Mama strich sich durch ihre Haare, als wollte sie diese wieder in Form bringen.

„Du hast Recht, du steckst wirklich in einem Dilemma.“

Ja, so konnte man es nennen. Der Junge würde mir sicher nie verzeihen, ihn um diese Chance gebracht zu haben.

„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll!“

„Ich schon, du gesellst dich jetzt zu den anderen, bevor die Frage aufkommt, warum du hier alleine sitzt.“

„Du bist bei mir, ich bin nicht alleine.“

„Du weißt, was ich meine! Geh!“

„Was hast du vor?“

„Geh einfach und lass mich das regeln!“

„Aber Mama…!“

„Nichts aber!“

*-*-*

Ich stand am Tor und schaute die Straße entlang.

„Davide?“

Ich zuckte zusammen.

„Was tust du hier draußen?“

Es war Placido, der plötzlich hinter mir auftauchte.

„… die Füße vertreten?“, antwortete ich verlegen.

Nervös blickte ich noch mal die Straße entlang, konnte aber nichts entdecken.

„Was ist, du bist so unruhig?“

Ich atmete tief durch und rieb mir durchs Gesicht.

„Tomasos Eltern sind hier und wollen ihn noch einmal sehen, bevor sie das Land verlassen“, sprudelte es aus mir heraus.

Jetzt, wo Placido direkt vor mir stand, konnte ich das einfach nicht mehr für mich behalten.

„Was? Tomaso alleine?“

„Nein! Mama ist bei ihm!“

„Deine Mutter? Seid ihr verrückt? Was ist, wenn etwas passiert? Warum hast du mir denn nichts gesagt und dir dabei gedacht?“

„Weil sein Vater es  ausdrücklich so gewünscht hat… je weniger Leute es wissen, um so besser für Tomaso!“

Ich war genauso laut geworden, wie Placido. Er hatte seine Hände in die Seiten gestemmt und kam mir bedrohlich nahe.

„Hast du denn so wenig Vertrauen in mich?“

Waren das Tränen in seinen Augen?

Mein Blick wanderte zu Boden.

„Das…, das hat damit nichts zu tun! Ich bin schon den ganzen Mittag hin und her gerissen, ob ich es dir sagen sollte… und ich weiß selbst, dass es besser gewesen wäre, die Polizei zu rufen.“

Ich war wieder leise geworden. Placido hob die Hand und drückte mein Kinn hoch, so dass er in meine Augen sehen konnte.

„Warum muss dieser Mann, den ich so liebe, immer alles mit sich selbst ausmachen! Partnerschaft heißt, nicht nur die schönen Momente zu teilen…, auch das Leid.“

„Ich weiß…“

Tränen steigen in mir auf.

„Ich verstehe dich besser als du denkst, Davide, du hättest es mir sagen sollen. So wichtige Entscheidungen solltest du nicht alleine treffen müssen! Wo sind die beide jetzt?“

„Sie sind die Straße da runter…“

Placido griff nach meiner Hand und zog mich in die Richtung.

„Komm, wir schauen nach!“

Es erübrigte sich aber, denn Mama und Tomaso kamen genau in diesem Augenblick um die Ecke gebogen. Abrupt blieben wir beide stehen. Mama hatte Tomaso im Arm, er schien zu weinen. Es dauerte  etwas, bis die beiden uns erreicht hatten.

„Alles okay?“, fragte Placido.

Meine Mutter schaute ihn an.

„Das kannst du sehen, wie möchtest! Sie sind weg… auf Nimmerwiedersehen!“

Sie schaute zu dem Jungen und streichelte ihn über den Kopf.

„Aber ich gebe ihnen Recht, es ist besser… für alle! Es wäre kein Leben für Tomaso gewesen und ich hoffe, tief in meinem Herzen, dass Tomaso, das irgendwann richtig verstehen wird!“

Tomaso wimmerte und schaute auf eine kleine Kiste, die er in Händen trug. Mama schob den Jungen zu Placido, hängte sich bei mir ein und zog mich Richtung Tor.

*-*-*

Mama war mit Papa und den Mädchen bereits gegangen, Tomaso mit Nino auf seinem Zimmer. Der Rest saß um uns versammelt an den Tischen. Die Box, die Tomaso von seinen Eltern erhalten hatte, stand auf dem Tisch in der Mitte.

„Also manchmal zweifle ich wirklich an dir“, sagte Dana, „das hätte verflucht ins Auge gehen können und dass du Mama da noch mit hineingezogen…“

„…das war allein Mamas Entscheidung!“, fiel ich ihr leicht angesäuert ins Wort.

Warum war jetzt jeder sauer auf mich? Ich spürte Placidos Hand auf meiner Schulter, wie sie sanft zudrückte.

„Du hörst ja auch immer auf das, was Mama zu dir sagt!“

Der sarkastische Unterton, war nicht zu überhören.

„Leute, jetzt fangt nicht an zu streiten!“, mischte sich Letizia ein, „es ist nichts passiert! Wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir weiter verfahren?“

„Was meinst du?“, fragte ich verwundert.

Sie zeigte auf die Box.

„Das kann Tomaso auf keinen Fall behalten, das Geld ist sicher aus ihren Betrügereien!“

Tomasos Eltern hatten ihrem Sohn einen nicht ganz geringen Geldbetrag hinterlassen.

„Da gebe ich Letizia Recht“, sagte Emiliano, „wenn das heraus kommt, könnte der Junge massiv Probleme kriegen und ihr auch! Das Geld zur Polizei bringen, könnt ihr aber auch nicht, dass würde ebenso Schwierigkeiten verursachen!“

„Das weiß ich selbst!“

„Schmeißt es in den Grill!“, kicherte Emilio, der wohl schon etwas zu viel Rotwein intus hatte.

„Ach ihr!“, meinte Dana verärgert und lief zum Grill hinüber.

„Wenn wir es anonym spenden?“, schlug Placido vor.

„Spenden?“, fragte Letizia.

„Ja, spenden! Dann haben Tomasos Eltern mit ihrem ergaunerten Geld, wenigstens etwas Gutes getan!“

Ich schaute meinen Schatz zweifelnd an, aber er hatte Recht, es wäre eine Möglichkeit.

„Ob da Tomaso überhaupt mit einverstanden ist?“, sagte Emiliano.

„Also ich denke, Tomaso weiß ganz gut, was Recht und Falsch ist! Er wird verstehen, dass er dieses Geld nicht behalten kann“, verteidigte Placido den Jungen.

Mühsam drückte ich mich vom Stuhl hoch, schob die Box zu meinem Schatz.

„Was soll ich mit der Box und wo willst du hin?“

„Es war dein Vorschlag… und ich geh zu Tomaso!“

„Ich kann das nicht, jeder wird doch denken, das Geld ist von mir!“, sagte Placido und schob die Box Richtung Emiliano.

„Ich?“

Emiliano zeigte auf sich.

„Ja, gib sie Monsignore Viccario und sage die ist anonym gespendet worden?“

„Ich lüg doch nicht den Monsignore an!“

„Ich sag doch, schmeißt sie ins Feuer!“, rief Emilio lachend.

*-*-*

Ich klopfte an Tomasos Tür. Ich wollte ihn und Nino ja nicht bei irgendeiner verfänglichen Situation ertappen.

„Ja?“

„Ich bin’s, kann ich rein kommen?“

„Ja…, natürlich Davide.“

Ich schob die Tür auf und lugte hinein. Am Fenster standen Kerzen, die brannten, ansonsten gab es keine Lichtquelle. Nino saß im Bett, an das Rückenteil gelehnt, Tomaso vor ihm, sein Kopf ruhte auf Ninos Schoss.

„Ich wollte eigentlich nur fragen, wie es dir geht?“

„Traurig, aber besser.“

Ich betrat den Raum und verschloss die Tür hinter mir. Tomaso wollte sich aufsetzten, aber Nino entließ ihn nicht aus seinen Armen.

„Bitte Nino…“

Nino hob die Arme, Tomaso setzte sich auf, aber um sich gleich wieder an Nino zu kuscheln.

Dann senkte Tomasos Freund seine Arme wieder. Die zwei gaben ein süßes Bild ab.

„Es ist ein komisches Gefühl…“, redete Tomaso weiter, „ich vermisse sie zwar jetzt schon, aber mit ihnen leben, dass wollte ich nicht! Ständig auf der Flucht, sie immer verstecken müssen…, das ist das Leben meiner Eltern, aber nicht meins!“

Er schien es wirklich langsam zu verstehen. Ich ließ mich auf der Bettkante nieder.

„Hast du deshalb nein gesagt, als sie fragten, ob du mitmöchtest?“

„Woher weißt du?“

„Mama…, sie hat mir alles erzählt.“

„Ach so…, ja deswegen! Und… es ist das erste Mal, seit ich ins Heim kam, dass ich mich mit anderen in der Schule angefreundet habe, ich habe Nino… euch zwei… ich möchte das nicht aufgeben, nur um mit meinen Eltern zusammen sein zu können. Das hier ist mir alles viel zu wichtig!“

Er hatte sich entschieden und das war gut so.

„Weißt du schon, wie es weiter geht…, das Geld kannst du auf alle Fälle nicht behalten, denn wir wissen nicht, wo es herstammt.“

„Das weiß ich, ich hätte es auch nicht gewollt. Ich konzentrier mich zusammen mit Nini, erst einmal auf unseren Abschluss. Dann dachten wir drüber nach, ob wir für ein Jahr auf die Lorenzo de Medici Uni gehen, um ein Zertifikat der Gastronomie zu erlangen.“

„Ihr wollt Köche werden?“, fragte ich verwundert.

Nino fing an zu lachen.

„Nein“, kicherte Tomaso, „wir wollen einfach Kochen lernen, das Basiswissen erlangen und das Jahr nutzen, noch besser Englisch zu lernen, weil wir beide dass für die nächsten Studiengänge brauchen.“

Ich war überrascht, wie die beiden bereits ihre Zukunft geplant hatten. Aber ich fand es gut, das Tomaso in die Zukunft blickte und nicht zurück.

„Und was wollt ihr studieren?“, fragte ich neugierig.

„Schmuckdesign“, antwortete Nino.

„Schmuck?“

Nino lächelte breit.

„Ja, Nino interessiert sich sehr für Schmuck und hat auch schon ein paar Sachen selbst gemacht! Die Kette hier ist auch von ihm!“

Tomaso pfriemelte unter seinem T Shirt eine Kette hervor, die ich bis jetzt noch nicht an ihm bemerkt hatte.

„Ist die neu?“

„So gesehen ja, ich habe sie extra für Tomaso gemacht, denn wir sind nun drei Monate zusammen!“

„Oh Glückwunsch ihr beiden! Erzählt es aber Placido nicht!“

„Ähm wieso?“, wollte Tomaso wissen.

„Weil er dann auf verrückte Ideen kommt und mir alle drei Monate etwas schenken zu wollen!“

Die beiden fingen an zu lachen. Ein reines und natürliches Lachen.

„Und du willst nun ebenso diesen Studiengang einschlagen?“

„Nein, ich werde versuchen, einen Platz im Florenz Institut für Grafikdesign zu bekommen.“

„Grafikdesign? Das ist ja eine ganz andere Richtung, wie kommst du da drauf?“, fragte ich.

„Placido hat mich drauf gebracht“ Es macht zwar Spaß mit Pinsel und Farben ein Bild zu erschaffen, aber Grafikdesign am Computer, da habe ich später viel mehr Möglichkeiten welche Sparte ich einschlagen möchte.“

Ich konnte kaum glauben, dass da Tomaso vor mir saß. Er sprühte vor Energie und hatte richtige Pläne für seine Zukunft.

„Überraschend aber gut! … okay, ich werde dann mal wieder gehen… Ich wünsche euch beiden eine gute Nacht!“

Ich erhob mich. Tomaso riss sich los, krabbelte über sein Bett und fiel mir um den Hals.

„Danke Davide, danke dass du für mich da bist!“

Ich klopfte ihm sanft auf den Rücken.

„Nicht dafür, Tomaso…, nicht dafür!“

*-*-*

Morgen würden alle wieder auf der Matte stehen und uns helfen, alles aufzuräumen. Ich stand im Wohnbereich und war froh, dass wir uns für einen größeren Tisch mit mehr Plätzen entschieden hatten.

Der ursprüngliche antike Tisch mit den vier Stühlen, den er sich damals ausgesucht hatte, stand jetzt in Tante Valeries Wohnung. So hatten wir immer ausreichend Platz für Besuch. Wie eben der Morgen am Sonntag. Man war überein gekommen, gemeinsam zu brunchen, um auch noch die letzten Reste vom Grillabend zu vertilgen.

„Ach hier bist du“, hörte ich es hinter mir.

Placido war gekommen.

„Ja, was hat dich aufgehalten?“

„Emiliano, ihm ist es immer noch nicht Recht, das Geld weiter zu leiten.“

„Dann müssen wir uns etwas anderes überlegen!“

„Nein, Emiliano möchte ehrlich zum Monsignore sein, mehr nicht. Was anderes, den beiden da drüben scheint es gut zu gehen“, er zeigte Richtung Tomasos Zimmer, „ich habe euch sogar noch unten lachen hören.“

„Ja. Ich fand sogar sehr gut! Wir haben von der Zukunft und Träumen geredet.“

„Die zwei haben Zukunftspläne?“, fragte Placido überrascht, bekomm ich einen Schwiegersohn?“

Placido grinste breit.

„Ach du!“, ich stubste ihn leicht in die Seite, „nein die beiden haben mir erzählt, was sie nach der Schule machen möchten. Lass uns noch ein bisschen vors Kamin sitzen.“

Beide ließen wir uns auf der Couch nieder.

„Oh, das hört sich interessant an.“

„Du wirst genauso überrascht sein, wie ich! Die beide wollen nach ihrem Schulabschluss die Lorenzo de Medici besuchen, um ein Zertifikat für Gastronomie zu erlangen!“

„Die beide wollen Koch lernen, wollen sie ein Restaurant eröffnen, oder unten das Cafe übernehmen?“

Ich konnte nicht anders und musste lachen.

„Nein, die Idee ist zwar gut, aber die beiden wollen einfach kochen lernen.“

„Das können sie auch bei uns, dafür müssen die beiden nicht extra auf die Uni gehen.“

„Lass sie, dass ist Tomasos und Ninos Entscheidung, wir können sie dabei ja unterstützen, soweit es uns möglich ist.“

„Ich dachte nur, dass sie sich dieses Jahr sparen könnten, und gleich richtig mit studieren anfangen können.“

„Tomaso hat auch noch gesagt, dass sie ihr Englisch in diesem Jahr verbessern möchten, weil sie es für später brauchen.“

„Wollen die beide in Amerika studieren?“

„Keine Sorge, sie bleiben uns beide erhalten, aber sie brauchen für ihre Studiengänge das Englisch, beides wird in Englisch abgehalten. Nino Schmuckdesign und Tomaso Grafikdesign.“

Überrascht schaute mich Placido an.

„Grafikdesign… okay, das erstaunt mich jetzt wirklich.“

„Wieso, dachtest du, er tritt in deine Fußstapfen und wird Maler.“

„Och…wünscht sich so etwas nicht jeder Vater?“

Meine Mundwinkel gingen nach oben.

„Tomaso ist unser Pflegekind, nicht unser Sohn!“

„Aber für mich ist er schon wie ein Sohn und außerdem…“

Placido brach mitten im Satz ab. Was kam jetzt?

„… was außerdem?“

Verlegen schaute Placido plötzlich ins Feuer.

„Placido, was meinst du mit außerdem, was hast du wieder ausgeheckt?“

„Ich… ich habe Noah beauftragt, sich schlau zu machen, was wir alles für eine Adoption bräuchten.“

Ich atmete tief durch. Wir hatten zwar darüber schon gesprochen, aber nichts entschieden.

„Placido, ist das nicht etwas schnell? Dazu müssten wir alle drei in die Staaten fleigen und wir beide erst einmal richtig verheiratet sein!“

„Willst du mich nicht mehr?“

Wieder dieser trotzig, kindliche Ton. Dazu zog er seine Unterlippe zum Schmollmund nach vorne. Genervt piekte ich ihm in die Seite und Placido zuckte zusammen.

„Placido…, dass muss alles genau durchdacht und geplant werden, das kann man nicht gerade so „hob la hob“ machen.“

„Deshalb habe ich Noah ja den Auftrag gegeben, damit wir vorbereitet sind und planen können und zu Weihnachten…“

„Was ist an Weihnachten?“

„Deine Eltern wären da in New York und ich dachte…“

Da wusste Placido wieder mehr als ich.

„… und du dachtest, kommt fliegen wir schnell rüber und heiraten, nebenbei adoptieren wir noch Tomaso.“

„Ihr wollt mich wirklich adoptieren?“

Beide fuhren wir zusammen, denn keiner von uns hatte Tomaso und Nino bemerkt. Beide standen nur in Shorts und Shirt in der Tür.

„Sorry, Tomaso wollte uns noch eine heiße Milch machen“, zerbrach Nino die Stille im Raum.

Na toll, jetzt war die Katze aus dem Sack und ich wusste gerade nicht, was ich sagen wollte. Tomaso umrundete die Couch und drückte sich zwischen uns.

„Ähm, wir haben uns das überlegt…“, begann Placido.

Groß überlegt haben wir gar nichts, es wurde nur kurz darüber gesprochen. Aber Placido war derjenige, der gerne Nägel mit Köpfen macht.

„Dürfen schwule Paare überhaupt Kinder adoptieren?“

Diese Frage kam überraschenderweise von Nino. Mich wunderte immer wieder, wie offen und frei dieser Junge mit der ganzen Thematik umging. Er hatte sich auf dem Sessel gegenüber nieder gelassen.

„Nicht hier, in den Staaten darf man als verheiratetes schwules Paar auch Kinder adoptieren“, erklärte ich.

„Muss man für do etwas nicht amerikanischer Staatsbürger sein?“

Oh, der Junge war gut, er schien sich aber ebenso in die Richtung informiert zu haben.

„Bin ich und Davide hier, ist mit mir in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft, da hat er automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft“, antwortete ihm Placido.

„Ihr wollt das wirklich durchziehen?“

Nun hatte Tomaso wieder unsere volle Aufmerksamkeit.

„Wie viel hast du mitbekommen?“, wollte Placido wissen.

„Dass Oma in Amerika ist und ihr heiraten wollt…“

Jetzt war ich doch ein wenig gerührt, er sagte zu Mama schon Oma.

„Oma?“ harkte Placido nach.

„Ja, Davides Mama hat sich bei meinen Eltern als meine zukünftige Oma vorgestellt.“

Jetzt war ich wirklich platt, dass hatte Mama mir nicht erzählt. Placido schaute mich funkelnd an. Wusste sie auch schon mehr, wie ich? Placido atmete tief durch.

„Tomaso, seit ich weiß, dass Frauen kein großes Thema in meinem Leben spielen werden und ich deswegen auch keine eigenen Kinder mein eigen nenne kann, habe ich dieses Thema schlicht weg verdrängt. Doch dann trat Davide in mein Leben und mein Traum, vielleicht eine eigene Familie zu gründen, drängte sich plötzlich wieder in den Vordergrund.“

Darüber hatte Placido mit mir so noch nie geredet.

„Du wünschst dir eine Familie?“

„Klar, wer wünscht sich das nicht? Du weißt, dass ich keine Eltern mehr besitze, sie sind damals, als ich noch jünger war, als du gerade jetzt, bei einem Verkehrsunfall um Leben gekommen. Aufgewachsen, bin ich bei meiner Großmutter, so wie Jakob.“

„Jakob hat auch keine Eltern mehr, dass wusste ich nicht?“

„Seine Mutter ist verstorben und sein Vater… wie deiner verschwunden.“

„Das wusste ich nicht…“, sagte Tomaso und starrte ins Feuer.

„Deswegen ist der Wunsch auf eine Familie bei mir größer, als bei anderen. Außer Tante Valerie und Noah, habe ich keine direkten Verwandten mehr.“

„Noah?“

Stimmt, Noah konnte der Junge noch nicht kennen, denn der war schon in den Staaten, als Tomaso hier zum ersten Mal zur Zeichenschule kam.

„Mein Cousin, Tante Valeries Sohn. Er ist in den Staaten und leitet dort meine Agentur.“

Tomaso wusste noch recht wenig über seinen sogenannten Pflegevater, stellte ich fest. Ich stand auf, ging zur Küchenzeile hinüber und stellte einen Topf auf die Gasflammen. Irgendwer musste ja die Milch heiß machen.

„Agentur?“, fragte nun Nino neugierig.

Placido schaute zu mir herüber.

„Wartet ihr hier kurz, ich zieh mir schnell etwas Bequemeres an…“, sagte Placido und verschwand.

„Hast du davon gewusst?“, fragte Nino.

Tomaso schüttelte den Kopf.

Ich holte vier Gläser aus dem Schrank, denn ich dachte Placido und mir würde ein Glas heiße Milch genauso gut tun, wie den Jungs. Placido kam zurück und er hatte sich in Rekordzeit seiner Kleidung entledigt und setzte sich, nur in Shorts und Shirt bekleidet, wieder neben Tomaso hin.

Nino fiel die Kinnlade herunter und konnte sich ein lautes „Wow“ nicht unterdrücken. Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen. Tja Placidos geballte Männlichkeit, war nur schwer zu ertragen.

„Was ist?“, fragte Placido scheinheilig, denn er wusste genau, wie er auf andere wirkte.

Die Milch fing an zu Kochen und ich zog den Topf vom Feuer.

„Nino hat dich so noch nie gesehen…“, kicherte Tomaso.

Ich verteilte die Milch und trug sie paarweise zum Couchtisch rüber. Dabei fiel mir auf, dass Ninos Beine, genauso stark behaart waren, wie die von Placido.

„Wieso? Was ist anders als sonst?“

Ich kam mit Placido und meinem Glas zurück und ließ mich auf meinem Platz nieder. Mit meinem Jogginganzug kam ich mir jetzt etwas overdresst vor.

„Sicher nicht dein muskulöser Oberkörper, oder deine stark behaarte Brust, die Nino nicht hat“, meinte ich grinsend.

Ninos Hand fuhr hoch, als wollte er seine Brust verdecken, die eh im T Shirt steckte. Als würde er sich schämen total blank zu sein. Zudem wechselte seine Gesichtsfarbe in tiefrot. Tomaso setzte sich nun im Schneidersitz hin und kuschelte sich an Placido. Auch fiel mir auf, dass die Hand des Jungen nun auf Placidos nackten Oberschenkel ruhte.

„Sorry…“, sagte Nino plötzlich, „ich… ich habe zwar schon viele Männer so gesehen… Papa auch schon nackt…, aber keiner sah so gut aus, wie Placido!“

Hoppla, mit so einem direkten Kompliment hatte ich nicht gerechnet.

„Danke!“, sagte ein strahlender Placido.

„Wolltest du nicht mehr über dich erzählen?“, wechselte ich absichtlich das Thema.

„Willst du dich nicht vorher umziehen? Etwas Bequemeres?“, fragte Placido mit einem frechen grinsen.

Placidos Stimme ließ es mir heiß und kalt den Rücken herunter laufen, ich bekam eine leicht Gänsehaut.

„Wieso? Ich fühle mich ganz wohl in meinen Klamotten!“

„Nino weiß doch, wie Davide aussieht“, kam es von Tomaso und fing an zu kichern.

„Wann hat Nino das gesehen?“

Placido stellte die Frage, die mir nun auf der Zunge brannte.

„Ich habe Nino das Bild gezeigt…“, kam es kleinlaut von Tomaso.

Ich verdrehte die Augen. Nicht auch das noch. Sollte ich das Bild nicht gleich in den Flur hängen, dass es wirklich jeder sieht.

„Das Original ist viel besser!“, meinte Placido und ich verschluckte mich an meiner gerade getrunkenen Milch.

Ich musste husten, während Tomaso und auch Nino zu kichern anfingen. Aber nicht, weil ich mich verschluckte, sondern weil nun Milch auf meinem Oberteil war. Ohne ein Wort zu verlieren, stand ich auf und verließ den Raum.

Wenn ich gewusst hätte, dass dieses Bild so ein Aufsehen erregte, hätte ich es lieber in einem Kämmerchen verschwinden lassen. Noch im Flur zog ich mir mein Oberteil über den Kopf und ließ es im Badezimmer in der Box verschwinden.

Die Hose gab ich gleich dazu. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit. Ich konnte, wenn ich wollte, genauso gemein sein. Ich lief zum Schrank im Schlafzimmer und zog einer meiner Muskelshirts heraus.

Dies war an den Seiten weiter ausgeschnitten, als die anderen. Je nachdem wie ich mich hinsetzte, konnte man von der Seite aus, meinen kompletten Oberkörper sehen. Eine extrem kurze Shorts folgre. So bekleidet lief ich zurück in den Wohnraum.

„Deshalb die Agentur in New York. Noah vertritt meine Angelegenheiten und regelt meine Termine in den Staaten?“, hörte ich Placido erklären.

„So wie Jakob hier?“, fragte Tomaso.

Ich schloss die Tür hinter mir und lief wieder zur Couch. Natürlich nahm ich Placidos begehrliche Blick war, auch das Nino, das Kissen hinter sich nach vorne zog und plötzlich auf seinen Schoss legte.

Mit einem breiten Grinsen setzte ich mich wieder neben Tomaso.

„Ihr müsst wissen, dass ich bevor ich Davide näher kennen lernte, meist in einem Hotel wohnte. Und durch Davide wurde dann der Wunsch nach einem Zuhause stark“, erzählte Placido weiter, als wäre nichts gewesen.

„Deswegen hast du dieses Haus gekauft?“, fragte Tomaso.

„Nein, das hat mir bereits gehört, es ist mein Familienhaus. Früher war hier die Ledermanufaktur meiner Eltern.“

„Ledermanufaktur Romano“, sagte Nino leise.

Amüsiert sah ich, dass er immer noch etwas verklemmt mir gegenüber saß. Die Beine zusammen gepresst und das Kissen verdeckte den Blick auf die Shorts.

„Genau. Du kennst sie?“, fragte Placido.

Wenn ich jetzt fies gewesen wäre, hätte ich mich breitbeinig hingesetzt und so mögliche Einblicke in meine Shorts gegeben, aber das wollte ich Nino jetzt wirklich nicht antun.

„Darauf bin ich gestoßen, als ich ein Armband suchte, die mit Schmuck und Leder zu tun hatten.“

„Du willst Schmuckdesign studieren hat mir Davide erzählt.“

Nino schien sich leicht zu entspannen, denn seine Beine waren plötzlich nicht mehr so dicht aneinander gepresst.

„Ja, ich find es einfach cool, Schmuck selbst zu entwerfen? Silber ist einfach ein schöner Werkstoff.“

„Gold auch!“

„Ja, aber silber gefällt mir besser!“

„Du sagtest Armband?“

„Ja, ich wollte erst Tomaso ein Lederarmband mit einem Silberschmuckstück von mir schenken. Aber ich kenne mich mit Leder zu wenig aus, da habe ich mich für die Kette entschieden.“

Tomaso zog erneut die Kette unter seinem T Shirt hervor.

„Schönes Stück, bekomme ich auch so eine?“

„Das gefällt dir?“, fragte Nino verwundert.

„Ja klar, warum nicht?“

„Ich dachte, dir gefällt ehr Gold.“

„Hast du an mir schon etwas Goldenes entdecken können?“

Placido hob seine Hand.

„Davide und mein Ring sind ebenso aus silber.“

Auch ich hob nun meine Hand und zeigte meinen Ring.

„Könnten wir vielleicht bitte wieder über die Adoption reden?“, sagte Tomaso plötzlich.

Mist, er hatte das nicht vergessen.

„Sorry Tomaso, Placido neigt öfter mal dazu, recht ausschweifend zu sein“, sagte ich lächelnd.

Mein Schatz schaute mich etwas vorwurfsvoll an.

„Um das Ganze zu verkürzen, als Placido und ich wieder näher kamen…“

„Wieder?“, kam es nun neugierig von Nino.

Schon bereute ich es, das gesagt zu haben. Tomaso sah mich nun auch fragend an. So blieb mir nichts anderes übrig, genauso ausschweifend wie Placido zu werden und auch dies zu erzählen.

So berichtete ich kurz, über den Urlaub, wo ich Placido kennen gelernt hatte. Meine Abfuhr, seine Abreise und das Wiedertreffen im Museum. Auch den Streit Eltern und Geschwister ließ ich nicht aus. Als ich auf das Thema Ethan zu sprechen kam, wurden die beiden Jungs sehr still. Als ich mit meinen Erzählungen endete, schaute mich Tomaso und Nino mit großen Augen an.

„Das ist wirklich alles so passiert?“, fragte Tomaso.

Mein Kopf bejahte das mit einem Nicken. Nino rieb sich über die Arme.

„Boah ich krieg Gänsehaut, wenn ich an die Waffe denke“, sagte Nino.

„Deswegen seid ihr so gut mit Commissario Lombardo bekannt…, ich wunderte mich schon“, sagte Tomaso.

„Jetzt verstehst du es vielleicht etwas besser, warum wir gerade dich ausgesucht haben“, fügte Placido hinzu.

„Die Adoption…, ihr beide wollte eine richtige kleine Familie!“

Placido und ich sagten fast gleichzeitig ja. Das Feuer war mittlerweile fast herunter gebrannt und es machte sich leichte Kühle im Zimmer breit.

„Ich denke, es ist besser, wir gehen jetzt alle ins Bett, sonst sind wir morgen“, mein Blick fiel auf die Uhr, „ähm… später, wenn die anderen kommen, nicht ausgeschlafen.“

*-*-*

Wir hatten Glück, denn niemand stand schon um zehn Uhr auf der Matte, so konnten wir diesen Sonntag ruhig angehen lassen. Die Jungs waren komisch fit, obwohl sie zur gleichen Zeit zu Bett gegangen waren, wie wir.

Vielleicht lag es aber auch am Rotwein, den ich gestern intus hatte. Genauso müde wie vorher kam ich aus dem Bad, die Dusche hatte nicht geholfen. Placido und die zwei Jungen waren bereits drüben in der Küche, ich konnte sie lachen hören.

Es freute mich, dass sie so ausgelassen sein konnten, war es doch nicht all so lange her, dass Tomaso in seinen eigenen Gedanken gefangen war. Ich zog mich gerade an, als sich die Gegensprechanlage vom Tor bemerkbar machte.

Kam doch jemand früher? Ich ließ das Shirt über meinen Kopf rutschen, dann war ich fertig. Als ich in den Flur trat, war ich doch ein wenig überrascht. Stellario stand dort mit Placido.

„Guten Morgen, Stellario, musst du nicht arbeiten?“, fragte ich.

„Morgen Davide, doch muss ich, aber mir schien dies hier wichtiger!“

Er hielt mir einen Umschlag entgegen.

„Was ist das?“

„Schau es dir selbst an.“

Ich nahm den Umschlag, öffnete ihn und zog ein Blatt hervor. Darauf war eine gezeichnete Person abgebildet. Tomasos Vater.

„Aber…“

„Das wurde mir von einem Informant gegeben“, fiel mir Stellario ins Wort, „das ist eine Zeichnung zur Personenbeschreibung, der Signore Gallis Wagen aufgebrochen hat!“

„Ich verstehe nicht…“

„Nino hat mir erzählt, dass Tomaso ihm so vom Tattoo seines Vaters vorgeschwärmt hat, … der Anker mit Globus…“

Stellario zeigte auf die Zeichnung. Ich schaute kurz zu Placido.

„Du weißt was das heißt?“, fragte mich mein Schatz.

Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch.

„Stellario, darf ich dir einen Kaffee anbieten?“, fragte Placido.

„Nein, danke! Ich muss gleich wieder zurück. Aber wenn ich kurz meinen Sohn sehen dürfte?“

Tomasos Vater hatte Moretti von der Straße gedrängt. Wieso? Was wollte er damit erreichen? Was hatte der Vater mit Moretti zu schaffen?

„Aber klar doch! Nino kommst du mal bitte!“, drang es nun wieder an mein Ohr.

Ich steckte das Blatt in den Umschlag zurück.

„Papa, was machst du denn hier?“

„Ich war gerade in der Gegend, aber darf ein Vater seinen Sohn nicht sehen?“, fragte Stellario

„Nino umarmte sein Vater, während sich Tomaso zu Placido stellte. Dieser legte seinen Arm um ihn.

„So, jetzt muss ich aber, du machst mir keine Schande, okay!“

„Papa, ich bin immer brav!“

Stellario fing an zu grinsen.

„Wir sehen uns dann heute Abend… Placido… Davide…“

Tomaso wuschelte er kurz über den Kopf.

„Ciao Papa“, rief ihm Nino hinterher.

Ich schloss die Wohnungstür. Placido schob die beiden Jungs zurück in die Küche. Nachdenklich folgte ich ihnen.

*-*-*

Während die anderen um meinen Schreibtisch herum standen und sich unsere Arbeit der Albumrettung anschauten, zog ich Letizia zur Seite. Wie Placido und ich mit diesem Wissen weiter verfahren würden, wussten wir nicht, aber wir wollten Letizia einweihen, da sie es ohnehin am Montag wahrscheinlich selbst erfahren würde. Ich reichte ihr den Umschlag.

„Was ist das?“, fragte sie leise.

„Schau hinein, morgen wirst du es eh erfahren!“

Sie zog wie ich am Morgen das Blatt heraus und warf ein Blick darauf.

„Aber das ist doch…!“

„Ja genau und nach dieser Person soll gefahndet werden, weil er Gallis Wagen aufgebrochen hat. Stellario hat mir das heute Morgen gebracht.“

„Mist…, was machen wir jetzt, der Junge wird das so oder so erfahren!“

Letizia hatte wohl eins und eins zusammen gezählt und sofort dabei an Tomaso gedacht.

„Das wissen wir eben nicht, deswegen zieh ich ja dich zu Rate.“

„Du solltest vielleicht doch zur Polizei gehen.“

„Und seinen Vater verraten…?“

„Ich bin mir sicher, sie wissen, dass es sein Vater ist… Du sagtest, es gäbe Fingerabdrücke und bei so vielen Vergehen, ist sein Vater sicher erfasst!“

Da hatte sie Recht. Aber was sollte ich dann noch bei der Polizei.

„Erzähl ihnen, dass sein Vater den Jungen getroffen und er anschließend das Land verlassen hat.“

„Was tuschelt ihr zwei da drüben?“, hörte ich plötzlich Emilio rufen.

„Wir haben… über etwas Berufliches geredet“, sagte Letizia.

„Kann das nicht bis morgen warten, wir haben Sonntag!“

„Ja du hast ja Recht, Emilio“, meinte Letizia, steckte die Zeichnung zurück in das Kuvert und reichte es mir.

Ich ließ es in einer Ablage verschwinden.

„Wollt ihr noch den Umschlag sehen, den Tomaso mit mir entworfen haben?“, fragte Placido.

Geschicktes Timing! Alle folgten ihm hinüber in Placidos Atelier.

*-*-*

Es war schon später Mittag, als alle endlich gegangen waren. Tomaso war auf seinem Zimmer, denn Nino musste ja irgendwann wieder Hause.

„Sollen wir das wirklich tun?“, fragte ich Placido.

„Wieso nicht? Deine Mama war mit Tomaso unterwegs und hat dabei Tomasos Eltern zufällig getroffen. Sie hat es uns erzählt und nur wissen wir davon. Mit uns beiden kann man das dann nicht in Verbindung bringen!“

„Wie sich das anhört, als wollten wir uns vor der Verantwortung drücken! Wird Mama dann  keinen Ärger bekommen?“

„Wieso sollte sie, es war ein rein zufälliges Treffen, dazu kann sie nichts. Darüber sollten wir uns aber mit deiner Mutter vorher absprechen!“

„Mir ist bei der ganzen Sache gar nicht wohl. Und wie wird Tomaso reagieren, wenn er erfährt, dass sein Vater wahrscheinlich Moretti umgebracht hat?“

„WAS HAT ER?“

Placido und ich fuhren zusammen, beide hatten wir nicht mitbekommen, dass Tomaso den Raum betreten hatte. Der Junge stand an der Tür, sank auf die Knie und fing an zu schluchzen.

Beide gingen wir zu ihm hin. Placido packte ihn und trug ihn zur Couch.

„Das wollte ich nicht…“, meinte ich leise.

Placido schaute mich vorwurfsvoll an.

„Jetzt mach du mir nicht auch noch schlapp! Tomaso hätte das sicher morgen erfahren. Wer weiß, wenn er schon in der Schule gewesen wäre…, nicht auszudenken! So ist es mir lieber, er ist hier bei uns daheim.“

Placido hatte sich gesetzt, mit Tomaso auf dem Schoss. Dieser schluchzte laut und hatte sein Gesicht in Placidos Brust vergraben.

„Was wollen sie mir noch alles antun?“, hörte ich Tomasos weinerliche Stimme.

Er hatte Recht, es war einfach zu viel, was der Junge ertragen musste. Mit tat das so unendlich weh, ihn so leiden zu sehen. Mir fiel dieser blöde Spruch ein, lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende.

Aber wie lange dauerte dieses Ende noch. Was wurde noch alles ans Tageslicht befördert. Ich war mir aber sicher, dass alles, was mit der Sache zu tun hatte, nie vollständig aufgedeckt würde. Aber das alles half Tomaso jetzt nicht.

Kaum hatte er sich eine kleine Welt geschaffen, hat sein Vater sie wieder zerstört.

„Davide?“

„Hm?“

Placido hatte mich aus meinen Gedanken gerissen.

„Irgendetwas stimmt nicht mit Tomaso…, ich glaube er ist ohnmächtig geworden!“

Erst jetzt sah ich mir Tomaso wieder genauer an. Er hing schlaff in Placido Armen.

„Placido, ich glaube es ist besser, wir fahren ins Krankenhaus.“

„Meinst du wirklich, vielleicht braucht er einfach nur Ruhe.“

„Nein, komm, mir ist das lieber ein Arzt schaut nach ihm.“

„Okay, wir nehmen aber meinen Wagen, da kann ich mich mit ihm auf die Rückbank setzten.“

*-*-*

Während Placido mit dem Arzt redete, saß ich am Bett von Tomaso. Ich hatte seine Hand genommen und strich mit meinem Daumen über den Handrücken. Ich musste mich wirklich beherrschen, nicht einfach los zu heulen.

Tomasos Körper hatte die Notbremse gezogen. Der Arzt meinte, ein klassischer Nervenzusammenbruch. Ich schloss die Augen. Aber doch nicht in diesem Alter! So etwas hätte locker jeder Erwachsene aus der Bahn geworfen, wie sollte dann dieser Junge damit fertig werden. Die Tür wurde aufgezogen und Placido kam herein.

„Mit den Formalitäten habe ich geregelt und sie behalten ihn hier, bis er wieder aufwacht, sollen wir…“

„… ich bleib bei Tomaso!“, fiel ich ihm ins Wort.

„Davide, sei vernünftig, sie haben ihm ein Mittel gespritzt, er wird bis morgen sicher durchschlafen!“

„Ich lasse Tomaso jetzt nicht alleine, Placido!“

Mein Blick war mehr flehend, denn ich wusste nicht, ob Placido mich verstand. Auch wenn er schlief, war ich der Meinung, er soll spüren, dass jemand da ist. Placido strich mir sanft über die Wange und gab mir ein Kuss.

Er zog leise den anderen Stuhl zu mir und setzte sich.

„Ich weiß selbst, dass wir beide unsere Prioritäten im Bezug auf Tomaso ändern müssen. Daran muss ich mich erst gewöhnen.“

Placido schaute in die Luft, atmete tief durch und strich sich durch das Gesicht.

„So langsam verstehe ich dich, wenn du sagst, dass ich immer vorschnell handle. Ich gebe zu, ich bin mir nicht ganz sicher, welche Tragweite die Entscheidung hat, dass wir Tomaso bei uns aufgenommen haben…, ich weiß nur das es richtig und wichtig ist!“

„Niemand hat gesagt, dass es einfach wird, Placido. Wir selbst kennen uns jetzt ein Jahr und es gibt immer noch Dinge, die ich bei dir entdecke und nicht weiß.“

„Ist das nicht normal? Ein ewiger Lernprozess?“, fragte Placido.

„Deswegen ist es auch so wichtig, miteinander zu reden! Meine Mutter sagt das oft genug!“, sagte ich lächelnd, „aber mit Tomaso ist es genauso, wir müssen ihn erst kennen lernen, aber gleichzeitig auch erziehen. Ich weiß, das hört sich jetzt irgendwie total blöde an… erziehen…, aber es ist nichts anderes, wenn wir ihm zeigen, was richtig, oder falsch ist. Oh Gott, ich höre mich schon an, wie mein eigener Vater!“

Placido konnte sich ein Grinsen nicht verbeisen.

„Wärst du wie dein Vater, hätte ich mich nie in dich verliebt!“

Sein Grinsen wurde breiter.

„Sei mal ehrlich, übernimmt man nicht automatisch gewisse Dinge von seinen Eltern?“

„Dass…, darfst du mich nicht fragen, da kann ich nicht mit reden.“

„Entschuldige…, wegen deinen Eltern…, daran habe ich nicht gedacht!“

„Davide, du musst dich nicht entschuldigen, denn ich gebe dir sogar Recht, nur sind es bei eben sie Sachen, die ich von Großmutter übernommen habe. Alles andere sind Erfahrungen und Eindrücke, die ich bis heute…“

Er stockte mitten im Satz und begann mit seinen Händen, Kreise zu drehen. Er suchte wohl nach passenden Worten.

„… was ich selbst gelernt habe.“

Ich schaute zu Tomaso, dessen Hand ich immer noch hielt. Es klopfte und ich blickte zur Tür. Sie wurde aufgeschoben und Mama kam ins Blickfeld.

„Ich habe sie angerufen“, sagte Placido.

Langsam schob Mama die Tür wieder zu und Placido erhob sich.

„Hallo Placido…“

Die beiden um armten sich kurz.

„Hallo mein Junge“, sagte sie dann trat an mich heran, gab mir einen Kuss auf meinem Kopf und begann dann ihren Mantel auszuziehen.

 „Ich schau mich mal um, ob ich etwas zum Trinken finde“, meinte Placido und verließ das Zimmer.

Mama ließ sich nun neben mich nieder.

„Wie geht es dir?“, fragte sie mich.

„Mama, er ist der Patient, nicht ich.“

„Darf ich nicht wissen, wie sich mein Sohn fühlt.“

Ich ließ meine Schultern hängen und atmete tief durch.

„Schrecklich…, irgendwie habe ich das Gefühl schon versagt zu haben.“

„Wieso versagt, du bist hier und kümmerst dich um ihn!“

„Aber hätte ich nicht versuchen müssen, alles dran zu setzten, das es erst gar nicht so weit kommt?“

Mama zog ihre Augenbraun hoch und sah mich durchdringend an.

„Dann hättest du diesen Typen dran hintern müssen, einen anderen von der Straße zu drängen!“

„Aber Mama…“

„Nicht aber Mama, es gibt Dinge im Leben, die passieren, DU musst nur versuchen, das Beste draus zu machen! Meinst du ich war immer glücklich, wenn einer von euch dreien krank war? Dein Vater war bei der Arbeit und die Schwiegereltern…, naja eine große Hilfe im Bezug auf euch…“

Sie schüttelte den Kopf.

„Was ich damit sagen will, es wird immer wieder mal etwas geben, worauf du keine Einfluss haben wirst. So ging es mir und so geht es jedem, der ein Kind versucht groß zu ziehen. Es läuft nicht immer so wie du es haben willst!

„Hattest du große Probleme mit uns?“

„Was heißt Probleme? Ihr wart Kinder und hattet genauso viel Unfug im Kopf wie andere auch. Placido und du müsst einfach einen gemeinsamen Nenner finden, darüber reden, wie ihr was macht, oder entscheidet.“

Ich lächelte, weil ich das vorhin erst zu Placido gesagt hatte.

„Das es jetzt so mit Tomaso laufen musste, ist schrecklich, aber auch irgendwie lösbar.“

„Placido und ich haben vor, zur Polizei zu gehen.“

„Warum?“

„Wir möchten versuchen, dass Tomaso weitgehen aus deren Untersuchungen herausgehalten wird.“

„Was hat deren Untersuchung mit Tomaso zu tun? Sie haben ihn im Stich gelassen und deswegen weiß er rein gar nichts über seine Eltern.“

„Meinst du, die Polizei denkt genauso? Sollen wir ihnen nicht melden, dass die Eltern von Tomaso ihn aufgesucht haben, um sich zu verabschieden?“

„Untersteht euch! So macht ihr die doch erst auf den Jungen aufmerksam!“

Aus dieser Sichtweise hatte ich das noch gar nicht betrachtet.

„… und um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher, ob sein Vater das wirklich gemacht hat!“

„Wie kommst du jetzt da drauf?“

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass dieser Mann…, Tomasos Vater dazu im Stande wäre, jemand zu töten.“

„Er hat betrogen und gestohlen…, seinen Sohn im Stich gelassen…“

„… ein Mord aber, ist ein ganz anderes Kaliber, Davide. Ich täusche mich selten, mit meinen Eindrücken, bezüglich auf andere Menschen.“

„Aber er hat Gallis Auto gestohlen und damit wurde Morettis Auto abgedrängt!“

„Wegen dem Wagen ist der Commissario doch erst auf Galli aufmerksam geworden und wir werden sicher nie erfahren, was sich da wirklich abgespielt hat! Und das wichtigste, all das wird dem Jungen nicht weiter helfen!“

Sie hatte Recht, Tomaso würde damit nichts anfangen können. Vielleicht irgendwann mal, wenn er älter war. Die Tür ging auf und Placido kam zurück, bestückt einem kleinen Tablett und drei Tassen.

„Placido, das ist lieb von dir gemeint, aber einen Kaffee werde ich jetzt keinen mehr trinken, sonst schlafe ich heute Nacht nicht!“, sagte Mama.

„Das ist auch kein Kaffee, sondern Tee!“

„Tee?“, fragte Mama verwundert.

„Ja, das haben wir von Tomaso. Seit er bei uns ist, gibt es des öfteren auch Tee.“

Ich wollte etwas sagen, aber ich spürte, wie Tomaso meine Hand drückte. Sofort hatte er meine volle Aufmerksamkeit, aber seine Augen waren geschlossen und er atmete friedlich.

„Was ist?“, fragte Mama.

„Er hat meine Hand gedrückt.“

„Das ist gut, er weiß, dass du da bist!“

„Bist du sicher?“

Sie gab mir keine Antwort, sondern lächelte nur.

*-*-*

Mein Rücken weckte mich. Ich war wohl an Tomasos Bett eingeschlafen. Vorsichtig reckte und streckte ich mich. Aber erst jetzt erst nahm ich war, dass Tomaso nicht mehr in seinem Bett war.

Erschrocken schaute ich mich um. Da hörte ich in der Toilettenspülung und die Tür zum kleinen Bad wurde aufgezogen.

„Du bist aufgewacht?“

„Ja…“, kam es traurig zurück.

Tomaso krabbelte aufs Bett, zog die Decke zu sich, umschlang seine Beine und blieb so sitzen.

„Wie… wie geht es dir?“

„Weiß nicht…“

Was sollte ich darauf sagen?

„Wo ist Placido?“

„Den habe ich gestern heim geschickt!“

„… und warum bist du da?“

Meine Stirn legte sich in Falten, der plötzliche Tonfall gefiel mir nicht.

„Weil ich dich nicht alleine lassen wollte!“

„… den Sohn eines Mörders?“

Ah, daher wehte der Wind. Ich schloss kurz die Augen, um ruhig zu bleiben.

„Hör mir mal zu Tomaso, was oder ob dein Vater das gemacht hat, ist noch gar nicht bewiesen…, er hat anscheinend das Auto von Signore Galli geklaut, mehr weiß man nicht!“

„Aber das wird doch jeder denken!“

Erste Tränen rannen über sein Gesicht. Ich erhob mich, setzte mich vor ihn aufs Bett und legte eine Hand auf sein Knie.

„Denkst du, dein Vater hat das getan?“

„Ich… weiß nicht…“

„Traust du ihm zu, jemanden umzubringen?“

Dieses Mal antwortete Tomaso nicht, sondern schüttelte nur leicht den Kopf.

„Dann wär das ja mal geklärt. Für mich gibt es keinen Grund nicht bei dir zu sitzen und über dich wachen?“

Auch jetzt sagte er nichts, sondern schaute mich nur mit seinen glasigen Augen an. Ich rückte etwas vor und nahm ihn in den Arm.

„Du musst da nicht alleine durch, Tomaso! Placido und ich sind bei dir und helfen, okay?“

„Was… wird…Nino denken?“

Ich drückte ihn etwas von mir weck, um besser in seine Augen schauen zu können.

„Hast du ein Auto geklaut?“

„Nein…!“

„Hast du jemand umgebracht?“

„NEIN!“, kam es verärgert aus Tomasos Mund.

„Was soll dann deine Frage? Tomaso, du bist für deinen Vater nicht verantwortlich, noch hast du etwas mit seinen… Handlungen zu tun! Warum sollte Nino eine schlechte Meinung über dich haben, er wusste doch schon vorher über deinen Vater Bescheid!“

Sein Blick fiel zur Seite, er schien zu überlegen.

„Ach ja, ich soll dir die besten Wünsche von meiner Mutter noch ausrichten!“

Ich hatte wieder seine Aufmerksamkeit.

„Hat sie angerufen?“

„Nein, Oma Maria war hier?“

„Ja!“, lächelte ich.

„Schade…, dass ich das verpasst habe… ich rede gerne mit ihr.“

„Das kannst du so oft du willst, sie hat nichts dagegen wenn du sie besuchst!“

„Davide… ich will heim…“

„Tomaso, da müssen wir erst den Arzt fragen!“

Ich nahm den Rufknopf und drückte ihn.

„Warum rufst du nach der Schwester?“

„Weil ich vielleicht nicht weiß, wo dieser Doktor steckt?“

Dies sagte ich mit einem Grinsen.

„Ich werde die Schwester fragen, ob es möglich ist, den behandelten Arzt zu sprechen!“

*-*-*

Placido hatte mal wieder seinen ganzen Charme spielen lassen und den Arzt überredet, dass wir Tomaso mit nach Hause nehmen durften. Jedoch rang er uns das Versprechen ab, sofort wieder zu kommen, wenn sich Tomasos Gesundheitszustand sich auch nur im Geringsten verschlechtern würde.

Ich saß bei dem Jungen hinten. Er hatte sich angelehnt und die Augen geschlossen.

„Sollen wir noch bei deiner Mutter vorbei fahren?“, fragte Placido.

Ich schaute zu ihm vor, sah seine Augen im Rückspiegel.

„Nein, auch wenn sie Tomaso unbedingt sehen wollte, es ist besser, wir fahren direkt nach Hause. Ich weiß auch nicht, ob es so gut wäre, wenn die Mädchen ihn so sehen würden.“

„Daran habe ich nicht daran gedacht!“

„Hast du eigentlich Nino verständigt?“

„Stellario hat angerufen, sein Sohn hat ihn wohl gebeten, sich Infos zu beschaffen, weil Tomaso sein Handy nicht benutzt hat.“

„Mich wundert, warum nicht gleich noch gestern Abend Nino im Krankenhaus aufgetaucht ist.“

„Ich habe darum gebeten, weil Tomaso absolute Ruhe braucht.“

„Okay…, und darf er denn jetzt kommen, also zu uns nach Hause?“

„Tomaso fragen, ist eine schlechte Idee, oder?“

Ich grinste.

„Kannst du eh nicht, denn er ist wieder fest eingeschlafen“, gab ich leise zurück.

*-*-*

Placido ließ es sich auch dieses Mal nicht nehmen, Tomaso persönlich hoch zutragen. An der Wohnungstür wurden wir überraschenderweise von Valerie, Placidos Tante erwartet. Beängstigt, schaute sie die beiden an.

„Keine Sorge, er schläft nur!“, versuchte er seine Tante zu beruhigen.

Sie blieb an der Tür stehen, bis ich ebenso das Stockwerk erreicht hatte.

„Wahrscheinlich wirkt immer noch das Mittel, dass ihm gestern gegeben haben.“

Tante Valerie schüttelte leicht den Kopf.

„Der arme Junge!“

„Es geht ihm viel besser, als gestern, Tante Valerie. Wir sollten nur achtgeben, über was wir sprechen, wenn er zu gegen ist!“

„Keine Sorge, von mir wird nichts Negatives kommen.“

Ich lief an ihr vorbei und lächelte. Sie folgte mir in die Wohnung und schloss die Wohnungstür hinter sich. Es gab einen kleinen Wechsel. Placido verließ Tomasos Zimmer und ich betrat es, um seine Sachen abzustellen. Ausräumen konnte ich es später noch.

Mein Blick fiel kurz auf den Jungen, der friedlich zu schlafen schien. Aber es war ein Trugbild. Wie ich sehen konnte, veränderte sich seine Gesichtsmimik ständig, so musste er träumen.

Ich konnte nur hoffen, dass es nichts Schlimmes war. Langsam beugte ich mich vor und rieb ihm sanft und vorsichtig über seine Stirn. Es dauerte etwas und die Stirnfalten und das angestrengte Gesicht wich.

Seine Atmung wurde ebenfalls ruhiger. Vorsichtig nahm ich seinen Arm und legte ihn unter die Decke. Er sah richtig goldig aus, wenn er so friedlich schlief. Leise verließ ich sein Zimmer.

Die Tür ließ ich offen, falls doch etwas sein sollte. Ich folgte den Stimmen von Placido und seiner Tante, die von dem Wohnraum an mein Ohr drangen. Auch diese Tür ließ ich offen, um nicht zu versäumen, falls Tomaso rief.

„Könntet ihr etwas leiser sprechen?“, bat ich, „ich hab die Türen beide offen gelassen.

„Kein Problem“, meinte Placido.

Tante Valerie nickte.

„Warum ich überhaupt gekommen bin…“, begann sie leiser als zuvor, sie lief kurz in den Flur, um wenig später mit einem Umschlag zurück zukommen, „Noah hat mir ein Päckchen geschickt und da war dieser Umschlag drin!“

Sie reichte Placido diesen.

„Setz dich doch, Tante Valerie“, meinte ich, „möchtest du etwas trinken?“

Sie setzte sich, schüttelte aber den Kopf. Placido ließ sich ebenso nieder und öffnete dabei den Umschlag. Ich lief zur Küchenzeile hinüber und holte mir den Rotwein, den wir gestern aufgemacht hatten, aber nicht ranken.

Trotz, dass Tante Valerie verneinte, nahm ich drei Gläser aus dem Regal und kehrte zum Tisch zurück.

„Wow!“, kam es von Placido.

„Was ist das?“, fragte ich neugierig und stellte die Gläser ab.

„Noah hat es doch tatsächlich fertig gebracht, uns die Formulare für eine Adoption zu besorgen! Ich weiß nicht wie, aber auch er scheint Wunder zu vollbringen.“

„Adoptionspapiere für Tomaso, echt jetzt?“, fragte ich erstaunt.

„Ihr beide wollt das wirklich machen? Als Noah mir davon erzählte, konnte ich das nicht glauben“, sagte Tante Valerie lächelnd.

„Ja, der Entschluss steht fest!“, meinte Placido.

„Was ist das alles?“, fragte ich und nahm ein Blatt von dem Stapel, der vor Placido lag.

„Auf der Notiz von Noah stand, dass wir das alles ausfüllen müssen und auf schnellsten Weg zurückschicken sollen. Denn dann nur wäre sicher gestellt, dass es noch rechtzeitig bearbeitet wird.“

„Hat Noah irgendwelche Beziehungen, von denen wir nichts wissen?“, wollte ich neugierig wissen.

„Natürlich hat Noah auf dem Campus einige Freundschaften geschlossen, aber jemand auf dem Jugendamt, wäre mir neu! Aber die scheinen viel wissen zu wollen“, meinte Tante Valerie und zeigte auf den Stapel Papiere.

Ein Husten lenkte mich ab.

„Ich schau nach ihm“, sagte ich und ließ die beiden alleine.

Als ich an Tomasos Zimmer kam, saß der Junge im Bett.

„Aufgewacht?“, fragte ich leise.

„Wie komme ich in mein Bett?“

„Placido hat dich hoch getragen.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Ach so…“

„Du bist im Auto so fest eingeschlafen, wir hatten nicht das Herz dich zu wecken. Hast du Durst, möchtest du etwas trinken?“

„Schon… dürfte ich aufstehen?“

„Klar! Die Schule fällt für dich morgen eh noch flach, da ist es egal, wann du ins Bett gehst. Willst du mit rüber?“

Tomaso nickte. Er schob die Decke zurück.

„Möchtest du etwas anziehen, Tante Valerie ist bei Placido.“

„Tante Valerie…? Mein Jogging vielleicht…?“

Er hatte Tante Valerie ein oder zweimal getroffen, aber so richtig miteinander geredet, hatten sie bisher noch nicht. Sie war also sozusagen noch eine Fremde für ihn.

„Der ist noch in der Tasche…, Moment!“

Ich stand auf und ging zur Tasche.

„Wir sollten vielleicht doch noch einmal shoppen gehen, dass du zumindest, etwas mehr zum anziehen hast.“

„Ich hatte bisher nie viel zum Anziehen, nur das, was mir das Heim gegeben hat.“

Das Teil war schnell gefunden und ich zog es aus der Tasche.

„Soll ich dir etwas erzählen? Als Placido und ich wieder zusammen kamen, hat er darauf bestanden, mir etwas zu kaufen. Ich war natürlich dagegen, aber er bezeichnete es als Arbeitskleidung.“

„Arbeitskleidung?“, fragte Tomaso verwundert.

„Ja, er begründete es damit, dass ich ihn Zukunft auf Events und Ausstellungen begleiten darf und jeder wissen soll, wie gut sein Freund und Muse aussieht.“

Tomaso begann zu grinsen.

„Das weiß doch eh schon jeder“, kicherte er.

Die Augen verdrehend ging ich zu ihm zurück. Er stand auf und das vor mir auf dem Bett. Schnell war sein Shirt über den Kopf gezogen und flog einfach vor ihm auf den Boden. Ich reichte ihm sein Jogging.

Schnell war er in diesen geschlüpft und steig umständlich vom Bett.

„Davide…“

„Hm?

Er fiel mir um den Hals.

„Danke! Danke, dass du für mich da bist!“

Warum trieb es mir jetzt Tränen in die Augen?

*-*-*

Zwei Monate später

„Muss das wirklich sein? Ich will keinen Anzug tragen!“

Amüsiert saß ich im Sessel und beobachtete Placido und Tomaso, wie mein Schatz versuchte dem Jungen den Anzug schmackhaft zu machen.

„Muss ich das wirklich tragen…, Davide, hilf mir bitte!“

Das war jetzt gemein! Diesen Dackelblick von Tomaso, konnte ich fast nicht ertragen.

„Dürfte ich einen Vorschlag machen“, meldete sich Milo, die uns zugeteilte Hilfe des Ladens.

Ich nickte einfach, ohne auf Placidos Reaktion zu warten. Der junge Mann verließ uns kurz und kam wenig später mit etwas Weißen und Schwarzen zurück.

„Könnten sie das anprobieren?“

Zweifelnd nahm Tomaso die Kleidungsstücke entgegen und verschwand in der Umkleide. Milo hingegen, suchte kurze in den Reihen der Jacketts, bis er plötzlich eines davon herauszog.

Mit diesem ging er zu Tomaso. Verwundert schaute ich zu Placido, der nur mit den Schultern zuckte.

„Kann ich dir das noch reichen“, fragte Milo.

Tomaso streckte die Hand heraus und nahm das Teil entgegen.

„Wow!“, hörte man seine Stimme und ich musste grinsen.

Anscheinend hatte Milo Tomasos Geschmack voll getroffen. Einen Augenblick später, wurde der Vorhang zurück gezogen.

„Davide, machst du ein Foto? Das muss ich Nino schicken!“, hörte ich Tomaso sagen, dann kam er in Blickweite.

Überrascht hob ich die Augenbrauen, denn der Kleine war fast nicht wieder zu erkennen.

„Jetzt lass dich doch erst einmal richtig ansehen!“, kam es von Placido.

Zu der dunklen Jeans trug Tomaso ein weißes Shirt, mit einer kurzen Knopfleiste versehen. Aber was das Ganze richtig gut aussehen ließ, war das Jackett. Es war nicht nur einfach schwarz, nein durch die Lederapplikationen und dem leicht glänzenden Stoff mit Barockmuster, sah es edel aus.

Placido stieß einen Pfiff aus und Tomaso lächelte über das ganze Gesicht. Er reichte mir sein Handy. Ich kam seinem Wunsch nach und machte ein Foto.

„Milo, ich glaube, sie haben seinen Geschmack getroffen“, sagte Placido.

Der Gute verneigte sich und ließ uns kurz alleine.

„Es gefällt euch auch?“

„Aber hallo! Du siehst wirklich gut aus, in dem Teil!“, meinte ich und gab ihm sein Handy wieder.

Sofort flogen seine Finger über die Tastatur. Wie schnell man sich doch an ein Handy gewöhnen konnte. Der Stehkragen des Jacketts, ließ Tomasos Hals irgendwie länger erscheinen und sein Lockenkopf, kam viel mehr zur Geltung.

Plötzlich hielt der Junge inne und betrachtete sich im Spiegel.

„Was ist?“, fragte Placido, dem das wohl auch aufgefallen war.

„Das ist so teuer!“, sagte Tomaso und drehte sich zu uns.

„Hatten wir über dieses Thema nicht ausdrücklich geredet?“, fragte Placido.

Mit einem Lächeln auf dem Mund, nickte ich Tomaso lediglich zu. Leicht resignierend schaute Tomaso auf das Preisschild, das am Ärmelende des Jacketts befestigt war. Mein Schatz trat hinter ihn und legte seine Arme um Tomaso.

„He, das ist ein wichtiger Tag in deinem Leben, da musst du doch gut aussehen!“

Mit leicht verzogenem Gesicht schaute Tomaso wieder in den Spiegel. Es schien ihn nicht recht zu überzeugen.

„Tomaso, ich habe dir doch von meinen ersten Anzügen erzählt?“, mittlerweile hing ein Dutzend davon in meinem Schrank hängen, „da gibt es sicher jemand, der ein Foto von uns macht, da willst du doch sicher nicht, in normalen Klamotten drauf zu sehen sein?“

„Ich habe das eigentlich nicht vor, dies groß an die Glocke zu hängen?“, sagte Placido.

Ich konnte nicht anders und musste lachen.

„Du glaubst doch nicht, dass man das verheimlichen könnte, wenn der große Placido Romano einen Sohn bekommt. Jeder wird wissen wollen, wie Tomaso aussehen wird.“

„Mach dem Jungen keine Angst, Davide!“

„Nein will ich nicht, aber wir wissen, dass ein Leben mit dir, auch ein öffentliches Leben ist. Ich erinnere dich nur daran, als wir die Zusage bekommen haben, Tomaso als Pflegesohn aufnehmen zu dürfen. Es dauerte keine zwei Tage und es kam in der Presse.“

„Ich habe Noah extra gebeten, dass alles so diskret wie möglich abgehalten wird!“

„Du weißt doch selbst, irgendetwas sickert immer durch.“

Tomaso machte mittlerweile einen besorgten Gesichtsausdruck. Ich stand auf und ging zu den beiden hin.

„Keine Sorge, Tomaso, das einzige, woran du immer denken musst, einfach immer lächeln!“, sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter.

„Ich will einfach nicht, dass sie in der Vergangenheit von Tomaso herumstochern“, meinte Placido und entließ Tomaso aus seinen Armen.

Was uns wiederum zu einem anderen Punkt brachte, über den wir seit Wochen immer wieder mal redeten. Tomasos zukünftiger Nachname. Während Placido dafür plädierte, dass Tomaso einen Doppelnamen führen sollte, nämlich Romano / de Luca, hielt ich den Vorschlag, den der Junge aufbrachte, am besten. Er wollte seinen Nachnamen Riva behalten.

„Das wird leider nicht zu vermeiden sein, Placido, aber ich denke, so einfach kann man auch nicht über Tomaso Riva schreiben, auch er hat Rechte!“

„Ich habe schon gesagt, er nimmt unsere Namen an, dann kann man das vermeiden!“

Placidos Stimme klang wieder ernst, wie immer, wenn dieses Thema aufkam. Ich blickte zu Tomaso, dessen Spiegelbild etwas hilflos aussah.

„Wie schon gesagt, ich denke, es wird die Neugier erst schürren.“

Ich hatte auf eine Unstimmigkeit zwischen Placido und mir absolute keinen Bock, weil ich wusste, wo das wieder endete. Aber entscheiden mussten wir uns letztendlich doch. Noah hatte schon mehrfach angefragt und uns gedrängt.

Ich seufzte und atmete tief durch.

„Was hältst du von Romano / Riva?“, schlug ich vor.

Verwundert schaute mich der Junge an.

„Und wo bleibst dann du, er ist doch auch dein Sohn!“

Placidos Stimme hörte sich leicht brüchig an. Was wir hier überhaupt nicht brauchen konnten, dass er jetzt einen Moralischen bekam.

„Placido, in diesem Fall spiele ich einmal nicht die Hauptrolle in deinem Leben. Einzig alleine, was Tomaso wünscht ist wichtig, mir bedeutsam! Auch wenn Tomaso nicht meinen Namen trägt, so weiß ich, er wird immer mein Sohn sein!

Auch Tomaso konnte nun wie Placido seine Tränen nicht mehr verbergen. Wehleidig schaute Placido zwischen Tomaso und mir hin und her. Dann kam ein leichtes Lächeln zurück.

„Zumindest seht ihr beide so aus“, meinte er daraufhin.

„Was meinst du?“, fragte Tomaso verwundert, der wohl wieder seine Stimme wiedergefunden hat.

„Ihr sehr aus, wie Vater und Sohn, naja eher wie zwei Brüder! Ihr ähnelt euch sehr.“

Placido hatte schon Recht. Bis auf die Gesichtszüge, sah vieles gleich aus. Die Haare und die Statur unseres Körpers, nur das Tomaso eben kleiner war, wie ich.

„Schreib Noah, dass er den Namen auf Romano – Riva eintragen soll, damit das geregelt ist!“

Tomaso schlang seine Arme um mich. Ich legte meine ebenso um ihn und gab ihm einen Kuss auf den Kopf.

*-*-*

„Es ist ein komisches Gefühl?“, sagte Tomaso neben mir.

„Was? Weil du noch nie geflogen bist?“

„Auch, aber weil ich mit euch in die Staaten fliege und nicht in der Schule sitze.“

Er schaute auf seine Armbanduhr. Ein Geschenk von Mama.

„Ich hätte jetzt Geschichte…“

Mein Mund formte sich zu einem Grinsen.

„Es geht nun mal nicht anders, die Ämter haben eben nur unter der Woche offen, so mussten wir dich von der Schule befreien“, erklärte Placido.

Eine Durchsage kam.

„Das ist unser Flug“, meinte mein Schatz und erhob sich.

Ganz gegen seine Gewohnheit, hatte er keinen Privatjet gechartert, sondern wir flogen mit einer regulären Maschine. Das wir aber First Class flogen, dass ließ er sich nicht nehmen. So mussten wir auch nicht lange warten, um einzuchecken, was ich wiederum angenehm empfand.

Tomaso sagte gar nichts. Es schien, dass er alles um sich herum mit seinen Blick in sich aufsog. Unsere Papiere und Tickets wurden überprüft, wir durchschritten die Kontrolle und nahmen danach unsere Habseligkeiten wieder an uns.

„Ich hab so etwas nur im Fernseh gesehen, nie hätte ich gedacht, dass ich das mal selber mache.“

Placido lächelte Tomaso an und zog ihn weiter. Ich lief den beiden im Gate hinter her und grinste ebenso. Am Flugzeug angekommen, wurde Placido natürlich überfreundlich begrüßt und man führte uns zu den Plätzen.

Während ich auf einem Einzelplatz am Fenster saß, nahmen Placido und Tomaso auf einem Doppelsitz in der Mitte Platz. Mein Schatz war anfänglich nicht begeistert, dass ich nicht neben ihm sitzen wollte, aber ich dachte, so wäre es besser.

Ich hatte das Gefühl, dass Tomaso immer noch zurückhaltend war, wenn es Placido betraf. Bisher war immer ich die Anlaufstelle des Jungen, wenn etwas anstand. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte nicht, dass Placido irgendwann das Gefühl bekam, außen vor zu sein.

So hatte ich einfach entschieden, den Einzelplatz in Anspruch zu nehmen. Zu dem saß Tomaso gerade mal einen knappen Meter neben mir, ich konnte mich also jederzeit mit den beiden unterhalten.

„Boah, da ist sogar ein Fernseher im Vordersitz“, kam es von Tomaso.

Klar hatte der Junge sicher noch nie so viel Luxus auf einem Fleck gesehen, Es schien, als wüsste er nicht, wo er als erstes hinsehen sollte. Ein Flugbegleiter kam zu uns. Natürlich sah ich nur seinen Rücken, weil er sich zu Placido wandte und meine freie Sicht zu meinem Schatz verdeckte.

„Signore Romano, Delta Airlines heißt sie an Bord dieser Maschine herzlich willkommen. Die Maschine startet in Kürze! Wenn sie später Wünsche haben, wenden sie sich bitte an mich! Mein Name ist Jack.“

Natürlich wurde in vielen Flugzeugen englisch gesprochen, so wunderte es mich, dass der Flugbegleiter im akzentfreien Italienisch mit Placido sprach. Mit seinen blonden Haaren, sah er nicht wie ein Italiener aus.

Placido beugte sich etwas vor, so dass ich ihn auch wieder sehen konnte.

„Signore de Luca, mein Mann“, er zeigte auf mich, „und ich werden einen Brunello di Montalcino trinken und der Junge…, Tomaso, was möchtest du?“

„Kann ich einen Tee haben?“, fragte der Junge verschüchtert.

Jack schien wohl seinen Fehler bemerkt zu haben und trat ein Schritt zurück, so dass er mich mit einbeziehen konnte. Placido hätte das „mein Mann“ nicht so betonen müssen, es zog die Aufmerksamkeit der wenigen anderen Fluggäste auf uns.

„Welche Sorte?“, fragte Jack.

„Earl Grey“, gab Placido von sich.

„Danke…, würden sie sich dann bitte anschnallen?“

Ich folgte dem Wunsch des Flugbegleiters und legte meinen Gurt an. Placido half Tomaso, der natürlich nicht wusste, wie das ging. Der Junge schien nun doch etwas nervös zu werden, so sah zumindest sein Gesichtsausdruck aus.

Placido nahm Tomasos Hand und flüsterte ihm etwas zu. Die Maschine setzte sich langsam in Bewegung und das Anschnallzeichen leuchtete auf. Da sich Placido für einen Nachtflug entschieden hatte, konnte ich außer den vielen Lichtern und den Terminal nicht viel erkennen.

Es war nun das zweite Mal, dass ich mit Placido in die Staaten flog. Ich erinnerte mich an das erste Mal, als ich absolutes Redeverbot hatte, auch der Vorfall mit Richard, kam mir in den Sinn.

„Alles klar?“, riss mich Placidos Stimme aus meinen Gedanken.

Automatisch schaute ich zu ihm, unsere Blicke kreuzten sich. Da ich nicht wusste, ob er mich meinte, zeigte ich auf mich. Er nickte.

„Ja, alles gut, vielleicht etwas müde.“

„Dann hast du ja jetzt genug Zeit etwas zu schlafen“, lächelte er mich an.

*-*-*

Bis zu dem Zwischenstopp in Zürich, blieb ich wach. Ich hatte mir, wie Tomaso, einen Film ausgesucht und nahm mit dem Kopfhörer auf dem Kopf, nicht viel wahr. Nachdem wir aber wieder gestartet waren, wurde ich schläfrig.

Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, lag eine Decke auf mir, die vorher da noch nicht gelegen hatte. Mein Blick wanderte nach links und sah, dass Tomaso ebenso schlief.

Nur Placido war wach und lass in einem Buch. Ich richtete mich ein wenig auf und schlug die Decke zurück. Sofort stand Jack neben mir.

„Haben sie irgendeinen Wunsch, Signore de Luca?“

„Nein danke“, aber ich änderte meine Meinung, „könnte ich vielleicht einen Espresso haben?“

Mir war einfach danach. Jack nickte lächelnd und verschwand wieder so schnell, wie er aufgetaucht war. Mein Blick fiel auf meine Uhr und stellte überrascht fest, dass ich doch wirklich zwei Stunden geschlafen hatte.

Jemand verdunkelte die sanfte Deckenbeleuchtung.

„Und wieder wach?“

Ich schaute auf und blickte in Placidos wundervollen, funkelten Augen. Er beugte sich vor und gab mir einen Kuss und ich begann zu lächeln.

„Soll ich jetzt hallo, oder guten Morgen sagen?“, meinte ich.

„Laut unserer Zeit ist es schon nach Mitternacht, aber nach New Yorker Zeit schon Morgen.“

„Habe ich dir die Decke zu verdanken?“, und zog das Ding nun endgültig von meinen Beinen.

„Ja, du hast mir den Eindruck gemacht, etwas zu frieren, da habe ich Jack gebeten, dir eine Decke zu bringen.“

„Noch jemand, der dir verfallen ist!“, grinste ich.

„Das hast du gemerkt?“

„Ich habe seinen Blick gesehen, als er mit dir redete.“

„Eifersüchtig?“

Placidos Zahnreihe kam ins Blickfeld, als er zu grinsen begann.

„Nein…, er ist keine Konkurrenz!“

Jack kam zurück und Placido setzte sich wieder an seinen Platz. Er stellte meinen Espresso ab, dann drehte er sich zu Placido und fragte, ob dieser noch Wünsche hätte. Als mein Schatz verneinte, wackelte Jack so richtig tuckend davon.

War das nur ein Klischee, dass viele Flugbegleiter für schwul gehalten wurden, oder entsprach es der Wahrheit. Ich presste meine Lippen zusammen, um nicht mit kichern zu müssen.

Ich probierte meinen Espresso und befand ihn als gut. Zwar nicht das, was wir Zuhause tranken, aber er konnte sich mit zumindest mit anderen, die wir schon im Restaurant angeboten bekamen, messen lassen.

Mein Finger wanderte zum Display, um den Film weiter zu schauen, bei dem ich vorher eingeschlafen war. Nach etwa fünf Minuten wusste ich, warum ich in Morpheus Armen gesunken war.

Kein Film, für den ich freiwillig Geld an der Kinokasse ausgeben würde. Ich ging zurück ins Menu und schaute, ob es etwas Interessanteres gab. Nach Action oder Horror stand mir nicht der Sinn, ich wollte jetzt lieber etwas Harmonisches schauen und wurde nach langer Suche fündig.

Aber auch dieser Film füllte nicht, die Zeit des Fluges aus, dafür dauerte der Flug viel zu lang. Zudem ging mein Vorrat an Papiertaschentücher zu Neige, zu rührend war der Film gewesen. Als ich zu Placido hinüber schaute, war er über seinem Buch eingeschlafen.

Mühsam verstaute ich die feuchten Tücher in die Abfallbox. Noch einen Film wollte ich mir nicht antun. So zog ich mir die Decke über die Knie und schloss die Augen.

*-*-*

Placido schob alle drei Pässe zum Zollbeamten. Nacheinander schaute er uns an und stempelte ohne eine Frage zu stellen.

„Einen schönen Aufenthalt, Mr. Romano“, lächelte der Mann hinter der Glasscheibe.

Wieder ein stiller Verehrer? Placido bedankte sich und lief los, während ich Tomaso vor mir herschob. Er war immer noch müde, obwohl er den ganzen Flug verschlafen hatte.

„Nehmen wir ein Taxi?“, fragte ich.

„Nein, Noah wollte uns abholen.“

„Dann lass uns mal unser Gepäck suchen und Noah finden!“

In diesem großen Airport sollte man denken, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen wäre, aber eine halbe Stunde später saßen wir bereits bei Noah im Wagen. Er freute sich besonders den Jungen zu sehen, kannte er ihn nur von Bildern, die er zugesandt bekommen hatte.

Überrascht war ich ein wenig, über den Ort, an dem er uns untergebracht hatte. Eine kleine Pension, außerhalb des Stadtkerns, schön Weihnachtlich geschmückt. Tomaso stand auf dem Gehweg und starrte die vielen bunten Lichter an.

„Das ist schön!“

„Ja!“, gab ich ihm Recht, „aber ich verspreche dir,  es gibt noch viel mehr zu sehen, was du vielleicht für übertrieben hältst.“

„Das gibt es bei uns auch!“

„Wir lassen uns einfach überraschen. Hilfst du mir die Sachen hinein tragen?“

Placido stand am Wagen und unterhielt sich mit Noah und machte keine Anstalten, irgendeinen Finger zu rühren.

So zogen Tomaso und ich unsere Koffer, den schmalen Weg entlang bis zur Treppe des Hauses. Einzelne Flocken fielen vom Himmel und Tomaso streckte seine Hand aus.

„Es schneit…“, lächelte er.

*-*-*

Placido erzählte mir später, dass er mit Absicht Noah gebeten hatte, uns so eine Unterkunft zu suchen. Wären wir im Plaza oder Ähnlichem abgestiegen, hätten wir vielleicht gleich deren Aufmerksamkeit auf uns gezogen.

Mit „deren“ meinte Placido natürlich die Paparazzi. Nach unseren Gesprächen im Vorfeld, hatte er sich Gedanken gemacht. Er wollte Tomaso dem nicht aussetzen. Nach der Adoption gab es sicher noch genug Trubel, aber da befanden wir uns hoffentlich wieder auf dem Rückflug nach Italien.

Trotz der Zeitverschiebung und deren Nachwehen, hatte Noah für uns eine Stadtbesichtigung gebucht. So konnte Tomaso wenigstens etwas von New York sehen, auch wenn wir nur kurz in Amerika verweilten.

Ich war sowieso überrascht, wie sehr Noah sich ins Zeug gelegt hatte, uns unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Mit Rücksicht auf den Jungen, war alles eine Spur zurückhaltener. Kein Essen in einem feudalen Restaurant, sondern beim Italiener an der Ecke.

Keine Rundfahrt in einer Limousine, sondern in einen der berühmten Doppeldeckerbusse, die oben kein Dach hatten.

Müde fiel Tomaso in sein Bett, als wir dann spät abends zurück kehrten. Ich hatte Mühe, dass er sich überhaupt auszog.

„Er schläft“, sagte ich, als ich in unser Zimmer zurück kehrte.

Placido saß auf dem Bett und sah sich noch mal die Papiere an, die er von Noah bekommen hatte. Er nickte nur. Ich schloss die Tür, legte meine Sachen ab und ging zu ihm hin.

„Danke!“, sagte ich leise.

Placido hob den Kopf und sah mich an.

„Für was?“, fragte er verwundert.

„Dass du dem Jungen so einen schönen Tag bereitet hast!“

„Für dich nicht?“

Ich legte meine Arme um ihn.

„Doch und dieser Tag wird mir noch lange in Erinnerung bleiben!“

Placido lächelte mich an.

„Wäre ich ein Navi, würde jetzt die Meldung kommen, sie haben ihr Ziel erreicht“, sagte mein Schatz grinsend und zog mich seinerseits näher zu sich hin, „nichts anderes wollte ich…, euch beide glücklich zu sehen!“

Ich strich mit der Hand du seiner Haare. Ein zärtlicher Kuss folgte und seine Hand für sanft über meine Wange. In der anderen Hand hatte er immer noch die Papiere.

„Was ist das?“, fragte ich neugierig.

„Ein kleines Dossier, über jemand, der plötzlich Interesse an mir zeigt.“

„Wer?“, fragte ich verwundert.

„Noahs Vater!“

„Dieser Mister Coleman? Warum?“

„Wissen wir nicht. Noah vermutet, sein gesteigertes Interesse an ihm, weil sein Sohn jetzt für eine Berühmtheit arbeitet.“

„Das kann ihm doch egal sein, besser gesagt, geht es ihn eigentlich nichts an. Er wollte ja schließlich nichts mehr mit Noah zu tun haben!“

Ich setzte mich auf einen Stuhl und begann meine Schnürsenkel der Winterschuhe zu öffnen.

„Bisher hat er sich auch noch nicht direkt an Noah gewendet. Es war auch ein reiner Zufall, dass Noah mitbekommen hat, dass sein Vater Erkundungen einzieht.“

„Komisch…, aber egal. Übermorgen sitzen wir wieder im Flieger nach Italien, da kann das uns egal sein, oder?“

„Tun wir das Richtige?“, fragte Placido plötzlich.

Erstaunt schaute ich hoch. Woher der plötzliche Sinneswandel?

„Eh, fängst du jetzt etwa an zu zweifeln?“

Ich stellte meine Schuhe vor die Heizung und setzte mich neben ihn aufs Bett.

„Eigentlich nicht…, es ist wegen Tomaso. Ich habe Angst, wenn das mit der Adoption herauskommt… dieser Trubel um seine Person, ihm zu viel wird. Er hat so viel durchgemacht und ich würde ihm das am liebsten ersparen.“

Ich griff nach Placidos Hand.

„Also ich denke, für Tomaso gilt dasselbe, wie für mich!“

Mein Schatz schaute mich fragend an.

„Ich habe dir damals gesagt, als es um mich ging, mit dir an meiner Seite schaffe ich das! Für Tomaso gilt das gleiche… mit dir an seiner Seite…“

„Mit uns…“, unterbrach mich Placido.

„… ja mit uns an seiner Seite, wird er das schaffen! Schau wie sehr er sich in den letzten Wochen verändert hat. Die Traurigkeit wegen seiner Eltern ist fast verschwunden. Sein Lachen ist echt und ansteckend und dass hat er auch dir zu verdanken.“

Placido wollte gerade etwas erwidern, als sein Handy sich bemerkbar machte. Er nahm das Gespräch entgegen.

„Hallo Noah, hast du etwas vergessen?“

Placido lauschte seinen Worten. Ich stand auf und begann mich auszuziehen und bettfertig zu machen.

„Lass mich darüber nachdenken, Noah…, wir reden morgen darüber, okay? … ja. Du auch… gute Nacht!“

Placido drückte das Gespräch weg und legte sein Handy auf das kleine Nachtischchen, neben unserem Bett.

„Ist wohl kein Geheimnis mehr, dass wir hier sind“, meinte Placido und begann sich ebenso auszuziehen.

„Was meinst du?“, fragte ich.

„Du erinnerst dich, letztes Weihnachten, als wir hier waren und ich eingeladen war, das Heim mit den Jugendlichen zu besuchen?“

Klar erinnerte ich mich daran, wie konnte ich diese Tage hier in New York je vergessen?

„Ja und?“

„Morgen sollen Bilder der Jugendlichen in der Neuen Galerie ausgestellt werden und man hat angefragt, da ich ja in New York sei, ob ich nicht den Wunsch hätte sie zu eröffnen.“

Ich seufzte.

„Es wird wohl immer jemanden geben, der nicht dicht hält! Und möchtest du hin?“

„Schon…“

„Aber?“

„Was ist mit euch?“

„Mach du dir keine Sorgen um uns. Tomaso und ich können uns auch ohne dich beschäftigen. Wir haben genug Möglichkeiten hier in New York!“

„Das meinte ich nicht…“

Placido senkte etwas seinen Kopf.

„… ich hätte euch gerne dabei.“

Ich konnte nicht anders und musste leise lachen.

„Mein harmoniesüchtiger Schatz…“, ich nahm ihn erneut in den Arm, „dass liebe ich so an dir…, dein UNS!“

Dafür bekam ich einen Kuss.

„Was hältst du von der Idee, wenn du Tomaso einfach frägst, ob er mit möchte. Ich bin Auftritte an deiner Seite schon gewohnt, mir macht das nichts aus, aber Tomaso solltest du vorher fragen.“

„Eine gute Idee!“

*-*-*

Trotz der friedlichen Nacht, spürte ich eine Gewisse Unruhe in mir. Lag es daran, weil Placido und ich richtig vermählt wurden, oder war es die Adoption von Tomaso? Placido hatte alles auf eine Karte gesetzt und wollte es so unspektakulär ablaufen lassen wie nur möglich.

Vielleicht, weil ich auch nicht wusste, wie Placido dies in der kurzen Zeit alles ermöglichte. Mit Hilfe von Noah, das war klar, aber solche wichtigen Ereignisse so kurzfristig zu Stande zu bekommen, war trotzdem ein Rätsel.

Am Frühstückstisch war die Eröffnung der Galerie Thema und war froh, mich nicht großartig einbringen zu müssen. Tomaso war überraschenderweise Feuer und Flamme und wollte sich die Eröffnung nicht entgehen lassen.

Auch im Auto sprach ich nicht viel, als wir zum Rathaus fuhren.

„Ist alles in Ordnung, du bist heute so still?“, fragte Placido besorgt.

„Alles okay! Vielleicht noch etwas müde… ich habe nicht so viel geschlafen.“

„Wirklich?“

Ich nickte, wusste aber, dass Placido mit dieser Antwort sich sicher nicht zufrieden gab. Mein Blick wanderte wieder nach draußen. Man konnte New York zwar nicht mit Florenz vergleichen, aber es war wohl überall gleich, der Verkehr war unmöglich.

So kamen wir  mit einer kleinen Verspätung am Rathaus an. Dort erwartete uns schon Noah. Ein paar Männer in schwarzen Anzügen, die hier zusammen standen, fielen mir ebenso auf. Ich legte meine Hand auf Tomasos dicke Daunenjacke, die sein Outfit verdeckte. Gemeinsam folgten wir Placido und Noah ins Haus.

Drinnen wurde der Aufzug bestiegen. Wieder drehte sich Placido zu mir.

„Was ist?“

Ich schaute ihm tief in seine grünen Augen.

„Ach ich weiß auch nicht“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern, „… schiebe es auf das ungute Gefühl im Magen.“

„Ungutes?“

„Ja… es war alles so kurzfristig…, wer wie weiß ob alles so glatt läuft, wie du dir das ausgemalt hast.“

„Darüber mache ich mir keine Sorgen!“, lächelte Placido, „und du musst dir auch keine Gedanken machen!“

„Wieso?“

„Ganz einfach, ich hatte eine gute Hilfe?“

„Noah?“

Der genannte schaute zu verwundert zu uns.

„Nein. Lass dich einfach überraschen, okay?“

Ich nickte und wir verließen den Aufzug.

*-*-*

Kein Wunder hatte Placido und Noah ohne Probleme dies für heute alles bewerkstelligen können. Vor mir stand Onkel Macavelli und seine Frau Doreen, die uns herzlich begrüßten. Mit Noah zusammen, waren sie unsere Trauzeugen.

Auch dass ich wieder Emilianos Vater, Mister Edwards sehen durfte, freute mich ganz besonders. Seine Frau, Miss Edwards, ließ es sich nicht nehmen, Termine zu verschieben, um an unserer Hochzeit teilnehmen zu können, weil sie uns endlich persönlich kennen lernen wollte.

Eigentlich hätte ich mir das denken können, wo mir doch so viele in schwarzen Anzügen herum schwirrende Männer aufgefallen waren. Deshalb wunderte mich auch nicht, dass ich nach der Zeremonie meinen amerikanischen Ausweis übergeben bekam.

Onkel Macavelli hatte wohl seine ganzen Beziehungen spielen lassen, um uns das zu ermöglichen. Vom gleichen Beamten wurde auch die anschließende Adoption durchgeführt und eine halbe Stunde später gratulierten alle Tomaso, der durch dieses Ereignis nun ebenso wie ich die doppelte Staatsbürgerschaft sein Eigen nennen konnte.

Auch er bekam seinen Ausweis ausgehändigt und stolz zeigte er seinen Namen „Tomaso Romano – Riva“.  Zuhause würden wir dann seinen Ausweis noch ändern lassen müssen. Onkel Macavelli ließ es sich natürlich nicht nehmen, uns danach zum Essen einzuladen.

Gerne wären wir noch zum anschließenden Kaffee auf sein Grundstück am Rande der Stadt gefahren, aber schon der nächste Termin drängte. Dafür hatte sich Placido von Tante Doreen, wie ich sie jetzt auch nennen durfte, breitschlagen lassen, zum abendlichen Dinner zu erscheinen.

So saßen wir, wieder im Taxi und fuhren zur Neuen Galerie New York. Mit Rücksicht auf die Jugendlichen, wurde die Eröffnung der Ausstellung auf den späten Mittag gelegt. Der Empfang dort fand ich etwas zu dick aufgetragen und Tomaso hielt sich die ganze Zeit dicht an mir.

Voll Stolz wurden wir von Placido, als Ehegatte und Sohn vorgestellt. Nachdem sich auch diese Aufregung gelegt hatte, lief ich später mit Tomaso, durch die Räume und schauten uns die Werke der Jugendlichen an.

Placido war irgendwo in einem Gespräch hängen geblieben. Mit Orangensaft und Sekt bewaffnet begutachteten wir die Bilder. Vor einem blauen Bild blieb ich stehen.

„Schönes Blau!“, meinte Tomaso und nippte an seinem Glas.

Ich musste grinsen.

„Warum grinst du?“

„Es erinnert mich an einen jungen Künstler, der mich mit seinem roten Bild meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog!“

„Rot?“

„Ja…!“, meinte ich und schaute ihn an. Plötzlich schien bei ihm ein Kronleuchter anzugehen.

„Ach so…, du meinst mich?“

Ich lachte.

„Ohne dieses Bild, das bei Signora Franzesca auf dem Pult gelegen hatte, wäre ich nie auf dich aufmerksam geworden!“

„Nur wegen meinem roten Bild?“

„Nur wegen deinem roten Bild!“

Wieder fiel sein Blick auf das Werk vor uns und er lächelte breit.

„… wer weiß, vielleicht hat der Maler des blauen Bildes, ebenso viel Glück wie ich!“

*-*-*

Auch an diesem Abend kamen wir spät zurück.

„Versprich mir, dass wir Weihnachten ruhig angehen lassen!“, sagte ich und ließ mich auf unser Bett fallen.

„Wie? Nur wir drei? Keine Familienfeier?“

Ich rollte mich zur Seite, um Placido Platz zu machen. Doch gerade als er sich setzen wollt, klopfte es an unserer Tür.

„Ja?“, meinte Placido.

Die Tür ging auf und Tomaso lief herein. Auf seinem Arm trug er seinen Laptop.

„Anruf von Oma!“, meint er nur und ich setzte mich grinsend auf.

„Oma…?“, blabberte Placido ihm nach, bis er begriff.

Mein Schatz war es immer noch nicht gewohnt, dass Tomaso zu meiner Mutter Oma sagte.

„Du hast Mama dran?“, fragte ich.

„Ja, aber nicht nur!“, meinte Tomaso und stellte den Laptop auf den Tisch.

Ich mühte mich aus dem Bett, während Placido den Stuhl heran zog und sich nieder ließ

„Hallo“, dröhnte es laut aus dem kleinen Lautsprecher des Laptops und ich hatte Sorge, dass Letizias grelle Stimme das kleine Ding zerstörte.

Der ganze Haufen saß wohl zuhause bei Mama am Tisch. Ich konnte alle auf dem kleinen Monitor sehen. Sogar Nino war anwesend.

„Hallo zusammen…, das ist aber eine Überraschung!“, meinte Placido und winkte.

Ein gemeinschaftliches „Hallo!“ und ein „Herzlichen Glückwunsch“, dröhnten uns entgegen.

Der Lautsprecher krachte verdächtig.

„Danke!“, sagten wir drei fast gleichzeitig.

Ich lehnte mich gegen Placido um besser sehen zu können.

„Habt ihr euren Ehrentag gut herum gebracht?“, fragte Mama.

„Ja Oma und wir haben noch eine Ausstellung eröffnet und waren auch noch bei Onkel Macavelli Abendessen!“, erzählte Tomaso aufgedreht.

Verwunderte Gesichter, waren auf der anderen Seite des Ozeans zu sehen. Ein Kichern konnte ich mir nicht verbeißen.

„Macavelli?“, hörte ich meinen Vater fragen.

„Ja, Onkel Macavelli war mein Trauzeuge!“, antwortete ich.

„Davon hast du uns gar nichts erzählt!“, beschwerte sich Letizia.

„Davon habe ich auch nichts gewusst, war eine Überraschung von…“, ich stockte kurz, „… von meinem Mann!“

Ich zeigte auf Placido und anschließend den neuen Ehering, den ich jetzt trug. Auf der anderen Seite wurde gejubelt und gelacht. Tomaso verschwand kurz und kam mit seinem neuen Ausweis wieder.

Er schlug ihn auf und hielt ihn in die Kamera.

„Guck Oma…“, meinte er kurz und strahlte über sein ganzes Gesicht.

„Was meinte Tomaso mit Ausstellung eröffnet?“

Diese Frage kam von Dana. Tomaso ließ seinen Ausweis sinken.

„Ein Heim für Jugendliche, für das ich Pate stehe, hat heute eine Ausstellung mit Werken der Jugendlichen eröffnet, da habe ich die Eröffnungsrede gehalten“, erklärte Placido, „natürlich mit meinem Mann und Sohn an meiner Seite!“

Stolz sah er und beide an und griff nach meiner Hand.

„Mama… Papa, ich soll euch liebe Grüße von Onkel Macavelli und Tante Doreen sagen und sie freuen sich auf euren Besuch!“

„Du hast seine Frau kennen gelernt?“, fragte Papa.

„Ja, eine sehr nette frau und sie ist sehr gespannt auf dich!“

„Wieso das denn?“

„Anscheinend hat Onkel Macavelli ihr einige Geschichten von dir erzählt!“

„Von mir…?“, sagte mein Vater, aber mehr konnten wir nicht verstehen, da das laute Gelächter, nach einer Bemerkung von Emilio, die ich auch nicht verstand, alles übertönte.

„Wir kommen morgen Abend zurück, dann sehen wir uns wieder!“, sagte Tomaso.

Ich glaube, diese Botschaft, war wohl an seinen Schatz gerichtet, denn Nino fing an zu strahlen.

„Dann wünsch ich euch einen guten Rückflug und eine gute Nacht!“, wünschte Letizia, die auf dem Schoss von Emilio saß.

Wieder sprachen alle durcheinander und winkten uns zu.

„Gute Nacht“, riefen wir im Chor und ich drückte die Verbindung weg.

„Verrückter Haufen, aber die Überraschung ist ihnen gelungen!“, meinte Placido.

„Wessen Idee das wohl war?“, fragte ich und schaute zu Tomaso.

Der wurde sofort rot und nahm sein Laptop an sich.

„Ich… ich hatte nur mit Nino vereinbart, dass wir heute Abend, wenn wir“, er zeigte auf uns, „zurück sind, miteinander chatten. Er muss wohl seinen Vater gefragt haben, Stellario wiederum hat Letizia angesprochen. Die muss das dann alles in Gang gesetzt haben. Ich war genauso erstaunt wie ihr, als ich anstatt Nino die ganze Familie vor mir sitzen hatte!“

Das konnte ich mir lebhaft vorstellen.

„Sie haben uns ab morgen wieder, da können wir eine Feier nachholen“, sagte Placido.

„Noch eine…“, meinte ich gequält.

*-*-*

Pünktlich landeten wir am Abend nach europäischer Zeit in Florenz. Ich war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Während Placido mit mir noch das Formelle erledigte, hielt Tomaso nach Jakob Ausschau. Es war im Vorfeld ausgemacht, dass er uns am Flughafen abholen sollte.

„Ich glaub es nicht“, hörte ich Tomasos Stimme hinter uns und irgendwo drang lauter Trubel an unser Ohr.

Fast gleichzeitig drehten Placido und ich uns Richtung Geräuschquelle. Auf der anderen Seite der Glasscheibe, die diesen Bereich und die Empfangshalle trennte, konnten wir die ganze Meute von gestern Abend entdecken. Ein Spruchbanner wurde in die Höhe gehoben, worauf man „Willkommen Familie Romano!“ lesen konnte.

„Die spinnen“, entfleuchte es mir.

Placido lächelte breit, wir erhielten unsere Pässe und folgten Tomaso, der schon voraus gerannt war. Als wir bei den anderen ankamen, hing er schon in den Armen von Nino.

„Hallo zusammen!“, rief Placido.

Erneut brach ein wildes Durcheinander von Stimmen, Begrüßungen und Umarmungen aus. Dana überreichte mir sogar einen großen Blumenstrauß. Ich hörte Jakob Placido erklären, dass er dafür nicht verantwortlich sei und zum Stillschweigen verdonnert worden war.

Ohne Rücksicht auf unseren langen Flug wurde gemeinsam in ein Restaurant eingekehrt und ordentlich gefeiert. Nur wegen der Mädchen und auch Tomaso und Nino, uferte das Ganze nicht allzu sehr aus, denn am nächsten Tag war ja wieder Schule.

Auch an diesem Abend ließ ich mich aufs Bett fallen, dieses Mal aber in mein eigenes. Mein Koffer stand mitten im Schlafzimmer.

„Mich kriegst du heute keine zehn Meter mehr weit!“, meckerte ich Placido an.

Er rollte ebenso seinen großen Koffer ins Zimmer.

„Sieh es doch mal von der guten Seite, so bleibt uns eine große Feier erspart, um die wir hätten kümmern müssen!“

Ich hob meinen Kopf und schaute in das grinsende Gesicht meines Mannes. Meine Hand hebend betrachtete ich dann meinen Ring. Ja, ich war verheiratet und konnte Placido meinen Mann nennen, ganz offiziell.

„Was ist?“, fragte Placido.

Ich grinste breit.

„Mann! Komm her und gib mir endlich einen Kuss!“

„Huch, wie dominant!“, tuckte Placido herum.

Wir fingen beide an zu lachen. Mein Schatz ließ sich neben mir nieder und gab mir einen langen Kuss.

„Jetzt kleben die schon wieder aneinander! Hat das im Flugzeug nicht gereicht?“

Die Stimme gehörte zu Tomaso. Wir setzten uns beide auf. Tomaso hatte sich entschlossen, dieses Mal auf dem Einzelsitz zu verweilen. Konnte er doch so die ganze Zeit ungestört mit Nino schreiben.

„Du bist ja nur neidisch, wäre Nino hier, würdest du es nicht anders machen“, sagte ich, „und zudem war es deine Entscheidung im Flieger alleine zu sitzen!“

„Ja, ja, ist ja schon gut“, meinte Tomaso und hob abwehrend die Hände.

Er kam zu uns, drückte uns kurz und gab jeden ein Küsschen auf die Wange. Mit einem „Gute Nacht!“, verschwand er wieder.

*-*-*

Der Alltag hatte uns wieder. Wie gewohnt fuhr ich Tomaso mit seinem Freund morgens in die Schule, bevor ich in die Redaktion fuhr. Placido blieb zuhause und widmete sich seiner Kunst.

Das Heim hatte uns Mittwoch zu einer kleinen Wiedereröffnungsfeier eingeladen, die Kinder konnten schon am Montag die neuen Zimmer beziehen.

Mama war zwar traurig, dass sie sich von den zwei Mädchen wieder trennen musste, aber gleichzeitig auch froh, denn sie verursachten doch eine Menge Arbeit. Vater dagegen traf es ziemlich hat, er hatte die Mädchen sehr liebgewonnen.

Emiliano berichtete stolz, dass diese Unterbringung auf Zeit auch sein Gutes hatte. Außer Tomaso hatten noch neun andere Kinder eine Familie dadurch gefunden.

„Morgen Letizia!“, sagte ich.

„Morgen du Ehemann“, grinste sie mich an.

Ich lief zu meinem Schreibtisch und stellte meine Tasche ab.

„Ach, bevor ich es vergesse, euer Geheimnis ist kein Geheimnis mehr!“

„Wie meinen?“

„Eine Freundin hat mir eine Nachricht aus den britischen Medien zu kommen lassen…“

Ich ließ mich auf meinen Stuhl nieder, drehte mich ab gleich zu Letizia.

„… aus England?“

„Ja, da ist ein Artikel erschienen, dass ein unehelicher Sohn, den Placido mit einer verheirateten Frau haben soll, plötzlich aufgetaucht ist!“

„Was?“

Ich rollte zu ihrem Schreibtisch hinüber.  Letizia drehte ihren Laptop so, dass ich den Artikel selbst lesen konnte. Von einer Daniele, siebenundzwanzig Jahre alt wurde da geschrieben. Der Sohn wäre gerade mal neun Jahre alt.

„Wo haben die das denn her?“

Ich knipste den Beitrag mit meinem Handy und leitete es an Placido weiter.

„Mach dir keine Gedanken, dass ist irgend so ein Revolverblatt, da drüben und du weißt ja, schon Oberlix sagte „Die spinnen die Briten!“

Wie erwartet, klingelte mein Handy. Ich drückte auf die Lauttaste und legte mein Handy auf Letizias Schreibtisch.

„Morgen Placido, was hört man da, aus den Nachrichten?“

„Morgen Letizia, wo habt ihr denn das ausgegraben?“

„Hallo Schatz, was meinst du mit ausgegraben?“

„Der Bericht ist sechs Jahre alt!“

„Aber warum steht er jetzt in einem britischen Klatschblatt?“

„Weiß ich nicht. Die Dame hat damals wirklich versucht, mir die Vaterschaft unter zujubeln. Dabei habe ich sie nicht mal persönlich gekannt!“

„Du weißt wer das ist?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, zu der Zeit war ich in London, wegen einer der zahlreichen Ausstellungen, auf denen ich vertreten war. Ich glaube sie war die Frau irgendeines Bediensteten, des Museums.“

„Wie ist die Sache ausgegangen?“, wollte Letizia wissen, neugierig wie immer.

Es hüstelte auf der anderen Seite der Leitung.

„Placido?“, rief ich.

„Ähm…, das ist mir jetzt… irgendwie peinlich, darüber zu reden, schon gar nicht am Telefon?“

„Wieso?“, fragte Letizia.

„Weil ich darüber nicht gerne rede…, zu dem weiß das nicht mal Davide.“

Erstaunt schaute mich Letizia an.

„Hättet ihr heute Mittag Zeit essen zu gehen?“

Erneut schaute mich Letizia an und ich nickte, denn nun war auch meine Neugierde geweckt. Und es war gut, weil ich heute nicht kochen musste, da Tomaso über Mittag bei Nino war.

„Kein Problem, schick uns eine Mitteilung, damit wir wissen, wohin wir kommen sollen.“

„Mach ich…, bis heute Mittag dann…ciao!“

„Ciao!“

Letizia drückte das Gespräch weg und reichte mir mein Handy wieder. Nachdenklich kratzte ich mich am Hinterkopf. Was gab es so Peinliches, das man es am Telefon nicht erzählen wollte?

„Wäre vielleicht besser gewesen, das nicht an Placido weiter zu leiten“, sagte Letizia.

„Wieso, irgendwie hätte er es sowieso erfahren“, verteidigte ich mich.

„Was könnte er nur meinen, was er nicht am Telefon erzählen möchte.“

„Ich weiß es nicht, Letizia, du hast ja gehört, dass weiß nicht mal ich!“

*-*-*

Mir kam der Vormittag so ätzend vor, als würde der Sekundenzeiger der Wanduhr in Letizias Büro extrem langsamer laufen. Mit meiner Konzentration war es auch vorbei, weil ich mir den Kopf zermarterte, was Placido mir nicht erzählt hatte.

„Bist du fertig…, dann könnten wir“, kam es plötzlich von Letizia, die gerade aufstand und ihre Sachen in der Handtasche verschwinden ließ.

„Ähm ja!“

Da ich nach dem Essen nicht mehr herkam, fuhr ich den PC herunter und räumte meine Sachen in die Tasche.

„Fahren wir mit zwei Wagen, oder setzt du mich hier ab, wenn du zurück fährst?“

„Lass dein Auto stehen, ich bring dich wieder zurück.“

„Danke…, ist alles okay mit dir?“

„Weiß nicht… Placido hat vorhin so sonderbar geklungen.“

„Komm, er wird uns schon keine Hiobsbotschaft überbringen!“

*-*-*

Am Tisch herrschte Stille. Ich schaute Letizias über die Schulter, um den Brief zu lesen, den Placido ihr gereicht hatte. Er hatte sich freiwillig einem Vaterschaftstest unterzogen, um den ganzen Spuk ein Ende zu setzten.

Klar war das Ergebnis negativ und die Dame ging leer aus. Letizia ließ das Blatt sinken und schaute Placido mitleidig an. Dessen Gesichtsfarbe war kräftig rot.

„Ich wäre also nie schwanger geworden?“, ließ ich leise vom Stapel.

Der kleine Absatz am Schluss, verriet das kleine Geheimnis, worüber Placido nie gesprochen hatte. Es bestehe nur eine fünf prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sein Gegenpart schwanger werden würde, sprich Placido war unfruchtbar.

Letizia verschluckte sich an ihrem Glas Wasser und fing mächtig an zu husten. Placido schaute mich entsetzt an. Der Witz ging wohl nach hinten los. Eigentlich wollte ich nur die Stimmung etwas heben.

„Entschuldige Placido, das war nur Spaß!“

Er schaute mich immer noch traurig an.

„Du hast seltsame Witze auf Lager!“, kam es von Letizia, die sich wieder beruhigt hatte.

Ich griff nach seiner Hand.

„Schatz“, redete ich leise weiter, wir waren ja nicht alleine im Restaurant, „ich verstehe, dass das eine schlechte Nachricht für dich war, aber es ist doch für uns irrelevant, nichts was du vor mir verbergen müsstest.“

„Du bist mir wirklich nicht böse…?“

Warum soll ich denn böse sein, Placido…, der Sex ist gut…“

„Davide!“, fiel mir Letizias ins Wort, „so detailliert wollte ich das gar nicht wissen!“

Wie auch ich, musste Placido ebenso grinsen.

„Habe ich irgendwelche Details ausgeplaudert?“

„Ach du…, du weißt ganz genau, was ich meine!“

Ich schaute wieder zu Placido, der immer noch etwas unsicher schien. Sanft streichelte ich ihm über die Wange, egal ob es jemand anders im Gastraum sah.

„Es ist alles okay und wir brauchen auch nicht mehr über dieses Thema zu reden!“

Placido nickte mir zu und unser Essen wurde gebracht.

„Ich wünsche einen angenehmen Appetit!“, meinte der Kellner und verließ uns wieder.

„Wollt ihr gegen dieses Schmierblatt etwas unternehmen?“, fragte Letizia.

„Warum denn, wenn jemand seine Hausaufgaben macht, wird er schon mitbekommen, dass dies keine aktuelle Meldung ist!“, antwortete ich.

„Und wenn jetzt wegen dieser Meldung, jemand mit Nachforschungen beginnt und…“

„Lass gut sein. Letizia“, unterbrach sie Placido, „es kann jeder wissen, dass Davide mein Mann ist und wir einen gemeinsamen Sohn haben, trotzdem werde ich es nicht an die große Glocke hängen!“

„Ich schließe mich Placidos Meinung an!“, sagte ich nur.

„Wie ihr meint, war ja bloß eine Frage!“

*-*-*

Eine Woche verging und diese Meldung hinterließ keinerlei Spuren. Weihnachten stand vor der Tür und ich war mit Placido und Tomaso unterwegs, einen Tannenbaum zu besorgen. Eigentlich mussten wir alles besorgen, denn es war ja unser erster Weihnachtstanne.

Außerdem war es in Italien Tradition, den Weihnachtsbaum bereits am achten Dezember aufzustellen, den Termin hatten wir aber wegen der Amerikareise bereits verpasst. So wurde gemeinsam beschlossen, erst den Baum, dann den Schmuck.

Aber es zeigte sich mal wieder, dass ich wieder mal Placido ausbremsen musste, weil er einen großen baum wollte. Tomaso hatte er voll auf seiner Seite, so war es schwieriger für mich. Irgendwann war ein Baum gefunden, nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass der Baum Placidos Größe nicht überschreiten sollte.

Anschließend wurde der Baum zuhause abgeliefert, weil wir anschließend noch deutschen Weihnachtsmarkt besuchen. Den hatte Tomaso, obwohl er hier in Florenz aufgewachsen war,  noch nie betreten.

So hatte ich zwei Kids bei mir, auf die ich aufpassen musste. Wie Tomaso fingerte Placido alles an und mir war es schon peinlich, laufend einschreiten zu müssen. Die beiden hätten dann womöglich noch den Markt leergekauft.

Mit mehreren Tüten beladen, liefen wir zurück ins Auto. Ich fragte mich, wo wir das alles aufhängen sollten. Nachdem Placido Tomaso einen Glühwein spendiert hatte, waren die beiden sehr gesprächig geworden.

So entschloss ich mich zu fahren, damit die zwei ungestört weiter erzählen konnten. Es ging um frühere Weihnachten, so erfuhr ich auch einiges Neues. Zuhause angekommen, waren  Placido und Tomaso so in ihr Gespräch vertieft, dass sie mich alleine am Wagen zurück ließen.

Sprich ich konnte unsere Einkäufe alleine hoch tragen. Mühsam trug ich alles zur Eingangstür hinüber, bevor ich den Wagen verschloss. Von oben war Gelächter zu hören, was meine leicht ansteigende Wut noch etwas förderte.

Ich lief zweimal, bis ich alles oben hatte, der Baum wäre der dritte Gang nach unten gewesen, aber das sah ich jetzt irgendwie nicht ein. So trug ich die ersten Tüten in den Wohnraum, wo ich die beiden in der Küchenzeile vorfand.

„Amüsiert ihr euch auch gut?“, fragte ich angepisst.

Die Unterhaltung der beiden stoppte abrupt. Tomaso zog den Kopf ein und Placido schien wohl auch zu bemerken, dass man mich ganz vergessen hatte. Beide kamen auf mich zu. Tomaso lief an mir vorbei und Placido nahm mir die Tüten ab.

Mein Sohn erschien wieder verlegen lächelnd, mit den restlichen Tüten.

„Ist der Baum noch unten?“, hörte ich ihn fragen.

„Hätte ich den auch noch rauftragen sollen?“

Sauer drehte ich mich um und wollte mich endlich aus denen viel zu warmen Klamotten befreien. Aber Placido hinderte mich daran, in dem er seine starken Arme um mich legte.

„Sorry Schatz, da sind wohl die Pferde mit mir durch gegangen. Es war einfach so toll, Tomaso zu zuhören.“

Ich seufzte. Eigentlich war ich ja gar nicht sauer auf die beiden, sondern eher auf mich selbst, weil ich Placido nie lange böse sein konnte und bei Tomaso verhielt es sich ähnlich. So befreite ich mich aus Placidos Armen.

„Ich geh mich kurz umziehen, mir ist so warm. Aber trotzdem könnte jemand nach dem Feuer schauen…! Es ist fast niedergebrannt.“

Als ich wenig später zurück kam, stand der Baum, welch Wunder mitten im Raum und das Feuer im Kamin brannte wieder.

„Placido und ich wussten nicht…, wo wir ihn hinstellen sollen…“, fing Tomaso an zu reden.

Ich wunderte mich überhaupt, dass sie den Baum so schnell hochbekommen hatten. Schon der Wurzelballen hatte bei dieser Größe sein Gewicht.

„Hinter den Esstisch, neben dem Fenster…, da ist keine Heizung.“

Ohne irgendeine Widerrede begannen die beiden den Tannenbaum in meine gewünschte Richtung zu schieben.

„Warte, ich helfe euch“, meinte ich.

„Es geht schon!“, kam es von Tomaso, der unten am Kübel zog.

So ging ich in die Küche und zog eine Schere aus der Schublade. Mit etwas Mühe hatten die beiden es geschafft. Ich ging zu ihnen und hielt die Schere entgegen.

„Was?“, fragte Placido.

„Willst du nicht die Hülle aufschneiden?“

„Oh, achso…“

Tomaso lächelte mich an. Es erwies sich als gute Entscheidung, keinen größeren Baum zu haben, denn schon bei dieser Größe von fast zwei Metern, gab es leichte Schwierigkeiten, das Teil auszupacken, ohne gleich ein paar Zweige abzubrechen.

Tomasos Handy klingelte im Zimmer und im Nu war er verschwunden. Ich dagegen holte schon mal Besen und Kehrschaufel, denn jetzt schon, sammelte sich unter der Tanne so manchen Unrat.

„Der Kübel ist hässlich“, meinte Placido, „wir hätten ihn vielleicht anmalen sollen!“

Ich grinste und ging zu den Tüten. Manche Dinge hatte ich auch gefunden, es waren nicht nur alles Dinge, die Tomaso und Placido ausgesucht hatten. So auch die Stoffhülle, die ich nach kurzem Suchen fand.

„Wir wäre es mit der?“, sagte ich nur und drückte ihm das Päckchen in die Hand.

Er lass kurz die Aufschrift und bekam dann ein breites Lächeln.

„Du denkst einfach immer an alles!“, meinte Placido und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Das traf zwar oft zu, aber nicht immer. Tomaso kam zurück.

„Dürfte Nino eventuell kommen? Er ist alleine zuhause und…“

„… und vermisst dich unendlich!“, grinste Placido.

„Ich dachte, wir wollten gemeinsam den Baum schmücken“, sagte ich.

„Wieso?“, kam es von Tomaso.

„Du verschwindest doch sofort in deinem Zimmer, wenn Nino hier aufkreuzt.“

„Nein…, Nino wollte uns helfen!“

„So, will er das? Frag…, ob er zum Essen bleibt!“

Placido lächelte mich an, während Tomaso sich von uns wegdrehte und weiter telefonierte.

„Du kannst auch keiner seiner Bitten abwehren, oder?“

Nun grinste ich auch.

„So würde ich das nicht sagen, es kommt immer auf die Bitte oder Frage an. Du wirst sicher auch ein Nein von mir zu hören bekommen!“

„Bist du sicher?“

„Natürlich bin ich sicher!“, sagte ich grinsend, „oder hast du schon mal erlebt, dass ich dir alles durchgehen lasse?“

„Mir? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Tomaso und du könntet wirklich Vater und Sohn sein. Wenn es darum geht, mich etwas zu bitten, da habt ihr den gleichen Blick drauf… ich würde sogar sagen, den gleichen Tonfall.“

„Placidos Stimme ist viel tiefer!“, hörte ich es hinter meinem Rücken.

„Trotzdem seid ihr euch in manchen Dingen wirklich ähnlich!“, meinte ich zu dem Jungen und wuschelte ihm über den Kopf.

Das hätte ich vielleicht nicht so offen sagen sollen, denn plötzlich spürte ich einen Finger, der sich in die Seite bohrte.

„So, ich kriege einen seltsamen Blick!“, meinte Placido.

Ich zuckte zusammen und jaulte laut auf. Aber nicht genug, Placido fing mich richtig an zu kitzeln. Natürlich ging ich sofort zu Boden und Tomaso stand vor mir und lachte. Ich griff ihn und fing an, ihn ebenso zu kitzeln.

Augenblicke später lagen wir alle drei auf dem Boden und kitzelten uns gegenseitig.

„Stören wir?“, ließ und eine Stimme innehalten.

Alle drei schauten wir gleichzeitig in die Richtung, woher wir die Stimme vernommen hatte. Da standen Jakob und Placido.

„Diese Kids heutzutage, nur Blödsinn im Kopf!“, sagte Jakob zu Nino, der sofort anfing zu grinsen.

Placido schaute mich an.

„Kids… Blödsinn…, müssen wir uns so etwas sagen lassen?“, fragte mich Placido.

Ich schüttelte grinsend den Kopf und entließ Tomaso aus meinen Fängen.

„Nino! Halt diesen Kerl fest“, rief Placido plötzlich laut.

*-*-*

Lachend saßen wir auf der Couch und lauschten den Erzählungen von Placido und Jakob aus New Yorker Zeiten. Mit einer Tasse Tee in der Hand tat das richtig gut. Mein Blick wanderte zum Tannenbaum hinüber, der immer noch ungeschmückt da stand. Placido schien meinen Blick zu bemerken.

„Was haltet ihr davon, wenn du Schatz mit Jakob etwas zum Abendessen kochst und ich mit den Jungs den Baum fertig schmücke?“

„Und du denkst, das wird etwas werden?“, grinste ich und nahm einen weiteren Schluck Tee.

„Und ich kann nicht kochen!“, beschwerte sich Jakob.

„Dann schmücken wir mit Jakob den Baum und Placido hilft dir beim kochen!“, meinte Tomaso.

„Aber…“, begann Placido, aber ich fiel ihm einfach ins Wort.

„Placido, wie viele Bäume hast du in deinem Leben schon geschmückt?“

„Ähm… also…“, verlegen kratzte er sich am Kopf, „… keinen, das haben immer andere für mich getan.“

Der letzte Part seines Satzes hörte sich resignierend an. Ich lächelte trotzdem.

Schatz, was hältst du von der Idee, dass ihr vier den Baum schmückt und ich koche…, die Jungs könnten mir aber vielleicht vorher noch den Tisch abräumen und decken.“

„Aber ich hab doch noch nie…“

„Für alles gibt es das erst mal und ich denke, du hast drei gute Lehrer bei dir!“

*-*-*

Während die anderen nun über den Tannenbaum herfielen, verzog ich mich in die Küchenzeile. Tomaso und Nino hatten sich Spaghetti gewünscht, also gab es die auch. Ich setzte den großen Pott mit Wasser auf, denn die Spaghetti brauchten ja am längsten.

Das Salz gab ich gleich ins Wasser, damit ich es später nicht vergaß. Die schmückende Truppe schaffte nämlich Ablenkung genug. Ich lief an den Kühlschrank und überlegte, was für eine Sauce ich Lust hätte.

Ich griff mir den Guanciale (Bauchspeck) und entschied mich eine Sauce Amatriciana zu machen. Der Geschmack von dem gebratenen Speck, in dem reduziertem Weißwein und den fruchtigen Tomaten mit einer leichten Schärfe der Peperoni war einfach die beste Sauce für Spaghetti. Für meinen Geschmack jedenfalls.

Ich entfernte die Schwarte vom Speck und ließ sie in das heiße Wasser gleiten, auch dies gab Geschmack. Den Speck selbst schnitt ich in kleine Streifen. Das Gelächter der anderen ließ meine Aufmerksamkeit immer mal wieder zum Tannenbaum wandern. Ich lief zur kleinen Kammer.

Jemand etwas zum trinken?“, rief ich, bevor ich in den kleinen Raum verschwand.

Rotwein und Cola hörte ich. Ich griff mir also zwei Dosen geschälte Tomaten, zupfte mir eine Peperoni ab und zum Schluss hangelte ich mir auch noch Rotwein und Cola. So voll beladen, trat ich wieder aus den Vorratsraum.

„Warte Davide, ich helfe dir!“, hörte ich Nino rufen und Sekunden später nahm er mir die Flaschen ab.

„Danke!“

Ich löschte das Licht und schloss die Tür und folgte Nino zu Theke.

„Du kannst auch gleich einschenken, die Gläser für Cola sind hier“, ich öffnete den Hängeschrank und die Weingläser hängen ja über der Theke. Jakob…, möchtest du auch Rotwein?“

„Nein, ich trinke mit den Jungs Cola!“

Ich schaute kurz zu Nino, der dies auch gehört hatte. Ich zog die Pfanne aufs Feuer und träufelte etwas Olivenöl hinein. Das Fett war schnell heiß und ich konnte meine Speckstreifen hinzutun. Danach durchtrennte ich die Peperoni und entfernte das Kerngehäuse.

Die beiden Hälften wanderten zum Speck. Bevor ich den Weißwein zugab, rührte ich alles noch einmal kräftig durch. Das Gas drehte ich etwas kleiner und ließ das Ganze etwas einkochen.

Das Wasser im großen Topf begann zu sprudeln, so warf ich die Spaghetti hinein, nicht aber ohne vorher die Schwarte wieder zu entfernen. Kurz umgerührt und ich konnte sich kurz ihnen selbst überlassen. Ich griff mir meinen Rotwein, den mit Nino eingeschenkt hatte und nippte daran.

Die anderen hatten mittlerweile die Lichterkette angebracht und bereits mit den Kugeln begonnen. Tomaso saß auf dem Boden und versuchte mit dem Stoffteil den Kübel zu verdecken. Mein Blick fiel wieder auf den Speck und ich war der Meinung, er hatte genug geköchelt.

Vom Feuer gezogen, war das Gemisch schnell in eine Schüssel geschüttet und die Pfanne wieder aufs Feuer gestellt. Die Peperoni hatte ich wohl weißlich entfernt. Anschließend öffnete ich die Dosen und der Geruch der Tomaten machte sich breit.

Die beiden Teile leerte ich in die noch heiße Pfanne. Sofort fing es an den Rändern an zu kochen. Mit Salz und Pfeffer etwas abgeschmeckt, ließ ich die Tomatensauce aufkochen. Dazwischen rührte ich immer wieder in den Spaghetti herum, sie würden bald al dente sein.

Es hieß sich etwas beeilen.

Ich schüttete den Speck in die mittlerweile kochende Tomatensauce und rührte in der Pfanne herum. Kurz probiert, fehlte noch etwas Salz, was schnell hinzugefügt war. Auch war es Zeit, die Spaghetti zu probieren, aber die brauchten noch einen Augenblick.

Ich drehte das Gas unter der Sauce herunter und gönnte mir noch einen weiteren Schluck Wein. Mein Schatz war bei der Sache voll konzentriert und hängte eine Kugel nach der anderen auf. Die Holzaufhänger gefielen mir gut, zwischen den roten Kugeln.

Ich stellte mein Glas wieder ab und widmete mich den Spaghettis. Schnell waren sie abgeschüttet und sofort in die Tomatensauce gewandert. Noch einmal rührte ich alles kräftig durch.

Bevor ich die anderen zum Essen rief, machte ich noch ein wenig sauber. Topf und Brett spülen, da hatte ich das meiste schon weg.

„So Pause! Essen ist fertig!“, rief ich und trug die Pfanne hinüber zum Tisch.

„Schon?“, hörte ich Placido sagen.

Noch schnell den Parmesan holen und wir konnten loslegen, dachte ich für mich.

*-*-*

 Während Placido mit Tomaso, Nino zurück brachte und Jakob in seinem Zimmer verschwunden war, räumte ich noch etwas auf. Danach ließ ich mich im Sessel am Kaminfeuer nieder und betrachtete den Weihnachtsbaum und genoss den restlichen Rotwein in meinem Glas.

Es war das erste Mal seit langen, dass ich mal wieder weihnachtliche Gefühle verspürte, aber gleichzeitig fiel mir auch ein, dass ich für Placido noch kein Geschenk hatte. Es war auch schwierig für ihn etwas Passendes zu finden.

Sein Geschmack war erlesen und so gesehen hatte er eigentlich schon alles, was die Sache auch nicht leichter machte. Ich hörte Stimmen im Flur, Tomaso und mein Schatz schienen wohl schon zurück zu sein. Die Tür ging auf und Placido kam herein.

„Die Fensterbeleuchtung kommt richtig gut, von der Straße sieht es einfach himmlisch aus.“

Placido trat zu mir, gab mir einen Kuss auf die Stirn und ließ sich neben mir auf dem Sofa nieder.

„Ach Noah hat geschrieben…“, meinte er und hielt mir sein Handy entgegen.

Kurz überflog ich die Zeilen und ließ erstaunt das Handy sinken.

„Sein Vater will ihn abwerben?“

„Ja, ich war genauso überrascht. Noch Rotwein da?“

„Ja… etwas, warte ich hol ihn dir!“

Ich lief hinüber zur Theke, nahm ein neues Glas und die Flasche Wein, bevor ich zu Placido zurück kehrte.

„Hat er deswegen Erkundigungen eingezogen?“

„Weiß nicht, das hat ja eigentlich nichts mit Noah zu tun. Noah meinte nur, sein Vater könnte ihm gestohlen bleiben, er würde sicherlich nicht auf das Angebot eingehen.“

„Recht so! Tomaso in seinem Zimmer?“

„Ja, der wollte noch seine Sachen für Morgen richten.“

„Okay“, meinte ich und ließ mich nach hinten gleiten.

„Müde?“

„Etwas, war ein langer Tag!“

„Stimmt, aber es hat Spaß gemacht!“

„Da gebe ich dir Recht. Wieder eine wundervolle Erinnerung für den Jungen.“

Placido lächelte und schenkte sich den Rotwein ein.

„Ich hoffe, es werden noch viele folgen.“

„Sicherlich! Mit dir wir es eh nie langweilig“, kicherte ich.

Die Tür ging auf und Tomaso kam gähnend herein. Er schaute kurz zum Baum, bevor er sich neben Placido kuschelte.

„Im Heim hatten wir im Speiseraum immer einen kleinen Baum stehen. Jedes Jahr bastelten wir Weihnachtsschmuck und hängten alles ans Bäumchen. Er sah immer total überladen aus. Aber irgendwie schön.“

„Gefällt dir unser Baum nicht?“, fragte Placido.

„Doch…sehr!“

„Aber?“

„Es fehlt etwas?“, meinte Tomaso und schaute zu uns.

„Was?“, fragte Placido verwirrt.

„Die Krippe! Im Heim wurde jedes Mal in einer Ecke des Speiseraums eine große Krippe mit Landschaft aufgebaut.“

„Er hat Recht, das macht Mama auch jedes Mal“, sagte ich.

„Dann sollten wir in den nächsten Tagen noch einmal zum Weihnachtsmarkt“, meinte Placido grinsend.

„Wie habt ihr eigentlich Weihnachten gefeiert?“, wollte ich von Tomaso wissen.

„Es gab abends etwas Tolles zum Essen, Monsignore lass uns danach immer die Weihnachtsgeschichte vor und zum Schluss, gab es die Geschenke.“

„Vom Heim?“

„Ja, meist etwas, was wir dringend brauchten, aber auch untereinander, das war aber oft selbstgebastelt.“

Was Tomaso erzählte stimmte mich etwas traurig, aber das ließ ich mir nicht anmerken.

„Und wie habt ihr gefeiert, oder wie werden wir feiern?“

„Ich im Kreise meiner Familie“, antwortete ich.

„Meist war ich auf irgendwelche Feiern eingeladen…“, sagte Placido, „aber dieses Jahr habe ich eine eigene Familie, kein nervendes Galadiner!“

„Und was machen wir dann?“

„Wir werden mit Oma in die Mitternachtsmesse gehen!“, erklärte ich und setzte mich auf.

„Um Mitternacht? So spät?“, fragte der Junge erstaunt.“

„Ja, so ist es schon immer brauch in Italien. In der Messe wird viel gesungen und gebetet.“

„Und dann?

„Trifft man sich am Weihnachtstag wieder zum Essen… alle, die ganze Familie.“

„Wir auch?“

„Möchtest du?“, fragte Placido.

„Ja, ich finde es toll mit vielen zusammen Weihnachten zu feiern.“

Placido schaute zu mir. Da hatte ich wohl ein Eigentor geschossen. Bei Mama war viel zu wenig Platz um alle unterzubringen. Noah kam ja auch noch aus New York geflogen.

„Dann werden wir uns überlegen, wie wir alle hier unterbringen“, meinte ich.

„Hier?“, fragte Tomaso strahlend.

„Ja, wir brauchen dann aber einen größeren Tisch.“

„Der ist noch nicht voll ausgefahren“, erinnerte mich Placido.

„Wieso, wie viele wären wir denn?“

„Lass mich nachrechnen?“, sagte ich.

Ich kam grob geschätzt auf zwanzig Leute.

„Es könnte sein, dass wir auch noch Besuch aus den Staaten bekommen“, warf Placido ein.

„Ich habe Noah und seine Mutter schon mit eingerechnet.“

„Nein, ich meine Emilianos Eltern, sein Vater hat durchblicken lassen, dass seine Frau und er ihren Junior überraschen wollen.“

Ich grinste schief.

„Eher das Mädchen kennen zu lernen, das ihrem Sohn den Kopf verdreht hat!“

„Tante Dana?“, fragte Tomaso belustigt.

Natürlich war es dem Jungen auch nicht entgangen, dass die beiden ständig zusammen waren.

„Lass sie das ja nicht hören, sie fühlt sich dann immer so alt!“

Tomaso versteckte sein Kichern hinter seiner Hand.

„Dann wird es hier aber eng“, merkte ich an.

„Und wenn wir das Sofa neben den Baum stellen und eine Tafel zwischen Theke und Kamin aufstellen…, die Barhocker müssten allerdings verschwinden“, schlug Placido vor.

„Und die Sessel?“, fragte Tomaso, der dem Fingerzeig von Placido folgte.

„Können rechts und links neben dem Kamin stehen bleiben!“

Ich sah bildlich im meinem Kopf, was Placido gerade erklärt hatte. Das schien genügend Platz zu geben.

„Da haben wir ganz schön Arbeit vor uns“, sagte Tomaso.

„Nicht mehr heute Abend, morgen wieder, ich für meinen Teil wandere ins Bett!“, sagte ich und erhob mich.

*-*-*

Die nächsten Tage waren durchzogen von Schule, Arbeit und Vorbereitungen. Als schwierigster Punkt, erwies sich einen Tisch zu finden, der unserem ähnlich war und auch die passenden Stühle.

Auch wenn die Personenzahl die zwanzig nicht überschritt, sollte doch für jeden ausreichend Platz sein. Natürlich bot sich Mama an, mir in Fragen des Essens zu helfen. Ihre zurück gewonnen Freiheit, ohne die zwei Mädchen, mussten irgendwie ausgefüllt werden.

Dann kam noch hinzu, eine Idee von Placido zu verwirklichen. Kurzfristig hatte er sich entschlossen, für die zurück gekehrten Kinder im Heim noch kleine Geschenke zu organisieren, die aus Zeitmangel, schon am Heiligen Abend vorbei gebracht werden sollten.

Natürlich war Tomaso hierfür Feuer und Flamme und zusammen mit seinem Freund Nino, saßen die beide einen ganzen Mittag, um die von Placido ausgesuchten Malsets in verschiedene Geschenkpapiere einzupacken.

Was mir meine Arbeit auch nicht erleichterte, waren dann die etwa fünfzig kleinen Geschenke, die nun unseren Eingangsbereich blockierten. Dazu kamen auch noch die Weinpräsente, die mein Schatz für die Bediensteten des Heimes erdacht hatte und natürlich für das Personal seines Cafés, einen Stock tiefer.

Hierzu hatte er Papa gewonnen, der sich ja schließlich in Sachen Wein bestens auskannte. Unser Flur glich nun eher einem Warenlager des Weihnachtsmannes. Auch wuchs die Gästeliste um eine weitere Person, als bei der Reunion meiner Schwester Dana und ihrer besten Freundin Lara, zufälligerweise auch Stellario, Ninos Vater zugegen war und er und Lara, sich irgendwie schnell näher kamen.

Da Nino, so kurz vor Weihnachten jeden Tag bei uns verweilte, weil Tomaso versprochen hatte, mir so gut er konnte zu helfen, war dann auch immer Leben in der Wohnung. Mein Ruhepol Placido war da auch keine Hilfe, hatte er doch, seit Noah angereist war, noch vieles geschäftliches bis zum Jahresende zu erledigen.

Meine letzte Arbeit vor Weihnachten, hatte ich auch bei Letizia pünktlich abgeliefert, so musste ich mich auch nicht mehr in der Redaktion blicken lassen. Der Verkauf des Buches war gut angelaufen und man überlegte schon, eine weitere Auflage zu drucken.

Eine Autogrammstunde sollte es nach den Feiertagen geben, da mein Buch sicher unter vielen Weihnachtsbäumen als Geschenk ruhte. So saß ich an diesem Morgen, wieder an meinem Schreibtisch und überflog meine To-Doliste, was als nächstes anstand.

Heute war der letzte Schultag vor den Feiertagen, so hatte ich ab Morgen die beiden Jungs, den ganzen Tag um mich herum. Da Mama sich in den Kopf gesetzt hatte, den Panettone selbst zu backen, hatte sie zuhause genug Arbeit und war nicht zu sehen.

Placido hatte mit seiner berühmten Überredungskunst bei unserer Hausbäckerei genug Tiramisu bestellt, so war die Sache mit dem Nachtisch schon geklärt. So blieb für mich nur noch die Hauptpunkte, Vorspeise, Hauptgang und die Tischdeko übrig.

Nur noch war gut, hatte ich damit doch genug Arbeit. Nach meinem Morgenkaffee, wollte ich deswegen auf den Markt fahren und den Einkaufsmarathon zu starten. Ich hoffte auch alles im Kühlschrank unter zu bringen.

Zu meiner Hilfe hatte ich Jakob verdonnert, auch wenn er diese Lesungsfreien Tage lieber mit seiner Valentina verbringen wollte.

„Können wir?“, schreckte mich Jakob aus meiner Gedankenwelt.

„Ja!“, meinte ich und griff nach dem Einkaufszettel.

*-*-*

Da an Heiligabend Abend, traditionell kein Fleisch gegessen wurde, stand die Fischabteilung ebenso auf meiner Einkaufsliste. Früher war eben Fleisch Luxus und Fisch eine täglich leicht zu kaufende Alternative.

Das hat sich zwar heute geändert, aber alte Traditionen werden in Italien hochgehalten. Ich hatte Placido gefragt, ob ich seinen Wagen nutzen konnte, damit ich auch alle Einkäufe unterbringen konnte.

„Ob wir eine weiße Weihnacht bekommen?“, fragte Jakob, als wir im Hof Placidos Wagen bestiegen.

Kalt genug wäre es, denn es fröstelte mich ein wenig.

„Laut Wetterprognose nicht, aber wer weiß“, grinste ich und startete den Wagen.

Natürlich fuhr ich mit Jakob zum Mercato di Sant’Ambrogio, weil ich dort alles bekam, was ich wollte. Jakob allerdings war angenehm überrascht, war er auf so einem Markt noch nie gewesen, auch in Amerika nicht.

So kam es vor, dass wir wegen Jakob, des Öfteren stehen blieben, weil er etwas entdecke, was er noch nicht kannte. Dies war seinem Hungergefühl nicht zuträglich und nachdem wir alles an Gemüse gefunden hatten, mussten wir wegen Jakob eine Pause einlegen.

Während ich mir einen Espresso und etwas Gebäck gönnte, verschlang Jakob mit  Meeresfrüchten belegte Weisbrotscheiben.

„Hast du eigentlich noch eine Unterkunft für Onkel Macavelli bekommen?“, fragte ich.

Jakob wischte sich den Mund mit seiner Serviette ab.

„Ja, dank Placido konnte ich über die Feiertage im St. Regis eine Suite bekommen, als kein Problem!“

Onkel Macavelli hatte sich am gestrigen Abend überraschend gemeldet und ebenso seinen Besuch angekündigt. So hatte Placido mehr eigene Familie um sich.

„Wo gehen wir als nächstes hin?“

„Pastaabteilung…, hier gibt es die frischesten Spagetti, Tortelini und anderes.

„Pasta zu Weihnachten?“

„Natürlich gibt es Pasta zu Weihnachten, aber nur ein weiterer Gang im Weihnachtsmenu, also keine große Menge.“

„Und was möchtest du machen?“

„Tagliatelle Gamberi rustici“, sagte ich lächelnd

„Und das wäre?“, fragte Jakob verlegen.

„Riesengarnelen in einer Knoblauch-Tomatensauce gegart und eben Tagliatelle dazu.“

„Hört sich lecker an!“

Mittlerweile hatte Jakob auch das letzte Brot verdrückt.

„Deswegen müssen wir dann noch in die Fischabteilung und danach zu Fleisch.“

„Das hört sich viel an.“

„Dort brauche ich nur die Pute und das Kalbfleisch, dann sollten wir alles haben!“

„Dann mal los“, meinte Jakob und stand auf.

*-*-*

 Etwas geschafft saßen Jakob und ich am Tisch. Wir hatten alles hochgetragen und verräumt, ich konnte also mit den Vorbereitungen beginnen.

„Placido kümmert sich um die Getränke?“

Ich nicke, er hatte es zumindest versprochen.

„Wann sollen die ganzen Päckchen weggebracht werden?“

„Heute eigentlich“, meinte ich und schaute auf die Uhr, „Placido wollte die Kids von der Schule abholen und nach dem Essen, die Sachen wegbringen.“

„Hoffentlich! Noch ein paar Tage und ich sehe von uns einen mitten drin liegen. So ich werde hinüber gehen, oder brauchst du mich noch?“

„Nein, der edle amerikanische Ritter kann sich erheben!“

Jakob zeigte schon wieder seine breite Zahnreihe.

„Dann wird der noble Ritter sich unter das kühle Nass stürzen!“

„Hä?“

„Ich geh duschen!“

Lachend verließ er das Zimmer. Ich schaute dem langen Tisch entlang, den Placido organisiert hatte. Welche Deko wäre am besten? Tischdecken, nun fiel mir wieder ein, was ich vergessen hatte.

Ich zog mein Handy heraus und wählte Mama an. Es dauerte etwas, bis ich sie in der Leitung hatte.

„Davide, hallo was ist?“

„Muss etwas sein, damit ich dich anrufe?“

Es war nur ein lautes Lachen zu hören.

„Okay… du hast recht! Warum ich anrufe, ich habe nicht an die Tischdecken gedacht.“

„Dein Mann sagt, du sollst runter gehen ins Cafe, dort hat er bereits Tischwäsche geordert.“

„Mein Mann?

„Ja der steht neben mir!“

„Warum steht der neben dir? Eigentlich soll er Tomaso und Nino von der Schule abholen.“

„Das hat er, die drei sind bei mir. Ich habe Placido gebeten, schon die Panettone mit zunehmen, weil bei mir kein Platz mehr ist.“

Das hatte mir Placido nicht gesagt.

„sie machen sich auf den Weg, soll ich ausrichten und wenn noch etwas ist, ruf mich an!“

„Ja, Mama.“

„Ciao Bambino!“

„Ciao!“

Ich hörte ihr Gelächter bis sie das Gespräch wegdrückte. Bambino, ich war siebenundzwanzig und da nannte sie mich noch Bambino. Also wirklich! Ich legte das Handy auf den Tisch und machte mich auf den Weg nach unten, wo ich anscheinend schon erwartet wurde.

Eine Mitarbeiterin drückte mir ein Stapel Stoff in die Hand.

„Für was ist das?“, fragte ich und hob das kleine Stoffviereck hoch.

„Placido meinte, er braucht auch zwanzig Stoffservietten.“

„Okay, danke!“

Sie nickte mir zu und ich verschwand schnell wieder, bevor mich einer der Gäste im Cafe noch ansprach. Nachdem ich den Zugang zu unserer privaten Seite wieder gut verschlossen hatte, hörte ich draußen einen Wagen.

Ich lief zur Eingangstür und öffnete sie. Kalte Luft strömte mir entgegen. Placido sah mich und winkte mir lächelnd zu, während die Jungs schon ausstiegen. Mir war kalt, so lief ich nach oben, mit dem Pack Wäsche auf dem Arm.

Froh wieder in der Wohnung zu sein, lief ich direkt in den Wohnbereich und spürte die Wärme des Kamins. Wenig später kamen auch die Jungs.

„Davide, wo sollen wir die Panettone abstellen?“, hörte ich Tomaso schon aus dem Flur rufen.

Ich schaute mich um und hier war definitiv kein Platz mehr.

„In meinem Büro, da ist es kühler!“

Eine Antwort bekam ich keine, ich hörte nur eine Tür. Dafür trat Placido in mein Sichtfeld, bestückt mit einigen Pizzakisten.

„Hi, alles in Ordnung? Du hast unten nicht gewartet.“

„He, da unten ist es saukalt und du bist dick eingepackt. Außerdem wurde die Tischwäsche schwer, die du geordert hast!“

Ich zeigte auf den Stapel, der nun auf der Tafel lag. Placido stellte die Pizzen ab und öffnete seine Jacke. Er kam auf mich zu und umarmte mich.

„He, was ist los?“, flüsterte er mir ins Ohr.

„Du hättest mir ruhig sagen können, dass du die Tischwäsche geordert hast und zu Mama fährst…, vielleicht wäre ich gerne mitgefahren!“

„Aber du hast doch schon genug zu tun, die ganzen Einkäufe und die Vorbereitungen. Morgen ist schon Heilig Abend!“

„Dafür hätte ich mir Zeit genommen.“

„He nicht schmollen, morgen siehst du sie ja wieder!“

Er ließ keine anderen Widerworte zu und gab mir einfach einen Kuss. Er entließ mich aus seinen starken Armen und lief Richtung Tür.

„Ich zieh mir schnell, etwas Bequemeres an!“

*-*-*

Da wir bis zum ersten Weihnachtstag, an der Theke aßen, konnte ich die komplette Tafel mit Tischdecken versehen. Von einer geschmückten Girlande, in der Mitte des langen Tisches, war ich abgekommen.

Placido hatte Recht, denn er meinte, bei den vielen Speisen die aufgetragen werden, wäre dann zu wenig Platz. Er kam gerade aus seinem Atelier zurück, gefolgt von den Jungs.

„Wo hast du denn die her?“, fragte ich, als ich die drei Tischkronleuchter in deren Händen sah.

„Die? Die waren eigentlich für die Galerie unten gedacht, hatte sie aber dann doch nicht verwendet. Seitdem stehen sie drüben im Atelier.“

Placido stellte seinen in die Mitte und die Jungs ihre in gewissen Abstand links und rechts. Etwas groß dachte ich für mich. Mit Kerzen, waren die Dinger gut sechzig – siebzig Zentimeter groß. Aber es hatte auch etwas Galantes.

„Tomaso hat mich darauf gebracht, als er vom Heim erzählte. Im Hof haben wir noch Tannenzweige. Wenn wir die zurecht schneiden und ein paar davon einfach auf den Tisch legen, mit einer oder zweien von den restlichen Baumkugeln versehen, dass müsste doch reichen, oder?“

Ich antwortete nicht sofort, denn ich versuchte es mir bildlich vorzustellen.

„Moment!“, meinte ich und lief in die Küche.

Dort sammelte ich alles Geschirr zusammen, das wir für ein Gedeck brauchten. Ich platzierte die Teller und das Besteck direkt an den mittleren Kronleuchter.

„Tomaso, du hast dir doch die kleinen Kugeln heraus gesucht…?“

„Du meinst die weiß, rot und grünen?“

„Ja, hast du die schon verwendet?“

„Öhm, nein, es gab kein Platz mehr.“

„Was hast du vor?“, fragte Placido.

Ich hob nur die Hand und mein Schatz schwieg wieder.

„Nino, könntest du mir zwei oder drei Zweige aus dem Hof holen und du Tomaso die Kugeln?“

Die Jungs nickten und waren schnell verschwunden. Ich holte noch ein Wein und Wasserglas und stellte sie zum Teller.

„Wenn wir oberhalb des Tellers, einen kleinen Zweig, versehen mit drei verschiedenen Kugeln hinlegen, hätten wir Farbe auf dem Tisch und immer noch genug Platz.“

Ich sah nun Placido an.

„Lass es uns probieren!“, lächelte er.

Ich lief kurz hinüber in mein Büro, weil ich dort noch Silberdraht hatte. Als ich die Tür öffnete, schlug mir der herrliche Duft des Panettone entgegen. Die Jungs hatten die zehn Kuchen im Zimmer verteilt. Mama hatte sich wirklich Arbeit gemacht.

Als ich ins Wohnzimmer zurück kam, waren die Jungs bereits zurück. Die Zweige und Kugeln lagen auf der Theke.

„Sollen wir vielleicht den Tisch schon eindecken? Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir morgen haben werden“, sagte Placido.

Ich überlegte kurz. Da Placido mit den Jungs erst morgen am Heiligen Abend die Geschenke fortbringen konnte, weil es die Heimleitung so wünschte, waren sie einige Zeit nicht da. Ich hatte genug in der Küche zu tun, also auch keine Zeit.

„Ja…, können wir“, antwortete ich und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„So, wie Davide das hingestellt hat?“, fragte Nino.

„Ja!“, sagte Placido.

Sofort wuselten die zwei Jungs zur Küche hinüber und machten sich an den Schränken zu schaffen.

„Schaut aber, ob das Geschirr auch sauber ist!“, mahnte Placido.

Ich dagegen ging zur Theke, zog mir aus dem Messerständer auf der anderen Seite die dicke Schere heraus und schnitt mir ein kleiner Zweig ab. Dann pullte ich mir drei verschieden farbige Kugeln aus der Packung, band die mit dem Silberdraht zusammen und wickelte sie an den Zweig.

Den legte ich dann oberhalb vom Teller ab.

„Schlicht, aber schön! Davon müssen wir jetzt zwanzig Stück machen?“

Ich nickte grinsend. Etwa eine Stunde später, waren wir fertig. Nachdem ich den Jungs gezeigt hatte, wie ich die Stoffservietten haben wollte, hatten sie sehr zu kämpfen, sie genauso hinzubekommen.

„Der Tisch sieht edel aus!“, meinte Tomaso leise und lehnte sich an einer der Stühle.

Nino nickte.

„Mir gefällt er auch“, sagte Placido und nahm mich in den Arm.

„Dann kann Weihnachten kommen!“, sagte ich grinsend.

*-*-*

Das Abendessen an Heilig Abend war nicht so spektakulär. Aber meine Tagliatelle mit den Riesengarnelen kamen trotzdem gut an. Nach dem Essen verabschiedete sich Jakob, er wollte zu Valentina und später wie abgesprochen mit ihr bei der Messe erscheinen.

Dort sollten wir dann auch Nino mit seinem Vater treffen. Da nichts mehr anstand, ließ ich es gemütlich angehen, den Rest der Küche zu säubern. Den ganzen Tag hatte ich dort verbracht, um alles für morgen vorzubereiten.

Placido trat von hinten an mich und legte seine Arme um meinen Körper.

„Danke für das tolle Essen“, hauchte er mir ins Ohr.

Gänsehaut zog über meinen Rücken.

„Habe ich gerne gemacht!“

„Was machen wir bis zur Messe heute Abend?“

„Ich für meinen Teil, werde noch die Küche sauber machen und dann unter die Dusche springen.“

„Und ich wollte mit dir etwas vor dem Kamin kuscheln.“

„Geht schlecht, die Couch steht da drüben“, grinste ich.

Placido sah zur Couch und Ernüchterung machte sich auf dem Gesicht breit.

„Aber ich hätte eine bessere Idee, du könntest mir den Rücken einseifen…“

„Dann werde ich dir mal schnell helfen, dass die Küche sauber wird!“

*-*-*

Wir hatten beschlossen, ein Stück zur Kirche zu laufen und den Wagen etwas entfernt geparkt. Eisig blies uns der Wind entgegen, der auch nicht vor meinem roten Schal Halt machte.

Schon vom weiten konnte man den großen Weihnachtbaum vor dem Dom sehen. Für die späte Zeit, waren noch viele Leute unterwegs. Alle wollten in die Messe im Dom.

„Das ist so schön!“, meinte Tomaso, der neben Placido herlief.

„Da hast du Recht!“, meinte mein Schatz, der erst zum zweiten Mal an Weihnachten hier war.

„Warte ab, bis wir im Dom sind…“, sagte ich, aber das schien Tomaso schon nicht mehr zu hören, denn er hatte Nino entdeckt und rannte zu ihm hin.

Wir folgten ihm gemütlich und begrüßten auch Stellario.

„Deine Eltern sind schon hineingegangen, deiner Mutter war kalt“, sagte mein Kollege.

Ich nickte Stellario zu.

„Warten wir auf den Rest, oder gehen wir auch hinein?“, wollte Placido wissen.

„Wir gehen hinein, sonst kriegen wir keinen Platz mehr und müssen stehen“, grinste ich meinen Schatz an.

So lief ich mit Stellario und Placido zum Eingang der Kirche. Die Jungs vorneweg.

„Noch mal danke für die Einladung morgen“, meinte Stellario.

„Tja, ihr gehört jetzt zur Familie!“, sagte ich und zeigte lächelnd auf die zwei Jungs vor uns.

Nach etwas Gedränge am Eingang waren wir endlich drinnen. Ein Meer von Kerzen erleuchtete das Innere des Doms. Weil Mama versuchte, auf dem gleichen Platz zu sitzen wie jedes Jahr, wusste ich wohin mir mussten. Artig folgten mir die anderen und ich war überrascht, dass dort noch so viel Platz war.

Da auch meine Geschwister, Mamas Angewohnheiten genauso kannten, brauchte ich mir keine Gedanken machen, ob sie uns finden würden. Nach und nach füllte sich der Dom, aber für so viele Menschen an einer Stelle, war es überraschend ruhig.

Meine Geschwister mit Anhang kamen in Sicht und schnell waren die Plätze neben uns ebenso gefüllt. Das Deckenlicht wurde etwas gedimmt, was das Zeichen war, dass die Messe beginnen würde.

Vorne am Altar konnte ich ein paar Jugendliche entdecken, die sich dort aufstellten. Als der die große Orgel begann zu spielen, zuckte ich zusammen. Sie war zum Rest der Leute hier doch etwas laut.

Aber ich erkannte die Melodie. Es war eines der Lieblingslieder der Italiener, dass immer an Weihnachten gesungen wurde, Dormi, dormi, bel Bambin (Schlafe, schlafe, schönes Kind). Kristall klar hörte man die Stimme eines Jungen.

Leichtes Schaudern überzog es mein Körper und Placido sah mich an. Zum Refrain setzten die restlichen Jugendlichen ein und ihre Stimmen klangen durch den Dom.

„Buon Natale*“, flüsterte ich Placido zu.

„Buon Natale“, hauchte Placido zurück und nahm meine Hand.

*Frohe Weihnachten

*-*-*

 

Pitstories wünscht allen Lesern und Autoren ein wunderschönes Weihnachtsfest! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Euer Pit

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