Space – Teil 7

Kellan-System, 347 Deliafor, 99 AE:

 Es war das Jahr 347 Deliafor, das Jahr der Grünen Mücke, wie es die Kellaner nannten. In nur wenigen Tagen würde das Fest zum Jahresende abgehalten werden. Ganz Kellan war in rege Betriebsamkeit verfallen, ein Sternensystem, das sich aufmachte, vier Tage zu feiern.

Für den Handelsfürsten Nom Escipur war es ein besonderes Jahr. Das Glück war ihm hold gewesen. Der Wert seiner Firmenanteile hatte sich mehr als verdoppelt. Im Rat der 55 Handelsfürsten war er neun Plätze nach oben gerückt. Eben jetzt befand er sich zu einem weiteren Treffen der Handelsimperialisten.

Lichtentladungen zuckten durch den Raum, als sich sein gewaltiges Luxustransportschiff durch den Warppunkt schob, um in das Kellan-System, Sitz des Rates, zurückzukehren.

Das Imperium war reich, und Escipur einer der mächtigsten Männer des Universums. Demzufolge war sein Schiff ein fliegender Palast. Inklusive der modernsten Waffen, Schilde und Sicherheitsvorkehrungen.

 

Die internen Sensoren hatten achtzehn Personen an Bord des Schiffes angezeigt, bevor es in den Hyperraum gegangen war. Drei davon waren der Fürst selbst, seine Geliebte und seine gerade vor wenigen Monaten geborene Tochter.

Nachdem das Raumschiff durch den Warppunkt in den normalen Raum zurückgekehrt war, meldete derselbe Sensor neunzehn Lebenszeichen an Bord. Im Hyperraum konnte weder Leben noch Materie existieren, das sich nicht im Transitions- oder Übergangsstadium befand. Es war völlig unmöglich, dass irgendetwas während des Warpsprunges an Bord gekommen war. Deswegen zögerte der wachhabende Offizier auch drei Sekunden, in denen er an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte, bevor er den Alarm auslöste.

In dem Moment, als er den Alarm-Befehl bestätigte, bohrte sich auch schon ein Deck tiefer eine Klinge tief in das Herz des 17. Handelsfürsten.

 

Nom Escipur zitterte vor Schmerz. Seine wässrigen Augen starrten immer noch überrascht in das ruhige Gesicht des in schwarzen, dünnem Leder gekleideten Assassinen. Sein entsetzter Blick folgten den blassen Augen über den muskulösen Torso des Fremden bis über dessen linken Arm, in der sein Angreifer einen Griff mit einer hauchdünnen, nadelförmigen Klinge hielt, die sich jetzt tief in seinem eigenen Körper befand.

Die Klinge war so fein, dass er fern davon war, zu sterben. Er spürte Blutbahnen in seinem Inneren zerbersten, und vermeinte zu fühlen, wie sich träge Flüssigkeit in seiner Lunge ansammelte. Die Waffe hatte einen neuralgischen Punkt in seinem Körper durchbohrt, und obwohl Nom bei Bewusstsein blieb, wurde er doch von Schmerzkrämpfen durchschüttelt. Er war wie gelähmt, konnte seinen Körper keinen Zentimeter mehr bewegen.

Der Fremde ließ den Griff seiner ungewöhnlichen Waffe los, drehte sich von Nom ab. Der Händlerfürst sah mit an, wie er sich völlig lautlos der Schlafpritsche näherte, auf dem seine Gefährtin immer noch schlief. Es war ihm nicht einmal möglich, zu schreien, die Krämpfe und Schmerzen, die sich von seiner Brust über seinen ganzen Körper ausgebreitet hatten, hielten ihn im Bann. Er sah hilflos mit an, wie der Assassine seine Hand beinahe zärtlich auf die Stirn seiner schlafenden Geliebten legte. Die andere legte er ihr auf das Kinn, und mit einer schnellen, präzise ausgeführten Bewegung brach er ihr das Genick. Das Knacken, das durch den ganzen Raum hallte, ließ keinen Zweifel an ihrem Tod zu.

 

Nom hörte schwere Schritte auf dem Gang. Die Wachen hatten trotz der Unmöglichkeit der Situation schnell reagiert.

Der Assassine schien keineswegs beunruhigt. Mit seiner rechten Hand schnappte er sich den Säugling, der noch im Arm der Mutter schlief. Er presste ihn an seine eigene Brust, als wolle er ihn stillen. Während er wieder auf Nom zuging, legte sich seine starke Hand auf den Mund des Kleinen, zwei Finger hielten ihm die Nase zu.

Das Baby begann zu zucken und zu strampeln, der Mörder hielt das kleine Mädchen fest, als er auch schon wieder bei Nom angekommen war und vor ihm niederkniete.

Noms kleine Tochter starb in dem Moment, als die Türen aufbrachen, sich zwei schwer bewaffnete Männer vorsichtig in den Raum drückten.

Der Fremde lächelte nur für den Bruchteil einer Sekunde. Er flüsterte ein paar düstere Worte, die Nom nicht verstehen konnte, dann berührten seine Finger wieder die Klinge, die ihm noch im Herzen steckte. Erbarmungslos stieß er sie nur einen weiteren Zentimeter mehr nach vorn.

Feuer schoss durch Noms Verstand. Sein Leben, seine Seele, alles verbrannte im Bruchteil einer Sekunde. Als er sein Leben aushauchte, kniete sein Mörder noch über ihm, die Augen wie zu einer friedvollen Meditation verschlossen.

Als die Wachen den schwarzgekleideten Assassinen an den Schultern packten, hielten sie nur noch eine leblose Leiche in den Händen.

 

Es war das Jahr 347 Deliaflor. Beziehungsweise 99 AE, wie es drei Terraner nannten, die sich noch nicht gefunden hatten. In wenigen Monaten würde es hundert Jahre her sein, dass die Erde von der  gewaltigen Tronararmee zerbombt worden war. Rob Spato war noch ein Kopfgeldjäger. Kal Vasquez noch ein lebender Mensch. Chris O Connor ein zielloser Flüchtling.

Im Jahre 347 Deliafor hatte ebenfalls die endlos scheinende Odyssee des Forschungsschiffs Shining Star begonnen. Die Gemeinschaft der Freien Völker hatte während eines Ionensturms den Kontakt zu diesem Schiff verloren. Was aus Captain Katelan und ihrer Besatzung geworden war, blieb für viele Jahre ein Rätsel.

Es war das Jahr 347 Deliaflor als Tyriad AlKazenar geboren wurde.

 

***

 

Kellan Central, 350 Deliafor, 102 AE, drei Jahre später:

 

Der Geist Kalimeros stürzte aus den Sphären des intergalaktischen Netzes auf die dichtbevölkerte Hauptstadt Kellan Centrals herunter. Er ließ sich durch das interne Netz des Planeten treiben, badete in lokalen Nachrichten und exotischen pornographischen Bildabrufen, spürte Anfragen nach Luxusgütern, Dienstleistungen und leichter Unterhaltung wie Champagnerperlen um sich herumsprudeln. Er loggte sich in einen Breitbandkanal ein, durchfächerte die Dienstleistungsangebote bis er sich in der Software eines Multi-Hotelkomplexes eingefunden hatte. Er fuhr die Zimmerservice-Anfragen rauf und runter. Als er nach wenigen Sekunden begriff, dass er so nicht zum Erfolg kommen würde, hatten sich seine virtuellen Fingerkuppen schon tief in das Personenregister gegraben.

 

Rob Spato hatte sich tatsächlich unter seinem echten Namen eingetragen, Zimmer T4 1053. Sich selbst belächelnd hackte er sich in die Unterhaltungsmedien ein, folgte einem Mix aus komprimierter eklektischer Musik und setzte sein Ego in die Wandkonsole des gefundenen Zimmers.

 

‚Zimmer’ war natürlich ein sehr beschönigendes Wort für die enge Schlafnische. Mit einer Höhenfläche von einem Quadratmeter und einer Länge von 2 Meter Fünfzig war der Platz beinahe auf Sarggröße reduziert. Aber die Wände leuchteten in einem angenehmen Hellorange, die Stirnseite zeigte einen atemberaubenden Fensterblick auf die Skyline K-Centrals, und die Matratze und Bettwäsche waren hell, bequem und sauber.

Insgesamt eine gute Wahl, dachte Kal. Der Aufenthalt auf K-Zentral war äußerst teuer und der Lebensraum begrenzt, es gab kaum Hotels mit größeren Zimmern, und Robs Kopfprämien-Credits waren stark begrenzt.

 

Am Fußende der Wohnnische befand sich ein Bildschirm, ein Multifunktions-Terminal und die Lautsprecher, aus der die gedimmte Entspannungsmusik floatete. Wie aus einem Reflex heraus überprüfte Kal die Elektronik, checkte eingegangene Mails, erst dann beobachtete er das Innere der Nische.

 

Die beiden Männer schliefen friedlich in der warmen, feuchten Enge des Raums. Der größeren von beiden, Chris, schien nackt zu sein, ein Bettlaken wickelte sich dezent um seine Hüfte, er lag auf dem Bauch und hatte sein Gesicht fest in die Matratze gedrückt. Ein Arm lag locker in einer beschützenden Geste auf dem Rücken des anderen. Rob! Der schlafende Pilot trug ein knappes ärmelloses Hemd sowie Boxers, seine Atemzüge gingen gleichmäßig. Seine geschlossenen Augenlider zitterten leicht und seine Lippen waren mit einem dünnen Feuchtigkeitsfilm benetzt.

 

Es war ein friedliches, unbeschwertes Bild. Für einige Minuten beobachte Kal die beiden einfach. Die beiden atmenden Körper beneidend, fühlte er sich menschlicher als die letzten Tage zuvor. Dann schämte er sich auf einmal, fühlte sich wie ein Voyeur. Andererseits traute er sich auch nicht, die beiden zu wecken, schließlich hatten sie einen zweitägigen Höllentrip in einem defekten Raumgleiter hinter sich.

Noch bevor er eine Entscheidung getroffen hatte, erwachte Spato. Unbekümmert schüttelte er die Hand auf seinem Rücken ab, erhob dann seinen Oberkörper, setzte sich so weit auf, wie es die Verhältnisse in der Nische zuließen.

 

Er blinzelte verschlafen direkt in den Bildschirm der Wandkonsole zu seinen Füßen.

„Guten Morgen, Rob!“, machte ihn Kalimero auf seine Anwesenheit aufmerksam. Er griff in die Videoübertragung ein, ließ eine Replik seines ehemaligen Gesichts auf dem Bildschirm erscheinen.

„Hi Kal!“, krächzte Rob, streckte sich. Chris bewegte sich jetzt auch, drehte sich auf den Rücken, streckte ein von der Matratze rot imprägniertes Gesicht in die Höhe.

„Guten Morgen, Chris“, begrüsste Kal auch Robs Bruder, „Ich bin froh, dass ihr heil angekommen seid! Wir sollten uns  langsam zusammensetzen, um Pläne zu machen?“

„Doch nicht jetzt!“, grummelte Chris und warf einen bösen Blick in Richtung des Monitors. Dann versuchte er kriechend auf die Beine zu kommen. Er war tatsächlich nackt, wickelte sich das Betttuch um die Hüften.

„Irgendwo Dusche suchen“, murmelte er beinahe geistig abwesend, dann glitt er durch die Luke am Fußende auf den Korridor, der wie in einem Bienenstock die übereinander gestapelten Nischen verband.

 

Kal wartete noch, bis er Chris ausser Hörreiche wähnte, bis er sprach:

„Ich mag ihn nicht. Er ist ein skrupelloser, egozentrischer Bastard. Was ist dieses Brüder-Ding zwischen euch? Ich meine, ehm, du bist doch kein O’Connor?“

Rob schüttelte eine Hand abwehrend Richtung Monitor.

„Wir sind schon so etwas wie Brüder. Ich bin bei den O’Connors aufgewachsen. Sein Vater hatte mich adoptiert, weil er wohl dachte, er hätte meine Eltern ermordet oder so!“

 

Kal starrte irritiert auf den emotionslos dahinredeten Spato.

„Es war ein Unfall. Einer der ersten COC-Prototypen stürzte ab, in diesen Wohnblock hinein. Es gab Hunderte Tote. Meine Eltern waren nur zwei unter vielen. Und ich war bereits 13 oder so. O’Connor musste ein verdammt schlechtes Gewissen haben, weil er anbot, mich aufzunehmen. Chris akzeptierte mich sofort als jüngeren Bruder. Aber mit dem alten Charles kam ich nicht klar. Bei jedem Gespräch mit ihm, spürte ich dieses Mitleids-Ding, diese aufgesetzte Schuld. Dabei habe ich ihm nie einen Vorwurf gemacht. Und ich bin in die SFF eingetreten. Wurde ein Pilot, genau wie der Kerl, der den Jäger in unseren Hausblock gescheuert hat. Das sagt doch wohl alles.“

 

Kal hob erstaunt die Augenbrauen.

„Wir Piloten auf der Armageddon haben nie gewusst, dass du so enge Beziehungen zur SFF-Spitze hattest? Als Rob O’Connor hättest du sicher eine schnellere Karriere hingelegt.“

 

Rob grinste.

„Who cares!“, meinte er auf englisch.

Kals Neugier war noch nicht erloschen.

„Und schläft er immer nackt?“, fragte das Hologramm nach einer Weile. „Ich meine, lief da mal was zwischen euch?“

Rob Spato lachte auf.

„Chris und ich? Mach dich nicht lächerlich. Er ist so straight wie eine Bohnenstange!“

Sein Blick wurde gutmütiger.

„Als Teenager hat er immer versucht, mich zu verführen. Lief nackt oder in Badehosen vor mir herum, berührte mich, scherzte mich mit doppeldeutigen Bemerkungen. Ich ging nie darauf ein. Ich glaube, er hat vor mir gespürt, dass ich schwul war. Er wollte es aus mir herauslocken. Er wollte seinen Verdacht und sein sexuelles Ego bestätigen. Mir war immer klar, sobald ich auf ihn eingegangen wäre, hätte er mich spottend zurückgewiesen. Es ist seine Art!“

 

Kal legte die Projektion seines Gesichts schief.

„Ich sagte ja schon, ich mag ihn nicht. Ich denke, er ist ein arroganter, selbstverliebter, Menschen manipulierender Klotz!“

Rob lächelte leise.

„Du hast ein falsches Bild von ihm“, meinte er. „Ist dir nicht klar, was passiert wäre, wenn ich auf ihn eingegangen wäre? Okay, er hätte mich für einen Moment verspottet und gedemütigt. Und mich gezwungen, meinem neuen Vater die Wahrheit über mich aufzutischen. Und dann? Keine Angst mehr. Kein Verstecken. Ich war so ein Narr. Chris liebt es, mich zu manipulieren, aber danach…er hätte mir bedingungslos geholfen. Er hätte die gesamte medizinische MedCorp Datenbank für mich nach geeigneten PKs durchsucht. Vielleicht hätte ich nicht den Drang verspürt, mich in der Army vor meinem Leben zu verstecken.“

Rob seufzte auf.

„Du musst mir glauben, Kal. Er ist der großartigste große Bruder auf der Welt!“

 

 

***

„Und wie weit seid ihr?“, fragte Chris, während er sich von der Dusche kommend zurück in die kleine Liegezelle quetschte. „Habt ihr bereits einen Plan, wie wir die Welt retten?“

Rob schüttelte gleichgültig den Kopf, nahm den nur in ein Handtuch gewickelten Bruder nicht ernst.

 

„Hey, diese fortschrittliche neue Welt gefällt mir“, fuhr Chris grinsend fort und legte Rob zwei Beutel an die Seite, „Frühstücks-Dispenser in der Dusche. Einfach und genial!“

Rob nahm den ersten Beutel, der eine konzentrierte braune Flüssigkeit zu enthalten schien. In das Material war ein Saugvorrichtung eingeschmolzen, so wie er es von Astronautennahrung kannte. Das ganze sah verflucht nach konzentriertem Kaffeebrei aus.

„Danke!“, meinte er, „Aber sollten wir nicht wirklich langsam mit unseren Plänen anfangen? Also, was wissen wir von dieser Welt?“

Er blickte den Monitor erwartungsvoll an.

 

Kal antwortete, als habe er sich schon innerlich für diese Frage vorbereitet.

„Das Kellan-System! Wir haben hier eine Koexistenz von mehreren Hundert anerkannten Sternensystemen und einigen eher fragwürdigen Untergruppierungen. Nun, die größte politische Macht davon ist sicherlich die Vereinigung der Freien Völker. Planeten, die sich unter einer Carta zusammengeschlossen haben. Grundvoraussetzung sind Menschenrechte, Verfolgung von Kriminalität, eine gemeinsame, gerechte Jurisdiktive. Die Frees sind sicherlich die am weitesten entwickelste Gruppierung hier. Wenn auch nicht die wohlständigste.“

 

„Womit wir zu der zweiten Gruppierung kommen“, führte Rob fort. „Die Händlerliga?“

Er nahm einen Schluck von der tiefbraunen Flüssigkeit. Tatsächlich war der Geschmack von einer herben Bitterkeit, was den Vergleich zu Kaffee gerechtfertigte. Er war sicher, das eher zähe Getränk würde ebenfalls seinen Körper aufpuschen, wenn dieser sich nicht schon unter einer ständigen Versorgung mit Red befunden hätte.

 

„Eben diese!“, bestätigte Kalimero. „Die Liga der 55 Handelswelten mit ihren mächtigen Fürsten. Und der Hauptwelt Kellan, auf der wir uns in diesem Moment befinden. Die Schnittstelle zwischen den Freien Völkern und den Planeten, die aufgrund ihrer ethischen Unvollkommenheit oder Primitivität nicht von der Carta aufgenommen werden. Die Handelsliga schert sich nicht um Sklaverei, Missbrauch oder Einhaltung der Gesetze. Nur der Profit ist ausschlaggebend.“

Rob nickte.

 

„Ich habe bereits für sie gearbeitet“, gab er zu. „HEAD HQ, die Zentrale für kommerzielle Rechtschaffenheit. Mit anderen Worten, ein Kopfgeldjäger-Switchboard.“

Chris schnaufte kurz auf. Er hatte seine Zähne in den Inhalt einer der anderen Tüten geschlagen. Rob öffnete seine jetzt ebenfalls, es sah aus wie ein zusammengepresstes Sandwich. Er probierte zaghaft eine Ecke, stellte aber überrascht fest, dass es köstlich schmeckte.

 

„Wo stehen die Snirvellin?“, fragte Chris gereizt.

Kal zögerte einige Sekunden.

„Snirvel und zwei andere Planeten bildeten die Gründungsmitglieder der Carta der Freien Völker. Ich sage es ungern…aber unser Volk der weissen Fisch-Engel ist definitiv auf der Seite der Guten!“

„Hah!“, lachte Rob zynisch auf.

„Hätte ich mir ja denken können. All diese Geheimniskrämerei, der Aufwand die Tronar zu erschaffen, um uns auszurotten. Die Snirvellin hätten wohl kaum die Erde einfach plündern können, ohne aus dieser Carta rauszufliegen. Und wie sieht es aus? Haben die Snirvellin irgendwelche Feinde außer drei gestrandeten Terranern?“

 

Das Bild von Kals Kopf auf dem Monitor schüttelte den Kopf.

„Nada!“, meinte er. „Im Gegenteil, alle drei Parteien, die Frees, die Händler und die Unterprivilegierten kommen erstaunlich friedfertig aus. Es gibt einige weitere Splittergruppen, darunter eine die ‚die Essentiellen’ genannt werden. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um Wesen, die es geschafft haben, ihre Körperlichkeit aufzugeben und als reine Energieformen zu leben. Es gibt das Gerücht, dass die Snirvellin versuchen, Teil der Essentiellen zu werden. Bis jetzt erfolglos. Aber dieses Bestreben wirft einen leichten Schatten in den Augen der anderen ‚materiellen’ Völker auf die Snirvs. Das ist schon alles. Kaum ein Grund, Verbündete zu finden.“

 

Rob schwieg einige Sekunden, dann meinte er mit fester Stimme:

„Also machen wir uns Gründe. Wir brauchen einen Konflikt. Um zu sehen, wie sich die Seiten ausrichten. Welches Volk vielleicht insgeheim doch etwas gegen die Snirvs hat.“

„Und wie erreichen wir das?“

„Gar nicht so schwer!“, meinte Chris, der sich bis jetzt erstaunlicherweise herausgehalten hatte. „Was passiert, wenn die Freien Völker anfangen, eigene Handelsverbindungen zu knüpfen? Die Handelsliga würde Amok laufen. Ihre größten Happen würden ihr dadurch entgehen!“

„Und wie wollen wir das anstellen?“, fragte Rob erstaunt.

„Na, nehmen wir einmal an, ich kaufe mich auf einen dieser Free-Welten ein. Suche mir einen Rohstoffplaneten, stelle Leute ein, produziere Handelswaren…also etwas einfaches, Löffel oder Schaufeln oder so. Und jetzt beginne ich, dieses Zeug selber zu vertreiben, ohne die Handelsliga als Zwischenhändler zu nutzen. Das dürfte ihnen ein Dorn im Auge sein!“

„Ja, und ein gefährliches Unterfangen hinzu. Andere Produzenten in der Carta könnten auf dieselbe Idee kommen, falls du Erfolg zeigst.“

„Also wird die Handelsliga einen Schritt unternehmen, um mich zu stoppen. Und damit gegen die Vereinbarungen mit den Freien Völkern verstossen.“

 

„Und schon haben wir einen Konflikt“, meinte Kal. „Kann es wirklich so einfach sein? Also es dürfte für mich kein Problem sein, dir eine falsche Identität als Mitglied einer der Free-Welten herzustellen.“

„Probieren wir es aus“, meinte Chris grinsend. „Spielen wir ein wenig mit dieser Ökonomie. Wäre doch gelacht, wenn Chris O Connor nicht wieder auf die Füße fallen würde!“

 

Rob nickte.

„Und ich werde mich auf die andere Seite schlagen. Im HEAD HQ der Händlerliga habe ich bereits einen guten Namen. Vielleicht schaffe ich es, dort in eine Vertrauensposition aufzusteigen!“

„Ich werde die Schnittstelle zwischen euch sein“, meinte Kal. „Und nebenbei versuchen wir herauszubekommen, was die Snirvellin noch so aushecken!“

„Vergesst nicht!“, meinte Chris, „Wir haben für unsere Rache alle Zeit der Welt!“

 

Rob schluckte, warf einen Blick auf seinen linken Arm. In seinem Handgelenk befand sich das Implantat, das seinen Körper ständig mit drei verschiedenen Chemikalien versorgte. Im Green befand sich das Enzym, das den Alterungsvorgang seines Körpers unterdrückte. Auch wenn er das Implantat jetzt seit hundert Jahren trug, fühlte es sich immer noch wie ein Fremdkörper an.

„Gut!“, beendete er das Treffen. „ So machen wir es!“

Er schaute erst Chris, dann Kalimero zuversichtlich in die Augen. Sie würden ein tödliches Trio für ihre Feinde abgeben!

 

Ylien, 100 AE, 348 Deliaflor, zwei Jahre zuvor:

 

Hajols Hände führen über das Holz. Auch wenn der Baum mit groben Axtschlägen gefällt worden war, fühlte sich die Oberfläche des riesigen Stumpfes glatt wie unkaltes Eis an. Seine Finger glitten langsam vom Inneren bis zur Rinde, seine Kuppen spürten jeden einzelnen Jahresring.

 

Neunhundertsiebzehn, zählte er, Neunhundertachtzehn, Neunhundertneunzehn.

 

Der alte Mann war zufrieden mit der Politur der von den Ringen gemaserten Holzfläche. Er hatte bereits morgens um Vier, nachdem er vom ersten Dämmerungslicht geweckt worden war, den Baumstumpf zu pflegen begonnen. Eine Mischung aus feinsten Grau-Erzkörnern und Rotulmenharz als Politurmittel, langsam und mit viel Gefühl von innen nach außen kreisförmig gerieben, sorgte für die Langlebigkeit des gefällten Baums. So wie es ihm sein Meister einst beigebracht hatte. Als sich die Sonne über den Horizont schoben, funkelten die Strahlen auf der glatten Politur.

 

Er mochte dieses Gefühl am liebsten, wenn sich das Morgenlicht vom Grau ins Orange verschob und ihm sein Herz aufging. Er war nur ein Holzfäller, aber er liebte und lebte für seine Pflicht.

 

Neunhundertachtundneunzig, Neunhundertneunundneunzig, Eintausend, zählte er. Damit waren seine Finger an der äußersten Rinde angekommen. Er verneigte sich nach Süden. Mit der Zählung der Jahresringe und der Verbeugung war das Ritual abgeschlossen.

Er grinste und entblößte dabei ein freundliches Lächeln, dem in der untersten Zahnreihe bereits ein paar Zähne fehlten. Langsam zündete er sich eine Pfeife an, saugte den Qualm genüsslich ein und betrachtete den perfekten Stumpf des riesigen Baums, den man gefällt hatte, als er eintausend Jahre alt geworden war.

 

Quorlyayen hieß dieser gefällte Riese, ‚der Dreizehnte’. Morgen würde er denselben Dienst an Keslateren, dem Vierzehnten vollziehen, der Baumstumpf zu seiner Rechten. Neben diesem befand sich ein weiterer, so wie sich zwölf zur Linken seines heutigen Stumpfes befanden. In einer sich nach außen windenden Spirale zogen sich die polierten Überbleibsel der Bäume, von denen jeder nach tausend Jahre gefällt worden war, dahin. Hajol setzte sich würdevoll in Bewegung, ging die Spirale entlang. Erst nach mehreren Minuten erreichte er das Ende der Stümpfe. Dann stand er vor ihm: Deliafor, der 67. Als einziger Baum der Lichtung unberührt, ungefällt in seiner vollen Größe und Blätterpracht. Er schaute voller Freude den Stamm empor, legte seine Arme um die rauhe Rinde. Er konnte gerade noch den halben Stamm mit seinen Armen einschließen. 348 Jahre, dachte er voller Glück. Natürlich war Deliafor sein Liebling. „Und du hast noch 652 Jahre voller Leben, voller Luft, voll nassem Erdreich“, sprach er zu dem Baum

 

Er war in einem schlechten Zyklus für einen Holzfäller geboren. Er war im Jahre 13 Deliafor geboren, hatte die Pflanzung um eine für einen Yll-Mar äußerst knappe Zeitspanne verfehlt. Auch würde er die Fällung nicht mehr miterleben, aber darüber war er heimlich froh. Auch der Lehrling, den er sich in wenigen Jahren würde suchen müssen, würde Deliafors Fällung nicht mehr erleben. Aber der Holzfäller danach sicherlich. Ein wenig beneidete er bereits diesen Unbekannten in der fernen Zukunft, der das Ritual der neuen Pflanzung ausrichten durfte.

 

Er erreichte den Rand der Lichtung, in der der Baumkalender der Yll-Mar schneckenförmig ausgerichtet war. Seine Nasenflügel zuckten irritiert. Ein Geruch von verbranntem Kiefernholz lag in der Luft. Ein Waldbrand? Unwahrscheinlich…der Wind strömte schwach den Hügel hinunter. Ah, dachte er, die Schwestern halten oben auf dem Berg ein Ritual ab.

 

Er grinste, weil ihn seine eigene Neugier, die mit zunehmenden Alter immer ausgeprägter wurde, innerlich amüsierte. Er stapfte unbesorgt den Hügel empor, nahm sich nur alle Hundert Schritte ein wenig Zeit um nach Luft zu schnappen. Auch wenn ihm das Alter noch keine Schmerzen beschieden hatte, konnte er nicht mehr den Hügel erklimmen ohne außer Atem zu geraten. Nach gut einer Stunde näherte er sich der natürlichen Baumgrenze, ließ noch einmal einen Blick über die gigantischen Baumriesen unter ihm fallen, die ganz Ylien bedeckten. Sogar aus dieser Entfernung wirkten seine Kalenderstümpfe inmitten des Heiligtums ehrfurchterregend.

 

Jetzt konnte er die Schwestern erkennen, die sich innerhalb des Steinkreises versammelt hatten. Es waren an die fünf Frauen, in tief violetten Roben gehüllt, ihre Augen gen Himmel gerichtet. Sie standen still und meditierten. Die Haube der Matriarchin stach unter der Gleichförmigkeit der Schwestern hervor, es war also eines der innersten, heiligsten Rituale. Außerdem erkannte er ein weißes Bündel in den Armen einer anderen Frau.

 

Ah, jaulte er entzückt auf, eine Namensfindung. Er raffte seinen dunkelgrünen Umhang und hüpfte wie ein aufgeregtes Frettchen näher, um den wichtigsten Moment nicht zu verpassen. Es scherte ihn nicht, in das heilige Ritual einzudringen. Auch wenn er ein Mann war, so doch immerhin der Holzfäller. Und tatsächlich nickte ihm die Matriarchin zwar streng aber höflich zu.

 

Sie hatte gerade das Baby, das in weiße Laken gehüllt war, von der offensichtlichen Mutter entgegengenommen. Zärtlich doch ohne eine Gefühlsregung legte sie ihre Handfläche auf die Stirn des Kleinen. Die Namensfindung begann, er war gerade rechtzeitig eingetroffen.

 

„Al’Kazenar!“ sprach sie den Namen des Säuglings aus, dann nach einem kurzen Moment des Nachdenkens, „Tyriad“.

Er zischte auf. Er erkannte den Namen. Hajol war Lothlar Al’Kazenar, dem offensichtlichem Falar des Neugeborenen, vor mehreren Hundert Jahren begegnet. Ein zielstrebiger Mann. Ein Kemvelo, ein Jäger, ein Verdammter. Er warf einen mitleidigen Blick auf die junge Mutter, die ebenfalls die Bedeutung des Namens erfasste. Sie erbleichte, blieb aber beherrscht.

 

„Wenn er ein Kemvelo ist, ist er mein“, begehrte eine strenge Stimme auf und eine uralte Schwester trat einen Schritt nach vorne.

Hajol schüttelte empört den Kopf.

„Anusch-Baba!“, schimpfte er und trat der Frau entgegen. Sie war ebenfalls eine Kemvelo, eine alte Jägerin. Ihre Haut war so faltig wie die eines ausgetrockneten Apfels. Auf ihren Wangen und Kinn trug sie den leichten Flaum eines Barts, sie war so alt, dass ein Fremder kaum noch in der Lage gewesen wäre, ihre Weiblichkeit zu erkennen. Hajol kannte nur eine Person, die vor Anusch-Baba geboren war, und das war die Matriarchin selbst.

 

„Du warst schon eine alte Frau, als ich geboren wurde!“, klagte sie der alte Holzfäller an. Es war klar, was er damit ausdrücken wollte. In diesem Alter wurde nicht einmal einer Baba mehr ein Säugling anvertraut.

 

„Still Holzfäller!“, unterbrach ihn die Matriarchin mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Dann richtete sie ihren Blick auf die steinalte Jägerin.

„Er ist dein!“, sprach sie und streckte der Baba das Bündel entgegen.

Hajol war entsetzt und verwirrt. Aber die Matriarchin war bei solchen Entscheidungen unfehlbar. Er schüttelte seine bitteren Zweifel beiseite, erhaschte lieber einen Blick in das Gesicht des ruhigen Babys. Es hatte die tiefen dunkelbraunen Augen seines Falars und eine winzige süße Stupsnase. Hajols Laune besserte sich sofort.

 

„Tyriad!“, begrüsste er den Neugeborenen und grinste ihn mit den noch vorhandenen Zähnen an. Er ahnte voraus, dass man von diesem Jungen große Taten erwarten konnte.

 

***

 

Kellan-Kray, 106 AE, 354 Deliafor, 6 Jahre später:

 

Der Pilot mit den roten Haaren lachte ausgiebig. Die Sommersprossen um seine Nase zuckten dabei witzig umher, seine grünen Augen blitzten auf.

„Das wäre wirklich zu grausam gewesen!“, meinte er, setzte sein Tablett neben einem anderen Piloten am Tisch ab und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Auf dem Tablett befand sich dasselbe Zeug, wie auf allen anderen. Ein komisches rotes Fleischstück in einer dunklen, dicken Sauce. Dazu eine grün ovale Gemüseart (Erbsen?). Die Frau, mit der er am Tisch angekommen war, setzte sich ihm gegenüber hin. Sie hatte dunkelbraunes, schulterlanges Haar und trug einen seltsamen Ohrring an ihrem linken Ohrläppchen. Der schweigsame Pilot mit den grauen Augen, zu dem die beiden sich gesellten, beachtete sie kaum.

 

„Ja!“, meinte die Frau, ihre Schultern schüttelnd. „113 Punkte, das war wirklich knapp. Wo ich mir zwei Jahre den Arsch abgerackert hab in diesem verfluchten Trainingslager.“

Sie sah blass aus. Offensichtlich hatte es sie stark mitgenommen, die Pilotenprüfung nur so knapp zu bestehen.

 

„Aber wir haben es geschafft!“, freute sich der Rothaarige. „Wir sind Krays. Wir sind drin!“

Er schaute sich um. Alle Piloten, die man hier in der Cafeteria versammelt hatten, hatten soeben die Prüfung bestanden oder waren schon mehrere Jahre Krays. Die Verlierer sah man nicht mehr. Sie befanden sich bereits in den Gruppenunterkünften um ihre Sachen zu packen. Eben noch vertraute Mitbewerber, so verblassten jetzt bereits ihre Gesichter als Versager in den Erinnerungen.

 

„Tess, freu dich doch ein wenig“, versuchte der junge Pilot die blasse Frau aufzuheitern. „Wir haben es geschafft. Diese Scheiss-Schikane ist vorbei. Uns erwarten nur noch ein paar ruhige Patrouillenflüge und die sagenhaften Pilotenpartys.“

Die Pilotin, die er Tess genannt hatte, schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln.

„Ich weiß nicht. Mir wird gerade erst klar, worauf ich mich eingelassen haben. Ich bin wohl immer davon ausgegangen, dass ich die Prüfung nicht bestehen werde. Ich meine, Jien, was ist, wenn ein Krieg ausbricht? Wir werden auf andere Menschen schießen müssen!“

 

Der Rothaarige zuckte erstaunt mit den Augenbrauen.

„Wo soll auf einmal ein Krieg herkommen?“, fragte er. „Es gab seit Jahrzehnten keine Unruhen mehr. Die Kray-Armee wird doch nur zur Einschüchterung aufrecht gehalten?“

Sie schien mit der Antwort nicht zufrieden zu sein.

 

Wie sehr sich alles ähnelt, dachte Rob Spato neben ihr. Sie erinnerte ihn stark an Kalimero. In den ersten Jahren auf der Armageddon war der junge Mexikaner ein Nervenbündel gewesen. Erst die langen Jahre des Kämpfens und der schweren emotionalen Verluste hatten seinen ehemaligen Ko-Piloten abgehärten lassen.

 

Der Rothaarige, Jien, griff nach ihrer Hand.

„Keine Angst!“, meinte er. „Wir werden damit schon fertig. Selbst wenn ein Krieg ausbricht, wird man doch wahrscheinlich nur Dronen in den Kampf schicken. Und die sind so leicht zu zerstören wie die Ziele bei unserer Flugprüfung.“

 

Minnesang, dachte Spato mit einem Anflug des Bedauerns und betrachtete diesen Jien genauer. Die Rolle des Rothaarigen schien darin zu bestehen, den anderen Mut zu machen. Er war immer gut drauf. Spassig, aber nicht lächerlich. Der perfekte Diplomat. Wie Minnesang, den einzigen Menschen, den er auf der Armageddon als ‚Freund’ bezeichnet hätte. Und viel zu früh verloren hatte.

 

Als ob ich zurück in einem anderen Leben bin, dachte er beklommen. Als ob sich alles wiederholt. Er hatte gerade die Aufnahmeprüfung für die Armee des Handelsimperiums bestanden. Die letzten Monate des Trainings hatten seiner Ausbildung auf Ullus Major sehr geähnelt. Und jetzt erinnerten ihn diese blutjungen, lebensunerfahrenen Piloten so sehr an seine Gefährten auf der Armageddon, das er sein Herz ächzen hörte.

 

„Gerade weil sie so einfach zu zerstören sind, werden sie keine Drohnen schicken!“, hörte Rob sich plötzlich in das Gespräch eingreifen. Seine krächzende Stimme war vom langen Schweigen rauh geworden.

„Wenn wir kämpfen, dann gegen Piloten, die genau so ungern sterben wollen wie wir. Die mit jedem Trick, jedem Ausweichmanöver, jedem unlogischen Frontalangriff ihr Überleben sichern wollen. Die Ziele aus dem Training sind nichts dagegen. Einen bemannten Jäger zu zerstören kann Stunden dauern.“

 

Die beiden Neulinge an seinem Tisch starrten ihn an.

„Klingt, als ob du sowas schonmal erlebt hast?“, meinte die Braunhaarige aufgeschreckt. Ihre Blicke huschten über seine Schulterklappen, die ihn ebenfalls als Anfänger klassifizierten.

Spato nickte.

 

„Hast du schonmal einen verschrottet?“, fragte Jien aufgeregt.

Einen?, dachte Spato erschreckt. Die Verwunderung und der Schock stand in seinen Augen. Die beiden anderen lasen sie mühelos ab, erschraken ebenfalls.

„Meine Spezies war im Krieg!“, gab er langsam zu. „Ausserirdische Invasoren. Wir kämpften um unser Überleben. Es…viele starben von uns.“

„Das ist ja furchtbar!“, meinte Tess voll Mitgefühl.

„Warum habt ihr euch nicht an die Karta gewandt?“, fragte Jien neugierig. „Sie hätten Euch unterstützt. Selbst die Krays hätten euch geholfen für entsprechende Bezahlung.“

„Mein Planet wusste nichts von den Krays oder einer Karta. Unser Planet lag ziemlich am Rande der Milchstrasse.“

Jien lächelte.

„Na, jetzt kennt ihr uns aber. Das nächste Mal wisst ihr, an wen ihr euch wenden müsst!“

 

Rob schluckte.

„Klar!“, krächzte er verzweifelt und versuchte nicht an den explodierenden Erdball zu denken. „Das nächste Mal…“

Das Mädchen beäugte ihn immer noch interessiert.

„Dann hast du sicher etwas, was vielen von uns noch fehlt“, meinte sie. „Kampferfahrung! Wieviel Ziele hast du bei der Prüfung erwischt?“

Spato lächelte leicht.

„193“, meinte er leise.

„Hundert…“, platzte es ungläubig aus Jien heraus. „193! Von 200 möglichen Zielen? Krass, wie hast du das hingekriegt?“

 

Bevor Rob irgendeine Chance hatte, Einwände zu erheben, stand der Rothaarige auf.

„Churn!“, rief er. „Churn, hier hat jemand 193 Punkte gekriegt. EinhundertDREIundneunzig!“

Shit, dachte Spato, als ich am anderen Ende des Saals ein großer, muskulöser Pilot erhob. Es war einer dieser typischen Stiernacken-Kerle. Tattoos auf den Oberarmen, stark ausgeprägte Unterkiefer, stechender Blick. Gutaussehend, und dieses genau wissend.

 

Der mit ‚Churn’ angesprochene Kamerad ging langsam und grinsend auf das Grüppchen zu.

Spato sah seine Schulterklappen, dieser Mensch war schon 3 Jahre bei den Krays.

„193?“, grinste er hämisch und starrte Spato direkt in die grauen Augen. „Bürschchen, ein wenig Prahlerei nach der bestandenen Prüfung ist ja in Ordnung, aber du solltest im Rahmen des Glaubwürdigen bleiben!“

 

Spato schaute ihn böse an. Da ist er, dachte er, auf sich selbst zornig. IceMan. Mein ewiger Rivale. Wirklich ALLES wiederholte sich.

„Wenn du mir nicht glaubst, hol dir die offiziellen Prüfungsergebnisse!“, meinte er einfach mürrisch, versuchte Desinteresse zu zeigen.

„Hey, hey, nicht gleich so empfindlich!“, meinte der Muskelprotz. „Wenn das stimmt, alle Achtung. Der Rekord lag bis jetzt bei 191 Punkten für den Prüfung-Parcours. MEIN Rekord!“

„Tja, tut mir leid!“, meinte Rob zynisch.

Churn grinste.

„Wir werden sehen, wie gut du wirklich bist!“, meinte er.

Natürlich, dachte Rob. Und hier bin ich, diagnostizierte er sich selbst. Der rätselhafte Champion. Der Verkünder der unbeliebten Wahrheit. Der schwarze Rabe. Unbeliebt, geneidet und gemieden, unverstanden. Alles dreht sich im Kreis.

 

***

 

Kellan, 111 AE, 359 Deliafor, 5 Jahre später:

 

Kalimero hatte sich über das gesamte Netz des Kellan-Sonnensystems ausgebreitet.

Er ritt jeden Datenstrom, durchforstete jede Datenbank nach Informationen über die Snirvellin. Wenn er sich auf diese unglaubliche Datenmenge ausdehnte, hörte sein Bewusstsein auf zu existieren. Er war dann wie ein Bienenschwarm, eine Masse aus Gedankenfetzen, ein großes übergeordnetes Wesen, das nur noch aus Instinkten bestand.

Einerseits erfasste er alles, andererseits begriff er nichts mehr. Um dieses Dilemma zu lösen, hatte er Schlüsselwörter in die elektronischen Bestandteile seines Wesen programmiert. ‚Snirvellin’ war das wichtigste dieser Wörter und er hatte mehrere tausend Treffer pro Minute. Geistesabwesend kopierte er diese Informationen. Später, wenn sein Geist sich wieder gesammelt hatte, würde er die gefundenen Daten auswerten.

 

Gerade jetzt blinkte ein zusätzliches Failsafe auf. Jemand hatte ein anderes Schlüsselwort in irgendeine Konsole eingegeben. MEMORIA TERRA.

Kalimero zog sich zurück. Binnen weniger Mikrosekunden hatte er sich aus den meisten externen Netzen zurückgezogen, saß jetzt in einem Hauptrechner der Verwaltung auf Kellan Prime. Er war gesammelt genug um wieder denken zu können. MEMORIA TERRA, es war in einer Kommunikationkonsole im Kray-Ausbildungskomplex eingegeben worden. Er folgte der Verbindung mit Lichtgeschwindigkeit.

 

„Hallo Rob!“, sprach er.

Spato lächelte. Es war keine Sekunde vergangen, dass er das Codewort in den Rechner eingegeben hatte. Die drei Terraner benutzten dieses Schlüsselwortsystem, um miteinander Kontakt zu halten.

„Hi Kal, wie läuft es?“, fragte er. „Es hat geklappt. Ich bin jetzt offizielles Mitglied der Kray-Flotte!“

„Hervorragend!“, meinte Kalimero. „Bei mir gibt es leider nicht viel Neues. Wenn es ein internes Netz auf Snirvellin gibt, so finde ich einfach keinen Zugang. Das ist wirklich merkwürdig. Aber ich habe eine Nachricht von Chris!“

 

„Wie geht’s es ihm?“, fragte Rob neugierig. Er hatte seinen Bruder Jahre lang nicht mehr gesehen. Sie hielten es für besser, keine Kontakte ausserhalb der durch Kal gesicherten Funkverbindungen zu riskieren.

Kal lachte.

„Er scheint wirklich ein Wunderknabe zu sein. SECs blüht und gedeiht. In wenigen Monaten werden wir unsere finanziellen ‚Notlösungen’ abgeschlossen haben und stehen mit weißer Weste da. Dann kann uns keiner mehr etwas nachweisen!“

 

Natürlich war es nicht einmal Chris O Connor gelungen, einen Konzern ohne Grundkapital zu gründen. Darum hatte Kal ihm einen getürkten Kredit in Höhe von 100 Millionen Kredits besorgt. Natürlich wäre eine Manipulation in diesem Rahmen jeder Bank kurzfristig aufgefallen. Deswegen hatte Kal ein sorgfältiges System ausgearbeitet. Kurz vor der Routineuntersuchung von Chris unwissendem Kreditgeber hatte Kal einen erneuten Kredit über das Doppelte der Summe von einer anderen Bank besorgt. Die Schulden waren getilgt worden, bevor irgendjemand überhaupt jemals diesen Kredit bemerkt hatte. Nach diesem Vorgehen gingen sie jetzt seit Jahren vor. O Connors neuer Konzern SECs arbeitete inzwischen lukrativ. Langsam arbeiteten sie ihre virtuellen Schulden ab.

 

„Wie lautet seine Nachricht?“, fragte Rob neugierig.

„Er hat heute nachmittag ein Treffen“, antwortete Kal beflissen. „Du fällst um, wenn du hörst mit wem.“

„Na los, rück schon raus damit!“

„Er trifft den Snirvellinschen Botschafter auf Kellan!“, ließ er die Bombe platzen.

Rob hob erstaunt die Augenbrauen.

 

„Spinnt er? Wir sind noch nicht bereit für eine direkte Konfrontation. Was hat dieser größenwahnsinnige Idiot vor?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber der größenwahnsinnige Idiot lässt dir noch etwas ausrichten!“

„Und das wäre?“

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Rob!“

Für einen Moment war es still in der Leitung.

Dann hörte man Robs leise Stimme wieder.

 

„Er hat wohl immer noch einen terranischen Kalender am Laufen?“, meinte der Pilot gerührt.

Kal lachte.

„Darum geht es doch, oder?“, fragte er. „Memoria terra. Das wir die Erde nicht vergessen. Ich wünsche dir auch alles Gute zum Geburtstag, Rob!“

 

***

 

Kellan, 111 AE, 359 Deliafor, 2 Wochen später:

 

Chris begann sich leise lächelnd auszuziehen. Er zog sein Oberhemd vorsichtig von seinen muskulösen Oberarmen und legte es sorgfältig über eine bügelähnliche Vorrichtung. Auch die Hose und Unterwäsche faltete er sorgfältig zusammen, erst dann erlaubte er sich einen Blick in das dunkle Fenster, das wie ein Spiegel seine ansehnliche Figur reflektierte. Der Anblick erstaunte ihn und verbreiterte sein Lächeln.

 

Die Snirvellin fanden Körperbehaarung abstossend. Also hatte er sich heute morgen einen elektrischen Rasierer besorgt und sie komplett entfernt. Das Ergebnis stimmte ihn jetzt zufrieden. Eine Hand tätschelte über seinen nackten Schädel, in dem die blauen Augen lebhaft strahlten. Auch auf der Brust und unter den Achseln war kein Häarchen mehr zu sehen. Schließlich legte er eine Hand auf sein schlaffes Glied. Er stellte fest, dass er es liebte die haarfeinen Stoppeln über seinem Penis zu streicheln. Das Fleisch dort fühlte sich ungewöhnlich weich und zart an.

 

Er konnte den Blick nicht von dem ungewohnten Spiegelbild abwenden. Sein Gesicht wirkte ohne die Haare markanter, sein Geschlecht größer. Ganz schön selbstverliebt, lachte er sich selbst aus. Und gut, dass es hier keine Beobachter gibt. Was sollten die Snirvellins davon halten, dass ein Besucher ihrer Botschaft sich verspätete, weil er damit beschäftigt war, an sich selbst herumzuspielen.

 

Er drehte sich herum in dem hellen, kuppelförmigen Raum, der ausser der Nische, in der jetzt seine Kleidungsstücke lagen, nichts enthielt ausser ein paar Treppenstufen, die in eine schwarze Flüssigkeit in die Tiefe führten.

 

Es war nicht viel über die Snirvellin herauszufinden gewesen. Aber in einem waren sich sämtliche Geschäftspartner der ausserirdischen Rasse einig, Snirvel musste eine Wasserwelt sein. Trotz des humanoiden Körperbaus wirkten snirvellische Körper amphibisch, hell, stromlinienförmig, hatten feine Finnen an den Armen und Beinen. Rob und Kal hatten die Snirvellin zwar in ihren konischen Raumschiffen in Atmossphäre getroffen, aber auch die kellanische Botschaft schien die Vorliebe der Ausserirdischen zu Wasser zu bestärken.

 

Eine Einladung für ein Treffen mit dem Botschafter zu bekommen, war nicht einfach gewesen. Aber Chris hatte es geschafft, mal wieder alle zu überaschen, indem er vergeschlagen hatte, das Treffen hier abzuhalten.

 

Langsam stakte er die Treppe hinunter in das kalte Wasser. Es verschlang ihn, schon schlug die glatte Oberfläche über seinem Schopf zusammen. Es war dunkel, kalt und nass, nahezu bedrohlich, dann fühlte er plötzlich keine Stufen mehr unter seinen Füssen, glitt herab in die Schwärze.

 

Er kämpfte gegen die Panik. Man hatte ihm die Bedingungen für das Treffen mitgeteilt. In seiner grenzenlosen Arroganz hatte er lächelnd zugestimmt. Chris O Connor zeigte selten Angst. Was nicht hieß, dass er sie nie spürte. Und gerade als er befürchtete, in eine Falle gelaufen zu sein, strahlte das Wasser unter ihm auf, glitt er in helleres, wärmeres Gefilde.

 

Eine Person näherte sich ihm. Ein Snirvellin. Majestätisch, elegant wie ein Delphin, glitt sie durch das Wasser, umschwamm ihn einmal um dann inezuhalten und seinen nackten Körper zu mustern.

 

“Willkommen”, hörte er eine angenehme, ruhige Stimme in seinem Schädel.

Plötzlich war Luft um ihn herum. Erleichtert sog er die Luft ein, dann betrachtete er das merkwürdige Phänomen. Eine instabile Luftblase hatte sich um seine obere Körperhälfte gebildet. Ein unsichtbares Kraftfeld schien das Wasser zurückzuhalten.

 

Nur eine schwache Bewegung in den riesigen, schwarzen, pupillenlosen Augen verriet, wie der Snirvellin seinen nackten Körper musterte. Chris meinte so etwas wie ein Lächeln auf den fremdartigen Gesichtszügen abzulesen.

“Botschafter Tara!”, begrüßte Chris den Ausserirdischen. “Ich bin erfreut, euch kennenzulernen!”

 

Der Snirvellin zuckte verärgert zusammen.

“Euer Misstrauen ehrt euch nicht”, spürte Chris die Stimme, jetzt wütend zischen. Ihm war klar, was das Wesen verärgerte. Im seinen Ohr trug er einen kleinen metallischen Störsender. Die meskarinschen Piraten hatten ihm versichert, das Gerät würde seine Gedankenströme überdecken, seine innersten Geheimnisse vor den Telepathen verbergen. Nun, es schien zu funktionieren.

 

Er schnalzte nonchalant mit der Zunge.

“Botschafter”, beschwichtigte er den Snirvellin. “Ich bin ein Geschäftsmann. Und Fairneß ist Grundbestandteil eines jeden Geschäfts. Ihr könnt meine Gedanken lesen, aber ich nicht die euren. Ich habe nichts getan, außer die gegenseitige Fairneß wiederherzustellen.“

 

Das Wesen vor ihm schien ihn jetzt noch durchdringender zu mustern.

‘Ja, versuch nur herauszubekommen, was ich denke, verfluchter Bastard’, dachte Chris und legte ein sanftes Engelslächeln auf. ‘Wenn wir vor hundert Jahren diese Telepathieblocker gehabt hätten, wäre die Menschheit für euch nicht nur ein Experiment aus weissen Labormäusen gewesen. Wir wären nicht so rasch untergegangen.’

 

Ein leichtes Kribbeln in seiner Lendengegend lenkte ihn von seinem inneren Zorn ab. Der Körper der Amphibie schien ihn unterbewusst anzusprechen. Er betrachtete die blanke Stelle zwischen den langen Beinen seines Gastgebers. Oder Gastgeberin? Hatten Snirvellin überhaupt zwei Geschlechter?

 

Das Wasser um ihn herum fühlte sich wärmer an. Er nutzte die positive Energie in ihm, versuchte seine Gefühle durch den Gedankenblocker hinausschlüpfen zu lassen, verriet sich durch seine Körpersprache. Die Spannung zwischen den beiden Treffenden veränderte sich leicht.

“Snirvellins machen aber keine Geschäfte”, meinte Tara zu ihm. “Es dürfte euch klar sein, dass wir kein Interesse an materiellen Reichtümern haben. Wir können nicht begreifen, warum ihr auf dieses Treffen bestanden habt. Ihr habt uns nichts zu bieten!”

 

Chris bewegte seinen Körper in der trägen Flüssigkeit, schien wie zufällig mit seinem Bein den Körper des anderen nackten Geschöpfes beinahe zu streifen.

“Vielleicht war es ja nur die Neugierde, die mich hierhergetrieben hat?”, versuchte er die andere – vor seinem inneren Auge sah er die Snirvellin nun als weibliches Wesen an – zu necken.

 

Die Blicke der Botschafterin schienen sich wieder zu verstärken. Das konnte Interesse bedeuten, aber auch Misstrauen. Wie musste es sein, einen Gegner mit Worten zu duellieren, wenn man es gewohnt war, jeden Gedanken des anderen zu erheischen? Chris Instinkt riet ihm, direkter vorzugehen.

 

“Nein, ihr habt recht, ich möchte etwas von den Snirvellin. Aber es ist inkorrekt, dass meine Firma, SECs, eurem Volk nichts zu bieten hat. Im Gegenteil…vielleicht bin ich es, der euer Volk retten kann!”

Wieder zuckte das Wesen zusammen.

“Bingo!”, dachte Chris mit klopfendem Herzen. Er wusste, dass er nichts als eine den Hauch einer Ahnung gehabt hatte, wie man die Snirvs ködern könne. Wieder einmal schienen ihn seine Instinkte auf die richtige Fährte gelockt zu haben.

 

“Ich brauche Telepathen”, erklärte er. “Ich habe ein eigenes Transportnetz für meine Waren eröffnet. Die Händlerliga lässt mich jedoch nicht gewähren. Meine Transporte werden überfallen. Piraten, von den Handelsfürsten angeheuert. Ich brauche Warnungen, wenn ein Überfall bevorsteht. Ich muss die Hintermänner der Fürsten und Spione enttarnen. Ich brauche Telepathen!”

 

Hinter jeder guten Lüge steckt eine Wahrheit, dachte er befriedigt.

Vor acht Jahren hatte er seine Firma gegründet, seit sechs Jahren exportierte er die Güter. Seit jenem Zeitpunkt attackierten ihn die Händlerfürsten. Aber O Connor war darauf eingerichtet gewesen. Seine Genialität bestand darin, die beiden größten Rohstoffe von Kellan Quad, Stahl und Arbeitskräfte, zu kombinieren. Er hatte niemals daran gedacht, Löffel oder Werkzeuge zu prodzieren. Es waren Waffen, die COC auf der Erde reich gemacht hatte.

SECs ging noch eine Stufe weiter. Er produzierte Security. Bewaffnete, gut ausgebildete Einheiten. Es war das bestgehütetste Geheimnis des Sternensystems gewesen, bis die verärgerten Handelsfürsten ihn endlich angegriffen hatten. Als die Piraten über seinen ersten Export-Konvoi hergefallen waren, wurden sie von der Feuer- und Kampfkraft des Konvois komplett aufgerieben. Er nutzte den erwartete Erstschlag der Händler als perfekte Übung für seine Einheiten und zur Ertestung seiner neuen Waffenprototypen. Und das hatten sie ihm nie verziehen.

 

Seine Stimme war fest und entschlossen. Seine Augen brannten vor Eifer. Doch hinter seinen feurigen Pupillen blieb er weiterhin ruhig, beobachtete die Reaktionen der Amphibie genau. Meine Art, Gedanken zu lesen, dachte er.

 

“Ihr wollt, das Snirvellin für euch arbeiten?”

Die Stimme in seinem Hirn klang belustigt, so als habe er einen absurden Scherz gemacht.

“Ihr seid wirklich unterhaltsam, O Connor. Oder dumm. Oder…”

“Da habt ihr schon einen Teil eures Lohns”, unterbrach Chris sie barsch. “Dieses Treffen muss der Höhepunkt des ganzen Monats für euch gewesen sein, Tara. Diese Botschaft quillt nicht gerade über vor Leben.”

 

Zum ersten Mal während ihres Treffens öffnete sich der Mund des Snirvellins überrascht. Wie von einer Panikattacke überrollt, brachte sie sich durch ein paar Beinstöße außerhalb der Reichweite des Terraners. Verwirrt umschwomm sie ihn ein weiteres Mal, bevor sie es wieder wagte, sich ihm zu nähern.

 

Das Feuer des Erfolges brannte durch Chris Blut. Er liebte diese Momente, in denen er begriff, dass er gewonnen hatte. Trotzdem ebbte seine Konzentration nicht ab, ließ er sich nichts anmerken.

“Ihr Snirvellin langweilt euch zu Tode!”, sprach er ruhig und voller Mitleid. “Die meisten von euch sind dekadent oder depressiv geworden. Euer Volk hat seinen Lebenswillen verloren!”

Tara schüttelte entsetzt den Kopf.

“Wie könnt ihr…”, jammerte sie, “…wie könnt ihr davon wissen?”

 

Chris schaute sie fest und nachdenklich an. Sein Instinkt hatte ihn auf die richtige Fährte gebracht. Vor Jahren hatte er sich minutiös alles von seinen Gefährten von ihren Begegnungen mit den Snirvellin erzählen lassen. ‚Wir danken dir für deine Geschichten, Kal. Wir bedauern es, dich gehen lassen zu müssen’.

Und Rob hatten sie vor en Panoramafenster gesetzt und den Anblick der explodierenden Erde mit ansehen lassen. ‚Es war gruselig’, hatte Rob in seiner Erzählung gemeint. ‚Es war als ob sie mein Leiden in sich aufsogen. Jede meiner Tränen schien sie zu faszinieren, während der explodierende Erdball sie völlig kalt ließ.’

 

Gefühlsarmut, Dekadenz, Sadismus. Chris hatte diese Phänomene einer zu gelangweilten Gesellschaft richtig eingeordnet.

Er merkte auf einmal, wie sein heisses Blut ihn verriet. Sein Penis schien langsam zu wachsen. Der Geschmack der Intrige erregte ihn. Kein terranischer Lügendetektortest hätte ihn je erwischen können. Aber er war auch noch nie gezwungen worden, ihn nackt zu absolvieren.

 

„Geschichten, oder?“, sprach er sanft, „Damit kann man euch locken. Euch aus der Lethargie reissen. Wenn ihr…wenn du mir hilfst, Tara…dann verschaffe ich euch eine Geschichte, die ganz Snirvel von den Füßen fegen wird.“

Dann blickte er in gespielter Verwunderung herab auf seine Erektion. Sie folgte seinen Blicken und er lächelte sie entschuldigend an.

“Es tut mir leid”, meinte er schelmisch. “Ich bin es nicht gewöhnt unbekleidet mit einem wunderschönen Geschöpf zu verhandeln!”

Als er seine Hand ausstreckte, ließ sie sich lächelnd berühren.

 

***

 

Ylien, 116 AE, 362 Deliafor, 3 Jahre später:

 

Hajol hätte den grazilen Jungen nicht bemerkt, wenn er nicht zufällig ein Eichhörnchen beobachtet hätte, das zweihundert Schritt von ihm die frisch gefallenen Bucheckern vergrub.

 

Der junge Jäger trug einen Laubmantel, der ihn mit dem umliegenden Wald verschmelzen ließ. Seine Kapuze war tief heruntergezogen, seine Füsse steckten in dunkelgrünen Filzpantoffeln, mit denen er wie ein Storch flink und geschickt durch das Laub stakste. Auch wenn die trockenen Blätter zwei Handbreit hoch den Waldboden bedeckten, machte der Junge trotz seiner schnellen, fliessenden Bewegungen nicht einen Laut.

 

Hajol saß mit dem Rücken an einem der Sammlerbäume. Er hatte sein morgendliches Ritual längst abgeschlossen, war nun tiefer in den Wald gegangen, um sich neues Blutulmenharz zu zapfen. In dem Baum in seinem Rücken war eine frische, spiralförmige Furche geritzt. Das Harz sammelte sich in ihr, rann zähflüssig daran herunter, um sich in einer kleinen Glasflasche am Stamm zu sammeln.

 

Der Holzfäller hatte die Wartezeit genutzt, um sich zu entspannen und den herrlichen Herbsttag zu geniessen. Die Luft roch aromatisch nach Zimt und trockenem Laub, in ihr steckte eine Energie, dass er nur einmal tief einatmen musste, um sich wieder wie ein junger kräftiger Mann zu fühlen. Er saß noch keine halbe Stunde hier, als plötzlich der Junge an ihm vorbeihuschte.

 

„Tyriad!“, rief er erfreut und winkte.

Der Junge zuckte zusammen. Blitzschnell drehte er seinen  Kopf in Richtung des Holzfällers, durchbohrte ihn mit seinen tiefbraunen Augen. Dann erkannte er ihn und schenkte ihm ein breites, lautloses Lachen. Er schob seine Kapuze zurück, schüttelte sein zotteliges schwarzes Haar und winkte dem alten Mann zurück. Einen Finger beschwörend auf seine Lippen legend, zog er die Kapuze wieder fest und hastete weiter.

 

Hajol hörte die Äste weit über ihn in den Bäumen knacken und verstand. Er grinste in sich hinein. Er mochte den Jungen, seitdem er ihn das erste Mal im Kreise der Schwestern gesehen hatte. Tyriad war jetzt 15 Jahre alt, genau wie Fleys, den er sich letztes Jahr als Lehrling genommen hatte. Fleys war ernsthaft, geduldig und respektvoll. Er würde ein guter Holzfäller werden. Aber er war ein wenig langsam und ihm fehlte Tyriads inneres Feuer und seine erfrischende Unbekümmertheit. Für einen Moment bedauerte Hajol, dass Tyriad gezwungen war, den Weg des Kemvelo, eines Verdammten, zu gehen.

 

 

Mit einem mitleidigem Seufzer nahm der alte Mann die inzwischen nahezu gefüllte Flasche mit dem blutrotem Harz auf. Er sprach ein kurzes Dankesgebet, streichelte die Stelle, an der er den Baum verletzt hatte, dann machte er sich wieder auf in Richtung Heiligtum.

 

Der  Junge lief weiter. Sein Lungen pumpten die klare, gewürzte Luft durch seinen Körper, er fühlte sich wie berauscht, nur ein kleiner Schweißfilm hatte sich auf seiner Stirn gebildet. An diesem Tag fühlte er sich auf eine merkwürdige Weise lebendiger als in den Tagen hervor. Er tat diese Vorahnung nicht als belanglos ab, er war ein Kemvelo, er konnte das Schicksal erspüren und bestimmen.

 

Trotzdem warnte ihn nichts, als auf einmal mit einem lauten Krachen seine Verfolgerin von oben durch die Äste auf ihn herabstieß. Die uralte Frau fiel wie ein Stein, er schaffte es gerade noch zur Seite zu hechten, als ihre Fußspitzen kräftig aber elegant tief in den weichen Boden eindrangen. Sie schlugen ein tiefes Loch, dort, wo er soeben noch gestanden hatte. Er verwandelte seine Hechtrolle in einen Überschlag, kam weich federnd auf den Füßen auf, sprang sofort herum.

 

Anusch-Baba steckte den Aufprall auf den Boden mühelos weg, verlor keinen Sekundenbruchteil an Zeit, setzte sofort nach. Ohne einen Laut von sich zu geben, sprang sie ihn an, die Füße in Richtung seines Gesichts gezielt.

 

Er wehrte ihre Tritte mit dem linken Arm ab, nutzte ihren Schwung um hinter sie zu gelangen, ballte die Rechte zur Faust und schlug nach ihrem Hinterkopf. Seine Faust boxte ins Leere, sie war in der Luft herumgewirbelt, hatte dabei versucht eins ihrer Beine um sein Vorderes zu wickeln, ihn zu Fall zu bringen.

Er hüpfte einen halben Schritt nach hinten, entkam so dem Haken ihres Beines. Die beiden Jäger schauten sich ins Angesicht. Tyriad lauschte in sich hinein, hörte seinen eigenen Herzschlag. Er war ruhig und gleichmäßig, das Vorgeplänkel des Kampfes hatte ihn kaum angestrengt.

 

Die Jägerin griff erneut an. Tyriad wich aus, parierte ihre Schläge und Tritte, suchte nach Fehlern in ihrer Deckung, um selber in den Angriff übergehen zu können. Aber die alte Frau war eisern, brachte ihn mit ihrer Perfektion zum Verzweifeln, auch wenn er selber keinen einzigen Schlag einsteckte.

 

Auf einmal brach sie ihren Angriff ab.

„Deine Reflexe sind ausgezeichnet und an deiner Kampftaktik ist nichts auszusetzen“, meinte sie resolut. Er wäre beinahe wie von einem unsichtbaren Schlag zusammengefahren.

War das ein Lob gewesen? In den letzten zwölf Jahren hatte er nie ein zufriedenes Wort von seiner Ausbilderin gehört. Ihre Bitterkeit, ihre ständigen Belehrungen hatten zu seinem Leben gehört wie das harte Training und die ständigen schweren, körperlichen Fleissaufgaben. Es schien wirklich ein besonderer Tag zu sein.

 

„Danke!“, schluckte er mit ernstem, misstrauischem Blick.

Sie warf ihm wieder einen bösen Blick zu. So kannte er sie. Er beschwerte oder bedauerte sich selbst nie. Auch wenn er die anderen Kinder in der Siedlung der Ylien betrachtete, die spielten oder faulenzten, er hatte nicht das Gefühl, unfair behandelt zu werden. Er war nun einmal ein Kemvelo.

„Komm!“, sagte sie und stampfte plötzlich mit den Bewegungen einer gebrechlichen Alten in den Wald hinein. Der Junge folgte ihr gehorsam.

 

Der Herbst war schon tief in den Wald eingedrungen. Trotzdem befanden sich noch viele Blätter in den Bäumen, das Licht beleuchtete zu hellen Strahlen gebündelt das grüne Moos und die bunten Blätter.

„Dein Körper ist ausgebildet. Dein Geist ist scharf und schnell. Es bleibt noch eine Seite, an der du arbeiten musst!“, stellte sie missmutig fest.

 

Sie hatten einen riesigen Llemenior-Baum erreicht. In seiner Größe unterschied er sich kaum von den Riesen im Heiligtum der Kalenderbäume. Trotzdem gab es viele dieser Llemenior im Wald, er unterschied sich ansonsten in keiner Weise von den anderen.

„Schau mit dem Herzen!“, meinte die Baba.

 

Tyriad schluckte. Langsam und ehrfürchtig näherte er sich dem Baum. ‚Ich grüße dich, werter Wächter’, dachte er und füllte seinen Geist mit Höflichkeit und Respekt. Er legte seine Arme um den Stamm, presste ihn an sich, berührte dann auch mit der Stirn die rauhe Rinde.

Langsam nahm er die Aura in sich auf und begann zu lächeln. Ein Gefühl der Stärke und Zuversicht durchflutete ihn. Die Freude brachte ihn beinahe zum Weinen.

 

„636 Jahre!“, antwortete er. „Er gibt mir sein Wissen preis“. Die Baba nickte bestätigend.

„Und…da ist noch mehr!“, erkannte er. „Liebe, eine Menge Liebe. Ich sehe…ein kleines Mädchen. Sie spielt hier im Wald. Ein Pakt. Sie haben einen Pakt gegenseitiger Liebe abgeschlossen!“

 

Als er den Baum losließ und sich zu seiner Lehrerin umdrehte, erschrak er beinahe. Anusch-Baba lächelte, außerdem funkelte eine kleine Träne unter ihrem linken Auge. Auch das hatte er nie zuvor gesehen.

„Du bist ein guter Kemvelo, Tyriad!“, meinte die Jägerin zufrieden.

Der Junge empfing auch ihre Aura, spürte den Stolz in ihrer Brust. Er lächelte, fühlte sich großartig. Sie las ihn ebenso leicht, wie er sie.

„Geniesse den Moment, aber stelle deine Freunde dann ein!“, sprach sie, sofort wieder in den Zustand der fordernden Bitterkeit verfallend.

„Du bist noch nicht am Ende. Du weißt, was fehlt!“

„Das Ritual der Öffnung!“, meinte er und erblasste.

 

„Ich spüre einen Schatten auf deiner Seele, Baba-Jun!“, erforschte sie ihn. „Du hättest dich längst öffnen können. Die Fähigkeiten sind vorhanden. Weswegen hast du Angst vor dir selbst?“

Er seufzte.

„Ich bin ein Kind!“, sagte er, so als ob das alles beantworten würde.

In gewisser Weise hatte er recht. Die Yll-Mar schätzten die Kindheit. Es war eine Phase des Ausruhens, des Kräftesammelns. Kinder wurden geliebt und verhätschelt. Auch die nächsten 15 Jahre der Lehre wären leicht und angenehm gewesen, wäre er ein normaler Yll-Mar. Tyriads Leben stellte eine Ausnahme dar. Trotzdem hatte er diese 15 Jahre der Kindheit und Ausbildung genossen und ahnte, was ihn erwartete.

„Noch bin ich unschuldig!“, sagte er.

Die Baba schüttelte missmutig den Kopf.

 

„Du warst nie unschuldig, Tyriad! Du bist ein Verdammter, wie ich eine bin. Nur weil deine Erinnerung noch fehlt, hast du doch kein anderes Karma, Al’Kazenar! Du trägst die Seele eines Mörders!“

 

Manchmal glaubte er wirklich, dass sie ihn hasste.

„Wenn ich mich öffne, bin ich erwachsen“, gab er zögerlich zu. „Ich werde nie wieder den Frieden verspüren, den ich in diesem Moment in meiner Seele empfinde!“

„Du bist, was du bist!“, wiedersprach sie ihm. „Jetzt und in jedem Moment deines Lebens!“

 

Er seufzte auf. Wo er vorher im Wald die Lichtstrahlen wahrgenommen hatte, bemerkte er jetzt die düsteren Schatten.

„Bist du endlich bereit?“, bedrängte ihn die Baba.

Er blieb stehen, blickte auf den Boden.

„Wie soll ich beginnen?“, fragte er.

Die Jägerin stellte sich ihm gegenüber, zwang seinen Blick in ihre Augen.

 

„Stell dich breitbeinig und bequem hin!“, forderte sie ihn auf. „Entspanne deinen Körper und leere deinen Geist. Achte nicht auf meine Aura oder die des Waldes. Lese deine eigene!“

Er schloss seine Augen, konzentrierte sich.

„Es beginnt immer mit einem Nidespaer!“, flüsterte sie. „Kannst du ihn sehen?“

Tyriad ließ seinen Geist ins Dunkel fallen. Er hatte noch nie von einem Nidespaer gehört oder ihn gesehen, aber das Wort löste sofort eine Assoziation aus. Ein einfacher hölzerner Griff. Darin eine summende Nadel, vibrierend von aufgeladener Energie. Wie ein hauchdünner materialisierter Lichtstrahl. Eine tödliche Waffe.

 

„Ich sehe ihn!“, sprach er.

„Du bist ein Kemvelo!“, führte ihn seine Baba. „Der Nidespaer ist in deiner rechten Hand! Was tust du mit ihm?“

Aus dem Dunkel hinter seinen geschlossenen Augen wirbelten Schatten auf. Farben entstanden, Erinnerungen schälten sich in sein Bewusstsein.

„Ich habe ihn bereits diesem Mann in die Brust gestochen!“, beschrieb er die Bilder in seinem Kopf.

„Zwischen die Rippen und durch das untere Drittel seines Herzens, direkt in den Chi-Punkt. Er zuckt vor mir und stirbt langsam. Er ist…er ist gefüllt von Schwärze. Unglaublicher Hass. Und Freude daran, andere Menschen zu verletzen. Aber der Schmerz in ihm verbrennt langsam sein dunkles Chi. Nicht kräftig genug, ich muss ihm helfen. Ich nehme die Schmerzen durch den Spaer in mich auf. Sie sind furchtbar, aber ich ertrage es. Sein negatives Karma geht in mich über!“

 

Die Baba sprach direkt in seinem Kopf.

„Was ist dann geschehen“, fragte sie ihn.

„Ich wende mich ab, gehe zu den anderen. Die Frau ist bereits gebrochen. Sein Werk, er hat sie zu seinem Spielzeug gemacht. Ihre Seele ist leer, ihr Körper nur noch ein zweckloses Gefäss. Ich töte sie mit einer Handbewegung!“

Obwohl Tyriad sie nicht sah, spürte er die Baba trotzdem nicken.

„Weiter!“, drängte sie ihn.

 

„Ich nehme die Tochter. Wegen ihr bin ich gekommen. Ihre Seele ist vollkommen weiß, rein und unschuldig!“

Er schluckt.

„Nein, nicht völlig rein. Sie ist keine drei Monate alt und dieser Bastard hatte bereits einen Finger in ihr. Ein winziger Schatten. Sie hätte keine Chance gehabt. Er spielt bereits mit dem Gedanken, sie endgültig zu schänden. Sie wäre befleckt gewesen, noch bevor sie ihren ersten klaren Willen entwickelt hätte.“

Seine Stimme zitterte. Lothlar Al’ Kazenar, der Assassine hatte gewusst, zu welchen Verbrechen Männer fähig sind. Für Tyriad, der Junge, in den er wiedergeboren war, kam diese Erkenntnis wie ein Schock.

„Ich spreche die Gebete und Segnungen für die Kleine. Beende ihr Leben und führe sie ins Seelenheil. Ihre Reinkarnation wird schattenfrei verlaufen. Sie wird zumindest eine Chance haben können, ein glückliches Leben zu führen.“

 

„Dann gehe ich wieder zu dem Mann…diesem…Fürsten?! Er liegt im Sterben. Die Schwärze verbrennt weiterhin in ihm, ich helfe ihm so gut ich kann, nehme seine Schmerzen auf. Ich zwinge mich zu Mitleid, erlöse ihn durch den Todesstoß, segne ihn. Jetzt ist sein dunkles Karma komplett in mich übergegangen. Ich…ich…“

„Du hast sein Karma akzeptiert und in dir aufgelöst“, sprach die Baba. „Dann hast du dich selbst zerstört, um es endgültig zu bannen. Du bist wiedergeboren worden, ohne auch nur den Fleck einer Schuld zu hinterlassen. Du hast die Seele eines unschuldigen Kindes gerettet. Hervorragend, Al’Kazenar Lothlar. Du hast das Kameo makellos durchgeführt.“

Trotz der lobenden Worte troffen die Worte der Jägerin vor zynischer Bosheit.

 

„Selbstaufopferung ist die größte Pflicht des Kemvelo!“, rezitierte Tyriad getroffen den Satz, den er jeden Abend vor dem Schlafengehen chantete.

Zum ersten Mal spürte er die Bitterkeit der alten Frau auf seiner eigenen Zunge. Seine Angst hatte sich bewahrheitet. Der glückliche Junge Tyriad schien ihm so fern wie nie, nachdem er sich den Erinnerungen seines Falars Lothlar, seines früheren Lebens, geöffnet hatte.

Er fühlte sich gebrochen, wie ein Mörder. So war es also, ein Verdammter zu sein.

 

***

 

Kellan-Kray, 117 AE, 363 Deliafor, 1 Jahr später:

 

Der Wandel der Musik war langsam, auch wenn sie mit einem in die Füße gehenden, rasanten Beat unterlegt war. Rob Spato zappelte. Anders hätte er es nicht nennen können. Aber das Gefühl, das sich dabei in ihm ausbreitete, fühlte sich herrlich an. Binnen weniger Herzschläge bildete sich ein Schweißfilm auf seiner Stirn.

 

Die Tanzfläche lag unter den freien Sternen. Er hatte sich früher erst schwer an ausserirdische Musik gewöhnen können. Die Klänge schienen atonal. Er spürte eine leichte Vertrautheit zum irdischen oriental style, aber das war auch schon alles. Aber die Disharmonien waren ihm im Grunde ziemlich gleich. Solange sein Körper reagierte. Nach einem langen Tag im engen Pilotencockpit gab es nichts besseres, um die Muskeln zu entkrampfen, als nach dem Training abzutanzen.

 

Ein anderer Pilot schon sich durch die Masse der anderen zuckenden Leiber. Es war Churn. Er grinste Spato an, schob sich direkt vor ihm, tanzte mit ihm Brust an Brust.

Spato lächelte neckend zurück. Als sich Churn das enganliegende Top von seinem muskulösen Oberkörper herabzog, fiel ein Schauer aus Schweißperlen aus seinen Haaren. Rob grinste ihn unverhohlen an, dann fasste er sich ebenfalls an den Gürtel, zupfte sein T-Shirt aus der Hose, zog es über den Kopf.

 

Die beiden Männer tanzten nahezu Haut an Haut. Nur ein Zentimeter aus schweissnasser Luft lag zwischen ihren Oberkörpermuskeln. Die Musik war mitreissend, verbindend, sorgte dafür dass sich die Masse wie ein einziger gemeinsamer Organismus fühlte.

 

„Glückwunsch, Kleiner!“, schrie ihm Churn sich zu ihm herabbeugend ins Ohr.

Rob zuckte ratlos mit den Augenbrauen, Churn grinste ihn nur an. Dann nickte er mit dem Kopf Richtung Bar, schob sich durch die Menge. Rob folgte ihm.

Die Luft war warm, alles fühlte sich an wie eine laue Sommernacht auf der guten alten Erde. Aber auf Kellan Kray war es immer so warm. An der Bar war es leiser, hier war es möglich eine Unterhaltung zu führen. Ausser den bunten Drinks erwartete sie dort schon Tess.

 

„Warum werdet ihr Frauen immer so wuschig, wenn ihr zwei Kerle miteinander tanzen seht?“, fragte Rob sie grinsend.

Sie lachte auf. „Das ist nur ein Klischee“, entgegnete sie. „Wir werden nur wuschig, wenn es zwei so maskuline Hengste wie ihr beiden seid!“

Damit legte sie je einen Zeigefinger beider Hände auf Churns und Robs nackte Oberkörper und ließ sie übertrieben sinnlich heruntergleiten. Alle drei lachten.

 

Rob schaute sich um. Er fragte sich, wen Churn durch seine heiße Tanz- und Bodyrub-Einlage auf sich aufmerksam hatte machen wollen. Schon erblickte er zwei blonde Frauen, die offensichtlich interessiert in Richtung des großen Piloten zwinkerten.

„Hey!“, schrie auf einmal eine vertraute Stimme, und da war auch schon Jien.

„Herzlichen Glückwunsch, ihr beiden!“, meinte auch er, sobald er die Bar erreicht hatte.

 

„Was denn?“, fragte Spato entnervt und verwirrt. „Glückwunsch wozu?“

„Hast du es noch nicht gehört?“, fragte Jien verdutzt. Churn grinste ihn nur an. „Ihr beiden seid befördert worden. Tja, euer Manöver heut hat euch mächtig Punkte gebracht. Ich hoffe, Mes-Dassier Spato gibt heut einen aus?“

 

Rob starrte ihn mit weitaufgerissen Augen an.

„Wir sind Mes-Dassirs? Das gibt es doch nicht“, schrie er begeistert auf. Er sprang auf, um Churn zu umarmen, was dieser lachend mit sich geschehen ließ.

Er war nun ein Offizier in der kellanischen Armee. Der Rang eines Mes-Dassir entsprach in etwa dem eines terranischen Majors.

 

Kaum war der Gedanke in Spatos Kopf getreten, wurde er wieder ruhiger, besinnlicher.

Alles wie damals, dachte er, und doch alles anders. Er erinnerte sich sehr gut an den Tag, als er in der SFF zum Major befördert worden war. Es war der Tag gewesen, als er von Dereks Tod erfahren hatte. Wie zuvor hatte er auch auf Kellan traumhaft schnell Karriere als Pilot gemacht. Und dennoch…im Gegensatz zur Erde…

Hier bin ich glücklich, dachte er beklommen. Diesmal habe ich Freunde.

 

Er lächelte ruhig und bestellte dann der gesamten Runde Drinks. Zusammen stießen sie auf Churns und seine Beförderung an. Spato schaute ihnen allen in die Augen. Es war einer dieser besonderen Momente, an die er sich sein ganzes Leben erinnern würde.

Jien und Tess zogen sich zurück, lachten gemeinsam über einen von Jiens sprachverdrehenden Witzen. Churn ließ sich auf einem Barhocker neben Spato nieder.

„Sie verschlingen dich mit ihren Augen!“, meinte Spato amüsiert in die Richtung der beiden Frauen nickend. „Wann lässt du sie vom Haken und gehst endlich rüber zu ihnen?“

Churn sah ihm tief in die Augen.

 

„Was ist mir dir, Kleiner?“, fragte er sanft. „Es ist ein Tag zum Feiern. Warum suchst du dir niemanden? Immer wenn ich denke, du bist endlich mal locker, fällst du wieder in deine trübe Gleichgültigkeit herab! Möchtest du nicht mehr erleben?“

Rob schüttelte den Kopf. Er lächelte, aber in seinem Gesicht stand doch eine gewisse Traurigkeit geschrieben.

 

„Lass gut sein, Churn!“, meinte er.

Sein Flügelmann ließ nicht locker.

„Du siehst gut aus, Rob!“, redete er auf ihn ein. „Und du hast das Herz auf dem richtigen Fleck. Wenn du denkst, das fällt keinem auf, dann irrst du dich. Wenn du willst, stell ich dir ein paar Kerle vor? Sind sogar ein paar klasse Piloten dabei!“

 

Rob antwortete nicht, aber seine entsetzten Blicke brachten zum Ausdruck, das er von der Idee nicht viel hielt. Seine Freunde wußten seit Jahren, dass er auf Männer stand, und es schien in dieser Welt keine große Bedeutung mehr zu haben. Viele Spezies waren komplett bisexuell, es war eher ungewöhnlich in ihren Augen, dass er sich nur auf Männer einließ. Trotzdem hatte er in den letzten Jahren jeden Flirt unterbunden.

„Bist du nicht einsam?“, fragte Churn voller Mitgefühl.

 

„Hör auf!“, zischte Rob ihn beinahe zornig an. „Das ist meine Sache! Churn, ich spiele hier nicht den Märtyrer. Ich suche mir einfach nur niemanden, weil ich kein Glück damit habe. Es funktioniert nicht. Liebe ist nichts für mich! Glaub mir das einfach!“

Churn blicke ihn verständnislos an, dann zuckte er mit den Schultern.

„Wie du willst!“, meinte er.

 

Es brodelte in Rob. Churns Worte hatten etwas wachgerüttelt. Auch wenn er jetzt still war, klangen die Worte in seinem Kopf. Eine unsichtbare Diskussion lief in seinem Kopf ab.

„Es ist doch nur…“, setzte er an, aber dann begriff er, dass Churn inzwischen frustriert gegangen war.

Er lachte verzweifelt auf.

„…das ich verflucht bin“, flüsterte er in seine innere Leere  hinein. „Menschen verlieben sich nicht wirklich in mich!“

 

Die Worte drangen wie schwarzes Gift in ihn ein. Es lag in ihm, die ganze Verzweiflung, die ganze Sehnsucht. Seine Hoffnungslosigkeit hatte sich wie schwarzer Teer um seine Seele gewickelt.

„Ich bin nicht gerne einsam!“, sprach er zu sich selbst. „Aber was hätte es für einen Sinn? Ich werde euch doch eh alle verraten.“

 

Er ließ seine Blicke über die tanzende Menge wandern. Seine Freunde, die anderen Mitpiloten. Er mochte sie. Aber das half nichts. Für einen Moment dachte er, er könne doch alles retten. Er würde Chris und Kal überreden, ihre Pläne aufzugeben. Aber dann erinnerte er sich wieder daran, wie die Erde vor seinen Augen aufgeplatzt war. Wie die Lavamassen in den Weltraum gebrochen war, alle Menschen, alle Pflanzen verbrannt und auslöscht hatten. Er hatte die Bosheit dieser Welt nicht erst in diesem Moment begriffen. Ein dunkler Mantel der Verzweiflung hatte sich damals um ihn gelegt, ließ ihn nie mehr frei atmen.

.

„Man kann mich nicht lieben!“, ließ er sich weiter ins Dunkle treiben. „Ich weiß nicht, warum mein Schicksal so ist. Derek hat sich für mich geschämt. Ich war ihm nie gut genug. Troy und Per waren nicht real. Und Daniel wurde dafür bezahlt, mir etwas vorzuspielen. Ich bin verflucht, verraten zu werden. Und das macht mich zu einem perfektem Verräter! Ihr werdet dafür büßen…ihr alle!“

 

Er kippte seinen Drink in sich hinein. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Der Alkohol machte ihn schwindlig. Aber er half ihm, sich auf die Stimmen in seinem Kopf zu konzentrieren.

‚Memoris terra’, dachte er. ‚Scheiß-Snirvellin. Sie haben begriffen, dass ich nur als Verräter zu gebrauchen war. Ich kam nie mit den Menschen klar. Sie dachten ich wäre perfekt SIE ALLE ZU TÖTEN. Nur durch eine einzige Entscheidung.’

 

’Aber nein, das habe ich nicht getan. Ein Verräter wechselt ständig die Seiten. Töten JA. SIE, ich werde SIE alle Töten. Ich werde die Snirvellin ausrotten lassen.’

Seine Hoffnungslosigkeit hatte sich wie schwarze Melasse um seine Seele geschlungen. Ihm war klar, es war zu spät daraus herauszubrechen. Er hatte sich doch schon aufgegeben, als er auf die Selbstmordmission gegangen war, um die Tronar zu vernichten…

‚Alle töten…’, dachte er benommen. ‚Ihr werdet schon ernten, was ihr gesäht habt’

Für den Moment war ihm selbst nicht klar, wen er damit meinte. Die Snirvellin, die Menschen, die Kellaner?

Er wußte nur, das er vor schwarzem Zorn brannte. Sein gebrochener Blick erhaschte Churn, der inzwischen ausgiebig mit einem der beiden Frauen flirtete.

„Ihr dürft  mich nicht zu sehr mögen!“, krächzte er noch, bevor ihn die Dunkelheit übermannte.

 

***

 

Ylien, 117 AE, 363 Deliafor, im selben Moment:

 

Tyriad saß auf seiner Liege und starrte in die ersterbende Glut seines Feuers. Die Schlafenszeit hatte längst begonnen, er fühlte auch Müdigkeit in sich, aber seine Gedanken rasten wieder einmal heiß in seinem Kopf herum, ließen ihm keine Ruhe.

 

Er spürte den Aufschrei der Seele schwach, fuhr aus seinen Grübeleien erschreckt auf. Schnell wickelte er sich in ein Hemd um den nackten Oberkörper, verließ die Hütte. Die Färbung der verletzten Aura war eindeutig, die Richtung klar erkennbar. Er lief so schnell wie er es vermochte den Hügel hinauf.

 

Außer Atem erreichte er den Weltenbaum. Er schob sich durch die Öffnung in der Rinde, betrat das innerste Heiligtum.

Die Matriarchin stand in der Mitte der riesigen Baumhöhle. Ihre berobten Arme hingen kraftlos an ihr herunter, ihre sonst so sorgfältig gesteckten Haare waren aufgelöst und hingen ihr wirr über die Stirn. Das Gesicht glänzte im Sternenlicht nass, Tyriad erkannte auch neue, frische Tränen, die ihre Wangen herunterrannen.

 

Sie bemerkte seine Aura sofort.

„Tyriad!“, sprach sie erleichtert, und Dankbarkeit flammte in ihr auf. „Hast du es auch gespürt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein!“, flüsterte er. „Nur euren Schmerz. Was ist passiert, Matriarchin!“

Sie schämte sich der Tränen in ihren Augen nicht, ließ sie ungehemmt weiter fließen.

„Unglaubliches Leid, Tyriad!“, antwortete sie. „Eine dunkle Seele. Eine große Gefahr!“

 

Er trat an sie heran. Sie legte dankbar einen Arm um ihn, stützte ihre Stirn auf seiner Schulter.

„Ich führe dich!“, meinte sie dann, nahm seine Hand fest.

Ihre Auren verschmolzen, er spürte ihren festen, starken Willen, folgte ihren Blicken hinauf ins Firnament des Weltenbaums.

 

Unter den Yll-Mar gab es immer noch rege Diskussionen darüber, ob es eine Bedeutung hatte, dass der älteste lebende Baum auf Ylien ein großer Würger war. Einst hatte hier ein prächtiger Llemenior gestanden, aber der Baumparasit hatte sich um dessen Stamm gewickelt und in seine Wurzeln gegraben. Wie ein Kokon hatte sich die Schlingpflanze um den Llemenior gewickelt, bis der Würger selbst größer und breiter als der darunter liegende befallene Wirt war. Die Äste und Blätter des Parasits hatten dem Llemenior Sonnenlicht und Energie geraubt, bis der Baumwirt eingegangen und verfallen war. Jetzt stand nur noch der Würger, einen riesigen Hohlraum hinterlassend, der jetzt als Heiligtum der Yll-Mar verehrt wurde.

 

In der Spitze des Weltenbaums funkelten die Sterne. Keine echten, nein, eine Nachbildung der Galaxie. Tyriad wusste nicht, ob hier Magie im Spiel war oder sich Projektoren im Altar im Zentrum des Baumes befanden. Alles was ihn kümmerte, war die atemberaubende Schönheit des Anblicks.

 

Für die Matriarchin war diese dreidimensionale Abbildung der Galaxie jedoch keine Dekoration, sondern ein Fokus, ein Brennpunkt. Mit ihrer Hilfe konnte sie die Auren der ganzen Welt erspüren.

Tyriad folgte ihrer Weisung, bis sein Blick selbst auf eine Welt im Zentrum der Galaxis fiel. Es gab Milliarden von Seelen auf diesem Planeten, aber er spürte die eine wie einen schwachen, unangenehmen Geruch. Dann fand er sie, ließ sie auf sich einströmen.

Er zuckte zusammen.

 

„Oh mein Gott!“, zischte er. „Das Karma ist unglaublich stark. Soviel…Hass!“

Die Matriarchin nickte.

„Eine ganze Welt wurde zerstört!“

Tyriad sah sie entgeistert an.

„Wir haben es nicht einmal gemerkt!“, gab die Matriarchin bitter zu. „Es gibt zuviel Leid für die Yll-Mar. Aber dieser Mensch…er fühlt sich immer noch für den Tod seiner Spezies verantwortlich. Er hat das gesamte dunkle Karma seiner Welt in sich gesogen!“

Tyriad schluckte. Er spürte eine ungute Vorahnung.

 

„Du musst ihn finden und töten, Tyriad!“

Er atmete ruhig und gleichmäßig. „Ich weiß“, meinte er kleinlaut. Seine Stimme war gedämpft und kleinlaut.

„Aber…die Stärke des Karmas. Ich kann es nicht verbrennen. Es ist zuviel. Ich…wenn ich es in mich aufnehme…es wird meine eigene Seele zerstören!“

 

Sie schaute ihm fest in die Augen. Es lag zwar Trauer in ihnen, aber die Strenge und Forderung, die er in ihnen ablas, war noch stärker.

„Du wirst dein Bestes geben müssen, Tyriad!“, meinte sie fest und bestimmt. „Selbst wenn du das Karma nicht verbrennen kannst, so ist es doch unbedingt erforderlich, dass du diesen Menschen tötest. Wir kümmern uns um das negatives Restkarma nach seiner Wiedergeburt. Aber wenn dieser Mensch nicht stirbt…“

 

Sie verstummte einen Augenblick.

„Er wird er einen Krieg auslösen, Tyriad. Einen gewaltigen Krieg. Groß genug, um alles auszulöschen, was die Yll-Mar in zehntausend Jahren erreicht haben.“

Tyriad nickte.

„Ich verstehe!“, sprach er. Es hatte keinen Sinn, die Angst in seiner Stimme zu verbergen. Ein Kemvelo trat den Tod an, wenn er ihm befohlen wurde.

 

„Er wird nicht gehen!“, krächzte eine strenge Stimme in den Raum.

Tyriad fuhr zusammen, richtete seinen Blick auf die alte Jägerin, die gerade den Baum betreten hatte. Anusch-Baba hatte also die Auren ebenfalls bemerkt. Er fragte sich, ob sie das Entsetzen des Fremden, der Matriarchin oder…seins?…gespürt hatte.

„Er ist zu jung!“, schimpfte die Baba laut. „Noch keine zwanzig Frühlinge, er wird seine Seele verlieren. Keine Wiedergeburt kann ihn zurückbringen, es wird nie wieder einen Al’Kazenar geben. Der Preis ist zu hoch für die Yll-Mar. Ich werde gehen!“

 

Die Matriarchin warf ihr einen eisigen Blick zu.

„Deine Meinung zählt hier nicht“, meinte sie herrisch. „Du wirst nicht gehen!“

„Ich bin die beste Kemvelo!“, schrie die alte Jägerin jähzornig. „Wieso schickst du ihn in den Tod. Wieso? Hast du immer noch nicht genug, mich zu quälen?“

„Du denkst immer nur, die Welt dreht sich um dich, Anusch-Baba!“, fluchte die Matriarchin. „Denkst du wirklich, es gäbe eine Alternative? Du bist zu alt, Anusch. Deine Tage reichen nicht mehr aus, den Fremden zu finden!“

 

Wie ein Pistolenschuß knallte Anuschs erschreckter Aufschrei durch den Raum. Der Zorn der Matriarchin war mit ihr durchgegangen. Wie auch Tyriad verfügte sie über eine Gabe der Vorsehung,  nur war ihre beträchtlich stärker ausgeprägt. Sie hatte etwas ausgesprochen, was in den Augen der Yll-Mar undenkbar war.

„So ist es also!“, meinte die Baba leise. „Mein Todestag steht also bereits fest.“

„Geh jetzt!“, sprach die Matriarchin mit zitternder Stimme. „Und komm nicht wieder, bis ich dich zu mir rufe!“

 

Die alte Jägerin nickte grimmig, dann drehte sie sich herum, verließ den Weltenbaum.

Die Matriarchin sackte zusammen, sobald die andere Frau die Hähle verlassen hatte.

„Es tut mir leid, Tyriad!“, meinte sie schwach. „Du hättest das nicht mit ansehen sollen!“

Der Junge war still und nachdenklich geworden. Es war klar zu erkennen, dass er sich nicht mehr um sein Schicksal sorgte.

 

„Sieht es denn keiner außer mir?“, fragte er flehentlich.

Die Matriarchin sah ihn ernst und traurig an.

„Wir sehen es!“, meinte sie. „Aber wir können nichts dagegen tun. Anusch-Babas Seele ist zu sehr befleckt. Ein dunkler Schatten hat sich ihrer Seele sich bemächigt!“

 

„In ihrem Zustand wird sie nicht als Yll-Mar wiedergeboren“, schluchzte er. Trotz allen Kämpfen liebte er sie. Sie war seine Lehrerin, mehr noch, beinahe seine Mutter gewesen.

„Sie wird fallen. Irgendwo im Seelenmeer untergehen. Wir müssen ihr doch helfen können? Woher kommt ihr Zorn, ihr Schmerz?“

Sie sah ihn erstaunt an.

„Anusch-Baba meinte zu mir, du hättest dich bereits vor einem Jahr geöffnet. Trotzdem verfügst du nicht über Lothlars Wissen?“

Tyriad schaute schuldbewußt auf seine Füsse.

„Ich mag mich so, wie ich bin!“, meinte er trotzig. „Ich habe mich entschlossen nicht Lothlar zu werden. Ich habe seine Erinnerungen nur soweit aufgenommen, wie ich es brauche, um ein guter Kemvelo zu werden. Nicht mehr!“

 

Die Matriarchin lächelte schwach.

„Du hast Angst, dass dein Vorgänger ein schlechterer Mensch war, als du selbst werden willst. Deine Abneigung ist unbegründet, Tyriad. Lothlar war ein herzensguter Mann. Du ähnelst ihm bereits mehr, als du zu glauben wünscht.“

 

„Nichtsdestotrotz…“, meinte er fest, „…bleibe ich doch Tyriad“

Sie nickte.

„Vielleicht hast du an Weisheit gewonnen, junger Baba-San!“, segnete sie seinen Beschluß ab. „Aber dann weißt du auch nicht, daß du der Auslöser für Anusch-Babas Schmerz bist!“

Tyriad zuckte zusammen.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass sie mich in Wirklichkeit aus tiefster Seele hasst!“, gab er zu.

Die große Frau lachte auf.

„Nein, Tyriad!“, meinte sie tröstend. „Das ist kein Hass. Es ist das Gegenteil. Ich selbst habe Anusch und Rian Al’Kazenar vermählt. Deine Lehrerin und Lothlars Falar waren einst das größte Liebespaar, das Ylien je gesehen hatte!“

 

„Was?“, keuchte Tyriad entsetzt auf.

„Rian starb sehr früh!“, erzählte die Matriarchin weiter. „Anuschs Schmerz war so groß, dass es schon beinahe an Wahnsinn grenzte. Als Rian wiedergeboren wurde…Lothlar…nahm sie ihn als Baba-Yun. Das war unüblich, aber ich gestattete es. Aber Anusch war zu selbstsüchtig. Ihre Angst, Rian erneut zu verlieren war wohl zu groß. Sie verführte ihn noch bevor er das Ritual der Öffnung abgelegt hatte. Als junger Mann…beinahe ein Kind noch…war er ihren Verführungskünsten unterlegen. Sie waren wieder ein Paar.“

 

Tyriad schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das änderte sich gewaltig, als Lothlar sich öffnete, Rians Geist und Erinnerungen in sich aufnahm. Er war bestürzt, wie sehr ihn Anusch ausgenutzt und manipuliert hatte. Er verließ sie, sprach nie wieder ein Wort mit ihr. Ich denke, in diesem Moment ergriff der Schatten Anusch-Babas Herz.“

 

„Was will sie von mir?“, krächzte Tyriad schwach.

„Sie bestand darauf, dich wieder zu ihrem Baba-Yun zu nehmen. Du weißt, wie alt sie ist, ich sah keine Möglichkeit, dass sie den Fehler, den sie bei Lothlar begonnen hatte, wiederholen würde. Ich denke…sie wollte dir einfach nah sein, Tyriad. Sie liebt dich noch immer!“

Er schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Warum?“, fragte er nur. „Wie konntet ihr das zweimal zulassen? Wieso habt ihr Anusch-Babas Forderungen nach mir zugestimmt?“

Sie sah ihn sehr traurig an.

 

„Ich schicke dich heute Nacht ein drittes Mal in den Tod, Tyriad!“, sprach sie ruhig. „Wie Rian und Lothlar zuvor. Auch Anusch-Baba habe ich zum Morden ausgesendet. Was denkst du, Tyriad, wer so ein Los ertragen kann? Was glaubst du, wie schwer es für mich ist, den Schatten von meinem eigenem Herzen fernzuhalten? Ich hatte Mitleid mit ihr, Tyriad. Ich habe sie zu dem gemacht, was sie ist. Ich bin für ihr Karma verantwortlich.“

Sie schauten sich einen Moment schweigend an.

 

„Verzeihst du mir, Tyriad?“, fragte sie dann ernst. „Du weißt, wenn du mir nicht aus vollem Herzen ehrlich verzeihst…“

Er nickte langsam.

„Ich verzeihe dir, Matriarchin Lessan!“, sprach er und meinte es ernst.

Sie atmete spürbar erleichtert aus.

„Noch eins, Tyriad!“, meinte sie zum Abschluß. „Wenn Anusch-Babas Zeit gekommen ist…versprich mir, dass du dich um sie kümmerst!“

 

***

 

K-Central, 119 AE, 365 Deliafor, 2 Jahre später:

 

Der schwere Bomber drang mit dröhnenden Triebwerken in die Atmosphäre Kellans ein. Sofort begann die dünne Luftdecke um ihn herum zu ionisieren, der Sauerstoff brannte lodernd auf, aber die Hitze wurde restlos von den Schirmen des stark gepanzerten Schiffes aufgefangen.

 

Der Pilot war damit beschäftigt den Landevorgang zu programmieren. Der Sinkflug durfte nicht zu steil erfolgen, auch wenn die Schilde den Bomber vor der Luftreibung schützten, gab es doch einzuhaltende Umweltbeschränkungen. Ausserdem, im Falle eines ‚Schildflackerns’ durch überlastete Thyristoren konnte die Hülle für Mikrosekunden der Hitze ausgesetzt werden und aufbrechen. So ein Fall war unwahrscheinlich, aber im Laufe der Jahrhunderte doch schon einige wenige Male aufgetreten.

 

Darum reagierte der Pilot auch nicht sofort, als einen Kilometer von ihm ein anderes herabsinkendes Schiff ins Trudeln geriet. Es war ein kleiner Jäger. Er musste auf ein Stück Weltraumschrott aufgetroffen sein, es gab einen kleinen Lichtblitz, als die Schilde das Fremdmaterial verdampften. Trotzdem hatte der Impuls ausgereicht, das kleine Raumschiff aus der Bahn zu werfen.

 

„Nicht schießen! Nicht schießen!“, hörte der Pilot über die Kommunikationsleitung die flehenden Rufe des Jägers, der kreiselnd in den Sicherheitsabstand des Bombers eindrang. Er checkte die Flugbahn, sah keine Gefahr für eine mögliche Kollision. Aber dann begradigte sich die Flugbahn des kleinen Jägers abrupt. Und er begann zu feuern.

 

Vier exakt positionierte Lasersalven prasselten auf den seitlichen Rumpf des Bombers. Dann sprang die automatische Verteidigung des Bombers an. Geschützkanonen drangen aus der Hülle, richteten sich auf den Jäger aus. Doch bei jedem Schuß war dieser bereits ausgewichen, so als ob der fremde Pilot die Fähigkeit zur Hellsicht gelernt hätte.

 

Nach dem sechsten Treffer des kleinen Jägers brach das Energiegitter für die Waffensysteme auf der Rumpfseite zusammen. Das kleine Schiff tauchte unter den schweren Bomber. Seine Schilde mussten extrem hochgerüstet worden sein. Durch die Luftreibung glühte die Schirmaura um ihn herum jaulend auf, aber er hielt der Belastung stand.

 

Der Jäger feuerte ohne Unterlaß auf die Rumpfhülle. Nach wenigen Salven brachen die Schildgeneratoren zusammen. Sofort drang die Reibungshitze in die Stahlplatten ein. Der Jäger feuerte noch einige Sekunden weiter, dann tauchte er seitlich ab.

Ohne Schilde hatte der Bomber in seinem Sinkflug keine Chance. Die Hülle brach auf, das Raumschiff platzte auseinander wie eine überreife Grapefruit. Die brennenden Trümmer regneten auf K-Zentral herab, bevor sie dampfend ins Meer stürzten.

 

***

 

Die Versammlung der Handelsfürsten war in Rage. Kaum einer der Ratsmitglieder hatte seinen Platz beibehalten, die meisten standen über ihren Pulten und schrien über den allgemeinen Lärmpegel hinweg.

„Dreieinhalb Milliarden!“, fluchte der achte Fürst ununterbrochen. „Diese Waffenladung war dreieinhalb Milliarden wert!“

 

In dieser Weise wurden zehn weitere Minuten durch Beschimpfungen und Selbstmitleid verschwendet. Erst danach gelang es dem ersten Handelsfürsten Volm Deren, den Tumult, der nach Bekanntgabe der Zerstörung des Bombers ausgebrochen war, einzudämmen.

 

„Dieser offenkundige Angriff ist ein schwerer Schlag!“, räumte Deren ein. „Aber ich bitte um Vernunft. Wir müssen darüber abstimmen, wie wir auf diese Provokation reagieren. Es ist wohl nicht schwer einzusehen, dass dieser Anschlag nur durch O Connor oder die freien Völker ausgeführt worden sein kann. Nur fehlt es noch an Beweisen!“

 

„Entschuldigung!“, unterbrach ihn der dritte Handelsfürst, Terrk Pharell. „Aber wir sollten nicht nur auf die Provokation reagieren, sondern auch darüber befinden, wie wir den Verlust kompensieren.“

Pharell war der General über die Kray-Armee. Er hatte Monate lang für die Aufstockung des Militärs gekämpft. Die Waffenlieferung war für die Kray-Armee bestimmt gewesen.

 

„Und ich meine nicht den finanziellen Schaden“, fuhr er fort. „Die Privatarmee dieses O Connors könnte inzwischen eine Bedrohung für uns darstellen. Die Krays brauchen dringend diese neuen Impulsgewehre und Raketenwerfer. Wir müssen SOFORT eine neue Lieferung bestellen und dieses Mal die unbeschadete Lieferung garantieren!“

 

Das Gemurmel in der Ratskammer wurde wieder lauter. Niemand wollte erneut eine so große Summe in Rauch aufgehen sehen.

„Der Bomber war gut gepanzert. Er wurde bis Kellan patrouilliert. Niemand hätte einen Angriff innerhalb unserer eigenen Atmosphäre vermutet. Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren nicht unzureichend! Wie können wir also garantieren, dass die Waffen dieses Mal ihr Ziel erreichen?“

 

„Mit Verlaub!“, ertönte eine ungewohnte Stimme aus den hinteren Reihen.

Es war Mes-Dassir Spato, Pharells persönlicher Berater. Es war erst das zweite Mal, das er seine Worte direkt an den Rat richtete. Er hatte ihre Aufmerksamkeit.

Spato räusperte sich.

„Ich denke, es gibt eine einfache Lösung für dieses Problem. Wir kaufen von O Connor!“

 

Sofort brandeten die Stimmen wieder aus. Entsetzte Blicke durchbohrten den Vize des Kray-Generals. Spato erhöhte die Lautstärke seiner Stimme.

„Wir sind uns doch einig, dass es wichtiger ist, an Waffen zu kommen, als O Connor finanziell zu schaden? Also, wir bezahlen seine Lieferung erst nach Eingang. Damit ist er für den sicheren Transport verantwortlich. Falls er für die Zerstörung unseres Bombers verantwortlich ist, wird er dieses Mal seine eigenen Waffen, seinen eigenen Gewinn torpedieren müssen!“

Das Gemurmel wurde hektischer, nervöser.

 

„Und wir zwingen ihn damit, Stellung zu beziehen. Er brüstet sich doch immer mit Neutralität, auch wenn wir alle wissen, dass er für die Frees arbeitet. Wir werden sehen, ob er seine Waffen auch an uns liefert. Weigert er sich, haben wir einen Grund, seine Neutralität anzufechten. Stimmt er zu, schneidet er sich ins eigene Fleisch, wenn die Waffen nicht termingerecht ankommen!“

 

Der Ratsvorsitzende Deren betrachtete Spato verblüfft.

„Wir werden darüber dikutieren!“, meinte er dann. „Ich bin mir nicht sicher, wie vernünftig dieser Vorschlag ist, da wir unserem Feind einen Profit verschaffen, aber ich muß zugeben, die Vorgehensweise fasziniert mich. Ich würde gern sehen, wie O Connor darauf reagiert!“

 

„Entschuldigen Sie erneut!“, heischte Spato beherrscht um Aufmerksamkeit, „Aber da ich gerade das Wort habe…ich würde Ihnen allen gerne noch etwas bewußt machen!“

Er schien eine Präsentation vorbereitet zu haben. Auf den Pulten der Ratsmitglieder flammten wie auf Befehl kleine holografische Darstellungen auf. Es war eine Aufnahme der Raumflugbehörde. Sie zeigte detailgenau die Zerstörung des Bombers durch den Jäger.

 

„Fällt Ihnen allen auf, wie präzise, wie schnell dieser Angriff durchgeführt wurde?“, fragte Spato. „Der Jägerpilot kannte unseren Austrittsort und –winkel aus dem Hyperraum. Die Relais der Waffensysteme wurden exakt beschossen. Die Lasereinschäge zeigen volle Wirkung. Was heißen würde, dass er unsere Schildfrequenzen kannte. Und den genauen Aufbau des Bombers!“

Er ließ sich ein paar Sekunden Zeit, damit alle Ratsmitglieder die Gedanken selber finden konnten. Dann setzte er nach.

 

„Das hier war nicht nur ein gut geplanter Angriff. Es war Sabotage! Wir haben einen Verräter unter uns!“

 

Wenn vorher das Gemurmel der Mitglieder schon lärmend war, so erschallte es jetzt wie ein laut herabprassender Wasserfall. Die Stimmen waren aggressiv und anklagend. Die meiste Missgunst richtete sich auf Spato selbst, da er es gewagt hatte, die Integrität der Ratsmitglieder in Frage zu stellen. Spato wusste, dass es immer die korruptesten unter ihnen waren, die sich am angegriffensten fühlten.

 

„Bitte!“, sprach er betörend in die Menge, senkte seine Arme beruhigend auf und ab.

„Natürlich ist das nur eine Vermutung. Aber eins ist klar, auf irgendeine Weise ist Wissen von unserer Seite nach draußen gelangt. Also wenn es keinen Spion unter uns gibt…“

 

„O Connor beschäftigt Gedankenleser!“, warf einer der unteren Ratsmitglieder ein. „Er bezahlt Snirvellin, um für ihn zu spionieren!“

Spato lächelte innerlich. Es hatte sich ausgezahlt, mit dem Mann gestern abend einen Drink zu sich zu nehmen und ihm in betrunkenem Zustand ein paar Informationen zukommen zu lassen. Spezielle Informationen über die Snirvellin. Seine Saat war aufgegangen.

 

„Verfluchte Telepathen!“, rief ein anderes Ratsmitglied.

Spato lehnte sich zurück und entspannte sich. Sein Auftritt war beendet. Es war Zeit für Hysterie und Hexenjagd.

Memoria Terra, dachte er zufrieden.

 

***

 

Ylien, 119 AE, 365 Deliafor, 2 Monate später:

 

Anusch-Baba lag auf ihrem Rohrsessel vor dem Eingang ihrer Hütte. Ihr Körper war eingefallen, sie sah dürrer und schwächer auf, als Tyriad sie jemals gesehen hatte. Er vermutete, dass sie die Nacht hier verbracht hatte, er wusste dass sie schon bei einfachen Spaziergängen Schmerzen empfand.

 

Obwohl sie zu schlafen schien, flackerte ihre Aura wie im inneren Zweikampf. Es gelang ihm nicht sich mehr als fünf Schritte zu nähern, bevor sie ihre Augen blitzschnell öffnete.

„Ah Tyriad!“, meinte sie boshaft blinzelnd. „Was für eine Ehre, dich wieder einmal zu sehen. Also dann ist mein Moment wohl gekommen! Hat dich die alte Hexe hergeschickt, um Lebewohl zu sagen?“

 

Er ging auf ihre bitteren Anschuldigungen nicht ein, ließ sie unbekümmert an sich abprallen. Es war wahr, er hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Nach der Konfrontation im Weltenbaum war er ihr aus dem Weg gegangen. Er wollte ihr nicht noch mehr Schmerz zufügen, aber sie schien seine edlen Gründe dafür anzuzweifeln. Die Schatten auf ihrer Seele tanzten wie Motten über dem Licht.

 

„Anusch-Baba, ich beschwöre dich!“, sagte er sanft und kniete vor ihr nieder. Er nahm ihre Hand, hielt sie zärtlich. „Gib deinen Hass auf die Welt auf. Ich flehe dich an. Deine Seele ist in Gefahr!“

Sie lachte hart auf.

„Ach Tyriad!“, jammerte sie, „Deine Sorge ist lächerlich. Für dich bin ich doch nur eine alte Vettel. Eine alte Last, ein Relikt.“

 

Er schüttelte still den Kopf. In seinen Augen schimmerte Feuchtigkeit.

„Das ist nicht wahr!“, sagte er zärtlich. „Du bist meine Baba, Anusch!“

„Wieso machst du mich dann nicht einfach wieder glücklich?“, flüsterte sie, diesmal eine Spur sanfter. „Du weißt doch, was ich will. Ich will dich noch einmal besitzen, Liebster. Zieh dich aus, Rian. Was glaubst du, wie ich es vermisse, dich nackt zu sehen? Die Stelle zwischen deinem Bauchnabel und deiner Wurzel, die ich so liebe. Der Flaum auf deinen runden Pobacken. Ich zehre mich seit Jahrhunderten nach diesem Anblick. Stoß dein Horn in mich, flüster mir deine Liebe ins Ohr. Mach mich noch einmal glücklich, Rian. Dann verzeihe ich dir! Dann verzeihe ich der Welt!“

 

Er schaute ihr fest in die Augen, schluckte, zeigte aber kein Zeichen der Schwäche, des leichten Entsetzens, den ihre Worte bei ihm hervorriefen.

„Ich würde es tun, Baba!“, sagte er. „Wenn ich dadurch deine Seele retten könnte. Aber du weißt, es würde dir nicht das geben, nach dem du wirklich verlangst. Wären wir ein Paar diese Nacht, du würdest nicht meinen Körper sehen, nur deinen. Das, was aus dir geworden ist. Dein Kummer würde sich nur vergrößern!“

 

„Papperlapapp!“, zischte sie, wieder die boshafte, alte Frau. „Nichts als Ausreden für deine erloschene Liebe. Ich gebe meinen Hass nicht auf! Diese Welt hat mich betrogen, und ich sehe keinen Grund, ihr das nachzusehen. Ohne meinen Hass bin ich nichts mehr. Also bring es hinter dich, Kemvelo. Zeig mir, wo du ihn verbirgst, meinen Spaer. Stosse mir die Klinge ins Herz!“

 

Er hielt seine beiden leeren Hände deutlich vor ihre Augen, schaute sie gütig an.

„Kein Nidespaer für dich!“, meinte er.

„Du lässt mich so sterben?“, ächzte sie entsetzt. „Ihr lasst mir mein dunkles Karma, ohne es zu verbrennen?“

Ihr Ton klang ungläubig, geradezu schockiert, aber Tyriad nickte.

Dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht, glättete die vielen Falten, ließen für einen Moment ihre einstige Schönheit erkennen.

 

„Also kehre ich nicht als Yll-Mar zurück“, meinte sie ruhig. „Also werde ich nicht mehr Anusch sein. Keine Kemvelo. Keine Verdammte!“

„Ein neues Leben“, bestätigte Tyriad. „Bereits als Kind befleckt. In einer fremden Welt. Härter, gnadenloser. Aber du wirst keine Mörderin sein, Anusch-Baba!“

„Danke!“, flüsterte sie ergriffen. „Ich danke dir, Tyriad Al’Kazenar!“

Er ergriff wieder ihre Hand, Tränen liefen ihm jetzt über beide Augen.

 

„Na na na!“, schimpfte sie. „Denk an den Weg des Kemvelo. Ich habe dir nicht beigebracht, dich deinen Schwächen hinzugeben!“

„Du hast Recht!“, meinte er schwach grinsend, bezwang seine Emotionen wieder.

„Statt dich um deine alte Baba zu kümmern, hättest du längst aufbrechen sollen. Du musst diesen Auftrag erfüllen. Lessan hat die Notwendigkeit nicht übertrieben.“

 

„Ich war nicht untätig!“, verteidigte er sich. „Ich habe ihn erspürt. Er ist auf Kellan, dort wo mich auch mein letzter Auftrag hingeführt hat. Ein merkwürdiger Zufall, nicht wahr? Ich habe sogar seinen Namen. Die letzten Monate habe ich einen Plan, eine Falle vorbereitet. Er wird mir ins Netz gehen!“

Sie nickte.

 

„Gut“, meinte sie. „Tyriad, töte ihn schnell und erbarmungslos. Es ist wichtig. Du hast nur diese einzige Chance…ich lese in den Schatten…wenn du ihn nicht schnell tötest, wird er dein Untergang!“

Er nahm die Warnung ernst und bedankte sich dafür. Danach sahen sie sich noch einen Moment schweigend an. Beide spürten, dass der Moment der Abschiednahme gekommen war.

 

„Du liebst mich ja doch noch!“, meinte sie lächelnd, seine Aura lesend. „Nur als Baba…nicht als Anusch…aber ich danke dir trotzdem für deine Liebe.“

Es waren ihre letzten Worte. Sie schaute schweigsam zur Seite, dann verhärtete sich ihr Blick. Ihre Finger in Tyriads Hand verloren ihre Kraft und Wärme.

Er wartete noch einen Moment, dann beugte er sich vor, schloß ihre Augen sacht mit seiner rechten Handfläche.

 

Als er aufstand, war seine Aura von tiefer Trauer gefüllt.

Die Yll-Mar der Siedlung spürten sie, schauten sich mitfühlend nach ihm um. Auch er nahm sie war, fühlte die Menschen der Siedlung, selbst die, die in den Wäldern ihre Pflichten erledigten. Jeder von ihnen schien ihn anzulächeln, ihm ein wenig Trost zu spenden.

Er durchquerte die Siedlung mit großen Schritten, lächelte so viele wie möglich an während er die Trauer aus seinem Herzen fliessen spürte. Die Yll-Mar waren ein großartiges Volk. Er liebte jeden einzelnen von ihnen.

 

Als er den Waldrand erreicht hatte, fühlte er sich bereits von Freude erfüllt. Die Kraft aller Yll-Mar pochte in ihm. Sie hatten seine Trauer um Anusch-Baba mit ihm geteilt, sie übernommen. Nun war er bereit unbelastet auf seine Mission zu gehen.

 

Er wanderte zügig durch den Forst, durchquerte das Heiligtum der Kalenderbäume. Der junge Fleys kniete auf einem Stumpf, polierte ihn gründlich, während der alte Hajol ihn akribisch aber auch gütig beobachtete und gelegentlich kritisierte. Sie tauschten nickend Grüße aus. Als sich Fleys und Tyriads Blicke trafen, zwinkerte er ihm kurz belustigt zu.

 

Er würde dem alten Hajol später erzählen, wo er den Körper seiner Baba begraben sollte. Er erinnerte sich gut an den Baum der Verbindung, den sie ihm vor einigen Jahren gezeigt hatte, würde ihn mühelos wiedererkennen.

Mit großen Schritten erklomm er den Hügel. Schon von weitem hörte er den Gesang der Schwestern. Mit jedem Schritt wurde sein Puls ruhiger, sein Geist leerer.

 

Er war ein Kemvelo.

Nach einer Viertelstunde hatte er den Steinkreis erreicht, in dem sich die Schwestern aufgestellt hatten. Eine der Frauen reichte gerade ein weißes Bündel an die Matriarchin weiter.

Ernst betrat er die Mitte des Kreises, kniete vor der Matriarchin nieder. Ohne eine einzige Emotion zu zeigen, trat auch sie einen Schritt vor, schlug das Bündel auf.

 

Es war die merkwürdigste Waffe, die Tyriad je gesehen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Kameo-Dolchen besaß sie keinen hölzernen Griff, bestand nur aus der Klinge. Sie leuchtete dunkel und summte von ungebändigter Energie.

Er nickte und nahm das Bündel entgegen.

 

Es war das Jahr 365 Deliafor.

Beziehungsweise das Jahr 119 AE, wie es drei Terraner nannten, die der Welt den Krieg erklärt hatten. Die Kellaner nannten es das Jahr des schwarzen Panthers. Die Seher bezeichneten es als ein Jahr des Unglücks.

Im Jahr 365 Deliafor versteckte sich Rob Spato zitternd in seinem Zimmer, um einer Abschiedsparty zu entgehen, die sein ehemaliger Kopilot Churn zu gab, der aus der Kray-Armee austrat.

Im Jahr 365 Deliafor löschte der Geist Cal Vasquez einige schmerzhafte Erinnerungsfragmente, als er begriff, dass er seinen Geliebten Crispin für immer verloren hatte.

Im Jahr 365 Deliafor erhielt der snirvellinsche Botschafter Tara eine Botschaft Chris O Connors und nahm sich aus unbekannten Gründen Minuten später das Leben.

 

Und im selben Jahr legten sich Tyriad Al’Kazenar Hände um einen Nidespaer.

Rob Spatos Nidespaer!

 

 

ENDE

 

To Be Continued In Space Eight: THE TRAP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

This Post Has Been Viewed 35 Times

No votes yet.
Please wait...

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.