Engelchen und Teufelchen – Tür 1

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„Und jetzt noch eine Meldung am Rande. Der diesjährige Weihnachtsmarkt sorgte gleich zu Anfang für allgemeine Aufregung. Nicht nur war der Glühwein am ersten Abend nach nur drei Stunden ausverkauft, den Besuchern bot sich zudem ein Anblick epischen Ausmaßes.

Zwischen bunten Lichterketten, köstlich duftenden Leckereien und fröhlich beschwingten Weihnachtsmelodien, kam es gegen zwanzig Uhr zu einem Schauspiel, das wohl niemand erwartet hatte. Engel und Teufel standen sich gegenüber.

Zunächst nur in einem hitzigen Wortgefecht, doch dann geschah das Unglaubliche, die beiden verkleideten Jungen gingen mit erhobenen Fäusten aufeinander los. Kindern wurden die Hände vor die Augen gehalten und jemand informierte die Polizei. Als die eintraf, war jedoch weder vom Engel noch vom Teufel eine Spur zu finden. Und jetzt noch die Wettervorhersage…“

Mum sah mich vorwurfsvoll an und drehte den Radio leiser.

„Was hat dich geritten, so ein Theater aufzuführen. Ich dachte, du tust einmal etwas Positives“, sagte sie vorwurfsvoll.

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Mein Kiefer tat immer noch weh. Vorsichtig schlürfte ich die Suppe aus der Tasse.

„Das wird noch blaue Flecken geben“, schob sie noch hinter her.

„… es tut mir Leid…“

Mehr brachte ich nicht heraus.

„Entschuldige nicht bei mir, sondern bei den Leuten im Gemeindezentrum und überleg dir, wie du ihnen dieses Kostüm ersetzen willst.“

Ersetzen? Warum ich? Hätte dieser Arsch mich nicht geschlagen, wäre es noch ganz. Soll der das doch zahlen, der schwimmt eh im Geld. Der Knackpunkt, warum wir uns überhaupt in die Haare bekommen haben.

Sein vieles Geld und seine arrogante Art.

Rückblende…

Peter

„Peter?“

„Hmmm…?“

„Willst du nicht endlich aufstehen? Es ist schon fast zwölf.“

„… mmm.“

„Falls du Hunger hast, du weißt wo die Küche ist.“

„… mmm.“

Ich hörte wie meine Zimmertür geschlossen wurde. Zwölf Uhr. So lange hatte ich doch gar nicht gelesen. Ich blinzelte mit einem Auge und sah, wie die Sonne sich in meinem Zimmer breit machte.

Wie kann man nur so hell scheinen? Ich drehte mich auf den Rücken und streckte mich. Dann rieb ich mir durch das Gesicht und richtete mich auf. Eigentlich sollte ich liegen bleiben, wo doch das Bett so kuschelig warm war.

Ich strampelte die Decke von mir und setzte mich auf die Bettkante. Eine Gänsehaut überkam mich, kein Wunder, wenn man immer nackt schläft. Eine Angewohnheit, die ich solange ich denken kann praktizierte.

Ich stand auf und spürte den kalten Steinboden unter meinen Füßen. Langsam schritt ich zum Fenster und schaute hinaus. Es war in der Nacht noch etwas Schnee gefallen und jetzt in der Sonne unter klarem Himmel klitzerte es herrlich.

Erneut rieb ich mir das Gesicht und beschloss mich ins Bad zu begeben. Auf dem Weg dahin begann ich zu grinsen. Jetzt war ich schon siebzehn Jahre alt und meine Mutter kaufte mir immer noch einen Adventskalender.

Ich lief zu ihm und öffnete das erste Türchen. Ein Schokokerze prangte mir entgegen. Vorsichtig pfriemelte ich es aus dem Plastik und steckte es in den Mund. Wie immer war der Genuss von kurzer Dauer und ich erwischte mich bei dem Gedanken, doch vielleicht schon das nächste Türchen auf zumachen.

Noch immer grinsend zog ich die Tür auf und lief in mein Bad. Vor dem Spiegel blieb ich stehen und schaute mich lange und durchdringend an.

„Freiherr Peter Cornelius von Grünenberg, wie siehst du heute wieder aus“, sprach ich laut.

Ich war froh, dass ich sonst nur Peter Grünenberg gerufen wurde. Wobei ein adliger Namen doch so manche Vorzüge brachte. Mein braunes Haar stand in alle Richtungen und hätte wieder mal einen Friseur nötig.

Ich machte mich Ausgehfein, zog mir ein normales Outfit an und begab mich nach unten. Von meinem Vater keine Spur und Mutter fand ich in der Küche.

„Morgen…“, sagte ich und setzte mich an den Tisch.

„Peter… guten Morgen. Wenn du etwas essen willst, hol es dir selbst, ich bediene dich nicht.“

Warum musste sie am Wochenende dem Personal immer frei geben? Ich stand also wieder auf und lief zum Kühlschrank, der bis oben hin mit leckeren Sachen gefüllt war. Der Duft des frischen Orangensaft machte mich an, so zog ich den Krug heraus.

Richtig Hunger hatte ich keinen.

„Vergiss nicht, dass du später noch ins Gemeindezentrum musst.“

Vorwurfsvoll schaute ich sie an.

„Was soll das? Ich habe dir gesagt, dass ich absolut keinen Bock auf irgendwelche Wohltätigkeitsfirlefanz habe, dass ist dein Ding nicht meins!“

Sie drehte sich zu mir um.

„Das möchte ich nicht noch einmal hören! Junger Mann, du gehst da nachher hin und ohne Widerrede, sonst wirst du mich kennenlernen.“

„Jetzt krieg ich aber Angst.“

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Aber ich schien es schon zu weit getrieben zuhaben. Ihre Augen wurden glasig.

„Mir reicht es mit dir. Ich werde mit deinem Vater reden und…“

„…ist ja schon gut, wann soll ich dort erscheinen?“

„… in einer Stunde…, gegen eins“, meinte sie und drehte sich wieder zur Arbeitsplatte.

Ich nahm ein Glas aus dem Regal und schenkte mir den Orangensaft ein und trank ihn in einem Zug herunter. Ich räumte den Krug in den Kühlschrank, stellte das Glas ins Waschbecken und verließ ohne ein weiteres Wort die Küche.

Wohltätige Arbeit. Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust, aber bevor ich wieder Ärger mit meinem Herrn Vater bekam. Der Chauffeur hatte frei und zum Fahrrad fahren war es mir zu kalt.

So entschied ich mich zum Gemeindezentrum zu laufen. Ich lief die große Treppe hinauf, den Flur entlang und betrat wieder mein Zimmer. Draußen lag Schnee, also entschloss ich mich meine Dockers anzuziehen.

Die hielten schön warm und ich lief nicht Gefahr, mit den Sohlen schnell auszurutschen. Ich öffnete die Tür neben der Couch und ging in mein Ankleidezimmer. Die Schuhe hatte ich schnell gefunden, nur welche Jacke ich anziehen sollte, dass war eine schwierige Entscheidung.

Die Embleme der bekannten Firmen prangten mir entgegen. Ich entschied mich für die weiße Daunenjacke und zog sie vom Bügel. Noch ein Schal und eine Mütze und ich war für die Kälte gerichtet.

Wenig später lief ich die Einfahrt zum Tor hinunter. Ein seltsames Gefühl, wo ich doch hier immer gefahren wurde. Ich durchschritt das Tor und fand mich auf dem Gehweg vor unserem Frühstück.

Die Straße war freigeräumt, leider der Gehweg nicht. So stampfte ich durch den Schnee und versuchte, nicht gerade die tiefsten Stellen zu erwischen. Wäre ärgerlich, wenn meine schwarze Jenas nass geworden wäre.

Eine halbe Stunde später traf ich am Gemeindezentrum ein. Etwas zu früh, aber so etwas war ja höflich und gewünscht. Ich zog die Glastür auf und warme Luft und Gebäckgeruch schlug mir entgegen. Die Jacke war schnell geöffnet, die Mütze ausgezogen, betrat ich den Saal.

Hier waren eine Menge Leute zu Gange.

„Oh, hallo Herr von Grünenberg…, oder darf ich sie Peter nennen?“

Ja, noch lauter, dass es ja auch jeder hörte. Frau Hellmann stand vor mir, die ich von einigen Besuchen bei meiner Mutter kannte.

„Peter reicht“, meinte ich und schüttelte ihr höflich die Hand.

„Haben sie sich schon überlegt, bei was sie helfen möchten?“

„Um ehrlich zu sein, meine Mutter sagte mir nicht, wobei ich helfen könnte.“

Die nächste viertel Stunde wurde ich nun durch den Saal geführt. Alles wurde mir genau gezeigt und erklärt. Waffelbacken oder verschieden Bastelsachen, die verkauft werden sollten. Etwas gelangweilt ließ ich ein Blick durch den Saal wandern.

Viele Kinder, einige Eltern und ein paar ältere Leute konnte ich ausmachen, einzig ein Typ in meinem Alter konnte ich ausfindig machen. Er stand etwas hilflos und unscheinbar am Rand. Lediglich seine Strohblonden Locken ließen ihn auffallen.

Seine Klamotten waren normal, sicher von einem dieser vielen Billigdiscounter, wo Ottonormalverbraucher einkaufte. Ein Label konnte ich nicht erkennen und mir war auch nicht bekannt, dass die so etwas herstellten. Frau Hellmann schien meinem Blick zu folgen.

„Das ist Rafael, er sucht noch einen Gegenpart für den Weihnachtsmarkt.“

„Einen Gegenpart?“, fragte ich interessiert.

„Ja, unsere Gemeindejugend hat sich für dieses Jahr ein kleines Rollenspiel für den Weihnachtsmarkt ausgedacht, dass die Menschen an den Sinn des Weihnachtsfestes erinnern soll.“

„Aha…“

„Hätten sie nicht daran Interesse?“

Ein Rollenspiel, nicht viel, aber ich würde Mutters Wünschen folgen und etwas machen.

„Warum nicht“, sagte ich mit einem Lächeln, dass Frau Hellmann gleich erwiderte.

„Ich stelle ihnen Rafael am besten vor und er kann ihnen alles erklären.“

Ich nickte und folgte ihr zu diesem Rafael.

„Rafael, ich habe jemanden gefunden, der deinen Gegenpart eventuell spielen möchte.“

 

Rafael

 

Ich seufzte. Warum hatte ich mich nur breit klopfen lassen, dieses blöde Rollenspiel zu übernehmen. Torsten war krank geworden und nun stand ich alleine da. Mein Blick wanderte zur Tür, wo Frau Hellmann sich gerade mit jemand unterhielt.

Den Typen hatte ich hier noch nie gesehen, schien auch nicht vor hier zu sein. Er war viel zu gut angezogen, um aus diesem Viertel zu stammen, außer vielleicht aus der Bregenzer Straße, wo die Villen standen.

Aber was wollte der hier? Ich erwischte mich dabei, wie ich ihn genau musterte. Meine Größe, braunes wirres Haar und eine gutes Figur. Rafael hör auf zu träumen, dass ist nicht deine Liga.

An so jemanden kommst du nie heran. Aber ich kam auch sonst an niemand heran. Niemand wusste, dass ich auf Jungs stand und das sollte auch so bleiben. So beobachtete ich die beiden, wie sie langsam von Gruppe zu Gruppe liefen.

Bis der Typ plötzlich in meine Richtung schaute und gerade noch meinen Kopf abwenden konnte. Ich versuchte leicht in seine Richtung zu schielen und sah mit entsetzen, dass Frau Hellmann mit ihm meine Richtung eingeschlagen hatte.

Peter

Warum mein Gegenüber jetzt rot wurde, verstand ich nicht.

„Rafael, kannst du Peter erklären, was du und Torsten machen wollten, vielleicht kann Peter für ihn einspringen.“

„… aber Frau Hellmann, der Text…er müsste ihn auswendig können.“

„Das wäre kein Problem“, mischte ich mich ein, „ im Auswendig lernen war ich schon immer schnell… hallo.“

Ich reichte ihm die Hand. Zögerlich griff er danach und schüttelte sie. Ein weicher Handdruck, ohne viel Kraft.

„Ich lass euch dann mal alleine, ich muss mich noch um einiges kümmern.“

Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie diese Frau Hellmann weiter lief. So wandte ich mich wieder Rafael zu, der immer noch etwas verstört drein schaute.

„Also um was für einen Text handelt es sich denn?“, fragte ich.

„Ach… so“, stammelte Rafael und zog etwas aus der Tasche.

Zum Vorschein kam ein kleiner Schnellhefter, den er mir reichte. Ich überflog den Text und musste leicht schmunzeln, über das, was ich da lass. Mit so etwas sollte man Leute überzeugen.

Das würde eher eine Lachnummer. Aber was man nicht alles machte, damit daheim der Haussegen nicht schief hing.

„Ist das alles?“, fragte ich.

Rafael nickte.

„Und was hat das zu bedeuten?“, meinte ich und hielt ihm den Zettel unter die Nase, „da steht was von Engel und Teufel.“

„Das… das sind unsere Kostüme…“

„Kostüme?“

„Ja und welches Kostüm soll ich anziehen?“

„Den Teufel.“

 

 

 

 

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2 Kommentare

    • sandro auf 6. Dezember 2013 bei 23:08
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    Hi,

    ein netter Einstieg in die Adventsgeschichte.

    Ich freue mich schon auf die ganzen Fortsetzungen und hoffe das Du noch viele
    gute Ideen hast.

    Euch allen eine besinnliche Adventszeit

    Gruß und vielen Dank
    sandro

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    1. Hi Sandro,

      kommentare müssen erst von Pit oder mir (Basti) freigeschaltet werden, das kann ab und an mal etwas dauern

      gruß

      Basti

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