Adventskalender 2021 – No one else III – Teil 2

Da Emiliano keine Zeit für ein Mittagessen hatte, saß ich nun alleine in der Küche und kaute auf mit Salami belegtem Baguette herum. Ich hatte die Lust zum Kochen schlichtweg verloren.

Am Abend würde es ein gutes Essen bei Mama geben, da reichte das Brot. Vor mir lag das Bild in rot. Ich hatte Franzesca gebeten, es auszuleihen, weil ich es Placido per Handy  schicken wollte.

Nachdem mir Emiliano die Kurzfassung von Tomasos bisherigen Leben schilderte, bekam ich Interesse an dem Bild. Mein Handy machte sich bemerkbar und als ich auf das Display schaute ich, war ich verwundert.

Placido rief mich an und ich nahm das Gespräch entgegen.

„Guten Morgen Schatz, schon so früh wach?“, trällerte ich ins Handy.

Die Zeitverschiebung zu New York machten ganze sechs Stunden aus, als musste bei ihm sieben Uhr früh sein.

„Morgen Davide. Ich konnte nicht mehr schlafen.“

Seine Stimme klang traurig.

„Ist etwas passiert?“

„Nein…, oder doch… ich vermisse dich! Alleine morgens ohne dich im Arm aufzuwachen, da fehlt etwas!“

Ich lächelte.

„Ich vermisse dich auch! Du in zwei Wochen hast du mich wieder, denke daran!“

„Ich weiß noch nicht, ob mir das mit zwei Wochen reicht. Meine lange Abstinenz hat hier für viel Arbeit gesorgt und Richard hat ein wahres Chaos hinter lassen. Wenn ich meinen Cousin nicht hätte, wäre ich verloren.“

Daher die traurige Stimme.

„Komm so schlimm wird es schon nicht sein. Das schafft ihr schon. Wie geht es Noah eigentlich, hat er sich schon eingelebt?“

„Ja und seit seine Mutter zu Besuch ist, kommt er jeden Tag freudenstrahlend ins Büro. Fast nicht auszuhalten.“

Ich musste lachen.

„Du, warum ich anrufe…, du hast mir doch dieses Bild eines Schülers geschickt…, wie alt ist der denn?“

„Tomaso? Ich glaube heute siebzehn geworden, soweit ich mich erinnern kann. Das hat mir Emiliano erzählt und so einiges anderes.“

„Ein Junge aus dem Kinderheim also…?“

„Ja. Die Eltern sind abgehauen oder verschollen, wie auch immer. Eine Nachbarin, die seine Großmutter sein könnte, wollte ihn aufnehmen, merkte ab anscheinend schnell, dass ihr das über den Kopf wuchs. So endete er im Kinderheim bei Monsignore Viccario.“

„Was sind das nur für Eltern, die das eigene Kind im Stich lassen…“

„…. Kriminelle“, fiel ich Placido ins Wort, „laut Commissario Lombardo wegen Fälschung und Betrügereien lange gesucht.“

„Du scheinst dich wirklich gut informiert zu haben. Woher das plötzlich Interesse?“

„Das hat mir alles Emiliano erzählt. Das Interesse war alleine wegen dem roten Bild. Ich musste an dich denken, weil Rot doch deine Lieblingsfarbe ist.“

Auch wenn ich Placido jetzt nicht sah, wusste ich dennoch, dass er über sein ganzes Gesicht strahlte.

„Lieb von dir. Also wenn du mich fragst, sehnt sich der Junge nach Liebe, die er anscheinend nicht bekommen hat.“

„Das meinte Franzesca auch schon, aber warum diese Schattierungen?“

„Die sind dir also auch aufgefallen.“

„Ja!“

„Ich denke, da steckt mehr dahinter…, das Rot wird dunkler…, bedeutet Tiefe, eine tiefer gehende Liebe…“

„Ob er eine Freundin hat?“

„Das kann ich dir nicht sagen, die Ränder scheinen verschwommen…“

Ich betrachte das Bild genauer und stellte fest, dass mir dies vorher nicht aufgefallen war.

„Das habe ich so noch gar nicht gesehen.“

„Eine tiefer gehende Liebe, die nicht in Ordnung ist, so interpretiere ich es auf alle Fälle. Wenn du Gewissheit haben willst, musst du den Künstler selbst fragen, was er mit dem Bild ausdrücken wollte.

„Künstler? Der Junge ist siebzehn…“

„Auch ein siebzehn Jähriger hat Gefühle und Sehnsüchte, sonst würde er nicht so ein Bild malen.“

„Naja sein Auftreten heute Morgen, war eher ruppig, als er mit unserem Cafemöbel kollidierte.“

„Wie das?“

„Er hatte heute Morgen einen der Stühle umgeworfen und als ihr Monsignore Viccario freundlich aufforderte, ihn wieder aufzuheben, wurde er richtig sauer und pfeffert den Stuhl gegen den Tisch, so dass ich Angst um unsere Deko darauf bekam.“

„Wie du schon sagtest, er ist siebzehn, du warst sicher mit siebzehn auch nicht immer eine Zierde der Gesellschaft…, soll ich deine Mutter mal fragen?“

„Bloß nicht!“

„Angst sie könnte mir irgendwelche schlimmen Dinge über dich erzählen?“

„Da gibt es nichts!“

Placido lachte auf der anderen Seite der Leitung.

„So, so!“

„Mama hat mich heute Abend zum Essen eingeladen… Familientreff, sie will etwas verkündigen“, sagte ich, um von dem Thema abzulenken.

„Da wäre ich gerne dabei…“

Wieder war dieser sehnsüchtige Ton in seiner Stimme.

„… aber ich geh jetzt erst einmal alleine frühstücken, bevor ich mich mit Onkel Macavelli treffe.“

„Wie kommt das?“

„Er hat mich eingeladen, ihn auf seinen Anwesen zu besuchen.“

„Da wäre ich dann gerne dabei.“

„Irgendwann…“

„Ja… irgendwann einmal.“

Ethan kam mir ins Bewusstsein.

„Noch etwas von Ethan gehört?“

„Nein…, als wäre er verschollen, oder hätte nie existiert.“

„Hm…, alles hat seinen Sinn… besser so.“

„Du sagst es. Er tut gut mit dir zu sprechen, meine Laune ist viel besser.“

„Stimmt, auch wenn ich dich vermisse.“

„Ich liebe dich, Davide.“

„Ich dich auch, Placido.“

„Ciao…“

„Ciao…!“

Das Tuten in der Verbindung, zeigte das Ende des Gesprächs. Ich hatte das Handy noch eine Weile in der Hand, auch als schon längst das Display erloschen war.

*-*-*

„Vasco hat mich doch tatsächlich gefragt, warum ich mit ihm nicht essen gehe“, erzählte Letizia frustriert.

Ich saß mit Letizia und Emilio am Esstisch, während Dana in der Küche bei Mutter war. Eine Premiere heute war, das auch Emiliano zugegen war. Hatte sich zwischen ihm und meiner Schwester doch mehr ergeben?

Ich hatte mir vorgenommen, der Sache irgendwann auf den Grund zu gehen, aber nicht jetzt, denn ich lauschte Letizias Erzählungen.

„Vasco?“, lachte ich laut.

Ich glaube, ich sollte dem Herren mal einen Besuch abstatten“, meinte darauf Emilio.

„Nichts wirst du, wäre ja noch schöner, wenn die sich in der Redaktion sich ihre Mäuler über mein Privatleben zerreisen!“

„Pah, du willst nur nicht, dass niemand mitbekommt, dass du mit diesem Muskelheini liiert bist.“

Ein leidvoller Schmerz durchfuhr meine Schulter. Der Muskelheini war zur Tat geschritten und hatte mir einen Boxhieb versetzt.

„Aua“, jammerte ich und rieb mit der Hand über die Schulter.

Emilio grinste mich frech an.

„Wer ist Vasco?“, fragte nun Emiliano.

„Einer unserer Sportredakteure“, antwortete Letizia wahrheitsgemäß.

„Warum sagst du ihm nicht, dass er keinerlei Chancen bei dir hat und du einen Freund hast?“, wollte mein Tischnachbar weiter wissen.

„Dass ich einen Freund habe, geht ihn das überhaupt nichts an, zum anderen hab ich das mehrfach betont, dass ich kein Interesse an ihm habe.“

„Das scheint er wohl überhört zu haben“, meinte ich grinsend.

„Ich hab ihm heute seinen wöchentlichen Blumenstrauß um die Ohren gehauen und ihn anschließend zum Teufel gejagt, das wird wohl reichen!“

Trotz der schmerzenden Schulter fing ich wieder laut an zu lachen.

„Was ist so komisch?“, hörte ich Dana fragen, die mit einer Schüssel Spaghetti und Tomatensalat herein kam.

„Über einen von Letizias hunderten von Liebesanwärtern vergebener Liebesmühe“, antworte ich kichernd.

„Da gibt es mehrere?“, fragte Dana verwundert und stellte die Schüsseln auf den Tisch.

„Quatsch, dein Bruder übertreibt mal wieder. Im Büro gibt es einen, der nicht kapiert, dass ich keinerlei Interesse an ihm habe.“

„Sieht er wenigstens gut aus?“

„Schwesterherz!“, sagte ich empört, „dass ihr immer nur ans eine denkt!“

„Klar, oder denkst du, ich möchte später so einen Bier bauchigen Unterhemdtypen, vor dem Fernseh sitzen haben, der mit seinen Grisinis den Teppichboden füttert?“

Mein Blick fiel kurz zu Emiliano, der eine leichte Röte im Gesicht zeigte.

„Also ich trinke gerne Bier…“, Emilio natürlich, „aber einen Bauch habe ich keinen!“

„Dein Glück!“, kam es dieses Mal von Letizia.

Jeder fing am Tisch laut an zu lachen.

„Kinder, Kinder, seid doch bitte nicht so laut, mir fallen ja die Ohren ab! … und was sollen die Nachbarn denken?“

Mama kam herein, bestückt mit einer Schüssel voll mit ihrer wohlduftenden, berühmten Sahne-Kräuter-Sauce.

„Nur dass deine Kinder zu Hause sind“, merkte ich an, was die versammelte Mannschaft am Tisch wieder zum Lachen brachte.

„Ach du!“, meinte sie nur und setzte sich zu uns.

Während Emilio auch ihr Glas mit Rotwein füllte, begann Dana, das Essen auf den Tellern zu verteilen.

Ich besann mich auf das Telefongespräch am Morgen.

„So. jetzt wo wir alle so schön versammelt sind, was hast du denn uns so wichtiges zu sagen?“, fragte ich direkt.

„Kann das nicht bis nach dem Essen warten?“, kam es von Dana, die gerade Emilios Teller, für meinen Geschmack überfüllte.

„Schwesterherz, du weißt doch wie neugierig ich bin.“

Mama nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Rotwein.

„Macavelli hat mich und deinen Vater eingeladen, ihn zu besuchen.“

„In den Staaten?“, fragte ich verwundert.

„Wohin sonst“, lächelte Mama, „er will sogar für sämtliche Kosten aufkommen, nicht das wir uns das nicht leisten könnten, aber ich finde das einen feinen Zug.“

„Warum kommt es mir so vor, dass da noch ein „aber“ folgt“, kam es von Dana.

„Ist es wegen Vater?“, fragte ich.

„Nein, der will sogar mitkommen, schon alleine, weil er weiß, dass ich mit Emilianos Vater treffen möchte, um seine Frau kennen zu lernen.“

„Was dann?“, harkte ich nach.

„Es gibt kein aber…, ich wollte euch nur mitteilen, dass ich die Einladung angenommen habe und mit eurem Vater für zwei Wochen in die Staaten fliege.“

„Wow!“, kam es erstaunt von mir.

Die anderen äußerten sich ähnlich verblüfft.

„Und wann“, wollte Letizia neugierig wissen.

„Das steht noch nicht ganz fest…, aber lasst uns jetzt essen, bevor es kalt wird!“

Vater kam ins Zimmer.

„Du bist spät“, meinte Mama.

„Wieso spät, ihr fangt doch gerade an“, gab das Familienoberhaupt von sich und setzte sich zu uns.

*-*-*

Ich stand im Bad und hatte eine kurze, aber traumlose Nacht hinter mir. Trotz Vaters Anwesenheit, wurde der Rest des Abends, noch richtig lustig, auch wenn ich Placido schrecklich vermisste.

Aus dem Hof drangen Kinderstimmen nach oben. Heute zum letzten Mal, denn am Montag begann wieder die Schule, die Sommerferien waren vorbei. Dann würde wie gewohnt, zweimal mittags in der Woche der Zeichenunterricht stattfinden.

Eigentlich schade, denn man merkte es den Kindern an, dass es ihnen richtig Spaß machte. Tomaso kam mir in den Sinn.

Eine tiefgehende Liebe, die nicht richtig schien. Es war das, was Placido hinter dem Bild, welches Tomaso gemalt hatte. Tiefgehende Liebe, war das in dem Alter denn überhaupt möglich.

Ich wusste es nicht und konnte mich schlecht an meine Erfahrungen in dem Alter erinnern. Mein Blick wanderte noch mal nach draußen. Das Ende der Sommerferien bedeute nicht, das Ende des Sommers.

Heute waren wieder hohe Temperaturen gemeldet, so entschloss ich mich für ein kurzes Outfit. Zurück im Schlafzimmer ging ich zum Schrank, zog mir eine Knielange Jeans heraus und ein kurzärmliges weißes Hemd heraus.

Das sollte ausreichend sein. In den Räumen des Zeitungsverlags gab es zwar Klimaanlagen, aber entweder sie funktionierten nie richtig, oder sie waren bei den Temperaturen einfach zu schwach ausgelegt.

Und Letizias Büro war so eins, in dem es nie richtig kühl wurde. Ich war zwar freischaffender Mitarbeiter der Firma, hatte aber für Notfälle einen kleinen Schreibtisch in Letizias Raum. Da ich in den letzten Wochen, wegen dem Buch nur halbherzig bei der Arbeit war, entschloss ich mich heute mich mal wieder bei Letizia blicken zu lassen.

Es hatte sich sicherlich, wie zu Hause, einiges angesammelt. Ich schlüpfte in meine Turnschuhe und betrat wenig später den Wohnbereich. Wie nicht anders gewohnt, saß Jakob an der Theke und frühstückte bereits.

Mit einem guten Morgen Jakob, machte ich mich bemerkbar. Er dreht seinen Kopf und lächelte mich an.

„Buongiorno Davide, schon wach?“, grüßte er mich.

Wie immer war ich verwundert, wie schnell Jakob unsere Sprach gelernt hatte. Ein feiner amerikanischer Akzent war zwar noch heraus zu hören, aber es war fließendes Italienisch, ein richtiges Sprachgenie.

„Ja, ich will mich heute bei Letizia im Büro blicken lassen, da wartet sicher auch Recht viel Arbeit auf mich.“

„Dann bleib zu Hause“, grinste Jakob breit.

„Würde ich gerne, aber davon wird die Arbeit dort nicht weniger.“

Da fiel mir etwas ein.

„Letizia hat übrigens vorgeschlagen, einen Bericht über Kinder und Kunst zu schreiben.“

„Kinder in der Kunst, oder bei der Kunst?“, wollte Jakob wissen.

„Bei der Kunst“, antwortete ich und ließ mir einen Kaffee heraus.

„Dann schreibe über die Zeichenschule und bring ein paar Bilder der Kinder!“

Jakob biss von seinem Hörnchen ab.

„Werbung machen? Haben wir eigentlich nicht nötig, die Stunden sind gut besucht.

„An Werbung habe ich eigentlich nicht gedacht, eher an die Bilder, die die Kinder so malen. Du sitzt sozusagen direkt an der Quelle.“

Mir fiel Tomaso ein. Ich stellte meinen Kaffee ab, lief zur Couchgarnitur hinüber und holte das Bild, das ich am Abend dort liegengelassen hatte.

„Was hältst du von dem Bild?“, fragte ich und legte es neben Jakob auf die Theke.

Er nahm es nicht in die Hand, weil er am Essen war, betrachtete es aber trotzdem.

„Rot steht für Liebe…, aber ich denke, der dunklere Rand und die verschwommene Farbe… hm, eine vergängliche Liebe?“

Eine ganz andere Interpretation des Bildes.

„Die Liebe mit dem Rot zu verbinden, das haben Franzesca und Placido auch erwähnt, aber mein Mann fügte noch hinzu, dass es sich wahrscheinlich um eine tiefer gehende Liebe handelt, aber wegen dem verschwommen Rand meinte er, diese Liebe ist nicht in Ordnung.“

„… oder sie wird nicht erwidert.“

So hatte wohl jeder seine eigene Auffassung, dieses Bild zu betrachten.

„Wenn du schon mit Franzesca und Placido darüber gesprochen hast, wer hat das gemalt?“

„Eine Junge aus dem Kinderheim.“

„Oh wirklich? Das lässt natürlich viele verschiedene Interpretationen zu. Wer weiß, was in einem Kinderkopf so vorgeht.“

„Er ist siebzehn…“

„…, also auch noch Hormon gesteuert, da tun sich Welten auf“, grinste Jakob.

„Stimmt!“, gab ich ihm Recht und nippte an meinem Kaffee.

*-*-*

Der Parkplatz des Verlages war recht voll. Wahrscheinlich waren die frühen angenehmen Temperaturen ein Grund dafür, anders konnte ich es mir nicht erklären. Ich fand eine freie Nische und zog mit meinem Mini hinein.

Der Motor erstarb und ich öffnete die Fahrertür. Ein warmer Windhauch drang ins Wageninnere. So angenehm war es hier gar nicht, aber dieses Problem schien jeder größere Innenhof zu haben, der nicht über einen natürlichen Luftaustausch verfügte.

Ich verschloss den Wagen und betrat wenig später das Gebäude. Ich war gespannt, mit welcher Laune mich Letizia empfangen würde.

 

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