So eine Freundschaft gibt es nur einmal

Ein Sonntagmorgen – Mitten im Frühling. Draußen war es schön warm – na ja um die 23 Grad. Ein schöner Mittag im Mai.

Ich hatte aber nichts Besseres zu tun als vor dem Computer zu sitzen. Ich bastelte eifrig an meiner neuen Homepage. Eine kleine private Homepage – einfach über mich. Obwohl wen interessierte das schon?

Wenn interessierte schon ein Junge aus Darmstadt Mitte zwanzig… Wahrscheinlich niemanden. Aber die Seite sollte ja hauptsächlich für mich sein. Klar auch andere sollten sie sehen, deshalb verlinkte ich sie heute kreuz und quer im Web.

Aber schon bald verließ mich die Lust an der Verlinkerei. Viel mehr Spaß machte es mir Bilder auf der Seite einzufügen. Allerdings fehlten mir noch meine Kinderbilder. Wer weiß wo meine Eltern die wieder versteckt haben. Existieren tun welche – das weiß ich – nur wo.

Aus meinen Gedanken gerissen klingelte das Telefon. Intern. Das musste meine Mutter sein. Ich wohnte noch immer zuhause in einer Drei-Zimmer-Wohnung der Eltern. Es hatte viele Vorteile. Hier vom Dachgeschoß hatte ich einen wunderschönen Blick über die Innenstadt von Darmstadt.

Daraus ergab sich der zweite Vorteil: Wer konnte sich schon eine Wohnung in der Darmstädter Innenstadt leisten? So drückte ich jeden Monat einen Hunderter an meine Eltern ab und gut war. Wäschewaschen und Kochen inklusive. Welch Service…

„Hier der werte Untermieter – der euch so am Herzen liegt“, scherzte ich.

Am anderen Ende fragte meine Mutter ob ich nicht zum Mittagessen auf die Terrasse kommen wolle.

„Ja aber sicher. Ich werde nach unten kommen. Ich muss eh in der Hauswäscherei vorbei,“ witzelte ich weiter.

„Ja wie gut, dass ich alles in allem bin, mein Sohn. Aber pass bloß auf, dass ich nicht in den Streik trete!“

Ich lachte: „Ja das wäre mehr als bedauerlich! Der ganze Betrieb würde zusammenbrechen!“

„Sag ist Manuel auch da?“

„Nein mein werter Freund hat sich heute noch gar nicht gemeldet. Aber ich rufe ihn später mal an. Nach dem Essen.“

„Alles klar, Christian, dann schwing die Hufe. In fünf Minuten sind die Klöße fertig.“

„Hmmm, gibt es etwa leckeren Rinderbraten?“

„Ja. Ist ja immerhin Sonntag.“

„Ja verstehe. Tradition. Hotel Mama – Tag der Spezialitäten!“

Meine Mutter legte einfach auf. Ich hielt den Hörer weg von meinem Ohr, vom Tuten überrascht. Ich schaute das Mobilteil des Telefons an und schüttelte grinsend den Kopf. Dann legte ich auf.

Ich stand auf um nach unten zu gehen.

Da – die bekannte Stimme aus dem PC: „Sie haben Post!“

Ich stutzte kurz. Dann nahm ich mir aber vor erst nach unten zu gehen. Ich schaute kurz in den Spiegel. Unfrisiert standen meine blonden Haare in alle Richtungen. Ich sollte zum Friseur gehen.

„Eeeesssen!“ hallte es im Flur.

„Ja, ja, ist ja gut!“

„Ja, ja, ich weiß das schon. Brauchst mir nicht zu sagen!“ sagte ich zickig.

„Na dann tus!“

„Ja morgen! Heute hat der Frisör ja nicht auf.“

Ich lachte.

„Versprochen?“

„Ja! Der Zottel kommt ab…“

„Na gut dann leg ich mich jetzt noch mal schlafen. Bin müde.“

„Um 14 Uhr? Bist doch erst um 12 aufgestanden!“

„Na und? Es ist Sonntag!“

„Na gut, alte Schlafratte. Dann gute Nacht!“

„Gute Nacht… Und du weißt ja…“

„Was?“

„Ich liebe dich.“

„Ja ich dich auch. Freu mich auf morgen…“

Manuel legte auf. Verträumt schaute ich auf sein Foto auf dem Nachttisch. Nun sind wir schon fast vier Jahre ein Paar. Alles hatte sehr chaotisch angefangen.

Ich schwelgte in Erinnerungen…

“Hi. Ich bin es.”

“Wer ist ich?”

“Du erinnerst dich noch an den Chat eben?”

“Ja.”

“Du hast mir deine Nummer gegeben.”

“Ach du, ich… na ja ich dachte deine Bahn fährt gleich?”

“Ja klar, ich wollte mich einfach noch mal kurz melden bevor ich fahre. Ich hab mich so hastig verabschiedet.”

“Das ist wohl war.”

“Ich bin jetzt auf dem Weg zur Straßenbahn. Was machst du so?”

“Ich bin daheim. Mir ist noch immer langweilig. Was soll ich sagen.”

“Du… ist okay, ich meld mich später noch mal, heute Abend. Ich sehe grad meine Bahn kommen. Ich muss lossausen!”

“Ja… äh… ist okay. Ich freu mich.”

“Ja. Bye, bis dann.”

“Tschüss.”

Unser erstes Telefonat…, aber angefangen hat es mit Chatten. Das war damals zu meinem Hobby geworden. Es hatte sich ja gelohnt. Ich erinnere mich auch noch an seine E-Mails, auch wenn der Anfang voller Missverständnisse war.

“Ach so eins wollt ich dich noch fragen.”

Ich war mir zwar nicht sicher was jetzt kommen würde, aber ich fragte neugierig was er denn wissen möchte. Er fragte mich, warum ich denn die erste E-Mail nicht beantwortet hätte. Ich wusste nicht was er meinte: “Welche Mail? Wir haben doch gleich telefoniert.”

“Nein.”

“Wie?”

“Na ja erinnerst du dich noch an Anfang letzten Monat? Da gab ich dir meine Addi und du hast nicht reagiert.”

“Äh… sag bloß du bist…?”

“Ja, wir haben schon dreimal gechattet.”

“Was?”

“Ja.”

“Jetzt bin ich wirklich etwas perplex. Aber ich habe doch dann verspätet geantwortet. Warum hast du dann nicht geschrieben?”

“Da war ich sauer, weil du nicht gleich geschrieben hast. Da hab ich mir gedacht, ich schreibe auch nicht.”

Er war schon ein Chaot. Genauso sollte unsere Liebe anfangen. Na ja wenn man es Anfang nennen konnte. Ich glaube schon bei unserem ersten Treffen an der Tankstelle – unser Treffpunkt – ja schon da habe ich mich glaube ich in ihn verliebt…

Ich fragte mich langsam wo er blieb. Just in dem Moment erschien im Beifahrerfenster ein Gesicht. Ich erschreckte mich etwas. Dieser Jemand öffnete die Tür und steckte seinen Kopf herein.

Dann fragte er unsicher: “Bist du Christian?”

Ich nickte nur.

“Darf ich einsteigen? Ich bin Manu!”

Ich nickte erneut. Manuel legte eine Einkaufstüte voll mit Getränken und Essen in den Fußraum der Beifahrerseite. Dann setzte er sich schwungvoll auf den Sitz neben mir und sagte: “Hi.”

Ich reichte ihm die Hand und begrüßte ihn ebenso. Er hatte tatsächlich alle Merkmale, wie er sich beschrieb. Ich sah diese kurzen hochgegelten schwarze Haare und diese tiefbraunen Augen. Er sah richtig süß aus.

… Nur dumm, dass beim anschließenden DVD-Abend ne Freundin von ihm dabei war. Aber das war ja in unserer ersten gemeinsamen Nacht dann auch völlig zweitrangig. Auch wenn sie im Nachbarzimmer schlief… Da gab es nur uns…

Nun auch wenn ich es mir wünschte zusammen waren wir noch lange nicht – wir nannten es lockere Beziehung und es drückte ganz doll auf die Gefühle manchmal – auch wenn wir es beide nicht war haben wollten.

Wir waren füreinander bestimmt… Aber davon waren wir noch weit entfernt in diesem Chaos… Ich erinnere mich an unseren Trip nach Köln. Es war unser erstes gemeinsames Wochenende in einem Hotel…

Ich blickte auf Manuel und strich ihm über den Kopf. Dann dachte ich mir: “Oh Mann, wir liegen hier wie ein Liebespaar. War das normal?” Ich küsste Manu auf die Wange. Davon wachte er langsam auf.

Er öffnete die Augen und knurrte.

Dann lächelte er mich an und fragte unschuldig: “Was ist denn?”

“Es ist schon spät am Nachmittag.”

Ein erneutes Knurren ertönte: “Na und? Bleib noch im Bett.”

Ja, ja, so war er – scheinbar gleichgültig und in den Moment hinein lebend. Aber ich musste etwas ändern… Ich wusste er mag nicht wenn man ihm gleich die große Liebe gesteht also…

Ich nahm mir wieder allen Mut zusammen und traute mich erneut zu sagen: “Ich bin gern bei dir und ich mag dich.”

Ich sah auch Manuel schlucken, doch er brachte nur hervor: “Ja.” Dann küsste er mich und drehte sich um.

Innerlich schüttelte ich den Kopf und dachte mir nur, was das soll. Warum sagte er darauf nichts? Bedeutete ich ihm etwa gar nichts?…

Doch auch er machte sich scheinbar seine Gedanken und so kam der romantische Showdown erst eine ganze Ecke später in seinem Wohnzimmer. Manuel rappelte sich langsam auf und schaute mir kurz mit seinen verweinten Augen ins Gesicht, dann klammerte er sich an mich. Ich strich mit meinen Händen über seinen Rücken und lehnte mich zurück.

Es war jetzt Totenstille im Raum. Aber geklärt war noch gar nichts. Ich hatte zwar kurz vorgebracht, was ich empfand und wie ich alles sah, aber sonst auch nichts. Ein Gespräch war mit ihm ja nicht anzufangen.

So überlegte ich was ich jetzt tun sollte. Währenddessen kraulte ich noch immer seinen Rücken. Es war ein tolles Gefühl ihn in meinen Armen zu halten. Es war Zeit ihm endlich zu sagen was ich wirklich für ihn empfand.

So störte ich jetzt wieder die Stille und suchte nach folgenden Worten: “Du, willst du mir noch etwas sagen?”

Manuel blieb mit seinem Kopf an meiner Brust und schüttelte sanft den Kopf und erwiderte: “Nein.”

Ich dachte mir nur, das kann es doch nicht sein, also ergriff ich die Initiative. Ich packte ihn sanft mit beiden Händen an den Schultern und drückte ihn von mir weg, so dass sein Gesicht vor meinem war und dass er gezwungen war mir in die Augen zu schauen. Jetzt lächelte ich Manuel etwas verkrampft an und sagte überzeugt: “Aber ich, ich möchte dir noch etwas sagen!”

Manu schaute mich an und fragte leise und unsicher: “Und was?”

Jetzt war meine Zeit die Zeit der Wahrheit.

Ich atmete tief durch und sagte: “Ich liebe dich, Manuel, ich liebe dich.”

Es zuckte ein Lächeln über sein Gesicht.

Er fragte unsicher nach: “Wirklich?”

Ich lächelte und nickte zufrieden.

Jetzt sagte Manuel: “Ich liebe dich auch, Christian.”

Wenn ich nur an diese Zeit denke. Es war im Nachhinein so romantisch – die paar Stolpersteine mal zur Seite geräumt… Etwas riss mich aus meinen Gedanken. Meine Augen waren leicht feucht.

„Sie haben Post!“

Ich wischte mit meinem Handrücken über meine Augen und nahm mir jetzt vor das E-Mail-Programm zu öffnen.

Hallo Christian,

bin durch Zufall auf deiner HP gelandet, finde sie wirklich super! Was mich sehr beeindruckt hat war Dein Outing, es ist mir in letzter Zeit etwa genauso gegangen! Habe zwar schon lange gemerkt dass Ich auf Männer stehe, trotzdem lange geglaubt dass sich das auch wieder ändern wird! Bin froh dass ich mich geoutet habe, auch wenn es nicht immer ganz leicht war! Die erste große Liebe habe ich auch schon gefunden… Wenn Du Lust hast, dann schreib mir mal zurück, würde mich freuen!

Liebe Grüsse

Roman

Ich war positiv überrascht. Eine Reaktion auf meine Homepage. Jemand hatte sie tatsächlich gefunden. Wow. Ohne zu zögern klickte ich auf den Button zum Antworten. Ich bedankte mich für die E-Mail und fragte ihn ein bisschen aus.

Wo er denn her kam. Wie lang er schon vergeben ist. Was er so arbeitet und hobbymäßig tut und, und, und… Ich war gespannt. Ehrlich gesagt ich hatte zu kaum einem schwulen Mann Kontakt in den letzten Jahren.

Ich war ja so auf meine Beziehung mit Manu fixiert. Da kam mir diese Abwechslung ganz recht. Endlich mal wieder austauschen mit Männern – schwulen Männern… Nichts gegen Daniela – meine beste Freundin – sie konnte mir auch immer gut zuhören und helfen.

Aber es war nicht dasselbe. Mit jedem redete man anders. Mit Manuel redete ich über dies und mit Daniela über das… Ich zuckte wieder auf vom Klingeln des Telefons. Extern. Danis Nummer. Wie gerufen die Frau.

„Jawohl?“ meldete ich mich frech.

„Ja hallo der Herr, heute wieder das letzte Fünkchen Anstand verloren, hm?“

Ich musste grinsen. Jetzt fing sie wieder mit ihrem Bundeswehr-Trill an.

„Madam, Yes, Madam!“ erwiderte ich.

„Wer es glaubt. Ihr Männer seid alle gleich. Immer die armen Frauen veräppeln…“

„Oooooh du armes kleines Monster!“

„Was ist los bei dir? Geht’s dir gut?“ fragte sie ohne auf mein Piesacken einzugehen.

„Ja bei mir ist alles bestens. Hab eben sogar E-Mail bekommen.“

„Und? Ist das außergewöhnlich?“

„Jemand hat mir über meine Website ne Mail geschrieben!“

„Oh, der Herr ist interessant für andere. Wow!“ sagte sie frech.

„Ja, ja sei du nur wie immer frech. Warte nur ab.“

„Ohhh, Drohung, hm?“ witzelte sie.

„Ja ne ganz große Drohung. Plan: Lust auf Kaffee trinken?“

„Dachte der Herr mag keinen Kaffee?“

„Dafür du umso mehr. Ich nehme dann den frisch gepressten O-Saft.“

„23“

„Was?”

„23!!!“

„Was willst du von mir?“ stutzte ich mit einem großen Fragezeichen auf den Augen.

„Wähle die 23, sag du willst einen Saft und warte drei ein halb Minuten.“

„Schwätzerin!“

Die 23 war die interne Telefonnummer, um meine Mutter zu erreichen.

„Sei nicht so frech.“ antwortete ich.

„Was denn? Sonst sind wir doch auch immer so stolz auf Hotel Mama.“

Sie prustete los.

„Hey spuck nicht ins Telefon. Sonst kriegst noch einen Schlag!“

„Ich find das urkomisch. Fünfundzwanzig Jahre und immer noch zuhause wohnen!“

„Noch bin ich vierundzwanzig!“

„Ja genau. Erbsenzähler!“

„Also wat jetzt? Kaffee?“

„23?“

„15:30 im Stadtcafé!“ ignorierte ich ihren Kommentar.

„Keine 23?“

„Keine 23!“

„Stimmt 24!“ sie lachte wieder lauthals.

„Ja, ja, ist gut. Wir sind ja wieder soooo lustig!“

Ich wiederholte noch mal unseren Treffpunkt und die Uhrzeit und legte auf als ich gerade merkte, dass sie wieder etwas sagen wollte. So muss man mit Frauen umgehen…

„Sie haben Post!“

Überrascht schaute ich wieder auf den Monitor. Wieder klickte ich auf den Posteingang. Es war wieder Roman. Man der war ja ein Hochgeschwindigkeitszug. Oder war ihm etwa langweilig?

Gespannt las ich seine Mail. Er berichtete von seinem Outing. Für ihn schien es nicht ganz leicht gewesen zu sein, wenigstens bei seinen Eltern. Da kostete es ihn eine große Überwindung.

Aber er nahm sich wohl den ganzen Mut zusammen und packte aus mit der Wahrheit… Ist ja auch bewundernswert. Weiter berichtete er, dass er schon so einige Männer vor seiner jetzigen großen Liebe gehabt hatte.

Doch das schienen nur schnelle Nummern gewesen zu sein. Seinen Freund – er hieß Oliver – lernte er, laut seiner Aussage, in einem Chat kennen. Al käme uns das nicht bekannt vor. Ich musste grinsen.

Allerdings er schien mit seinem Freund deutlich weiter zu sein. Sie planten schon das Zusammenziehen. Und das nach sag und schreibe erst drei Monaten. Ich war nach vier Jahren noch nicht so weit. Aber das hatte sicher andere Gründe. Ich liebte meine Freiheiten und… natürlich das billige und angenehme Wohnen bei den Eltern.

Er fragte mich auch um Rat, ob ich es für eine gute Idee hielt mit Oliver zusammenzuziehen. Nun was sollte ich dazu sagen. Es war sein Ding. Jeder musste doch selbst wissen ob so was funktionieren würde.

Vielleicht konnte man es ja in einem gemeinsamen Urlaub ausprobieren… Das antworte ich ihm auch… Aber mir schien es als wäre Roman ein sehr spontaner Mensch, der sich nicht oder nur wenig beeinflussen ließ.

Klar ich kannte ihn noch nicht. Aber irgendwie freute ich mich über seine E-Mails und ich war auch bereit ihm zu helfen und irgendwie für ihn da zu sein. Laut seinem Bericht hatte er zwar gute Freunde, vor allem zwei sehr gute Freundinnen, aber die waren nun mal nicht schwul und konnten ihm in seinen Problemen nicht weiterhelfen.

Auch seine Hetero-Typen – wie er schrieb – waren ihm selten eine große Hilfe in Sachen Gefühlen.

Ja, ja so waren sie di Hetero-Männer – gefühlskalt – welch Vorurteil? Doch scheinbar stimmte es. Saufen – Party – Weiber – Bumsen und der klassische Satz

„Ja natürlich lieb ich dich, Süßes!“

Roman hatte schon eine interessante Art zu schreiben und vor allem so lange E-Mails. Ich war ja nie der große Leser. Aber beim Lesen der Mail hing ich mit dem Gesicht fast am Bildschirm. Jedes Wort fraß ich.

Bei seiner Mail, bei seiner zweiten Mail, wurde es mir auch bewusster. Wir waren uns sehr ähnlich. Nun ich hatte nur meinen Freund Manuel und meine beste Freundin Daniela, mit beiden konnte ich gut reden.

Aber irgendwas fehlte. Vielleicht ein guter schwuler Freund. So wie Roman das in seiner zweiten deutlich ausführte:

„Habe zwar viele Freunde, aber die meisten davon sind hetero… nur mit meinen zwei besten Freundinnen kann ich über alles Mögliche reden, aber über manches eben nicht. Entweder sie verstehen mich nicht oder ich traute mich nicht mit ihnen zu reden…

Wollte mir hier auch nicht einen Seelenklempner suchen, sondern einfach mal mit jemandem reden, der auch schwul ist. Weißt du so jemanden habe ich nicht. Ich will mich dir auch nicht aufdrücken mit dieser Mail. Hast sicher dein eigenes Leben… aber…“

Aber, aber… Ich würde ihm schon zuhören… Ich fand es ja schon jetzt interessant. Immerhin der erste Mann, der mir sein Herz ausschüttet… außer Manu… Jemanden eben, den ich nicht kenne. Jemand der mir jetzt sein Leben erzählen konnte und ich mich mit einer neuen Persönlichkeit beschäftigen konnte.

Daniela dagegen schon durchleuchtet: frech, lebenslustig, forsch. Manuel längst von oben bis unten erforscht: Schlafratte, Nervensäge (rein liebenswert), Chaot und mein Mr. Erotik, prickelnd und geil.

Ja ich teile mein Leben mit den üblichen Verdächtigen. Langweilig, hm. Ich grinste. Zeit für eine neue Persönlichkeit, die alles etwas aufmischt. Zeit für Roman. Aufmischen ist gut – es sollte noch viel auf mich zukommen – ahnungsloser Chris!

„23?“ begrüßte mich Daniela frech.

Ich setzte mich zu ihr auf die Sommerterrasse, wo sie scheinbar – überpünktlich wie sie war – schon etwas auf mich wartete.

„Du und deine 23.“ Ich grinste.

„Ist nun mal so. 23!“

„Ich krieg doch jetzt hier meinen O-Saft… Die können das besser als mein Mum.“

„Ach ja meinst du?“

„Ja klar. Wann presst meine Mutter schon mal Orangen aus?“

„Die Rede ist hier aber von einer ganz anderen 23 als vorhin!“

„Ach tatsächlich? Was ist uns den diesmal für ein Scherzchen eingefallen?“ fragte ich sie lachend.

„23 Sekunden zu spät!“

„Was ich?“

„Ja. Ich bin fast kaputt gegangen vor Langeweile!“

„Jetzt bist wohl du die Erbenzählerin!“ Ich grinste.

„Tja…“

„Wann warst denn hier?“ fragte ich neugierig.

„Ich hab noch ein bisschen den Männern hier nach gesehen. Du weißt ja ich liebe es Menschen zu beobachten.“

„Wann?“

„Zwei Kaffee.“

„Sehr präzise.“

„Das bin ich doch immer! Du kannst doch rechnen!“

„Ja klar kann ich das: zwei Kaffee sagst du? Zwei Tassen zu je dreiundzwanzig Minuten Trinkzeit + Bestellzeit ist gleich 50 Minuten?“

„Hey es ist als würden wir uns schon ewig kennen. Du bist gut!“

„Ich weiß!“

Ich bestellte meinen Orangensaft und widmete mich wieder Daniela.

„Also was hast du nun konkret für ne E-Mail bekommen? Willst Manuel etwa schon untreu werden?“

„Nein. Quatsch.“

„Was ist dann?“

„Na ich finde ihn einfach symphatisch.“

„Na zwei E-Mails?“

„Na ja vielleicht war ich schon immer auf der Suche nach einem schwulen Freund?“

„Du meinst du könntest mir nicht alles erzählen, der obligatorisch besten Freundin?“

„Das ist es nicht. Ich kann mit dir sicher über viel reden. Aber in manches hast selbst du nicht den Einblick.“

„Wenn du das sagst,“ erwiderte sie schnippisch.

„Du weißt genau was ich meine… Irgendwie öffnet der sich gerade gefühlsmäßig vor mir… in seinen Mails… und ich fühle dass ich das im Gegenzug auch kann wenn man sich näher kennt. Immerhin ist es so recht anonym. Wir telefonieren ja nicht und sehen uns nicht.“

„Warum nicht?“

„Na er wohnt zu weit weg.“

„Wo?“

„In Baden schreibt er.“

„Und warum kein Telefon?“ fragte Daniela interessiert.

„Ich weiß nicht.“

„Du denkst Manuel wäre nicht so einverstanden oder?“

„Ja okay er wäre eifersüchtig. Aber es hat das nichts zu bedeuten. Ich brauche mal wieder Kontakt außerhalb der Beziehung. Schwulen Kontakt, rein emotional.“

„Verstehe.“

„Wirst du es Manuel sagen?“

„Dass ich einen E-Mail-Freund habe, bzw. etwas habe was sich in diese Richtung entwickeln könnte und ich mich sehr wohl dabei fühle?“

„Ich sag es ihm wenn sich eine Situation ergibt.“

„Also mir wäre das zu verdächtig. Du verschweigst einen Mann, mit dem du Kontakt hast. Schürst du nicht nur Eifersucht wenn er es so raus bekommt. Man weiß nie welche Quellen sich auftun.“

„Du redest als wäre es ein Kriminalfall. Ich hör ihm nur zu bei seinen Problemen.“

„Ja und du möchtest ihm deine erzählen – wenn du ihn besser kennst.“

„Ja meine Worte!“

„Ist denn etwas? Hast du ein Problem?“ forschte sie nach.

„Nein.“ Wehrte ich ab.

Daniela schaute ungläubig. Sie kannte mich.

„Du verschweigst mir was!“

„Nein das tue ich nicht. Gönnst du mir etwa keine E-Mail-Bekanntschaft? Eifersüchtig?“

„Ich?“

„Ja du. Warum machst du mir es mies?“

„Weil du nicht aufrichtig bist. Deinem Freund nicht die Tatsachen erzählst.“

„Hey ich kenn diesen Roman jetzt nicht mal 24 Stunden. Vielleicht ist es morgen wieder

vorbei. Und auch meine Vorstellung eines Freundes stirbt. Also warum soll ich was servieren was noch nicht mal kocht?“

„Du meinst was er nicht weiß macht ihn nicht heiß?“

„Das ist es nicht.“

„Kochen ist für mich eine Umschreibung eines verborgenen Flämmchens, das nach einem saftigen Steak Ausschau hält!“

„Wie soll ich diese Metapher deuten?“

„Wie du möchtest. Wenn du aber von kochen redest ist dir nach vier Jahren langweilig in der Beziehung und du suchst nun den Kick. Was Neues. Du vermisst vielleicht auf deiner Herdplatte etwas, was dir die andere Herdplatte bieten könnte. Würdest du es sonst verschweigen und so festhalten?“

„Ich halte überhaupt nichts. Du überdramatisierst. Ich wollte dir lediglich von Jemanden erzählen, der ein guter Freund werden könnte. Ich spüre da was.“

„Männer spüren immer nur ihren Schwanz!“

„Das soll ich mir jetzt anhören?“

„Ist es nicht so?“

„Wir haben auch Gefühle und wir suchen auch ab und zu nur jemand der uns gleich gesinnt ist, so wie Roman gerade. Er könnte sich ja auch mit seinem Partner zufrieden geben – aber er möchte auch – so wie ich – außerhalb der Beziehung jemanden haben, der ihn versteht und dem er sich anvertrauen kann.“

„Wirst du ihn treffen?“

„Hey wie gesagt er wohnt weit weg und ich möchte mich auf die Mails beschränken.“

„Schwörst du mir was?“

„Was?“

„Zeig mir, dass ich unrecht habe. Du garantierst mir dass du nie mit ihm schläfst!“

„Daniela. Ich bin geschockt wie weit du immer gehst. Ich garantiere dir selbst wenn wir uns sehn und sich eine gute Freundschaft über diese doch große Distanz entsteht werde ich nie mit ihm Sex haben. Dafür habe ich jemanden.“

Daniela schaute skeptisch.

„Hey, selbst wenn ich 50 bin. Mit Roman werde ich nie, niemals schlafen.“

„Sag niemals nie!“

Ich blickte sie verunsichert an: „Dann dreht sich bei euch alles um Sex, nicht bei uns!!!“ Ich war frustriert.

„Ach?“

„Ja lass es doch mal langsam angehen. Zwei E-Mails!“

„Langsam angehen soso… Was das heißt möchte ich gar nicht deuten.“

Ich nippte beleidigt an meinem O-Saft und verkrampfte.

„Er hat außerdem einen Freund!“

„Ach?“

„Ja, ach!“ sagte ich sauer.

„Und der ist dir im Weg?“

„Falls es dir nicht entgangen ist. Ich bin auch vergeben.“

„Noch!“

„Hey!“

„Du verschweigst mir etwas.“

„Nein das tue ich nicht. Ich fühle für Manuel genauso wie eh und je, nur… Ich… na ja… es ist…“

Daniela beugte sich neugierig vor und stützte sich auf ihre Handfläche. Ich konnte mit ihr nicht darüber reden. Ich ließ mich auf meine Couch fallen und zappte mich durch das Fernsehprogramm. Wie immer lief nichts Interessantes.

Was soll man am Sonntag auch vom Fernsehen erwarten? Mittlerweile war es fast 18 Uhr und der Tag wollte nicht enden. Ich fiel in meine Gedanken. Eigentlich war ich schon eine sehr traurige Persönlichkeit. Ich wusste gar nichts mehr.

Warum wohnte ich wohl mit Manuel nicht zusammen? Ich vertraute ihm nicht mehr so wie über die ganzen Jahre. Aber das hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Ich war nie eifersüchtig.

Aber vielleicht sollte ich es sein? Ich spürte da etwas was ich mir vehement ausreden wollte. Doch es war da. Wenn ich in seiner Wohnung war spürte ich immer öfter, dass mich etwas oder jemand beobachtet.

Vielleicht beobachtete ich mich selbst. Meine schwachsinnigen Gedanken. Manchmal wenn ich mit ihm schlief spürte ich nichts. Es war als wäre ich wie weggetreten. Doch er fragte nicht nach.

Sah man mir nicht an, dass ich etwas hatte. Dass mir etwas im Kopf herumspukte. Klar sah man es – wenigstens jemand der mich kannte sollte es sehen – Daniela sah es. Was sah sie. Ich war mir selbst nicht mehr sicher in allem.

Ständig machte ich mir Gedanken was ich fühle für Manuel, für uns. Ich spürte dasselbe. Vermisste ihn. Brauchte ihn. Doch sobald ich bei ihm war fühlte ich mich verlassen von allem. Kein Vermissen. Keine Sehnsucht… kein Verlangen.

Bis zum Aufstehen am Morgen wenn ich auf Arbeit verschwinden musste – Frühdienst im Altersheim. Dort malte ich mir die schönsten Träume aus um diese Beziehung – doch das war längst kein Traum mehr.

Ich weiß es nicht. Ich könnte nie ohne ihn. Ich sehe ihn ständig vor mir. Sein Lächeln. Seine Augen. Ich war froh dass er bei mir war. Oder war nur sein Geist, mein Traum-Manuel bei mir und das schon die ganzen Monate.

Konnte ich den wahren Manuel nicht mehr ertragen? Hatte Daniela Recht? Brauchte ich nur etwas Neues? Oder brauchte ich nur mal eine Trennung, einen Seitensprung um die beiden wieder zu vereinen?

Den fabelhaften Traum-Manu und den gleichgültigen realen Manu? War unsere Beziehung fand, abgestanden? Fehlte ihr der Kick? … die Liebe? Ich konnte noch so in Gedanken fallen, aber ich konnte keine Lösung finden.

Vielleicht wollte ich die ja nicht finden. Vielleicht wollte ich nur so vor mich hin leben. Scheintot. Gefühlstot. Konnte ich ohne Manuel sein? Ich glaube nach vier Jahren kann man das nicht ernsthaft beurteilen.

Man ist auf andere Urteile angewiesen. Auf Urteile von Menschen, die einen von außen beobachteten. Ich konnte mich nur selbst betrügen. Ich lebte mein Leben weiter – ohne Gedanken.

Nur selten hatte ich solch Momente wie jetzt. Momente in denen ich mich einfach auf die Couch lümmelte und nachdachte. Aber vielleicht war es dafür mal Zeit. War Roman der Grund, dass ich mir Gedanken machte?

War ich naiv? Braucht man erst einen solch labilen Grund wie eine E-Mail, zwei E-Mail um alles in Frage zu stellen was lange Glück bedeutete? Glück? Was sagte Daniela? Warum sage ich Manuel nichts von Roman?

Wollte ich ihn verschweigen. Warmhalten auf der Kochplatte als Fluchtweg vor Manuel? Nein. Ich brach meine Gedanken ab und verbuchte es unter Blödsinn. Nichts und niemand würde mich und Manu trennen.

Ich gehörte zu ihm. Ich war froh mir Gedanken gemacht zu haben. Ich war mir nun sicher. Ich freute mich ihn bald wieder zu sehen. Dann wollte ich ihm endlich wieder richtig Gefühle zeigen.

Auch wenn er oft komisch war… Egal. Ich spürte Müdigkeit. Das macht wohl der häufige Frühdienst. Das Telefon klingelte.

Anrufbeantworter: „Hi Chris, ich bin es, Manuel. Wo steckst du? Bin wieder aufgewacht. Meld dich mal. Bin aber gleich wieder weg… Bye….“

Klack.

„Sie haben Post!“

Schnarch…

Nun wurden die E-Mails zwischen Roman und mir deutlich häufiger… Roman berichtete mir immer wieder von seinem Leben und seinem Freund. Ich fand es interessant. Ich dagegen offenbarte ihm relativ wenig von meinem Leben. Ich hörte lieber zu, bzw. las lieber.

Er erzählte, dass er auf meinen Rat hin das Zusammenziehen mit seinem Freund noch etwas verschob. Ich fühlte mich geehrt, dass jemand auf meinen Rat hörte. Doch verstand ich nicht warum er so auf mich hörte.

„Ich höre doch immer auf dich!“

Wir kannten uns jetzt schon etwas besser – soweit man das so nennen konnte. Ich fühlte mich in seine Probleme und Gefühle hineinversetzt. Und ich half ihm gerne bei allem. Jeden Abend stürmte ich zum PC um E-Mails abzurufen.

Immer wieder war ich neugierig. Irgendwann aber blieben die E-Mails aus. Ich verstand nicht. Wollte aber auch nicht aufdringlich sein. Ich übte mich in Geduld. Gestaltete meine Freizeit wieder anders. Versuchte zu verdrängen, dass die tägliche Mail fehlte.

Ich bastelte wieder an meiner Homepage und half meiner Mutter wieder öfter beim Kochen. Ich hatte riesigen Spaß daran.

„Das war das Salz!“

„Ups.“

„Wenn du Salzkucken essen möchtest zum Kaffee, dann misch weiter deine Zutaten. Falls nicht wirf ihn weg!“

Ich entschied mich für den Mülleimer.

*-*-*

Es begann die Sommerzeit und die Urlaubszeit. Das bedeutete für mich nie etwas Gutes. Ich machte gerne Urlaub im bunten Herbst und so war mein Dienstplan bombardiert und voll mit Frühdiensten und Spätdiensten. Der totale Mix. Toll. Ich liebe meinen Arbeitgeber.

Zu allem Überfluss wollte man im Altersheim Personal sparen und so schoben wir den Frühdienst meist zu Viert statt zu Fünft. 12 Menschen zu waschen war mehr als anstrengend. Ich war fertig mit der Welt und freute mich immer über Feierabend.

Daher ließen auch meine Treffen mit Dani nach und Manu sah ich auch seltener. Manchmal arbeitete ich 10 – 15 Tage durch. Ich konnte irgendwie nicht mehr. Ich fühlte mich leer und kaputt. Ich sah in diesem Beruf keine Erfüllung mehr. Ich fand es nur krass.

„Kannst du Dienst mit mir tauschen?“

„Was hast du denn?“

„Teildienst, Chris!“

„Wunderbar!“

„Komm ich muss meine Mutter im Krankenhaus besuchen.“

Dienst rauf und runter. Arbeiten. Kaum Essen. Schlafen.

„Bist du kaputt?“

„Ja Manu, das bin ich, was gib es?“ fragte ich gereizt.

„Genervt?“

„Ich hab dir erzählt was im Heim so abgeht!“

„Ja bin ja schon ruhig. Bin eh gleich wieder unterwegs.“

„Na also. Dann lass mich schlafen.“

Aufwachen. Gereizt sein. Genervt. Arbeiten.

„Sie haben Post!“

Ich zuckte.

„Hä?“

Ich bewegte mich zum PC und klickte auf den Posteingang. Ich war überrascht. Roman…

 Hi Christian,

du wunderst dich bestimmt warum ich mich fast vier Wochen nicht gemeldet habe…

Ich bin sehr viel unterwegs zurzeit, verbringe so gut wie jede freie Minute die ich habe mit meinem neuen Freund!

Kann es wiederum gut verstehen, ich bin unzuverlässig. Denke gerade zuviel an mich und mein Glück. Nimm es mir bitte nicht übel…

Liegt bestimmt auch daran, dass ich eigentlich jede freie Minute mit meinem Freund verbringe und mich nicht so sehr um meine Kumpels kümmere, so wie dich! Weiß dass das nicht okay ist!

Wir, ich und du, kennen uns eigentlich fast gar nicht. Würde das gerne ändern. Wie läuft es denn sonst so bei dir? Werde mich bessern! Versprochen! Habe sogar deinen Rat befolgt. War mit Olli im Urlaub.

Eine Woche lang. Es war total schön. Und jetzt bin ich mir sicher. Werde von zuhause weggehen… Endgültig. Werde mein eigenes Leben starten mit Oliver. Suchen uns gerade ne Wohnung. Müssen es nur noch perfekt machen.

Sorry, dass ich im Moment so unzuverlässig bin! Wie läuft es bei dir so privat mit Manuel und beruflich im Heim?

Tschüssle Roman“

Er hatte mir geschrieben. Ich nahm die E-Mail als gute Ablenkung kurz vor dem Einschlafen und beschloss kurz zu antworten. Per Mail konnte man kaum meine genervte Art merken. Ich machte ihm klar, dass es nicht schlimm sei, dass er nicht so oft schrieb und das es eh wichtiger sei sich um den Freund zu kümmern.

Immerhin waren die Zwei noch frisch verliebt. Ich teilte außerdem mit, dass ich sowieso gerade voll im Stress sei auf der Manchmal arbeitete ich zehn – fünfzehn Tage durch. Ich konnte irgendwie nicht mehr.

Ich fühlte mich leer und kaputt. Ich sah in diesem Beruf keine Erfüllung mehr. Ich fand es nur krass. Ich machte ihm klar, dass es nicht schlimm sei, dass er nicht so oft schrieb und das es eh wichtiger sei sich um den Freund zu kümmern.

Immerhin waren die Zwei noch frisch verliebt. Ich teilte außerdem mit, dass ich sowieso gerade voll im Stress sei auf der Arbeit und auch warum. Mit Manu war alles klar.

*-*-*

Mittlerweile verbuchte ich Roman nur noch unter Gelegenheits-E-Mail-Kontakt. Ich fand es schon schade, dass meine Hoffnung auf einen guten schwulen Freund unterging. Aber die Liebe war so. Bzw. manche Liebenden waren so: Nur die Liebe zählt und nur darauf wird konzentriert.

So schien es mir auch jetzt bei Roman. Ich war schon etwas traurig. Gut ich konnte nicht mitreden, ich war nicht frisch verliebt sondern hatte eine feste Beziehung, eine stabile, in der man sich nicht mehr Kennen lernen musste – na ja man lernte ja nie aus…

Ich packte meine Reisetasche um für einige Tage zu Manuel zu gehen nach Frankfurt. Ich hatte wieder mal 4 Tage frei. Gott sei Dank. Ich wollte dem Telefon fern bleiben. So konnte mich keiner in den Terrordom rufen – zum Arbeiten.

„Nein Daniela, ich gehe heute noch für ein paar Tage zu Manuel!“

„Also gut ich werde auch einen anderen Zeitvertreib finden.“

„Das denke ich mir!“

„Machs gut und grüß Manuel von mir!“

„Mach ich.“

Ich packte fünf Unterhosen ein, einige Jeans und T-Shirts. Ich konnte mich nicht entscheiden. Einkleiden hing bei mir sehr von der Tagesform ab. Ich verschloss die Tasche und stellte sie auf dem Flur ab. Mein Handy ging:

„Bin schon fast unterwegs Schatzi.“

„Gut. Freut mich. Bin in einer Stunde daheim.“

„Wie?“

„Bin unterwegs.“

„Wollte jetzt los.“

„Na bis meine Tucke sich die B3 entlang geschlichen hat bin ich längst zurück.“

Ich grinste.

„Nenn du mich noch mal Tucke.“

„Immer.“

„Wo steckst denn?“

„Bis gleich, Schatz.“

Er ignorierte meine Frage. Ich starrte auf den Hörer und drückte irritiert den roten Hörer-Knopf. Nun suchte ich noch meine Sachen für den Kulturbeutel zusammen und packte auch diese in die Tasche ein.

„Sie haben Post!“

Ich verdrehte die Augen, setzte mich aber trotzdem kurz an den PC. Es war Roman. Ich öffnete die Mail.

„Darf ich dich anrufen? Es geht mir nicht gut. Brauche jetzt jemanden. Bin grad allein. Fühle mich allein. Gruß Roman“

Ich wusste nicht was ich nun tun sollte. Ich entschloss mich kurz zu antworten. Ich sandte ihm meine Nummer und sagte er könne jederzeit anrufen. Jetzt begab ich mich auf direktem Wege zu Manuel. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr los.

Ich schloss die Haustür von Manu auf und…, das war jetzt nicht war… Toll! Er war noch nicht da. Na ja. Ich würde schon Beschäftigung finden. Ich legte mich auf das Bett und schaltete den Fernseher ein.

Es verging seine Zeit, da stand Manu in der Tür. Völlig abgehetzt.

„Ich wollte pünktlich sein, aber ich konnte nicht!“

„Warum?“

„Bus“, antwortete er kurz.

„Setz dich erst mal.“

Just in dem Moment klingelte das Handy. Ich kannte die Nummer nicht. Ich ging unsicher ran.

„Hier Christian.“

„Roman.“

Ich schaute auf Manuel, dann wieder weg und überlegte. Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer. Manuel legte sich hin.

„Hi. Ich…“

Ich war unsicher. Jetzt hörte ich zum ersten Mal Romans Stimme. Es war schon komisch.

„Mir geht’s nicht gut. Ich wusste nicht an wen ich mich sonst hätte wenden sollen.

„Ist doch okay. Was ist los.“

„Hatten heute einen Wohnungstermin. Ich war auch dort. Hab die Wohnung auch.“

„Ja aber das ist doch toll.“

„Ja ich musste mich einige Tage einschließen… Hab mich von Außenwelt abgeschlossen. Aber den Termin heute wollte ich nicht sausen lassen.“

„Du sprichst in Rätseln.“

„Das hat meine Mom auch schon gesagt.“

„Und was hast ihr geantwortet.“

„Nichts. Sie würde das nicht verstehen.“

„Werde ich es verstehen?“

„Das hoffe ich.“

„Jetzt sag was los ist. Ich mach mir Sorgen.“

„Er hat Schluss gemacht.“

„Oliver?“

„Ja.“

Ich hörte Roman schluchzen.

„Ja aber warum?“

„Ich… Sorry…“

Er fing jetzt richtig an zu heulen. „Ich glaub ich kann doch noch nicht drüber sprechen. Ich dachte ich kann…“

„Roman, lass dir Zeit. Du kannst mich jederzeit anrufen. Hörst du?“

„Ja.“

„Und…“

„Und… ja?“

„Na ja wenn es dir schlecht geht und du mal raus musst dann… Dann sag Bescheid ich habe bald Urlaub und du könntest ja herkommen ein Wochenende… hörst du?“

„Das ist lieb… aber…“

Tränen flossen mehr und mehr. Seine Stimme war richtig weinerlich.

„Nix aber…, lass dir Zeit, lass erst mal deinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf.“

„Ja.“

Er antwortete knapp.

„Irgendwann kannst du reden. Mit mir, deinen Freundinnen. Mit wem auch immer.“

„Ja.“

„Lass deine Gefühle raus. Heule!“

Keine Antwort mehr. Nur ein ‘Danke’ dann legte er unter Weinen auf. Ich ging zurück ins Schlafzimmer.

„Wer war das?“ fragte Manuel.

„Roman!“

„Wer?“

*-*-*

Ja, die Tage bei Manuel gingen um. Wenn auch mit Streit gefüllt. Mein Gott was war schlimm daran einen Freund neu kennen zu lernen. Es sollte doch keinen Ersatz für ihn darstellen. Wie konnte ein Mensch so eifersüchtig sein? Toll.

Ich war irgendwie wieder froh zuhause zu sein. Ich schmiss mich auf mein Bett und seufzte.

Ich griff mal wieder nach der Fernbedienung. Das Telefon klingelte.

„Ja?“, sagte ich genervt.

„Was bist du denn so gereizt? Und seit wann schaust du nicht mehr kurz bei uns unten rein wenn du nach Tagen heimkommst?“, hörte ich meine Mutter sagen.

„Ich hab eben keinen Bock“, erwiderte ich barsch.

„Nicht in dem Ton.“

„Mama, ich bin eben nicht gut drauf. Sorry!“

„Was mit Manuel?“

„Nein… Ja… Weiß nicht!“

„Ich lass dich ja schon in Ruhe.“

„Danke.“

Ich legte auf. Auf dem Weg zurück zum Telefon klingelte das Telefon erneut. Ich verdrehte meine Augen und nahm ab.

„Was?“

„Hey was ist los?“ Es war Daniela.

Genervt antwortete ich: „Habt ihr euch abgesprochen?“

„Hä?“

„Jeder denkt hier anrufen zu müssen und mich nach meinem Befinden fragen.“

„Das nennt man Menschlichkeit.“

Auf dieses Geschwätz hatte ich heute echt keinen Bock.

„Hör zu Dani, ich will schlafen. Ich hatte… einen harten Arbeitstag.“

„Wie du lügen kannst.“

„Okay ich will nur meine Ruhe!“

Sie verabschiedete sich knapp und legte auf. Ich tat das Gleiche. Ich schmiss mich frustrierter als zuvor auf die Couch und drückte auf der Fernbedienung rum. Kein Scheiß Sender. Kein scheiß Programm.

Ich schmiss die Fernbedienung in die Ecke und starrte in die schwarze Mattscheibe. Telefon. Ich drehte mich genervt zur Seite und schielte auf das klingelnde rote Ding.

Anrufbeantworter.

Hi Christian, ich bin es Roman… ich… na ja du bist wohl gerade nicht zuhause…“

Seine Stimme hörte sich beruhigter an als beim letzten Telefonat. Ich sprang auf und ging ran.

„Nein bin da.“

„Hi.“

„Hallo Roman.“

„Bist du gestresst?“

„Ja bisschen. Aber egal. Wie geht es dir?“

„Besser. Ich bin dabei meine Wohnung auszuräumen bei den Eltern und pack alles in Kisten.“

„Dann machst du jetzt ernst?“

„Ja, hab den Mietvertrag ja unterschrieben.“

„Cool.“

„Find ich auch. Ich fahr gleich die ersten Kisten rüber.“

„Wohin ziehst eigentlich?“

„Kennst den Europa-Park?“

„Klar.“

„Ich ziehe nach Rust. Fast schon mit Blick auf den Park.“

„Wow. Coole Sache.“

Ich merkte wie sich Entspannung in mir ausbreitete.

„Und was treibst du so?“

„Gerade nur abhängen.“

„Sag mal wann hast du noch mal Urlaub?“

Ich stutzte…

„Na ja in drei Tagen. Noch drei Spätdienste und dann hab ich ab Freitag frei. Warum.“

„Nu so.“

„Du fragst das doch nicht nur so…“

„Na ja… um ehrlich zu sein…“

„Das solltest du sein mein lieber…“

„Ja bin ich ja… Um ehrlich zu sein. Ich wollte dein Angebot annehmen.“

Ich stellte mich dumm.

„Welches Angebot?“

„Na ja zu dir zu kommen.“

Ein Lächeln zuckte über meine Lippen.

„Würdest du dich freuen?“

„Ja klar. Komm her.“

„Ja nicht sofort, wohne ja nicht gerade um die Ecke.“ witzelte Roman „Außerdem warten da noch ein paar Kisten auf mich.“

„Hey klar!“

„Wenn ich hier alles fertig habe. Ich hoffe ich schaffe das bis Freitag würde ich losfahren… Du müsstest mir nur noch ne Wegbeschreibung schicken…“

„Klar die folgt per E-Mail.“

„Freue mich.“

„Klar ich lenk dich ab und zeig dir die Gegend.“

„Schön.“

Wir verabschiedeten uns und ich setzte mich prompt an den Computer um für Roman eine Wegbeschreibung zu basteln. Was ja nicht sonderlich schwer war. Immerhin war ich ja schon oft genug im Europa-Park.

Ich konnte mir also ausmalen wo er herkam. A5 und dann immer geradeaus. Darmstadt.

 

*-*-*

 

„Einen fremden Mann?“

 

„Er ist nicht fremd.“

 

„Du hast mit ihm gemailt, telefoniert… Und dann gleich hierher in unser Haus. In deine Wohnung?“

„Na und?“

„Was wenn er ein Vergewaltiger? Ein Killer ist?“

„Mutter!“

„Was?“

„Übertreibe es nicht.“

„Was sagt überhaupt Manuel dazu?“

Ich schaute sie irritiert an.

„Langsam angehen lassen, hm?“ Daniela nippte an ihrem Cocktail.

„Hey, ja!“

„Na ja du bist ja auf einmal Recht flux. Drei Tage Roman. Nie gesehen und gleich drei Tage bei dir einnisten.“

„Na und?“

„Langsam angehen? Bisschen Alk und dann…? Gefühle. Trösten…“

„Hey, da läuft nichts! Ich liebe zufällig jemand anderen.“

„Ja und mit dem hast du gerade Stress.“

„Hatte!“

„Ach?“

„Ja haben uns versöhnt.“

„Also Roman kommt übermorgen?“

Ich nickte.

„Was sagt überhaupt Manuel dazu und der übernachtet drei Tage bei dir?“

„Ja und?“ fragte ich schnippisch.

„In deinem Bett?“

„Na sonst hab ich wohl keine Möglichkeit.“

„Couch!“

„Ich lass den doch nicht auf der Couch pennen.“

„Du kannst auf der Couch pennen.“

Stur ignorierte ich diese Aussage und verschränkte die Arme.

„Echt jetzt, Chris, ich verstehe dich nicht.“

ch mich aber.“ Antwortete ich unüberlegt.

„Gut.“

„Das war’s?“

„Ja mehr brauch ich ja nicht zu wissen scheint mir. Bist eh stur und uneinsichtig.“

„Ich…“

*-*-*

Ich saß auf der Couch und wartete ungeduldig auf Roman. Er hatte sich für den Nachmittag angekündigt. Er sagte es müsste so ca. 16 Uhr sein wenn er ankommt. Ich schaute auf die Uhr. Kurz vor 4… Das Handy klingelte.

„Roman?“

„Ja. Du ich wollt nur fragen ob ich hier richtig bin. Glaub ich bin da wo du mich hingelotst hast. Ich weiß aber nicht wo ich klingeln soll. In dieser Stadt sieht alles gleich aus.“

Ich rannte zum Fenster und schaute raus. Da unten schien er zu stehen. Ich öffnete das Fenster.

„Roman“, rief ich zur Straße runter.

Er schaute verwirrt um sich. Viel war nicht los hier in der Gegend von Darmstadt, daher war es klar, dass er es sein müsste. Es schien für ihn sogar ein leichtes zu sein hier in Darmstadt einzuparken. In dieser Stadt musste Einparken gekonnt sein. Parkplätze waren rar und eng.

Ich winkte ihm als er nach erneutem Rufen nun endlich nach oben sah…

„… oberste Klingel. Dieses Haus hier.“

Roman beendete das Gespräch und legte auf. Er lief mit seiner großen Reisetasche über die zu geparkte Straße und klingelte. Ich öffnete ihm. Die Treppe rief ich hinunter, dass er ganz rauf laufen soll. Dort würde ich auf ihn warten. Er tat dies und erklomm die Treppen.

Da stand er nun vor mir. E-Mails, SMS und Telefonate. Und jetzt endlich persönlich. Ich musterte ihn kurz. Seine Haare waren natürlich, ungefärbt, braun. Seine Augen genauso braun. Seine kleine Tasche die an seiner rechten Hüfte hing fiel mir sofort auf. Ich grinste.

Er begrüßte mich und fragte warum ich ihn so anschauen würde. Dabei hob er ach so schwul beide Arme nach oben. Ich bat ihn rein und schloss die Tür.

„Tucke!“

Roman setzte sich auf die Couch und schaute mich fragend an.

„Na komm so wie du dich bewegst…“

„Na du weißt ja, dass ich schwul bin. Bisher hat mich noch kaum jemand enttarnt. Auf Arbeit bin ich genau wie die anderen unauffällig heterosexuell.“

„Aha. Da schauspielerst du, hm?“

„Nein. Ich wirke eben nicht schwul.“

Er grinste.

„Oh der richtig männliche, hm?“

„Dass ich schwul bin wissen nur meine Familie und meine engsten Freunde.“

Ich setzte mich zu ihm. Er mochte es wohl nicht wenn man ihn all zu schwul einstuft. Doch sein Auftritt war alles andere als hetero. Aber ich ließ ihn in dem Glauben.

„Wo kann ich denn meine Tasche abstellen?“

Ich schaute auf die Reisetasche, die mitten im Zimmer stand.

„Lass sie doch erst mal dort.“

„Aber da steht sie doch nur im Weg.“

Roman erhob sich und stellte sie tuckig – nein rein heterosexuell natürlich – an die Zimmerwand. Ich grinste erneut. Roman kam zurück und setzte sich.

„Ich hab dir auch was mitgebracht.“

„Echt? Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

„Ist dein Freund eigentlich an dem Wochenende auch hier?“ fragte er wissbegierig.

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein?“

„Na ja wir fahren ihn morgen vielleicht mal besuchen.“

Roman bohrte nicht weiter nach und zauberte eine Weinflasche aus seinem Täschchen. Deswegen erschien die Tasche wohl so gefüllt. Jetzt wurde sie richtig schlaff. Was trug ein Mann wohl in einem Handtäschchen mit sich.

Ich versuchte einen Blick zu erhaschen. Sah aber nichts. Taschentücher? Kondome? Na ja die brauchte er hier ja nicht…Ich freute mich über die Flasche Wein.

„Die ist aus meiner Heimat. Ein echter Badener!“

„So wie du?“

Ich umarmte ihn und flüsterte: „Schön dich mal kennen zu lernen. Einen echten Schwaben!“

Roman fuhr zurück und sah mich versteinert an. Ich schaute ihn irritiert an.

„Ich bin kein Schwabe!“

„Wie jetzt?“

„Ich komme aus Baden. Das Herzstück von Baden-Württemberg.“

„Ja soviel Herz, dass sich die Ladensherren es sich wohl nicht nehmen ließen den Bundeslandnamen mit ‚Baden’ beginnen zu lassen.“

„Korrekt“, sagte Roman stolz.

Ich hob meine Hände und Arme abwehrend: „Sorry ich wusste nicht, dass da ein so großer Unterschied ist. Ich wollte dich nie beleidigen. Ich war in Erkunde nie wirklich der Hit.“

Roman winkte ab und gab zu Antwort, dass es ja nicht schlimm sei. Doch an seiner vorigen Reaktion spürte ich, dass er einen gewissen Stolz verspürte… Er fragte mich nach dem Badezimmer. Ich wies es ihm. Er dackelte mit seinem Täschchen davon.

Nicht schwul – hetero wirkend – von wegen. Nein eine Hete wäre nicht gleich ins Bad gestürmt und hätte auch nie eine Flasche Wein mitgebracht, sondern einen Six Pack. Nicht Roman…

Aber ich ließ ihn gern in dem Glauben, dass er die Erscheinung auf andere hatte, die er sich wohl wünschte. Jetzt saß ich da für Momente allein auf dem Bett. Jetzt war es soweit: 2,5 Tage Roman und ich musste ihn beschäftigen…

„Langsam angehen lassen, hm?“ Daniela nippte an ihrem Cocktail. „Was wenn er ein Vergewaltiger? Ein Killer ist?“

Schwachsinn. Ein Killer, der sich aufziehen ließ und schwul durch die Wohnung huschte mit seinem kleinen Handtäschchen aus Stoff. Langsam angehen… Ich spürte nichts… keine sexuellen Gefühle, keine Liebe.

Oder sollte das alles kommen. Immerhin schliefen wir nebeneinander zwei Nächte.

„Wo soll ich eigentlich pennen?“ dackelte Roman plappernd wieder aus dem Bad heraus.

Ich schaute ihn an.

*-*-*

Und das dort ist das Schloss von Darmstadt. Im Keller finden hin und wieder eine Disko für Schwule und Lesben statt. Sonntags. Roman schaute interessiert rüber. Wir überquerten gerade die Schienen der Straßenbahn.

„Echt?“

„Nein unecht!“ erwiderte ich frech.

„Und wo gehen wir jetzt hin?“

„Zu Ludwig?“

„Ich dachte er heißt Manuel?“

Roman war irritiert. Ich lachte und lief weiter.

„Wer ist das nun?“ setzte Roman wieder an.

„Wer? Der lange Ludwig?“

„Wird das jetzt etwas Perverses?“

Roman schaute an mir runter.

Ich lachte erneut: „Keine Angst ich nenn mein Ding nicht den langen Ludwig.“

Ich deutete nach oben als wir die Straßenbahnschienen entlang liefen Richtung Rheinstraße.

„Ja und was ist da? Sparkasse?“

„Roman. Schwenk deine Pupillen mal nach rechts. Sparkasse, tz…“

Er blickte auf die Statue auf der hohen Steinsäule und schaute dann wieder zur Sparkasse.

„Ich muss Geld holen.“

„Kulturbanause,“ bemerkte ich.

Roman drehte sich um, er war mir etwas vorausgegangen, die Bank als Ziel. Ich nahm mir vor ihn auf die Einkaufspassage los zu lassen. Kultur schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Vielleicht ist das bei Kfz-Mechanikern so.

Kultur war wohl eher was für Abiturienten. Mich interessierte es ja auch nicht all zu sehr… Ich dachte nur ihm etwas zeigen zu müssen. Roman tippte wie wild auf dem Geldautomaten rum und schnappte sich das Geld, das ausgespuckt wurde durch die Luke.

Wir gingen etwas zurück und starten unsere Einkaufstour im Luisencenter. Dort waren schon reichlich Geschäfte. Aber das befriedigte Romans Einkaufswut nicht unbedingt. So gingen wir weiter durch die Innenstadt, bis Roman alle relevanten Geschäfte abgeklappert hatte.

„Schuhfetischist!“

„Was denn?“ reagierte Roman eingeschnappt.

„Wie kann ein Mann allein in jeden Schuhladen tapsen und nichts kaufen?“

„Na da war nix gescheites dabei!“

Ich schüttelte erheitert den Kopf und riss meine rechte Hand nach oben: „Da das ist deine letzte Chance.“

Roman taperte wieder schneller in kurzen schnellen Schrotten.

„Das Schaufenster ist ja schon geil.“

Er betrat den Laden. Ich verharrte noch kurz draußen und starrte auf mein Handy. Manuel schien angerufen zu haben. Ich überlegte kurz und wählte seine Nummer. Keiner nahm ab.

„Kommst du?“ rief Roman durch die halb offene Tür.

Ich nickte und trat ein. In seinen Händen hatte er bereits das Paar Schuhe, das auch im Schaufenster stand.

„Die probier ich jetzt an.“

„Na dann mach.“

Meine Stimme war zickig. Das sagte wenigstens Roman. Ich setzte mich zu ihm auf einen Stuhl und beobachtete ihn beim Anziehen der Treter. Er schien verliebt zu sein in diese Schuhe und er lief damit auf und ab. Mindestens fünfzehn Minuten.

„Und?“ fragte er.

Ich stütze mich auf die Armlehnen des Stuhls und witzelte: „Weißt du hier in Hessen läuft man damit erst wenn sie bezahlt sind…“

Und ich wollte noch einen drauf setzten.

„Ich weiß ja nicht wie lang ihr in Schwaben damit rumtuckert bis ihr bezahlt. Rente?“

Roman verschränkte seine Arme. Dabei rutschte sein Begleiter von der Schulter. Die Tasche rutschte in seine Hüfte. Ich lachte los.

„Das sieht ja so geil aus!“

Roman zahlte und wir verließen das Geschäft. Wir bewegten uns in Richtung Carreé. Dort gab es ein tolles Café. Nicht gerade mein Stammlokal, da teuer. Aber ich musste Roman ja was von der Stadt zeigen.

„Du bist eingeladen!“

Wir setzten uns und Roman bedankte sich. Zum ersten Mal fiel mir sein fröhliches Lächeln auf. Er schien hier richtig aufzublühen. Fern ab von seinem Ex. Darauf wollte ich ihn jetzt aber nicht ansprechen.

Die Ablenkung schien zu funktionieren. Und das schon innerhalb weniger Stunden.

„Christian?“

Aus meinen Gedanken gerissen schaute ich Roman an.

„Ja?“

„Wer ist nun der lange Ludwig?“

*-*-*

Bevor ich uns Abendessen kochen wollte setzten wir uns noch mal gemütlich auf die Couch um uns etwas vom Einkaufsbummel auszuruhen. Erneut versuchte ich Manuel zu erreichen. Erfolglos. Er nahm einfach nicht ab. Komisch.

Roman bekam von dem Ganzen nichts mit. Der saß erschöpft da auf seiner Seite der Couch.

„Du, Christian?“ unterbrach er plötzlich die Stille.

„Gibt gleich Essen,“ leierte ich mir eine Antwort aus den Rippen.

„Nein das ist es nicht.“

„Was dann?“ Ich schaute ihn fragend an.

„Na ja jetzt bin ich schon fast fünf Stunden hier und wir haben noch nicht… na ja…“

„Was?“

Ich wurde neugierig was er zu sagen hatte. Roman schaute mich ernst und traurig an.

„Was ist denn los Roman?“

„Na ja wir haben noch nicht über meinen Ex gesprochen.“

„Ich hab dir doch gesagt du kannst darüber sprechen wann immer du willst!“ erwiderte ich tröstend.

Roman nickte.

„Ja ich weiß. Aber…“

„Roman mach jetzt nicht so ein Geheimnis. Was ist los? Was möchtest du mir sagen?“ fragte ich fordernd.

Roman schaute auf zu mir: „Eigentlich will ich über den Typen gar nicht mehr reden. Ich hab mich vorhin wohl gefühlt. So ganz ohne Gedanken an ihn.“

„Das freut mich!“ atmete ich auf.

„Ja, zum ersten Mal hab ich nicht an ihn gedacht. Als ich die Wohnung einräumte hingen meine Gedanken ständig an ihm. Ich fand das grausam. Hab geheult. Geheult und nur geheult.“

„Irgendwie muss dieser Schmerz auch raus!“ versuchte ich eine verständnisvolle und tröstende Antwort zu finden.

Roman nickte und schaute in seinen Schoß.

„Ich fühle mich hier wohl.“

„Schön. Das war ja auch das Ziel. Du brauchst Ablenkung!“

„Ich weiß nicht es ist als würden wir uns schon lange kennen. Weißt du wir haben uns gesehen und wir warn gleich vertraut. Wir haben gewitzelt. Spaß. Jemand anderen hätte ich längst geschlagen für den Schwaben-Witz.“

„Männlich wieder, hm? ‚Schlagen’ Uuuuuuh. Roman-Rambo.“

Roman lachte. Dann wurde es wieder ruhig.

„Im Ernst jetzt mir kommt es echt so vor als wären wir schon ewig Freunde. Ich glaube man kann mit dir gut reden und nicht nur schreiben…“

Ich war geschmeichelt diese Worte zu hören. Jetzt erhob ich mich und ließ Roman in seinen Gedanken sitzen.

„Und bevor es zur Liebeserklärung kommt mach ich jetzt was zu Essen.“

Roman grinste: „Mit leerem Magen läuft da eh nix. Liebe geht durch den Magen. Nicht nur in Baden! Spaß!“

Ich drehte mich auf dem Weg zur Küche noch mal um und setzte ein Lächeln auf. Ich entkorkte die Weinflasche, welche mir Roman am Nachmittag geschenkt hatte und stellte sie schnell wieder ab.

„Die Nudeln…“

Ich rannte in die Küche. Mittlerweile schenkte Roman uns beiden Wein ein. Mit einer Schüssel kam ich nach kurzer Zeit zurück ins Esszimmer. Ich platzierte die grünen Nudeln neben dem Lachs und der leckeren Soße.

Ich bat Roman mir seinen Teller zu geben. Der löschte seine Zigarette und reichte mir den Teller. Währendessen steckte er meine Kerzen auf dem Tisch an mit seinem Feuerzeug.

„Uhh wie romantisch!“

„Liebe geht durch den Magen,“ witzelte er frech.

„Ja, ja schon klar.“ Ich füllte auch meinen Teller.

„Guten Hunger, Roman.“

Er wünschte mir das gleiche. Wir aßen genüsslich einige Bissen und dann fiel Romans Blick auf den Wein.

„Hey wir müssen noch anstoßen!“

Ich erhob mein Glas, so wie es Roman tat und prostete ihm zu.

„Auf unsere Freundschaft!“

Freundschaft. War es das? Nach den wenigen Mails, den wenigen Stunden Anwesenheit hier? Konnte sich daraus eine Freundschaft entwickeln? Ich wusste es nicht. Obwohl ich wünschte es mir.

Ich fühlte mich außerordentlich wohl. Vergaß meine Probleme für einen Augenblick. Wohl fühlen. So wie bei Manuel? Nein es war anders. Ich konnte es nicht beschreiben. Ich hatte nie einen wirklich guten Freund.

Einen schwulen Freund. Da waren immer nur Freundinnen. Und Daniela. Aber um die war ich froh. Ich war froh sie zu haben. Würde ich das auch irgendwann von Roman behaupten? Ich wusste es nicht.

Wein floss meine Kehle hinunter.

„Hm lecker ist der.“

Ich schaute auf Roman. Der lächelte nur verschmitzt.

„Was?“

„Alle Badener sind lecker!“

Warum immer diese Zweideutigkeit? Liebe geht durch den Magen? Badener sind lecker? Ich war irritiert. Roman schien dies zu merken.

„Den Wein meine ich, Dussel.“

Er nahm erneut einen Schluck.

*-*-*

„Das Roman, ist mein Freund Manuel.“

Manuel musterte ihn ungläubig, reichte ihm dann aber die Hand. Er tat gerade so als würde er seinem Widersacher die Hand zum Waffenstillstand reichen. Man konnte es auch übertreiben.

„Hallo Manuel.“ begrüßte ihn Roman freundlich mit seinem Händedruck.

Wir setzten uns auf die Couch. Schweigen. Manuel wollte scheinbar nichts sagen. Roman wusste nicht zu sagen und ich suchte nach Gesprächsthemen.

„Tolles Wetter heute.“ unterbrach Roman die Stille.

Ich schaute Roman an. Er fühlte sich unwohl. Fremd. Manuel schaute ich eben so an. Seinen Blick konnte ich besser deuten. Wetter, ausgerechnet. Wie geistreich. Besser als nichts zu sagen.

„Manuel willst du uns nichts zu trinken anbieten?“

Manuel stand mürrisch auf und ging in die Küche. Er kam wieder mit einer Flasche Apfelsaftschorle und drei Gläsern. Er schenkte uns ein und schob jedem ein Glas hin. Er verschloss die Flasche wieder.

Er lehnte sich zurück. Ich spürte keine guten Schwingungen. Keiner fühlte sich wohl. Es war alles zu neu. Ich versuchte mich in Manu hinein zu versetzten. Warum war er so? Verletzt? Wie würde ich mich fühlen wenn ich ihm einen anderen Schwulen vorstellen würde und mir sagen würde, dass der jetzt bei mir wohnen würde für das Wochenende.

Würde ich mir auch jedes Horrorszenario eifersüchtig herbeizaubern. Konnte Manuel nur das sexuelle sehn. In jedem einen Feind, der ihm den Freund wegnahm. Ich konnte es nicht verstehen.

Jetzt versuchte ich mich auch in Roman hinein zu versetzten. Wie musste er sich hier in dieser Situation fühlen? Er musste sich doch überflüssig, am falschen Ort, vorkommen. Das wollte ich nicht. Manuel hatte eine Laune wie…, ich konnte es nicht deuten.

Sollten wir verschwinden? Ich nahm einen großen Schluck von meinem Getränk und verabschiedete mich auf Toilette. Jetzt konnte ich beide Blicke deuten. „Warum lässt er mich jetzt mit DEM alleine?“

Ich blieb auf halbem Weg stehen und drehte mich um: „Bin gleich zurück und dann gehen wir. Zu Daniela!“

Beide schauten erst mich irritiert an und dann sich gegenseitig. Mein Entschluss stand fest. Ich verschloss die Badezimmertür hinter mir. Aber… sie schienen sich zu unterhalten. Wortfetzen.

Ich konnte nichts verstehen. Es sollte mich ja auch nichts angehen. Ich pinkelte zu Ende und ging zum Waschbecken. Noch immer Stimmen. Sollte ich sie noch ein wenig alleine lassen. Vielleicht tauten sie dann auf und verstanden sich doch ganz gut.

Roman brauchte dann keine Angst mehr zu haben etwas zu sagen und Manuel merkte vielleicht wie lächerlich seine Eifersucht war. Schweigen. Ich trocknete meine Hände. Eine Minute keine Stimmen mehr.

Ich verließ das Bad. Ich wollte die Situation nun doch beenden.

„Gehen wir, Roman?“

Manuel gab ich einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Dabei fühlte ich mich einerseits unwohl, weil er so war wie er war. Andererseits spürte ich dieses Kribbeln ihn berührt zu haben.

Schlimm hätte ich dieses Kribbeln nicht mehr. Ich schloss kurz die Augen. Manuel zeigte ein sanftes Lächeln. Ich lächelte zurück und folgte Roman zur Haustür.

„Was ist denn diese Daniela für eine?“, begann Roman ein Gespräch im Auto auf der Fahrt zu unserem nächsten Ziel.

„Na ja. Sie ist frech. Wirst schon sehen.“

Roman nickte und fragte auch gar nicht weiter nach.

„Da sind wir.“

Ich parkte das Auto in eine große Parklücke ein und wir stiegen aus. Wir liefen rüber zu Danielas Haus in dem sie Ihre Wohnung hatte. Ich klingelte. Schnell öffnete sie die Tür und wir liefen die Treppen nach oben.

Freudig empfing sie uns und umarmte mich.

„Dreiundzwanzig da bist du ja, mein Schatzi!“

Die üblichen Scherze und wieder mal völlig abgedreht.

„Das du immer auf allem so lange rum reiten musst. So witzig bist du auch nicht.“

Ich grinste und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Sie bat uns rein mit ihrem völlig abgedrifteten Grinsen im Gesicht. Ich wusste wie sie drauf war. Das konnte ja lustig werden. Ich stellte ihr Roman vor und schon begann sie überzulaufen.

Sie plapperte los, so als wäre Roman gar nicht anwesend. Sie blendete ihn aus und langte so richtig in die Vollen.

„Christian, weißt du was?“

„Ja, ich sehe es an deinem scheelen Grinsen. Lass es“, forderte ich sie auf.

Doch das fiel ihr gar nicht ein.

„… ich wurde schon zwei Wochen nicht rangenommen!“

Roman schaute sie entgeistert an. Er kannte die Frau nicht und sie tischte diese Themen auf? Als einer ihrer ersten Sätze?

„Daniela, bitte!“

„Hey ich brauch es auch ab und zu. Und richtig hart.“

Roman Gesicht wurde blasser. Eine Interpretation seiner Gedanken war nicht nötig. Sein offener Mund sprach Bände.

„Hat die was genommen?“

Plötzlich deutete Daniela auf Roman und fragte frech: „Und der hat vom Blasen mit dir eine Maulsperre bekommen?“

Roman zuckte zurück und schloss schnell den Mund.

„Langsam angehen, hm? Christian, der Wilde. Rammler!“

Roman lachte. Ich war verblüfft.

„Siehst du dein Bläser findet das lustig!“

„Er ist nicht…“

Ich war ernst und wusste nichts zu sagen. Heute war ich überrannt von ihren Verbalattacken und auch von Romans Reaktion. Er lachte.

„… nicht dein Bläser. Soso. War er etwa tiefer drin? Mollig warm da hinten?“ Sie hob ihre rechte Pobacke und zeigte provokant darauf. Beleidigt lehnte ich mich zurück. Roman lachte noch immer. Aber er merkte auch, dass mir das nicht so gefiel. Er stoppte.

„Die ist nicht immer so“, sagte ich zu ihm, „aber heute muss Madam wieder alles geben. Um mich zu ärgern. Bloß zu stellen.“

Daniela schüttelte den Kopf und plötzlich eine ernste Frage: „Und du kommst aus Baden-Württemberg?“

Roman nickte.

„Was machst du denn dort?“

„Ich bin Kfz-Mechaniker. Macht Riesen Spaß.“

 

„Hey ich hatte auch mal einen Mechaniker. Der wusste mit Rohren um zugehen. Und der hatte mindestens…“

Ich blickte streng.

„Mindestens so viel Charme wie du,“ fuhr sie fort.

Roman grinste und steckte sich eine Zigarette an.

„Und du bist auf Besuch weil du mit deinem Ex Schluss gemacht hast?“

Roman schüttelte den Kopf: „Nein, er hat Schluss gemacht.“

„Ach so, weißt du ich bin auch gerade solo. Scheiß Männer halt.“

„Ja.“

Roman antwortete kurz und zog an seiner Zigarette.

„Weißt du, du brauchst irgendwann einfach eine Scheißegal-Einstellung. Nur so funktioniert das. Ich hatte das auch oft. Weißt du da bin ich lieber ein Flittchen und fummel mit jedem rum bevor ich mich wieder Liebe hingebe.“

„Verstehe ich.“

Ich verstand mittlerweile gar nichts mehr. Verstanden sich die Zwei jetzt schon so gut? Ist das Romans Ausstrahlung? Verstand er sich mit jedem gut… so auf Anhieb? Beide unterhielten sich weiter. Ich beobachtete die Zwei.

Würde er mir gleich im Auto sagen, was das für ne Schnecke war zu der ich ihn da mitgeschleppt habe? Ich war schon verblüfft. Ich wusste ja, dass Daniela wandlungsfähig war. Man konnte gut mit ihr reden.

Dann wieder kramte sie alte Kamellen aus, am liebsten aus meinem Sexleben. Ihr Sexleben – Ihr Porno-Leben würde ich sagen – verschwieg sie keinem. Als würde das die ganze Welt interessieren. Mich heute nicht.

Für Roman war es neu und schon wieder fing sie an. Peinlich.

*-*-*

„Einfach cool deine Freundin Daniela!“

Ich bog blinkte und bog rechts ab. Auch der Samstag war rum und es kam eine weitere Nacht in der ich mit Roman ein Bett teilen musste. Mir war es gleichgültig. Gefühle gab es ja keine. Er schlief auf seiner Seite. Ich auf meiner. So schliefen wir friedlich ein.

Es war schon ein ereignisreicher Tag und so hatte ich einen unruhigen Schlaf. Ich dachte zurück an Manuel und sein Verhalten gegenüber Roman. Aber vielleicht deutete ich alles falsch?

Immerhin hatte er beim Abschied dieses Lächeln auf den Lippen. Dieses Lächeln konnte ich nicht interpretieren. War es ein –ich-werde-ihn-bald-verlieren Lächeln? Ein aufgezwungenes, dass ich nichts merke oder war es ein Lächeln als Ausdruck der Freude, dass ich am Sonntagabend wenn Roman heimfuhr bei ihm auftauchen würde.

Und dann war da noch Daniela. Warum war sie so vertraut mit Roman? Der fand ihren Humor auch noch toll. So toll, dass die beiden E-Mail-Adressen tauschten. Toll. War das nun meine Eifersucht?

Meine beste Freundin sucht Kontakt zu einem noch-nicht-ganz-Freund? Eifersucht war schon was für sich. Jetzt spürte ich so etwas in mir – nicht nur in mir die Gedanken. Ich spürte eine Hand auf meinem Oberschenkel.

Ich blieb ruhig liegen. Ich versuchte mich nicht zu bewegen. Ich wusste nicht was mit mir geschah. Im Bett lag ich spärlich begleitet. Nur eine Short hatte ich an. Allein dieser Anblick hätte Manuel sicher an die Decke gehen lassen. Zwei Männer in einem Bett – halbnackt.

Noch immer blieb ich ruhig liegen. Ich war verkrampft. Eine Stimme in mir bat mich locker zu bleiben. Es würde nichts Schlimmes passieren. Die Hand wanderte weiter nach ob und als sie den Rand meiner Shorts n den Beinen berührte zuckte ich.

Ich hatte eine Gänsehaut. Die Hand strich zart über meine Oberschenkel, entlang am Rand der Stoff-Unterwäsche. Die Hand bewegte sich immer mehr in Richtung meines schon sehr schwitzigen Schwanzes. Ich war nervös. Auch irgendwie geil.

Es machte mir irgendwann gar nichts mehr aus, dass die Hand – scheinbar absichtlich – jeden Zentimeter meiner Unterhose erforschte, außer die Hauptstelle nur entfernt zu berühren. Ich spürte wie meine Schwanz steig war und schon fast über den Rand der Hose hinaus lugte. Doch die Hand dachte nicht daran ihn zu packen.

Ich war ungeduldig. In Trance. Ich fühlte mich wohl mit dieser Hand in der Hose. Sie sollte mich endlich ganz anfassen. Es gab immerhin genug was sie weiter erforschen konnte. Da, die Fingerkuppen berührten meine Eier.

Ich zuckte kurz. Es schien unbeabsichtigt sein. Aber das nahm die Hand nun zum Anlass ihre Forschungen zu erweitern. Die Finger kitzelten meine weiche Haut am Hodensack. Immer wieder zuckte ich.

So viel Zärtlichkeit. Die Hand streichelte gekonnt nur die Eier. Das Umland war längst vergessen und der große „Turm“, der lang Ludwig, als Ziel vor Augen. Aber er sollte nicht berührt werden.

Es kam mir vor wie ewige Zeiten, in der mich die Finger nur dort berührten. Nur langsam bewegten sie sich höher und weiter in Richtung Ständer. Den spürte ich fast gar nicht. Ich war nur auf diese Finger und die Gefühle fixiert.

Mein Gefühl schien sich auf wenige Zentimeter meines Körpers zu beschränken. Alles andere war unwichtig, tot. Die Finger kraulten die Eier deutlich fester. Das spürte ich nun deutlich. Es war ein unsagbar tolles Gefühl.

Die Hand umfasste meine Eier und drückte diese. Ich stöhnte kurz auf. Was war das? Das feste Kneten hörte wieder auf und die Hand krabbelte gen Norden. Der Turm sollte erklommen werden.

Wie eine Brücke lag er zwischen meinen schweißigen Oberschenkeln und dem Bauchnabel. Die Hand packte plötzlich fest zu und umschloss meinen Schwanz. Wow. Die Hand wusste mit meinem Schwanz umzugehen. Ganz vertraut.

Ich stöhnte. Die Hand begann langsam meinen Schwanz zu massieren. Ich rekelte mich in diesem Gefühl. Die Hand ließ wieder ab und streichelte meine Eichel. Es pochte. Wow. Irgendwas rammte mir plötzlich in die Seite.

„Mach weiter!“ forderte ich.

Wieder der Stoß in die Seite.

„Weiter!“ bettelte ich.

Stoß.

„Komm!“

„Hey!“

Erschrocken öffnete ich die Augen.

„Ja?“

„Ich wollte pennen.“

„Ja aber…“, sagte ich irritiert.

„Musst deinen Manuel wohl sehr liebe,“ bemerkte Roman.

„Du hast gestöhnt und… na ja… ständig seinen Namen gesagt.“

Ich merkte plötzlich, dass ich aus einem Traum gerissen wurde. Mit meiner Hand fuhr ich unter der Decke hervor. Ich hatte mich im Schlaf gewichst und von Manu geträumt? Hatte Roman das gemerkt? Wie lang war er schon wach?

„Und jetzt schlaf!“ forderte mich Roman auf.

Ich nickte.

 

„Und nicht wieder im Schlaf schwätzen.“

Ich drehte mich zu ihm um und schaute ihn fragend an.

„Ja du hast voll im Schlaf geredet.“

„Was denn?“

„Das willst du gar nicht wissen. Muss ja bei eich Zwei voll abgehen im Bett. Wenn ich nach dem gehe was du so geschwätzt hast. Es waren ja nur ständig Wortfetzen und Stöhnen…“

Ich schüttelte irritiert den Kopf.

Nach einigen Sekunden drehte ich mich wieder um zu Roman und erwiderte: „Komisch, ich dachte es wäre umgekehrt gewesen und du hast im Schlaf geredet…“

Roman lachte auf: „Ich schwätz nicht im Schlaf!“

„Und hast dich gut erholt von mir und Darmstadt?“

Ich hörte Roman durchs Telefon lachen.

„Ja sicher. Wäre auch noch gern länger geblieben, aber Baden braucht mich ja auch wieder. Außerdem ein Badener hält es nie lang in der Ferne aus.“

„Tja dafür bist jetzt wieder in deinem Alltag.“

„Ja dem konnte ich bei dir ganz gut entfliehen. Dafür bin ich dir sehr dankbar.“

„Musst du nicht. Ist doch Ehrensache.“

„Na ja das würde wohl nicht jeder für einen Freund tun oder?“ lobte mich Roman stolz.

„Vielleicht.“

„Darf ich das überhaupt?“

„Was denn?“ fragte ich verwirrt.

„Dich einen Freund nennen?“

Ich lachte.

„Klar darfst du das. Aber nur unter einer Voraussetzung!“

„Und die wäre?“ fragte Roman nun irritiert.

„Was für dich gilt, gilt auch für mich.“

„Willst du mich etwa besuchen kommen?“

„Das sowieso auch mal. Aber wenn du mich einen Freund nennen darfst dann möchte ich das auch von dir behaupten.“

„Ach so!“

„Nein im Ernst jetzt. Ich war froh, dass du da warst. Und mit dir kann ich gut Reden. Das hab ich am Sonntag gemerkt.“

„Na ja wir haben ja nur auf der Couch abgehangen und was blieb da als uns gegenseitig unser Leben offen zu legen?“

„Ja langweilig war es nie. Auch wenn wir nur auf der Couch hingen. Es war interessant mehr über dich zu erfahren. Alles über dich und deinen Ex. Ich habe mich in dich hineinversetzt. Ich stelle es mir hart vor wenn so etwas zu Ende geht. Man hat sich ewige Liebe geschworen und plötzlich kommt da so ein Punkt, da geht es nicht mehr. Und der andere hat weder die Kraft, noch den Willen es fortzusetzen. Wenn ich Liebe schwöre, dann versuch ich doch alles zu geben. Und nicht gleich abzuhauen, nur aus Schiss, dass es vielleicht nicht funktionieren würde das Zusammenwohnen. Flüchten oder das festzustellen – dafür wäre auch nach dem Versuch des Zusammenlebens Zeit gewesen.“

„Du hast mir nie erzählt warum du nicht mit Manu zusammen wohnst.“

„Ich weiß es nicht. Ich liebe sicher meine Freiheiten.“

„Ich könnte das nicht. Ich bräuchte meinen Freund bei mir. Freiheiten?“

„Na ja nicht in dem Sinn, dass wir eine offene Beziehung hätten. Eben das tun und lassen was man möchte.“

„Diese Begründung bekam ich auch von meinem Ex. Urplötzlich. Vor was habt ihr alle Schiss?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht hast du ja recht und ich sollte es probieren mit Manuel. Ab und zu lieg ich schon in meinem Bett und denke darüber nach warum ich es nicht einfach tue.“

„Was sagt Manu dazu? Immerhin gehören zu einer Beziehung und auch zum Zusammenziehen zwei!“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie?“

„Ich glaube er sieht es ähnlich.“

„Ihr seid mir zwei. Sehr ihr euch echt nur am Wochenende?“

„Meistens. Bin aber auch sehr froh ihn zu sehen. Ich hatte ne Phase da habe ich an der Liebe zu ihm gezweifelt. Es waren lange Wochen. Ich habe ihn vermisst und wenn ich ihn sah am Wochenende. Na ja da war jeder Zauber weg.“

„Und kaum warst wieder allein wolltest zurück?“

„Ja klassische Sehnsucht eben. Aber etwas anders. Aber heute bin ich mir meiner Liebe so sicher.“

„Hättest du auch sonst solche Träume!“ lachte Roman.

„Wie meinst du?“

„Du hast voll oft seinen Namen gesagt. Ich war voll neidisch. Ich wünschte ich hätte auch eine solche Beziehung wie du.“

„Beziehungen sind nicht immer leicht.“

„Ja und solo ist leichter? Denkst du das?“

„Hab ich schon ab und zu gedacht.“

„Was denkst du ist besser am Solo sein?“

„Nun man hätte seine Freiheiten. Man könnte viele Männer kennen lernen und mit ihnen schlafen. Erfahrungen sammeln. Man kann tun und lassen was man will und wann man es will. Niemand kontrolliert dich.“

„Gegenargumente: Geborgenheit, den Partner immer besser kennen lernen, jemanden haben der einfach nur da ist…“

„Ich weiß. Ich möchte auch nicht solo sein. Davor habe ich Angst.“

„Warum?“

„Einsamkeit. Ich bin kein Flittchen. Ich denke meine Freiheiten könnte ich nie so ausleben wie erwähnt. Nie würde ich mit allen möglichen Jungs pennen wollen.“

„Ja Flittchen ist nicht…“

„Denkst du, du wirst zur männlichen Schlampe?“

„Nein ich will wieder einen Freund.“

„Ja aber nicht zwanghaft suchen!“

„Nein, nein mach ich nicht. Ich lass alles auf mich zukommen.“

„Flexibel, hm?“ Ich grinste.

„Sau!“

„Was denn?“

„Ich denke sicher nicht immer nur an Sex. Es ist was Schönes. Aber nicht alles.“

„Und denkst du noch an ihn?“

„Meinen Ex?“

„Ja.“

„Ehrlich gesagt, seit ich dich kenne und ich bei dir war hab ich ihn so gut wie vergessen. Ich wiederhole mich sicher.“

„Nein ich könnte dir ewig zuhören. Find es interessant.“

„Weißt du wie lange wir schon wieder telefonieren?“

Ich schaute auf das Display des Handys und las ab: eine Stunde 59 Minuten.

„Schon verblüffend oder?“

„Ja finde ich auch…“

Roman hatte mir ja schon oft gesagt, dass er mit seinen Freundinnen nicht so offen über schwule Gefühle und sein schwules Leben reden konnte. Auf seine Beziehung zu seinem Ex sind sie kaum eingegangen.

Auch für sie war es etwas Neues. Irgendwann ist es immer das erste Mal – einen Schwulen im Freundeskreis zu haben. Aber jetzt hatte er ja mich dafür. Mit mir sollte er über alles reden können und ich mit ihm auch.

Na ja vielleicht nicht über jedes sexuelle Detail. Dazu war Manu da – und Dani natürlich – die, die kein Blatt vor den Mund nahm zu diesem Thema. Freunde sind schon was tolles. Da waren es jetzt Zwei.

Ich wählte sie so gerne die 14 07 33. Wir hatten uns immer viel zu erzählen. Wir telefonierten fast täglich. Mal rief er an, dann wieder ich. Und immer hatten wir uns lange zu erzählen.

„Geh doch endlich mal ran ans Telefon. Oh Mann ich brauch dich.“*

Anrufbeantworter.

„Du musst immer für mich da sein!“

Anrufbeantworter. Zurückrufen.

„Häng dich an den Apparat!“*

„Einmal ruft man an und keiner zuhause.“

Ruf mich an – Ich ruf ja schon zurück.

14 07 33

Es klingelt. Ring, Ring, Ring.* Wir machten Späße ohne Ende – so vergasen wir unseren Alltag. Wir redeten Ernst – über Gefühle und Träume,… Beruf, Freunde, Liebe, Sex. Er bekam meine Zeit. Bedingungslos.

„Du weißt doch – ich brauch dich!“

„Hey, aus und vorbei – schleim hier nicht rum!“

Spaß. Alltag. Freundschaft. Eine Telefon-Freundschaft.

14 07 33

„Immer der Anrufbeantworter. Wartest etwa immer ab wer dich anruft?“

„Ja servus und grüzi miteinand. Samma dann dahoam? Hallo? I bins?“

„Geh aus der Leitung … Dani!“

„Oh freihalten für Roman-Schatzi, hm?“

„Hey!“

Ring Ring Ring.*

“Hallo Christian, ja … wo schtescht dann du de ganze Tag?”

* Zitat, ABBA, “Ring Ring Ring (German Version)”

Grins. Anrufbeantworter…

„Hallo… wo steckscht du dennn wieder. Du musst immer für mich da sein… Ciao ciao… Roman!“

Der Mann. Liebt wohl meinen AB.

14 07 33

„Hey, Chris, geh ans Telefon! Kann doch nid sein, dass du jetzt schon schläfst. Oder willst nich mit mir phonen? Chiao!“

Klar wollte ich das.

Ring Ring Ring…*

“Ich bin ganz allein zuhause. Das hält doch keiner aus. Häng dich an den Apperat!* Du weißt ja… 14 07 33!“

Ich wusste.

Mittlerweile hatte Roman meinen Anrufbeantworter erobert. War ihm langweilig? Er rief auch immer an wenn ich nicht da war oder längst Bettzeit war. Wir wurden immer lockerer im Umgang.

„Du würdest nicht mal wegen zwei Minuten noch ans Telefon gehen… Ich mach dich fertig, Alter!“

14 07 33

„Hey ich hab Frühdienst!“

„Ja und ich nicht!“

„Schön für dich, Nervensäge.“

„Ich…“

„Leg auuuuf…“ lachte ich…

Ring Ring Ring*… Das Telefon …

„Du hast mir aber schon lange nicht mehr auf den AB gesprochen …“

„Der ist scheinbar voll, weiß ja nicht wer das Ding so volllabert…“

Wir beide mussten herzlich lachen.

Eine Freundschaft war geboren.

* Zitat, ABBA, “Ring Ring Ring (German Version)”

Heute war es wieder soweit. Ein Familienfest. Meine Tante hatte Geburtstag. Ich saß am Tisch und packte ihr Geschenk ein. Was sollte man einer 45-jährigen schenken? Etwas Besseres als eine Flasche Wein und Pralinen fiel mir nicht ein. Wie unkreativ.

Die Woche war sehr ruhig. Ich hatte weder von Manu viel gehört – der war auf einem Seminar – auch von Roman kaum Lebenszeichen. Schlich sich in diese Freundschaft schon der Alltag ein… Na ja sicher hatte er nur keine Zeit.

Ich legte mein Geschenk in einen Korb und beschloss kurz Manu anzurufen. Wie immer nicht erreichbar der Herr. Na ja was soll es. Ich beschloss nach unten zu gehen. Mein Vater würde fahren.

„Wie ihr fahrt erst später?“

„Ja dein Vater will diese Sportsendung noch schauen.“

Wunderbar. Sport.

„Ich fahre schon vor. Ich will hier nicht abhängen.“

„Okay, Sohn, bis später.“

„Okay.“

Ich setzte mich in mein Auto und startete. Es war nicht all zu weit. Ich musste lediglich nach Dieburg fahren. Meine Tante, mein Onkel und mein Cousin lebten etwas ab auf einer kleinen… Landvilla… ich wusste nicht wie ich es sonst beschreiben sollte. Kurz nach der Fasanerie und dem Oberwaldhaus bog ich nach rechts ab.

Mein Handy klingelte. Ich stellte den Motor ab und schaute auf das Display. Es war Manuel. Ich ging ran.

„Hi Manu, na wie geht es dir?“ fragte ich.

„Chris!“

„Was?“

„Ich wollte mit dir reden. Hast du Zeit?“

„Ich bin grade in Dieburg. Auf dem Weg zu meiner Tante.

„Ach so.“

„Geht es dir nicht gut?“

„Doch sehr gut. Aber…“

„Aber was?“

Mir wurde komisch. Seine Stimme gefiel mir nicht.

„Dir vielleicht gleich nicht mehr.“

„Hä?“ Ich verstand nichts.

„Mann, ich weiß doch auch nicht wie ich es anfangen soll.“

„Du kannst mir alles sagen.“

„Das ist vielleicht das letzte was ich dir sage…“

„Was?“

Er hielt mich hin.

„Ich…“

Er stotterte.

„Erzähl…“

Angst machte sich in mir breit.

„Als Roman dich vor etwa 6 Wochen zum ersten Mal besuchte…“

„Ja?“

„Ich wurde zerfressen von Eifersucht, das weißt du?“

„Ja, aber ich konnte es ja letztendlich verstehen.“

„Ja… aber…“

„Jetzt stottere hier nicht rum. Du machst mir Angst.“

 

Ich zitterte.

„Na ja ich fühlte mich unwohl, dass ein anderer bei dir im Bett lag, da wo sonst nur ich lag – neben dir.“

„Weiter…“

„Ich wollte mit dir gleichziehen…“

„Hä?“

„Na ja an dem Samstag als ihr da wart… da habe ich mir auch jemanden eingeladen… nur zum Übernachten…“

nd?“

„Weielt es nicht aus so nackt neben einem geilen Körper zu liege. Ich konnte nicht widerstehen… Ich…“

„Du hast mich betrogen…“

„Ja.“

Tränen kullerten meine Wangen hinunter. Ich wusste gar nichts mehr.

„Aber nicht nur das!“

„Ist das nicht schon schlimm genug?“

„Du haen schossen aus beiden Augen. Es schmerzte. Ich legte auf. Ich konnte nicht mehr reden. Meine Stimme war tränenerstickt. Das Handy klingelte erneut. Manuel. Ich nahm nicht ab.

War das etwa die Endstation? Wir hatten unsere schöne Zeit? Ist es jetzt am Ende doch soweit?*

* Zitat, ABBA, “Wer im Wartesaal der Liebe steht”

Unser Liebeshimmel war wolkenlos.* Strahlende Sonne. Gelogen… ab und zu gab es Wolken… dunkle Wolken… aber… Ich liebte ihn…

Und du… lässt mich nun allein . Nun stürzt der Himmel endgültig ein.

„Wer im Wartesaal der Liebe steht weiß, dass es um alles geht…“* fiel mir eine Textzeile von ABBA ein…

Merkte ich nichts davon? Hab ich mich denn so geirrt? Hatte ich verloren? Hatte ich alles übersehen?

Alles wird sich vielleicht zum Guten wenden?*

SMS:

„Mach es gut Christian. Ich habe dich geliebt. Wirklich. Aber nun liebe ich dich nicht mehr… Es tut mir Leid… Ich gehe einen neuen Weg.“

Tränen. Wieder klingelte das Handy. Es war Roman. Sollte ich rangehen. Mir war nicht danach. Aber ich musste mit jemanden reden. Es ging mir so schlecht wie noch nie im Leben. Ich fühlte gar nichts mehr. Meine Augen brannten.

„Ja“, sagte ich kurz.

„Chris?“

„Ja“, sagte ich verheult.

„Was ist denn los?“

Ich fand keine Worte.

„Hallo?“

Schweigen. Diese Blockade im Hals. Unkontrolliertes Weinen. Schluchzen.

„Chris? Sag was.“

Ich konnte

„Mache mir Sorgen um dich.“

 

„Ich… ich kann nicht…“

 

„Warum?“

 

„Er…“

 

„Er?“ Wer?“

 

„Manu“, sagte ich nach einer kurzen Tränenpause.

 

„Ist ihm was passiert?“

 

Ich schluchzte wieder: „Ja vielleicht das tollste was einem Menschen passieren kann.“

 

„Hä?“

 

„Er…“

 

Ich stockte. Ich konnte mich und meine Gefühlsausbrüche längst nicht mehr kontrollieren…

 

„Jetzt rede!“

 

„Das ist leicht gesagt.“

 

Schweigen.

 

„Weißt du noch bei dir und deinem Ex… weißt du wie es dir da ging als er Schluss machte?“ verfiel ich plötzlich wieder in Rededrang und wischte die Tränen mit meinem Pulli weg. Die Baumwolle saugte die salzige Flüssigkeit in sich auf. Roman verstand nicht.

 

„Ja weiß ich. Aber was hat das jetzt damit zu tun?“

 

Ich schluchzte wieder: „Jetzt weißt du wie es mir geht!“

 

„Was?“

 

Er schien zu verstehen.

 

„Über vier Jahre. Und jetzt Ende.“

 

„Warum?“

 

„Er hat einen anderen. Er hat sich verliebt.“

 

„Wann?“

 

„Innerhalb der letzten Wochen.“

 

„Arsch.“

 

„Das bringt jetzt auch nichts. Er ist weg… aber er war ehrlich.“

 

Ich weinte unaufhörlich. Konnte ein Mensch so viele Tränen weinen?

 

„Toll. Du hasst ihn nicht?“

 

„Auch wenn du es nicht verstehst, aber ich kann ihn nicht hassen. Ich liebe ihn noch immer. Es tut nur verdammt weh.“

 

„Möchtest du mit ihm reden?“

 

„Nein. Ich bin nicht mehr der Mann an seiner Seite.“

 

„Du Cris, vielleicht ist das jetzt unangebracht… aber…“

 

„Ach ja du wolltest sicher was von mir. Warum rufst sonst an. Ich will dich nicht mit meinen Problemen belästigen.“

 

Roman war leicht sauer: „Hey hör mal dir geht es nicht gut. Und du belästigst mich nicht. Nein ich wollte dir was vorschlagen.“

 

„Was denn?“ Seine Stimme schien mich etwas zu beruhigen…

 

„Na ja…“

 

„Jetzt red du aber!“

 

„Ja weißt du… Ich erinnere mich noch was du in der Situation damals bei mir getan hast…“

 

„Ja, was denn?“

 

„Ich würde dich gerne trösten… für dich da sein… Komm zu mir und auch ich lenke dich ab.“

 

Ich war überrascht. Schluchzen stellte sich wieder ein. Tränen.

 

„Ich bin nicht mehr der Mann an seiner Seite.“

 

*-*-*

 

Staufrei. Die Autobahn war fast leer und das an einem Freitagnachmittag. Ich war zwar müde und erschöpft nach meinem langen Frühdienst. Aber ich wollte vor der Einsamkeit flüchten. Ich war auf dem Weg zu Roman.

Ich folgte seiner Einladung. Vielleicht war s ja tatsächlich das Beste. Mal raus aus dem Alltag. Vielleicht wenn ich bei ihm war konnte ich auch abschalten und Manuel vergessen. Wenigstes für eine gewisse Zeit.

Vier Jahre vergessen. Vergiss es, Christian, sagte ich zu mir selbst. Ich konnte noch nicht einmal mehr weinen. Ich war ausgetrocknet. Es ging immer geradeaus. Die Autobahn zog sich. Keine Abwechslung. Immer nur geradeaus.

War meine Liebe, meine Beziehung zu Manu auch so? Keine Abwechslung. Immer geradeaus. War ich Schuld an dieser Trennung? Vielleicht habe ich mich zuwenig um ihn gekümmert und er hat sich deshalb in die Arme eines anderen treiben lassen.

Ich würde das nicht können. Ich war allein und so sollte es auch erst mal bleiben. Mein Leben – das wollte ich jetzt sortieren – neue Prioritäten setzten. Eingefahrenes ändern. Manuel wollte ich nie mehr sehn.

Für gewisse Momente gelang es mir weniger an ihn zu denken. Es reichte nur Gedanke, dass er jetzt jemand anderem seine Liebe schwor. Das saß tief in mir. Ich blickte auf Romans Wegbeschreibung, welche ich ausgedruckt hatte und auf meinem Fahrersitz platziert hatte.

Die nächste Abfahrt musste ich wohl runter. Den Weg kannte ich ja schon – Europa-Park – aber ich wollte mich absichern. Den Park nahm ich gar nicht so war. Wegen ihm war ich ja nicht hier – nicht diesmal.

Romans Wohnung in Rust war leicht zu finden. Mittlerweile war es auch schon dunkel geworden. Ich freute mich gleich endlich da zu sein. Ich stellte mein Auto auf der Straße ab und ging zu Hausnummer 23. Dort las ich schon Romans Namen.

Ich war stolz auf mich – denn Christian und Wegbeschreibungen. Grins. Roman öffnete mir die Tür. Er umarmte mich freudig und lange und bat mich hereinzukommen.

 

„Wie geht es dir?“ fragte er.

 

„Später.“

 

Roman verstand und bat mich in die Küche. Ich schaute mich um in seiner schönen schnuckeligen Wohnung.

 

„Alles noch etwas kahl, hm?“

 

„Ja. Aber nach und nach wird sich das ändern. So muss ich dich schon nicht großartig herumführen.“

 

Ich schaute mich um und sagte: „Ja ein Bett… ein großer Schrank, Tisch, 4 Stühle… Küche…“

 

„Ja und Badezimmer.“

 

„Auch so kahl?“

 

„Nö!“

 

Ich lächelte. Ich fühlte mich schon wohl…

 

„Lass uns erst mal essen. Hab für dich gekocht… Kartoffeln, Spargel, Sauce Hollandaise.“

 

„Lecker…“

 

Am nächsten Tag fand ich mich mitten in Partyvorbereitungen. Ich war mitten in Romans Leben. Nicht bevorzugt. Einfach mitten drin. Ich nahm teil daran und ich ließ es geschehen. Jede Aufgabe war mir recht.

 

„So und jetzt gib mir die Pappteller.“

 

Ich nickte und tat was er verlangte.

 

„Sorry, Christian, aber ich konnte das hier nicht mehr abwenden. Freue mich aber über deinen Spontanbesuch sehr.“

 

Was denn? Hey du hast diese Party mit deinen Freunden geplant. Dann findet sie auch statt. Ich bin da nicht der Hinderungsgrund. Bin doch kein Langweiler. Bin froh um jede Ablenkung.

Während wir werkelten und eine Art Buffet aufbauten in Romans Wohnzimmer – wenn man es bereits so nennen konnte. Bisher stand dort nur ein Tisch mit Stühlen. Heute etwas mehr Stühle, da ja seine Freunde kamen.

 

„Wie geht es dir denn nun?“

 

„Irgendwie besser.“

 

„Echt?“

 

„Ja es ist der Roman-Effekt.“

 

„Der was?“

 

„Na bei dir war es ja genauso. Bei mir fühltest dich auch schnell durch meinen Alltag und Ablenkung besser.“

 

„Ja da war es aber der Chris-Effekt.“

 

 

Ich lachte.

 

„Im Ernst. Es geht mir sehr gut. Ich bin selbst verblüfft. Ich werfe die vier Jahre ja nicht weg. Aber ich mache jetzt mal eine Trauerpause.“

 

„Interessante Bezeichnung.“

 

„Ja hättest du es lieber wenn ich hier heule?“

 

„Du kannst deinen Gefühlen freien Lauf lassen. Spiel mir bloß nichts vor.“

 

„Das tue ich nicht. Freien Lauf hatte ich letzte Woche genug. Hast es ja mitbekommen. Hab nur noch geheult.“

 

„Hat er sich noch mal gemeldet?“

 

„Nein!“

 

Die ersten Gäste kamen. Es klingelte. Mittlerweile war es 20 Uhr. Endlich würde ich auch Romans Freunde mal kennen lernen.

 

„Das werden Susanne und Melanie sein. Du weißt ja meine besten Freundinnen.“

 

Roman machte auf. Ich blieb an der Herdplatte um die Würstchen zu beobachten. Den Salat stellte ich auf den Tisch im Wohnzimmer.

 

„Hallo Mädels!“ begrüßte er die beiden.

 

„Hallo Roman-Schatz!“ sagten sie völlig freudig im Chor.

 

Die drei unterhielten sich an der Haustür. Ich bekam davon relativ wenig mit. Ich nahm nur immer wieder lachen war. Fröhlichkeit. Roman hatte mir die zwei ja beschrieben. Und so wie es sich anhörte waren sie wirklich pure Lebensfreude. Roman hatte es gut.

Die Drei liefen hintereinander in die Wohnung und Roman stellte mir die Zwei vor.

 

„Freut mich euch endlich kennen zu lernen.“

 

„Uns auch.“

 

„Roman hat ja schon viel von euch erzählt.“

 

Beide schauten vorwurfsvoll auf Roman und sagten wieder fast im Chor in ihrem Dialekt: „Ja, ja was der schwätzt. Lass den nur.“

 

Beide folgten Roman in die Küche. Ich kam mir jetzt wieder etwas allein vor. Keine Ahnung was ich mit den Zwei bereden sollte. Alles war noch so fremd und ich schüchtern.

 

„Willst ein Bier, Chris?“ kam es von Roman aus der Küche.

 

„Ja gern!“

 

Roman brachte es mir und stieß mit mir an.

 

„Schön, dass du da bist!“

 

Wieder klingelte es. Eine ganze Horde Männer stürmte die Tür herein. Sie schnappten sich Roman und wippten ihn grölend auf ihren Händen.

 

„Das sind die Heten… nicht zu überhörn“, schrie Roman beim wilden hin und her wippen.

Raunen unter den fünf Kerlen.

 

Sie ließen Roman zu Boden sinken und setzten ihn dort am… fast sanft.

 

„Hey Scheiße jetzt hab ich mein Bier verschüttet auf meinem Hemd.“

 

Alle fünf lachten. Die Mädels gesellten sich dazu und nippten auch an ihren Bieren. Die Kerle ließen sich gar nicht erst fragen. Sie bahnten sich den Weg zum Bierkasten und schnappten sich jeweils eine Flasche. Sie öffneten sie mit ihren Feuerzeugen.

 

„Wo ist was zum Beißen? Roman schwing deine Tuckenhüfte und schlepp Fleisch bei“, sagte einer frech.

 

Roman gehorchte und griff nach dem Top mit den Würstchen. Er stellte ihn auf einen Untersetzter im Wohnzimmer und rief: „Greift zu. Teller stehen hier. Besteck… na ja das braucht ihr eh nicht.“

 

„Ist was für Frauen und…“

 

Er sprach nicht weiter.

 

Der Abend wurde recht heiter. Alle waren fröhlich und sehr heiter durch das Bier. Ich fühlte mich fremd. Ich beobachtet das ganze Geschehen. Ich nahm nur Fetzten von Unterhaltungen war.

Wer was sagte entging mir fast. Die Namen konnte ich mir eh nicht behalten. Außer von den zwei Mädels. Doch die unterhielten sich eher für sich.

 

„Hey, Roman die ganze Wurst ist leer. Scheiße!“ grummelte einer der Typen besoffen.

 

„Das ist nur gut für deinen Bauch. Iß Salat“, entgegnete Roman.

 

„Grünzeug. Bäh.“

 

„Ja du bist ein echter Mann!“

 

Der hob seinen Ärmel und zeigte seine Muskeln. Roman hob den Daumen.

 

„Spitze!“

 

Roman setzte sich zu mir….

 

„Und fühlst dich wohl?“

 

„Na ja…“

 

Ich wusste keine Antwort.

 

„Ja das sind Rüpel, aber wie gesagt ich konnte es nicht mehr abblasen!“

 

Kommentar aus der Menge: „Wer kriegt einen geblasen?“

 

Roman drehte sich um: „Kümmer dich um dein Bier. Du kriegst bestimmt keinen geblasen.“

 

„Pf… Denkst de…“ Der Typ fummelte in Susannes Haaren herum.

 

Die fluchte: „Pfoten weg. Scheiß besoffene Kerle!“

 

Roman schüttelte den Kopf. Ich fand das interessant. Normal fühlte ich mich bei Heten sehr unwohl. Wenn die echt alle so waren. Aber hier war ich nicht alleine. Scheinbar waren alle etwas genervt von den Fünf.

Die soffen sich nur die Birne zu und redeten über Ihre Weiber und Sport… Ihren Job. Wie interessant. Aber wenigstens waren sie jetzt für sich. Es bildeten sich zwei Grüppchen. Die fünf Kerle.

Ich und Roman und Susanne und Melanie rückten jetzt auch eher zu uns. Wir unterhielten uns doch noch ganz gut. Es war schon Mitternacht durch und ich nippte an meinem fünften Bier. Die Kerle saßen mittlerweile müde vor der Schlafzimmertür.

Kaum einer redete mehr. Sie hielten sich nur an ihren Flaschen fest. Der Kasten war leer.

 

„Du, Roman,“ sagte ich.

 

„Ja?“

 

„Irgendwie werde ich müde.“

 

„Echt? Verblüffend ich bin noch immer hellwach. Ich bin ein Nachtmensch.“

 

Ich lächelte.

 

„Außerdem bin ich irgendwie beschwippst.“

 

„Ja das bin ich auch.“

 

„Wir auch,“ mischten sich Melanie und Susanne ein.

 

„Ich geh mal ins Bad und mach mich bettfertig.“

 

„Ok.“

 

Ich stieg über die Männerleichen auf dem Boden hinweg und stolperte ins Bad. Ich verschloss die Tür und sah mich im Spiegel an. Man sah ich fertig aus. Dicke, glasige Augen. Irgendwie bleich und Augenringe. Ich nahm mir vor mich nicht mehr anzuschauen.

Ich zog mein T-Shirt aus und meine Hose und legte sie im Bad ab. Dann putzte ich die Zähne, ging ein letztes Mal auf die Toilette und tappte wieder hinaus ins Wohnzimmer.

 

„Uuuuh…“ Roman schaute mich von oben bis unten an.

 

Melanie: „Bist ja halb nackt.“

 

Ups… war das etwa ein Problem? Ich war verunsichert. Warum verhielt ich mich als wäre ich alleine? Stehe ich doch tatsächlich in Boxershorts mitten im Raum.

 

„Äh sorry. Ich geh dann mal. Bin müde. Gute Nacht.“

 

Roman folgte mir. Ich ging voraus und stieg wieder über die besoffenen Kerle. Die Schlafzimmertür war offen. Wir betraten nacheinander den Raum. Einer der Fünf pfiff… oder er versuchte es: „Oh, jetzt kommt der interessante teil. Jetzt wird geblasen!“

 

Roman drehte sich um schlug die Tür zu und fluchte.

 

„Die können nicht die Schnauze halten.“

 

„Was meinst du?“

 

„Na ja nur weil sie notgeil sind heißt das noch lange nicht, dass ich hier mit meinen Freunden poppen. Die sollen mal nicht von sich auf andere schließen!“

 

„Reg dich doch nicht auf!“

 

Ich legte mich auf di linke Seite des Bettes und deckte mich zu. Roman setzte sich zu mir. Er redete aber nichts. Ihm fiel wohl gerade auch nichts ein.

 

Ich nahm seine Hand und sagte nur noch: „Ich penn glaub ich gleich weg. Geh du noch ein bisschen zu deinen Gästen.“

 

Roman nickte. Er erhob sich und öffnete die Tür. Das Licht löschte er. Ein letztes Mal schaute er zurück zu mir.

 

„Bitte lass einen Spalt offen. Sonst fühl ich mich hier so einsam…“

 

Roman nickte und tat was ich ihm sagte. Er verschwand wieder im Wohnzimmer. Entfernt hörte ich Stimmen. Sie kamen mit der Zeit näher. Jetzt schienen alle am Eingang des Schlafzimmers zu sitzen.

Ich konnte die Gespräche hören. Wenigstens das meiste.

 

Roman: „Ich glaube ich werde auch müde.“

 

Melanie: „Ja irgendwie… Wir haben unsere Schlafsäcke noch unten im Auto!“

 

Susanne: „Na dann holen wir die mal.“

 

Melanie: „Die Männer lassen wir einfach pennen.“

 

Roman: „Gute Idee.“

 

Kurze Zeit Ruhe. Dann merkte ich dass Roman ganz nah an der Tür war.

 

Etwas lauter sagte er: „Hey hört mal nur weil wir beide schwul sind heißt das nicht, dass wir jetzt da drin fummeln.“

 

Schweigen.

 

Roman: „Er ist mein… irgendwie mein bester Freund.“

 

Wieder Schweigen.

 

„Ich will es mit ihm nicht versauen. Habe ihn sehr gern. Gute Nacht.“

 

Die Zeit verging und es ging mir deutlich besser. Roman auf seine Distanz und Daniela in meiner Nähe gaben ihr bestes um mich abzulenken vom Ende meiner Beziehung. Sie versuchten mich nach der Arbeit, wo ich genug Ablenkung hatte, in Schach zu halten.

Was ihnen ganz gut gelang.

 

„Blonde Strähnchen? Echt?“

 

„Ja… Sieht geil aus!“ triumphierte Roman.

 

„Will ich sehen…“

 

„Komme ja bald wieder zu dir…“

 

Das war unser Pakt. Den einen Monat würde ich zu ihm fahren, den anderen würde er zu mir kommen. Immer im Wechsel. So konnte keiner drauflegen. Der, der besucht wurde kümmerte sich um die Verpflegung und um das Programm und der Besucher hatte nur den Einsatz des Benzins.

 

„Hi. Mal wieder Bock auf ne Runde Telefonterror?“

 

„Lieb dass du mich so oft anrufst.“

 

„Ich muss dich ja ablenken. Das ist ja mein Job als bester Freund!“

 

Ich spürte eine Glücksträne.

 

Die Zeit verrann weiter wie in einer Sanduhr. Aufstehen. Frühdienst schieben. Ausruhen und bisschen pennen. Mit Daniela Kaffee trinken gehen. Mit Mutter kochen und gemeinsam Essen. Mit Roman telefonieren. Schlafen.

Lang schlafen. Spätdienst. Telefonieren mit Roman. Essen. Ins Bett fallen. Einschlafen. Von Manu war nie mehr was gehört. Langsam interessierte es mich aber doch was ein Typ jetzt meine Stelle einnahm.

Böse Eifersucht traf mich wie ein Schlag. So ein einsamer Moment. Ich hasste diese kurzen Momente. Zeit der Tränen.

 

„Jetzt mach dich nicht fertig.“

 

„Ich muss aber wieder öfter an ihn denken!“

 

„Ich kann dich verstehen – mir ging es ja damals genauso… Es gab Momente in denen war er wie aus meinem Gedächtnis, dann wieder als wäre er ganz nah bei mir.“

 

„Das ist grausam. Ich dachte so was muss ich nicht mehr mitmachen. Dachte das ist für immer!“

 

„Für immer ist gar nix, Chris!“

 

„Ich weiß.“

 

„Tja und jetzt sind es schon fast zwei Monate, dass du solo bist!“

 

Ja so schnell verflog die Zeit. Aber Zeit heilte keine Wunden. Wer auch immer solche Gerüchte in die Welt setzt. Ich fühlte mich im Flug meines Lebens. Als würde ich weg fliegen von ihm und dann irgendwann kamen diese grausamen Luftlöcher wieder.

Der Sog, der mich nach unten ziehen wollte. Zurück in seine Arme. Doch die waren belegt.

 

„Chris, du bist nicht der letzte Mensch, dem das passiert!“ Daniela diskutierte mit mir.

 

„Oh wunderbar, danke fürs Verständnis!“

 

„Bitte, bitte, gern geschehen. Ihr Männer tut als wäre das das Ende aller Welt. Irgendwann musst du mal durch!“

 

Hatte sie Recht?

 

„Chris, zwei Monate, zweieinhalb? Verabrede dich, such dir einen Neuen. Häng aber bitte nicht so ab. Das ist er nicht wert.“

 

Nicht wert? So redeten alle über den Ex. Dann war er der Böse. War er das? Er wollte nur einen anderen Weg gehen – einen Weg ohne mich. Er war ehrlich. Er sagte mir, dass die Gefühle vorbei sind. Er hatte den Mut.

 

„Nimm ihn nicht immer in Schutz. Er ist nicht mehr dein Freund.“

 

Ja das wusste ich. Aber ich wollte das nicht zulassen… Um keinen Preis.

 

„Wirst du jetzt zur Kämpfernatur? Chris sieh ein es ist zwei Monate her. Er hat sich nicht mehr gemeldet…“

 

„Vielleicht ist er wieder solo und…“

 

„Er kommt zurück gekrochen? Also bitte Christan. Begrab diese verdammten Hoffnungen endlich… Er ist weg.“

 

Sie war verdammt hart. Immer wieder kostete mich das Tränen. Aber es half. Ich musste da wohl wirklich durch. Schmerz.

 

„Weg!“

 

Tränen.

 

„WEG!“

 

Immer wieder Tränen. Nie habe ich seine schönen Augen so groß vor mir gesehen wie jetzt. Sein strahlendes Lächeln. Seine Lippen die mich gleich küssen würden.

 

„Das ist ja nicht mit anzusehen, Chris,“ sagte Roman.

 

„Ich lasse mir was einfallen. Aber du musst da mal wieder raus. Das geht nicht so weiter…“

 

Nein? Ich wollte Danielas Rat befolgen. Nein ich musste. Ich brauchte Liebe… Nein viel eher brauchte ich Zärtlichkeit, Geborgenheit… Jemand der mich einfach drückt und in den Arm nimmt. Mir seine Wärme gibt.

 

Jemand der mich sanft küsst und mit mir einfach nur daliegt….

 

„Wie groß ist dein Schwanz?“ riss es mich aus diesen Gedanken.

 

Wie konnte der so etwas schreiben. Dreht sich alles nur um Sex?

 

„Hey Kleiner hier schon. Also willst jetzt ficken? Hast bestimmt einen geilen Arsch!“

 

GeilerHengst27FGD. Ich war nicht geil.

 

„Hey dann verschwend nicht meine Zeit!“

 

Privater Chat beendet. Gab es in diesem verdammten Chat nur solch Schwanzfixierte? Ich blätterte mich weiter durch und schaute mir die Namen und die Bilder an. Es war schon mitten in der Nacht… Ich schenkte mir ein Bier ein.

Anders war diese Einsamkeit nicht mehr zu ertragen.

 

„Ficken?“

 

Nein verdammt… Stand irgendetwas in meinem Profil, was die Kerle darauf schließen ließ? Nein. Zweites Bier. 12.500 User und alles Schweine? Drittes Bier… Kurz kam es mir, dass ich Manuel in diesem Chat kennen gelernt habe. Wieder diese Bilder. Vier Jahre die sich durch mein Gedächtnis spülten. Verdammt.

 

„Hi…“

 

Oh einer der mit einer Begrüßung anfing zum Auftakt. Nicht mit „Wie geht’s“ „Bock?“ „Geil?“ „Schwanzgröße?“ „Bist mobil?“ „Passiv?“…

 

„Hallo,“ schrieb ich.

 

DiggiDA250

 

„Bist du auch aus Darmstadt!“

 

Ich bejahte.

„Auch so einsam?“

 

Sprach der mir jetzt aus der Seele?

 

DiggiDA250: „Ich bin es in jedem Fall!“

 

„Warum?“

 

DiggiDA250: „Bin seit gestern wieder solo.“

 

„Na bei mir ist das schon etwas länger her…“

 

DiggiDA250: „Echt? Wann?“

 

„Na ja so etwa… fast drei Monate!“

 

DiggiDA250: „Wow und du hältst das aus, so ganz ohne Mann? Ich fühl mich jetzt schon so schwummerig!“

 

„Na ja ich war mit dem Kerl vier Jahre zusammen. Da ist alles etwas härter.“

 

DiggiDA250: „Denk ich mir… Jetzt bin ich irgendwie sprachlos. Weiß nix mehr zu sagen.“

Ich dagegen blühte auf, ich wurde schreibwütig. Das vierte Bier gab seinen Beitrag dazu. Ich stellte ihm viele Fragen. War endlich froh, dass da jemand war, der nicht gleich mit Sex anfing. Ich war beschwippst.

 

„Würde jetzt gern nackt neben dir liegen.“

 

Was schrieb ich da. Scheiße.

 

DiggiDA250: „Echt? Geil.“

 

Das mir machte mich jetzt irgendwie wuschig. Meine Fantasien drehten durch.

 

DiggiDA250: „Und dann?“ fragte er fordernd.

 

„Dann drück ich mich an dich. Will dich spüren. Bist bestimmt warm.“

 

DiggiDA250: „Eher nicht. Bin grad sehr heiß. Mir wird grad echt heiß.“

 

„So wie kommt das denn nur?“

 

DiggiDA250: „Na du machst mich irgendwie an.“

 

„Tu ich das ja? Wie macht sich das bemerkbar?“

 

Plötzlich kannte ich mich selbst nicht mehr. Ich spürte das Bier in mir und in meiner Hose einen Ständer.

 

DiggiDA250: „Ich hab da was in de Hose, das könnte dir sicher gefallen.“

 

„Tatsächlich. Wie…“

 

DiggiDA250: „Sprich es aus. Komm lass uns hier bisschen geil schreiben.“

 

Ich fand diesen Gedanken plötzlich gar nicht mehr so abwegig. Mein Schwanz forderte jetzt seine Aufmerksamkeit.

 

„Wie groß ist denn deiner?“ Wie war ich jetzt drauf im Alkoholrausch?

 

DiggiDA250: „18×5“ antwortete er kurz.

 

„Und was machst du gerade mit ihm?“

 

DiggiDA250: „Was wohl. Ich sitz hier und massier ihn schön gemütlich. Ich will mit dir spritzen.“

 

Spritzen? Gedanken schossen mir wieder durch den Kopf. Ich verfluchte mein Tun. Ich schaute auf mein Bier, dann auf meinen Schwanz der mich anschaute und nach einem Orgasmus flehte. Manuels Bild auf dem Schreibtisch. Ich klappte es um. Ich wollte ihn nicht ansehen.

 

DiggiDA250: „Bist du noch da?“

 

Ich war noch da. Aber ich hatte eine Blockade. Blut verließ meinen Schwanz. Alkohol stieg mir zu Kopf.

 

„Ich kann das nicht!“

 

„Dann verschwende nicht meine Zeit…“

 

Privater Chat beendet.

 

*-*-*

 

„Was machst du?” fragte ich.

 

„Was ist daran verwerflich?“ fragte Roman gegen.

 

„Ich dachte nicht… Das… Wie kannst du das? Ich habe da eine Blockade.“

 

„Na ja irgendwann schaltet man ab.“

 

Abschalten. Das hatte ich schon mal gehört. Daniela!

 

„Ich kann das nicht.“

 

„Irgendwann kannst auch du es, Christian.“

 

„Nein. Ich habe noch das Gefühl er sieht mir zu. Weißt du. Ich fühl mich dann wie fremdgehen.“

 

„Schwachsinn.“

 

„Sagst du!“

 

„Ja sage ich. Hatte jetzt schon drei Dates.“

 

„Drei?“ fragte ich vorwurfsvoll.

 

„Ja und?“

 

„Ja ist ja nichts bei. Hast ja Recht. Ich…“

 

„Was?“

 

„Ich traute dir so was nicht zu.“

 

„Du tust als wäre es ein Kapitalverbrechen mit einem Kerl zu ficken und am nächsten Tag getrennte Wege zu gehen.“

 

Irgendwie kam mir Roman anders vor. Wechselhaft. Erst das Ziel haben wieder di große Liebe zu finden. Dann wieder alles verwerfen für einen flüchtigen Orgasmus auf einen fremden Körper.

 

„Ja so ist das.“

 

Schindete Roman Zeit?

 

„Ich habe es ja versucht.“

 

„Was?“ fragte Roman neugierig.

 

„Ich… Ich wollte ja ein Date.“ Stammelte ich.

 

„Und?“

 

„Ich konnte nicht. Hatte Manu im Kopf.“

 

„Du hast ihn also nicht getroffen? Oder bist dann geflüchtet?“

 

„Na ja wir haben gechattet.“

 

„Ja weiter. Lass dir nicht immer alles aus der Nase ziehen.“

 

Irgendwie war er heute so grob. Diese Eigenschaft behielt er hoffentlich nicht bei.

 

„Na ja wir hatten fast C6.“ Es war mir peinlich das zu sagen.

 

„Siehst du so was könnte ich wieder nicht. Ich brauch einen Kerl zum Anfassen. Zum Ficken!“

 

Was hatte er neuerdings für einen Sprachgebrauch. Plötzlich erinnerte er mich an die Typen im Chat.

 

Roman lenkte ab: „Ist ja jetzt auch egal. Du kommst morgen erst mal zu mir. Und dann reden wir weiter.“

 

Wieder betonte ich: „Ich werde mit keinem anderen pennen können! Nie!“

 

„Hallo, das Thema ist gegessen. Du kannst! Niemand trauert ewig!“

 

Niemand?

 

„Aufstehen!”

 

„Was denn?” fragte ich verschlafen “Ist doch erst neun Uhr. Es ist Samstag!“

 

„Ja aber ein besonderer Samstag!“

 

Ich beobachtete Roman wie er eine Tasche packte. Ich schaute mich um. Ich sah auf den Platz wo sonst meine Tasche stand.

 

Ich fuhr auf: „Wo ist meine Tasche?“

 

„Die ist schon im Auto!“

 

„Auto?“ Ich verstand nicht.

 

„Habe eine Überraschung für dich. Wir fahren weg. Übernachten heute Nacht woanders.“

 

Woanders…

 

„Ja woanders…“

 

Ich rieb mir den Schlaf aus meinen Augen und erhob mich. Ich war noch totmüde.

Duschen. Anziehen. Zähne putzen. Kontaktlinsen. Rasieren. Gel ins Haar.

 

„Steig ein.“

 

„Ja, ja nur keinen Stress.“ Sagte ich.

 

Roman stieg ein: „Es wird dir gefallen.“

 

„Das hoffe ich. Will nicht umsonst so früh aus den Federn geschmissen werden!“ lächelte ich, noch immer verschlafen.

 

„Lass dich überraschen.“

 

Roman fuhr auf die Autobahn. Die Fahrt über schwieg ich. Ich war ein Morgenmuffel. Roman plapperte wie ein Wasserfall. Er erzählte von Gott und der Welt. Wenigstens soweit ich das aufnehmen konnte was er da von sich gab.

 

„So da sind wir.“

 

„Was ist das?“

 

Wir standen vor einem… Hotel…

 

„Da schlafen wir heute.“

 

Ich schnallte mich ab: „Wie romantisch!“

 

„Schwätz nid!“

 

Wir stiegen aus und trugen unsere Taschen zur Rezeption.

 

„Guten Tag meine Herren,“ wurden wir begrüßt.

 

Roman übernahm das Reden.

 

„Ich habe ein Zimmer für eine Nacht reserviert. Busch. Roman Busch.“

 

„Ja, Herr Busch. Wir haben das Zimmer 346 im 3. Stock für Sie reserviert. Raucher.“

 

Die Dame an der Rezeption übergab uns den Zimmerschlüssel. Roman bedankte sich und wir nahmen wieder unsere Taschen um zum Aufzug zu gehen. Roman drückte die „3“.

 

„Und was machen wir in… Stuttgart?“ bemerkte ich.

 

„Du sollst ja auch mal unsere Landeshauptstadt kennen lernen.“ Roman grinste breit.

 

3. Stock.

 

Wir suchten unser Zimmer. Es war am Ende des Flures. Roman schloss die Tür auf und wir stellten unsere Taschen ab.

 

„Ich rechts. Du links“

 

Ich nickte. Roman verschwand im Bad. Wo war eigentlich seine obligatorische Handtasche. Wollte er jetzt jeden Verdacht auf Tucke ablegen? Er trug sie nicht mehr mit sich. Sie war auch nicht im Gepäck.

 

„Roman?“

Er trat wieder aus dem Bad.

 

„Was ist?“

 

„Wenn du schon alle schwulen Eigenschaften ablegen willst darfst auch nicht so oft die Frisur wechseln.“

 

„Ach… schwätz nid.“

 

Ich grinste. Er verschwand wieder im Bad.

„Und was ist das nun für eine Überraschung?“

 

„Warts ab.“

 

Manno. Ich bin doch sooo neugierig.“

 

„Das ist mir bewusst.“ Kam es aus dem Bad.

 

Ich legte mich aufs Bett. Es war fast 12 Uhr.

 

„Mach ein Mittagsschläfchen. Dann gehen wir in die Stadt. Bisschen shoppen.“

 

Ich schloss die Augen und meine Gedanken. Schuhe… Oh je… Roman rannte euphorisch vor mir her. Von Laden zu Laden. Ich durfte jeden Schuhladen der Stadt kennen lernen.

 

„Roman. Ich kann nicht mehr. Hunger.“

 

„Memme!“

 

„Ja das sagst du. Du hast jetzt drei neue Treterchen gekauft. Wann willst das alles anziehen?“

 

„Gelegenheiten gibt es genug.“

 

Ich nickte und verdrehte die Augen.

 

„Wie stehen mir die?“

 

„Gut!“ Meine Antwort war gleichgültig.

 

„Im Ernst jetzt.“

 

„Roman. Ich hasse Schuhe. Ich habe zwei Paar zuhause und das reicht. Schuhe sind Schuhe. Man bewegt sich damit fort. Egal wie sie aussehen. Genau wie das Auto.“

 

Das war ein Fettnäpfchen für eine Standpauke.

 

„Hey, ich liebe Autos. Es ist nicht egal wie die Aussehen. Flott müssen sie sein. Mit deiner Schüssel kommt ja keiner voran. Platz muss drin sein und…“

 

„… und poppen musst drin können!“

 

„In meinem Auto wird nicht gepoppt!“

 

„Fertig mit Schuhen?“

 

Roman lachte und zeigte auf die hinteren Regale.

 

Ich verdrehte die Augen und witzelte: „Auf in den Kampf!“

 

Bevor wir Essen gehen wollten begaben wir uns noch mal in unser Hotelzimmer. Wir wollten

uns noch etwa frisch machen. Es war 18 Uhr.

 

„Weißt du was ich dir noch gar nicht gesagt habe?“

 

„Was?“

 

„Zieh das hier an!“

 

„Das Ding?“

 

„Das ist kein Ding. Das ist ein Anzug. Der müsste dir passen. Haben ja eine ähnliche Figur.“

 

„Ja und dann?“

 

„Dann gibt es ABBA!“

 

Ich schaute ihn überrascht an und stammelnd wiederholte ich seine Aussage.

 

„Jupp!“

 

„Wie?“

 

„Das ist deine Überraschung!“

 

„Hey das ist… das ist ja geil. Du bist ein Schatz.“

 

Ich fiel ihm um den Hals. Stürmisch. Roman konnte sich kaum halten und fiel fast rücklings aufs Bett.

 

„Ja, ja ist ja gut,“ lachte er und wehrte mich charmant ab.

 

„Geil.“ Wiederholte ich.

 

„Wenn es geil bleiben soll, dann beeil dich. Das geht alles von deiner Essenszeit ab. Um 20:30 Uhr beginnt das Musical.“

 

Ich schnappte mir die Anzugshose, den Sakko, das Hemd und verschwand im Bad: „3 Minuten!“

 

„Ja genau.“ Verdrehte diesmal Roman die Augen.

 

Weil es doch sehr knapp war und auch schon halb sieben beschlossen wir im Musical Center direkt zu essen. Roman und ich betraten ein deutsches Lokal. Kaum ein Tisch war in diesem rustikalen Restaurant noch frei. Aber der Kellner führte uns an einen letzten freien Tisch irgendwo im letzten Eck.

 

„Ich muss dir auch noch was erzählen!“ sagte Roman.

Ich schlug die Speisekarte auf und blätterte…

 

„Und was?“

 

„Na ja, wie sage ich das jetzt.“

 

„Bist etwa in mich verknallt!“ witzelte ich.

 

„Scherzkeks. Nein aber ich glaub ich bin noch in Oliver verliebt!“

 

Ich schaute irritiert auf: „Ach und das kam dir so zwischendurch… Bei all deinen Sexdates?“

 

„Quatsch!“

 

Ich grinste: „Du weißt auch nicht was du willst oder?“

 

„Doch ich will Oliver!“

 

„Ja genau letztens wolltest noch Schwänze und puren Sex.“

 

„Das kann ich auch von Olli haben.“ Sagte Roman scheinbar verliebt.

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Ein Rahmschnitzel!“ sagte ich dem Kellner.

 

„Für mich auch.“

 

Wir klappten die Speisekarten zu und gaben Sie dem Kellner mit.

 

„Also, wie kommt es zu dem Sinneswandel?“ bohrte ich neugierig nach.

 

„Ich weiß nicht. Er hat mir ne SMS geschickt!“

 

„Und das war alles? Und jetzt blüht bei dir Hoffnung auf? Wegen ner SMS? Und ich dachte ICH sei der hoffnungslose Fall.“ Ich lehnte mich zurück.

 

„Bist du auch,“ scherzte Roman „Nein ich weiß nicht, er ist doch voll süss!“

 

„Ja genau,“ sagte ich verständnislos.

 

„Du verstehst das nicht.“

 

„Ja manchmal verstehe ich dich nicht. Heute so, morgen wieder so. Du kannst doch nicht von jeder Torte was abhaben im Leben.“

 

„Du schwätzt manchmal einen Scheiß, Christian.“

 

„Aber du…“

 

„Ich vermisse ihn halt.“

 

„Ach aber mich fertig machen wenn ich plötzlich Gefühlsregungen bekomme für Manuel?“

 

„Das ist ja auch was anderes.“

 

„Ja es ist immer was anderes.“

 

„Ja.“

 

„Und was ist mit deinen Sexdates?“

 

„Was soll damit sein? Hab dann ja wieder Sex mit Oliver. Der war eh besser.“

 

„Jetzt noch mal zusammengefasst. Ihr habt gesmst und…“

 

„Nö, er hat mir geschrieben und ich geantwortet.“

 

„Das wars?“

 

„Ja.“

 

„Und das ist der Grundstein der Hoffnung? Das wirft dich aus der Bahn? Das reißt dich wieder aus den Schlafzimmern fremder Männer?“

 

„Nö.“

 

„Wie?“

 

„Ja solang wir noch nicht wieder zusammen sind kann ich ja weiter mit anderen Süßen rummachen.“

 

„Interessante Theorien sind das!“

 

„Ja so ist halt mal das Leben…“

 

„Es scheint mir so…“

 

„Bist du jetzt die Schlampe von der wir uns immer distanziert haben?“ fragte ich frech in den Raum.

 

„Ja, ich bin halt eine Schlampe. Ich steh aber auch dazu.“

 

„Dann ist das ja geklärt…“ Ich konnte darauf nicht weiter eingehen. Ich erkannte ihn nicht mehr. Da saß er nun, der Roman, blonde Strähnchen in seiner topgestylten Frisur, gleichgültig, gefühlskalt, sein Schnitzel mampfend. Ich stocherte nun auch in meinem herum…

 

„I have A Dream A Song To Sing…“ Applaus ………………… Vorhang auf für ABBA. Good Luck…

 

„Du wirst doch das Loch treffen, Roman!“ schwankte ich.

 

„Ja jetzt halt mal ruhig. Ich sehe nichts.“

 

„Licht ist ja aus.“

 

„Ach was?“

 

Roman fummelte weiter.

 

„Ich bin drin.“

 

Triumphierte Roman.

 

„Ja komm gibs mir. Highs.“

 

„Scherzkeks.“

 

Roman drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. Wir stolperten ins Hotelzimmer und schmissen uns sogleich auf das Bett.

 

„Es war geil.“

 

„Was?“

 

„Na ABBA, das Musical.“

 

“Ach so. Ich dachte der Orgasmus!”

 

„Ja der war auch der Hammer!“ flunkerte ich zweideutig.

 

„Mir wurde es da richtig warm. Da unten ..“

 

„Da ist dir immer warm!“ lachte ich.

 

„Hey…“ Roman grinste.

 

„Das war nur der Alk in dem Zeug. Hast ja auch fünf oder sechs davon verdrückt.“

 

„Sex?“ Roman drehte sich um und starrte mich besoffen an.

 

„Sechs Mal Orgasmus!“ versuchte ich ihm zu verdeutlichen.

 

„Geil.“

 

„Was?“

 

„Sechs mal abspritzen!“

 

Ich verdrehte die Augen gekünstelt: „Nein. Sechs Orgasmus, das Getränk!“

 

„Was?“

 

„Vergiss es,“ lachte ich.

 

„Willst mal was sehen?“

 

„Nein.“, antwortete ich forsch.

 

„Jetzt sei doch nicht…“ Roman kämpfte mit den Worten „… bereits gleich so abweisend.“

 

„Was möchtest mir denn… zeigen?“ Auch ich spürte den Orgasmus deutlich… das Getränk natürlich…

 

„Gib mir mal deine Hand.“

 

„Und dann?“

 

„Warts ab.“

 

Ich reichte ihm meine Hand und ließ locker. So dass er sie führen konnte. Er legte sie auf seine Hosenfront.

 

Besoffen schaute ich nach rechts: „Was ist…“

 

„Was das ist?“

 

„Das weiß ich.“

 

„Ach ja?“

 

„Ja.“

 

„Und was ist es?“

 

„Du hast einen Ständer, du Sau!“

 

„Na und? Hab ja auch… Orgasmus… hab ich getrunken.“

 

„Ja mehr als genug.“

 

Ich nahm meine Hand wieder weg.

 

Roman fummelte an seiner Hose herum. Ich starrte schwindelig im Zimmer umher. Die Zeit blieb kurz stehen.

 

„Hand!“

 

„Was… willst du?“

 

„Gib noch mal die Pfoten!“

 

Ich streckte ihm erneut die Hand hin. Er schnappte sie und führte sie an denselben Ort wie zuvor. Diesmal spürte ich an meiner Hand seinen blanken verschwitzen Schwanz.

Ich zuckte kurz.

 

„Na? Voll der Fisch oder?“ lallte er.

 

„Ja du hast schon was zu bieten bei deinen Sexdates!“

 

„Gell.“

 

Ich spürte wie seine Hand meine verließ und nicht mehr meine Hand nach unten drückte. Ich entschloss mich auf seinem Penis zu bleiben. Er war warm.

 

„Darf ich auch?“

 

Aus den Gedanken gerissen fragte ich: „Was?“

 

„Meine Hand sucht auch… ein Ziel.“

 

Wir hatten uns noch nie so berührt. Ich fühlte mich komisch. Aber der Alkohol und mein steifer Schwanz steuerten mein Tun und meine jetzige Aussage.

 

„Gib.“

 

Roman reichte mir die Hand und ich legte sie gezielt auf meinen Hosenschlitz, hinter dem sich eine Beule verbarg.

 

„Die ist ja zu.“

 

„Mach auf“, forderte ich.

 

„Alle muss man selber machen.“

 

Roman öffnete meine Hose und zauberte meinen Schwanz heraus.

 

„Du solltest auch Sexdates… haben… Highs…“

 

„Warum?“ fragte ich nach.

 

„Hast auch was zu bieten.“

 

„Dankeschön!“

 

Roman rieb sanft an meinem Schwanz. Ich tat das auch bei ihm… Die Lust und die Gleichgültigkeit förderte unser Verlangen. Wir lagen nur so da und rubbelten uns gegenseitig unsere Schwänze.

Wir rieben immer wilder, bis der Höhepunkt nicht mehr abzuwenden war. Das Sperma spritze mir auf das Hemd. Da kam es wieder. Plötzlich wieder dieses Bild. Dieses Bild von Manuel. Ich verkrampfte und mein Körper fühlte sich schmutzig an.

 

„Langsam angehen lassen…“ schoss es durch meinen Kopf. Dieser Satz verfolgte mich.

 

„Hey, selbst wenn ich 50 bin. Mit Roman werde ich nie, niemals schlafen.“

 

Wir hatten nicht mit einander geschlafen, es war nur gegenseitiges Wichsen. Ich verteidigte mich selbst in meinen Gedanken. Und schlief ein.

 

*-*-*

 

Da lag er nun neben mir. Ich roch noch den Sperma und den Duft des Alkohols der letzten Nacht. Was hatten wir nur getan? War das die angestaute Geilheit meinerseits? Habe ich damit alles zerstört.

Was wenn er jetzt gleich die Augen öffnet und auch realisiert was geschehen ist heute Nacht. Oder war ich für ihn auch nur ein billiges Sexdate? Mittel zum Orgasmus. Roman regte sich und stöhnte und brummelte.

Bitte lass ihn noch weiterschlafen. Ich will dieses Gespräch nicht führen was jetzt vor uns stand. Unweigerlich.

 

„Morgen“, brummelte er.

 

Verdammt.

 

„Mein Kopf. Was ist…“

 

„Was passiert ist?“, fragte ich vorwurfsvoll.

 

„Ja.“

 

„Wir…“

 

„Was?“

 

„Wir haben uns gegenseitig gewichst.“

 

Roman schaute mich verdutzt an.

 

„Echt?“

Er strich sich über den Bauch und spürte das getrocknete Sperma.

 

„Na und?“, fuhr er dann fort.

 

„Wir sind beste Freunde. Machen die das?“

 

„Nicht wenn…“

 

„Nicht wenn was?“

 

„Na ja ich fand es schon toll.“

 

„Wie jetzt?“

 

„Kann man das nicht öfter haben.

 

Ohne Verständnis blickte ich ihn vorwurfsvoll an.

 

„Vielleicht habe ich mich ja in dich verknallt heute Nacht.“

 

Ich verschränkte die Arme: „Roman bitte. Vorgestern warn es die Sexdates. Gestern wieder Oliver. Heute ich? Das ist doch nicht wahr jetzt!“

 

„Ich weiß es nicht. Ich fühl da was.“

 

„Du fühlst da gar nichts!“

 

„Woher weißt du das?“

 

„Ich fühle nichts.“

 

„Warum bist du jetzt so kalt. Bereust du es.“

 

„Nicht ganz. Es ist passiert. Aber deswegen liebe ich dich ja nicht gleich. Das wäre naiv. Ich bin ehrlich mit dir.“

 

„Das macht mich schon irgendwie traurig.“

 

„Jetzt hör mir mal zu…“

Ich drehte mich zu ihm. Er starrte mich verängstigt an.

 

Bevor ich fortfahren konnte unterbrach er mich: „Ich bin doch nicht Schuld daran. Wir waren beide dabei. Du hättest nein sagen können. Oder mich von dir stoßen wenn ich dich anwidere.“

 

„Du widerst mich nicht an. Ich möchte nur nicht meinen besten Freund verlieren.“

 

Roman stand eine Träne im Gesicht.

 

„Roman, ich habe dich gestern reden hören. Gestern in diesem Restaurant. Du warst verbittert. So würde ich es interpretieren. Deswegen hast du dich in die Sexdates geflüchtet. Du warst – genau wie übrigens ich – auf der Suche nach Geborgenheit, Zärtlichkeit. Das Ficken und den starken Mann hast immer hervorragend betont um nicht als Schwächling da stehen zu müssen. Aber du bist schwach. Gestern wurdest du wieder schwach. Du hast bekommen was du wolltest. Zärtlichkeit. Wieder Zärtlichkeit. Jemand war da – jemand war bei dir und du fühltest dich wohl. Dieses Wohlfühlen hast du als Liebe reflektiert. Aber nur weil es dir gut ging und du meine Nähe mochtest in dem Moment. Aber du liebst mich nicht…!“

 

Roman senkte den Kopf und weinte.

 

„Du liebst nicht mich sondern…“

 

Roman drehte seinen Kopf wieder in meine Richtung.

 

„Du liebst Oliver. Du hast ihn immer geliebt und so ist es auch jetzt noch. All das hörte ich aus deinen Worten von gestern. Ich kann hinter deine Fassaden blicken. Ein guter Freund kann das. Mir konntest nicht den starken Mann vorspielen.“

 

„Ich…“ stammelte Roman.

 

„Ja?“

 

„Mach mich doch nicht so nieder.“

 

„Das tue ich nicht.“

Ich strich ihm über den Kopf. Roman senkte wieder den Kopf.

 

„Versucht es einfach noch einmal mit einander. Kämpf um ihn. Um deine Gefühle.“

 

„Er will mich nicht“, sagte Roman ohne jede Hoffnung.

 

„Woher willst du das wissen? Ohne es je versucht zu haben?“

 

Roman drückte sich an mich und ich hielt ihn fest. Ganz fest. Er spielte wieder Mann. Seine Tränen sollte ich nicht sehen. Wir schwiegen beide. Ich ließ ihn sich ausheulen. Mit seinen Gedanken allein. Er musste wieder klar sehen können. Ich war für ihn da, das ließ ich ihn spüren.

Mein Handy störte die Ruhe mit einer SMS. Ich schaue auf den Nachttisch und griff nach dem Handy. Roman ließ ich dabei nicht los. Ich klickte auf die Kurzmitteilung und wählte sie an.

Manuel.

-Ende-

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen – glaube nie sie zu finden – alles Lüge 😉

 

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