Zoogeschichten II – Teil 93

Intensivstation

Volker

Rolf atmete tief durch, schob mich von sich weg und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Ich setzte mich einfach zu ihm, nahm seine Hand in die meine. Er zog sie zurück.

„Mehrere Brüche und eine schwere Verletzung am Kopf…“, kam es monoton aus seinem Mund.

Jetzt war ich etwas verstört. Warum war Rolf jetzt plötzlich so distanziert?… Eben noch hielt ich ihn im Arm und nun hatte er sich von mir weggedreht.

„Was ist mit dir los, Rolf?“

„Ich habe meinen Sohn auf dem Gewissen!“

„Bitte – du hast WAS?“

„Lucca wurde wegen mir zusammengeschlagen.“

„Wie kommst du darauf?“

Mir tat er zwar leid, aber ich war trotzdem jetzt schon etwas ärgerlich.

„Die Lehrer, die die Jungs von Lucca trennten, haben gesagt, dass man schwules Pack vernichten muss.“

„HÄ? Wo leben wir denn?“

Rolf saß irgendwie apathisch neben mir. Es kam mir vor, als würde der Text automatisch gesprochen. Ob er unter einem Schock stand?

Eine Schwester kam den Flur herunter und ich stand auf.

„Entschuldigen sie bitte. Mein Freund hier, dessen Sohn auf ihrer Station liegt… er wurde zusammengeschlagen… Nun mache ich mir Sorgen um ihn, er reagiert so komisch.“

Rolf war einfach nur dagesessen. Nun war sein Gesicht weiß. Die Schwester beugte sich zu ihm herunter.

„Herr Gerstner… ist alles in Ordnung mit ihnen?“

Rolf reagierte nicht.

„Ich habe ihn auf dem Gewissen“, war das Einzige, was ich ihn stammeln hörte.

„Entschuldigen sie, Herr…?“

„Kolping ist mein Name.“

„Herr Kolping, könnten sie kurz hier bleiben? Ich muss einen Arzt holen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie schon hinter der Schiebetür verschwunden. Ich setzte mich wieder neben Rolf, traute mich aber nicht, ihn in den Arm zu nehmen.

„… ich habe ihn auf dem Gewissen…“

Oh Gott, Rolf, was soll ich nur machen… ich kam mir so hilflos vor. Die Schiebetür öffnete sich wieder und die Schwester kam in Begleitung eines Arztes zurück. Dieser beugte sich nun ebenso zu Rolf.

„Herr Gerstner… hören sie mich?“

Doch Rolf reagierte auch hier nicht.

„Schwester Renate, wir brauchen dringend einen freien Behandlungsraum, der Mann steht unter einem schweren Schock… und wer sind sie?“, fragte er mich plötzlich.

„Ich bin Herr Gerstners Freund.“

Ich war verwundert, dass meine Stimme so fest blieb.

„Das ist gut. Kommen sie bitte dann mit. Ich denke, Herr Gerstner wird sie brauchen.“

*-*-*

Nachdem ich nun schon zwei Stunden an Rolfs Bett gesessen hatte, stand ich auf und streckte mich. Der Arzt hatte ihm eine Beruhigungsspritze gegeben, worauf Rolf eingeschlafen war. An der Tür klopfte es leise.

Sie öffnete sich und David schaute herein.

„David… du?“

David kam herein und schloss die Tür.

„Jürgen hat mich angerufen, weil er sich Sorgen um dich gemacht hat.“

„Jürgen?“

„Ja… du wolltest ihn anrufen…“

Mist, das hatte ich völlig vergessen.

„Tut mir Leid… ich war die ganze Zeit bei Rolf…“

„Ist das dein Freund?“, fragte David… mit einem kleinen Lächeln auf dem Mund.

„Woher weißt du?“

„Jürgen…“

„Ach so…“

„Und wie geht es seinem Sohn?“

„Bedenklich… noch keine Besserung.“

Rolf stöhnte auf und griff sich an den Kopf.

Dennis

Irgendwie war Sabine und mir nicht nach Arbeiten zu Mute. Michael und auch Fritz standen nun bei uns.

„Und man weiß noch nichts Näheres?“, fragte Fritz.

„Jürgen wollte uns Bescheid geben, wenn er etwas erfährt“, antwortete Sabine.

„Der arme Lucca“, stammelte ich nur.

Der Gedanke, dass er nun an Maschinen hing… im Koma… ein Schaudern überkam mich. Michael stellte sich hinter mich und nahm ich in den Arm… so gut er mich eben in den Arm nehmen konnte.

Die Arme konnte er ja noch nicht großartig ohne Schmerzen anheben. Der Summer ertönte und die Tür ging auf. Sebastian und im Gefolge – Phillip. Er hielt ihm die Tür auf, bis Phillip ins Haus gerollt war.

„Stimmt es, was wir gehört haben… ich meine mit Lucca?“, fragte Sebastian.

„Leider…“, meinte Sabine.

„Was sind das für Arschlöcher, die sowas machen?“, Sebastian fing an zu weinen.

Mir fiel siedend heiß ein, dass sein Bruder ja dem gleichen Schicksal erlag… nur dass dieser an den Folgen seiner Verletzungen gestorben war. Und dann geschah etwas Unglaubliches. Phillip setze seine Füße auf den Boden und drückte sich hoch, bis er stand.

Schritt für Schritt lief er langsam auf Sebastian zu, bis er ihn erreicht hatte. Sebastian fiel ihm um den Hals und begann, laut zu schluchzen. Michael erzählte Sabine und Fritz leise, was damals mit Sebastians Bruder passiert war.

„Die gehörten genauso gefoltert, wie sie es Lucca angetan haben…“, schluchzte Sebastian.

„Psssscht“, kam es von Phillip, der sich immer noch wacker stehend hielt, „dann wärst du nicht besser als sie.“

Ich konnte nicht anders und mir rannen ebenso die Tränen. Bei Keinem im Raum blieben die Augen trocken.

Robert

Adrian und ich hatten uns eine Bank gesucht. Ich hatte ihm Einiges aus meinen Erinnerungen erzählt, über die Zeit mit meinen Großeltern. Nun saßen wir einfach nur da und schwiegen. Ich genoss die Nähe von Adrian und hatte die Augen geschlossen.

Immer mehr wurde mir bewusst, was für ein Wahnsinns Glück ich hatte, Adrian meinen Schatz nennen zu dürfen.

„Wollen wir weiter?“, fragte Adrian.

Ich nickte. So verließ ich meine bequeme Stellung aus Adrians Armen und stand auf. Statt weiterzufahren, bat ich ihn, wieder zurück zufahren, ich wollte einfach wieder zurück.

*-*-*

„Nanu, ihr seid schon wieder da?“, fragte Mutter, als wir die Küche betraten.

„Ja, wir werden heute Nachmittag noch etwas weggehen“, meinte Adrian und legte seinen Arm um mich.

Das Radio lief und zufällig hörten wir alle gerade den Meldung in den Nachrichten zu.

„… wurde ein Jugendlicher vor der Schule von sechs anderen Jugendlichen brutal niedergeschlagen und liegt nun schwerverletzt im Krankenhaus. Die Polizei…“

„Das ist bei euch in der Stadt“, meinte Mutter und schaute uns besorgt an.

„So etwas kann in jeder Stadt passieren“, meinte ich trocken.

„Ob der Junge wieder ein Ausländer war?“, fragte Adrian.

„In den meisten Fällen ja, aber mittlerweile ist doch keiner mehr sicher an den Schulen. Dieser Kick, andere zu vertrimmen, es auf Handy aufzunehmen, ist doch ein neuer Volkssport geworden.“

„Die nehmen das auf Handy auf?“, fragte meine Mutter, „das geht?“

„Ja, das kann fast jedes neuere Handy mittlerweile.“

„Das ist ja schrecklich…“, meinte Mutter.

Volker

Nachdem David wieder gegangen war und Rolf immer noch schlief, saß ich nun an Luccas Bett. Sein Arm eingegipst… das rechte Bein ebenso, unzählige Blutergüsse zierten seinen Oberkörper, der mit Kabel und Schläuchen verbunden war.

Der Herzmonitor zeigte gleichmäßige Schläge des Herzens. Ich hatte Luccas Hand in meiner, streichelte seinen Handrücken mit meinem Daumen.

„Lucca… du musst wieder zu dir kommen“, flüsterte ich ganz leise, meine Augen waren glasig.

„Dein Vater braucht dich…!“

Sein Kopf war verbunden. Das Gesicht geschwollen, die Lippe aufgeplatzt. Ein Auge schimmerte in den dunkelsten Farben.

„Du musst wieder gesund werden…!“

Mittlerweile hatte ich die ganze Geschichte erfahren. Nur das beherzte Eingreifen dreier Lehrer hatten Lucca vor Schlimmerem bewahrt. Hätte es noch schlimmer kommen können? Zumindest lebte er noch…, wenn auch am berühmten seidenen Faden.

Er lag vor mir, als würde er schlafen. Heute Morgen war er noch so stolz in die Schule gegangen. Dieses neue Outfit, es passte so gut zu ihm, er sah so gut aus. Und jetzt? Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.

Irgendwie fühlte ich mich mitschuldig, Rolf hatte da ganze Arbeit geleistet. Lucca wurde wegen seines schwulen Vaters zusammengeschlagen. Was waren das für Kids, die so einen Sprung in der Schüssel hatten, um so etwas zu machen?

Wo lebten wir, wie beschränkt musste man sein? Ich würde gerne die Eltern sehen, deren Kinder alle verhaftet wurden. Was für Eltern sind das? Bekommen sie nicht mit, wie es um ihre Kinder steht?

Ich hatte meinen Sohn und meine Tochter immer sehr tolerant erzogen. Alleine die vielen Besuche im Zoo, ließen sie im Umgang mit Tieren oder auch mit Mitmenschen ganz anders reagieren als Gleichaltrige.

Der Kontakt war rar geworden, seit meine Ex aus dem Haus war. Sie waren zwar beide erst knapp über zwanzig, lebten aber ihr eigenes Leben.

Eine Schwester kam in den Raum und kontrollierte die Apparaturen.

Sie lächelte mich kurz an und verschwand wieder.

„Ich komme später wieder…, ich will nach deinem Dad schauen“, meinte ich zu Lucca und streichelte ihm sanft über die Wange.

Ich stand auf und verließ den Raum. Draußen entledigte ich mich des grünen Überziehers und verließ die Intensivstation. Ein Stockwerk tiefer fand ich Rolf vor, wie ich ihn verlassen hatte – schlafend.

Ich erinnerte mich an David und lief weiter nach unten. Draußen vor dem Krankenhaus zog ich mein Handy hervor und wählte Jürgen an. Es dauerte nicht lange und das Gespräch wurde aufgebaut.

„Volker?“

„Ja, ich bin es.“

„Wie geht es Lucca?“

„Sein Zustand ist stabil, aber er liegt im Koma.“

„Und Rolf?“

„Der schläft, er bekam eine Beruhigungsspritze… er fühlt sich schuldig an dem, was passiert ist…“

„Wieso das denn?“

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