Ich habe geraden allen erzählt, dass ich schwul bin und es indirekt etwas mit dem Fall zu tun hat, an dem wir gerade arbeiten.“

„Ich weiß, hat mir Anna kurz vorhin am Telefon erzählt“, kam seine Antwort prompt.

Mein Blick wanderte zu Anna.

„Entschuldige, ich habe keine Geheimnisse vor meinem Bruder.“

„… jemand sagte zu mir, keine Entschuldigung, es wird schon seinen Grund dafür haben und ich sagte auch, ich vertraue dir!“

Natürlich war mir nicht entgangen, wie die anderen Augenpaare an uns hingen, weil wir so vertraut mit einander sprachen, als würden wir uns ewig kennen. Ich musste zugeben, in Anna eine Chefin gefunden zu haben, wo sich dieses Gefühl, von Vertrautheit breit machte.

„So, lieber Eric, nun bist du dran!“, kam es von Lilja.

Fragend schaute ich sie an.

„Du wirst jetzt einem strengem Verhör unterzogen!“

„… aha…“

„Nicht so schlimm…“, kam es von Ari, bei dem ich mir sicher war, dass er dies vor geraumer Zeit ebenso über sich ergehen lassen musste.

„Alter?“

„Sechsundzwanzig.“

„Sieht man dir nicht an, ich hätte dich für etwas jünger gehalten“, meinte Katrin lächelnd.

„Wohnhaft?“

Diese Frage kam von Alexander.

„Kleine Wohnung in der Nähe der Dienststelle, wieso?“

„Wieso was?“

„Warum du das wissen möchtest, du hast doch sicher die Mail von Hekla bekommen und meine Adresse gelesen und ich denke, du als alter Computerkenner, wusstest als erstes, wo ich wohne.“

Anna neben mir lachte auf und Alexander bekam einen Blick, als wäre er durchschaut.

„Um das Ganze zu verkürzen, ich wurde am 13.06.1987 in Árborg, früher Sandvik geboren, besuchte den dortigen Kindergarten, bevor meine Eltern nach Inverness in England zogen, weil mein Vater dort eine gute Stelle geboten bekam.“

„Auch Polizist?“, fragte Ari.

„Nein!“

Alle schienen zu merken, dass ich auf meine Eltern nicht gut zu sprechen war.

„Ich durchlief dort das normale Schulsystem…“

„Kannst du auch gälisch…?“, unterbrach mich Kim.

Is maith an scáthán súil charad!”

Alle schauten mich fragend an.

„Das Auge eines Freundes ist ein guter Spiegel!“, übersetzte ich und Kim lächelte, ich spreche Englisch, gälisch und mittlerweile Isländisch wieder fließend und wenn es sein muss auch französisch.“

„Alle Achtung, da machst du unserem Kim ja fast Konkurrenz“, meinte Anna neben mir.

„Ja?“, schaute ich fragend zu Kim.

„Englisch, Französisch, verschiedene asiatische Sprachen und Spanisch…“

„Nicht schlecht!“, gab ich bewundernd von mir.

Bevor ich weiter erzählen konnte hörte man vor dem Haus ein Wagen aufheulen. Fast unscheinbar nickte Anna ihrem Bruder zu. Der lief mit seiner Grillzange zu Alexander.

„Könntest du kurz übernehmen?“, fragte er Alexander.

„Aber gerne doch“, antwortete Alexander und erhob sich, während Phillip die Terrasse verließ.

Ich wollte gerade weiter erzählen, als Phillip mit einem anderen Mann zurück kehrte, neben mir erhob sich alles, nur Anna blieb sitzen.

„Bleiben sie bitte sitzen, wir sind hier nicht im Dienst!“, sagte der Mann und sah zu Anna.

Sie erhob sich.

„Deputy Commissioner Gunnar Magnusson, welche nobler Glanz in unserer bescheidenen Hütte.“

Na super, da kommt der Chef des Hauses persönlich und ich erhebe mich nicht, was für einen Eindruck!

„Anna, mir wäre lieber, es wäre ein privater Besuch, aber nach dem Anruf ihres Bruders, dachte ich sollte kurz vorbei schauen.“

Mittlerweile hatte ich mich auch erhoben, während die anderen sich wieder setzten. Anna spürte wohl meine Unruhe.

„Commissioner, darf ich ihnen meinen neuen Mitarbeiter und rechte Hand Chief  Inspektor Eric Einarson vorstellen?“

„Ah, den jungen Mann den sie bereits erwähnten“, meinte er und schüttelte mir die Hand.

Alexander hatte seinen Platz am Grill verlassen und war wieder an den Tisch zurück gekehrt. Doch er konnte sich nicht setzten, da der Commissioner an seinem Stuhl stand. So setzte er sich kurzerhand einfach auf Phillips Platz.

„Setzten sie sich doch Commissioner“, meinte Anna und wies auf Alexanders ehemaligen Platz.

„Ich wollte eigentlich nicht lange bleiben…“, er setzte sich, „aber können sie mir noch einmal in aller Ruhe schildern, wie sie auf diesen Verdacht des Amtsmissbrauchs gekommen sind?“

Ich beobachtete die anderen, während des Gesprächs. Schon als Anna mich als rechte Hand erwähnte, wurden ein paar Augenpaare größer.

Als Anna nicht antwortete, spürte ich, wie plötzlich alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war. So schilderte ich in ruhigen Worten, was vor geraumer Zeit in meiner alten Dienststelle passiert war, ohne dabei aber zu erwähnen, dass ich selbst zu einer dieser Randgruppen gehörte.

Der Commissioner schwieg nach meinen Ausführungen und schaute dann zu Anna.

„Dünnes Eis…“, sagte er plötzlich, „… sehr dünnes Eis, Anna. Es ist nicht mein Zuständigkeitsbereich und kann nur hoffen, dass mein Kollege von Selfoss, diese Ermittlungen zulässt. Aber ich verspreche ihnen, ich werde mein Möglichstes tun und ihnen bis heute Abend spätestens bekannt geben, ob sie den offiziellen Dienstweg gehen könnten.

„Danke Commissioner.“

*-*-*

Die Dunkelheit war mittlerweile herein gebrochen und alle machten sich langsam auf, nach Hause zu fahren. Kim bot mir an mich mitzunehmen. Dankend nahm ich an und saß etwas später in seinem Geländewagen.

„Elegantes Auto“, meinte ich.

„Danke, ja er ist schön, auch wenn ich ihn selten fahre. Für die Stadt ist er einfach nichts.“

„Du hast noch ein anderes Auto?“

„Ja einen Kleinwagen, passend für den Stadtverkehr. Und du? Schon etwas in Aussicht?“

Ich schaute ihn an und grinste.

„Meinst du jetzt ein Auto…?“, fragte ich.

„Man soll nie eine Frage mit einer Frage beantworten…“

Ich grinste vor mich hin und schaute wieder nach vorne. Wenig später setzte Kim mich direkt vor dem Haus ab und verabschiedete sich. Ich zog meine Schlüssel aus der Jacke und öffnete die Haustür.

Aus meinem Briefschlitz quoll Post. Da ich erst ein paar Tage hier wohnte, konnte es sich nur um Werbung handeln. Ich zog das Pack voll Papiere heraus und lief die Treppe hinauf. Im dritten Stock angekommen, öffnete ich meine Haustür.

Tief durch atmend schloss ich die Tür hinter mir. Was für ein Tag. Ich hätte das heute Morgen nicht gedacht, als ich die Wohnung verließ, dass dieser, mein erster Tag hier, so verlaufen würde.

Ich schlüpfte aus meinen Schuhen, deponierte sie neben der Kommode, entledigte mich meiner Jacke. Danach lief ich in die kleine Küche, wo ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zog.

Gedankenverloren lehnte ich gegen den Kühlschrank und nippte am Wasser.

*-*-*

Es war ungewöhnlich warm heute, so zog ich, als ich das Haus verließ, die Jacke wieder aus, die ich vor Minuten übergestreift hatte. Eine unruhige Nacht hatte mein Schlafpensum stark dezimiert und so gähnte ich herzhaft.

Der Tag gestern war alles andere, als ich ihn erwartet hätte. Alle wussten nun um mich Bescheid. Mein Blick fiel auf die Narbe, die meinen Arm zierte. Bisher hatte ich es immer vermieden sie zu zeigen.

Doch jetzt, wo es jeder wusste, konnte ich sie offen tragen, ohne dass gleich jemand dumme Fragen stellte. Ich warf meine Jacke über die Schulter und lief Richtung meiner Arbeitsstelle. Das Hupen eines Autos ließ mich kurz zusammen fahren und ich wendete meinen Blick zur Straße.

Ein Auto hielt und ich erkannte Kim im einem Kleinwagen.

„Morgen Eric!“

„Morgen Kim!“

„Moment“, rief er, gab kurz Gas und parkte in die nächste freie Parklücke. Ich lief hinter her und blieb am Wagen stehen.

Der Motor erstarb und wenige Augenblicke später stand Kim neben mir.

„Hast du keinen Parkplatz an der Dienststelle?“

„Doch, aber ich wollte noch ein Stück mit dir laufen, als ich dich sah.“

„Okay, wenn du meinst.“

Er verschloss seinen Wagen per Knopfdruck, die Blinker leuchteten auf. Wir setzten uns in Bewegung.

„Und…? Hast du gut geschlafen?“

„Geschlafen? Eher vor mich hin gedöst, richtig schlafen konnte ich nicht.“

„War wohl etwas viel auf einmal gestern?“

„Das kannst du laut sagen. Gestern Morgen hätte ich nicht gedacht, dass der Tag so verlaufen würde.“

„Kann ich mir gut vorstellen. Aber ich prophezeie dir, dass es mit Anna nie langweilig werden wird. Und was dein Coming Out betrifft, ich fand es gut, das es von Anfang an keine Geheimnisse zwischen uns gibt.“

„Geheimnis…, wohl eher einseitig, ich weiß nichts über euch, ihr meine halbe Lebensgeschichte!“

„Verärgert deswegen?“

„Nein!“

„Aber?“

„Es fühlt sich komisch an.“

Kim blieb stehen und wandte sich an mich.

„Ich will mal ehrlich sein. Es war beabsichtigt, dass ich dich vor dem Haus abfange.“

„Wie konntest du wissen, wann ich das Haus verlasse?“

„Ich habe schon eine halbe Stunde im Wagen gewartet.“

„Wieso das denn?“

„Weil ich mit dir reden wollte, alleine, bevor wir auf die anderen treffen.“

Ich musste lächeln. Kim hatte irgendetwas Entwaffnendes an sich. Er wirkte eher schüchtern, was er aber nicht war.

„Und über was wolltest du mit mir reden?“

„Du warst ehrlich zu mir, so will ich auch ehrlich zu dir sein…“

„… das musst du nicht…“

„… lass mich bitte aussprechen, dies hier fällt mir schon schwer genug. Das was ich dir jetzt sage, habe ich noch niemand erzählt. Ich denke Anna ahnt es, weil sie mich gut genug kennt.“

Was wollte er mir jetzt so wichtiges sagen?

„Ich habe mir in der Vergangenheit nie Gedanken gemacht, was mich betrifft. Ich arbeite gerne unter Anna und die Arbeit macht mir Spaß, auch wenn es ab und zu heftig ist.“

„Hat sich jetzt etwas daran geändert?“, konnte ich mir die Frage nicht verbeißen.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, aber auch ja.“

Fragend schaute ich ihn an.

„Bisher war mir nur meine Arbeit wichtig, ich habe nicht viel Privatleben, was aber auch nicht schlimm ist.“

Ich verstand jetzt nicht, was er mir damit sagen wollte.

„Und was hat sich nun geändert?“

„Du!“

„Ich?“

„Ja du! Seit du da bist…, ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll…“

„Ähm, ich bin doch gerade mal erst einen Tag da.“

„Das hat schon ausgereicht…“

Er senkte den Kopf.

„Kim, könntest du mir bitte sagen, was los ist?“

Er schaute auf und ich konnte in diese wundervollen braunen Augen schauen, die mich anfunkelten. Er atmete tief durch.

„Es mag verrückt klingen, bisher war mir das egal, ob ich eine Freundin…, oder einen Freund möchte…, aber ich war jetzt einen Tag mit dir zusammen und plötzlich sehne ich mich nach einer Umarmung…, Zweisamkeit…“

„Du bist auch schwul?“, fragte ich irritiert.

„Das ist es eben was ich nicht weiß, Eric. Bisher habe ich solche Gefühle nie gehegt, egal bei Frauen oder Männern. Und plötzlich tauchst du auf und mein Kopf spielt verrückt.“

Ich konnte nicht anders und musste lächeln. Diese Offenheit von Kim ehrte mich, doch wusste ich im Augenblick nicht, wie ich ihm helfen sollte. So legte ich meine Hand auf seine Schulter und rüttelte etwas an ihr.

„Was hältst du davon, wenn wir das alles langsam angehen lassen. Wenn etwas ist, komm zu mir, rede mit mir… okay?“

Er nickte.

„Komm lass uns hinein gehen, bevor Alexander noch eine Vermisstenanzeige startet.“

Kim lächelte wieder.

„Das wäre ihm sogar zuzutrauen.“

*-*-*

„Morgen zusammen“, sagte ich laut, als ich das Büro betrat.

Anna sah aus ihrem Büro auf und nickte mir zu.

„Guten Morgen“, kam es von den anderen zurück.

„Einen Kaffee?“, fragte mich Ari.

„Du musst mir keinen Kaffee holen, Ari“, meinte ich und hängte meine Jacke über den Stuhl.

„Och, ich tu das gerne“, lächelte er mich an.

„Okay…“, erwiderte ich und setzte mich.

Während Ari durch die Tür verschwand, trat Anna an meinen Tisch. Sie legte einen kleinen Hefter vor mir ab.

„Das ist alles, Eric, was der Commissioner uns geben konnte. Hekla hat es bereits in die Dateien aufgenommen. Es ist sehr dürftig, mehr konnte man uns nicht zu der Dienststelle sagen. Und wie erwartet, war der Kollege des Commissioner alles andere als begeistert, als er von unserem Verdacht erfuhr.“

„Und jetzt, dürfen wir in die Richtung ermitteln?“

„Ja!“, antwortete sie mit einem Lächeln und lief zurück zu ihrem Büro.

Ich blätterte die kleine Akte durch und überflog das Geschriebene. Viel stand da wirklich nicht. Ari kam mit einem Tablett voll Kaffeetassen zurück und stellte mir als erstes die Tasse hin.

„Danke Ari!“

Er lächelte mich an und lief zu den Anderen. Mein Blick fiel auf Kim, der wie gewohnt hinter seinem PC vertieft saß. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Heiß und schwarz, so wie ich ihn mochte.

Wie konnte Ari das wissen? Erneut blätterte ich die Akte durch und fand einen kleinen Vermerk am Schluss der Akte. Der Sergenant, der uns rief, lag anscheinend im Krankenhaus, denn er hatte einen Unfall.

Über den Unfall war nichts vermerkt. Ich stand auf und lief zu Anna.

„Meinst du, es bringt etwas, den Sergenant zu besuchen? Erst beurlaubt, dann Unfall, hört sich etwas komisch an.“

„Den Gedanken hatte ich auch, das ufert langsam aus. Er liegt hier in Reykjavík in der City Klinik. Nimm dir jemanden mit und besuche ihn.“

„Wen?“

„Das überlasse ich dir, aber informiere auch die anderen über unsere nächsten Schritte“, lächelte sie mich an.

„Danke.“

„Wofür?“

Ich zuckte mit den Schultern und verließ das Büro, um mich wieder auf meinen Platz zu setzten. Ich fuhr meinen PC hoch und schaute nach den Daten dieses Kollegen. Natürlich waren auch diese Informationen spärlich.

Sergenant David Helgison. Alter dreiundzwanzig und seit einem halben Jahr auf Heimaey stationiert. Eine normale Laufbahn, nicht außergewöhnliches war zu finden. Ich kratzte mich kurz am Hinterkopf und schaute zu meinen Kollegen.

„Ich werde mit Kim, den Sergenant, der uns gerufen hatte im Krankenhaus besuchen, vielleicht ist aus dem etwas heraus zu bekommen“, warf ich einfach in den Raum.

„Gut“, kam es von Hekla, „ich werde mit Lilja weiter versuchen, etwas über die Truppe heraus zu bekommen.“

Mein Blick fiel auf Alexander, der bisher weder einen Kommentar abgegeben hatte, noch irgendwie sonst auf mich reagiert hatte.

„Alexander, könntest du dich eventuell schlau machen, ob es auf Heimaey oder hier in dieser Gegend solche Übergriffe oder Morde gab?“

Er schaute auf.

„Die Informationen über Heimaey sind nach wie vor spärlich, aber für hier sollte es kein Problem sein.“

Aus seiner Tonlage heraus konnte man eigentlich nicht erkennen, ob er dies jetzt gerne tat, oder nicht. Aber sein Blick verriet ihn, dass das etwas nicht stimmte. Aber ich wollte mich damit nicht befassen.

„Danke…“, ich stand auf und griff nach meiner Jacke, „Kim kommst du?“

„Ja“, meinte er und erhob sich von seinem Platz.

„Eric“, rief Anna aus ihrem Büro.

„Ja?“, antwortete ich und drehte mich um.

Sie stand auf und kam zur Tür. Dann warf sie mir etwas zu, was ich als Schlüssel erkennen konnte.

„Ich habe es gerne, wenn alle meine Leute mobil sind“, sagte sie lächelnd und kehrte zu ihrem Platz zurück.

Kim grinste mich an.

*-*-*

„Mist, ich habe vergessen zu fragen welches Auto…“

„Drück doch einfach aufs Knöpfchen“, meinte Kim neben mir, „irgendwelche Blinker werden schon leuchten.“

Ich hob die Hand, drückte auf den Öffner und schaute mich wie Kim um.

„Da“, sagte Kim und zeigte nach rechts.

Mein Blick folgte seinem und ich schaute auf einen SUV von Hyundai.

„Hat das Haus zu viel Geld?“

„Wieso? Wenn du hier unterwegs bist, brauchst du so ein Auto. Viele Straßen in Island sind nicht einmal geteert, bestehen aus einer Schotteroberfläche. Und die geteerten Straßen sind oftmals auch nicht besser.“

„Okay“, meinte ich und öffnete den Wagen.

Er war sehr geräumig. Ich stellte meinen Fahrersitz ein, beugte mich nach vorne um den Zündschlüssel einzustecken, fand aber kein Schloss. Kim zeigte lächelnd auf einen Knopf, direkt neben dem Lenkrad.

„Der Wagen besitzt eine Smart – Key – Funktion, davon habe ich schon gehört, einfach auf Knopf drücken und der Motor startet.“

Ich folgte Kims Worten und drückte den Knopf, aber außer vielen Lichtern die plötzlich aufleuchteten, passierte nichts.

„Kaputt?“, fragte ich und musste dabei grinsen.

„Glaub ich nicht, da ist sicher ein Trick dabei, warte ich schau in der Beschreibung nach.“

Er öffnete das Handschuhfach und zog einen kleinen Hefter heraus. Er blätterte etwas, las kurz, schaute dann zu mir.

„Kupplung treten und Start – Knopf drücken.“

Ich befolgte seine Erklärung und siehe da, der Wagen sprang an.

„Hört sich nicht schlecht an“, meinte Kim, als ich etwas mit dem Gas spielte.

So verließen wir den Parkplatz.

„Wo muss ich eigentlich hin?“

„Du fährst die Grensásvegur Straße vor bis zur Miklabraut.“

Wieder befolgte ich seinen Hinweis. Der Wagen zog kräftig an.

„Ähm… es sieht zwar aus wie eine Schnellstraße, aber du darfst trotzdem wie in der ganzen Stadt nur 50 fahren.“

„Wie überall, oder?“

„Ja, aber Außerorts gilt nur 90, nicht wie 120 oder 130 wie in Europa.“

„90?“

Kim lachte.

„Du kennst die Straßen hier nicht. Wenn du eine länge Reise vor dir hast, kannst du glücklich sein, wenn die ganze Strecke durch geteert ist.“

„Was denn sonst?“

„Schotterwege…, da darfst du übrigens dann nur 80 fahren.“

„Na toll, da kommt man ja nie an.“

„Du wirst dich daran gewöhnen…, ach deswegen ein Grund mehr, warum wir den Helikopter benutzen, damit wir schneller Vorort sind.“

Mittlerweile hatte ich mich auf die vierspurige Miklabraut eingereiht.

„Die erste Abfahrt gleich wieder herunter und dann immer geradeaus.“

„Irgendwann werde ich mich auskennen.“

„Wie, du willst den besten Navigator nicht mehr mitnehmen?“

Ich grinste zu ihm hinüber.

„Wo wir gerade bei dir sind, warum hast du mich mitgenommen?“

Ich fädelte mich in die Ausfahrt ein, schaute kurz zu Kim hinüber.

„Was soll ich sagen…, neben Anna hatte ich bisher zu dir den meisten Kontakt…, ich kenne die anderen noch nicht gut… na ja dich auch noch nicht, was ich ja ändern will.“

Ich lächelte ihn an.

„Bevorzuge mich bitte nicht…“

„Tu ich sicher nicht…, wobei ich dich wirklich lieber mitnehme, als Alexander.“

„Alexander ist ein Thema für sich.“

„Das habe ich schon gemerkt. Seine Blicke vorhin, als ich ihm eine Aufgabe gab, sprachen Bände.“

„Sei ihm nicht böse, er weiß es nicht anders.“

„Wie meinst du das?“

„Dazu reicht diese Autofahrt…, du musst da vorne links nach der nächsten Kreuzung.. nicht aus, lass uns ein andermal darüber sprechen.“

Ich nickte und setzte den Blinker.

„Da vorne, du müsstest das Schild schon sehen.“

Wenig später standen wir auf dem Parkplatz und stiegen aus. Am Empfang zeigte ich meinen Ausweis und fragte nach dem Kollegen. Die Dame, die uns gegenüberstand, tippte etwas in den Computer ein, dann verzog sie das Gesicht.

„Meine Herren, einen Moment bitte.“

Sie griff nach dem Hörer und wendete sich von uns ab. Ich schaute kurz zu Kim, der nur mit den Schultern zuckte. Dann wandte sich die Dame wieder an uns.

„Wenn sie kurz einen Augenblick warten könnten…, es wird gleich der behandelnde Arzt zu ihnen kommen.“

„Danke“, meinte ich und zog mich mit Kim etwas von der Theke zurück.

„Irgendetwas stimmt da nicht“, nuschelte Kim mir zu.

„Der Meinung bin ich auch.“

„Entschuldigung“, hörte ich hinter uns eine andere Frauenstimme, „sind sie die zwei Policeofficers, die den Sergenant David Helgison besuchen möchten?“

Ich holte meinen Ausweis hervor und hielt der Dame, die anscheinend die Ärztin zu sein schien vor die Nase.

„Chief Inspektor Eric Einarson und mein Kollege Kriminalinspektor Kim Jonson“. Stellte ich uns vor.

„Es tut mir Leid ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Kollege vor einer halben Stunde verstorben ist.“

„Was?“, entfuhr es mir.

„Es ist ein Herzstillstand eingetreten, wir konnten ich nicht mehr retten…“

„Einen Augenblick bitte“, meinte ich, das Gehörte zu verdauen.

Ich lief etwas zur Seite und zog mein Handy hervor. Wenige Sekunden später hatte ich Anna am Telefon.

„Ja hallo Eric, was kann ich für dich tun?“

„Sergenant David Helgison ist tot…“

Ein Augenblick herrschte Ruhe in der Leitung.

„Eric, bitte veranlasse eine Autopsie, die nötige Unterlagen, darum werde ich mich sofort kümmern und dem Krankenhaus zukommen lassen.“

„Gut, dir kommt das auch sehr komisch vor, oder?“

„Ja… und versuch bitte Vorort heraus zu bekommen, ob ihn jemand seiner Kollegen aus Heimaey besucht hat.“

„Werde ich machen, ich melde mich dann wieder.“

„Danke, bis später.“

Ich drückte das Gespräch weg und wandte mich wieder Kim und der Ärztin zu.

„Dr. Tinna Gyselhaf berichtete mir gerade, dass eine Ader im Gehirn geplatzt ist…“

Ich nickte.

„Können sie mir bitte vielleicht Näheres über den Unfall berichten?“, fragte ich die Ärztin.

„Unfall? Das war kein Unfall, aber mir glaubt ja niemand…“

Ich schaute kurz zu Kim.

„Können wir uns vielleicht irgendwo ungestört unterhalten?“

„Ja sicher…, aber warum?“

„Das werde ich ihnen gleich erklären. Können sie bitte eine Autopsie anordnen?“

„Das kann ich nicht alleine entscheiden.“

„Doch können sie, gleich werden sich per Fax Anweisungen von meiner Chefin kommen.“

„Na dann…“

*-*-*

„Und sie glauben wirklich, mein Kollege, will das Ganze vertuschen?“

„Sie sagten selbst, dass er mit den Kollegen aus Heimaey sehr vertraut sprach“, antwortete ich.

Etwas mühselig hatte ich ihr alles erklärt und warum wir hier waren. Fassungslos schaute sie mich an.

„Tinna…, ich darf sie doch so nennen?“, fragte ich, sie nickte, „es ist jetzt wichtig, das wir eng zusammen arbeiten. Wenn ich richtig vermute, ist Sergenant David Helgison neben den uns bekannten Opfern, nun das siebente Opfer. Irgendetwas hat er mitbekommen, was sein Leben in Gefahr brachte.“

Die Ärztin rieb sich durch das Gesicht.

„Und mein Kollege hängt da irgendwie mit drin.“

„Mit aller höchster Wahrscheinlichkeit.“

Kims Handy machte sich bemerkbar und er ließ uns kurz alleine.

„Ich kann das immer noch nicht glauben, nicht Einar…, der würde so etwas doch nie machen“, kam es verzweifelt von ihr.

Kim betrat das Zimmer wieder.

„Das war Alexander. Es gibt noch mehr Opfer, die wir wahrscheinlich auf deren Konto verbuchen können und er hat ausgerichtet, dass Anna mit Lilja und Ari hier her unterwegs ist.“

„Gut, solange bleibt Tinna bei uns, ich möchte nicht, dass ihr Kollege etwas mitbekommt.“

„Hat er doch“, meldete sich Tinna zu Wort, „als der Empfang anrief, wegen ihnen beiden, da meinte er, ich solle gehen, er hätte noch etwas zu tun.“

Ich sprang auf.

„Bringen sie mich zu ihrem Kollegen!“

*-*-*

Anna stand am Fenster und schüttelte den Kopf.

„Ich will nicht wissen, wie lange das hier schon so läuft.“

Sie schaute auf die Dokumente des Arztes, die wir vor dem Reißwolf retten konnten.

„Es tut mir Leid“, kam es von Tinna, „ich wusste wirklich nichts davon.“

„Und sie hatten nie einen Verdacht?“

„Nein und wenn, wurde er gleich im Keim von Einar erstickt.“

„Ja, mit dem Herrn befassen wir uns später. Auf alle Fälle müssen wir jetzt davon ausgehen, dass die Kollegen in Heimaey vorgewarnt sich. Kim würdest du bitte seine Telefonate überprüfen, sein Handy nicht vergessen.“

„Wird gemacht.“

„Ari, du überprüfst die Fährverbindung, ob wir vielleicht heraus bekommen können, wer genau von unseren Kollegen hier war und Lilja setzte dich mit Alexander in Verbindung, ob wir Bilder von unser Kollegen haben.“

„Okay.“

Die drei verschwanden. Nun war ich mit Tinna und Anna alleine.

„Wie wird es jetzt weiter gehen…?“, fragte Tinna leise.

Ich schaute zu Anna.

*-*-*

„Du siehst nicht vorteilhaft aus“, kam es von Stefan, an Ari gerichtet.

„Ich weiß nicht, was ich heute Morgen Falsches gegessen habe…“

Ari war ganz blass um die Nase und hing an der Reling.

„Es hätte ja auch jemand etwas sagen können, dass wir dieses Mal nicht den Helikopter nehmen…, boah dieses Geschaukel… Leute ihr entschuldigt…, ich glaub ich muss auf die Toilette.“

Ein Kichern ging durch die Menge, obwohl unser hier sein, nicht gerade einen Anlass dafür gab. Anna hatte bewusst beschlossen, den Helikopter nicht zu benutzen. Ein Anflug der Insel würde automatisch an das Revier gemeldet.

Da wir auch nicht wussten, wie viele Leute involviert waren, hatte Anna noch eine Mannschaft zusätzlich angefordert und alle die hätten im Hubschrauber keinen Platz gehabt. So mussten wir uns dem Wellengang des Meeres hingeben, was nicht jeder vertrug.

Ari kam zurück, seine Augen rot und die Haut noch blasser als vorher.

„Ist mir schlecht…“

„Katrin, könntest du dich bitte etwas um Ari kümmern, vielleicht findet ihr eine Möglichkeit, wo Ari sich etwas hinlegen kann“, meinte Anna.

Katrin nickte, legte den Arm fürsorglich um Ari und führte ihn zurück ins Schiffsinnere. Irgendwie spürte ich Blicke, die auf mich gerichtet waren. Ich drehte mein Kopf leicht nach links und schaute in die Augen von Alexander.

Innerlich seufzte ich. So verließ ich meinen Platz und ging zu Alexander, der sich gerade umdrehte und auf das Meer hinaus schaute.

„Alexander, was ist los?“

„Was soll los sein, es ist nichts.“

Das kam mir ein Spur zu trotzig herüber.

„Hast du irgendein Problem mit mir?“

„Nicht, dass ich wüsste!“

„Und warum glaube ich dir nicht?“

Er drehte seinen Kopf und schaute mir in die Augen. Ich konnte Wut und Verärgerung darin erkennen, aber da war auch noch etwas Anderes. Er sah enttäuscht aus.

„Was weiß ich…“

„Alexander, wenn dir irgendetwas missfällt, dann sag es mir bitte, ich bin mir sicher…“

„Hör auf so geschwafelt zu reden, ich bin kein Auszubildender, dem man immer sagen muss, wo es lang geht“, fiel er mir ins Wort.

Ah, daher wehte der Wind. Wie schon erzählt, benahm er sich oft wie das Alphamännchen und nun wurde ich ihm vor die Nase gesetzt.

„Habe ich nicht vor. Du bist in meinem Alter und wirst ebenfalls genug Berufserfahrung haben…“

Alexander zischte verächtlich. Ich wusste im Augenblick nicht, was ich sagen sollte, um diesen Zustand zu ändern. Viel Zeit hatte ich nicht, die ersten Ausleger der Insel kamen in Sicht. Er drehte sich zu mir.

„Du kommst hier her, machst eins auf, ich armer Schwuler und denkst, alles läuft so wie du willst!“

Meine Augen verengten sich. Wie war das, du wirst es hier besser haben?

„Das denkst du also. Ich kann nichts dafür, dass in meiner Akte für jeden nachzulesen ist, dass ich schwul bin. Muss ich mich jetzt auch noch rechtfertigen, für das, was ich bin? Ich will von niemandem Mitleid, nur etwas Respekt vor der Person, aber wenn dir dass schwer fällt, dann haben wir ein massives Problem.“

Sein Gesicht wurde ausdruckslos.

„Ich dachte hier könnte ich einen neuen Anfang machen, ohne darüber nachzudenken, was mich heute wieder erwartet. Wenn du wirklich damit ein Problem hast…, mit mir ein Problem hast, sollten wir bald möglichst, mit Anna reden, dann sehe ich hier für mich keine Zukunft.“

Alexander sah mich nur an, gab aber keinen Laut von sich.

„Ich wusste nicht mal, dass ich nach Anna, der Diensthöchste bin. Aber ich kann die Situation auch umdrehen. Du hast mein Alter, du hast die gleichen Möglichkeiten gehabt wie ich, warum hast du nicht einen Rang eines Chief Inspektors?“

„Ich…, ich…“

„Ach vergiss es“, fuhr ich ihn an, wendete mich ab und ließ ihn stehen.

Dass ich so laut geworden war, dass es die Anderen mit bekommen hatten, war mir jetzt auch egal. Ich hatte keine Lust, die letzten drei Jahre zu wiederholen, alles noch einmal durchzumachen.

Ich durchquerte das Parkdeck um mir einen ruhigen Platz auf der anderen Seite des Schiffes zu suchen. Ich würde diesen Fall mit Anna noch durchziehen und dann um eine Versetzung bitten, denn auf der Insel wollte ich bleiben.

Ich lehnte mich an die Reling und spürte den kalten Wind, der um meine Nase wehte. Ich wusste nicht, war es der scharfe Wind, oder meine Erinnerungen, die mir die Tränen in die Augen trieben.

„Ich habe dir gesagt, lass es langsam angehen mit Alexander“, hörte ich Annas Stimme plötzlich hinter mir.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Was würde das bringen, wenn er etwas gegen mein Schwulsein hat.“

„Hat er das gesagt?“

„… eins auf armer Schwuchtel machen…, Mitleid erregen…“

Mehr sagte ich nicht, denn es tat wieder mal ordentlich weh.

„Du kennst Alexander nicht so gut wie ich und ich kann dir versichern, Alexander hat ganz bestimmt nichts gegen dein Schwulsein.“

„Nicht? Er hat ein Problem mit mir, reicht das nicht?“

„Probleme kann man aus der Welt schaffen…“

„Und der bittere Nachgeschmack bleibt…“

Ich spürte Annas Hand auf meiner Schulter.

„Deine ehemaligen Kollegen müssen dir ganz schön zu gesetzt haben.“

Ich nickte nur und gab kein Kommentar dazu ab.

„Eric, ich weiß, ich verlange viel von dir, wenn ich dich bitte, dies alles bis nach dem Einsatz zurückzustellen. Aber ich verspreche dir, ich werde mich um alles kümmern und dies aus der Welt schaffen. Ich weiß nicht warum, aber in der kurzen Zeit hast du es geschafft, dass mir an dir etwas liegt und ich möchte dich als guten Kollegen nicht verlieren.“

Wieder nickte ich.

*-*-*

Die Fähre hatte angelegt. Die zwei kleinen Transporter rollten von Bord.

„Scheiße…“, kam es von Ari.

„Ari, zügle bitte deine Ausdrucksweise“, kam es von Hekla.

„Aber…, da drüber steht einer von denen, der hat uns doch sicher gesehen und gibt es an seine Dienststelle weiter.“

Alle Augen wanderten automatisch in die Richtung, in die Ari zeigte. Er hatte recht, denn der Kollege war schon am telefonieren.

„Dann müssen wir unseren Plan wohl etwas ändern. Kein Überraschungsbesuch“, meinte Anna trocken von ihrem Beifahrersitz.

„Willst du das Revier stürmen?“, fragte Katrin.

„Wenn es sein muss.“

„Aber…, dass sind Kollegen…“

Katrin sah etwas geschockt zu mir.

„…die selbst oder jemanden dazu angestiftet haben, Menschen umzubringen.

Anna drehte sich zu uns um.

„Ich weiß nicht, mit was für einem Empfang wir rechnen müssen. Ja, ich denke wie ihr, es sind Kollegen, aber… wenn Kollegen gegen das Gesetz handeln, sind sie nicht anders, als die, die wir sonst einbuchten.“

Wir waren mittlerweile auf der Hauptstraße. Noch etwa 700 Meter, bis zum Revier. Ich zog meine Waffe hervor und entsicherte sie. Die anderen taten es mir langsam gleich.

„Sitzen wir hier nicht wie auf einer Zielscheibe?“, kam es von Alexander.

„Alexander hat recht, Anna, wenn wir so jetzt vorfahren und die Herren sich wirklich der Verhaftung wiedersetzten, hocken wir auf einem Präsentierteller.“

„Okay, wir werden mit den Wagen ungefähr 200 Meter vorher anhalten und uns dem Gebäude vorsichtig nähern.“

Ich schaute kurz zu Alexander, der aber meinem Blick auswich. Der Wagen hielt, wie besprochen und Anna stieg aus. Wir folgten ihr. Zu meiner Verwunderung befand sich niemand auf der Straße, auch kein Auto fuhr vorbei.

Anna sprach kurz mit den Kollegen des anderen Wagen, die sich sofort in Bewegung setzten, um die Rückseite des Hauses zu sichern. Dann kam sie zu uns zurück.

„Ari, es ist der erste Einsatz dieser Art für dich und ich möchte nicht, dass du dich unnötig in Gefahr begibst, bleib bitte in Deckung und keine waghalsige Alleingänge. Okay?“

Ari nickte.

„Also los!“

*-*-*

Vor dem Revier war alles ruhig. Auffallend war, dass alle drei Streifenwagen fehlten. Anna nickte Alexander zu, der sich mit Stefan in Bewegung setzte. Mit gezogener Waffe und leicht geduckt, liefen sie an der Hausmauer des Nachbargebäudes entlang, bis sie dessen Ende erreicht hatten.

Kim, Hekla und Lilja zogen nach. Dort angekommen rannten Alexander und Stefan über den leeren Parkplatz und bezogen Stellung rechts und links vor dem Eingang. Nichts tat sich. Entweder wussten die da drinnen wirklich nichts über unser Erscheinen, oder wir tappten gleich in eine böse Falle.

Anna und Katrin setzten sich in Bewegung, gefolgt von Ari und mir. Wir liefen direkt auf den Eingang zu. Alexander nickte Stefan zu und beide rannten die Treppe hoch, stießen die Tür auf und verschwanden im Innern des Reviers.

Man hörte kurz lautes Geschrei, danach war wir Stille, bis Stefan an der Tür erschien.

„Ausgeflogen…“, meinte er und nun betraten wir alle die Station.

Drinnen erwartete uns eine kleine Überraschung. Vor uns stand ein Kollege hinter der Theke mit erhobenen Händen. Sein weißes Hemd zierte ein großer Kaffeefleck, während sein Mund mit Puderzucker verschmiert war.

„Der gute Offizier meint, dass alle ausgeflogen wären zum Einsatz“, sagte Alexander und ließ seine Waffe zurück in den Halfter gleiten.

„Alle?“, fragte Ari, der als letztes den Raum betreten hatte.

Der Offizier nickte.

„Stehen sie bequem!“, sagte Anna laut.

Der Mann senkte seine Arme. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„So und jetzt sagen sie mir genau, um was für einen Einsatz es sich handelt.“

„Ich… ich weiß es nicht genau…, es kam ein Anruf und alle verließen… sehr schnell das Revier.“

„Und sie ließ man zurück?“

„Ich… ich bin neu hier…“

Das erklärte natürlich alles, er konnte nichts darüber wissen. Stefan war nach draußen verschwunden, um den Rest der Kollegen Bescheid zu geben.

„Woher wissen wir jetzt, wohin sie gefahren sind?“, fragte Ari.

Hekla grinste und nahm ihren kleinen Rucksack ab. Sie zog irgendetwas Technisches heraus und wandte sich an den unsicheren Mann hinter der Theke.

„Wie ist die Funkfrequenz ihrer Wagen?“, fragte sie.

Der Mann zuckte mit seiner Schulter.

„Wo steht das Funkgerät?“

Er zeigte auf eine Konsole an der Wand. Sie umrundete die Theke und setzte sich vor die Konsole. Neugierig verfolgte ich ihr Handeln. Nachdem sie das Funkgerät genauer angeschaut hatte gab sie irgendetwas in ihr gerät ein, dass darauf zu piepen begann.

„Also, soweit meine Inselkenntnisse stimmen, befinden sie sich nicht unweit von der Ausgrabungsstätte.“

Sie hob ein kleines Display in die Höhe, welche die Umrisse der Gegend hier zeigte. Darauf waren drei kleine rote Punkte zu sehen.

„Ihr habt es gehört. Katrin, stell bitte zwei Männer von draußen hier ab, damit sie bei dieser Zierde der Polizei bleiben.“

Ein Grinsen ging durch die Menge.

*-*-*

„Die Punkte bewegen sich nicht mehr“, kam es von Hekla.

„Okay. Ich wundere mich, warum sie diese Gegend aufsuchen“, meinte Anna, „dort gibt es nichts.“

„Die Wagen stehen dicht am Wasser.“

„Ein Boot?“, fragte Alexander.

„Möglich, aber sie müssen doch damit rechnen, dass wir den Küstenschutz eingeschaltet haben“, sagte Lilja.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einfach planlos das Revier verlassen haben“, warf ich ein.“

„Das werden wir gleich sehen, da vorne ist die Ausgrabungsst…“

Der rechte Außenspiegel zerfetzte. Stefan trat voll auf die Bremse.

„Raus!“, schrie Anna.

So schnell es ging verließ jeder den Wagen und suchte Schutz, was hier nicht so leicht war.

Vereinzelte Schüsse trafen den Wagen.

„Wo sind wir hier, im wilden Westen?“, kam es von Stefan, der hinter einem Reifen Deckung suchte.

Blut rann leicht über seine Stirn.

„Du bist verletzt!“, kam es von Katrin.

„Nichts Schlimmes, wahrscheinlich hat mich etwas vom Spiegel erwischt.“

„Die Schüsse kommen aus einer Richtung…, von dieser kleine Steingruppe da drüben“, meinte Alexander.

Mittlerweile war auch der andere Wagen angekommen, die Kollegen hatten mehr Glück und konnten bei einer Baumgruppe Schutz suchen.

„Wie gehen wir vor?“, fragte ich.

Die Frage der Fragen. Außer unserem Fahrzeug war kein großer Schutz hier zu sehen.

„Ich komm mir vor wie im falschen Film…, Kollegen die sich beschießen“, meinte Kim, der sich neben mir zusammen kauerte.

Die Schüsse wurden weniger und plötzlich konnte man ein Motorengeräusch hören.

„Scheiße! Die hauen mit einem Boot ab“, hörte ich Alexander rufen, der gleich aufsprang und seine Deckung verließ.

Die Frage, warum die Kollegen ausgerechnet hierher gefahren waren, war mir auch schon in den Kopf gekommen, nun wusste ich Bescheid. Fast gleichzeitig sprangen wir alle auf und folgten Alexander zum Wasser.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich eine Bewegung hinter einem Busch, wenige Sekunden später, wie eine Pistole auftauchte, die Richtung Alexander gerichtet war.

„Alexander…Deckung“, schrie ich und hechtete nach vorne.

Während ich den Schuss hörte, schlugen Alexander und ich hart auf dem Boden auf. Dicht vor meinem Kopf schlug die Kugel ein, Felssplitter trafen mein Gesicht. Gleichzeitig konnte ich hinter mir mehrere Schüsse hören.

Ein kurzer Schrei folgte und hinter dem Busch wankte ein Offizier hervor und brach zusammen.

„Ist jemand von euch verletzt?“, rief Anna.

Alexander drückte mich von sich herunter und schüttelte den Kopf, während Kim sich vor mich kniete.

„Du blutest an der Stirn“, hörte ich ihn sagen, was ich im gleichen Moment selbst bemerkte, da es anfing zu brennen.

„… ein Splitter…“, meinte ich und wischte mir über die Stirn.

Ohne dass jemand etwas sagen musste, hingen Hekla und Lilja an ihren Handys und verständigten Küstenwache und die Kollegen auf dem Festland.

Meine Finger waren blutverschmiert. Kim hielt mir ein Taschentuch entgegen, während Anna nun ebenfalls vor mir auf die Knie ging.

„Soll ich dich nun Mister Leichtsinn nennen?“, fragte sie mich.

„Wieso? Wer war denn leichtsinnig?“

„Du hättest mich ja nicht umstoßen brauchen“, kam es knurrig von Alexander.

„Und dich über den Haufen schießen lassen…“

„Meine Herren…! Darüber reden wir später …!“, kam das Machtwort von Anna und es war Ruhe.

*-*-*

Ein Pflaster zierte meine Stirn. Ich rieb an meinem Arm, der morgen sicherlich blau war. Der Seegang hatte sich etwas beruhigt. Ich hatte es vorgezogen, an der frischen Luft zu stehen, während die anderen drinnen im Aufenthaltsraum saßen.

Eine Benachrichtigung der Küstenwache war noch nicht eingetroffen, ob man die Kollegen dingfest gemacht hatte. So stand ich angelehnt an der Reling und haderte mit mir selbst, wie es nun weiter gehen sollte.

Das kurze Gespräch mit Alexander hing mir nach. Auf neuerliche Streitereien, wie in der alten Dienststelle, hatte ich kein Bock. Aber deswegen die Dienststelle wieder zu wechseln, war auch keine Lösung.

Ich wollte nicht schon wieder wegrennen, denn etwas Anderes war es nicht.

„Einen Penny für deine Gedanken“, hörte ich plötzlich Anna hinter mir.

Ich richtete mich auf und drehte mich zu ihr.

„Muss ich dazu noch etwas sagen? Alexander scheint mit mir nicht klar zu kommen, fühlt sich übergangen…“

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Alexander war schon immer ein Problemfall.“

„Hat er deswegen keine höhere Dienstbezeichnung?“

„Richtig. Jemand der Schwierigkeiten mit dem Führungspersonal hat, befördert man nicht so leicht.“

„Du hast Schwierigkeiten mit ihm?“

„Nur anfänglich. Er ist nun über ein Jahr unter mir. Nachdem er alle Grenzen ausgetestet hatte, führte ich mit ihm ein langes Gespräch und seitdem war Ruhe.“

„Bis ich auftauchte.“

„Alexander ist ein Gewohnheitstier. Du bist neu, die Situation ist neu…“

„Verstehe ich, aber es ändert nichts daran, dass er ein Problem mit mir hat.“

„Ich denke, das legt sich.“

Ein Schott wurde geöffnete und automatisch sahen Anna und ich in die Richtung. Alexander kam in Sicht, dicht gefolgt von Katrin und Kim. Sie blieben stehen, aber ich konnte sehen, wie Katrin in an schubste.

Kim schenkte mir ein Lächeln, während Alexander sich nun in Bewegung setzte.

„Da  bin ich jetzt aber gespannt“, konnte ich Anna im Flüsterton hören.

Zögerlich erreichte uns Alexander und schaute verlegen zu Boden.

„Ich…, ich wollte mich entschuldigen… und Danke sagen.“

Kurz schaute er auf, um sich gleich wieder weg zu drehen.

„Alexander…“, begann Anna, aber ich bremste sie aus, indem ich meine Hand auf ihren Arm legte.

Alexander stoppte und drehte sich erneut zu uns herum.

„Eine Frage…, warum?“

„Warum was?“, fragte ich zurück.

„Warum hast du dich in die Schusslinie gebracht?“

Ich schaute ihn lange an.

„Weil ich das…, für jeden meiner Kollegen tun würde. Wir sind ein Team, das aufeinander aufpassen sollte, das ist jedenfalls meine Meinung.“

„Aber ich habe dich…“

„Alexander“, fiel ich ihm ins Wort, „lass gut sein.  Ich weiß selbst, dass man sich Respekt erst verdienen muss, aber ich denke auch, jedem eine gewisse Art von Grundrespekt entgegen zu bringen, kann nicht so schwer sein.“

Alexander nickte.

„…, danke noch mal“, meinte er und zog ab.

Ich schaute zu Anna, dich mich anlächelte.

„Ich wusste gleich, dass du frischen Wind in unser Team bringst und ich bereue es in keinster Weise, dich angefordert zu haben.“

Ich erwiderte ihr Lächeln.

*-*-*

„Wenn sie Glück haben, bleibt keine Narbe zurück. Aber es war gut, dass sie gleich hergekommen sind.“

Kim hatte mich und Stefan ins Krankenhaus gefahren und ich wurde höchstpersönlich von Frau Doktor Gyselhaf verarztet.

„Wie geht es denn nun bei ihnen weiter?“, fragte ich, während ich mir meine Jacke überstreifte.

„Vorerst wurde mir die Leitung der Station übertragen. Was folgt, weiß ich selbst noch nicht.“

Tinna zog ihre Handschuhe aus und entsorgte sie im Mülleimer.

„Muss ich noch einmal vorbei schauen“, und zeigte auf das neue Pflaster, welches nun meine Stirn zierte.

„Ich denke nicht, ich konnte keine Splitter entdecken und es scheint schon gut zu verheilen. Falls es sich jedoch entzünden sollte, kommen sie bitte gleich vorbei.“                       

„Okay!“, meinte ich und stand auf.

„Darf ich fragen…, ob sie heraus bekommen haben, von wie vielen Opfern die Rede ist?“

„Wir wissen bis jetzt nur von dreizehn Opfern, aber ich bin mir sicher, nachdem die einberufene Kommission alles durch leuchtet hat, werden es noch mehr werden. Wer weiß, wie lange die das schon gemacht haben.“

„Mein Gott und mein Kollege hat dazu gehört…“

„Sie trifft keine Schuld, Tinna. Aber ich weiß, wie sie sich fühlen müssen, weil es hinter ihrem Rücken geschah.“

Tinna nickte.

„Sind alle Beteiligten gefasst worden?“

„Soweit ich mitgeteilt bekommen habe, sind zwei noch flüchtig, unter anderem der Leiter des Reviers, aber die Insel ist ja recht klein, so denke ich, wird man sie auch schnell gefasst haben.“

Es klopfte an der Tür, Stefan und Kim traten ein.

„Bist du fertig?“, fragte Kim.

Ich schaute kurz zu Tinna und nickte.

„Anna hat schon angefragt, wann wir zurück kommen.“

Ich reichte Tinna die Hand.

„Danke noch mal“, sagte ich.

„Nichts zu danken und vielleicht trifft man sich mal unter anderen Umständen“, erwiderte sie.

Ich verließ mit meinen zwei Kollegen das Behandlungszimmer. Stefans Stirn zierte wie meine ein Pflaster, aber etwas größer als meins. Ich bemerkte ein Grinsen auf Stefans Gesicht.

„Was?“, fragte ich.

„Du hast es der Dame wohl angetan…“

„Ach Quatsch, wir verstehen uns nur gut.“

„Ob das mal gut geht“, merkte Kim an und drückte den Knopf vom Fahrstuhl.

*-*-*

Was vorher zu wenig war, ließ nun meinen Schreibtisch überquellen. Etwas, was ich von Anbeginn meiner Tätigkeit im Polizeidienst nicht mochte. Berichte schreiben. Aber es musste getan werden.

Aber ich freute mich über das gute Team, das hier im Zimmer saß. Recht schnell waren Berichte aktualisiert und konnten abgelegt werden. Während ich über einen Bericht vertieft saß, spürte ich, dass jemand vor meinem Schreibtisch stand.

Ich sah auf und schaute direkt in Alexanders Augen.

„Auch einen?“, fragte er mich und hielt mir einen Becher Kaffee entgegen.

„Danke“, meinte ich, während Alexander sich wieder an seinen Platz begab.

Ich schaute kurz zu Anna, die mir zu lächelte, bevor wir uns beide wieder unseren Schreibarbeiten widmeten.

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8 Kommentare

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    • joeey auf 5. November 2013 bei 21:57
    • Antworten

    bitte google mal moBBen und moPPen. Das erste meinst du, das zweite ist putzen

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      • sandro auf 16. November 2013 bei 17:58
      • Antworten

      hmmm wenn Dir zu der Gschichte nicht mehr einfällt !!!

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      1. Hi Samdro, es geht ja noch weiter 🙂 gruß Pit

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    • sandro auf 10. November 2013 bei 18:41
    • Antworten

    Hi Pit,

    ein toller Beginn deiner neuen Geschichte, ich hoffe das wir bald eine
    weiterer Folge davon geniessen dürfen. Bin gespannt ob sich da tatsächlich was zwischen den Arbeitskollegen abspielen wird 🙂

    Bald sind wir ja im Dezember angelangt, dürfen wir auf einen Adventskalender
    hoffen ???

    Gruß
    sandro

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  1. Hi Pit, ein spannender, mitreissender Krimi, ich würde mich echt freuen, wenn Du diese Story fortsetzen würdest.

    VlG Andi

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    • Markus auf 28. Oktober 2017 bei 15:04
    • Antworten

    Hallo pit wann geht’s den weiter? Oder kann man das Ende an andere Stelle lesen. ?

    Lieben Gruß Markus

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    1. Hallo Markus,
      klar geht es weiter, auch mit den anderen Geschichten an denen ich schreibe. Liebe Grüße Pit

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    • Klaus auf 17. November 2021 bei 23:15
    • Antworten

    Hi lieber Pit,

    ich mag die Geschichte sehr, wird es irgendwann noch weitergehen?

    LG

    Klaus

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