Die Familie – Teil 6

Kapitel I

Das Nächste, was Kevin spürte, nachdem er in Ohnmacht gefallen war, war ein extrem heftiger und pochender Schmerz, der seinen ganzen Arm abdeckte. Ihm fiel ein, dass er noch gespürt hatte, wie etwas Schweres krachend auf ihm gelandet war und bekam Angst, dass dieser Schmerz vielleicht nur ein Phantomschmerz war. Er öffnete langsam die Augen und ihn durchfuhren zwei Emotionen. Die Erste war Schmerz in seinen Augen, denn das gleißende Sonnenlicht stach in sie ein. Die Zweite war unendliche Erleichterung, denn sein Arm war noch da, dick bandagiert, aber vorhanden.

„Kevin?”

Kevin schreckte sichtlich zurück, doch dann erkannte er einen verweinten Simon und neben ihm einen schlafenden Max.

„Wie geht’s dir?”

„ …urs…!”

Seine Kehle war so unendlich trocken und fühlte sich an als wären drei Eimer mit Sand durch sie durchgezogen. Simon aber verstand sichtlich, er ging zu einer Karaffe mit Wasser und goss ein Glas voll, dazu einen Strohalm, damit Kevin sich nicht aufrichten musste. Als das kühle Nass bewusst langsam seine Kehle runter rann, war das als wenn nach ewiger Dürre wieder Regen fallen würde und Kevin verschluckte sich auch prompt.

„Und geht’s besser?”

„Ja, danke. Mir geht’s einigermaßen gut. Mein Arm tut höllisch weh- na ja und den Rest bin ich schon gewöhnt!”

„Ich werde mal den Arzt holen, der wollte benachrichtigt werden, wenn du aufwachst!”

„Ok.”

Simon ging hinaus und Kevin sah sich in dem Krankenzimmer um. Es war ein Zwei-Bett-Zimmer und in dem anderen Bett lag ein grauenhaft zugerichteter Sebastian. Ihm kamen die Tränen, er konnte einfach nicht mehr an sich halten und ergab sich dem Tränenfluss. Wie konnte das alles nur passieren? Wieso musste ihm so etwas passieren? Andererseits wünschte er dies auch keinem Anderen. Besonders sein Arm war die Hölle für ihn, aber seinen Sebi da liegen zu sehen, war nun wirklich das Schlimmste, was passieren konnte.

Sebi war übersäht mit Blauen Flecken und Schürfwunden, die alle gut versorgt waren. Er hatte es zwar nicht so schlimm getroffen wie Kevin, aber mit 5 gebrochenen Rippen und davon drei, die sich in die Lunge gebohrt hatten, war auch er nicht gut dran. Kevin hatte, wie er beim Atmen und vorhin beim Husten gemerkt hatte, wohl auch gebrochene Rippen, aber keine davon offensichtlich in seiner Lunge, da er ganz gut atmen konnte.

Simon kam zurück mit einem Mann mittleren Alters mit freundlichen und weichen Gesichtszügen. Er kam flüsternd auf Kevin zu.

„Na, da ist ja endlich einer aufgewacht. Wurde auch höchste Zeit.” Er grinste.

„Wie schlimm?”, konnte Kev nur Fragen.

„Na ja, ihr habt beide einige gebrochene Rippen, von deinem Arm wollen wir gar nicht reden. Offener Bruch, aber alles gerichtet. Außerdem zahllose Blaue Flecken und Schürfwunden. Die haben ganze Arbeit geleistet. Hinzu kam bei Sebastian, dass er auch noch drei Rippen in die Lunge gebohrt hatte. Aber wie gesagt: alles wieder gerichtet. Ihr befindet euch beide auf dem Wege der Besserung.”

„Wie lange müssen wir noch hier bleiben?”

„Na ja, ich denke noch ein oder zwei Wochen. Dann seit ihr soweit wieder hergestellt und man kann euch auf die Allgemeinheit wieder loslassen.”

„Ist Sebastian auch schon wieder wach gewesen?”

„Ja, er ist gestern aufgewacht, um dich haben wir uns besonders gesorgt, weil viele deiner bereits existenten Wunden wieder aufgebrochen sind.”

„Hab ich gemerkt.”

„Ok, Simon meinte, du hast Schmerzen?”

„Ja, starke Schmerzen. Im Arm.”

„Gut, ich werde dir gleich etwas geben, damit sind sowohl die Schmerzen beseitigt und du kannst in Ruhe bis Morgen durchschlafen. Mussten wir Sebastian auch geben, vor kurzem, weil ihm die Schmerzen in der Brust ziemlich zugesetzt hatten.”

„Gut- ach so müssen wir auch die dämliche Chefarztvisite über uns ergehen lassen?”

Nun ging’s auch für den Arzt nicht mehr, er brüllte vor Lachen und das zu Recht…

„Mein lieber Kevin, du wurdest vom Chefarzt behandelt- nämlich von mir. Ich denke mal, dass ich euch umgehen könnte. Wäre das besser für dich?”

Auch um Simon war es geschehen, er lachte munter drauf los, was seinem Gesicht sehr gut tat, Max schreckte aus dem Schlaf und Kevin grinste auch nur.

„Jupps, wäre besser. Ich mag das nicht sonderlich angeglotzt zu werden.”

„Verständlich, ist ok, ihr werdet umgangen.”

Dankend nickte Kevin dem Arzt zu, der ihm sogleich in eine Fistülle an seinem Handgelenk eine klare Flüssigkeit spritzte, die bewirkte, dass Kevin seine Schmerzen vergaß und in einen traumlosen Schlaf sank.

Kapitel II

Simon war so froh, als er die geöffneten Augen von Kevin sah, doch es tat weh, ihn zurückschrecken zu sehen. Er wusste aber das dies nicht ihm galt. Sebastian hatte ähnlich reagiert und er kannte Simon schließlich nicht. Nach ein paar Stunden intensiveren Gesprächs, kannten die beiden sich schon wesentlich besser und schon kurz danach fragte Simon, ob Sebastian seinen neuen Bruder liebte. Er dachte, es klang immer so ein gewisser schwärmender Unterton, wenn Sebi von Kevin sprach. Sebi wurde rot und damit war alles klar. Simon war dann damit beschäftigt, Sebi zu beruhigen und zu versichern, dass er nichts dagegen hatte, schließlich sei er ja auch schwul und damit war alles perfekt. Von den Beiden fiel die letzte Scheu ab und sie unterhielten sich völlig zwanglos. Max war in der Zwischenzeit zu Simon nach Hause gefahren und hatte etwas geschlafen, um dann frisch gestärkt und ausgeruht mit neuer Kleidung für Simon vor der Tür zu stehen.

Simon dagegen weigerte sich strikt, das Krankenhaus ohne Sebastian und Kevin zu verlassen und so stellte man ihm ein drittes Bett in das einstige Zwei-Bett-Zimmer und er konnte das Bad der Beiden benutzen, sie durften ohnehin noch nicht aufstehen, so dass Simon jeden morgen das Vergnügen hatte, die beiden nackt zu sehen, nämlich dann, wenn der nicht gerade unattraktive Zivi die beiden Waschen musste. Simon konnte sich allerdings nicht des Gedankens erwähren, dass der Zivi namens Patrick mit ihm flirtete.

„Guten Morgen, Simon, na was machen unsere beiden Prinzen?”

„Och die schlafen ganz gut. Kev ist gestern endlich aufgewacht, aber seitdem schläft er durch, tu dir keinen Zwang an und bedien dich!”

Die beiden grinsten sich an und schauten sich eine Spur zu lange in die Augen. Dann machte sich Patrick an seine Arbeit, als erstes entkleidete er Sebastian, was nicht gerade schwer war durch das doch recht schmähliche, für ein Krankenhaus typisches Hemd, was hinten offen war.
Simon schaute sehr interessiert zu, schließlich hatte es Patrick doch recht gut getroffen mit seiner Beschreibung. Die beiden Jungs waren eigentlich echt niedlich, auch wenn dies doch recht stark durch die Verletzungen verborgen war und dann war da noch die doch recht erregenden Männlichkeiten der beiden. Das alles machte ihn aber nicht nervös, das Einzige, was dies vermag, war das Lächeln von Patrick.

„Na, Simon, hab gehört, ihr habt es geschafft und seid die Chefarztvisite doch tatsächlich losgeworden.”

„Jupps, besser gesagt: Kevin ist sie losgeworden.”

„Dann könnten wir ja übereinander herfallen und da würde keiner kommen!”

„Ähm . . . ja . . . könnten wir wohl.”

Simon wurde rot und Patrick grinste.

„Du siehst ja richtig süß aus, wenn du rot wirst.”

„Ähm …. Ähm ….”

Nun kicherte da etwas, nämlich Sebastian.

„Also wirklich, entweder hier wird gearbeitet oder geflirtet. Mir wird nur etwas kalt unten rum.”

Nun kam auch ein Kichern aus dem anderen Bett.

„Och, nun lass sie doch! Ich find das irgendwie süß.”

„Ja, stimmt, schon vor allem, weil sie nicht mal voneinander wissen, dass sie schwul sind.”

Die Beiden lachten los, denn zwei Kinnladen fielen gen Boden.

„Also, Patrick, ich mach dir nen Vorschlag. Mach hier deine Arbeit fertig und triff dich mit klein Simon in deiner Pause hier und dann geht ihr spazieren. Deal?”

„Ähm, wenn Simon mag…?”

Äußerst nervös blickte sich Simon um und sechs Augen ruhten auf ihn und durchdrangen ihn erwartungsschwanger.

„Ja, ich würde . . . würde mich freuen.”

Nun grinsten sie sich verlegen an.

„Sind sie nicht süß unsere beiden Turteltauben?”

Das konnte ja nur Sebi sein, Simon merkte schon, wie frech er war, aber es störte ihn nicht.
Nun beendete Patrick noch das Waschen und brachte das Frühstück. Mit einem gemurmelten 14 Uhr und einem breiten Lächeln verabschiedete er sich vorerst.

„Der ist ja ganz aus dem Häuschen!”, grinste Kevin.

„Klar, er hat ja auch bekommen, was er wollte, ein Date mit unserem süßen Simon.”

Die Beiden feixten noch ein wenig rum und da war es auch schon 13 Uhr und das Mittagessen kam, ausgeteilt von einer Schwester. Alle drei bedankten sich, besonders Simon da er ja eigentlich kein „Gast” war. Und dann wurde die karge Suppe schnell weg geschlabbert und die drei quatschten noch ein wenig, als es dann an der Tür klopfte. Simon schaute auf die Uhr und Sebastian und Kevin grinsten sich an, was den Beiden weh tat, denn die Wunden im Gesicht waren ja nicht verheilt. Die Tür öffnete sich und da stand Patrick in seiner weißen Kluft und Simon musste zugeben, er sah schon verdammt gut aus und war ein interessanter Typ noch dazu.

Kapitel III

Simon und Patrick saßen in der Cafeteria vor ihren undefinierbaren Mahlzeiten und unterhielten sich über belanglose Sachen. Lieblingsmusik, Lieblingsfilm und und und. Wir alle kennen diese Fragen und wir alle lieben diese Fragen. Jedenfalls passierte es dann zufällig (natürlich) das Patricks Hand, vorher wild gestikulierend, nun auf Simons Hand zur Ruhe kam und anfing, mit den Daumen Simons Handrücken zu streicheln. Dieser wiederum ließ es ohne viel drum herum geschehen und genoss es sichtlich.

„Sag mal Simon, was machst du eigentlich so? Also beruflich?”

„Ich bin noch Schüler und was machst du nach dem Zivi?”

„Ich fang mit meinem Studium an.”

„Und was möchtest du studieren?”

„Medizin.”

„Klingt logisch, deswegen auch vorher der Zivi im Krankenhaus.”

„Jupps und was magst du nach der Schule machen?”

„Na ja ich hab mir überlegt, Sozialpädagogik zu studieren…”

„Oh, ein zukünftiger Lehrer!”

„Nein, ich möchte kein Lehrer werden. Ich möchte was anderes machen, auch mit Kindern und Jugendlichen, aber nicht unterrichten.”

„Ah, ok und sonst? Was macht ihr so? Ich meine, du und Max, ich hab ja schon gehört ihr seid unzertrennlich.”

„Na ja, wir machen alles zusammen. Wir sind zusammen aufgewachsen. Meist schläft Max auch bei mir und dann auch mit in meinem Bett.”

„Muss ich mir jetzt Gedanken machen, dass du deinen Mann schon gefunden hast?”

„Na ja, ich muss zugeben, dass ich Max liebe, aber so wie du dir das vorstellst, ist das nicht. Den Mann, der diesen Platz in meinem Herzen ausfüllt, suche ich noch- und du? Hast du schon den Mann gefunden, den du nicht gehen lassen willst?”

„Ich denke, dass ich ihn gefunden habe, aber ob er das auch denkt, das ist die Sache.”

Mit diesen Worten stand Patrick auf, gab Simon einen Kuss auf die Wange und sagte, er müsse wieder an die Arbeit, damit war er verschwunden. Simon war nun noch unsicherer als sonst, meinte Patrick etwa ihn? Sollte er für ihn der Mann sein?

Simon machte sich auf den Rückweg. Unterwegs traf er den Chefarzt.

„Hallo, Simon, gute Nachrichten wir können die Beiden vorzeitig entlassen. Übermorgen können sie mit viel Ruhe hier raus. Sagst du ihnen das?”

„Klaro, da werden sie sich freuen.”

Kapitel IV

Als Simon gerade wieder ins Zimmer kam, lagen Sebastian und Kevin auf einem Bett und küssten sich und Kevin kuschelte sich eng an seinen Sebi. Wie haben die das nur wieder geschafft?, war der erste Gedanke, der Simon durchfuhr und er räusperte sich.

„Also, Jungs, wie habt ihr das denn schon wieder geschafft? Ihr solltet doch im Bett bleiben, und ich meine, jeder in seinem.”

„Hehe, hallo, Simon. Ähm ja das war etwas schwer, aber wie du siehst von Erfolg gekrönt. Und wie war dein Date?”

„Für euch erst mal uninteressant, ich hab andere Neuigkeiten.”

„Ach so? Was könnte interessanter sein als dein Date?”

„Vielleicht die Tatsache, dass ihr frühzeitig entlassen werdet?”

„Was? Wie das?”

„Weiß ich auch nicht, aber ich telefoniere erst mal!”

„OK!”

Simon ging aus dem Krankenhaus und vor der Tür holte er erst einmal sein Handy raus.
Im Krankenzimmer allerdings spielten sich ganz andere Dinge ab, da zwei Boys nicht genug voneinander bekommen können, während Simon alles regelte, einmal mit seinem Vater und einmal mit Kirstin, als er wieder oben ankam, erwischte er Sebi und Kev doch in einer sehr provokanten Haltung: Sebis Kopf zwischen Kevs Beinen.

„Also, Jungs, so langsam übertreibt ihrs oder darf ich mitmachen?”

Alle beide werden rot.

„Ok, beim nächsten Mal aber. Sebi, du kommst übermorgen gleich mit zu uns und schläfst natürlich mit Kev in einem Bett. Ihr habt strengste Bettruhe und von mir bekommt ihr eine Einschränkung …”

„Ok und was?”

„Nur einmal am Tag Sex!”

Beide protestierten und Simon grinste von einer Wange zur anderen und da wussten sie, dass es nur ein Scherz war.

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