Taurus 9 – Teil 4 – Die Möglichkeit (Finale)

Das konnte einfach nicht sein. Ich rieb an meinen Augen.

„Peter…, was für eine Überraschung“, hörte ich mein Gegenüber sprechen, „du hast dich fast nicht verändert.“

„Arndt…“

Er hatte sich ebenfalls nicht verändert, sogar seine Haare waren so wie damals.

„Oh du erinnerst dich an meinen Namen.“

„Wie kann ich den vergessen…, was willst du?“

Auf der Brücke war es unheimlich still. Mein Blick wanderte kurz zu Gabriel, der aber über Arndts plötzliches Auftauchen keinerlei Regung zeigte.

„Ich warte auf deine Aufgabe!“

Ich schaute durch den Raum und beobachtete kurz meine Mannschaft.

„Aufgeben? Warum sollte ich das tun? Ich glaube du unterliegst ein paar Falschmeldungen. Während wir keinerlei Schäden, noch Verluste beklagen zu haben, wird bei dir ein Schiff nach dem anderen zerstört.“

Arndt stand auf und sein Gesicht wurde sehr groß. Es füllte fast den ganzen Bildschirm aus.

„Wenn jemand falsch informiert ist, dann bist du es! Wir sind eindeutig in der Übermacht! Was habt ihr überhaupt hier verloren?“

Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich schaute zu Cat und machte eine sachte Handbewegung. Sie verstand sofort und unterbrach die Verbindung. Mein Blick wanderte zu Gabriel, der aber nach wie vor keine Mine verzog, obwohl er gerade sehen musste, dass sein Bruder noch lebte.

„Sir, wir werden erneut gerufen“, kam es von Cat.

„Wir haben technische Störungen, mit… ähm mit Kommunikation.“

Cat musste lächeln. Ich stand auf und lief zu Leutan und Hanris.

„Was meinte er damit, wir hätten hier nichts verloren?“, fragte mich die Botschafterin.

Ihr war es ebenso aufgefallen.

„Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es nicht“, gab ich zur Antwort.

„Sie kennen den jungen Mann?“, fragte Leutan leise.

„Junge ist gut, er ist so alt wie ich, wir waren zusammen auf der Akademie. Zudem ist er Staffones Gabriel Fontaines älterer verschollener Bruder.“

Botschafter Hanris zog die Augenbraue hoch und ihr Blick wanderte zu Gabriel. Leutan dagegen schien in sich zu wandern, seine Gedanken waren weit weg.

„Sir, der Beschuss geht weiter, ohne an Stärke zu verlieren.“

Ich schaute NO Mac Neal an.

„Schäden?“

„… nach wie vor keine.“

„Verluste der Anderen.“

„… enorm Sir. Aber kaum hat sich ein Wurmloch geschlossen öffnet sich ein Neues und es folgen weitere neue Schiffe.“

Ich trat neben ihn und schaute auf dessen Monitor.

*-*-*

Ich hatte Lewis die Brücke überlassen und saß nun an Leutans kleinem Buffet und wartete mit Hanris auf unser Essen. Sie schaute starr auf ihr Getränk. Plötzlich begann sie zu sprechen.

„Wir haben auf der einen Seite die Hyrditen, die bisher versuchten, sich mit einer Rasse zu vereinen, auf der anderen Seite haben wir die Hoktianer, die mit einer Art der Hyrditen versuchen Rassen zu klonen.“

Soweit hatte sie Recht.

„Ihr Doktor sagte, sie haben alle die gleiche Signatur wie ihr Staffone. Es besteht also eine Verbindung beider Hyrditen… Arten.“

„Wir kennen nur die eine“, kam es von Leutan, der unser Essen zu bereitete.

„Und sie sagen, es ist ein friedliches Volk.“

Leutan nickte.

„In soweit friedlich, dass sie hier auf der Station noch niemandem Leid zugefügt haben, im Gegensatz zu unseren Gegnern.“

„Es könnte doch sein, dass den Hoktianer es irgendwie gelungen ist, sie einem Teil der Hyrditen zu bemächtigen und sie auf irgendeine Art nun für sich arbeiten lassen.“

Ich schaute Hanris an, an dem Gedanken war etwas dran.

„Wenn ich diesen Gedankengang weiter gehe, wäre es durch aus denkbar, dass die Hyrditen mit Hilfe von uns, sich ihren fehlenden…, wie soll ich sagen, diesen Teil ihres Volkes zurück holen wollen, weil sie es selbst nicht fertig bringen.“

„Mit unsere Hilfe…“, blabberte ich nach, „dazu müssten sie doch aber irgendwie einen Verbund haben.“

„Haben sie“, mischte sich Leutan ein, „Peter, denken sie an Gabriel, er wusste vieles schon im Voraus, bevor es ihre Leute gemeldet haben.“

„Da war etwas dran, aber hätte er uns das nicht gesagt?“

„Vielleicht haben wir die falsche Fragen gestellt“, kam es von Hanris, während Leutan uns unser Mahl servierte.

„Ich wünsche ihnen beiden einen guten Appetit!“

„Danke! Sie meinen also, ich soll Gabriel direkt fragen, um mehr Informationen zu bekommen?“

Hanris nickte und schob sich den ersten Happen ihres Essens in den Mund.

„Etwas anders“, meldete sich Leutan erneut zu Wort, „es könnte sein, dass ich mit meiner Frage ihnen etwas zu Nahe trete, Peter…, was verbindet sie und diesen Arndt Fontaine…, sicher nicht nur der gemeinsame Werdegang auf der Akademie?“

Ich schaute Leutan lange an und nickte zögerlich.

„Es gibt da eine Geschichte in der Vergangenheit, über die ich nie viel geredet habe.“

„Ein Grund, warum sie nie Heimweh nach der Erde verspüren?“, fragte Leutan weiter.

Ich nickte erneute, während Hanris sich weiter das Essen schmecken ließ, aber auch weiter zu hörte.

„Ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit, wie man so schön auf der Erde sagt.“

„So würde ich es jetzt nicht nennen. In groben Zügen… wir hatten einen großes Streit und am nächsten Tag wurde sein zerstörter Gleiter gefunden.“

„Man gab ihnen die Schuld?“, fragte nun Hanris erstaunt.

Dieses Mal schüttelte ich den Kopf.

„Nicht direkt, aber sie wissen ja wie das ist. Versteckt wird viel geredet.“

„Und Gabriel…?“

„War noch jung, bei seiner Ankunft hier konnte er sich nicht mehr richtig an mich erinnern.“

„Sie haben ihm aber gesagt, wer sie sind.“

„Natürlich.“

„Und wie seine Reaktion?“

„…emotionsreich…“

„Trotzdem sehe ich den Zusammenhang nicht…“

Ich sah Hanris an, bis Leutan sich wieder ins Gespräch brachte.

„Ist es nicht offensichtlich Botschafterin Hanris…, dieser Arndt und Staffone Gabriel sind Brüder. Es könnte doch durchaus sein, dass beide Brüder sich mit den Hyrditen verbinden können…“

„Das glaube ich nicht“, warf ich ein.

„Wieso nicht?“, fragte Hanris.

„Schauen sie Staffone Gabriel an und seinen Bruder. Arndt sieht immer noch aus wie früher, dagegen ist Gabriel…“

Ich brach ab, denn jeder wusste, wie Gabriel nun aussah und so sah meiner früher Freund nicht aus, dass konnte man deutlich bei der Großaufnahme sehen.

„Trotzdem denke ich, es hat etwas damit zu tun“, sprach Leutan weiter, es könnte durch aus sein, dass der ältere Bruder empfänglicher war und nicht diesen Umgestaltungsprozess durchlaufen musste. “

„Aber müssten dann beide nicht die Gegenwart des anderen spüren? Und Arndt sieht genauso aus, wie damals an dem Abend, als wir… diesen furchtbaren Streit hatten.“

Botschafterin Hanris sah zu mir.

„Dürften wir den Grund des Streites erfahren?“, fragte sie leise.

Es half nichts. Irgendwann musste ich eh reinen Wein einschenken.

„… ein Kuss.“

„Ein Kuss?“

Ich nickte und verstand natürlich die Unwissenheit meiner Gegenüber.

„Ein Geheimnis, das ein Geheimnis bleiben sollte, vermute ich“, kam es von Leutan.

„Sie sind meine zwei nicht menschlichen engsten Vertrauten, seit ich hier Kommandeur dieser Station bin und sie waren beide immer ehrlich zu mir, so will ich auch ehrlich zu ihnen sein.

„Hat es vielleicht damit zu tun, dass sie nicht dem weiblichen Geschlecht ihrer Spezies zu getan sind?“, fragte Leutan.

Es hatte gar keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, woher Leutan seine Informationen sich beschaffte, und nickte. Hanris schaute mich lange an und nahm dann den nächsten Bissen zu sich.

„Peter, ich weiß über die Probleme ihrer Gesellschaft über gleichgeschlechtliche Beziehungen Bescheid“, begann Hanris, „und wie sie wissen, sind sehr viele andere Völker nicht mit diesen Problemen behaftet.“

Wieder nickte ich und sagte nichts dazu.

„Deswegen sehe ich es für mich auch als kein Problem an und ich denke ich spreche auch für Leutan“, meinte sie und Leutan gab nickend seine Bestätigung.

„Arndt Fontaine gab mir an diesem Abend einen Kuss“, erzählte ich einfach weiter, „doch ich, meiner Gefühle total unsicher, erwiderte ihn nicht, sondern lies es auf einen Streit ankommen.“

„Warum Streit?“, fragte Leutan.

„Ich war damals noch zu jung, um für mich die weitreichenden Konsequenzen dieser Gefühle zu erahnen und ich dachte Arndt wollte mich provozieren, meine Karten offen dazulegen.“

„Was sie durch den Streit verhindert haben.“

„Ja.“

„Was geschah dann?“

„Er schnappte seine Sachen und verschwand aus meinem Raum. Am nächsten Tag wurde sein zerstörter Gleiter gefunden, den Rest wissen sie.“

Hanris schaute nachdenklich auf ihr Essen.

„Wir können nicht genau sagen, ob dieser Arndt aus freien Stücken zu den Hoktianer kam, oder eventuell entführt wurde, wie ihr Kollege Urban.“

„Nein können wir nicht, was aber voraussetzt, dass die Hoktianer auf der Erde gewesen sein mussten“, antwortete ich darauf, „und das wäre sicherlich bemerkt worden, oder mir mittlerweile bekannt.“

„Nicht unbedingt, er könnte auch die Erde verlassen haben“, meinte Hanris.

Ich schaute meine beiden Freunde an und war noch gefangen im Gedanken an Arndt, da kam mir plötzlich ein anderer Gedanke.

„Ich weiß, es ist vielleicht etwas weit hergeholt, beide Völker sowohl unsere Hyrditen sowohl die bei den Hoktianer haben die gleiche Signatur, doch eines ist anders.“

„Was meinen sie?“, wollte Leutan wissen.

„Während das Volk, dass auf ihrem Planeten weilt Leutan, es bisher nur fertig gebracht hat, sich mit einem Menschen zu vereinen, bringt das Volk bei den Hoktianer einen Klon nach dem anderen hervor.“

„Und das heißt?“

„Das es zwar sich um ein Volk handelt, aber sich zwei unterschiedliche Rassen hier bekämpfen. Und ich gehe jetzt nicht nur von unserem Erdenvolk aus, wo dies lange Zeit Kriege hervorgebracht hat. Überall im Universum gibt und gab es solche Kriege.“

„Das würde die hohe Zahl der zerstörten Schiffe erklären“, meinte Hanris, „den Hyrditen muss doch klar sein, dass sie Ihresgleichen mit zerstören, oder?“

Ich nickte.

„Das würde auch erklären, warum nicht ein Schuss auf diese Station auch nur einen Kratzer erzeugt. Beide Völker haben sich unterschiedlich entwickelt.“

„Da ist etwas dran, Peter“, kam es von Leutan, „und um diesen Gedanken aufzunehmen, würde es auch andere Dinge erklären.“

„Was zum Beispiel?“, fragte ich.

„Ich kann mir vorstellen, dass dieses andere Volk genauso Versuche angestellt hat, wie die unsrigen und sehr schnell gemerkt haben, dass es keine Verbindungen geben kann.“

„Und was ist mit den Hoktianern?“, warf ich ein, „Gabriel hat gesagt, dass diese von der Energie der anderen zusammen gehalten werden, also ohne sie nicht lebensfähig wären. So muss dieser Verbund schon einige Zeit bestehen.“

„Sie haben Recht, Peter, aber warum die Hoktianer? Wesen aus Stein…“

Auch Leutan sah mich ratlos an. Ich griff an meinen Kommunikator.

„Staffone Fontaine, wo befinden sie sich gerade?“

„Auf der Brücke, Sir.“

„Kommen sie zu mir!“

„Ey Sir.“

„Was haben sie vor?“, wollte Botschafterin Hanris wissen.

„Einige Fragen stellen, denn in unserem Gedanken befinden sich einige Denkfehler, die ich mit den Antworten von meinem Staffone beheben möchte.

*-*-*

Wir hatten uns mittlerweile in den kleinen Konferenzraum zurück gezogen um ungestört zu sein. Der Beschuss der feindlichen Flotte ging weiter, ohne aber uns einen Schaden zuzufügen.
Während wir am Tisch saßen hatte die die Runde erweitert. Außer Botschafterin Hanris, Leutan und ich, waren nun auch Chief Lewis und auch Doktor Eilieen am Tisch anwesend, natürlich auch Gabriel, der es aber wie immer vorzog, zu stehen.
Ohne irgendwelche Dinge unserer Vermutung preiszugeben, wandte ich mich an Eilieen.

„Eilieen, sie sagten, dass die Signatur der verstorbenen Schiffbrüchigen und Staffone Gabriel gleichen.“

„Ja, auch wenn es ein paar kleine Abweichungen gibt.“

Mein Blick fiel kurz auf Leutan und Hanris.

„Warum fragen sie?“

„Ich habe da eine Vermutung. Bei uns auf der Erde sind unsere Signaturen auch alle dieselben, oder?“

„Im weitesten Sinne ja, auch wenn es die verschiedenen Abweichungen der verschiedenen Völkergruppen gibt.“

„Also sie meinen, ich habe eine andere Signatur als Co Cat Shown.“

„Ja, sie sind kaukasischer Abstammung und Cat Shown Asiatischer.“

„Könnte dies auch auf das Hyrditenvolk bezogen werden, dass die Hyrditen hier und die auf den anderen Schiffen unterschiedliche Merkmale aufweisen?“

„Das kann schon möglich sein, würde auch einige Dinge im Medizinischen erklären.“
Mich wunderte, dass Gabriel sich noch nicht zu Wort gemeldet hatte.“

„Du meinst“, mischte sich Lewis ein, „dass es zwar ein Volk, aber unterschiedlicher Herkunft ist?“

„Ja.“

„Und mit Hilfe von uns einen Krieg angezettelt haben. Naja, die Hilfe nehmen sie sich einfach, es hat uns niemand gefragt, ob wir dies wollen.“

„Chief O‘ Kingley, ich versichere ihnen, bisher haben die Hyrditen keinerlei kriegerischen Ambitionen gezeigt“, warf Leutan ein.

„Ich glaube ihnen gerne Botschafter Leutan, aber was im Augenblick stattfindet, sagt uns etwas anderes, ich habe eben das Gefühl, irgendwie benutzt zu werden.“

Lewis schaute mich bei diesen Worten an.

„Das bezweifle ich, Lewis, bisher haben wir nur Positives über dieses Volk zu vermelden. Schau dir die Station an, nichts an ihr hat irgendwelche Nachteile für uns gebracht, eher das Gegenteil“, sagte ich.

„Das war auch nur ein Gedanke von mir.“

„Aber wie bringt uns jetzt diese Erkenntnis weiter?“, wollte Eilieen wissen, etwas an ihr fing an zu fiepen.

Zum Vorschein kam ein kleines Pad.

„Das ist interessant“, sagte sie vor sich hin und wandte sich an mich.

„Staffone Fontaine hat veranlasst, jedes ankommende Schiff zu scannen.“

„Wegen eventueller feindlicher Übergriffe?“, fragte Harris.

Eilieen nickte.

„Dabei hat er wohl auch unabsichtlich diesen Arndt, oder wie sie ihn nennen, erfasst und gescannt.“

„Ja und?“, fragte ich.

„Der Arndt, mit dem sie gesprochen hatten, war ebenso wie die anderen ein Klon.“

Allgemeine Ratlosigkeit machte sich am Tisch breit. Dieser Arndt war ein Klon, was vielleicht auch sein jugendliches Aussehen erklärte, gab es aber noch den richtigen Arndt? Mein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht und blieb am Schluss bei Gabriel hängen. Ich stand auf und stellte mich vor ihn.

„Was denken sie darüber Staffone Fontaine?“

„Sir?“

Ich wusste nicht, wie viel noch von Gabriel in diesem Körper vorhanden war. Bei den letzten Gesprächen mit ihm, antwortete er nur immer mit WIR, also im Verbund mit den Hyrditen.

„Sie müssen doch eine eigene Meinung zu diesen Vorfällen haben.“

Die anderen schauten mich verwundert an.

„Kann ich offen sprechen, Sir?“

Also schien doch noch ein Teil meines Staffone vorhanden zu sein, er hatte „ICH“ gesagt.

„Ja, das ist mein Wunsch.“

„Ich schließe mich ihrer Theorie an, Commander. Als wir den Körper dieses Hoktianers gemeinsam mit Doktor Ross untersuchten, fielen mir diese kleinen Unterschiede auf, waren aber meiner Meinung nicht von Belang.“

Gabriels Stimme war normal, aber ohne jegliche Emotion. Eilieen wollte etwas sagen, aber ich hob meine Hand und sie unterließ es.

„Und dass sich ihr Bruder oder sein Klon, auf einer der feindlichen Schiffe befindet, haben sie auch dazu Gedanken?“

Mit tat Gabriel Leid, denn mein sarkastischer Ton war eigentlich unangebracht und auch nicht für ihn bestimmt, eher mehr für seinen körperlichen Mitbewohner. Aber ich wusste nicht, wie viel von dem Gabriel übrig geblieben war, also den Gabriel, den ich zu Anfang kennen gelernt hatte.
Seine Gefühle, wie Angst und Traurigkeit waren völlig verschwunden, oder unterdrückt worden. Sein Blick war starr und schaute mir direkt in die Augen.

„Er kam mir recht jung vor…, er war so, wie ich ihn zu Letzt in Erinnerung habe. Ich weiß nicht, unter welchen Einfluss er steht…“

So war die Frage geklärt und er sprach noch für sich.

„Es ist ihr Bruder…! Empfinden sie nichts?“

„Sir, wie ich ihnen bereits mitgeteilt habe, war ich noch sehr jung, als mein Bruder auf der Erde verstarb, für mich ist dieser Mann auf dem Bildschirm ein Fremder, der meinem Bruder ähnlich sieht, soweit ich mich an ihn erinnern kann.“

Keinerlei Mimik in seinem Gesicht war zu erkennen. Keine feuchte Augen, kein Zittern des Körpers. Das brachte mich nicht weiter. Ich wandte mich ab und umrundete den Tisch, an dem die anderen saßen.

„Die Hoktianer sind eine Kriegerkaste, die wie Leutan meinte, bis zum letzten Mann kämpft. Verzeihen sie mir meine wörtlichen Vergleiche mit der Erde. Aus welchem Grund sie uns hier angreifen, ist uns unbekannt, also ich meine, wir wissen schon, dass es wahrscheinlich sich um einen Krieg zwischen diesem Volk handelt, aber nicht warum sie sich bekriegen.“

„Dieser Arndt meinte, was wir hier verloren hätten“, warf Lewis ein, „ich weiß nicht, was er damit meinte, denn es ist jetzt schon die neunte Station, die sich auf den gleichen Koordinaten befindet und jedem Volk bisher bekannt.“

„Die Station gab es schon zu meiner Akademiezeit, also müsste Arndt darüber Bescheid wissen. Wobei ich anmerken muss, dass die Station zu der Zeit Zielscheibe vieler Attacken war und beschlossen wurde, sie neu aufzubauen“, erklärte ich.

„Eine weitere Frage wäre, warum so viele Klone, was bezwecken sie damit?“, fragte Eilieen, „sie müssen doch mittlerweile bemerkt haben, dass diese… Wesen nicht lange leben.“

Mein Blick wanderte wieder zu Gabriel. Er musste der Schlüssel zu all diesem sein.

„Gabriel“, dieses Mal redete ich ihn nicht förmlich an, „ich weiß, dass sie dank der Hyrditen über ein sehr großes Wissen verfügen, können sie mir irgendetwas Historisches über die Hyrditen erzählen?“

„Darüber liegen mir keinerlei Informationen vor.“

„Besteht die Möglichkeit… sie irgendwie zu fragen?“

Ich hob die Hände, zuckte mit den Schultern und schaute ihn fragend an. Er schloss kurz die Augen und blickte mich dann wieder an.

„Es wird beraten, ihnen diese Frage zu beantworten.“

Mich sollte es eigentlich wundern, warum die Hyrditen nicht viel früher durch Gabriel zu uns gesprochen haben, aber nachdem, was alles schon vorgefallen war, war ich auf alles gefasst.

„Commander?“, meldete sich Ensign Spencer über den Kommunikator.

„Ja?“

„Der Beschuss hat aufgehört, aber es treffen trotzdem weiterhin neue Schiffe ein.“

„Sir?“, meldete sich Cat.

„Ja Cat?“

„Es wurde eine Mitteilung gesendet, ob sie zu einem Treffen bereit wären.“

„Treffen?“

„Ja!“

„Irgendwelche Bedingungen?“

„Sie sollen alleine kommen und das Treffen soll auf Alletun stattfinden.“

„Eine Falle…!“, meldete sich Lewis.

„Und wenn nicht?“

„Ich gebe Chief O’Kingley recht, das ist bestimmt eine Falle“, warf Botschafterin Hanris ein.

„Ihre Besorgtheit ist lobensweit, aber wenn ich nicht zustimme, wird der Beschuss der Station weiter gehen und ich weiß nicht, wie lange die Kraft der Hyrditen reicht, diese Station zu schützen.“

„Ich werde mitgehen!“, kam es von Gabriel.

Ich schaute zu Lewis, der tief durchatmete, mit der Schulter zuckte und mich ratlos dabei ansah.

„Cat?“

„Ja Sir?“

„Senden sie eine Mitteilung an den Adressat zurück, dass ich mich in einer Stunde auf dem Alletunischen Felsen einfinden werde.“

*-*-*

Wir befanden uns nun schon eine viertel Stunde am vereinbarten Treffpunkt, aber nichts tat sich.

„Ich sagte, du sollst alleine erscheinen.“

Ich fuhr herum und sah Arndt hinter einer kleinen Felsgruppe hervor kommen. So überlegte ich nicht lange und setzte alles auf eine Karte.

„Ich dachte, ich bringe deinen kleinen Bruder mit, du hast ihn schließlich… vierzehn Jahre nicht gesehen.“

Vor mir stand Arndt, wie ich ihn am letzten Abend bei unseren Streit in Erinnerung hatte, er war kein bisschen gealtert, im Gegensatz zu mir. Er musterte mich und dann Gabriel.

„Das ist nicht Gabriel!“

„So wie du nicht Arndt bist!“

Ein kurzes Schweigen folgte.

„Ich gebe zu, nach der Verbindung mit den Hyrdaten, habe ich mich wenig verändert, wirkt wie eine Verjüngungskur mit denen.“

Hyrdaten? Er nannte sie anders und der verwandte Genpool der Brüder schien wohl für beide eine Plus für die Verbindung gewesen zu sein. Aber das war er wieder, der alte Arndt, wie ich ihn kannte, etwas flapsig in seiner Art, aber etwas überheblich.
Ein Unterschied zu Gabriel, der immer noch weder eine Regung noch Emotionen zeigte.

„Was willst du?“

„Das fragst du mich?“

„Ja!“

Sein Blick schweifte kurz zu Gabriel, dann wieder zu mir. Seine Augen verengten sich.

„Vierzehn Jahre ist es her und ich frage mich immer noch, warum du einen Streit angezettelt hast.“

„Weil ich das nicht wusste, was ich heute weiß.“

Arndt schaute mich fragend an und ich wusste keinen Grund ihm die Wahrheit zu verschweigen.

„Ich hatte mich in dich verliebt und dachte mit deinem Kuss willst du mich nur provozieren und verarschen.“

„Verarschen? Wer hier wen gerade verarscht, ist nicht die Frage.“

„Wieso?“

„Warum bist du wirklich hier mit diesem Monstrum einer Station.“

„Dieses Monstrum, wie du es nennst, existiert schon seit 76 Erdenjahren, zwar nicht in dieser Form, aber immer auf denselben Koordinaten.“

„Das kann nicht sein…“

„Ist es aber. Aber ich kann genauso die Frage stellen, was willst du hier?“

„Ihr seid in unseren Raum eingedrungen.“

„Euren Raum? Meinst du Sektor 57?“

„Es ist mir egal wie du diesen Sektor nennst, ihr habt da nichts verloren…“

„Entschuldige, bisher wussten wir nichts von den Hoktianer, auch nicht, dass es sich um eine Kriegerkaste handelt.“

Arndt schaute mich durchdringend an.

„Wie bist du denn an die geraten und überhaupt, was ist damals geschehen. Deine Eltern denken sicher heute noch, dass ich schuld an deinem Tod…, entschuldigte vorgetäuschten Tod, Schuld bin.“

„Meine lieben Eltern, denen war ich doch sowieso egal, nichts, rein gar nichts konnte ich ihnen recht machen. Ich habe nach unserem Streit einfach die nächste Fähre zum Mars genommen…, naja und irgendwie durch einen dummen Zufall, traf ich auf die Hoktianer.“

„Dummen Zufall… aha.“

So kam ich nicht weiter. Der fadenscheinige Grund, wegen unserer Raumübertretung wollte ich nicht glauben und außerdem beantwortete es nicht meine anderen Fragen. Dennoch wusste ich nicht, wie ich die Sache angehen sollte, ohne Gefahr zu laufen, wieder alles in einem Streit enden zu lassen.

„Schnell merkten die, dass ich mit meinem großen Wissen über Raumkunde sehr hilfreich war.“

„Und wie kommt es, dass ihr nie die Erde angegriffen habt?“

„Sagen wir es mal so, ich habe viel aufgegeben, aber meinen Herkunftsplanet wollte ich nicht aufgeben… vielleicht eine romantische Ader an mir.“

„Ich habe mich zwar damals in dich verliebt, aber eine romantische Ader konnte ich nicht entdecken.“

„Und wie sie es heute aus?“

„Was?“

„Bist du immer noch in mich verliebt?“

„Wenn du damit meinst, dass ich mich bis heute Gewissensbisse plagen, dich wirklich auf dem Gewissen zu haben, ja. Aber unter den gegebenen Umständen, dass vierzehn Jahre dazwischen liegen, empfinde ich nichts mehr für dich.“

„Dich und Gewissensbisse plagen, den großen Peter Clifferton, Commander einer großen Raumstation… du wolltest immer hoch hinaus, schon damals.“

„Damals? Das zeigt mir, dass du mich nie richtig gekannt hast. Mein sicheres Auftreten hatte ich nur dir zu verdanken, weil du in meiner Nähe warst, ich mich sicher fühlte.“

„Mach dich nicht lächerlich…“

Ich zuckte mit der Schulter und das Gespräch fing an mich zu langweilen. Auch wunderte es mich, dass er überhaupt nicht weiter auf Gabriel reagierte, als wäre dieser überhaupt nicht vorhanden.
Arndt schritt bedrohlich nah auf mich zu. Sein Gesicht zeigte ein fieses Grinsen, wie ich es noch von früher kannte. Hinter mir hörte ich Gabriel, der sich anscheinend ebenso auf mich zubewegte.
Ich hob die Hand und er blieb stehen.

„Du hast mir aber immer noch nicht die Frage beantwortet, was willst du hier?“

Ich sah lange in Arndts Augen.

„Ich sagte dir schon, wir sind recht lange hier und ich habe seit fast neun Jahren dieses Kommando unter mir. Was deine Frage aber sicherlich nicht beantwortet. Aber das beruht ja auf Gegenseitigkeit.“

Arndt drehte sich weg und lief an den Rand der Lichtung.

„Unsere Messwerte haben ergeben, dass sich hier eine Energie befindet, die der meines Volkes sehr ähnelt.“

Seines Volkes, wen meinte er jetzt, die Hoktianer oder die Hyrdaten. Das Gespräch mit Eilieen und Gabriel fiel mir wieder ein. Die Hoktianer existierten nur, mit Hilfe der Energie der Hyrdaten.

„Und ihr wolltet euch dieser Energie bemächtigen?“

„Nein!“

„Er lügt“, meldete Gabriel sich überraschender Weise zu Wort.

Arndts Blicke wanderten zu Gabriel.

„Was bist du?“, fragte Arndt sauer.

„Staffone Gabriel Fontaine und Berater des Kommandeurs.“

Arndt schaute kurz zu mir, bevor er näher zu Gabriel trat.

„Du bist nicht Gabriel…“

„Wir sind Gabriel…“, kam es von Gabriel, also sprachen wieder die Hyrditen.“

„Was habt ihr mit meinem Bruder gemacht?“

Bevor Arndt antworten konnte, begann sich ein Lichtfeld um ihn aufzubauen und nach und nach verschwand er. Wenige Sekunden später war der Spuk vorbei, Gabriel und ich alleine.

„Sir, ich weiß nun alles über die Beweggründe meines Bruders.“

Nun redete Gabriel wieder mit mir.

*-*-*

„Irgendetwas Neues?“, fragte ich, als ich die Brücke betrat.

„Nein Sir“, antwortete Spencer, ohne sich zu mir herum zudrehen, „keinerlei Beschuss, aber es werden immer mehr Schiffe.“

„Was soll das für eine Strategie sein?“, fragte Lewis neben mir, „seine Übermacht hilft ihm auch nicht weiter, das haben wir in den letzten Stunden gesehen.“

Ich drehte mich zu Lewis.

„Er braucht Zeit, um sich etwas anderes zu überlegen.“

„Und wenn ich mich einfach ausliefere?“, mischte sich nun Gabriel ein, „dann hat alles ein Ende.“

Lewis und die anderen sahen mich fragend an. Leutan nickte mir sanft zu, der hinter Hanris stand.

„Gabriel, über diesen Punkt brauchen wir nicht zu diskutieren“, meinte ich ruhig, denn es wird sich an der Situation nichts ändern.“

„Dieses ganze Aufgebot, nur weil sie Gabriel wollen?“, fragte Doc Eilieen.

Ich nickte.

„Sie denken, Gabriel ist das fehlende Stück…“, aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Gabriel zu schwanken begann und versuchte sich irgendwo festzuhalten.

Einen Schritt und ich konnte ihn noch gerade vor einem Sturz bewahren. Eilieen war sofort neben mir.

„Gabriel…?“

Ich bekam keine Antwort.

„Sofort auf die Krankenstation mit ihm“, kam es von Eilieen.

*-*-*

Ich lief den Flur auf und ab, denn Eilieen hatte mich aus ihrem Labor verbannt.

„Peter?“, hörte ich eine vertraute Stimme, die mich aus meinen Gedanken riss.

Urban begleitet von Leutan.

„… was… was kann ich für euch tun?“, fragte ich, immer noch halb woanders mit den Gedanken.

„Das war eigentlich unsere Frage gewesen, was wir für dich tun können?“

Ich winkte ab.

„Lewis erzählte mir, dass ihr niemanden für die Technik habt…, wenn du es erlaubst, würde ich gerne etwas tun und mich dort behilflich machen“, sagte Urban leise.

„Urban…, wer hat… von wem hattest du die Order für Sektor 56?“

„Ich kann deinen Gedankengängen zwar nicht ganz folgen, aber der Befehl kam von ganz oben, auch dass wir uns wenn möglich von Sektor 57 fernhalten sollten.“

„Von der Admiralität?“

„Nein, der zivilen Verwaltung?“

„Zivil? Seit wann mischen die sich in militärische Belange ein.“

„Peter, du weißt, ich als einfacher Commander, stelle keine Fragen. Ich folge nur den Befehlen. Aber warum warst du der Meinung, der Befehl kam aus der Admiralität, wenn es um Rohstoffe geht?“

„Du kennst Flottenkommanteur T. H. Hornwell?“

„Wer kennt diesen … nicht! Warum fragst du?“

„Er war kurz nachdem hier alles begann mit seiner Flotte hier, um uns zu beschützen…“

„Beschützen vor was?“

Diese Frage kam nun von Leutan.

„Hornwell sagte, er hätte diese Meldung bekommen, dass die Station in Gefahr wäre, noch bevor wir eigentlich richtig wussten, dass wir in Gefahr sind.“

„Sir?“, meldete sich (AO) Gregory Dormant über den Kommunikator.

„Ja, was ist?“

„Sir wir haben wieder einen hohen Anstieg von Energieverbrauch im Maschinenraum.“

„Ich geh schon“, meinte Urban und verließ uns.

„Commander Urban wird gleich im Maschinenraum eintreffen, weiß man schon wo auf der Station der hohe Verbrauch besteht?“

„Krankenstation!“

Entsetzt schaute ich Leutan an.

*-*-*
Immer noch hatte ich die Bilder vor mir, als Mike in meinen Armen starb. Aber sie vermischten sich mit dem Kuss und dem Streit mit Arndt. Was empfand ich damals für Arndt, war es ein Schwärmen oder gar schon Liebe.
Dass es so ausgegangen war, daran konnte niemand mehr etwas ändern und sich zu fragen, was wäre wenn, diese Bürde wollte ich mir nicht auch noch auflasten, ich hatte schon genug Probleme und das jetzige hieß Krankenstation.
Etwas außer Atem kam ich auf der Ebene an. Leutan schien dieser Sprint nichts aus zumachen, er atmete ganz normal, wobei, was war normal bei Leutan? Wieder kroch die Erinnerung durch meinen Kopf, aber etwas war anders.
Das Licht war normal und auch keinerlei Schäden waren zu sehen.

„Doc?“, rief ich laut.

Keine Meldung. Ich griff nach meinem Kommunikator.
„Cat, wo befindet sich Doc Ross.“

„Auf der Krankenstation, Sir!“

Ich verdrehte die Augen.

„Wo genau?“, sagte ich etwas genervt.

„In ihrem Labor…“

„Danke…Ende!“

Leutan folgte mir dicht auf und so betraten wir wenig später das Labor.

„Eileen?“, rief ich wieder laut.

„Äh… ja?“, meldete es sich plötzlich neben mir.

Ich zuckte etwas zusammen.

„Alles in Ordnung?“

„Wenn sie mich meinen eindeutig ja, aber über den Zustand von Staffone Gabriel Fontaine kann ich ihnen nichts näher sagen, die Messgeräte spielen verrückt.“

„Wo ist er?“

„Da drüben in der Isolierkammer.“

„Aber, warum…?“

„Fragen sie nicht, ihr Staffone wollte es so.“

„Kann man hinein schauen?“

„Nein, der Raum hat weder Fenster noch Kameras, die wahrscheinlich ohnehin nicht gehen würde.“

Fragend schaute ich Leutan an, der mit der Schulter zuckte.

„Der Maschinenraum meldete eine drastische Erhöhung ihres Strombedarf und…“

„… da dachte sie, es passiert das Gleiche, wie beim letzten Mal. Nun, dass irgendetwas da drin vorgeht, denke ich mir, schon alleine wegen der Anzeigen. Nur dass Staffone Fontaine sich ja schon verwandelt hat und ich nicht weiß, wofür er dieses Mal diese Energie braucht.“

„Vielleicht entwickelt er sich weiter…“, warf Leutan ein.

„Wie meinen sie das?“, fragten Eilieen und ich fast gleichzeitig.

„Sie haben alle diesen Kommandeur der anderen Streitmacht gesehen und aus den Worten von ihnen Peter schließe ich, dass er eine ähnliche Veränderung wie Gabriel durchgemacht hat, nur dass er eben, wie ein normaler Mensch aussieht.“

„Das wäre einleuchtend“, meinte Eilieen, während ich nickte.

„Sir?“, meldete sich Lewis.

„Ja Chief, was ist?“

„Der Energiebedarf der Krankenstation geht zurück und der Ring des Gegners zieht sich immer enger um die Station.“

„Alles feindliche Schiffe?“

„Ja, ausschließlich!“

„Komisch, beim ersten Angriff war unser lieber Freund Flottenkommanteur T. H. Hornwell gleich zur Stelle.“

„Ich denke, er würde es auch nicht bis zur Taurus schaffen.“

„Darüber bilde ich mir keine Urteil, Lewis sie kennen meine Einstellung.“

„Ey Sir.“

*-*-*

Mittlerweile war der Energiebedarf des Labors auf einem normalen Level, auch alle Instrumente funktionierten wieder, auf welche wir jetzt starrten.

„Das kann nicht sein…“, kam es von Eilieen.

„Was?“, fragte ich.

„Also, wenn ich den Angaben Glauben schenken darf, hat sich Staffone Fontaine komplett zurück entwickelt, ich kann keinerlei Anwesenheit der Hyrditen in seinem Blut feststellen, halt fast nicht, in seinem Hirn befinden sich einige wenige, aber eher Bruchteilhaft.“

Bevor ich etwas sagen konnte, wurde die Luftschleuse zur Kammer geöffnet und Gabriel trat heraus. Ich beäugte ihn, ohne etwas zu sagen. Er schien wirklich wieder normal, aber er war noch genauso muskulös wie vorher.

„Alles in Ordnung“, fragte Eilieen als erstes.

„Ich glaube ja“, meinte Gabriel leise.

Sie griff nach seinem Handgelenk und maß seinen Puls. Mit großen Augen schaute mich Gabriel an.

„Sind sie weg?“, fragte ich.

„Wer?“

„Die Hyrditen?“

Konnte ich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen ausmachen? Er schüttelte den Kopf.

„Nein, sie sind noch da, aber nicht so wie vorher. Ich höre sie in meinem Kopf und es stehen mir auch alles Informationen zur Verfügung, aber sie sind nicht mehr in meinem Blut.“

„Doc?“, schaute ich etwas irritiert Eilieen an.

„Ich kann ihnen auch nicht erklären was vorgegangen ist, ich bin ratlos.“

„Ich kann ihnen auch nicht weiter helfen“, sagte Leutan.

*-*-*

Wir saßen in meinem privaten Räumen. An der Lage außerhalb der Station hatte sich nicht geändert. Einzig, dass sich immer weniger Wurmlöcher öffneten. Der Gegner erreichte wohl seine endgültige Zahl.
Nervös spielte Gabriel mit seinen Fingern. Bisher hatte nicht einmal den Kopf gehoben. Er schien wieder ganz der Alte zu sein. Laut Eilieen war er bei bester Gesundheit und sämtliche andere Körperfunktionen waren wie zuvor, völlig intakt.
Einzig allein sein Wissenstand, der war auf dem hohen Niveau geblieben, als er noch mit den Hyrditen verschmolzen war. Auch das wohl eine Art Verbindung mit den Hyrditen weiterhin bestand.

„Geht es dir gut?“, fragte ich.

Verunsichert schaute er auf.

„Ja…“, kam es leise von ihm.

Ich wusste nicht warum, aber plötzlich war da so ein Gefühl in mir, welches den Drang auslöste, ihn beschützen zu wollen. Das Gefühl sagte mir, nehme ihn in den Arm, aber mein Verstand weigerte dem zu folgen.
Dennoch stand ich auf, ging zu ihm hin und kniete mich neben ihn. Dann legte ich meiner Hand auf seine. Ich spürte ein leichtes Zittern.

„Du hast Angst?“, fragte ich sanft.

„Ja.“

Seine Antwort war fast nicht zu hören, seine Lippen hatten sich nur minimal bewegt.

„Ich versichere dir nochmal, eine Auslieferung steht nicht zur Debatte, du bleibst bei mir!“

Er schaute nun direkt in meine Augen. Tränen rannen über sein Gesicht.

„Warum…, warum machst du das?“

„Was meinst du?“

„Warum willst du, dass ich bei dir bleibe.“

„Ich habe schon zwei Menschen verloren, die mir wichtig waren, ich möchte das nicht noch einmal durchleben müssen, ich weiß nicht, ob ich nochmal die Kraft dafür könnte.“

„Ich bin dir wichtig?“

„Ich könnte jetzt sagen, jede Person meiner Mannschaft ist mir wichtig, aber du…, du bist mir irgendwie sehr ans Herz gewachsen.“

„Wegen meinem Bruder?“

Ich griff in sein Gesicht und wischte ihm die Tränen weg. Seine Haut war sanft und weich und glühte. So griff ich kurz an die Stirn, aber er hatte kein Fieber.

„Was meinst du damit, wegen deinem Bruder?“

„Du eigentlich meinen Bruder möchtest, ihn in mir siehst…“

„Mag sein, dass du und dein Bruder sich etwas ähneln, aber es hat sicherlich nichts damit zu tun, dass ich für dich mehr empfinde.“

„Ich weiß nicht mehr was ich denken soll…, in meinem Kopf herrscht das Chaos.“

„Soll ich dich vom Dienst befreien und du gehst zu Dr. Ross zurück?“

„Nein, ich weiß vieles nicht, nur eins, dass ich an deiner Seite zu sein habe und…, dass ich das auch will.“

„Okay, dann lass uns mal auf die Brücke gehen.“

*-*-*

Es tat sich nichts. Seit vierundzwanzig Stunden, war der Ring der Gegner nicht mehr gewachsen. Kein Wurmloch öffnete sich mehr. Der Betrieb auf der Station war wieder zur Normalität übergegangen, soweit man dies als normal bezeichnen konnte.
Urban war nun offiziell von mir zum Technical Officer benannt worden. Es freute mich, nun einen weiteren alten Freund an einer wichtigen Stelle sitzen zu haben. Gabriel wurde trotz seines zurückgewonnenen Ichs, immer noch weitgehend gemieden.
So war er ständig bei mir, folgte mir auf Schritt und Tritt, was mich auch nicht störte. Ich hatte ihn lieb gewonnen und der Gedanke tat sich auf, was ich ohne ihn wohl machen würde. Die Trauer um Mike war noch da, aber immer schwebte mir sein letzter Satz vor: Such dir den Richtigen.
War das Gabriel? Er war elf Jahre jünger als ich, eigentlich nicht das, was ich mir immer wünschte und doch war da eine Verbundenheit, über die ich mir noch nicht richtig im Klaren war.
Die komplette Führungsriege war nun im Konferenzraum anwesend. Ich hatte um diese Unterhaltung gebeten, die Botschafter Harris und Leutan waren ebenso zugegen.

„Peter, ich kann ihnen wirklich nicht mehr sagen“, meinte Dr. Ross.

„Wir haben die Scans mehrfach durchgeführt“, meinte Cat, „es wurden auf vielen Schiffen menschliche DNA gescannt, aber eine komplette menschliche Person, konnte wir nicht erfassen, als wären sie abgeschirmt, als wollten sie etwas verstecken.“

„Das betrifft auch sämtliche anderen Völker, die uns bekannt sind“, kam es von (AO) Gregory.

„Ich verstehe aber immer noch nicht, warum uns keine Hilfe gestellt wird, wo ist die Flotte unter Hornwell?“, warf Spencer in den Raum.

„Und sie sind sicher, dass der alleinige Grund für dies hier alles Staffone Fontaine ist?“, wollte Lieutenant Mc Nell wissen, „ich kann mir das nicht so richtig vorstellen, ein solches Aufgebot an Material, für nur eine Person.“

„Das kann niemand“, antwortete ich kurz.

Ich schaute in die Runde.

„Hat niemand einen Einfall, eventuell eine Idee zur Sache?“

Mein Blick fiel auf Cat, die irgendetwas auf ihrem Pad herum tippte und plötzlich mein Blick erwiderte.

„Cat?“

„Sir, es ist vielleicht etwas weit hergeholt… ich habe mich etwas schlau gemacht und die Archive durch gekämmt und bin auf eine Meldung gestoßen, die sich ungefähr mit den Aussagen von diesem Arndt decken.“

„Und die wären?“

„Nach offiziellen Berichten, gab es einen großen Anschlag auf das gentechnische Institut verübt, viele Menschen starben, das bisher gesammelte Genmaterial komplett vernichtet.“

„Genmaterial?“, hackte ich nach.

„Ja zu der Zeit befand man es für wichtig, soviel Genmaterial zu sammeln, wie möglich“, erklärte Dr. Ross, „falls das Gesetz des Klonverbotes auf der Erde irgendwann aufgehoben würde.“

„Davon wusste ich nichts.“

„Davon wusste niemand etwas, es war ein weiteres geheimes Projekt der Regierung, nicht der Militärs, wohlbemerkt! Inoffiziell wurde sämtliches Genmaterial gestohlen, der Anschlag war nur Ablenkung.“

„Und wo befindet sich dieses Genmaterial jetzt?“

„Das ist es eben, der oder die Täter blieben verschollen…“

„Und was hat das Ganze jetzt mit dem hier allem zu tun?“

Diese Frage war an Cat gestellt.

„Erinnern sie sich an das erste Schiff mit Commander Urbans Besatzung?“

Ich nickte.

„Dr. Ross sagte nach den Untersuchungen, dass der Großteil laut Computer als tot gemeldet sind. Dr. Ross berichtete auch, das Commander Urban eine Probe entnommen wurde. Und dann taucht hier der Klon auf.“

Soweit konnte ich folgen.

„Dann wurden wir davon unterrichtet, dass Mediziner auf Botschafters Leutans Planeten waren und dieses Rätsel der verschwundenen Personen zu lösen. Da waren auch Mediziner der Erde dabei.“

„Cat, kommen sie zum Punkt!“, sagte ich genervt.

„Commander Urban sollte Sektor 57 meiden, den Arndt als sein Gebiet auswies. Also musste doch jemand von der Erde über die Hoktianer Bescheid wissen, sich die Genproben und die dazu gehörigen Dateien angeeignet haben. Und dann noch dieses plötzliche Auftauchen von Flottenkommanteur T. H. Hornwell, ich finde das ist alles kein Zufall mehr, sondern gehört alles zu einem Plan, ist gesteuert.“

Da war etwas Wahres dran.

„Ich muss Communications Officer Cat Shown Recht geben, dies hört sich auch für mich plausible an und würde Einiges erklären”, meinte Harris.

„Urban, du hast gesagt, dass deine Befehle von ganz oben kamen?“

„Ja“, bestätigte er meine Frage.

„Dann wäre das wie geklärt, das wer, muss jemand aus der Regierung sein…, aber das warum, da komm ich nicht weiter. Unsere Gentechnik auf der Erde ist schon lange soweit, einen Menschen zu klonen. Warum sich dann mit den Hoktianer verbünden?“

Leutan meldete sich zu Wort.

„Weil sie anscheinend eine Möglichkeit gefunden haben, sehr schnell Klone herzustellen.“

„Nur mit dem Fehler, dass sie schnell sterben“, warf Doktor Ross ein.

„Fantastisch!“, entfleuchte es Gabriel, alle schauten irritiert zu ihm.

„Staffone?“

„Entschuldigen sie Commander, dies ist nur eine These meinerseits, aber es würde alles zusammen passen?“

Ich wusste, dass Gabriel Gehirn immer noch höheres leistete, als unsere Gehirne und er war somit in der Lage, eine Situation besser zu sondieren, etwas im Verbund zu sehen als unser einer.

„Dass es immer wieder Stimmen in der Regierung gibt und gab, die unsere Weltoffenheit zu anderen Völkern kritisieren ist schon lange bekannt. Wenn eben diese Stimmen…, sich nun zusammen getan haben und planen die jetzt Regierung zu stürzen, was wäre dann von Nöten?“

„Ein großes Heer an untergebenen Soldaten“, antwortete Spencer.
„Also warum nicht das Genmaterial nutzen und mit der Hilfe der Hoktianer ein Heer schaffen, dass diese Aufgabe zu übernehmen kann.“

„Aber die Lebensspanne reicht nicht aus, um einen Krieg oder feindliche Übernahme zu inszenieren!“, kam der Einspruch von Dr. Ross.

„Und damit kommt meine Wenigkeit ins Spiel. Irgendein Arzt, der sich bei dem Team bei Leutans Heimatplanet befand, gehört wohl so vermute ich, dieser Gruppe an. So wissen die, über die Hyrditen Bescheid. Irgendwie müssen die auch über mich Bescheid wissen.“

„Das setzt voraus, dass sie jemand von hier informiert hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand aus dieser Runde, dieser Gruppe angehört“, sagte ich.

Ich vertraute dieser Crew blind, sie waren jetzt alle Jahrelang unter mir tätig, jedem würde ich mein Leben anvertrauen.

„Ja, es ist jemand, der von Rang wegen, über alles informiert ist, ständig zur Erde Kontakt halten muss, jemand der dicht an den Commander kommt, ohne dass dies Aufsehen erregt“, erklärte Gabriel ruhig weiter, während mein Blick auf Kate fiel.

Sie stand völlig ruhig auf, zog ihre Waffe und richtete sie auf Gabriel.

„Richtig erraten Bürschchen“, hörte ich ihre Stimme.

Louis zog ebenso seine Waffe.

„Das würde ich bleiben lassen sonst ist Staffone Fontaine ein toter Mann!“

Ich gab Louis ein Zeichen und er warf seine Waffe auf den Tisch.

„So du Mutation, steht gefälligst auf, wir werden einen kleinen Ausflug machen!“, befahl sie Gabriel.

„Warum sollte ich…“

Wo war der ängstliche Gabriel von vorhin, der zerbrechlich vor mir gesessen hatte?“ Wollte er jetzt den Helden spielen?

„Halt die Schnauze und steh endlich auf!“, schrie Kate und drückte die Mündung ihrer Waffe direkt an Gabriels Schläfe.

Was sollte ich tun? Nein, ich konnte Gabriel nicht auch noch verlieren. Ohne weiter nach zudenken, stürzte ich nach vorne, Richtung Kate. Doch sie war schneller zielte auf mich und drückte ab.
Ein stechender Schmerz fuhr in meinem Arm und riss mich nach hinten. Meinem Schrei folgte Kates Schrei und ich sah noch wie sie zu Boden ging, bevor ich am Boden aufschlug.

„Peter!“, schrie Dr. Ross und war sofort neben mir.

Was ist mit Darwsen?“, schrie ich.

„Außer Gefecht gesetzt!“, sagte Cat, die auch neben mir auftauchte.

„Gabriel…?“

„Außer Gefahr!“, lächelte Cat.

„Sie haben Glück, nur ein Streifschuss“, sagte Eilieen und nahm ihren Kommunikator.

„Hier Dr. Ross, dringend ein Notfallteam ins Konferenzzimmer!“, gab sie Befehl.

Leutan und Gabriel tauchten neben mir auf.

„Peter, es tut mir leid, wenn ich eingegriffen habe“, meinte Leutan, „aber ich wollte verhindern, dass jemand stirbt. Naja…, (SO) Darwsen nicht mit einbezogen.“

„Ist ist sie tot?“

„…, nein noch nicht!“

„Was haben sie gemacht?“, fragte Dr. Ross entsetzt und lief zu Darwsen.

Gabriel half mir auf.

„Wir sind darauf nicht stolz, auch wir waren mal eine kämpferische Rasse, was wir aber vor langer Zeit aufgegeben haben. Nur ist ein körperlicher Schutz aus dieser Zeit geblieben“, erklärte Leutan und zeigte auf seinen Arm.

Dort konnte ich kleine spitze Zacken erkennen.

„Jeder Zacken enthält einen kleinen Dorn, den wir in der Lage sind zu schleudern. Jeder ist mit einem Nervengift durchdrängt.“

„Das heißt für Darwsen genau?“

„Nach und nach lähmt es alle ihre Muskeln, zuletzt das Herz.“

Die Tür ging auf und das Notfallteam herein und stürzten sofort zu Dr. Ross.

„Nicht sie“, führ sie die Männer an, „der Commander!“, und zeigte auf mich.

*-*-*

Ich stand neben Kate auf der Krankenstation.

„Warum? Warum haben sie das gemacht, Kate?“

Sie lag vor mir und konnte sich nicht mehr bewegen. Die Augen waren offen und sprechen konnte sie auch noch. Es war ein langsamer schleichender Tod, grausam, aber gerecht? Entweder es versagte das Herz, oder sie erstickte, weil die Lungen versagten. Dr. Ross konnte ihr nicht mehr helfen, das Gift hatte sich bereits im ganzen Körper verteilt.

„Warum? Peter… seien sie doch nicht… so naiv… Kontrolle und Macht ist alles… und das wollen wir… nie wieder abgeben… die anderen beherrschen… gibt uns die Macht… die wir verdient haben…“, sie schnappte nach Luft, „sie…sie…werden… es nicht…stoppen können.“

Ihr Atem ging ruckartig, Eilieen kam zu ihr. Immer kürzer wurden, die Atemstöße, bis sie plötzlich ganz aufhörten. Mit weit aufgerissenen Augen starb Kate und ich hatte die Sorge, dass sie nur ein weiteres unnötiges Opfer dieses Komplotts geworden war.
Ohne ein Wort zu sagen, verließ ich die Krankenstation, machte mich auf zur Brücke. Mein Arm schmerzte, der verbunden in einer Schlinge hing. Als ich im Lift stand und er losfuhr, entledigte ich mich vorsichtig dieser Schlinge und warf sie zu Boden, denn sie würde mich nur hindern.
Als ich wenig später auf der Brücke eintraf, war jeder wieder an seinem Posten.

„Commander auf der Brücke“, rief Louis und alles schaute zu mir.

„Irgendwelche Veränderungen?“, fragte ich und machte es mir auf meinem Stuhl bequem.

„Unverändert“, kam es von Gabriel, der hinter seiner großen Konsole aufschaute.

Wenigstens war ihm nichts geschehen. Aber ein anderes Problem bereitete mir mehr Sorgen, was war zu tun, um dem allem ein Ende zu setzten? Hatten die Hyrditen keine andere Möglichkeit uns zu verteidigen?
Ich stand auf und lief zu Gabriel.

„Gibt es eine Möglichkeit, die Hyrditen zu sprechen?“, fragte ich und schaute ihm direkt in die Augen.

Gabriel nickte.

„Welche Optionen haben wir dies hier schnell zu beenden?“

Wie schon zuvor schloss Gabriel die Augen. Als er sie wieder öffnete, verließ eine einzelne Träne seine Augen.

„Sie wollen ihnen ihre Energie entziehen…“, sagte er leise.

Ich atmete tief durch und senkte den Kopf.

„Das würde bedeuten, die Rasse der Hoktianer würde aufhören zu existieren.“

Er nickte.

„Was ist, wenn sich eventuell doch andere Rassen an Bord befinden?“

„Es sind nur Hoktianer an Bord der Schiffe. Sämtlichen gescannten anderen Lebensformen, ist Genmaterial.“

Ich drehte mich um und schaute jeden einzelnen meiner Crew an. Die Entscheidung ein Volk zu vernichten, um meine Spezies und andere Lebensform auf dem Schiff zu schützen, deren Leben zu bewahren, lag alleine an mir.

„Cat…, verständigen sie bitte alle auf der Station befindlichen Botschafter, ich erwarte sie in einer halben Stunde im Konferenzraum.

*-*-*

Der Raum hatte sich gefüllt, die meisten der Stühle besetzt. Zu meiner Rechten und Linken saßen Harris und Leutan, hinter mir stand Gabriel. Ohne irgendwelchen Schnörkel erkläre ich die Sachlage. Dann machte ich eine kurze Pause, um dies alles wirken zu lassen.

„Meine Frage ist nun, hat irgendjemand von ihnen Bedenken dies zu tun? Ansonsten bitte ich sie, mir ein Zeichen ihres Einverständnisses zu geben.“

Ich musste warten, bis die Dolmetscher verschiedener Völker ihren Botschafter alles übersetzt hatten. Erst kam keine Reaktion. Doch dann erhob sich einer nach dem anderen und nickten. Mir wurde etwas leichter ums Herz, dass ich nicht alleine die Entscheidung getroffen hatte. Trotzdem war mir immer noch nicht wohl in meiner Haut.

„Was wird aus den Hyrditen, die sich hier auf der Station befinden?“, wollte Botschafter Mortrik wissen.

Seine Frage war mehr als berechtigt. Ich wollte gerade antworten, als sich Gabriel hinter mir bemerkbar machte. Ich drehte mich zu ihm um.

„Dürfte ich?“, fragte Gabriel.

Ich nickte und trat etwas zur Seite.

„Die Hyrditen bieten ihr Wissen und ihren Schutz an, im Gegenzug auf dieser Station bleiben zu dürfen. Als Botschafter dieser Lebensform wurde ich erwählt.“

Erstaunt schaute ich Gabriel an, blickte mich aber dann im Raum um.

„Jemand irgendwelche Einwände?“

„Woher wissen wir, dass sie uns nicht auch feindlich gesinnt sind?“

Diese Frage kam ebenfalls von Mortrik.

„Woher wissen wir, dass sie uns nicht feindlich gesinnt sind?“, stellte nun seinerseits die Frage an Mortrik, „laut Commander Clifferton kann diese Station nur funktionieren, wenn gegenseitiges Vertrauen herrscht. Warum dann nicht auch das Vertrauen zu unserer Lebensform?“

Gabriel sprach mit der gleichen Selbstsicherheit, wie bei dem Vorfall mit Kate. Er hatte wir gesagt, also sprachen zuvor auch schon die Hyrditen, um uns zu helfen.

„Also ich stelle den Antrag, die Hyrditen in den großen Kreis der Völker aufzunehmen“, sagte ich laut und zog die Aufmerksamkeit wieder auf mich, während Gabriel wieder einen Schritt zurück trat.

Es kamen keinerlei weiteren Einsprüche.

„Wenn niemand mehr etwas zu sagen hat, dann bitte ich ins Protokoll aufzunehmen, dass sich der Kreis der Völker um eine Lebensform erweitert hat. Ich wünsche die Hyrditen auf der Station offiziell willkommen. Alles Weitere wird ihnen per Kurier zukommen lassen. Ich… ich wünsche uns allen Glück, dass es im Kampf gegen die Hoktianer keine weiteren Verluste unsererseits mehr geben wir…, hiermit schließ ich diese Unterredung.

*-*-*

Ein Schiff nach dem anderen verlor seine Energiesignatur. Wir standen alle da und schauten gebannt auf den großen Monitor.

„Sir, wir werden gerufen!“, kam es von Cat.

Ich schaute zu ihr und nickte kurz.

Vor uns erschien Arndt.

„Damit wirst du nicht durchkommen, wir werden neue Mittel und Wege find…“

Mitten im Satz hörte er auf zu reden und fiel in sich zusammen, die Verbindung brach ab. Es versetze mir ein Stich ins Herz. Es war, als würde ich Arndt zum zweiten Mal verlieren, obwohl ich nicht mehr die gleichen Gefühle hegte, wie damals.
Ich drehte mich um.

„Spencer, sie haben die Brücke!“, sagte ich und verließ die Brücke, ohne mich noch einmal umzudrehen.

In meinem Quartier angekommen, lehnte ich mich gegen das verschlossene Schott und atmete tief durch. Hatte dies alles sein müssen? Nur weil ein paar Querdenker mit der Situation nicht zufrieden waren, hatten sie uns in diese Lage gebracht.
Ich drückte meinen Code ein und der Schott öffnete sich. Ich betrat meine Räume. Irgendwie war die Luft aus mir heraus und ich stand einfach nur da. Was sollte ich jetzt tun? Ein Signal machte mich darauf aufmerksam, dass jemand vor meiner Tür stand.

„Ja?“

„Staffone Gabriel Fontaine“, meldete es sich vor dem Schott.

„Öffnen!“, befahl ich und der Schott glitt auseinander.

Gabriel trat ein. Ich sah ihn fragend an.

„Sie sollten sich etwas ausruhen, Sir.“

Ich atmete aus und ging auf ihn zu. Langsam hob ich meine Arme und zog ihn zu mir.

„Wir sind alleine…“, hauchte ich in sein Ohr.

Plötzlich spürte ich seine Arme und Hände auf meinem Rücken, die mich fest an ihn pressten.

„Hast du arge Schmerzen?“, hörte ich nun wieder Gabriels zerbrechliche Stimme.

„Es geht“, antwortete ich und ließ ihn los, „alles in Ordnung?“

Gabriel nickte.

„Die…, die anderen möchten wissen, wie es nun weiter geht.“

Ich ließ mich erschöpft auf den Sessel sinken, während sich Gabriel es neben mir auf der Couch bequem machte.

„Gute Frage. Ich könnte mir vorstellen, dass sich nicht alle Schiffe auflösen werden, weil sie einem anderen Volk gehören. Darum soll sich Spencer kümmern, wenn auf irgendwelche Schiffe keine Ansprüche angemeldet werden, dann vergrößert sich unsere eigene Flotte eben.“

Gabriels Kommunikator machte sich bemerkbar.

„Staffone, die Agassis hat sich gemeldet…“

„Hornwell…“, meinte ich und Gabriel nickte.

„Cat?“, meldete ich mich nun.

„Ja Sir?“

„Landeerlaubnis erteilt, auf Hanger 43! Den Hanger räumen lassen! Chief Lewis soll sich mit den neuen Rekruten in Begrüßungsuniform melden! Und ein Geschwadertrupp gemeinsam mit Spencer soll sich bei mir dort ebenso melden, in voller Bewaffnung!“

„Aye, Sir!“

„Was hast du vor?“, fragte mich Gabriel.

„Flottenkommanteur T. H. Hornwell gebührend begrüßen, was sonst. Könntest du mir in ein neues Hemd helfen?“ lächelte ich Gabriel an.

*-*-*

Die Agassis wirkte hier im Hanger 43 klein, trotz ihrer emensen Größe. Die neuen Rekruten hatten sich zur rechten und linken Seite aufgestellt. An ihrer Spitze stand Chief Louis O`Kingley, der sich sichtlich unwohl fühlte.
Hornwell kam wie erwartet als erstes die Gangway herunter. Er sprühte regelrecht vor Arroganz. Ich hielt mich mit Spencer und seinen Männern weiter hin versteckt. Dicht neben mir gekauert, kniete Gabriel neben mir.

„Chief O`Kingley, es freut mich zu sehen, dass sie wohl auf sind“, hörte ich Hornwell‘s Stimme.

„Die Freude ist ganz meinerseits“, entgegnete Louis

Das war eindeutig gelogen und ich musste grinsen. Wie erwartet, kam er dieses Mal nicht alleine, sondern hatte seine bewaffneten Lakaien dabei.

„Ich hatte eigentlich (SO) Kate Darwsen erwartet…“

„Die wird nicht erscheinen!“, rief ich laut und verließ mein Versteck.

Sichtlich verwirrt, schaute Hornwell in meine Richtung. Ich nahm war, dass Hornwell’s Männer ihre Hände langsam auf ihre Waffen legten.

„Clifferton“, kam es im verächtlichen Ton von Hornwell.

„Ja, damit hätten sie nicht gerechtet! Hornwell, es tu mir leid sagen zu müssen, dass sie aufgeflogen sind…“

Es war mir eine Wohltat, dies ihm ins Gesicht zu sagen. Wie auf Kommando erschien Spencer mit seinen Leuten und umzingelte die mitgebrachten Lakaien.

„Das Spiel ist aus Hornwell. In diesem Augenblick werden auf der Erde ihre Gefolgsleute festgenommen…“

„Sie dreckiges…“

„Na, wer wird denn gleich ausfallend werden? Abführen und Schiff sichern!“

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Hornwell seine Waffe zog, aber er kam nicht mehr zum Schuss. Getroffen sank er in sich zusammen. Ich drehte mich zu Gabriel, der mit gezückter Waffe, immer noch Richtung Hornwell zielte.
Langsam sank sein Arm, während der Hanger von anderen Truppen der Station gestürmt wurde. Langsam lief ich zu Gabriel, der seine Waffe wieder in den Halfter zurück steckte.

„Danke!“, meinte ich und lächelte.

Er atmete tief durch und sah mich frech an.

„Hattest du nicht gesagt, du willst mich beschützen, immer bei mir sein?“, sagte er leise.

Verwundert grinste ich ihn an.

„Anscheinend bin ich derjenige, der auf dich aufpassen muss.“

„Ist das nicht die Aufgabe eines Staffone, den Commander zu schützen?“

Louis erschien neben mir und öffnete die oberen zwei Knöpfe seine Uniform.

„Hab nie wieder so einen blöden Einfall!“, murrte er.

*-*-*

Die Station lag wieder auf ihrer alten Stelle. Truppen von der Erde hatten die Agassis und andere Schiffe zur Erde zurück geschafft. Von der Flotte von Arndt, waren einige Schiffe nicht abgeholt worden, somit vergrößerte sich unser Geschwader enorm.
Neu war auch, dass Spencer neue Piloten bekam, darunter auch von anderen Völkern, die nun dauerhaft Quartier auf Taurus 9 hatten. Noch einmal hatten wir Gebrauch von der Hilfe unserer neuen Mitgliedern in Anspruch genommen.
Die Hyrditen schufen Hanger 44 baugleich mit Hanger 43 und somit war genügend Platz, alle Schiffe des neuen Geschwaders unterzubringen. Der Handel unter den Völkern normalisierte sich endlich und dank Cats und Mc Neels Hilfe wurden auch sämtliche sprachliche und kulturelle Probleme gelöst.
Auf eine Neubesetzung meines abhanden gekommenen SO seitens der Erde verzichtete ich dankend. Diese Aufgabe teilten sich nun Louis und Gabriel.

„Ich wünsche einen guten Appetit“, sagte Leutan und stellte mir einen herrlich duftenden Teller hin.

„Danke Leutan“, sagte ich und begann zu essen.

„Daran könnte ich mich gewöhnen“, meinte Gabriel neben mir.

„Dafür wirst du nicht genug Zeit haben.“

Leutan lächelte.

„Das heißt, du hast dann auch keine Zeit“, erwiderte Gabriel kauend.

„Wieso?“

„Weil ich dir nicht von der Seite weichen werde und immer da bin, wo du bist.“

„Leutan, ich bin diesem jungen Mann hilflos ausgeliefert.“

„War es nicht das, was sie sich immer gewünscht haben?“

Wir lächelten uns beide an und ich beugte mich zu Gabriel hinüber. Sanft hauchte ich ihm einen Kuss auf die Wange.

„Commander, wir sind im Dienst!“, sagte Gabriel mit gespeilt ernster Stimme.

Belustigt schaute ich zu Leutan.

„Staffone Gabriel“, begann Leutan, „es gibt ein Volk, da bedeutet dieser Kuss, wie sagte man in ihrer Gesellschaft, dass der Küssende, sie zum Mann haben möchte, also heiraten.“

Gabriel wurde rot und ich verschluckte mich vor Lachen.

„Da bleibt mir ja nur eins“, meinte Gabriel ernst und ich sah ihn fragend an.

„Was denn?“

„JA sagen!“, antwortete er lächelnd und gab mir nun seinerseits einen Kuss.

*-*Ende*-*

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1 Kommentar

  1. Hi Pit, das ist ein schöner,spannender Science Fiktion-4-teiler. Gerne mehr in der Richtung.

    VlG Andi

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