Zoogeschichten II – Teil 77

Kleintiere

Dennis

Ich hatte mit Dad gestern Abend noch ein sehr langes Gespräch. Er duldete auch nicht, dass Michael mir eine herunter gehauen hatte, aber er meinte auch, ein klärendes Gespräch wäre von Nöten.

Dazu hatte ich keine Lust, ich wollte Michael nicht sehen. Doch spätestens, als ich dann alleine im Bett lag und am Einschlafen war, fehlte mir Michael. Vergessen war die Wut, die ich auf ihn hatte.

Als ich dann aber mein Handy in der Hand hatte…, kam die Wut wieder auf und ich feuerte das Handy in die Ecke und kuschelte mich wieder in meine Decke ein.

Volker

Ich stand vor dem Spiegel und rasierte mich. David war gestern abgefahren, er wollte spätestens am nächsten Tag wieder da sein. Ich war über seine gute Laune überrascht, als er abfuhr.

Die ganzen Tage hatte er diese traurigen Augen, doch gestern Abend, als er sich von mir verabschiedete, strahlte er über das ganze Gesicht. Ich beobachtete mich genauer im Spiegel. Die Haare wurden dünner und – na ja, grauer.

Ich strich mir über den Kopf und seufzte. Dann wollen wir den neuen Tag mal beginnen. Ich lief zurück ins Schlafzimmer und zog mich an. Was jetzt Rolf wohl machte? Rolf…, seit gestern ging er mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich hatte tausend Fragend an ihn, aber sicherlich, wenn er vor mir stehen würde, fiel mir keine Einzige mehr ein. Ich sah mein Handy auf dem Board liegen. Wir hatten gestern auch die Nummern getauscht.

Ob ich ihn einfach anrufen sollte? Oder ihm vielleicht eine SMS schicken? Gut, darin war ich überhaupt nicht geübt, geschweige denn wusste ich nicht, ob es Rolf war. Ich steckte das Handy in meine Weste und verwarf den Gedanken.

Ich lief in die Küche, schenkte mir ein Kaffee ein und setzte mich an den Tisch, um etwas in der Tageszeitung zu blättern. Komisch, es stand immer dasselbe drin. Regierung hat kein Geld – versucht Reformen umzusetzen – und da unten hat sich schon wieder einer in die Luft gesprengt… zahllose Tote.

Es mag zwar derb klingen, aber dachte überhaupt jemand mal an die vielen Tiere, die da unten drauf gingen? Ich schüttelte den Kopf, faltete die Zeitung zusammen und trank den Kaffee leer.

Nachdem ich die Tasse ins Waschbecken gestellt hatte, krallte ich mir meinen Schlüssel und verließ die Wohnung. Ich ging zum Parkplatz, wo der kleine Zootransporter stand. Nichts deutete darauf hin, dass ihm heute Nacht jemand zu Leibe gerückt war.

Die Gegend hier war nicht mehr so sicher. Immer wieder waren Autos beschädigt, durch irgendwelche Halbstarken, die nie erwischt wurden. So setzte ich mich in den Wagen, startete den Wagen und fuhr los.

Phillip

„Flo, wo hast du deinen Rucksack?“, fragte ich in den Flur.

„Schon an“, kam es aus dem Kinderzimmer.

„Deine Schuhe auch?“

Flo kam in den Flur, komplett angezogen, Rucksack auf dem Rücken, aber die Schuhe fehlten wie immer. Verlegen grinste er und schlüpfte in seine Schuhe.

„Kommst du mit Papa?“

„Ja, klar. Ich will ja sehen, wo mein bärenstarker Kumpel heute hingeht.“

Nun strahlte Flo.

„Ist es dir auch wirklich nicht zu viel?“

Unbemerkt war Heide dazugekommen.

„Nein, ist schon in Ordnung. Und da ich ja jetzt freien Zugang zum Zoo habe, denke ich, etwas Erholung dort, tut mir auch gut.“

Heide lächelte und gab mir einen Kuss.

„Können wir endlich gehen?“, fragte Flo genervt.

„Nein, ich fahre!“, meinte ich, worauf Flo eine Grimasse zog.

Ich gab ihm spielerisch einen Klaps auf den Hintern, was er mit einem Quicken quittierte. Giggelnd öffnete er die Wohnungstür. Ich folgte ihm zusammen mit Heide nach draußen.

„Darf ich dich schieben Papa?“

„Wenn du willst“, antwortete ich und lächelte Heide an.

Ich wusste, dass es für den Kleinen eine große Anstrengung war, mich von der Stelle zu bewegen. Aber ich wusste auch, wie stolz er war, das zu können. So half ich ihm ab und zu, indem ich selbst an den Rädern nachhalf.

Eine halbe Stunde später waren wir beim Kinderhort. Ein zu enger Türeingang verwehrte meinem Rollstuhl den Zutritt. Flo verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung und einem Kuss.

Heide schnappte seine Hand und zog ihn hinein. Er winkte mir noch einmal zu und schon waren sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich rollte etwas am Haus entlang, bis ich durch die niedrige Hecke den Spielbereich einsehen konnte.

„So, das wäre erledigt“, hörte ich Heide hinter mir sagen.

Ich drehte den Kopf.

„Was, schon wieder da?“

„Ja… unser Sohn ist gleich in einer Horde Kinder verschwunden…, nichts von Trennungsschmerz oder so.“

„Manchmal ist er für sein Alter schrecklich erwachsen.“

Heide nickte und gab mir ihre Hand.

„Eben unser Flo!“

Ich streichelte zärtlich über ihren Handrücken und nickte.

„So, jetzt muss ich aber, sonst komme ich zu spät“, meinte sie.

„Dann mal los, ich rolle dir hinterher“, meinte ich lächelnd.

Sebastian

Müde schlüpfte ich in meinen Anzug. Mir war kalt, ich war mies drauf und überhaupt, alles nervte mich heute. Wenn ich nicht genug Schlaf hatte, war ich unausstehlich. Ich schaltete das Licht aus und verließ die Umkleide.

Da Robert noch eine Weile fehlen würde, spannte mich Heike voll ein. Ich lief zu ihr in die kleine Küche, wo sie gerade den Fisch für die Delfine richtete.

„Hallo Heike…, was kann ich dir helfen?“

„Ah, da bist du ja. Könntest du bitte in den Kühlraum gehen und noch einen Block Hering herausholen?“

„Ja klar.“

So zog ich die schwere Tür auf, knipste das Licht an und Eiseskälte kam mir entgegen. Zitternd suchte ich im Regal, wo Hering draufstand. Der Anzug schien im Wasser etwas zu nützen, aber hier in der Tiefkühle versagte er erbärmlich.

Bibbernd griff ich nach der Kiste, zog sie aus dem Regal und war erst Mal über das Gewicht verwundert. Bevor ich festfror, begab ich mich wieder hinaus und drückte mit dem Fuß die Tür zu.

„Meintest du den?“, fragte ich.

Heike drehte den Kopf.

„Ja genau… ähm, warst du jetzt so im Kühlhaus?“

„Ja…“

„Sebastian, du bist leichtsinnig. Da drüben hängen extra Jacken, die du überziehen solltest. Mit der Kälte ist nicht zu spaßen.“

Jetzt, wo Heike es erwähnte, sah ich den Parka auch. Dieser Fehler würde mir garantiert nicht mehr unterlaufen.

„Leg die Platte Fisch ins Waschbecken und lass Wasser drüber laufen. Den Karton solltest du vorher aber entfernen.“

Mühsam riss ich den Karton von der gefrorenen Fischplatte. Mit einem lauten Gepolter flog die Platte ins Becken und Heike fuhr zusammen.

„Immer mit Vorsicht… sie könnte dir auch mal auf den Fuß fallen. So, jetzt den Stöpsel rein und dann Wasser drüber laufen lassen.“

Ich machte das, wie ich angeheißen wurde. Währenddessen hatte Heike den bereits aufgetauten Fisch in die Eimer verteilt.

„So und nun steht Füttern an“, sprach’s und drückte mir zwei Eimer in die Hand.“

„Was macht eigentlich unser Nachwuchs?“, fragte ich.

„Hast du ihn noch nicht gesehen?“

„Nein, bin sofort in die Umkleide.“

„Also mein erster Gang ist immer zu Dana und ihrem Baby.“

„Ich schau nach dem Füttern vorbei.“

„Okay, dann mal an die Arbeit.“

Volker

Fritz schaute mich traurig an. Emilie hatte drei ihrer Jungen tot gebissen. Nur eins lag etwas abseits der Höhle und lebte noch.

„Da stecken wir nicht drin und es muss auch nicht Emilie gewesen sein“, meinte ich.

„Es ist trotzdem schade. Wir sollten das vierte Junge aus dem Käfig holen, bevor ihm das gleiche Schicksal widerfährt“, erwiderte Fritz.

Fritz nahm seinen Schlüssel und schloss den Käfig auf. Gemeinsam stiegen wir hinein. Emilie und die anderen Nasenbären waren schlecht drauf. Sie stellten ihre Haare und gingen in Kampfposition.

„Jetzt beruhigt euch mal wieder“, giftete ich die Bären an.

Es schien zu wirken, denn sie zogen sich in ihre Verstecke zurück. Fritz bückte sich und zog, mit Handschuhen bewaffnet, die toten Kleintiere aus der Höhle, während ich das Einzelne behutsam in die Hand nahm.

„Was machen wir mit dem Kleinen jetzt?“, fragte ich.

„Zum Aufziehen mit der Flasche ist er ja fast noch zu klein.“

„Eine Sie!“, meinte ich, nachdem ich das überprüft hatte.

„Käme halt auf einen Versuch an, weil so… geb ich der Kleinen drei – vier Tage…“

Fritz und ich schauten uns an.

„Probieren wir es“, meinte ich und wir verließen gemeinsam den Käfig wieder. Das Kleine fiepte leise, rief bestimmt nach seiner Mutter.

„Tja…, jetzt werde wohl ich deine Mama sein“, meinte ich, während Fritz kurz grinste.

Schweren Herzen ging er die toten Tiere entsorgen. Ich schnappte mir mein Handy und wählte Sabines Nummer.

„Hallo Sabine, hier ist Volker… ich bräuchte deine Hilfe.“

„Hi Volker, um was geht es denn?“

„Unsere Emilie hat bis auf eins, alle Jungtiere totgebissen…“

„Scheiße… und was willst du jetzt tun?“

„Versuchen, das Kleine selbst aufzuziehen.“

„Glaubst du, das geht? Ist noch ziemlich klein…“

„Ich weiß. Zumindest hat es schon die Augen offen.“

„Und was brauchst du von mir?“

„Hast du noch kleine Nuckel?“

„Hier nicht, aber in der großen Küche sind bestimmt noch welche. Ich kann ja Dennis schicken, der soll sie dir dann bringen.“

„Gute Idee, ich möchte nicht nach draußen mit der Kleinen.“

„Ui, weiblicher Nachwuchs, hast du schon einen Namen?“

„Nein, darüber habe ich mir noch keinen Gedanken gemacht… mache ich auch erst, wenn ich es einigermaßen die nächsten Tage durchgebracht habe.“

„Stimmt auch wieder. Okay ich schick dann Dennis los. Tschüss!“

„Tschüss Sabine und Danke!“

Ich drückte das Gespräch weg und verfrachtete gerade das Handy in die Westentasche, als sich eine SMS ankündigte. Ich zog es wieder heraus und schaute nach. Es war Rolf, der mir geschrieben hatte.

Einen Gutenmorgengruß und einen schönen Tag wünschte er mir. Ich tippte schnell einen Gruß zurück, schickte die SMS ab und ließ dann wieder das Handy in die Weste gleiten.

„So meine Kleine, jetzt suchen wir erst mal eine Behausung für dich.“

Ich ging ins Lager und fand einen Käfig und auch eine offene Box. Irgendwo musste doch auch noch eine Wärmelampe sein. Umständlich und nur mit einer Hand durchwühlte ich die Kisten.

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