Aschenbrödels Bruder – Teil 22

Ich knallte zu Boden und hörte noch einen Schuss. Wie durch Watte hörte ich von draußen Schreie. Langsam öffnete ich meine Augen und schaute hinter dem Wulst von Rock hervor. Nicht weit von mir lag stöhnend mein Vater.

Die Waffe hatte er fallen gelassen und lag ungefähr drei Meter von ihm entfernt. Er lag gekrümmt da und jetzt erst bemerkte ich die blutende Wunde an seiner Schulter. Langsam drückte ich mich hoch und noch jemand kam in Sicht. Alfred.
Nun kam Lucas und die anderen hereingestürmt. Einige fingen an zu Schreien. Lucas schaute geschockt hin und her, dann lief er zu meinem Vater und kickte die Waffe weg, bevor er zu mir lief.

„Bist du getroffen?“, fragte er weinerlich und kniete sich neben mich.

Ich schüttelte nur den Kopf.

„Ruft doch jemand den Krankenwagen…die Polizei“, schrie jemand.

„Alfred?“, hörte ich meine Schwester.

Alfred hatte sich langsam aufgesetzt, lehnte nun an die Spintwand.

„Alfred, sie bluten!“, rief Sabine.

Lucas robbte zu ihm hinüber, auch Constanze kam dazu. Nun sah ich, wie Alfred sich die Hand vor den Bauch hielt. An der Hand lief Blut herunter.

„Mein Gott Kinder!“, hörte ich Madam Toufon an der Tür rufen.

Lukas zog sich sein Hemd über den Kopf und drückte es auf die Wunde von Alfred.

„Kinder, los hinüber mit euch in den Saal“, scheuchte sie die anderen aus der Umkleide.

Meine Schwester schaute erst zu mir, dass zu unserem Vater, der immer noch wimmernd da lag.

„Du… schwule… Sau… hast mir alles kaputt gemacht“, schrie er plötzlich und richtete sich ebenfalls auf.

Im gleichen Augenblick hob Alfred seinen Arm und ich konnte eine Waffe erkennen, die er in der Hand hielt. Mühsam kam mein Vater wieder zum Stehen, hielt sich seine Wunde und kam auf mich zu.

„…ich mach dich… alle“, schrie er.

Dann ging irgendwie alles sehr schnell. Ein weiterer Schuss fiel und mein Vater wurde nach hinten gegen die anderen Spinte geworfen, sank in sich zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.

Weder Sabine noch Constanze hatten geschrien, noch Lucas sich bewegt. Auch ich saß starr vor meinen Spint und atmete scharf ein und aus. Alfred ließ langsam seinen Arm mit der Waffe sinken.

*-*-*

Mir kam es ewig vor, bis die Polizei eintraf. Der Raum füllte sich plötzlich, auch ging plötzlich ein Sanitäter vor mir auf die Knie.

„Bist du verletzt…?“

Ich konnte nicht antworten und schüttelte den Kopf. Jemand anderes half mir auf und führte mich langsam hinaus. Mit starren Augen schaute ich zu meinem Erzeuger, der keinen Ton mehr von sich gab.  Alfred wurde mittlerweile verarztet, während Lukas mit dem Blutbefleckten Hemd in der Hand daneben stand.

„Lucas“, krächzte ich heiser.

Wir fielen uns in die Arme und ich fing laut an zu schluchzen.

„Bringt bitte jemand die Kinder raus“, hörte ich jemand sagen. Ich spürte, wie noch jemand seinen Arm um mich legte und mich gemeinsam mit Lucas zum Raum hinaus schob. Überall sah ich plötzlich Polizisten.
Langsam bewegten wir uns zum Ausgang. Draußen war es mittlerweile Dunkel. Immer wieder erzitterte mein Körper und ich musste schluchzen. Und immer wieder sah ich meinen Vater vor mir liegend, im eigenen Blut.

*-*-*

Stumm saßen wir auf unseren Stühlen, eingewickelt in Decken. Irgendwer hatte mir einen Becher Tee in die Hand gedrückt, an dem ich mich krampfhaft festhielt. Sabine begann erneut zu weinen. Constanze nahm sie in den Arm.
Von den anderen waren schon einige abgeholt worden und Madam Toufon unterhielt sich mit ein paar Beamten. Lucas legte den Kopf auf meine Schulter.

„Ich… ich dachte du bist tot“, flüsterte er.

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„… dachte…, ich hab… dich verloren.“

Ich wollte sprechen, musste aber erst mal laut husten. Mein Hals fühlte sich rau an, meine Zunge belegt.

„Hast… du nicht!“

„…, sie stehen alle unter Schock… ich glaube es ist das beste, wir sagen die Aufführung ab… so kann niemand tanzen!, hörte ich Madam Toufon zu einem Beamten sagen.

Absagen? Nein!, das kann sie nicht!

„Nein“, sagte ich leise.

Lucas richtete sich auf und auch Sabine und Constanze sahen zu mir.

„Nein!“, sagte ich nun etwas lauter und hatte sofort die Aufmerksamkeit der Erwachsenen.

„Nein, das dürfen sie nicht tun!“

Madam Toufon und zwei Beamte kamen zu uns.

„Junge, sei doch vernünftig…, dein Vater…“

Mit einem Ruck stand ich auf und die Decke rutschte mir von der Schulter.

„Mein Vater…?“, schrie ich, „ein Vater schießt nicht auf seinen eigenen Sohn! Sie können nicht einfach alles abblasen…, dann…, dann… hat er ja… doch noch gewonnen!“

Mitleidig schaute mich Madam Toufon an.

„Junge du stehst unter Schock, du weißt nicht was du da sagst!“

„Ich weiß ganz genau, was ich sagen…, was ich will. Ich will am Mittwoch meine Rolle tanzen, dass erste Mal habe ich eine führende Rolle! Das lass ich mir von meinem Vater NICHT auch noch kaputt machen!“

So ernst wie das Ganze auch war, bemerkte ich, wie der eine Polizist seine Hand vor den Mund hielt und versuchte nicht zu lachen. Siedend heiß fiel mir ein, dass ich immer noch im Kleid da stand und zum Brüllen aussah.

„Kann mir jemand den Reisverschluss aufmachen?“, fragte ich genervt und drehte mich einfach mit dem Rücken zu Madam Toufon.

Sie zog den Reisverschluss nach unten und ich konnte mich endlich aus diesem Fummel befreien. Dann drehte ich mich wieder zu ihr herum.

„Madam Toufon, wir tanzen am Mittwoch und keiner kann uns da drein reden!“, sagte ich bestimmend.

Ich schaute zu den anderen, die kräftig nickten.

*-*-*

Unsere Mutter war inzwischen auch eingetroffen. Da kein Fahrer zur Verfügung stand, wurde sie kurzerhand von Dr. Specht mitgebracht, den man natürlich auch informiert hatte.

„Ich finde es saublöd, dass uns niemand sagen will, wie es Alfred geht“, frotzelte ich.

„Kind, lass gut sein, lass uns nach Hause fahren…“

Mutter wieder.

„Mum, ich will ins Krankenhaus, ich muss wissen, wie es Alfred geht, er hat mir schließlich das Leben gerettet!“

„Benjamin, es wäre vernünftiger auf ihre Mutter zu hören. Ich denke im Krankenhaus werden sie eh nicht an Alfred heran kommen und der wird sicher noch operiert“, mischte sich nun Dr. Specht ein.

Mein Blick fiel zu den anderen Dreien, die hilflos mit der Schulter zuckten.

„Komm, lass uns fahren, Zu Hause sehen wir dann weiter…“, meinte Mum.

Ich gab mich geschlagen und nickte. Wir holten unsere Sachen und verließen mit Mum und Dr. Specht die Academy.

*-*-*

Constanzes Eltern und Lucas Mutter waren inzwischen eingetroffen. Sie saßen laut diskutierend mit Dr. Specht und Mum im Wohnzimmer, während wir vier in meinem Zimmer auf dem Bett saßen.

„Ich kann das immer noch nicht fassen“, sagte Sabine leise.

„Das kann niemand“, kam es ebenso leise von Constanze.

Plötzlich erschien eine Frau an meiner Tür, die ich nicht kannte.

„Mama“, sagte Lucas neben mir, stand auf und lief zu ihr. Sie legte beide Arme um ihn und zog ihn an sich.

„Ach Lucas, hört das nie auf…?“, hörte ich sie leise sagen.

Dann ließ sie ihn wieder los und wandte sich an uns.

„Das ist Benjamin?“, fragte sie und zeigte auf mich.

„Ja Mama“, sagte Lucas neben ihr.

„Einen guten Geschmack hast du“, meinte sie und versuchte zu lächeln, was ihr aber misslang.

„Kinder…, Dr. Specht hat uns überredet, dass ihr erst mal alle hier bleibt, es ist vielleicht besser so. Das Haus wird nach wie vor von der Polizei abgeschirmt, hier kommt kein Reporter an euch heran.“

An die Reporter hatte ich nicht mehr gedacht und auf einmal kam es in mir hoch. Ich stand auf rannte ins Bad und übergab mich heftig in die Toilette. Die plötzliche Gewissheit über die Ungewissheit, was nun folgte, mit uns passierte, ließ meinen Körper rebellieren.
Als es nachließ, spürte ich eine Hand auf meinem Rücken.

„Geht es wieder?“, hörte ich Lucas Stimme.

Ich nickte und drückte die Spülung.

„Der Arzt kommt gleich“, hörte ich Lukas Mutter.

Lucas half mir auf und ich sah, dass Constanze und meine Schwester, mit Lukas Mutter vor meiner Tür standen. Lukas brachte mich in meine Zimmer zurück, steckte mich ins Bett und deckte mich zu.

„Wenn etwas ist, ruf uns“, hörte ich Sabine sagen und plötzlich war ich mit Lucas.

Ich spürte, wie eine Träne nach der anderen meine Augen verließ.

„Was wird jetzt werden…?“

„Pssscht…“, kam es von Lucas und hielt mir dem Mund mit seinem Finger zu.

„Wir schaffen das!“, flüsterte er leise in mein Ohr und gab mir einen Kuss.

*-*-*

Als ich aufwachte, musste ich mich erst orientieren. Lucas lag neben mir, hatte seinen Arm über meinen Bauch liegen und schlief fest. Meine Nachttischlampe brannte. Ich drehte meinen Kopf und schaute auf meinen Wecker.
Kurz vor vier. Meine Blase meldete sich, so stand ich vorsichtig auf, um Lucas nicht zu wecken und schlich mich ins Bad. Dort leerte ich meine Blase und wurde durch ein Klopfen an der Tür aufgeschreckt.

„Benjamin, alles in Ordnung?“, hörte ich Lucas Stimme.

Ich drückte die Spülung.

„Ja, ich musste mal…“

Die Tür ging auf und Lucas schaute herein. Besorgt sah er mich an.

„Es geht mir gut…, naja, den Umständen entsprechend“, meinte ich und wusch mir die Hände.

„Ich hab mich nur gewundert, dass du plötzlich nicht mehr neben mir lagst.“

„Meine Blase hat sich gemeldet“, sagte ich und schob ihn in meine Zimmer zurück.

Beide setzten wir uns auf den Bettrand und Lucas legte seinen Arm um mich.

„Hab ich etwas verpasst? Ich weiß nur noch, dass du mich ins Bett gebracht hast…“

„Euer Doktor ist noch vorbei gekommen und hat dir eine Beruhigungsspritze in den Hintern gejagt.“

„Au!“, sagte ich und griff an meinen Hintern.

„Stimmt, dass hast du gesagt, als er zustach“, grinste Lucas und wuschelte mir sacht durchs Haar.

„Komm lass uns noch ein wenig schlafen“, meinte Lucas und zog mich wieder in Bett.

„Ich weiß nicht ob ich nochmal einschlafen kann…“

„Doch kannst du!“, erwiderte er und zog mich nun in seinen Arm und deckte uns zu.

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