Blaues Licht – Teil 1 – Das erste Aufflackern

Warum man in ein Plattengeschäft geht

Worin das Einkaufen von CDs zur Nebensache wird und ein Freund die Bodenhaftung verliert.

Auch eine Methode sich wieder auf den Alltag einzustellen — Ich war gerade von einer vierwöchigen Urlaubsreise zurückgekehrt. Mit Michi, meinem besten Freund. Meinem einzigen Freund, um genau zu sein. Einmal quer durch halb Europa. Wenn ich sage Freund, dann ist das ganz unverfänglich zu verstehen.

Michi war seit Ewigkeiten mein bester Freund. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist lieb, wirklich lieb, und glücklicherweise überhaupt nicht meinem Typen. Ich muss gestehen, ich empfand diese Situation als ganz angenehm, konnte es doch so zu keinen Komplikationen kommen.

Eine mögliche Komplikation hätte sich daraus ergeben können, dass ich mich noch nicht geoutet hatte; außer mir selbst gegenüber. Zugegeben, mit 17 Jahren war ich wohl recht spät dran, und hätte mir längst einen Freund suchen sollen, aber… Hm, ich war ein Weichei und so verdammt schüchtern.

Zurück zum Alltag. Ganz überraschend und völlig gegen meine übliche Verschwendungssucht, hatte ich von meiner Europatour tatsächlich noch etwas Kohle übrig behalten. Genug, um meine CD-Sammlung mit ein paar Neuerwerbungen aufzufrischen. Es war Anfang September. Die Ferien waren vorbei, der erste Tag des neuen Schuljahrs war abgehakt, also auf ins Stadtzentrum zu meinem Lieblingsplattenladen.

Eigentlich gab es zwei Gründe, warum ich diesen Laden so gern mochte. Zum einen bot er mit Abstand die beste Auswahl an CDs; weit mehr als nur den üblichen Charts-Main-Stream. Selbst ein gut sortiertes Angebot Vinyl war vorhanden. Der andere Grund war weitaus profaner: Hier liefen auch die geilsten Junx rum. Während ich so die CD-Regale durchblätterte, konnte ich ganz unverfänglich mein Auge über die anwesenden jungen, männlichen Käufer schweifen lassen und träumen. Ach, wenn ich doch nicht so scheiß schüchtern wäre…

In der ersten Woche nach Ferienende war der Laden noch relativ leer. Die meisten Kidds hatten wohl andere Sorgen, als sofort in den Plattenladen zu rennen. Wahrscheinlich waren sie auch einfach nur Pleite.

So ein Sommerurlaub kann ein Taschengeldkonto schon arg strapazieren. Ich wühlte gerade in den Vinylscheiben als ich ihn bemerkte. Ein wirklich gutaussehender Junge, ungefähr mein Alter, obwohl das schwer zu schätzen war.

Obwohl, gutaussehend war untertrieben. Ich sah zwar nur seinen Kopf und die obere Hälfte seiner Brust, der restliche Anblick war durch ein CD-Regal versperrt, aber das, was ich sah, reichte aus, dass mir wechselweise heiß und kalt wurde. Der Typ hatte einen frechen, halblangen Haarschnitt, mit vorwitzigen Strähnen, die ihm vor die Augen fielen.

Die Augen schienen ein inneres Feuer zu besitzen. Ich konnte einen kurzen Blick erhaschen und meinte es wahrhaftig in seinen Augen flackern zu sehen. Nase und Mund bildeten eine perfekte Einheit.

Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Nachdenkliches und tiefes, durchsetzt mit einem ironischen Grinsen. Hals abwärts stecke der Junge in einem hautengen Lycrashirt. Es war das erstemal, dass ich jemanden sah, bei dem so ein Kleidungsstück nicht lächerlich aussah. Wow! Der Typ war einfach überirdisch!

Ich muss wohl etwas zu lange und zu auffällig in seine Richtung geschaut haben, denn plötzlich ging ein Ruck durch seinen Kopf und er sah mir unvermittelt in die Augen. Ich wurde rot und er grinste. Ertappt! Super! Mit dem peinlichen Gefühl gerade erwischt worden zu sein, senkte ich schnell meinen Kopf und wühlte zitternd in den Vinylscheiben. Nur nix anmerken lassen!

Konzentriert und weder nach links noch nach rechts schauend, blätterte ich Scheibe für Scheibe durch, ohne wirklich auf Cover, Interpret oder Titel zu achten. Mein planloses durchkämmen der Tonträger dauerte gut zehn Minuten.

Danach hatte ich mich so weit beruhigt und mir selbst eingeredet, dass der Typ wohl verschwunden sein musste, dass ich mich traute, mich umzudrehen. Er war weg, Gott sei Dank!

Auf Vinyl oder CDs konnte ich mich sowieso nicht mehr konzentrieren, also warum weiter im Plattenladen verharren? Zwei CDs hatte ich mir schon vor meiner lächerlichen Aktion ausgesucht, also ab zu Kasse und Kohle abdrücken.

Wie gesagt, der Laden war nicht voll, es war ja noch Ferienzeit, daher war ich schnell mit Zahlen fertig und verließ wenige Augenblicke später die Straße. Erst mal Luftholen. Wieder einmal ärgerte ich mich über mich selbst.

Warum war ich bloß so verdammt schüchtern? Warum konnte mir nicht einfach einen lieben Freund suchen und mit diesem heimlichen Scheiß aufhören? Es musste ja nicht gleich so ein Traumtyp wie eben im Laden sein. Auf der anderen Seite, warum nicht? Ich galt nicht als hässlich.

Ok, Eigenlob stinkt und es ist mir unangenehm, aber wenn ich Interesse an Frauen gehabt hätte, hätte ich an unserer Schule keine Probleme gehabt, eine Freundin zu bekommen. Also warum sollte ich mir keinen Supertyp angeln? Genau: weil ich zu feige, zu dumm, zu ängstlich und zu schüchtern war. Mit anderen Worten: Selbstvertrauen gleich Null. Nein, falsch, Selbstvertrauen gleich minus Zehn.

Ich schluckte meinen Frust runter, akzeptierte wieder mal, dass ich ein Warmduscher war und begann grummelnd und mit frustriert, gesengten Kopf meinen Fußmarsch Richtung S-Bahn.

Mit meinen Gedanken in völlig anderen Gefilden, brauchte mein Gehirn eine ganze Weile, um die Rufe von Michi zu mir durchzustellen.

„Tobi! Ey, wach auf! Tohhh-Biiiieee!“

Davon aufgeschreckt, dass jemand meinen Namen rief, zuckte ich zusammen und schaute mich um. Zwanzig Sekunden später, d.h. nach einer ausgedehnten Aufwachphase, entdeckte ich Michi auf der anderen Straßenseite der vierspurigen Hauptverkehrsstraße. Er fuchtelte wild mit seinen Armen und hörte erst auf mich zu rufen, als er merkte, dass ich ihn bemerkt hatte.

Ein fröhliches Gesicht, wie Michis, steckt mich an. Und auch wenn es vorhin anders geklungen haben mag, aber meinen Selbstmitleidsmodus konnte ich, dank jahrelangen Trainings, in Sekundenbruchteilen abschalten. Mich freuend Michi zu sehen, strahlte ich sofort auf und winkte ihm zu.

Dann passierten diverse Dinge gleichzeitig.

Michi ließ sein Skateboard, dass er gerade in seiner Hand hielt los und vor seine Füße fallen. Durch einen kurzen Blick nach links versicherte er sich, dass keine Gefahr auf der Straße lauerte und rollte los. Im gleichen Moment scherte ein LKW, der in Gegenrichtung fuhr, an der Kreuzung rechts von Michi plötzlich aus.

Ein Autofahrer, dessen PKW mit überhöhter Geschwindigkeit auf den LKW zuraste, riss sein Steuer herum, um der drohenden Kollision mit dem LKW auszuweichen. Dummer Weise geriet er dadurch auf die Gegenfahrbahn und steuerte mit absolut tödlicher Geschwindigkeit auf Michi zu.

Michi hörte das Kreischen und Quietschen von Reifen und riss seinerseits sein Kopf herum. Er starrte auf den PKW, auf dessen Fahrer, er riss seine Mund auf und wollte schreien. Aber es kamen keine Laute aus seinen Mund. Michi blieb stumm. Das blanke Entsetzen hatte ihm die Sprache verschlagen. Nur seine weit aufgerissenen Augen schrieen: „Ich bin Tod!“

Ich war wie gelähmt. Ich sah den LKW, ich sah Michi, ich sah den PKW. Wie in Zeitlupe, bewegten sich Michi und der Wagen aufeinander zu. Ich sah was passierte. Ich wusste was passieren würde. Ich würde sehen, wie mein bester Freund von einem Auto zerschmettert werden würde. Er würde Tot sein! In zwei Sekunden würde er Tot sein!

„Stop!“

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass das Gehirn in Stresssituationen schneller arbeiten würde. Es war merkwürdig, aber als ich dieses eine Wort dachte, schien die Welt um mich in ein Zeitlupentempo übergegangen zu sein. Alle Geräusche schienen gedämpft, bis auf mein Keuchen und meinen Herzschlag, die von der Zeitlupe nicht erfasst schienen. Mir war als wenn sich Michi und das Auto nur noch mit wenigen Zentimetern pro Sekunde aufeinander zu bewegten.

Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich keuchte wie nach einem 20 Kilometerlauf. Aber die Welt um mich, verharrte in sich. Und schließlich konnte ich es nicht mehr halten. Ich schrie, ich brüllte, als wenn ich das Unvermeidliche mit einem „Neeeiiiiiiiiiinnnnn!“ aufhalten konnte. In meinen Gedanken stieß ich den PKW von der Straße. Ich brüllte ihn hinfort.

Ich schloss meine Augen.

***

Das Krachen von berstenden Glas, kreischen von Metall und quietschen von Reifen brachten mich wieder zurück in die Realität. Es war geschehen. Michi war tot. Auch wenn ich meine Augen geschlossen hielt, es würde sich daran nichts ändern. Also öffnete ich meine Augen und sah: Michi!. Er lebte. Er lag auf der Straße und war offenbar von seinem Skateboard gepurzelt, hatte aber ansonsten keinen Kratzer abbekommen.

Der PKW sah weniger gut aus. So wie es aussah, hatte es der Fahrer in letzter Sekunde geschafft, den Zusammenstoß zu vermeiden, hatte dabei aber den Wagen in das Schaufenster eines Juweliergeschäftes geparkt. Dem Fahrer schien glücklicherweise auch nichts Ernsthaftes passiert zu sein, denn er kletterte gerade etwas benommen aus dem Wrack seines Autos.

Noch völlig von dieser Wendung überrascht, nahm ich meine Beine in die Hand und hechtete zu Michi, um ihm wieder auf die Beine zu helfen.

„Mensch, was machst du denn für Sachen?“, mein Vorwurf war natürlich völlig unberechtigt. Michi konnte für die ganze Geschichte am wenigsten verantwortlich gemacht werden, „Man hast du Sott gehabt, dass der Typ noch die Kurve gekriegt hat.“

Michi, noch am ganzen Körper zitternd, schüttelte den Kopf: „Nein, hat er nicht…“

„Was? Wie? Hat er nicht?“

„Nein. Ich hab’ ihm die ganze Zeit angesehen. Der Typ war wie gelähmt. Er hielt direkt auf mich zu und hat sein Lenkrad nicht einen Millimeter bewegt.“

„Michi, du stehst unter Schock. Er muss es bewegt haben! Der Wagen ist ausgewichen und steckt im Juweliergeschäft und schließlich lebst du noch!“

„Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass er sich nicht bewegt hat. Es klingt verrückt, aber…“

„Aber was?“

„Bitte, ich bin mir nicht sicher… doch eigentlich bin ich es doch. Mir war so, als wenn eine Kraft den Wagen weggedrückt hat. Einfach so. Ich habe auch etwas von dieser Kraft gespürt, sie hat mich vom Board gerissen.“

„Äh, ja… Ich glaub wie sollten mit dir ins Krankenhaus fahren und deinen Kopf untersuchen lassen. Michi, wie viel Finger hab’ ich hier?“

„Zwölf! Nein, du Idiot! Da war etwas! Ich bild’ mir das nicht ein. Hast du die Szene nicht beobachtet? Hätte der Wagen mir überhaupt noch ausweichen können?“

Ich wusste darauf keine Antwort, denn wenn ich es mir genau überlegte, war dass was passiert war unmöglich gewesen. Der Wagen hätte Michi niemals verfehlen können.

***

Wenige Minuten später wimmelte die Straße vor Polizisten, Sanitätern und Feuerwehrleuten. Man hatte schweres Gerät angefordert, um den PKW, eine Mercedes S Klasse, aus dem Juweliergeschäft zu extrahieren. Die Rettungssanitäter bestanden darauf, dass außer dem Daimlerfahrer, der unter Schock stand, Michi sie ebenfalls für eine Untersuchung ins Krankenhaus begleiten sollte. Daher verabschiedete ich mich von ihm und versprach seine Eltern zu informieren.

Ich war wieder mit meinen Gedanken alleine und grübelte über das Passierte nach. Irgendeine logische Erklärung musste es für das Geschehene doch geben. Wahrscheinlich hatte der PKW-Fahrer sein Lenkrad schon voll eingeschlagen und deswegen konnte Michi keine Bewegung der Hände beobachten: Der Fahrer hatte das Lenkrad einfach festgehalten, damit es nicht zurückdrehte. So muss es gewesen sein.

Mit solchen und ähnliche Überlegungen startete ich meinen Weg zur S-Bahn, als mir plötzlich eine Hand auf meine Schulter gelegt und ich mit sanften Druck herumgedreht wurde. Vor mir stand der Traumtyp aus dem Plattenladen.

Ich war wie versteinert. Angst stieg in mir auf. Erst jetzt sah ich ihn in seiner voller Schönheit. Sein Lycra-T-Shirt umspielten die Formen eines perfekt geshapten Körpers ohne dabei vulgär oder übertrieben zu wirken. Nach unten wurde der Junge mit Cargopants und Caterpilar abgerundet. Die Bezeichnung Traumtyp wäre eine unverschämte Untertreibung und wurde ihm auf Lichtjahre nicht gerecht.

Eine Sache war allerdings anders als im CD-Laden: er lächelte nicht mehr. Ich sah mich ernst und konzentriert an. Oder besser: er schien mich von oben bis unten zu mustern. Am Ende sah er mir direkt in die Augen. Seine Augen funkelten mit diesem merkwürdigen inneren Feuer. Mir war, als wen er in meinem Gesicht lesen würde. Minuten schienen zu vergehen. Ich konnte eine unglaubliche Anspannung spüren und fast sehen. Schließlich lockerten sich die Gesichtszüge meines Gegenübers und das Lächeln aus dem Laden kehrte zurück, d.h. fast, denn eine Andeutung von Besorgnis schien mit diesem Lächeln verwoben zu sein.

„Hi, mein Name ist Ralf. Bitte hör mir zu! Dies ist sehr wichtig. Wichtig für dich!“

Auch wenn seine Stimme nicht so ernst und eindringlich gewesen wäre, ich hätte ihm zugehört. Zum einen, weil dies mein absoluter Traummann war, zum anderen, weil ich mich vor lauter Angst und Panik vor ihm nicht von der Stelle rühren konnte.

„Ruf mich heute Abend an! Hier ist meine Nummer! Es ist wirklich sehr, sehr wichtig. Für dich, für mich und möglicherweise für viele andere auch. Frag’ mich Nichts. Nicht jetzt! Dafür ist später Zeit, hoffentlich.“

Ralf gab mir eine Karte. Auf der Vorderseite stand nur sein Vorname „Ralf“ auf der Rückseite eine Telefonnummer, mehr nicht.

„Noch etwas, stell dich darauf ein, möglicherweise ein zwei Tage von Zuhause weg sein zu müssen…“

Der besorgte Unterton nahm zu, sein Stimme wurde noch eindringlicher: „Bitte, Tobias – Ruf mich an! Heute Abend! Es geht um dein Leben und um dass, was hier eben passiert ist!“

Ich wollte gerade etwas sagen, aber da riss sich Ralf auch schon weg. Ich versuchte ihm zu folgen, aber plötzlich schien eine Woge von entgegenkommenden Fußgängern mir den Weg zu versperren. Als sich die Flut lichtete, war Ralf weg. Ralf der Traumjunge, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte und der meinen Namen kannte, war einfach verschwunden.

Wenn stressende Eltern hilfreich werden

Worin es zu einer genauso üblichen wie überflüssigen Diskussionen beim Abendbrot kommt; später wird dann noch telefoniert.

Michi ist mein Nachbar, d.h. seine Eltern sind die Nachbarn meiner Eltern. Nachdem ich meinen Innenstadtausflug (wir wohnen in einen dieser typischen Einfamilienhausvororte) beendete, schaute ich schnell bei Michis Eltern vorbei, um sie über das Geschehene zu informieren. Natürlich waren sie bereits vom Krankenhaus benachrichtigt worden und Michis Vater war gerade unterwegs, seinen Sohn dort abzuholen. Dafür wollte seine Mutter natürlich alles umso genauer wissen.

„Mein Gott, Tobias! Erzähl doch! Geht es Michi gut? Hat er sich nix getan?“

„Nein Frau Müller. Alles in bester Ordnung. Michi hat nur einen Schreck bekommen. Der Autofahrer konnte noch ausweichen.“

Bevor ich mit der Schilderung des restlichen Dialogs fortfahre, muss ich noch eine wichtige Anmerkung machen: Ja, Michi heißt tatsächlich Müller, genaugenommen Michael Müller, und er hasst es auf Teufel komm raus Milchbubi genannt zu werden.

„Was ist den überhaupt passiert? Bestimmt wieder dieses verflixte Skateboard.“

Ok, Michi wurde nie von den üblichen Skaterverletzungen verschont. Wer aber seinen aggressiven, kompromisslosen Fahrstiel kennt, wird sich eher wundern, dass er sich nie wirklich etwas Ernstes angetan hatte. Aber Mütter sind bekannter weise genetisch bedingt paranoid was ihre Babys anbetrifft.

„Oh, nein. Michi konnte gar nichts dafür. Der Autofahrer eigentlich auch nicht. Der musste einem LKW ausweichen und geriet auf die Gegenfahrbahn.“

Ich schilderte kurz den Sachverhalt und sorgte damit bei Frau Müller für diverse „Mein Gott!“ und „Himmel!“ Ausrufe. Am Ende war sie aber beruhigt, dass Michi wirklich nur mit dem Schrecken davongekommen war. Michis Überlegungen zum Unfall, ließ ich lieber unter den Tisch fallen.

***

Fürs erste beruhigt, verließ ich Frau Müller und ging nach Hause. Sowohl in der Einfahrt, als auch in der Garage, stand jeweils ein Wagen, also waren meine beiden Elternteile bereits zu Hause.

„Tach Mammi! Hallo Paps!“

„Hallo Tobi, gut das du da bist. Du kannst mir gleich beim Aufdecken helfen.“

„Klar Mum!“, ich umarmte meine Mutter und schnappte mir gleich einen Stapel von drei Tellern samt Besteck. Im Esszimmer lief mir mein Vater über den Weg.

„Tobias, du bist spät. Wir hatten doch abgemacht, dass du heute noch den Rasen mähst. Das wird doch wieder nix.“

„Sorry Paps, aber Michi hatte einen Unfall und das hat etwas länger gedauert…“

„Michi! Michi! Michi! Ausreden, Michael hat immer einen Unfall mit seinem blöden Skateboard. Und ausgerechnet immer dann, wenn du zu spät kommst…“

„Nein Paps, wirklich. Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Ich kam gerade aus dem Plattenladen, als…“

„Ach, warst du wieder im Plattenladen? Wieder unnötig Geld ausgeben? Warum nimmst du eigentlich nicht, wie alle anderen Kinder, deine Musik auf Kassette auf, dass ist viel billiger.“

„Erstens hab’ ich keine Kassetten, sondern MDs und CDROMs; zweitens nehme ich alles auf, was ich bekommen kann; drittens gibt es Musik, die man so nicht bekommt, nicht mal als MP3; und viertens bin ich 17 und kein Kind mehr.“

„Dann benimm dich auch so! Du bist unzuverlässig! So geht das nicht! Wenn man sein Wort gibt, dann muss…“

„Ich hab mein Wort gegeben? Wie bitte? Ich wurde ja nicht mal gefragt! Du hast gesagt, ich soll den Rasen mähen.“

„Ja und? Ist das von dir wieder mal zuviel verlangt? Du willst doch so Erwachsen sein, dann muss man auch Verantwortung übernehmen!“

„Hör auf! Das mit dem Rasen ist doch lächerlich. Ob ich den heute oder morgen mähe, ist doch völlig egal. Ich hab’ auf diese Diskussion keinen Bock mehr. Immer wenn du Stress auf der Arbeit hast, lässt du das an mir aus. Ich will das nicht mehr. Hör’ einfach damit auf! Bitt, such’ dir jemanden anderen an dem du deinen Frust ablassen kannst! Aber nicht mehr bei mir!“

„Bürschchen, was fällt dir eigentlich ein? Was glaubst du, mit wem du sprichst? So nicht! So nicht! Ich bin dein Vater und hab’ etwas mehr Respekt verdient. Verschwinde! Geh auf dein Zimmer! Ich will dich heute nicht mehr sehen. Aber ich verspreche dir, die Sache ist noch nicht ausgestanden!“

Ich liebe diese Unterhaltungen. In den letzten ein einhalb Jahren wurden sie zu einer liebgewonnen Gewohnheit. Paps hatte Stress. Paps ließ Stress an mir aus. Super. Theoretisch hatte er sich bisher immer wieder beruhigt, praktisch wurde die Situation eigentlich immer schlimmer; die Ausbrüche häufiger und der Streit heftiger. Wenn ich nur daran dachte, was passieren würde, wenn er erfährt, dass ich mit Michis Unfall die Wahrheit gesagt hatte, schwante mir schon Übles. Denn Paps irrt sich per Definition nie und war per Erlass immer im Recht.

Wie auch immer, ich trug meinen Teller und das dazugehörige Besteck zurück in die Küche. Meine Mutter sah mich mit einem aufmunternden, aber ebenso hilflosen Lächeln an. Sie kannte das ganze Theater genauso gut wie ich und war glücklicherweise immer auf meiner Seite, nur sagen konnte sie nichts. Schließlich hätte es bedeutet, meinem Vater sagen zu müssen, dass er nicht im Recht war. Und das wäre, selbst für meine Mutter, eine sehr schlechte Idee gewesen.

Als Ausgleich für die nicht erfolgte verbale Unterstützung, hielt mir Mammi stattdessen einen umso reichhaltiger gefüllten Abendbrotteller hin. Ich nahm dankend an und verließ die Szene in Richtung Treppe zum ersten Stock, wo sich mein Zimmer befand. Tür zu. Trübe Realität draußen. Tag im Arsch.

Ich legte mich auf mein Bett, den Teller auf der Brust, starrte die Decke an und atmete erst mal kräftig aus. Wie mich mein Leben ankotze. Ein tyrannischer Vater, ich schwul, aber ohne Freund, weil mega schüchtern und total verklemmt.

Wenn schon Trübsinn, dann mit Stil. Ich schaltete meinen CD-Player ein, stöpselte die Kopfhörer rein und packte meine CD-Neuerwerbung aus. Völlig unerwartet, fiel mir die Karte von Ralf in die Hände. Hatte ich sie nicht in mein Geldbeutel gesteckt?

Ich hielt die Karte vor mich hin. Schaute mir Vorder- und Rückseite an. Nicht viel drauf. Auf der einen Seite war mit Filzstift ein Name draufgeschrieben: „Ralf“. Auf der anderen Seite eine Telefonnummer.

Soll ich?

Ich versuchte mir das Aussehen von Ralf wieder in Erinnerung zu bringen. Ok, er sah so super gut aus, so mega geil, dass es mich durchaus erregte. Was wiederum Nichts heißen soll, denn mangels echter zwischenmenschlicher Kontakte, blieb mir nur meine Phantasie. Und in erotischen Phantasien war ich zwischenzeitlich ein Profi geworden. Aber das war es nicht. Nicht diesmal. Die Begegnung mit Ralf war anders. Es waren nicht seine körperlichen Attribute, irgendwie war da mehr — oder ich drehte einfach nur durch.

Ok, soll ich ihn jetzt anrufen?

Er wusste meinen Namen. Woher wusste Ralf meinen Namen? Ich hatte diesen Type noch nie gesehen, aber er wusste meinen Namen. Mir lief ein Schauer über den Körper und ich bekam eine Gänsehaut. Was hatte er zum Schluss noch gesagt? „Bitte, Tobias – Ruf mich heute Abend an! Es geht um dein Leben und um dass, was hier eben passiert ist!“

Was sollte das bedeuten. Richtig, er hatte bemerkt, dass ich ihn im Plattenladen angegafft, na ja eigentlich mit meinen Augen ausgezogen hatte. Ein fürchterlicher Gedanke durchzuckte mein Gehirn. Hatte Ralf etwa erraten, dass ich schwul bin?

Anrufen?

Ich hielt die Karte immer noch in der Hand. In einer Vorstufe von Wahnsinn, fragte ich die Karte: „Soll ich?“

„Ja!“ stand plötzlich dort auf der Karte, wo vorher „Ralf“ draufgeschrieben stand.

Vor Schreck ließ ich dir Karte fallen. Okay, dachte ich, du hast heute viel durchgemacht. Dein bester Freund wurde fast getötet. Wohlmöglich ist dir das doch näher gegangen, als du dir eingestehen willst.

Ich hob die Karte wieder auf. Wie nicht anders zu erwarten, stand auf der einen Seite der Name und auf der anderen Seite die Telefonnummer. Auf keiner Seite stand das Wort „Ja“.

Ich weiß nicht wieso und welcher Impuls mich dazu gebracht hatte, aber mit einem mal hatte ich den Telefonhöherer meines Telefons in der Hand und wählte Ralfs Nummer.

Noch bevor ein Freizeichen ertönte wurde abgenommen.

„Tobi?“, es war Ralfs Stimme.

„Ja.“, ich hatte Angst und wusste nicht wieso.

„Gut, dass du angerufen hast. Ich…“, Ralf machte eine merkwürdige Pause, als wenn er etwas überlegen würde, „… ich war mir nicht sicher, dass du es tun würdest. Das Zusammentreffen heute Nachmittag musst du als etwas merkwürdig empfunden haben.“

„Nein.“, eine Lüge.

„Kannst du mich treffen?“

Shit, was wollte Ralf von mir. Die Frage wurde in einem Tonfall gestellt, der mehr wie eine Aufforderung klang: „Wann?“

Ich hörte, wie Ralf tief durchatmete: „Sofort. Am Invalidenpark.“

Das wäre in einer viertel Stunde gut zu schaffen: „Ok, in einer halben Stunde bin ich da.“

„Gut! Bitte komm’! Es ist sehr wichtig! Und hab’ keine Angst! Ich weiß, wie du dich fühlst.“

Diese letzten beiden Sätze elektrisierten mich und ließen meine Nackenhaare sich sträuben.

„Ich werde da sein.“

„Ok. Bis gleich.“

Die Verbindung war getrennt. Shit, mir fiel ein, dass der Invalidenpark verdammt groß war und Ralf nicht erwähnt hatte, an welchen Ende wir uns Treffen sollten.

Ich wählte erneut die Nummer.

„Tüt-Tüüt-Tüüt! Kein Anschluss unter dieser Nummer! Tüt-Tüüt-Tüüt! Kein Ansch…“

Verwählt, ich versuchte es erneut.

„Tüt-Tüüt-Tüüt! Kein Anschluss unter dieser Nummer! Tüt-Tüüt-Tüüt! Kein Ansch…“

Scheiß Telefonfirma, da muss wohl eine Vermittlungsstelle den Geist aufgegeben haben. Na ja, dann werd’ ich wohl etwas besser nach Ralf Ausschau halten müssen.

Out of Phase

Ein Wiedersehen, eine Berührung der anderen Art und das Ende der Welt.

Ich brauche 22 Minuten bis zum Osteingang des Invalidenparks. Es wurde schon dunkel und der Park war leer. Er gehört nicht zu den touristischen Attraktionen unserer Stadt, obwohl er das sicherlich verdient hätte. Ich liebte diesen Park. Er hatte die gleich melancholische Stimmung in der ich von Zeit zu Zeit so gerne versinke, wenn mich mein Lebensfrust wieder überwältigt. Erstaunlicherweise baute mich die Stimmung des Parks dieses immer wieder auf.

Ein unangenehmer Gedanke waberte in meinem Kopf umher. Wollte Ralf einfach nur Sex haben. Nicht das ich je Parksex gehabt hatte, ich hatte noch nie Sex. Aber anonymer Parksex war das Letzte, was ich mir wünschte.

Gerade als ich diese Überlegungen beiseite schob entdeckte ich Ralf. Wir waren völlig allein. Ich stand ungefähr 50 Meter von ihm entfernt und obwohl ich Ralf bisher erst einmal gesehen hatte, beschleunigte ich meinen Schritt, um zu ihm zu gelangen.

Er hatte noch die gleichen Sachen an wie am Nachmittag, trug aber zusätzlich eine Jacke. So völlig losgelöst von der Hektik eines Straßenfußwegs, sah er noch beeindruckender aus.

Ich war nur noch wenige Meter von Ralf entfernt. Die zunehmende Dunkelheit machte es schwer sein Gesicht zu erkennen, doch je näher ich kam, desto mehr schälten sich seine Gesichtszüge aus den langen Schatten hervor.

Ralf lächelte, aber es war ein merkwürdig trauriges Lächeln, fast als wenn er Schmerzen empfinden würde. Er sah mich an. Seine funkelnden Augen schienen mich zu streicheln. Ich spürte plötzlich eine Wärme und Geborgenheit, wie ich sie noch nie in meinem Leben gespürt hatte. Aber diese Augen waren traurig, traurig und feucht.

Als Ralf sprach, war seine Stimme belegt, so als wenn er versuchte Tränen zu unterdrücken: „Hallo Tobi. Du bist früh…“

Er schien sich auf die Lippen zu beißen. Er schien wirklich mit den Tränen zu kämpfen. Und dann kam Ralf auf mich zu.

„Tobi, verzeih’ mir. Ich hätte gehofft, es gäbe eine andere Lösung…“

Tobi hob sein linke Hand und führte Zeige- und Mittelfinger zu meiner Stirn. Ich starrte Ralf an. Noch bevor seine Finger mich berührten sah ich wie Ralf in Tränen ausbrach. Dann sah ich einen kleinen blauen Funken von Ralfs Fingern auf meine Stirn überspringen.

Mir war als wenn sich die Umgebung um mich und Ralf herum drehte. Sekundenbruchteile später explodierte die Welt und hörte auf zu existieren.

***

Bumm! Die Welt um mich war schwarz. Es gab’ kein Oben, kein Unten, kein Vorne und kein Hinten, kein Links und kein Rechts. Bumm!

Es gab auch keine Zeit. Bumm!

Es gab nur diese regelmäßigen Schläge. Bumm! Meinen Herzschlag.

Mein Herzschlag war der einzige Ankerpunkt in einer nicht mehr vorhandenen Realität. Ich fühlte meinen Körper nicht mehr, so, als wenn ich keinen besitzen würde. Ich konnte nichts sehen, nichts riechen, fühlen. Ich hörte nur meinen Herzschlag. Bumm! Und auch dieses Geräusch war irgendwie nicht real.

Ich weiß nicht wie lange ich mich in diesem Zustand befand. Zeit schien nicht zu existieren. Es schien überhaupt nichts zu existieren.

Sozusagen zu einem Nichtzeitpunkt sah’, wenn man das überhaupt so nennen kann, ich einen kleinen weißen Punkt. Nicht dass ich sagen könnte, wo ich ihn sah, es gab einfach kein Koordinatensystem, an dem ich mich hätte orientieren können. Er war einfach nur da. Ein kleiner weißer Punkt.

Oder war es ein Loch? Ein Ausweg aus dem Nichts?

Mein Bewusstsein. Es fiel mir wieder ein. Ich hatte ein Bewusstsein, ich konnte denken. Im absoluten Nichts ist das schon recht viel. Mehr als nichts.

Ich versuchte mit meinem Bewusstsein den kleinen weißen Punkt zu greifen. Klingt ziemlich absurd, oder? So absurd es auch klingen mag, es funktionierte. Der kleine weiße Punkt wurde größer und deutlicher. Es schien tatsächlich ein Loch im Nichts zu sein. Ich konnte zwar nicht erkennen, was dahinter lag, aber immerhin, es war ein Anfang.

Ich fokussierte mein Bewusstsein vollständig auf das weiße Loch. Es wurde größer und bekam Konturen und Farben. Sie waren noch schemenhaft, aber sichtbar. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass als wenn mich das Loch anzog. Oder nein, ich wurde zum Loch gezogen. Das Loch wurde größer und größer.

Plötzlich begriff ich was passierte, ich tauchte wieder in die reale Welt ein. Ich wurde zurück in die Realität gesogen. Je stärker ich in das Loch hinein, und aus dem Nichts herausgesogen wurde, desto mehr spürte ich meine physische Existenz, zu mir zurückzukehren. Die Realität begann sich um und durch das Loch im Nichts herumzustülpen. Ich begann meinen Körper wieder zu fühlen, ich begann wieder zu riechen, zu hören und schemenhaft zu sehen. Und mit einer Art irrealen Plöp, war ich wieder in die wirkliche Welt zurückgekehrt, woher ich auch immer gekommen sein mag.

Das erste, an was ich mich erinnern konnte, waren die unerträglichen Kopfschmerzen, die meinen Versuch vereitelten, meine Augen zu öffnen.

„Ohhupf“, ich stöhne vor Schmerzen. Es fiel mir schwer mich zu orientieren, aber ich schien zu liegen. Es war warm und ich lag auf einer Art Bett. Eine Decke musste über mich gelegt worden sein. Ich hörte Stimmen.

„Er ist aufgewacht… Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell wieder zu sich kommt…“

„So? Eigentlich müsste er tot sein! Mich überrascht gar nichts mehr. Mein Gott, er ist der Stärkste den ich je gespürt habe.“

„Gott hat damit nichts zu tun. Aber ich gebe dir Recht, er ist der Stärkste den jeder von uns je gefühlt hat. Dass heißt, bist du eigentlich sicher, dass Ralf wirklich…? Du weißt schon?“

„Für diese Gedanken solltest du dich schämen! Natürlich hat er! Und es ist ihm verdammt schwergefallen. Es war das ekelhafteste, was wir ihn je befohlen haben. Ich hasse mich dafür, aber…“

„Du hast Recht. Rede nicht weiter. Du hast absolut Recht. Ich hätte nicht an Ralf zweifeln zu dürfen. Er kennt die Konsequenzen genauso gut wie wir. Die Aufgabe muss für ihn unerträglich gewesen sein. Schau ihn dir an. Wie friedlich er da liegt und keine Ahnung hat was in ihm steckt. Ja, ich sehe es jetzt ganz klar: wir hätten dies niemals von Ralf verlangen dürfen. Aber die Diskussion ist müßig. Er lebt. Warum?“

„Ich werde die Texte studieren müssen. Möglicherweise gibt es einen Anhaltspunkt im Buch der Wächter. Ich habe da so eine Idee…“

„Du meinst doch nicht wirklich, dass es soweit ist?“

„Doch! Die Zeichen erscheinen mir eindeutig. Du weißt was das bedeutet?“

„Ja! Und ich habe Angst vor dem was kommen wird. Alles ist im Fluss…“

Mehr verstand ich nicht. Es war sowieso alles nur merkwürdig. Ich verstand zwar die Worte, nicht aber ihren Sinn. Ich sollte eigentlich Tod sein? Und Ralf hatte einen Auftrag? Ich konnte nicht weiterdenken, die Kopfschmerzen wurden unerträglich und ich besinnungslos. Eine ganz ordinäre Bewusstlosigkeit umschloss mich und trug mich hinfort.

***

„Tobi! Tobias, wach auf! Es ist schon halb sieben. Wenn du noch Frühstück willst, solltest du langsam aufstehen.“

Ich öffnete langsam meine Augen. Erst das eine, dann das andere. Blinzelte durch die kleinen Schlitze, die ich so gerade eben aufbekam, und sah mich um. Es war mein Zimmer. Ich sah meinen Kleiderschrank, meinen Schreibtisch, meinen Computer, mein Bücherregal, meine Glotze. Kein Zweifel, ich lag in meinem Bett. Der leergefressene Abendbrotteller lag neben mir. Ich muss Abends auf meinem Bett eingeschlafen sein. Ich hatte mich noch nicht mal ausgezogen und lag mit den Klamotten vom gestrigen Tag auf der Matratze. Was für ein wilder Traum! Ich war klitschnass vor Schweiß. Obwohl, so recht erinnern konnte ich mich an nichts mehr. Nur verschwommene dunkle Bilder und eine mehr als krude Handlung.

Ich setzte mich langsam auf. Uff, was für Kopfschmerzen. Ich hatte einen hammerharten Dröhnschädel. Kleine Blitze durchzuckten mein Gesichtsfeld. Ich hievte mich aus meinem Bett, schlüpfte in meine Badelatschen und schlurfte ins Badezimmer. Was mir da aus dem Badezimmerspiegel entgegen sah, hatte nur sehr entfernt Ähnlichkeit mit mir. Ich kratzte mich am Kopf und entschied erst mal kalt zu duschen. Ich entledigte mich meiner schweißfeuchten Klamotten und stellte fest, dass Shorts und T-Short klatschnass waren. Mann, muss ich schlecht geträumt haben! Es muss wirklich der totale Alptraum gewesen sein. Kleine Erinnerungsfragmente trieben durch meinen Kopf. Bilder von einem Traumjungen „Ralf“, dem Invalidenpark, eine seltsame Leere, eine irrationalen Unterhaltung.

Keines der Bruchstücke konnte ich einfangen und festhalten. Wohlmöglich litt ich unter einem posttraumatischen Schock. Ich hatte Michis Unfall mitangesehen. Wer weiß, vielleicht war das die Methode, wie mein Gehirn so was verarbeitete.

Die kalte Dusche brachten meine Lebensgeister wieder zurück. Die Kopfschmerzen verflogen, die Erinnerung an den Alptraum verblasste und hinterließ nur ein leicht unangenehmes Gefühl.

Zum Frühstück war ich wieder zu gut 98% frisch, die Kopfschmerzen hatten einer guten Laune Platz gemacht, und selbst der Anblick meines missgelaunten Vaters, konnte nichts daran ändern.

„Ich hab’ dir wohl gestern Unrecht getan.“, er hielt mir eine Seite der Tageszeitung hin. Auf der Titelseite des Lokalteils war ein großes Foto des Unfalls abgedruckt. Das Bild zeigte den Unfall von oben und war wohl aus einem der anliegenden Häuser gemacht worden. Erst in dieser Perspektive sah man das wahre Ausmaß des Unfalls. Der PKW steckte regelrecht im Schaufenster fest.

„Die Sache ist damit aber noch nicht erledigt. Ich habe deine Unverschämtheiten nicht vergessen. Tobias, wir reden darüber heute Abend noch. Ich muss los.“

Im Umrecht gewesen zu sein und das auch noch zuzugeben, muss meinen Dad echt schwergefallen sein. Kein Wunder, dass er seinen Tag bereits mit beschissener Laune begann. Ich fühlte mich erstaunlicherweise super und hätte Bäume ausreißen können.

„Guten Morgen Tobi. Oh, hallo Sohn, bist du das wirklich?“, meine Mutter sah mich überrascht an.

„Was?“

„Du wirkst so…hm, glücklich, wach, energiestrotzend…“

„Komisch, ich fühl’ mich auch so.“

„Na ja, ich könnt mir was Schlimmeres vorstellen. Komm’ iss was und dann ab in die Schule.“

„Ja, Mama!“

New kid in town

Worin die holde Weiblichkeit einen neuen Grund ihrer Existenz entdeckt und möglicherweise genau darin, einen fatalen Irrtum aufliegt.

Die Oberstufe war schon eine Umgewöhnung. In jeden Kurs waren andere Leute. Obwohl, so ganz stimmt das natürlich nicht. Wir waren alle aus dem gleichen Jahrgang und kannten uns alle mehr oder weniger gut aus den alten Parallelklassen. Außerdem steckte in den meisten Kursen auch Leute aus meiner alten Klasse.

Um ehrlich zu sein, mir war das egal. Ich galt nicht unbedingt als geselliger Mensch. Ok, ich bin ganz ehrlich. Ich war während der ganzen Jahre immer der Klassenfreak gewesen, der Außenseiter ohne viele Freunde. Eigentlich hatte ich immer nur einen Freund: Michi. Eine Zeit lang, so in der 7. Klasse, war ich ein beliebtes Objekt für die Übergriffe meiner lieben Mitschüler. Man kennt das: Ich wurde Abgezogen (Jacke, Taschengeld, Rucksack, gelegentlich etwas rumgeschubst (Ok, dabei ging ein Arm zu Bruch und zwei Schneidezähne), das Übliche halt, wenn man der Underdog ist. Aber da ich nie sonderlich darauf einstieg, verloren sie bald wieder ihr Interesse an mir und suchten sich ein anderes Opfer. Von da an hatte ich ein ruhiges und beschauliches Leben. Na ja, fast, denn in die gleiche Zeit, fiel auch mein Coming Out. Eigentlich war das merkwürdig, aber je sicherer ich mir meiner selbst wurde, desto weniger waren die anderen hinter mir her. Vielleicht verloren die gar nicht das Interesse an mir, weil sie jemanden anderen zum Tyrannisieren gefunden hatten, sondern weil ich einfach einen stärkeren Charakter entwickelte. Egal. Mein Standing zum damaligen Zeitpunkt könnte man folgendermaßen beschreiben. Ich war weder sonderlich beliebt, geschweige denn respektiert, aber man ließ mich in Ruhe. Ich hatte zwar den Eindruck, dass das eine oder andere Mädchen ein Auge auf mich geworfen hatte, aber da ich nie etwas entgegnete, kam auch nie etwas zustande. Wäre ja auch ein vergebliches Unterfangen.

„Du bist einfach der Exot“, beschrieb Michi meine Stellung in der Schule, „Manche haben Angst vor dir, manche halten dich für den totalen Idioten und ein par Leute hassen dich. Einfach so, ohne sonderlichen Grund. Aber der Mehrheit ist, wie immer, alles egal.“

Es war der zweite Schultag. Ich saß in einer Doppelstunde Geschichte bei einem Lehrer, den ich noch nie hatte (Dr. Richard Marburger), und lauschte seinen Vortrag über Aufklärung und Gesellschaftsverträge, als es plötzlich klopfte und ohne eine Antwort abzuwarten die Tür auf ging.

Sämtlich Augenpaare des Kurses richteten sich in Richtung Tür aus. Ein Junge, etwa in meinem Alter, aber das war schwer zu sagen, betrat den Raum. Es war der Junge aus dem Plattenladen.

„Ja, bitte?“

„Antonides, Ralf Antonides.“

„Was?“

„Mein Name. Das ist mein Name. Man hat mich diesem Kurs zugeteilt. Ich bin erst heute auf diese Schule gekommen, deswegen stehe ich nicht auf der Schülerliste.“

„Äh, ja, ach so. Gut Ralf, dann suchen sie sich doch bitte einen Platz.“

Interessant war die Reaktion des Kurses auf den neuen Mitschüler. Sämtliche Augenpaare mit weiblichen Besitzern, sowie ein Augenpaar mit einem männlichen Besitzer (das war meins) gafften Ralf an. Wie gesagt, er war ein absoluter Traumtyp. Oder einfacher: er war perfekt! Er sah super gut aus, aber nicht so, dass es unerträglich wurde. Er war sehr gut gekleidet, aber nicht übertrieben gut. In allen Dingen besaß er genau das richtige Maß.

Ralf wanderte durch die Sitzreihen. Seine Platzauswahl hatte etwas von der Ziehung der Lottozahlen. Jedes weibliche Wesen im Raum betete darum, den Hauptgewinn zu ziehen. Und alle zogen eine Niete. Ralf setzte sich neben mich!

Ich musste schlucken. Mir steckte immer noch der gestrige Nachmittag in den Knochen. Um so mehr ich mir nicht mehr sicher war, was ich gestern eigentlich wirklich erlebt hatte und was stress- oder schockbedingte Einbildung gewesen war. Mir war Ralfs Nähe unheimlich. Sie war gleichzeitig im höchsten Maße erregend (Mit Grüßen von Klein Tobi) aber auch gleichzeitig angsteinflößend. Doch Ralf lächelte mich nur mit einem makellosen Zahnpastagrinsen an und meinte: „Hi, nett dich wiederzusehen.“

„Ähm, könnten wir dann wieder mit dem Unterricht fortfahren?“, Doc Marburgers Kommentar bezog sich auf sämtliche nichtmännlichen Schüler im Raum, deren schmachtende Blicke fest auf Ralf geheftet waren. Ich hingegen wurde nur mit dem einen oder anderen giftigen Blick bedacht. Unfair! Hatte ich mich zu Ralf oder Ralf zu mir gesetzt? Die Blicke lösten sich langsam, sehr langsam und zögerlich. Der eine oder andere Seufzer war zu hören und der Unterricht wurde fortgesetzt — wenn man einmal von mir absah. Ich fühlte mich zu benommen, um dem Unterricht noch folgen zu können.

Da setzte sich ein absolut, geiler Traumtyp zu mir, strahlt mich auch noch unverschämt süß an, und ich schweige und bekomm das totale Flattern. Tobi, du bist und bleibst ein Weichei!

***

„Du hast vorhin so erstaunt geguckt? Erinnerst du dich nicht mehr an mich?“, Ralf saß mir im Aufenthaltsraum gegenüber; die Doppelstunde Geschichte war Geschichte. Das blöde an meinem Stundenplan waren diverse Freistunden und jetzt hatte ich so eine.

„Doch, gestern im Plattenladen. Ich hab’ dich wohl etwas blöd angegafft. Tut mir Leid!“, ich hatte ein mulmiges Gefühl bei dieser Unterhaltung.

„Warum? Was soll daran schlimm sein, andere Menschen anzusehen? Die meisten Menschen schauen immer nur weg.“

„Äh, ja…“, Ralf sah einfach süß aus und es wahr schwer ihn nicht andauernd anzuhimmeln. Erschwerend kam hinzu, dass ich in seiner Gegenwart einen Dauerständer hatte. Was da allerdings an Worten aus seinem Mund quoll, verstand ich nicht im geringsten.

Der Typ lächelte mich immer noch an. So was macht mürbe. Ich zuckte mit den Schultern, fuchtelte etwas unschlüssig mit den Armen und schüttelte den Kopf: „Ich, ähm, also… hmm, ich glaub’ das war keine gute Idee von dir…“

Ralfs Gesicht machte auf Fragezeichen.

„…sich neben mich zu setzen. Das war wirklich keine gute Idee.“

„Warum?“, warum hatte ich immer den Eindruck, als wenn Ralf versuchte, etwas in meinen Augen zu lesen. Ich kam mir vor, wie unter einem Mikroskop.

„Oh Shit, ich bin wirklich nicht der Typ, mit dem man gesehen werden will.“

„Nein?“, wann würde Ralf endlich aufhören mich anzulächeln. Wenn der Mann so weiter macht, würde ich möglicherweise noch schwach werden. Shit, nachher merkt er noch was.

„Ich… ich bin hier so was wie der Freak. Wenn man’s nett formuliert: ein Einzelgänger. Manche bring’s auch einfacher auf den Punkt: Der Megalooser.“

„Super, ich hab’ ne’ Schwäche für Looser.“

„Du bist doch wahnsinnig!“, er hatte es geschafft, ich verlor meine Fassung und wurde leider aggressiv. Ich fauchte Ralf an: „Du hast einfach keine Ahnung! Ich bin der Typ, den man sein Taschengeld klaut! Echt, du fährst hier wirklich besser ohne nem’ Verlierertypen neben dir!“

„Warum? Wer sagt dir denn, dass ich kein Verlierer bin?“, ein ernster Unterton schwang in seiner Stimme mit, aber Ralf behielt sein strahlendes Lächeln.

„Weil du nicht so aussiehst! Du bist ein Gewinnertyp. Mann, du siehst megageil aus. Dir müssen doch die Weiber um den Hals fallen. Oder hast du nicht gemerkt, wie die dich angegafft haben?“, war das etwas zu deutlich? Ralf wirkte amüsiert.

„Wer sagt denn, dass mich diese Mädels interessieren?“

Treffer! Ralf hatte mich aus dem Konzept gebracht. Mein Wiederstand bröckelte, ich war kurz davor in anzuschreien und zu fragen, ob er ernsthaft neben ‘nem verklemmten Schwulen sitzen wollte.

Aber dazu kam es nicht. Ralf gab plötzlich ohne erkennbaren Grund nach: „Sorry, ich wollt dich nicht provozieren. Aber du warst der einzige Mensch, der mir hier bekannt vorkam. Ich bin erst vor ein par Tagen mit meinen Eltern in diese Stadt gezogen… Ich kenn hier wirklich niemanden! Na ja bis auf dich halt. Mir gefiel dein Musikgeschmack und als ich dich vorhin im Kurs gesehen habe, hab’ ich mich einfach neben dich gesetzt. Aber wenn du damit ein Problem hast…“

Der Arsch hatte mir den Ball wieder zugespielt. Natürlich hatte ich absolut nichts dagegen. Aber ein Problem war das schon, bloß keins, dass ich ihm gegenüber erörtern wollte — oder konnte. Ich stellte mir das gerade mal vor: „Ralf, du siehst so geil aus, dass ich einen permanent harten Schwanz habe. Aber sei nicht verunsichert, ich bin nur schwul. Willst du mit mir poppen?“ ich schüttelte meinen Kopf und damit auch diese abwegigen Gedanken aus meinem Schädel und sagte stattdessen folgendes: „Nein, ich hab’ kein Problem damit. Ich hab’ nur Angst, dass du ein Problem in meiner Nähe bekommst.“

„Ok, hier ist der Deal: Wenn es zum Problem wird sag’ ich Bescheid. Bis dahin hast du mich am Hals.“

Könnte er das bitte wörtlich nehmen? „Ok, das ist fair.“

„Ich kann gar nicht verstehen, dass du keine Freunde hast. Du bist kein Looser. Ich find’ dich ziemlich cool. Außerdem siehst du nicht schlecht aus, besser als der Durchschnitt.“

„Ich habe keine Freunde, aber ich habe einen guten Freund. Michi. Ok, er ist faktisch der einzige Freund den ich habe. Aber Michi ist auch ein Freak.“

„Michi?“

„Wenn dir hier ein Typ begegnet, der auf einem Skateboard festgeschraubt scheint, dann ist dir Michi begegnet. Haven is a half pipe“

„Oh!“

Tobi kommt aus dem Schrank

Worin unser Held bildlich gesprochen, die Hosen runterlässt und man ein par Alternativen erörtert.

„Sag’ mal, wer war denn der Typ, der den ganzen Tag mit dir rumhing?“

Michis und ich hatten leider fast keinen Kurs gemeinsam. Das war keine Absicht, sonder ergab sich aus unseren unterschiedlichen schulischen Interessen. So kam es, dass wir an diesem Tag keinen einzigen Kurs zusammen hatten und ich Michi daher tagsüber nicht sprechen konnten. Da wir aber fast immer gleichzeitig Schulschluss hatten, verbrachten wir wenigstens den Heimweg gemeinsam.

„Ralf?“

„Ralf und?“

„Was und?“

„Mann, lass dir nicht alles aus der Nase pulen! Das ist nämlich ekelhaft. Lauter gelbgrüne Popel. Was ist das für ein Typ? Wo kommt er her? Wo will er hin? Und wieso hing der ausgerechnet mit dir rum?“

„Ey, was soll das denn nun wieder heißen?“

„Tobi, cool down! Ich wollt dich nicht anpissen. Aber du musst zugeben, dass du… hm, wie drück ich das mal diplomatisch aus… Du bist einfach nicht der Mann der Massen…“

„Du hast Recht…“, eigentlich hatte ich das schon lange vor. Michi sollte endlich die Wahrheit erfahren. Mir schien, als wenn sich etwas in meiner Welt gerade dabei war zu ändern. Die Oberstufe war anders. Ich fühlte mich anders. Tja, und dann war da noch Ralf. Der war vielleicht nicht anders, aber immerhin merkwürdig. Außerdem bekam ich ihn nicht mehr aus meinem Kopf.

„Michi, hast du noch etwas Zeit? Könntest du noch mit zu mir kommen? Ich muss dir was wichtiges erzählen.“

Michi schaute mich fragend an, nickte und meinte schließlich: „Klar.“

Ich ging und Michi rollte in Richtung meiner Eltern Haus. Am Kühlschrank hing der obligatorische Zettel meiner Mutter: „Mittagessen im Tupper mit gelben Deckel“. Es reichte wie immer für zwei Personen. Wir traktierten die bereitgestellt Tupperschale samt Inhalt mit Mikrowellen, aßen und fanden uns endlich in meinem Zimmer ein.

„Dann schieß mal los.“, Michi hockte im Schneidersitz auf meinem Bett.

„Ich bin schwul!“, kurz und schmerzlos.

„Nix neues.“

„Wie?“

„Tobi, wie lange kennen wir uns?“

„Ewig?“

„Eben! Und, hältst du mich für blind?“

„Nö.“

„Hältst du mich für blöd?“

„Nö.“

„Gut, bin ich nämlich nicht! Junge, wir sind zusammen durch halb Europa gefahren. Wir waren zusammen auf Klassenfahrt, ey, wir hängen fast immer zusammen. Glaubst du ich merk’ so was nicht?“

„Öhm, ich hab’ mich eigentlich angestrengt, dass man es nicht unbedingt merkt.“

„Und hast ständig gutaussehenden Junx nachgeschaut? Du hast eine merkwürdige Definition von unauffällig…“

„Echt? Ist das wahr?“

„Oh ja, mein Lieber. Aber ich muss sagen, du hast einen guten Geschmack, was Junx betrifft. Ok, soweit man auf Männer steht…“

„Womit du dich als Hete geoutet hast.“

„Hast du ein Problem damit?“

„Ey, das wäre eigentlich mein Part, oder?’, derartige Dialoge hatte ich irgendwie anders in Erinnerung, „Warum hast du eigentlich nie was gesagt?“

„Weiß nicht. Ich glaub’ hauptsächlich, weil ich dachte, dass du noch nicht bereit dazu warst. Ich wusste, du würdest irgendwann kommen und es sagen. Und außerdem: Baby, es ist deine Show!“

„Weißt du, dass du ein verdammt guter Freund bist?“

„Ich bin dein einziger Freund!“

„Danke, dass du mich daran erinnerst.“

„Sorry, war nicht so gemeint. Aber eigentlich, hab’ ich das bei dir nie verstanden. Du siehst ganz gut aus. Wirklich knuffig. Du solltest doch eigentlich keine Probleme haben, einen Freund zu finden. Nebenbei, wer dich näher kennt, kann froh sein dein Freund zu sein. Jetzt mal rein vom charakterlichen gesprochen.“

„Echt?“

„Klar, du bist cool. Wo wir gerade bei Cool sind, was hat das jetzt mit diesem heißen Teil auf sich. Wie hieß der noch, Ralf?“

„Hör’ bloß auf. Der ist ein Thema für sich…“

„Na dann gib Schub, Rakete…“

Michi wurde daraufhin kurz von mir ins Bild gesetzt. Bei meiner Schilderung gab ich zwar meine Gaffattacke im Plattenladen zu, ließ aber meine merkwürdigen Realitätsverluste aus.

„Scheint ja ein netter Kerl zu sein.“

„Ja.“

„Wie? Nur ein schlaffes Ja. Also, dein Schwanz sagt was anderes, wenn ich die Beule in deiner Hose richtig deute.“

„Was?“, ich wurde knallrot und sprang auf. Und das schlimmste war, Michi hatte recht. Als ich von Ralf sprach, war da wieder diese lästige Erektion.

„Tobi, du bist verliebt!“

„Was?“

„Du bist dem Typen völlig verfallen.“

„Was?“

„Die Chinesen greifen an.“

„Was?“

„Hast du noch was anderes als Was auf Lager?“

„Ich.. sag’ mal spinnst du? Ich bin doch nicht verliebt.“

„Aber hundertpro! Schau dich an. Hör dir mal zu, wie du von deinem Ralfi-Baby sprichst! Du bist verliebt, egal ob du es wahrhaben willst oder nicht. Herzlichen Glückwunsch!“

„Schluck!“

Ich überlegte. Konnte Michi Recht haben? Natürlich hatte er Recht. Er hatte immer Recht. Wenn ich so darüber nachdachte, sprach alles dafür. Eine völlig neue Erfahrung. Ich war woher noch nie verliebt gewesen. Ok, ich bekam hin und wieder weiche Knie, wenn ein geiler Typ vorbei lief, aber Ralf löste ganz andere Emotionen aus. Ich wollte in seiner Nähe sein. Ich konnte mich einfach nicht an ihm satt sehen. Mir war gleichzeitig heiß und kalt. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas fehlte, als ich ihn vorhin, nach der Schule, verlassen hatte und, und, und…Hatte es mich wirklich erwischt? So die klassische Liebe auf den ersten Blick Schiene. Wahrscheinlich.

„Du sagst ja gar nichts mehr.“

„Ich überlege… Michi, du hast recht. Der Typ hat mich kalt erwischt. Scheiße, was mach ich den jetzt…“

„Willkommen im Club!“

„Jetzt mal im ernst, was soll ich tun?“

„Das hängt davon ab.“

„Wovon?“

„Was meinst du, besteht die Chance, dass er auch schwul ist?“

„Statistisch liegt sie irgendwo bei 5 bis 10 Prozent.“

„Das meinte ich eigentlich nicht. Du warst doch den ganzen Tag mit ihm zusammen. Habt ihr Schwulen nicht so was wie ein Gaydar?“

„Wenn es so was wie ein Gaydar wirklich gibt, dann hab’ ich keins abbekommen. Hm, mal überlegen…Er hat ein paar mehrdeutige Bemerkungen gemacht. Außerdem hat er mich die ganze Zeit angestrahlt…Ich weiß nicht, es könnte sein, aber sicher bin ich mir nicht…Vielleicht…“

„Frag ihn doch einfach!“

„Dir hat man doch ins Gehirn gekackt! Ich kann ihn doch nicht einfach Fragen: Hey, Schnucki, bist du schwul?“

„Und warum nicht?“

„Weil…, weil…, So was macht man nicht! Darum!“

„Wow, was für ein super Argument!“

Michi schüttelte den Kopf.

„Ich hab’ ja nicht gesagt, dass du so plump vorgehen sollst. Klopf ihn doch einfach ab. Unterhalte dich mit ihm. Streu hier und da ein par unverfängliche Fragen ein. Wenn er nett ist und er dich nett findet, werdet ihr vielleicht Freunde und vielleicht findet ihr etwas mehr voneinander ‘raus, dass ihr dann Freunde werdet…Wie auch immer. Du verlierst dabei nichts, du kannst doch nur gewinnen.“

„Du hast Recht, wie immer.“

„Ach was. Glaubst du, bei uns Heteros läuft das sehr viel anders? Denkst du, wir rennen zum nächst besten Mädchen und fragen: „Willst du mit mir poppen?“

Hm, Ok, ich nehm’s zurück. Manche Typen machen das wirklich so. Aber egal! Noch was. Eigentlich müsste man das ja nicht sagen, aber ich sag’s trotzdem. Tobi, du bist und bleibst mein bester Freund, ob du nun schwul bist oder nicht. Ich lieb’ dich wie ein Bruder und ich hätte nicht mal damit Probleme, wenn du offen hetero wärst. Und um dir das zu beweisen, werden wir uns jetzt umarmen.“

„Du bist ein Spinner!“

„Ich weiß!“

Das war er wirklich und ich war froh, diesen Spinner als Freund zu haben. Wir umarmten uns. Lange, wirklich lange.

Coming Out — Zweiter Akt

Worin unser Held eine weitere Konfrontation mit seinem Vater hat, er weiterhin unter vermeintlichen Sinnesstörungen leidet und er schließlich Opfer seiner Emotionen wird.

„Tobias“, die Stimme von Paps dröhnte durch das Haus bis in mein Zimmer. Michi und ich zuckten vor Schreck zusammen.

„Shit, mein Paps ist wieder da.“

„Habt ihr immer noch Stress miteinander?“

„Immer noch ist gut. Es wird von Tag zu Tag unerträglicher…Du solltest besser…“

„Ich versteh’ schon…Aber, Tobi, wenn ich dir irgendwie helfen kann…“

„Lass man. Da muss ich selbst durch. Aber, danke!“

„Ist doch klar!“

Michi schnappte seine Sachen, was heißt Rucksack und Skateboard, und wollte gerade zur Zimmertür gehen, als diese mit Schwung aufflog und unter Krachen und Knirschen gegen den Türstopper schlug.

„Ich hab’ nach dir gerufen! Hast du’s nicht mal mehr nötig zu antworten oder was?“

„Entschuldige Paps, aber ich habe gerade was sehr wichtiges mit Michi besprochen.“

Paps blickte geringschätzig auf Michi hinab. Mit seinen fast 2,10 Metern Größe blickte er eigentlich auf alles hinab.

„Und das ist ein Grund nicht zu antworten?“

„Paps, du hast mir selbst immer erklärt, dass es unhöflich ist Leute zu unterbrechen.“

„Ach, jetzt bin ich Schuld, dass du mir nicht antwortest?“

„Mann, Papa, was soll das? Ich wäre sofort zu dir runtergekommen.“

„Bist du aber nicht.“

„Nein, weil du sofort hier reingeplatzt bist.“

„Ich darf doch wohl in meinem Haus hingehen wo ich will? Oder will mir mein Herr Sohn da Vorschriften machen.“

„Ach, dass hat ja alles kein Sinn…“, den letzten Satz murmelte ich mehr vor mich hin, als dass ich ihn laut aussprach. Michi stand immer noch im Zimmer. Ich sah, dass er sich tierisch unwohl fühlte. Da war er nicht allein, ich fühlte mich auch unwohl, aber diese ewige schlechte Laune von Paps ging mir auf den Zünder. Wenn er wenigsten wirkliche echte Gründe gehabt hätte, um auf mir rumzuhacken, hätte ich es noch verstehen können. Aber Paps war einfach nur unfair und zog sich an Nichtigkeiten hoch. Ich verstand einfach nicht, was das ganze sollte. Er schien sich regelrecht mit mir streiten zu wollen. Dass ich immer weniger darauf einging, schien ihn aber nur noch mehr anzustacheln.

„Was war das? Was macht keinen Sinn?“, Paps hatte seine Streitbetriebstemperatur erreicht und war jetzt, wie ein vollbeladener Güterzug, unbremsbar.

„Nichts! Ich bin es nur Leid, dass du immer auf mir rumhackst. Egal was ich sage, es ist verkehrt…“

„Was fällt dir eigentlich ein? Was denkst du, mit wem du redest? Ich schufte Tag ein Tag aus, dass das Essen auf den Tisch kommt, und wie wird mir das gedankt? Ich werde beschimpft und muss mir Frechheiten anhören.“

„Papa, bitte!“

„Nix Papa. Du treibst es zu weit, mein Bürschchen! Aber gut, du willst ernstgenommen werden? Kein Problem — Dann erzähl mir doch mal, was könnten denn zwei Teenager wichtiges besprechen?“

Ich schwieg. Was hätte ich ihm sagen sollen? Etwa die Wahrheit, dass ich Michi gerade erzählt hatte, dass ich schwul bin?

„Wusste ich es doch! Nichts! Rein gar nichts!“, Paps fühlte sich durch mein Schweigen voll bestätigt, „Also, erzähl mir nie wieder, dass eure Belanglosigkeiten wichtiger sind, als mir zu antworten!“

„Es war nicht belanglos…“, die Luft war aus mir raus und mein Widerstand brach zusammen. Ich resignierte. Eine sinnvolle Unterhaltung mit meinem Vater zu führen, war im Moment genauso vielversprechend, wie einer Nacktschnecke Tangotanzen beizubringen. Und genau das machte mich traurig und schmerzte. Ich sprach nur noch mit der Auslegeware in meinem Zimmer. Hätte ich meinem Vater in die Augen gesehen, hätte er meine Tränen gesehen. Aber das er mich so sah, war das Allerletzte, was ich wollte. Aber der Typ ließ nicht locker.

Neben seiner unerträglichen Lautstärke, mischte er jetzt auch noch ätzenden Zynismus in seine Stimme, „Oh, mein Gott, Tobi! Du bist so jämmerlich! Alleine wie du da stehst! Reiß dich mal zusammen und sieh’ mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Also, was könntet ihr beiden schon wichtiges besprechen? Was wohl die beste Pickelcreme ist?“

In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Ich richtete mich auf. Ich hob meinen Kopf. Ich sah’ meinen Vater direkt in die Augen. Meine Tränen waren versiegt. Ich sprach mit absolut klarer, ruhiger, fester und sicherer Stimme.

„Ich bin schwul.“

Kein Ausrufezeichen. Das hatte ich nicht nötig. Ich weiß bis heute nicht, was mich in diesem Moment geritten hatte. Ich wollte es meinen Eltern irgendwann erzählen. Aber nicht so. Nicht auf diese Weise. Ich merkte, dass ich mein Schwulsein in diesem Moment als Waffe gegen meinen Vater einsetzte. Ich wusste, es würde ihn verletzen. Und ihn verletzten, war genau das, was ich im Moment wollte. So wie er mich verletzt hatte.

Paps versteinerte. Seine Haut wurde aschfahl, er wirkte plötzlich sehr alt. Alles wirkte alt an ihm, bis auf seine Augen. Seine Augen reflektieren nur zwei Emotionen: Hass und Ekel.

„Was?“, seine Lippen wurde zu einem Strich, einer dünnen Linie, „Sag das noch mal!“

„Ich-bin-schwul.“

„Du perverses Schwein, dir werd’ ich’s zeigen…“

Und dann passierte etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte. Paps war niemals gewalttätig gewesen. Noch vor zwei Jahren, war er der liebste und beste Papi, den man sich wünschen konnte. Er hob’ nie die Hand. Es gab’ keine Ohrfeigen, nicht mal einen kleinen Klaps. Aber in diesem Moment, war dieser gute Vater verschwunden. Stattdessen stand ein hassgeiferndes Monster vor mir, dass in Begriff war, sich auf mich zu stürzen.

Fließe in der Zeit

Ein Stimme in meinem Kopf. Ein merkwürdiges Gefühl von Kontrolle. Es passierte wieder. Die Zeit schien wieder, um mich herum einzufrieren. Wie bei Michis Autounfall, schien ich aus dem Zeitgefüge gefallen zu sein. Alles wirkte wie in Zeitlupe. Ich sah, wie Paps auf mich zustürzte, aber unendlich langsam. Ich sah eine Schweißperle, die sich von seiner tropfenden Stirn gelöst hatte, ganz langsam herabfallen. Sie war so langsam, dass ich bequem zu meinem Schreibtische hätte gehen können, dort meine Hausaufgaben machen und schließlich zurückgehen konnten, ohne, dass sie den Boden erreicht hätte.

Das einzige im Raum, das noch mit normaler Zeit lief, war ich. Ich hörte meinen Herzschlag und meinen keuchenden Atem. Alle anderen Stimmen, klangen wie von einer Schallplatte, die man mit falscher Geschwindigkeit abspielte.

So detailliert, wie ich alles um mich wahrnahm, so hilflos fühlte ich mich. Ich verstand nicht, was passierte. Ich dachte nur: „Nein Paps! Nicht! Stop!“

In dem Moment in dem ich dies dachte, machte die Welt um mich herum „Plop!“. Entweder schnappte ich oder die Welt schnappte wieder in den synchronen Zeitablauf ein. Mein Vater stürzte wieder mit normaler Geschwindigkeit auf mich zu.

Und stoppte plötzlich.

Als wenn er gegen eine unsichtbare Mauer geprallt wäre, kam Paps ziemlich abrupt zum stehen und machte „Umpf“. Ihm schien die Puste ausgegangen zu sein.

„Was zum Teufel?“, Paps war desorientiert. Er sah mich völlig verschreckt an und ich spürte plötzlich Unsicherheit und Furcht bei ihm aufkeimen. Er schüttelte den Kopf, meinte tonlos: „Du bist nicht mehr mein Sohn!“, drehte sich um und verließ das Zimmer.

„Shit!“, Michi hatte seine Stimme wiedergefunden, „Ich weiß ja nicht, ob dass so eine gute Idee war…“

„Was meinst du?“, so ganz war ich nicht bei der Sache. Ich glotzte Michi mit weit aufgerissenen Augen an.

„Hallo Tobi, Erde an Tobe! Bist du da? Mann, du bist ja völlig weggetreten — Meinst du wirklich, dass das der richtige Moment war, um deinem Vater zu erzählen, dass du schwul bist?“

Michi schien von meiner merkwürdigen Zeitdehnungserfahrung nichts mitbekommen zu haben. Paps wohl auch nicht. Was passiert mit mir? Ich schob den Gedanken erst mal bei Seite.

„Hab’ ich das wirklich gesagt?“, erst jetzt realisierte ich, was ich getan hatte. Meine Knie wurde weich und ich musste mich erst mal setzen, „Oh, dass wird böse enden.“

Michi sah mich besorgt an. In diesem Moment knallte die Haustür. Paps hatte das Haus verlassen.

***

„Tobi, ist das wahr?“

Meine Mami kam in mein Zimmer gestürzt. Für diesen Tag hatte ich eigentlich nur ein Coming Out geplant, nämlich das gegenüber Michi. Nun wurde es gleich drei. Während mir mein Vater, und das was er davon hielt, inzwischen recht egal war, tat es mir meiner Mutter gegenüber Leid. Auf diese Weise sollte sie es nicht erfahren. Das hatte sie nicht verdient.

„Ja Mama…“, ich sah sie etwas geduckt von unten an. Ein verschmitzer Gesichtsausdruck und ein Schulterzucken, zu mehr war ich nicht fähig, „ Du solltest es eigentlich nicht auf diese Art erfahren…Es stimmt. Ich bin schwul.“

„Warum hast du mir das denn nie früher erzählt?“, Mama sah besorgt aus, aber in keiner Weise schockiert. Ich hatte sie wohl richtig eingeschätzt.

„Ich weiß nicht. Angst? Unsicherheit? Es fehlte immer der passende Moment. Und dann war da noch Papa…“

Mama nickte wissend: „Oh Sohn, die leichten Wege waren noch nie was für dich, oder?“

„Du bist mir nicht böse?“

„Böse? Ich dir? Nein, warum? Weil du schwul bist?“, meine Mutter schüttelte heftig ihren Kopf und lächelte mich an, „Du solltest eigentlich wissen, dass mir nur eins wichtig ist: Dass du glücklich bist.“

„Danke Mama!“, sie war schon toll. Schade, dass mein Paps das nicht mehr war. Vor zwei Jahren hätte er bestimmt genauso wie Mum reagiert.

„Moment, ich nehme mal an du, kennst dich da besser aus, aber du nimmst doch hoffentlich Kondome?“

Die Frau war schon ein Fall für sich. Ich beichtete eines meiner größten Geheimnisse, mein Vater war vor wenigen Minuten ausgerastet und war aus dem Haus gerannt und ihr fiel nichts Besseres ein, als an Gummis zu denken. Eigentlich hatte ich mit einer großen Gefühlsszene gerechnet, aber nix da. Mum blieb sachlich wie ein Schalterbeamter.

„Mama, ich hab’ ja noch nicht mal einen Freund.“, welch traurige Wahrheit, „Über so was hab’ ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

„Solltest du aber! Denn früher oder später findest du jemanden. Und wenn euch dann die Lust übermannt…“, beim Wort, übermannt` musste sie schmunzeln, „…habt ihr keinen Schutz — Michi, du hast von mir den Auftrag dafür zu Sorgen, dass er sich Kondome kauft. In solchen Dingen bist du einfach praktischer als mein Sohn.“

Danke Mama! Danke, dass du mir die Gelegenheit gegeben hast, mal wieder auszuprobieren, wie rot mein Gesicht werden kann.

„Kein Problem. Ich werd mich darum kümmern.“, Michis triumphierendes, hämisches Grinsen war echt eine Frechheit. Mann, hatte er Glück, dass er mein Freund war.

„Sag’ mal, was sagst du denn dazu, dass Tobi die Seiten gewechselt hat?“

„Mama! So was fragt man doch nicht.“

„Also, ich finde es cool. Er hat auch einen guten Geschmack. Er sieht wirklich nur sehr attraktiven Junx nach!“

„Schau an…Und, hat er was in Aussicht?“

Michis Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen: „Ich denke schon. Es gibt da einen neuen Schüler, Ralf…“

„Ralf? Sieht er gut aus?“

„Oh, ja und wie…“

Das ging jetzt aber doch zu weit. „Stop ihr zwei! Das ist mein Privatleben, über dass ihr da gerade redet. Also, bitte…“

Aber statt einer Entschuldigung, sahen die beiden mich nur frech an, schüttelten den Kopf und schmunzelten vor sich hin.

„Was ist mit Papa?“, ich wollte die zwar nicht gute, aber immerhin aufgelockerte Stimmung nicht töten, aber mit diesem Satz hatte ich sie dann gemordet. Michi sah betrübt zu Boden, meine Mutter sah mich traurig und gleichzeitig hoffnungsvoll an.

Die Art, wie sie das tat, löste bei mir einer innere Blockade. Plötzlich empfand ich die Trauer, mit der ich schon vor Minuten gerechnet hatte. Sie kam jetzt aber viel heftiger als erwartet. Paps hatte einen sehr empfindlichen Nerv getroffen. Dieser Nerv schmerzte fast unerträglich. Zuerst schmerzte er wohl so stark, dass ich es gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Aber jetzt, nachdem mein Adrenalinpegel langsam gesunken war und Mum mich so ansah, realisierte ich, was wirklich passiert war. Mein eigener Vater, die Person, zu der ich immer aufgesehen hatte, lehnte mich ab; mich und das, was ich nun mal war. Er hatte mich verstoßen, zumindest mit Worten.

Diese plötzliche Gewissheit war zuviel. Ich heulte los. Ich konnte es nicht mehr kontrollieren. Ich ließ alles raus, was sich in der letzten Zeit aufgestaut hatte.

Mum sah, lächelte und nahm mich in den Arm. Ich glaub’, dass hatte sie seit Jahren nicht mehr getan und mir wäre es auch unangenehm gewesen, aber in diesem Moment, fühlte ich mich so klein und ängstlich wie mit 14.

„Alles wird gut. Das Verspreche ich dir. Niemand wird dich wieder verletzten. Niemals.“

Das sie mit diesem Satz auf sehr dramatische Weise sowohl recht hatte, als auch völlig falsch lag, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand wissen.

Götterdämmerung

Worin ein Schatten der Vergangenheit eins auf die Nase bekommt und man das ganze als einen Akt von Emanzipation nennen könnte.

Ein gewisser Traumjunge zeigt sich auch beeindruckt, scheint aber über andere Dinge sehr besorgt zu sein.

An diesem Tag wurde es noch sehr spät. Meine Mutter meinte, dass es wohl ganz gut für mich wäre, wenn Michi heute Nacht bei mir bleiben würde. „Ein guter Freund“, so meinte sie, „ist genau das, was ich im Moment brauchen würde.“ Nebenbei erwähnte sie dann noch, dass mein Vater eine SMS geschickt hätte: „Übernachte im Büro“

Das kam in der letzten Zeit sowieso häufiger vor und sein Arbeitsplatz war entsprechend ausgerüstet. Er arbeitet in einem chemischen Versuchslabor und manchmal müssen die Experimente Tag und Nacht überwacht werden. Deswegen befindet sich neben seinem Büro eine Wohnung mit Einbauküche und Schlafsofa. Ich glaube, ich wollte meinen Vater im Moment genau so wenig sehen, wie er mich, daher fand ich diese Lösung sehr angenehm. Eine der wenigen Dinge, in denen wir wohl übereinstimmender Meinung waren.

Mum machte uns nicht nur Abendbrot, sie bereitete mein Lieblingsessen. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen wieder aufbauen. Trotzdem fühlte ich mich wechselweise heiß und kalt, traurig und fröhlich, wütend und glücklich.

Wir diskutierten bis spät in die Nacht. Selbst als meine Mum uns zu Bett ging, unterhielt ich mich mit Michi noch Stunden weiter. Und Mum tat noch etwas: Sie entschied, dass wir, auch für Michi nach Rücksprache mit seinen Eltern, dass wir den nächsten Tag nicht in die Schule gehen sollten. Natürlich nur ausnahmsweise, damit wir uns richtig aussprechen konnten. Was wir die ganze Nacht dann auch taten.

Irgendwann sind wir dann doch eingeschlafen. Immer noch aufgewühlt schlief ich sehr unruhig und hatte wohl auch Albträume. Als ich am späten Morgen aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert. Mein Sachen waren wiedereinmal schweißnass. Fetzten von dunklen Traumfragmenten verblassten in meinem Kopf. Und wie schon am vorigen Tag auch, kaum hatte ich geduscht und mich angezogen, fühlte ich mich von neuer, frischer Energie durchströmt. Ich fühlte mich pudelwohl, glücklich, kräftig, halt einfach super-gut.

Das schien nicht nur ein subjektiver Eindruck gewesen zu sein. Sowohl Mum als auch Michi begrüßten mich am Frühstückstisch mit einem „Wow, bist du das? Du siehst einfach super aus! Du strotzt ja nur so vor Energie.“

Ich zuckte nur mit den Schultern. Jetzt wo ich mich nicht mehr verstecken musste, konnte ich einfach ich selbst sein. Und das schien sowohl meinem Ego, als auch meinem Körper gut zu tun.

Dieser Tag war einfach super. Über Paps wurde nur sehr kurz gesprochen, als ein Bote der Firma ein par Unterlagen und Kleidung für ihn abholte. Mum schüttelte nur den Kopf und meinte: „Wenn ich mich zwischen meinem Sohn und meinem Mann entscheiden soll, weiß ich was ich wählen werde.“ Danach nahm sich mich in den Arm. Der gesamte Rest des Tages war hingegen völlig sorgenfrei und unbelastet. Mir war, als wenn ich sowohl meine Mutter als auch Michi als Freunde neu entdeckte. Einfach toll. An diesem Abend schlief ich friedlich ein. Keine Albträume belasteten meinen Schlaf. Es waren schöne Träume, an die ich mich aber nicht erinnern kann. Nur ein kleiner Fetzen blieb zurück: Ich sah Ralf. Wir umarmten uns. Er strich mir durch mein Haar, er küsste mich, er sah mir in die Augen. Liebe! Ich konnte Liebe in seinen Augen sehen. Und dann sprach er: „Tobi, dies ist nur der Anfang!“

***

Piiiiiiiiiiiiiiieeeeeee…6:30 Uhr mein erbarmungsloser Wecker erinnerte mich daran, dass heute wieder ein normaler Schultag war. Es war Donnerstag, mein absoluter Schulhasstag: Geographie, Latein und Sport sind meine absoluten Antifächer und wenn sich diese auch noch auf einen Tag konzentrieren…Würg! Aber eine andere Fächerzusammenstellung war nicht möglich gewesen. Das ganze nächste Halbjahr würde ich den Donnerstag hassen.

In der ersten Stunde Mathe war ich allein, d.h. weder Ralf noch Michi waren in meinem Kurs. Dafür um so mehr Arschlöcher aus meiner alten Klasse. Zwei Typen, Carsten und Nils, hatten in meiner Vergangenheit dafür gesorgt, dass ich zeitweise Angst hatte, zur Schule zu gehen. Ein halbes Jahr lang, hatte mich meine Mum sogar zur Kinderpsychologin geschleppt. Aber wie sollte so eine Psychotante, die mir ihrem eigenen Leben nicht klar kam, mir erklären, dass ich nicht daran schuld sei, dass mich die beiden Idioten abzogen und zusammenschlugen. Das war mir auch ohne Seelenklempner klar.

Das lag jetzt fast drei Jahre zurück und seit etwas mehr als zwei Jahren hatten mich die beiden Dünnbrettbohrer nicht mehr angegangen.

Bis heute. Ich bemerkte schon etwas während des Unterrichts. Die zwei schienen mich zu beobachten und auch über mich zu reden. Als der Unterricht zu Ende war und ich meine Sachen einpackte, packte mich Nils am Kragen, zog mich durch den Raum und drückte mich gegen die Wand. Carsten lehnte sich derweil an eine andere Wand und beobachtete die Szene mit einem überheblichen und selbstzufriedenen Grinsen.

Nils drückte seinen rechten Arm unter mein Kinn und gegen meinen Kehlkopf. Er hielt seinen Kopf etwas schräg, kam dabei meinem Gesicht unangenehm nah und musterte mich abschätzig. Er sollte dringend die Marke seiner Zahnpasta ändern. Er stank einfach widerlich aus seinem Mund.

Nils ging bei mir als Argument dafür durch, heterosexuell zu werden. Seine grundlegenden Attribute waren noch ganz Ok. Er war gut 1.86cm groß, blau-grüne Augen, dunkelblonde Haare, sehr muskulös und verdammt kräftig. Der Rest war weniger attraktiv: Er hatte seine Haare extrem kurz geschoren, was bei ihm zu einem absolut feisten Aussehen führte. Dieser Eindruck wurde noch durch eine hektische, rotfleckige Gesichtshaut verstärkt. Sein breites Kreuz wirkte unproportioniert. Wahrschein lag es daran, dass er wie ein Wahnsinniger ins Bodybuildingstudio rannte, aber sich nie einen ausgewogenen Trainingsplan hat erstellen lassen. Alles wirkte wie gewollt und nicht gekonnt. Aber er war ein echtes Alphamännchen, einer der Machertypen mit Macht, Einfluss und Anhängern. Freunde wären wohl zuviel gesagt, die meisten hatten wohl eher Angst als Respekt vor ihm.

Nachdem mich nun Nils eine Weile gemustert hatte und ich seine Schönheit in all ihrer Pracht genießen konnte, machte er das erstemal den Mund auf. Der Gestank nahm unerträgliche Ausmaße an.

„Na, wenn haben wir den da? Wenn das nicht unser alter Freund Tobi ist. Sag schön guten Tag Tobi!“

„Hallo Nils, was verschafft mir die Ehre?“, keuchte ich heraus, was bei dem starken Druck seines Arms auf meinen Adamsapfel gar nicht so einfach war.

„Hast du gehört, Carsten. Unser Freund kennt noch meinen Namen. Tja, was meinst du denn Tobi, was wir von dir wollen könnten?“

„Sag’s mir Nils, du weißt doch, ich bin nicht so intelligent, wie du…“

Diese kleine Frechheit wurde sofort mit einem kräftigen Stoß von Nils Arm auf meinen Kehlkopf bestraft.

„Ach Tobi, wir sind doch alte Freunde, oder?“

Nicht das ich wüsste, „Wenn du es sagst.“

„Aber Tobi, wie kannst du so was vergessen. Wir sind doch immer Freund gewesen? Nicht wahr Carsten? Tobi und wir sind doch immer Freunde gewesen?“

Die Szene lief ab, wie in einem schlechten Film. Was für scheiß Videos zog sich der Kerl bloß rein? Und Carsten sah wohl die gleichen Filme, anders war weder seine aufgesetzt coole Show noch seine Antwort, zu verstehen gewesen.

„Natürlich. Tobi war immer unser Freund.“

„Da hörst du es. Und was machen gute Freunde?“, Nils wartete nicht auf eine Antwort, „Sie helfen sich einander. Nicht war?“

„Wie?“

„Gute Frage. Pass mal auf Tobi. Wir sind ja jetzt alle in der Oberstufe und da laufen eine Menge böser Jungs rum. Typen die nicht so nett sind wie wir. Aber vor allen sind sie groß, kräftig und böse. Größer und kräftiger als du jedenfalls. Aber du hast ja gute Freunde, nämlich uns.“

Ich ahnte wo das hinauslief. Eigentlich wollte ich nichts sagen, aber mein Mund war schneller: „Mann, was hab’ ich ein Glück!“

Ein erneuter Stoß von Nils Arm.

„Das hast du. Aber Freundschaft ist keine Einbahnstraße. Jeder muss etwas dazu beitragen…“

Also doch, Schutzgeld. Zwei Jahre hatte ich Ruhe gehabt, jetzt hatten die zwei mich wieder am Arsch.

Los! Wehr dich! Du kannst es! Es steckt in dir!

Ich weiß nicht, wo dieser Gedanke plötzlich her kam. Er durchzuckte mein Gehirn wie ein Gewitterblitz. Eigentlich war es kein richtiger Gedanke, es war vielmehr eine Stimme in meinem Kopf. Diese Stimme hatte absolut Recht. Vor zwei Jahren war ich ein Weichei, ein schüchterner Schlaffi den man rumschubsen kann, gewesen, aber inzwischen war ich das nicht mehr. Na ja, fast. Inzwischen wollte ich das nicht mehr sein.

„Nils lass die Farce. Wie viel willst du, dass ich meine Ruhe vor euch hab’?“

Nils war von meiner direkten Frage nicht begeistert. Sie irritierte ihn und, viel schlimmer, machte seine ganze schöne Show zu Nichte. Er nahm seinen Arm von meinem Hals. Ich massierte meine Kehle. Nils sah mich herablassend an.

„Ok, Schluss mit den Spielchen. Du hast dich verändert Tobias. Das gefällt mir nicht. Dein Ton gefällt mir nicht. Dafür wird die Sache etwas teurer für dich. Der alte Tobi hätte, der alten Zeiten wegen, Rabatt bekommen. Sagen wir mal für den Anfang 100,- DM im Monat, alternativ 25,- DM die Woche und wir sind die besten Freunde. Andernfalls und damit du uns nicht vergisst…“

Nils holte zu einem Schlag aus, der mich im Magen treffen sollte, aber dazu kam es nicht. Es passierte wieder! Dieses Zeitding passierte erneut. Von einem Moment zu nächsten, verlangsamte sich die Welt um mich. Zuerst sah es nur so aus, als wenn Nils ausholender Arm seinen Umkehrpunkt erreicht hatte, aber dem war nicht so. Die Zeit lief wirklich in Zeitlupe ab.

Diesmal war allerdings etwas anders als bei den beiden Malen davor. Ich blieb nicht erschrocken stehen, sondern machte einen Schritt zu Seite und holte meinerseits aus. Kaum hatte ich das getan, kam auch wieder dieses „Plop!“ und der Zeitablauf schnappte wieder in die Normalgeschwindigkeit zurück.

Gut für mich — schlecht für Nils.

Seine Faust schnellte vor und steuerte den Punkt an, an dem vor wenigen Momenten sich noch mein Magen befand. Jetzt befand sich dort nur noch eine massive Wand. Nils blieb kaum noch Zeit, um entsetzt auszusehen. Mit unverminderter Geschwindigkeit krachte seine Faust gegen die Wand. Jeder im Raum, Carsten, Nils und ich, konnten das Brechen seiner Fingergelenke hören. Im gleichen Moment traf ihn meine Faust auf die Nase. Nils wankte. Blut lief ihm aus der Nase, sie war gebrochen. Der Schmerz in seiner Hand brauchte länger. Als er sich schließlich in Nils Bewusstsein breit machte, brüllte er los. Nils schrie wie am Spieß. Carsten sah verdaddert und hilflos aus. Es lief alles nicht so, wie die beiden sich das gedacht hatten.

Nils Geschreie lockten etliche Mitschüler auf den Gängen an. Unter ihnen als einen der Ersten erkannte ich Ralf. Ralf sah mich an. Dieser Blick jagte mir einen Schauer durch den Körper. Ralf nickte mir anerkennend zu, aber gleichzeitig sah er unheimlich besorgt aus, fast ängstlich.

Was ging hier vor? Was passiert mit mir? Michis Unfall, die Zeitverschiebung bei dem Gespräch mit meinem Vater und jetzt Nils. Ich bekam Angst! Nein, ich bekam Panik! Ich hatte mein schwules Coming Out, so weit war alles normal, aber da war noch mehr. Mein Coming Out hatte noch etwas anderes freigelegt, etwas Tieferes. Etwas Übernatürliches.

In diesem Moment wurde mir schwarz vor Augen und ich sackte zusammen.

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