Traumschiff – Teil 73

Matz

Ich fahre nicht, nein, ich schwebe nach Hause auf Wolke sieben und kann mich nur mit Mühe auf das Fahren konzentrieren. Der Traum, den ich seit Samstag träume, scheint in Erfüllung zu gehen. Wir haben uns geküsst und er mich zuerst, er mag mich also auch sehr und das macht mich gerade ganz happy.

Nach fast fünfzig Minuten Fahrt komme ich zuhause an und stell den Wagen unterm Carport ab. Der Benz ist da, also sind sie zu Hause und das Licht, das durch die Ritzen des Rollladens am Wohnzimmerfenster schimmert, sagt, das sie noch auf sind.
Durch die Diele gehe ich direkt ins Wohnzimmer und sage: „Guten Abend. Ich bin zurück und möchte euch sagen, dass ich jetzt mit Chris zusammen bin. Wir wollen es probieren und mein Gefühl sagt mir, das er der Richtige ist für mich.“
Beide stehen auf und nehmen mich nach einander in den Arm und freuen sich für mich. Die Tante Rosemarie meint: „Ich habe es so gewünscht, das ihr zusammen kommt“, Onkel Erich ist raus gegangen und kommt mit einer Flasche zurück. „Darauf müssen wir anstoßen“, meint er und lässt den Korken ploppen. Champagner ist das und dann trinken wir drei auf unser junges Glück und sie wünschen uns alles Gute.
Ein solcher Tropfen nach einem solchen Tag, wenn das kein Abschluss ist, was dann. Ich setze mich noch, obwohl es spät ist und ich Frühdienst habe, aber sie haben ein Recht drauf, finde ich, dass ich ihnen alles erzähle, was ich jetzt auch tue. Sie haben so viel für mich getan, gehofft auch, dass es mit Chris was wird und sollen nun auch daran teil haben.
Ich erzähle von heute Morgen, ohne den Anus zu erwähnen, von unserem Nachmittag mit den Freunden im Zoo, vom Schwimmen, vom Essen und auch, dass er mich zuerst geküsst hat und Robins Kommentar lässt sie schmunzeln.
Ein zweites Glas der edlen Brause wird mir die nötige Bettschwere verschaffen und als alles erzählt und getrunken ist, sage ich den Beiden gute Nacht und such mein Zimmer auf. Geduscht wird morgen früh und so geht es auf schnellstem Wege hinein in das Schlafmöbel und nach einem zarten Champagnerrülpser bin ich, mit Chris Antlitz vor Augen, seinem Geruch in der Nase und seiner Wärme auf meinen Lippen, eingeschlafen.

Jerome

Wir sind früh wach, halb acht und nach einer gemeinsamen Dusche mit Befummeln und so gehen wir um halb neun runter zum Frühstück. Mama, Paolo und Natascha und auch Sergejs Geschwister sitzen schon bei der morgendlichen Stärkung und wir setzen uns dazu. Die Unterhaltung hält sich zu sonst morgens in Grenzen.
Alle denken wohl noch über das gestern bekannt gewordene Ereignis mit Mamas Eltern nach. Mal sehen, wie sich das jetzt auf unsere Planung auswirken wird, wer davon betroffen ist und wie das letztendlich abläuft. Bis heute Abend achtzehn Uhr wollten alle verbindlich sagen, ob sie mitfahren oder nicht, Noah, Rico, Rolf und Paul sind ja schon außen vor und auch Armin und Denise fahren wo anders hin. Oma und Frieda machen nach Borkum und Kai und Martin werden wohl später zusammen nach England fahren und dann mit der Protzkiste für Oma zurück kommen. Wann sie jetzt genau fahren und auch zurück kommen ist noch offen und hängt auch ein bisschen daran, ob der Wagen dann auch fertig ist.
Zwei und dreißig Kojen sind an Bord, davon ist eine Kajüte mit vier, die anderen mit je zwei Schlafplätzen und je ein kleines Duschbad mit Klo aus gestattet. Das Schiff ist schon sechzehn Jahre alt, aber tipp topp in Schuss und technisch auf dem neusten Stand. Der Tiefgang und das ist zur Befahrung von Binnengewässern schon wichtig, ist so gering, das wir eben auch Flussfahrten machen können, wenn nicht gerade extremes Niedrigwasser ist. Wir können alle Gewässer der Klasse V befahren, so genannte Euro Wasserstraßen aber andere, regionale Binnengewässer eben nur unter bestimmten Voraussetzungen. Schleusengrößen und Wassertiefen müssen schon passen, sonst geht es in die Hose.
Normalerweise ist das Boot sehr oft vermietet und fährt im Sommer viel in südlichen Gefilden herum, nur Papa hat es für den gesamten Juli geblockt, so dass wir schon flexibel sind. Länger als maximal zwei Wochen soll die Fahrt aber nicht dauern und zehn Tage sind mal so eingeplant.
Ole, Frank, Sergej und ich, sowie Kevin und Wolfi fahren definitiv mit, Boris und Marianne natürlich auch.
Torsten und Sigrid sind auch mit von der Partie, während es bei Dirk und Mike eher unwahrscheinlich ist, sie sind aber noch unschlüssig und wollen heute zu oder ab sagen. Wenn Papa für Tom und Micha kurzfristig Urlaub erbitten würde, in der Werft keins und beim Autohaus auch kein großes Problem, könnten die Beiden auch mitfahren, wenn sie das wollen. Je nachdem, wie die Terminplanung in den USA ausfällt, wäre für Robin, Matz und Chris auch noch Platz, wenn es ihre Mutter und Alex Brunner erlauben würden und die Jungs selber auch mit fahren wollen.
Morgen ist der erste Juli und wenn wir Montag, das ist der fünfte, los fahren, sind wir am Freitag, den sechzehnten wieder zurück.
Ich werde nach her um zwölf den Micha anrufen und wenn Interesse besteht, Papa bitten, sich um deren kurzfristigen Urlaub zu kümmern. Papa macht das bestimmt, denk ich. Zu Robins Mama werde ich selber fahren und mit Alex Brunner telefonieren, wenn ich bei Wegmanns bin, dann kann die Mutter mit hören, was Doktor Brunner sagt.
Vor alle dem muss aber klar sein, ob wir zu dieser blöden Beisetzung fahren müssen, zu Leuten, die nie was mit uns zu tun haben wollten.
All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf beim Frühstück, ich muss nach her mal mit Sergej über alles reden und hören, was der dazu meint und wohl auch mit Natascha.

Chris

Heute Morgen war die Hose nass, Matz hat mich wohl sehr beschäftigt heute Nacht und das Gefühl, das er vielleicht der richtige ist, wird dadurch nur gestärkt. Ich habe ihn geküsst gestern, einfach so, ganz spontan, weil mein Herz das wohl so wollte und es hat sich super gut angefühlt, das Küssen mit Matz. Meine Gedanken, sonst eigentlich immer bei Robin, sind heute Morgen bei Matz und ich freue mich drauf, ihn nach her zu sehen.
Mama hat Frühstück gemacht, wie fast immer und wir sitzen am Tisch in der Küche. „Es ist alles ganz schnell so anders geworden für uns, Robin fliegt nach New York, mein Großer ist verliebt und das alles innerhalb acht Tagen, es ist kaum zu glauben und eine Menge neuer, vor allem aber guter Freunde habt ihr auch und dem Kleinen geht es besser als je zuvor“, sagt sie und ihr Gesicht strahlt vor Freude.
„Vielleicht haben wir Robin auch zu sehr begluckt, Mama, ihm zu wenig zu getraut aus Angst, es könnte ihm was passieren“, sag ich, „er lebt förmlich auf, wenn er mittendrin ist im Treiben und alle passen auf, das er sich nicht übernimmt. Du solltest ihn mal sehen, mit zwei Nudeln unter den Armen im Wasser paddeln zwar wie ein schwangerer Frosch, aber mit einer Freude, das ist einfach toll. Das tut ihm gut, gibt ihm das Gefühl, dazu zugehören, nicht immer ausgegrenzt zu sein, weil er ein krankes Herz hat. Alex hat sofort gemerkt, dass etwas Positives mit Robin vor sich geht und hat bestätigt, das es ihm sehr gut geht.“
„Ja, vielleicht hast du ja recht“, sagt Mama, „aber es war halt auch immer die Unsicherheit dabei, nur nichts falsch zu machen, ihn nicht zu überanstrengen, ihn zu gefährden, das weißt du doch auch.“
„Ja, Mama, es war auch kein Vorwurf, nur eine Feststellung und es wird ja nun hoffentlich bald alles anders und besser“, sag ich, stehe auf, nehme Helm, Rucksack und Nierengurt und gebe Mama einen Schmatz auf die Backe, bevor ich den Roller nehme und nach Bremen düse, in die Klinik, dorthin, wo Matz auf mich wartet. Ich komme gut voran und bin fünfzehn Minuten vor Schichtbeginn schon auf dem Parkplatz und zwar da, wo Matz gestern sein Auto abgestellt hatte. Ich bin gerade dabei, Helm und Nierengurt unter dem Rollersitz zu verstauen, als er neben mir hält. Der Motor verstummt und durch das heruntergelassene Fenster lacht er mich an und meint: „Komm, steig ein, ich habe gehofft, das du etwas früher herkommst. Hier drin sieht uns keiner beim Küssen zu, ich habe die ganze Nacht von unseren Küssen geträumt“, und dann grinsend: “Im Traum müssen wir schon mehr als nur geküsst haben“, jetzt lacht er und kriegt etwas Farbe.
„Das ging mir wohl auch so“, sag ich, nun ebenfalls grinsend und mit Farbe im Gesicht und dann steig ich ein und wir küssen uns. Seine Hand liegt warm in meinem Nacken, die Zungen spielen mit einander, er riecht wahnsinnig gut, das sind sooo tolle Gefühle. Der Tag fängt super an, finde ich.
Er schaut irgendwann auf die Uhr und sagt: „Boar, wir müssen los. Sehen wir uns in der Pause?“
„Ja klar“, sag ich, „so wie gestern, sei nach Möglichkeit pünktlich.“ Dann laufen wir los, er hat den deutlich weiteren Weg, das Klinikgelände ist übelst groß, zwölf Hektar insgesamt und wer sich nicht auskennt, verläuft sich hier schnell.
Cafeteria gibt es aber nur eine und so werden wir uns halt dort auch wieder treffen. Auf den letzten Drücker, eher schon zu spät, komm ich umgezogen ins Stationszimmer und Erika guckt schon etwas komisch, das ist sie von mir gar nicht gewöhnt. „Bist du vielleicht verliebt, das du so spät kommst?“, fragt sie, „ Fang jetzt die letzten Tage keine neuen Sitten an.“
Natürlich werde ich wieder rot bei dieser Ansage und alle Lachen jetzt. „Gib es zu, deine Farbe verrät dich. Wer ist denn der Glückliche?“, legt sie noch einen nach. „Verrate ich Euch doch jetzt nicht, erst an meinem letzten Tag“, trete ich die Flucht nach vorne an. „Haut ab zum Betten machen“, beendet sie das Ganze und wir machen uns an die Arbeit.
Bis fast zur Pause geht es richtig ab heute Morgen, auch das Zimmer, in dem Noah und Rolf gelegen haben, ist wieder mit zwei Leuten belegt. Einer hatte einen Motorradunfall und dabei beide Arme gebrochen, der andere erlitt beim Fußball Training eine Syndesmoseband-Sprengung am linken Sprunggelenk. Beide sind so um die fünf und Zwanzig und ganz nett, finde ich und beide wurden gestern Nachmittag spät noch operiert.
Rechtzeitig zum Pausenbeginn bin ich in der Cafeteria und suche mit den Augen nach Matz, kann ihn aber noch nicht entdecken. Ich hole mir ein Brötchen mit Wurst und eine Kaffee und setze mich so, dass ich den Eingang überblicken kann. An einem Tisch an der Fensterreihe sitzt…na wer schon, Anus, mein Intimfeind und Schwulenhasser.

Lis

Irgendwie habe ich das Gefühl, das alle heute Morgen auf eine Erklärung von mir warten, obwohl ich mich bis jetzt noch zu keinem Entschluss durchringen konnte. Es fällt mir nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Ich werde nach her mal meine Freundin Iris Rickert anrufen, auf ihren Rat habe ich, seit wir uns kennen, immer großen Wert gelegt. Ich werde aber noch ein wenig warten, denn Iris schläft gern lang und ich denke, dass zehn Uhr die richtige Zeit ist.
Oma und Frieda sind beim Packen, am Freitag soll es nach Borkum gehen mit Hinnerk dies mal, den haben die beiden endlich mal überredet mit zu kommen. Kurlaub, mit Anwendungen machen sie, jetzt schon das fünfte Jahr in Folge und wenn sie zurück kommen, geht es ihnen immer gut.
Carl August hat heute Morgen kein Wort über Berlin verloren, hat wohl gespürt, dass ich noch unschlüssig bin. Er wird jede meiner Entscheidungen akzeptieren und mittragen, das weiß ich und das wird mir letztendlich die Sache auch leichter machen.
Vielleicht sollte ich mit Carl August allein dorthin fahren, aber solange nichts Genaues bekannt ist hängen wir quasi in der Luft. Mal abwarten, was Iris meint, die weiß ja auch genau, was damals war und hat bestimmt auch eine Meinung dazu.

Matz

Als nach der Hektik, die morgens auf der Frühschicht herrscht endlich Pause ist, beeile ich mich, um in die Cafeteria zu kommen. Chris ist schon da, wartet wohl auf mich und nach dem ich mir Kakao und ein Sandwich geholt habe, setze ich mich freudig zu ihm. „Hallo, wartest du schon länger?“, frag ich ihn und streiche über seine Hand, die locker auf dem Tisch liegt.
„Gerade mal drei Minuten sitze ich hier“, sagt er, „bei uns war es auch ganz schön hektisch heute Morgen, ich war noch unten beim Röntgen und komme direkt von da. Anus sitzt übrigens da hinten am Fenster, er war schon da, als ich reinkam.“
„Der hat sich wohl bei Zeiten verpisst oben, er wurde schon um neun Uhr gesucht“, sag ich, „er wird uns bestimmt beobachten und mir später wieder vorwerfen, dass ich mit einer Schwuchtel am Tisch gesessen bin. Er soll sich nur vorsehen, der Blödmann, ich habe keine Angst vor ihm und lasse mir auch nichts gefallen.“
„Wir müssen trotzdem vorsichtig sein“, sag ich, „er ist nicht der Typ für eine offene Konfrontation, der ist eine linke Titte und ich trau ihm schon einiges zu.“
„Na ja, der hellste ist er aber auch nicht gerade. Was machen wir denn heute Nachmittag, wenn wir frei haben“, frag ich, „möchtest du mal sehen wo und wie ich wohne?“ „Dann müssen wir aber vorher Robin abholen, zu lange sollte er nicht allein bleiben und er wartet ja auch auf mich“, sagt Chris.
„Das ist doch kein Problem“, sag ich, „wir fahren zu euch, du stellst den Roller dort ab und dann fahren wir mit Robin zu uns. Meine Tante wird sich sehr freuen, wenn ihr beide mich besuchen kommt.“
„Gut“, sagt Chris, „ich freue mich auch und bin gespannt, wie mein Matz denn so wohnt.“ „Bin ich denn jetzt dein Matz“, will er leise wissen und wir haben wohl beide Farbe bekommen. “Wenn du mein Matz sein willst, dann bist du es jetzt auch“, sag ich. „OK, dann bin ich jetzt dein Matz und du bist jetzt mein Chris, ich freue mich so“, sagt er und streichelt meine Hand. Dann ist das ja jetzt geklärt.
Die Pause ist mal wieder um und wir gehen auf unsere Stationen zurück. Zum Feierabend treffen wir uns wie gestern hier am Eingang. Auf der Station geht es hektisch weiter und Anus sehe ich immer nur im Vorbei rennen.

Chris

Auf der Station herrscht Aufregung, als ich mit dem Patienten, den ich nach der Pause beim Röntgen abgeholt habe, hoch komme. Dem Motorradunfall wurde das Portemonnaie und das Handy, ein I-Phon, aus dem Schrank gestohlen. Der Chefarzt ist da und die Polizei mit zwei Beamten, die der Chef gerufen hat.
Der Motorradunfall hat fest geschlafen, der Fußballer ist aufgewacht, er hat wohl die Schranktüre gehört und jemand hat das Zimmer verlassen. Er hat aber nur den Rücken gesehen. Es war eine große Person in weißen Klinikkleidern, er meint, mit dunklen kurzen Haaren, ist sich da aber nicht wirklich sicher.
Alle männlichen Mitarbeiter werden befragt, wo sie zur Tatzeit um etwa viertel nach Neun gewesen sind, auch ich. Ich war da unten beim Röntgen und habe auf dem Flur gewartet auf den Patienten. Weil das länger gedauert hat und Pause war, bin ich ja dann mit Matz in der Cafeteria gewesen. Nun sollen alle Schränke im Umkleideraum des Personals noch nachgeschaut werden und wir gehen mit den Beamten der Kripo dort hin.
Der Schüler im dritten Jahr, ein Pfleger namens Richard, der gestern als Ersatz für Anus kam und ich sind die männlichen Personen, deren Spind jetzt nach geschaut werden soll. Komischer Weise ist das Vorhängeschloss an meinem Schrank offen, obwohl ich es zu gedrückt habe heute Morgen und als der Beamte die Türe öffnet, liegt dort, gut sichtbar, ein mir fremder Geldbeutel, der sich beim näheren Hinschauen als der gestohlene erweist. Der wird nun vorsichtig, um keine Spuren zu zerstören in einen Plastikbeutel getan.
Mir wird schlagartig ganz anders und auf die Frage nach einer Erklärung, sage ich wahrheitsgemäß, dass ich meinen Schrank heute Morgen verschlossen habe und danach nicht mehr hier im Umkleideraum war.
Nun geht es zurück ins Stationszimmer und der Professor ist sehr erstaunt und schaut mich ungläubig an, als der Beamte sagt, wo sie den Geldbeutel gefunden haben.
„Das glaube ich aber jetzt nicht, dass unser Chris hier ein Dieb ist. Irgendwas stimmt nicht an der Geschichte.“
Mit dem Beamten muss ich jetzt in das Patientenzimmer, muss mich in der Türe rum drehen, so dass der Fußballer meine Rückfront sehen kann und ich bin froh, als der sagt, das die Person um einiges kräftiger war und andere Haare hatte. Nichts desto trotz belastet mich der Fund in meinem Spind und jetzt soll ich regelrecht vernommen werden.
Der Richard, der Neue sagt zum Professor und zu den Beamten, er hätte noch einen anderen Pfleger gesehen, der hier oben aus unserer Station kam und in den Aufzug gegangen ist. Der wäre kräftig, groß und auch schwarzhaarig gewesen und es würde auch von der Zeit her passen.
“Anus“, rutscht es mir raus, „Janus Westermeier.“ Ich erzähle, das der jetzt auf der Urologie ist und auch, dass er zu Matthias gesagt hat, ich wäre eine Schwuchtel und hätte noch was gut bei ihm. Laut Matthias hat er oben auf Station in der Urologie in der fraglichen Zeit gefehlt, ist gesucht worden und war bereits vor Beginn der Pause in der Cafeteria.
Der Professor spricht jetzt mit den Beamten, erzählt wohl auch die Vorgeschichte, während wir wieder an die Arbeit müssen. Mir wird gesagt, dass ich die Station nicht verlassen darf. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, aber auch überzeugt, dass sich die Wahrheit heraus stellen wird.
Schnell rufe ich Matz an und erzähle in groben Zügen, was gerade abläuft und auch er glaubt, das Janus wohl was damit zu tun haben könnte und das ich unschuldig bin.
Die Beamten haben jemanden von der Spurensicherung angefordert, der das Schloss am Spind, die Spinttür und den Geldbeutel untersuchen soll auf Spuren.
Der Professor telefoniert mit dem Chefarzt der Urologie und geht dann mit einem Beamten und dem Richard zur Urologie.
Nach einer halben Stunde kommen sie zurück, mit dem Janus und der wird jetzt in die Türe des Zimmers gestellt, mit dem Rücken zum Fußballer. Der ist sich ziemlich sicher, dass das die Person ist, die er hat raus gehen sehen.
Nun sieht die Sache schon wesentlich besser aus für mich und als die Beamten mit Janus an mir vorbei gehen, trifft mich ein sehr böser Blick, was mir aber gerade mal keine Angst einjagt.
Eine viertel Stunde später ruft Matz mich an und sagt, das man in Janus Rucksack ein I-Phon gefunden hat und das der Akku extra danebenlag, so dass man es nicht anrufen konnte.
Als die Beamten später dann das I-Phon, ebenfalls zunächst im Plastikbeutel dem Motorradfahrer zeigen, bestätigt der, dass es sich um sein Handy handelt. An Hand eines BMW Aufklebers ist es eindeutig zu identifizieren.
Später noch, nach Wiedereinsetzen des Akkus nimmt er es in Betrieb, allerdings erst, nachdem man Janus Fingerabdrücke darauf gesichert und alles fotografiert hat.
Damit dürfte Janus Karriere hier im Klinikum-Mitte wohl endgültig zu Ende sein und in anderen Bremer Kliniken wird es wohl auch nichts mehr werden und der Staatsanwalt wird sich seiner an nehmen.
Ich hatte wohl viel Glück bei der ganzen Geschichte, sagen auch die Beamten der Kripo, ein Profi an Janus Stelle hätte mich wohl in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht.
Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen und wenn es anders läuft, ohne den Richard und den Fußballer, dann sehe ich verdammt alt aus bei der Geschichte. Im Nachhinein wird mir doch noch ein bisschen übel nach der Geschichte und ich gehe mal kurz raus an die frische Luft.

Jerome

Sergej und ich haben nach dem Frühstück den Kombi von innen gesaugt und geputzt und waren dann in der Waschanlage, jetzt sieht er aus, wie am ersten Tag
Papa hat bei Mama angerufen, das er zum Mittagessen heim kommt und wir dann wohl eine Entscheidung herbei führen müssen, was die Beerdigung von Mamas Eltern angeht. Da wir nach wie vor nicht wissen, wann und wo das ganze stattfindet, sind wir auch noch nicht in der Lage, die eventuellen Auswirkungen auf unseren Terminplan für die Reise nach Dresden und auch Oma und Friedas Kur abzuschätzen.
Mama muss diese Freundin anrufen oder aber einfach jemanden aus der Familie, um zu erfragen, was jetzt ab geht, damit wir genau Bescheid wissen. Ich könnte ja auch mal im Internet bei Berliner Zeitungen die Todesanzeigen durchsuchen, da steht doch meist drin, wann eine Beisetzung stattfindet. Der ganze Zirkus geht mir schon auf den Zeiger, alles ist in der Schwebe für zwei Menschen, die uns nie sehen wollten und die Mama bestimmt sehr weh getan haben mit ihrem Verhalten. Warum müssen die auch gerade jetzt den Löffel abgeben, frag ich mich, aber das ist halt nun mal passiert, freiwillig haben sie es ja bestimmt nicht getan.
Sergej und ich haben gestern Morgen nur den Yeti zur Inspektion gebracht, bevor wir zur Bank nach Bremen gefahren sind. Für den Kombi haben wir einen anderen Termin ausgemacht in der nächsten Woche. Das war kein Akt, die waren auch nicht sauer oder so, der Kunde, in dem Fall wohl Papa und die Firma, sind halt König dort im Autohaus. Wir könnten ja auch gleich hinfahren, Schatz und ich, und den Yeti wieder abholen, gestern nach dem Zoo war es ja eh schon zu spät.
Micha haben wir auch dort gesehen und auch mit ihm gesprochen. Ich hätte ihn auch gleich fragen können wegen der Schifffahrt aber das habe ich wohl verpeilt gestern. Wenn wir gleich hinfahren, fragen wir ihn, ob er schon Urlaub hatte und wenn nicht, ob er und Tom mit wollen auf unsere Schiffstour nach Dresden.
Um halb zwölf fahren wir dann zum Autohaus und wollen den Yeti abholen. Der Mann, der dort den Service macht, meint wenn wir wollen, können wir den Kombi gerade da lassen. „Zwei Kunden haben für heute Nachmittag abgesagt“, sagt er, „wenn sie einverstanden sind, machen wir den Kombi heute noch, dann können sie ihn um vier oder Morgen früh ab acht wieder abholen, wie sie wollen. Bezahlen können sie für beide Autos, wenn sie den Kombi abholen.“
Das passt doch gut, also machen wir das so und fahren, nach dem wir mit Micha geredet haben, wieder nach Hause, wo sich alle aus dem Haus um ein Uhr zum Essen treffen. Micha will dann später mit Tom reden und mir dann Bescheid sagen, ob das so kurzfristig hin haut mit dem Mitfahren nach Dresden.

Noah

Nach dem tollen Partywochenende war der Montag wieder vom Klinikalltag geprägt, mit dem Unterschied, das wir während der Reha-Maßnahme am frühen Nachmittag zuerst mal mit zwei Krücken gehen lernen und üben mussten und dann haben wir noch Übungen gezeigt bekommen und geübt, die wir zuhause über Tag des Öfteren machen sollen, um mit der Reha in der Ambulanz schnell wieder fit zu werden.
Rico und auch Paul waren bis nach zwanzig Uhr bei uns und wir sind dann abwechselnd insgesamt zwei Mal im Bad gewesen zur gegenseitigen Entspannung. Ab Morgen bleibt Enrico ja bei mir zuhause, geht tagsüber ins Hotel und ist dann bei mir. Ich freue mich sehr und er auch. Zusammen einschlafen und zusammen auf wachen und viel Zeit mit einander zu verbringen, darauf freuen wir uns echt wie blöd und Mama hat auch nichts dagegen gesagt.
Ich bin mal gespannt, wie das ist, wenn man jede freie Minute zusammen ist. Jeder hat ja so seine Vorlieben, was er in der Freizeit so macht und das wissen wir ja eigentlich auch noch nicht so richtig, was der andere mag und was nicht und ständig nur aneinander rum zu fummeln, bringt es ja auch nicht.
Ich bin auch gespannt, wie Mama mit der fast ständigen Anwesenheit von Enrico klar kommt, wie sie sich vertragen und mit einander umgehen. Das ist ja für Mama auch absolutes Neuland und dass es keine Schwiegertochter ist, die da jetzt teilweise mit wohnt, das wird sie auch ein bisschen fordern aber sie schafft das, davon bin ich überzeugt. Papa wird ihr schon dabei helfen.
Gestern Morgen, am Dienstag, hat uns ein fröhlich dreinschauender Chris geweckt, mit einem neuen Pfleger, der sich als Richard vorgestellt hat und der wohl der Nachfolger des homophoben Janus ist. „Du siehst glücklich aus, Chris“, sag ich, „haben wir was verpasst?“ „Matz und ich, wir werden es zusammen probieren“, sagt er froh und dann rauschen die zwei ab ins nächste Zimmer zum Betten machen. Das freut mich jetzt für die beiden frisch verliebten.
Unsere Betten wurden für uns wohl zum letzten Mal gemacht, nach der Visite um Zehn gingen wir mit Krücken runter zur Reha und nach dem Mittagessen, gegen halb zwei, kamen die Taxi Mamas und holten uns ab, nach dem wir uns von einander verabschiedet haben. „Du wirst mir fehlen, wenn ich morgen früh wach werde, aber dann ist ja Rico bei mir“, sag ich zu Rolf, als ich ihn umarme, „du hast ja dann Paul und bist auch nicht allein. Es war schön mit dir hier und ich hoffe sehr, dass wir beste Freunde bleiben.“ „Das werden wir, nach dem was wir alles zusammen erlebt haben, Noah“, sagt er und dann gehen wir auseinander.
Enrico war auf der Arbeit, Frühschicht und wollte dann gegen halb drei bei uns zuhause sein. Paul, der von Wolfi schon sehr früh gebracht wurde, ist dann mit Rolf und dessen Mama heim zu Rolf gefahren und bleibt da wohl auch, er hatte nämlich eine Tasche dabei. Meine Mama hat mich abgeholt und weil es schon zwei war, das mit den Papieren hat noch etwas gedauert, sind wir ans Hilton gefahren und haben mein Herzblatt dort abgeholt, nach dem ich ihn per SMS davon in Kenntnis gesetzt habe.
Auf dem Weg zu uns hat Mama dann noch Kuchen gekauft und als wir heim kamen, war Papa auch schon da und wir haben gemütlich Kaffee getrunken und Kuchen gemampft, quasi meine Heimkehr gefeiert und ich für mich natürlich auch Ricos vorläufigen Einzug bei mir.
Ich bin dann mit Rico hoch und wir haben ein bisschen geschlafen auf meiner großen Couch, die man auch noch aus ziehen kann.
Später wurden dann die anderen Freunde und Freundinnen per SMS benachrichtigt, das wir aus der Klinik raus sind und das Rico jetzt erst mal bei mir und Paul wohl bei Rolf bleibt. Dann habe ich meine Tasche ausgepackt, Rico hat Muke angemacht und die dreckige Wäsche hat er dann für mich runter getragen zu Mama, nach dem er meine Unterhosen ausgiebig beschnüffelt hat.
Papa ist dann mit hoch gekommen mit mehreren Urlaubsangeboten und wollte, dass wir uns das anschauen und überlegen, welchem wir denn von den fünf Orten den Vorrang geben würden.
Zwei Orte lagen an der italienischen Riviera und zwei an der französischen Mittelmeerküste und einer am Lago di Garda und zwar in Peschiera del Garda, einem Ort am Südufer des größten italienischen Sees. Dort waren wir schon mal vor drei Jahren und ich hatte dort mit Papa surfen gelernt in einer Surfeschule. Es ist eine fantastische Landschaft dort mit Bergen im Norden und dem Eintritt in die Po-Ebene im Süden. Wir hatten damals eine tolle Ferienwohnung gemietet und es war ein echt toller Urlaub.
Ich hatte viele Fotos gemacht und diese auf meinem PC gespeichert. Den habe ich dann hoch gefahren und gemeinsam haben wir, Papa, Enrico und ich, die Bilder angeschaut und ich habe Rico vieles erklärt von damals. Mama kam dann auch noch dazu und so haben wir fast ein einhalb Stunden da gesessen.
Nach Papas Erzählungen von den tollen Fischgerichten, die man dort bekam, waren wir uns dann relativ schnell einig, dass wir es dort noch ein Mal versuchen wollten vom zwanzigsten Juli bis zum zweiten August, Papa wollte das dann gleich noch buchen, allerdings war es wohl dieses Mal ein Hotel, Enjoy Garda Hotel, ein sehr modern aussehendes Vier Sterne Haus mit Pool und einer tollen Außenanlage, etwas außerhalb des Ortes gelegen. Nach dem das nun fest stand, sagte Mama, dass sie jetzt das Abendbrot vorbereitet und Papa ging runter an seinen PC, um zu buchen.
Wir beide schmusten ein wenig auf der Couch, wobei meine Verletzungen immer noch störten, je nachdem wie ich lag oder mich bewegte.
Später dann, nach dem Essen, skypen wir kurz, etwa zehn Minuten mit Rolf und Paul und surften ein bisschen im Internet.
E-Mails hatten sich auch einige angesammelt und während ich die zum Teil beantwortete oder löschte, schaute sich Rico meine Bücher an, die ein nicht kleines Regal an der Wand füllten.
Um halb neun war ich KO und nach einer gemeinsamen Dusche mit handwerklicher Entspannung schliefen wir eng beieinander so gegen viertel nach Neun ein, so platt war ich nach diesem Tag.
Ich freute mich schon sehr darauf, Morgen früh, er musste ja arbeiten, in sein verschlafenes Gesicht zu schauen, wenn ich mit zarter Hand seine Morgenlatte reiben würde. Mit solchen Gedanken und dem Geschmack seiner Küsse auf meinen Lippen schlief ich friedlich und glücklich ein.

Rolf

Mama hat uns gestern um zwei in der Klinik abgeholt und wir sind zu uns nach Hause gefahren.
Oma hat auf uns gewartet und mein Schwesterlein hat uns auch freudig begrüßt. Sie mag den Paul auch gut leiden, was für mich schon wichtig ist.
Zusammen haben wir dann Kaffee getrunken, Oma hat Kuchen gebacken, weil ich ja am Geburtstag nicht da war. Gleich will ich auch mit Paul mal nach meinem neuen Roller schauen, der wohl in der Garage steht und den ich ja auch noch nicht gesehen habe. Fahren werde ich wohl erst in ein paar Tagen können mit dem Bein, ich glaube nicht, dass das jetzt schon geht.
Oma sagt, das wir heute Abend was beim Italiener bestellen zur Feier des Tages und sie fragt dann auch, ob Paul heute Nacht hier bleibt.
„Er wird wohl ein paar Tage hier bleiben Oma“, sag ich, „wie lange jetzt genau, wissen wir noch nicht. Remmers fahren alle fort, die Fahrer sind aber noch eine Weile da, mindestens mal einer, so dass wir auch mal bei Paul bleiben können über Nacht. Mal sehen, wie wir das machen.“
Nach dem Kaffee gehen wir hoch in mein Reich unter dem Dach und Paul ist begeistert, alles in Holz, warm und gemütlich und ein Bett von hundert achtzig Zentimeter Breite, massiv und von Opa gemacht, alles gefällt ihm sehr gut.
Zum ersten Mal seit heute Morgen küssen wir uns und schmusen auf dem Bett, bevor ich daran gehe und meine Sachen auspacke. Es sind auch noch einige Geburtstagsgeschenke aus zu packen, auch eins von Astrid, meiner Freundin, die bestimmt noch auftaucht hier, wenn sie weiß, dass ich zurück bin.
In Astrids Päckchen sind Kondome, Gleitgel und ein Büchlein mit dem Titel „Der erste Analverkehr“ Tipps und Anleitung, für schwulen Sex“, das passt zu ihr und ich bin jetzt auch nicht rot geworden, Paul schon. Ich erzähl ihm ein bisschen von Astrid, unserem missglückten Sexversuch und dem schwulen Heft, das sie mir geschenkt hat.
„Schwule Hefte“, seufzt Paul und dann kommen ihm die Tränen. Schnell nehme ich ihn in den Arm und schmuse ihm übers Gesicht. „Es ist vorbei, Paul, mein Schatz, hier bist du sicher und hier wirst du geliebt. Weine nicht, du hast doch jetzt mich und ich hab dich lieb“, beruhige ich ihn. Ich halte ihn, bis er wieder ruhig geworden ist, nicht mehr schluchzt.
Die ungewollte Erinnerung hat ihn schon getroffen und ich denke, dass er vielleicht doch Hilfe von einem Psychologen braucht. Ich werde mal mit Ole darüber reden, der kann das dann der Oma näherbringen, denk ich.
Wir hören auf dem Bett liegend Muke und schmusen mit einander und jeder hängt ein bisschen den Gedanken nach.
„Komm“, sagt er plötzlich, „wir gehen mal deinen Roller begucken“, und er steht auf. Wir gehen runter, ich langsam, mit zwei Händen am Geländer, Treppe geht noch nicht so gut und es sind ja hier gleich zwei Treppen. In der Garage steht er, der Roller, ein Gilera Runner 125 ST, ein total heißes Teil, schwarz mit gelben Streifen und Mustern an den Seiten.
Der ist achtzig Kilometer pro Stunde schnell und da ich den Führerschein A eins gemacht habe, darf ich so was fahren. Opa, Oma und Mama haben zusammengelegt und Opa hat entschieden, welcher Roller gekauft wird und zwar was Vernünftiges, hat er gesagt und das ist es jetzt ja auch, geil einfach, ober cool.
Mit den Fingern streichen wir beide über das Teil und ich sage zu Paul: „Wir brauchen dann wohl noch einen Helm für dich aber da ich die nächsten Tage so wie so noch nicht gut fahren kann, können wir ja einen im Internet suchen und bestellen. Jetzt sind wir mobil und können überall hinfahren, wenn wir wollen und wenn du in der WG wohnst, ist es ja nur ein Katzensprung von hier aus oder auch zu Noah. Komm, wir gehen hoch und suchen einen Helm für dich, magst du?“
„Ja klar, mag ich“, sagt Paul und wir gehen hoch und machen den Computer an. Schnell werden wir fündig und kaufen für Paul einen roten Integralhelm bei EBay und wo wir schon gerade dabei sind, auch noch einen Nierengurt mit Reflektoren, so wie auch ich einen habe.
Mein Helm ist auch Rot, das wird besser gesehen und da der Roller ja schon schwarz ist, hat Opa gesagt, dass ich einen roten Helm nehmen soll. Wenn es in den Herbst rein geht, bekomme ich noch eine rote Motorradjacke und eine Hose dazu, weil ich ja dann immer zur Arbeit fahre mit dem Roller und auch in die Berufsschule.

Paul ist ja auch am Führerschein machen, allerdings fürs Auto und er hatte auch schon ein paar Fahrstunden. Er ist bei derselben Fahrschule wie Ole und auch Kevin macht dort den Führerschein.
Jetzt kommt Opa bald nach Hause, bei ihm muss ich mich dann nochmal bedanken, bei Oma und Mama habe ich das schon gemacht.
Später, am Abend haben wir fein italienisch gegessen alle zusammen und sie sind froh, dass ich jetzt wieder zu Hause bin und auch bald wieder ganz gesund.
Paul und ich sind dann später hoch, haben mit Noah und Rico über Skype geredet, sie wollen an den Gardasee nach der Reha, danach haben wir schön zusammen geduscht.
Das erste Mal, dass wir uns ganz nackt gesehen haben und mein Paul gefällt mir immer besser. Er ist ein bisschen muskulöser wie ich, aber ich mag das und als ich ihn gewaschen habe, habe ich alle seine Muskeln gestreichelt beim waschen. Am meisten natürlich seinen schönen, leicht nach oben gebogenen Penis und er meinen auch, so dass wir beide noch einen super schönen, entspannenden Orgasmus hatten, bevor wir dann ins Bett gekrabbelt sind.
Nach diesem anstrengenden Tag sind wir bald eingepennt. Vielleicht wollen wir morgen mal was aus Pauls Rossmann Tüte benutzen, wer weiß, ich glaube, wir wollen es jetzt beide wissen, wie das ist, wenn man richtig poppt. In Astrids Päckchen war ja auch Zeugs zum Poppen und sogar so was wie eine Betriebsanleitung zum Popofick so richtig mit Bildchen…kicher…daran wird es nicht scheitern aber ob Paul das schon will, wird sich ja dann zeigen.

Enrico

Früh geht mein Handywecker und ich stehe, vorsichtig über Noah hinweg steigend, auf und gehe leise ins Bad. Geduscht wird heute Abend, mit Schatz, versteht sich. Waschen, nass rasieren und anziehen passiert im Bad, um mein Herzblatt nicht zu wecken. Bevor ich nach unten verschwinde, betrachte ich noch kurz sein wunderschönes Gesicht unter der blonden, verstrubbelten Haarpracht und denke: “Das ist mein Schatz, nur meiner und ich bin seiner.“
Ich gehe leise zur Türe und dann runter. Seine Mama, die mich wohl gehört hat, kommt aus der Küche in den Flur: „Guten Morgen, Enrico, Frühstück ist fertig, komm rein.“ „Guten Morgen, Frau Schroer“, sag ich, „damit habe ich jetzt echt nicht gerechnet, um so mehr freue ich mich.“ Drinnen sitzt schon Herr Schroer und grüßt mich grinsend: „Moin moin, Rico, Frühstück gibt es hier jeden Morgen und auch, wenn du mal noch früher weg muss, du musst nur Bescheid sagen.“
„Danke, das ist sehr nett“, sag ich und setze mich an den Tisch. Frau Schroer sagt: „ Ulf hat gestern noch gebucht und wir freuen uns, das du mit uns kommst und das nicht nur, weil du die Sprache dort sprichst. Wir merken schon sehr genau, was zwischen Euch vorgeht und wir glauben auch, dass es so richtig und gut ist, was zwischen Euch passiert. Unser Sohn ist glücklich, glücklich mit dir und durch dich. Deswegen mögen wir dich sehr und ihr habt unsere Unterstützung, wann immer ihr sie braucht.“
Ich bin, warum auch immer, etwas rot geworden und bedanke mich bei ihr, das sie uns so toll unterstützen und akzeptieren und ich sage auch, dass ich mich bei ihnen sehr wohl fühle, was zuletzt bei mir zuhause nicht mehr der Fall war wegen Papa. Jetzt ist meine und Paolos Welt mehr als in Ordnung und wir sind zurzeit rund um glücklich.
Herr Schroer sagt jetzt: „Wenn du fertig bist mit dem Frühstück, fahren wir los. Ich setze dich dann am Hilton ab, dann brauchst du nicht mit dem Bus zu fahren. Morgen kannst du dann noch fünfzehn Minuten länger schlafen, dann reicht die Zeit immer noch, um pünktlich dort zu sein.“
„Das ist ja cool, danke“, sag ich und trink meine Tasse aus. „Möchtest du noch einen Kaffee, Enrico?“, fragt Noahs Mama. „Ist noch so viel Zeit? Dann gerne“, sag ich und Herr Schroer nickt. Sie macht meine Tasse voll und nach meinem: „Danke schön“, mache ich Milch und einen Löffel Zucker hinein.
Zehn Minuten später fahren wir dann mit Schroers Audi A6 zum Hilton, wo ich überpünktlich meinen Dienst antrete und als erstes Mal dreißig Eier zu Rührei verarbeiten muss, was aber kein Akt ist. Das kommt in einem Wärmebehälter aufs Frühstücksbuffet.
Herr Meinle wirkt heute Morgen irgendwie sehr gedrückt, nieder geschlagen und ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Da muss schon was Gravierendes vor gefallen sein, das er mal nicht gut gelaunt ist. Die meiste Zeit sitzt er in seinem Büro und starrt in die Glasscheibe, die das Büro zur Küche hin abtrennt.
Das Frühstücksgeschäft läuft auch ohne ihn tadellos, große Herausforderungen gibt es ja da nicht.

Markus Meinle

Heute Morgen muss ich echt aufpassen, meine Laune nicht an meinen Leuten hier auszulassen. Wut und grenzenlose Enttäuschung haben mich seit gestern Nachmittag voll im Griff. Mein langjähriger Lebensgefährte, seit fünfzehn Jahren sind wir ein Paar, hat offenbar schon länger ein Verhältnis mit einem deutlich jüngeren Mann.
Ich bin jetzt dreiundvierzig und mein Freund oder besser Exfreund ist sechsunddreißig, und sein Neuer, mit dem ich ihn gestern erwischt habe, ist höchstens fünfundzwanzig, ein Twink, fünfzehn Kilo weniger als ich, bei gleicher Größe.
„Unsere Zeit ist vorbei, “ hat Harald gesagt, „es wurde mal Zeit für was anderes.“ Kein „Es tut mir leid“ oder so was in der Richtung, nein, kühl und kurz. Ich habe eine Scheißwut bekommen, habe ihm eine gescheuert und ihn veranlasst, seine Klamotten zu packen und schnellstens zu verschwinden.
Nach einer Stunde ist er ab. „Den Rest lass ich später abholen“, hat er gesagt und weg war er, wohl zu seiner neuen Flamme, nach dem er vorhin mit dem telefoniert hat.
Ich habe dann einen Schlüsseldienst angerufen und die haben den Zylinder am Schloss meiner Wohnungseingangstüre ausgetauscht, zwei und achtzig Euro, plus An- und Abfahrt.
Die Wohnung in einem Mietshaus ist auf mich angemeldet und gemietet und die Einrichtung ist auch meine. Als wir hier eingezogen sind, war er noch Student und ich war ja schon Koch mit Meisterprüfung und hatte kurz vorher im Hilton angefangen als stellvertretender Küchenchef.
Meine Ersparnisse habe ich damals in die Einrichtung gesteckt, über dreißigtausend Mark und es ist immer noch eine tolle Wohnung, in der ich jetzt wohl wieder alleine wohne.
Nach insgesamt zehn Semestern war er dann Chemiker und bekam auch einen Job in Bremen. Wir hatten eine gute Zeit und alles war eigentlich OK. Wir fuhren im Sommer zwei Wochen in den Süden und meist Mitte Januar, nach dem Feiertagsrummel, noch zwei Wochen in den Wintersport.
Vor etwa einem Jahr fing er dann an, sich über meine Arbeitszeiten, vor allem die an den Wochenenden, zu beschweren. Da das aber nicht zu ändern war, legte sich das wieder bei ihm, nach dem wir ausgiebig darüber geredet haben.
Offensichtlich hat er aber wohl diese Zeiten dann benutzt, um sich jemanden an zu lachen, der ihm diese Zeiten angenehm versüßt. Ich habe dann gestern mal zwei Stunden früher frei gemacht, weil es gut ging, war noch was besorgen in der Stadt und kam gerade heim, als der junge Mann aus unserer Wohnungstüre kam. Der guckte mich erschrocken an und durch die noch nicht zugezogene Türe ging ich rein, während der Andere schnell Richtung Treppe lief.
Drinnen war Harald gerade, noch nackt, mit zwei benutzten Kondomen auf dem Weg ins Bad, als ich vor ihm in der Türe stand.
Er wurde zwar etwas blass um die Nase, aber Reue oder so was war nicht zu erkennen. „Nun weißt du es ja“, sagte der Arsch und dann kam der Spruch mit Zeit für was Neues und dann habe ich, im Affekt, sein blödes Grinsen vom Gesicht gefegt. Ein Schlag nur, mit der flachen Hand, dann hatte ich mich wieder unter Kontrolle. „Zieh dich an, duschen kannst du bei dem, nach dem du jetzt stinkst, packe ein, was dir ist und verschwinde aus meinem Leben, du mieses Schwein“, hab ich gesagt und bin dann erst mal ans Barfach und habe mir einen „Jack Daniels“ geholt und getrunken.
Dann wurde ich langsam wieder ruhiger und habe ihn danach sehr genau beim Einpacken überwacht und beaufsichtigt. Viel war es ja nicht, was es zu packen gab, außer Kleider, ein paar Bücher, DVDs und Hygieneartikel aus dem Bad, sein Laptop, aber alles konnte er wohl auf einmal nicht tragen.
„Schreib eine SMS, wer wann den Rest abholt“, hab ich gesagt, „meinen Schichtplan kennst du ja und jetzt hau ab, du Sack.“
Das war dann wohl der Schlussstrich unter meine erste und einzige Beziehung, von der ich dachte, sie hält ewig. Fünfzehn Jahre und in einer Stunde war alles vorbei. Ich muss mich ablenken, irgendwas tun, sonst platze ich vor Wut.
Enrico bereitet das Gemüse vor, keine besonders beliebte Tätigkeit bei fertig ausgebildeten Köchen. Ich nehme mir ein Messer und helfe ihm. Erstaunte Blicke treffen mich und dann fragt er leise: „Sooo schlimm, Chef? Willst du reden?“
Der kleine Kerl, er spürt wohl genau, das mich etwas sehr bedrückt und beschäftigt, er ist sehr sensibel und auch ein ganz lieber, der kleine Lockenkopf. Er hat mich geduzt, einfach so und jetzt muss ich ein bisschen Grinsen. „Beziehungsstress, Enrico“, sag ich.
„Ich kann gut zu hören, drüber reden hilft manchmal schon“, sagt er und schneidet einen Wirsing in feine Streifen. Ich bin mir nicht schlüssig, ob ich ihm irgendwas erzählen soll, nur weil er auch schwul ist. Mit anderen drüber reden wird er wohl nicht, so schätze ich ihn nicht ein aber ich weiß nicht………Ich schneide gerade den Lauch in feine Ringe.
„Es bleibt alles unter uns, ich will hier kein Gerede“, sag ich. „Das gibt es schon“, sagt er, „so wie heute hat sie wohl hier noch niemand kennen gelernt, das gibt schon Anlass zu Spekulationen aber ich bin keine Petze und rede auch nicht hinter dem Rücken über andere, Ehrenwort.“
„Meinen langjährigen Partner habe ich gestern raus geschmissen, nach dem er mich wohl schon länger mit einem wesentlich jüngeren Mann betrügt und ich sie wohl gestern mehr oder weniger erwischt habe.“ Ich erzähle ihm leise, wie es abgelaufen ist und dann sagt er, ebenso leise: „Das ist schlimm für dich, Chef aber ich hätte wohl genauso gehandelt, wie du. So was geht gar nicht, wer so handelt, ist ein mieses Schwein. Du hast alles richtig gemacht. Du findest bestimmt einen neuen Schatz, du bist doch ein toller Mann, siehst gut aus und bist auch sonst OK, das wird bestimmt wieder. Ich würde dem keine Träne mehr nach weinen, vielleicht geht es dem ja mal genau so.“
Das habe ich jetzt gern gehört und es gibt mir auch das Gefühl, nicht über reagiert zu haben. Heute Nacht habe ich mich oft gefragt, ob es richtig war, im eine Ohrfeige zu verpassen.

Enrico

Oh Mann, das hat der Chef nicht verdient, so vorgeführt zu werden. Treue ist die Seele einer jeden Beziehung und Untreue zerreißt das Band der Liebe, das zwei Menschen miteinander verbindet. Wenn es zerrissen ist, ist ein Flicken meisten zwecklos, es bleibt immer eine Bruchstelle und in den wenigsten Fällen hält das dauerhaft, finde ich.
Der Gedanke, dass da mal zwischendrin ein anderer dran oder drin war, der wird immer wieder aufkommen, wenn es mal nicht gerade super läuft und das wird irgendwann zum Ende führen.
Er tut mir schon leid, der Chef, er ist echt ein guter und ich würde ihm schon gerne helfen, aber wie?
„Darf ich mit Sergej darüber reden, der arbeitet ja nicht mehr hier und erzählt auch nichts weiter?“, frag ich den Chef jetzt. „Wozu?“, will er wissen. „In unserem Freundeskreis reden wir intern untereinander oft über viele Dinge und es gelingt uns oft, anderen dabei zu helfen, wir haben auch schon dazu beigetragen, das zwei Erwachsene, die mal zusammen waren vor Jahren nun auch wieder dauerhaft zusammen gekommen sind.“
„Ich will hier im Haus kein Gerede darüber, Enrico und du bist der einzige außer den unmittelbar Beteiligten, der was weiß. Sollte es also hier Gerede geben, ziehe ich dir die Ohren lang, verstanden.“, sagt er und nimmt die letzte Lauchstange in Angriff. „Ich werde hier mit niemanden darüber reden“, verspreche ich ihm, „Ehrenwort, ich bin keiner, der petzt.“
Ich bin mit dem Wirsing durch und nehme mir die Möhren vor, die bereits geschält sind und nun in feine Stifte geschnitten werden sollen. Ohne weitere Worte holt er auch eine Handvoll der roten Dinger und schneidet mit, cool, Möhren schneiden mit dem Chef und manch erstaunter Blick bleibt an uns hängen, weil das hier wohl noch keiner so erlebt hat.
Zwanzig Minuten später sind wir mit dem Gemüse durch und Herr Meinle geht zurück in sein Büro.

Chris

Nach Feierabend auf dem Parkplatz küssen wir uns im Auto ein bisschen und dann fahren wir zunächst zu uns nach Hause. Robin wartet wie immer schon auf mich und dieses Mal hat Mama auch gekocht. „Ich habe gesagt, sie soll was mehr kochen, weil Matz ja auch kommt“, sagt Robin. „Das hast du gut gemacht, du kleiner Hellseher“, sag ich, „Wieso warst du dir denn da so sicher?“ „Ha, ich habe es gehofft und auch fest daran geglaubt, das wir nochmal was unternehmen“, sagt er. Matz, der Robin auch zur Begrüßung geknuddelt hat, sagt: „Wir fahren nach her zu mir nach Hause und werden dort Kaffee trinken und Kuchen essen, nach dem ich Chris und dir gezeigt habe wo und wie ich wohne. Ist das OK für dich?“
„Ja logo, das finde ich cool, habt ihr auch einen Garten?“, kommt es von Robin. „Ja, ein Garten ist auch da“, sagt Matz, während er am Tisch in der Küche Platz nimmt, „sogar ein Teich mit Fischen ist dort, Kois sind da drin, das ist so eine Art Hobby von meinem Onkel. Kennst du Kois? „Das sind doch so japanische Karpfen, oder nicht?“ gibt Robin zur Antwort, „Die kenne ich nur aus dem Internet, gesehen habe ich in echt noch keine. Im Zoo hatten sie ja auch keine gehabt.“ „Robin“, frag ich jetzt, „willst du auch noch was mit essen?“ „Ich esse bei dir ein bisschen mit, wie immer“, sagt er und so stelle ich für Matz und mich einen Teller hin und lege Besteck dazu.
Es gibt Frikadellen, Kartoffeln und Brokkoli mit weißer Soße, Mama macht das immer sehr lecker. Die ein oder andere Gabel voll von mir wandert wie sonst auch zu Robins Mund und als Matz ihm ein Stück Frikadelle hin hält, isst er das auch. Somit gehört Matz jetzt endgültig zur Familie und Robin mag ihn wohl schon sehr, das kann man jetzt so sagen.
Nach dem Essen, ich habe alles weg geräumt, holen wir Rolli und Sitzerhöhung, gehen ins Auto und Matz fährt los, zurück nach Bremen zu sich nach Hause. Es ist, wie erwartet, ein sehr schönes, freistehendes Einfamilienhaus in einem sehr ansprechenden Garten. Matz fährt das Auto unter einen Doppelcarport, eine Garage gibt es aber noch zusätzlich seitlich davon. Wir holen den Rolli und dann erst Robin, der aber bis zur Haustüre an meiner Hand läuft, während Matz den Rolli schiebt. Bevor wir die Haustüre erreicht haben, wird diese von innen geöffnet und Matthias Tante strahlt uns entgegen. „Schön, das ihr her gekommen seid“, sagt sie zu Robin und mir, „kommt bitte mit rein, ich bin Rosemarie Bommer, Matthias Tante.“ „ Guten Tag, mein Junge“, sagt sie zu Matthias und Robin und mir reicht sie die Hand zum Gruß.
In der Diele ziehen wir, wie von zuhause gewohnt, die Schuhe aus und folgen Matzs Tante ins Wohnzimmer, wo wir uns auf breiten Ledersesseln niederlassen. Robin sieht in dem großen Sessel total verloren und klein aus und es dauert nicht lang, bis er zu mir auf den Schoß kommt. Den Rolli hat Matz wohl im Flur gelassen.
Ein bisschen Small Talk mit einigen der üblichen Fragen und auch mit der Aussage, das sie und ihr Mann sich sehr freuen, das Matz jetzt Anschluss, vor allem aber, dass er mich gefunden hat, werden just in diesem Moment von seinem Onkel, dem Chefarzt, unterbrochen, der wohl auch etwas früher als sonst nach Hause gekommen ist.
Er begrüßt uns der Reihe nach und fragt mich dann, ob ich den Schreck von heute Morgen denn auch gut verarbeitet habe. Dadurch neugierig geworden, fragt seine Frau, was denn vorgefallen ist und er erzählt ihr und uns, wie sich die Sache aus seiner Sicht zu getragen hat. Als er geredet hat, drückt mein Bruder sich fest an mich und sagt: „Gut, das der Mann so doof ist und so viele Fehler gemacht hat, das hätte sonst böse ausgehen können für dich. Wer weiß, ob du dann überhaupt mit könntest nach Amerika.“
„Es ist ja doch gut ausgegangen für mich“, sag ich, „mit so einer Aktion kann doch keiner rechnen und deshalb war ich auch total überfahren und habe wohl die Gefahr für mich gar nicht als so bedrohend wahr genommen. Hinter her, als es vorbei war, ist mir dann richtig schlecht geworden und ich musste raus an die Luft, sonst hätte ich mich wohl übergeben müssen.“
„Was passiert denn jetzt mit dem Kerl?“, will Matz von seinem Onkel wissen. „Er wurde gleich im Anschluss fristlos entlassen und die Kripo hat ihn vorläufig festgenommen“, berichtet der Onkel, „alle verfügbaren Spuren wurden gesichert und die Zwei im Krankenzimmer wurden vernommen. Der neue Pfleger wurde auch vernommen, Chris wird wohl morgen zur Kripo müssen und dort alles aussagen. Ob du, Matthias, auch noch vernommen wirst, weiß ich nicht, das wird sich noch raus stellen. Dann wird der Kerl wohl, weil er einen festen Wohnsitz hat, bis zur Verhandlung wieder auf freien Fuß gesetzt, darüber entscheidet aber dann je nach Lage der Haftrichter. Der kann bei Fluchtgefahr oder auch bei Verdunkelungsgefahr, wenn er also wesentliche Beweise vertuschen könnte, eine Untersuchungshaft anordnen, was aber in diesem Fall eher unwahrscheinlich ist.“
Robin schaut zu mir hoch und sagt dann: „Wenn der jetzt noch mal da draußen rumläuft, muss du aufpassen, nicht das er dir irgendwo auflauert in deiner letzten Woche dort, das macht mir jetzt schon ein bisschen Angst.“
„Er hat natürlich auch verboten bekommen, das Klinikgelände zu betreten“, sagt der Onkel, „Aber ein bisschen aufpassen und nicht alleine rum laufen, wäre bestimmt gut. Matthias kann ja sehr gut Karate und muss so schnell keine Angst haben. Ich glaube aber jetzt nicht, dass eine Gefahr von diesem Menschen ausgeht, aber Vorsicht ist halt besser. Es wird das Beste sein, wenn ihr außerhalb der Klinik möglichst gemeinsam unterwegs seid und ich denke, dass euch das zurzeit und wohl auch noch lang hoffentlich so wie so lieber ist. Wenn ihr dann über den großen Teich geflogen seid, braucht ihr an diesen Menschen nicht mehr zu denken.“
„Teich, apropos Teich“, sagt Robin, „wo ist denn dieser Teich, der mit den Fischen drin, mein ich. Können wir mal dorthin gehen und gucken, nach den Koi´s?“
Die Tante sagt jetzt: „ Erich, dann zeig du Chris und Robin mal dein Hobby, ich decke in der Zeit mal den Kaffeetisch für uns.“
Wir gehen durch eine breite Balkontüre hinaus über eine schöne Terrasse in den sehr schön angelegten und ziemlich großen Garten, der von einer weißen, etwa zwei Meter hohen Mauer eingefriedet ist. Matz und ich haben Robin zwischen uns an der Hand und folgen dem Onkel Erich in die hintere rechte Ecke des Geländes. Hier ist ein etwa sechs Meter im Durchmesser großer und sehr schöner Teich angelegt, mit einem Wasserfall ähnlichen Zulauf und einem Steg, der rechts neben dem Wasserfall endet. Ein kleines Gerätehäuschen steht in der Nähe des Teiches an der Mauer und da holt der Onkel jetzt einen kleinen Eimer mit Futtersticks.
Wir stehen mit Robin neben dem Steg am Ufer und staunen über diese wunderschönen Fische, die da so bunt und elegant durchs Wasser gleiten. Ich habe Robin jetzt vor mich gestellt und dann Matzes Hand genommen.
Der Onkel legt Robin jetzt einige der Sticks in die Hand und der wirft nun die Dinger einzeln in Richtung Fische, die nun alle, wie an der Schur gezogen, auf die ins Wasser plumpsenden Sticks zu schwimmen. Nun wirft der Kleine Zug um Zug die Sticks dorthin, die der Onkel immer wieder in seine Hand legt.

Robin

Wir stehen am Teich, Matzes Onkel legt immer wieder so kleine grüne, wie Würstchen aussehend Dinger, in meine Hand, die ich dann den her geschwommenen, etwa fünfundzwanzig bunten und super schönen Fischen hin werfe. Jeder von denen will natürlich so viel wie möglich schnappen und ich versuche, so zu werfen, das alle etwas bekommen und nicht nur die ganz dicken, weil sie das größte Maul haben. Das macht Spaß, ist wieder etwas, was ich noch nie gemacht habe und ich könnte noch eine Stunde so weitermachen, aber die Tante ruft jetzt, das der Kaffee fertig ist.
Der Onkel stellt darauf hin den Eimer wieder in das Häuschen und wir gehen zusammen auf die Terrasse, wo der Tisch gedeckt ist.“Robin, ich habe für dich Kakao gemacht, ist das OK?“, fragt die Tante und ich sage nickend: „Ja, prima, danke. Kaffee darf ich nicht trinken wegen dem Coffein, das verträgt meine Pumpe nicht.“
Es gibt Apfelkuchen mit Schlagsahne, sehr lecker und ich habe ein großes Stück mit viel Sahne gegessen. Etwas von der Sahne habe ich auch unter den Kakao gerührt, Chris hat zwar komisch geguckt, aber das schmeckt dann gleich nochmal besser.
Chris Handy macht Musik und bei der Melodie weiß ich, dass es eine SMS ist, die da eingetrudelt ist. Als er seinen Kuchen verdrückt hat, holt er das Handy raus und schaut nach. „Alex hat geschrieben“, kommt es jetzt ein bisschen aufgeregt von ihm und er liest ganz konzentriert. „Wir haben einen Termin für die erste Untersuchung, es hat geklappt. Wir fliegen rüber.“ sagt er und zwei Tränen laufen über seine Wangen.
Auch mir wird plötzlich bewusst, dass es jetzt bald los geht und auch mit tritt das Wasser in die Augen. Matz ist hinter Chris Stuhl getreten und hat die Arme um ihn geschlungen und es herrscht eine andächtige Ruhe am Tisch. Nach einer Minute etwa sagt Chris dann: „Alex schreibt, das zwei Patienten ihre Termine nach hinten verschoben haben und wir nun einen davon bekommen, weil das Geld und der Haftungsausschluss schon vorliegen. Sechsundzwanzigster Juli ist Termin.“ Wir müssen also am sechsundzwanzigsten Juli um acht Uhr in der Klinik sein, ich soll nüchtern sein und dann geht es wohl richtig los. Das muss ich später gleich an Winston schreiben, wenn wir wieder zuhause sind. Mama wird sich freuen und an Remmers, an Jerome müssen wir es schicken, wohl noch vor allen anderen.
„Schick das bitte sofort an Jerome, sie müssen das ja mit dem Flieger planen“, sag ich zu Chris und der macht das auch sofort und leitet die Nachricht von Alex gleich weiter an Jerome. Eine Antwort kommt sehr schnell und wir werden gebeten, um halb sieben bei Remmers zu sein, alle drei und auch Alex wird kommen, schreibt Jerome, der wohl die Mail auch schon direkt von Alex bekommen hatte.
Chris sagt jetzt allen, was Jerome geschrieben hat, wir haben aber noch Zeit, es ist erst halb fünf und in einer guten halben Stunde sind wir ja dort mit dem Auto. Nach dem Kaffee trinken will Matz uns jetzt sein Zimmer zeigen, das oben im ersten Stock ist. Zwischen den beiden an der Hand steigen wir die Treppe nach oben, es sind sechs zehn Stufen, ich zähle das automatisch immer mit, weiß nicht warum, aber immer wieder.
Oben gibt es nur zwei Zimmer, eins, das kleinere, ist ein Gästezimmer, das große, etwa fünfzig Quadratmeter ist das Zimmer von Matz, mit zum Teil schrägen Längswänden, Holzvertäfelung an Schrägen und an der Decke.
Der Schlafbereich, mit großem Bett ist mit zwei Schränken mit Regalaufsätzen abgeteilt und vorne ist ein Wohnbereich mit Couch, Fernsehen, Schreibtisch und diversen Möbeln. Schön und Sau gemütlich ist es hier und ich spare nicht mit Komplimenten. Auch Chris gefällt das offensichtlich sehr und nachdem sich mich auf die Couch gesetzt haben, geht er mit Chris in den Schlafbereich, zum Gucken wohl, in erster Linie aber wohl zum knutschen, denk ich und das ist voll OK für mich.
Im Schlafbereich ist ein großes Fenster und eine Türe, die auf einen Balkon hinaus geht und von dem man den gesamten Garten überblicken kann. Im Wohnbereich sorgen zwei große Dachfenster für Licht in Hülle und Fülle. Hier kann man sich schon wohlfühlen, das würde mir auch gefallen.
Die beiden kommen zurück in den Wohnbereich und ich sage: „Ihr braucht nicht jedes Mal raus zu laufen, wenn ihr euch küssen wollt. Es macht mir nichts aus, dabei zu zuschauen, solange die Hosen dabei an bleiben. Ich bin sehr froh, dass ihr jetzt zusammen gefunden habt, ich habe es mir so gewünscht und freue mich für euch. Wenn ich wirklich mal rein platze, vielleicht in New York, wenn die Hosen aus sind, dann werde ich auch keinen Infarkt bekommen, denn was da abgeht, habe ich mir im Internet schon mal angesehen, als Chris mir gesagt hat, das er schwul ist. Also keine falsche Scham, küsst euch ruhig, wenn ich dabei bin, eure und meine neuen Freunde tun das auch.“
Sie haben etwas Farbe gekriegt, na ja, vor drei Tagen noch die Klemmschwestern schlechthin, das muss erst noch wachsen mit den Beiden aber der Anfang ist gemacht und ich werde das schon entsprechend begleiten.

Jerome

Als die SMS von Chris kommt, was ihm Alex Brunner geschrieben hat, informiere ich nach Sergej direkt Papa. Da wir Dresdenfahrer heute so wie so um halb sieben alle hier sein wollen, bitte ich Alex Brunner und Chris, Matz und Robin auch zu uns für die Zeit, dann können wir, je nach dem was Papa an Terminvorschlägen für den Flug mit bringt, gleich Nägel mit Köpfen machen. Tom und Micha würden gern auch mit kommen nach Dresden, also muss ich Papa bitten, für beide an der Beziehungsschraube zu drehen und kurzfristig einen Urlaub für die beiden zu organisieren.
Ich werde auch Alex Brunner fragen, ob etwas dagegen spricht, wenn Robin mit Chris und Matz mit uns fahren.
Das wäre doch für den Kleinen ein absolutes Highlight und auch die beiden, in einer Kabine, das wäre doch für beide reizvoll. Boris wird sich bestimmt eine Kabine mit Robin teilen, wenn Sergej im das erklärt und ihn darum bittet.
Dann haben Chris und Matz Gelegenheit, sich vor dem Flug in die USA auch körperlich etwas näher zu kommen.

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1 Kommentar

  1. Und wieder ein schöner, spannender Teil, wirklich toll.

    VlG Andi

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