Adventskalender 2021 – No one else III – Teil 3

„Oh, was verschafft mir die Ehre. Du hast gestern gar nicht erwähnt, dass du vorbei kommst“, kam es von Letizia, als ich ihr Büro betrat.

„Auch einen wunderschönen guten Morgen, liebe Letizia.“

„Guten Morgen.“

„Ich dachte einfach, ich sollte mich hier mal wieder blicken lassen. Es liegt ja auch genug an, oder?“

Mein Blick wanderte kurz zu meinem kleinen Schreibtisch in der Ecke. Er war maßlos überladen.

Letizia war meinem Blick gefolgt und wurde verlegen.

„Entschuldige, ich habe einfach zu wenig Ablagefläche.“

Ich ging zum Tisch hinüber und blickte auf das fast leere Regal für Ordner daneben.

„Was ist das alles?“

„Statistiken… Berichte… alles zum abheften…, ich komm einfach irgendwie nicht nach…“

„Warum fragst du nicht einfach, ob ich dir helfen kann?“

„Du hast doch genug mit deinem Buch zu tun.“

„Ach was, der Druck geht nächste Woche los, da gibt es vielleicht höchstens rhetorische Fragen.“

Letizias Augen wandelten sich zum Dackelblick.

„Könntest du vielleicht…“

„Klar, dann kann ich mich mit dir nebenbei unterhalten und mir fällt zu Hause nicht die Decke auf den Kopf. So ist uns beiden geholfen.“

„Wie haben wir das früher gemacht, als wir noch niemand an unserer Seite hatten?“

Ich schaute Letizia an.

„Wir hatten uns?“, fragte ich grinsend.

„Hm…, wird wohl so sein. Was wolltest du denn mit mir besprechen?“

Ich nahm einen Stapel Ordner und entledigte ihn, von seiner Verpackung.

„Du hattest doch die Idee mit den Kindern und Kunst.“

„Stimmt, daran habe ich schon nicht mehr gedacht.“

„Öhm, wie soll ich das überhaupt abheften?“

„Stapel gleich ein Künstler… und die Stapel auf der Rückseite sind jeweils den Museen zugordert…, wie kommst du jetzt auf das Thema Kinder und Kunst.

Ich musste grinsen.

„Auf meinem Schreibtisch zu Hause sieht es nicht besser aus als hier und beim Verräumen, ist mir deine Notiz eben mit diesem Thema in die Hände gefallen. Dann hatte ich danach noch ein Gespräch mit Jakob. Er brachte die Idee auf, über die Zeichenschule zu schreiben und vielleicht ein paar deren Bilder zu veröffentlichen.“

„So als Resümee nach einem viertel Jahr nach der Öffnung?“

„Hm… vielleicht, aber der Schwerpunkt sollte schon bei den Bildern liegen.“

Mir fiel das Bild von Tomaso ein. Ich zog mein Handy hervor, suchte er kurz und zeigte es dann Letizia.

„Oh schön, ein Sonnenuntergang. Hat das eines der Kinder gemalt?“

Ich konnte nicht anders und musste lachen. Wie unterschiedlich doch die Auffassung der Menschen sein konnte.

„Was? Warum lachst du jetzt?“

„Weil jeder etwas anderes sagt, was er in dem Bild sieht, wobei Franzesca, Jakob und Placido einer Meinung sind, dass dieses Gemälde“, ich malte Anführungsstrichchen in die Luft, „von Liebe handelt.“

„Von Liebe? Zeig noch einmal her.“

Ich streckte ihr erneut das Handy entgegen.

„Hm…, wenn man die Farbe Rot mit Liebe in Verbindung bringt…, könntest du Recht haben.“

„Das hat ein siebzehn jähriger Junge aus dem Kinderheim gemalt.“

„Ach so, ihr denkt, das ist sozusagen ein Hilferuf, des Jungens, nach Liebe?“

Auf den Hilferuf war selbst ich noch nicht gekommen.

„Vielleicht, da könntest du recht haben.“

*-*-*

Zwei Stunden später war doch tatsächlich die Schreibfläche meines Schreibtisches wieder zu sehen. Das neue Regal hatte sich gut gefüllt, weil Letizia ihrerseits auch auf ihrem Schreibtisch, etwas Ordnung geschaffen hatte.

„So sieht es doch schon viel besser aus. Aber jetzt habe ich irgendwie Hunger“, meinte Letizia plötzlich.

„Dann lass uns etwas Essen gehen.“

Sie schaute auf die Uhr.

„Hm, Zeit wäre es ja.“

„Und was bremst dich aus?“

„Vasco, ich habe keine Lust, ihn über den Weg zu laufen.“

„War er heute schon hier?“

„Nein, auf alle Fälle nicht, bevor du kamst.“

„Vielleicht hat er ja mitbekommen, dass ich hier bin“, grinste ich.

Letizias Magen knurrte.

„Es hilft nichts, ich muss etwas essen.“

„Dann lass uns gehen und falls wir Vasco treffen, er wird dir sicherlich keine Szene machen.“

„Wieso Szene?“

„Schon vergessen, du hast ihm seine Blumen um die Ohren gehauen!“

*-*-*

Wir saßen in unserem nah bei dem Verlagshaus gelegen Lieblingsrestaurant und warteten auf unser Essen. Durch Glück konnten wir noch einen kleinen Tisch im Freien ergattern. Letizia hatte mein Handy in der Hand und betrachtete erneut Tomasos Bild.

„Denkst du nicht, Placido interpretiert etwas zu viel in dieses Rot?“

„Du vergisst, er ist selbst Künstler und sieht das mit ganz anderen Augen wie wir.“

„Ob der junge Mann eine Freundin hat?“

„Das kam mir auch schon in den Sinn.“

„Verbotene Liebe… hm…, eine Tochter aus reichem Hause, die sich mit so niederem Volk nicht abgeben darf.“

„He, nur weil Tomaso aus dem Kinderheim stammt, gehört er doch nicht zum niederen Volk!“

„Für manche schon…, leider!“

„Ich glaube, ich sollte diesen Tomaso wirklich fragen, was es mit seiner Kunst auf sich hat, dass hat Placido vorgeschlagen.“

„Sieht er gut aus?“

Leicht geschockt, sah ich Letizia an.

„Was willst du mit einem siebzehn Jährigen?“

„Quatsch, ich will doch nichts von ihm, ich denke, wenn er gut aussieht, hat er in der Damenwelt viel mehr Chancen.“

„Er kommt etwas nach mir…, gleiche Haare, ebenso dünn, nur nicht so groß wie ich.“

„Du hast ihn dir also etwas genauer angesehen.“

„Was heißt hier genau…? Er kommt jeden Tag in die Zeichenschule, da sehe ich ihn halt zwangsläufig.“

„Ich kenne dich gut genug, Davide. Woher kommt dein plötzliches Interesse an dem Jungen.“

Sie hatte Recht. Ich hatte es bisher nur nicht realisiert. Ich schaute sie an.

„Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es nicht.“

„Vielleicht seine Geschichte? Mit seinen siebzehn Jahren scheint er ja schon einiges erlebt zu haben.“

„Kann sein, aber man sagt doch, der erste Eindruck stimmt oft und der war sicher nicht von Vorteil für ihn.“

Ich leerte meinen Teller.

„Jetzt überleg mal, Davide. Seit ihn seine Eltern im Stich gelassen haben, hat er alles mit sich selbst ausmachen müssen.“

„Aber er hat doch die Leute vom Kinderheim.“

„Das ist nicht das gleiche, dass sind nicht seine Eltern.“

„… und Monsignore Viccario?“

„Kann höchstens als großväterlicher Freund fungieren, aber ersetzt auch nicht das Elternhaus. Was ich damit sagen will, da ist in diesem Alter schlechte Laune voraus bestimmt und wenn er nicht aufpasst, dann rutscht er ganz schnell ab.“

„Jetzt mal den Teufel nicht an die Wand!“

„Aber wann hat er Geburtstag, ein halbes Jahr, oder in drei Monaten? Dann wir er achtzehn und muss aus dem Kinderheim raus, was wird dann?“

„Er ist gestern siebzehn geworden…“

Daran hatte ich bis jetzt noch nicht gedacht. Überhaupt über das Thema Kinder im Kinderheim, die nicht vermittelt werden konnte. Was wird aus denen, wer kümmert sich um die? Mein Handy riss mich aus dem Gedanken.

„Davide hier.“

„Hier Emiliano, wo bist du, ich brauch dich dringend!“

„Was ist denn, ist etwas in der Zeichenschule passiert?“

Mit dieser Frage hatte ich auch Letizias volle Aufmerksamkeit.

„Nein, aber im Kinderheim hat es gebrannt!“

„Oh Gott, wurde jemand verletzt?“

Letizias Augen wurden groß.

„… im Kinderheim hat es gebrannt“, meinte ich zu ihr, drückte die Lauttaste und legte das Handy zwischen uns.

„Nein, alle sind in Ordnung…, aber…“

„Aber was?“

Dies kam von Letizia.

„Oh…. Hallo Letizia… ähm ein Kind wird vermisst…Tomaso!“

Letizia und ich schauten uns beide an.

„Geh du zahlen, ich hole meinen Wagen“, meinte ich zu Letizia und nahm ein Handy wider an mich, „Emiliano, wir kommen!“

*-*-*

Warum gerade heute mich dieser Stadtverkehr nervte, wusste ich nicht. Seit der Stadtkern für Fahrzeuge gesperrt wurde, spielte sich der Hauptverkehr um die Innenstadt ab. Jeder, der den Stadtkern betreten wollte oder musste, versuchte so dicht wie möglich dran zu kommen, was zu täglichen Staus und Hupkonzerten führte.

Und wenn man so wie wir, auf die andere Seite der Stadt musste, war ein fließendes Durchkommen fast unmöglich. Tomaso kam mir wieder in den Sinn. Hatte er etwas mit dem Feuer zu tun?

„Alles klar?“, fragte Letizia neben mir.

„Hm… ja. Dass gerade dieses Haus brennen muss, haben die Kinder nicht schon genug Leid ertragen müssen?“

„Du weißt ja gar nicht, wie viel beschädigt ist!“

„Das werden wir gleich wissen.“

Noch einen Straßenzug und ich konnte in die Straße des Kinderheims biegen. Das hieß, ich konnte nicht, ein Wagen der örtlichen Polizei versperrte die Durchfahrt. Im Hintergrund konnte man weitere Wagen der Polizei und Feuerwehr entdecken. Einer der Carabinieri kam  auf uns zu.

„Sie können hier nicht durch, bitte einen anderen Weg nehmen!“

Ich nickte nur und lenkte umständlich den Mini am Carabinieri vorbei und versuchte einen Parkplatz zu finden.

Eine viertel Stunde später standen wir vor dem nächsten Problem, man wollte uns nicht durch lassen. Erst als Letizia Emiliano anrief und der wenig später angetrabt kam, wurde wir durch die Absperrung gelassen.

„Tomaso wurde mittlerweile gefunden. Er hat wohl als erstes das Feuer entdeckt und wollte einschreiten und wurde aber von einem herunter fallenden Holzstück getroffen“, erklärte Emiliano auf dem Weg zum Haus.

„Ist es sehr schlimm?“, fragte Letizia.

„Nein, es ist nur eine Platzwunde, was aber schlimmer ist, Die Schlafräume der Kinder sind durch das Löschwasser bis auf weiteres nicht nutzbar.“

Am Haus angekommen, stieg noch dicker Qualm nach oben, obwohl das Feuer so gut wie gelöscht war.

„Shit“, sagte ich leise, „sieht trotzdem übel aus.“

„Was wird jetzt?“, wollte Letizia wissen.

„Kinder mit leichten Blessuren sind bei den Krankenwägen, der Rest der Kinder; sind im Augenblick bei den Nachbarhäuser des Kinderheimes untergebracht und werden von deren Besitzern versorgt. Aber eine Dauerlösung ist das nicht, die Kinder müssen solange untergebracht werden, bis die Schlafräume wieder trockengelegt sind.“

Das konnte dauern.

„Und was können wir tun?“, fragte ich.

„Telefonieren! Heraus kriegen, wo wir die Kinder so lange unterbekommen.“

„Ich ruf im Verlag an“, kam es von Letizia, die gleich mit ihrem Handy zur Seite ging.

„Wo ist Monsignore Viccario?“

„Der sitz da hinten“, antwortete mir Emiliano, „das alles hat ihm doch sehr zu gesetzt und einen kleinen Schwächeanfall bekommen…, du ich geh wieder hinein. Dana wollte auch noch vorbei kommen…“

Und schon ließ er mich stehen. Wen sollte ich denn anrufen, ob sie ein Kind aufnehmen könnten, überlegte ich, während ich zu Monsignore Viccario lief.

„Hallo Davide…“, rief er, als er mich erkannte, „dass ist alles so schrecklich…!“

„Keine Sorge Monsignore, das bekommen wir alles in den Griff, Hauptsache, es wurde niemand verletzt.“

„Aber was machen wir jetzt mit den Kindern?“

Der alte Mann hatte Tränen in den Augen. Mir fiel meine Mutter ein, im Haus waren immer noch die drei Kinderzimmer.

„Um die wird sich schon gekümmert!“

Ob ihn das beruhigte, sicher war ich mir nicht. Ein Sani kam, mit Tomaso im Arm. Dessen Stirn zierte ein großer Verband. Ich zog Tomaso einfach in meinen Arm.

„Könnten sie sich bitte um Monsignore Viccario kümmern“, sagte ich zu dem Sani, „ihm geht es nicht sonderlich gut.“

Der Mann half dem Monsignore auf und ging den gleichen Weg zurück, den er mit Tomaso gekommen war. Mein Augenmerk galt nun Tomaso.

„Wie geht es dir…Schmerzen?“

Der Junge schüttelte leicht den Kopf, verzog aber sofort das Gesicht.

„Weißt du was, du kommst nachher mit zu uns“, meinte ich ohne groß zu überlegen, „aber erst müssen wir noch den anderen helfen!“

*-*-*

Tomaso war ohne aufmüpfig zu werden, die ganze Zeit an meiner Seite geblieben. Es stellte sich heraus, dass der Verlag eine große Hilfe war. Sofort wurden Schlafplätze für Kinder gesucht, auch im örtlichen Radiosender wurde die Suche bekannt gegeben.

Zwei Stunden später waren so gut wie alle Kinder untergebracht. Sogar in der Nachbarschaft wurden spontan Plätze gefunden.

„Ich bring die zwei gleich zu Mama“, meinte Dana, die zwei kleinere Mädchen an der Hand hatte.

„Warte noch, die Angestellten versuchen Sachen von den Kindern einzupacken und bringen sie dann heraus.“

„Okay, sind dann alle Kinder untergebracht?“

„Soweit ich weiß, ja, aber wir können Emiliano fragen“, antworte ich und zeigte auf ihn, der gerade zu uns stieß.

Er wischte sich über die Stirn.

„Alle fünfzig Kinder sind versorgt, mir fällt echt ein Stein vom Herzen“, meinte er.

„Cool, dass du dich so ins Zeug geschmissen hast“, sagte ich.

„Nicht der Rede wert, habe ich gerne gemacht!“

„Wie bist du überhaupt dazu gekommen, hier zu helfen?“, fragte Dana.

„Ich habe gerade mit Monsignore Viccario telefoniert, als das Feuer bemerkt wurde. Dann bin ich ohne groß darüber nach zudenken hier her gefahren.“

„Wo ist Monsignore Viccario jetzt?“, wollte ich wissen.

„Den haben sie mitgenommen, es wurde mir gesagt, sein Zustand habe sich verschlechtert.“

„Der arme Mann“, kam es von Letizia, die bisher still bei uns gestanden hatte.

Tomaso neben mir schluchzte leise. Erneut zog ich ihn in meinen Arm.

„Das wird schon wieder, der Monsignore wird wieder gesund, der braucht nur ein paar Tage Ruhe.“

Ob das stimmte und Tomaso beruhigte, wusste ich nicht.

*-*-*

„Er schläft“, meinte Jakob, als er die Küche betrat.

„Schönen Gruß von Placido, soll ich ausrichten.“

Ich hatte ihn angerufen und ihn über alles informiert, auch das wir einen neuen Mitbewohner hatten. Er hätte gerne die nächste Maschine genommen, aber ich konnte ihn davon abbringen.

„Danke… und was wird jetzt?“

„Was meinst du?“

Jakob schob eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und setzte diese in Betrieb.

„Den Beutel, den ihr für Tomaso mitgebracht habt, da war nicht viel drin. Also wenn er länger bei uns bleibt, sollte ich einkaufen gehen und ein paar grundsätzliche Dinge für ihn besorgen.“

„Hm, da hast du vielleicht Recht…, hast du überhaupt Zeit dafür?“

„Kein Problem, die Zeit nehme ich mir einfach und vielleicht finde ich ja auch etwas für mich, war schon lange nicht mehr shoppen.“, grinste mich Jakob an.

„Brauchst du Geld?“

„Nein danke, ich habe eine Geldkarte von Placido.“

„Du auch?“

„Klar, oder wer denkst du, füllt denn immer unseren Kühlschrank auf?“

Darauf wusste ich nichts zu sagen und lächelte ihn nur an.

„Schaust du dann nach dem Jungen, wenn ich weg bin?“

„Sicher, ich habe ihn ja auch schließlich mit nach Hause gebracht. Aber warum kümmerst du dich so sehr um ihn?“, fragte ich Jakob.

„Ich weiß wie er sich fühlt…, da ist es gut, wenn immer jemand um ihn herum ist.“

Mir fiel auf, dass ich nie nach Jakobs Familie gefragt hatte. Ich kannte lediglich seine Grandma.

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