Regenbogenfamilie Teil 29 – Tims Eltern

Ich wurde von meinem Sohn Philipp, für meine Begriffe, viel zu früh geweckt. Er erklärte mir, dass das Frühstück längst fertig sei, da sie, also die vier Jungs, zusammengeholfen haben. „Soll ich Alejandro und Jorge aufwecken?“, wollte er von mir wissen.

Ich antwortete ihm: „Wenn du jetzt schon mich geweckt hast, kannst du das gerne auch bei den beiden machen.“

Bevor er aus unserem Schlafzimmer auf den Flur trat, meinte er noch, als er heute Morgen die Tageszeitung hereingeholt habe, fand er noch einen etwas dickeren Brief im Briefkasten, der an mich adressiert sei. Er habe den Brief, der aus Spanien kommt, vom Krankenhaus in dem Vater gelegen hatte, im Wohnzimmer auf den Tisch gelegt.

Einen Brief aus Spanien, noch dazu vom Krankenhaus, was konnte das sein, fragte ich mich. Ich überlegte einige Minuten, bis Thomas, der scheinbar doch wach war, zu mir sagte: „Können das die Unter­lagen sein, die dein Vater für dich im Sta­tionszimmer hinterlegt hatte und die wir im Trubel um seinen Tod und unsere Heimreise dort vergessen haben. Ich kann mich erinnern, dass er bei einem unserer Besuche davon gesprochen hatte, dass er für uns dort Unterlagen hinterlegt hatte, die wir erst nach seinem Ableben in Empfang nehmen durften.“

Nach kurzem Nachdenken antwortete ich ihm: „Ich glaube, du liegst richtig mit deiner Schlussfolgerung. Jetzt, wo du das sagst, fällt es mir auch wieder ein, er hatte an seinem Sterbebett, bei einem unserer Besuche, uns davon in Kenntnis ge­setzt, dass im Stationszimmer für uns ein Paket mit Unterlagen und Informationen hinterlegt sei.

Wie konnten wir das nur Vergessen. Ich fürchte wir werden beide alt und dement. Lass uns trotzdem aufstehen und mit den anderen zusammen frühstücken. Die Unterlagen können wir uns heute im Laufe des Tages ansehen, sofern sich eine Gelegenheit dazu ergibt.“

„Alt und dement, da muss ich dir widersprechen, soweit ist es noch nicht mit uns Beiden. Wie ich schon sagte, nach Vater Tod hatten wir so viel um die Ohren, dass da so etwas schon einmal schnell untergehen kann. Ich höre Alejandro und Jorge auf dem Flur, wir sollten uns beeilen, damit unsere Gäste und unsere Jungs nicht so lange auf uns warten müssen“, meinte Thomas.

Wir standen beide auf, streiften uns nur die Bademäntel über und gingen zusammen nach unten ins Esszimmer, wo wir bereits sehnsüchtig erwartet wurden. Wir setzten uns an den Tisch und frühstückten gemütlich in der großen Runde.

Ich überlegte mir gerade mit welchen Aufgaben wir Jorge und Alejandro heute Vormittag beschäftigen könnten, als Alejandro er­klärte: „Wenn es euch nicht stört, wir würden gerne heute Vormittag mit den beiden Jungs Philipp und Marcus zum Gutshof fahren. Aber keine Sorge, wir werden die Aufräumarbeiten weder behindern noch stören. Wir haben mit eurem Pächter gestern noch vereinbart, dass er heute mit uns eine Führung durch den Gutshof macht und uns alles zeigt. Jorge ist neugierig darauf zu erfahren, wo Unterschiede zur spanischen Landwirtschaft sind. Er ist auf Mal­lorca auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, den heute sein ältester Bruder bewirtschaftet.“

Ich sah Jorge an, der nur mit seinem Kopf nickte und mir zu verstehen gab, dass Alejandros Ausführungen richtig sind. Philipp meinte dazu nur: „Ich sehe kein Problem, warum die beiden nicht mit uns zum Gutshof fahren und ihr könntet hier in Ruhe das Gespräch mit Onkel Martin führen.“

Damit konnte ich mir weitere Überlegungen zu dem Thema ersparen. Ich erinnerte Philipp daran, mit allen rechtzeitig zur Fami­lienkonferenz wieder zurück zu sein, damit wir pünktlich beginnen könnten und beauftragte ihn, bei seiner Großmutter vorsichtig nachzufragen, was sie über Onkel Alois wüsste und ob sie nicht doch an der Familienkonferenz teilnehmen möchte. Er solle aber mit Vorsicht an dieses schwierige Thema herangehen, nicht das meine Mutter alles abblockt und wir keine weiteren Informationen über Onkel Alois erhalten.

Mit unserem gemütlichen Frühstück und der Unterhaltung, die wir führten, war es inzwischen kurz vor neun Uhr geworden. Ich meinte, die ersten von euch sollten so langsam im Bad ver­schwinden, damit ihr rechtzeitig fertig seid und pünktlich bei Großmutter seid.

Philipp meinte dazu, dass sie gleich zusammen mit Jorge und Alejandro gemeinsam im Bad verschwinden würden, so wie gestern, dann ginge das viel schneller. Thomas meinte nur noch, was ihr könnt, können wir auch, wir werden dann mit Jonas und Tim ebenfalls gemeinsam ins Bad gehen, damit wir fertig sind, wenn unsere Besucher kommen.

Nach dieser Erklärung standen die vier auf und gingen nach oben. Wir, die Übriggebliebenen standen nun ebenfalls auf und räumten die Reste vom Frühstückstisch in die Küche, wo Thomas das Geschirr sofort in unsere Geschirrspülmaschine stellte und den Spülvorgang startete. Nachdem alles weggeräumt war, setzten wir uns ins Wohn­zimmer, wo ich den Brief, der an mich gerichtet war, öffnete. Heraus fielen mehrere kleinere Kuverts, die mit meinem Namen versehen waren und durchnummeriert waren.

Ich nahm den Brief, der mit einer Eins beschriftet war und öffnete ihn. Nachdem ich das Schreiben kurz überflogen hatte, beschloss ich, den Inhalt des Briefs allen Anwesenden vorzulesen.

Mein lieber Sohn Peter,

wenn du diesen Brief in deinen Händen hast, lebe ich nicht mehr. Ich hoffe mir bleibt noch die Zeit, alles, was ich dir auf deinem weiter Lebensweg mitgeben will, noch mit dir direkt zu besprechen.

Sollte das nicht mehr der Fall sein, betrachte alles was ich hier und in den noch folgenden Unterlagen selbst niederschreibe oder niederschreiben lasse, als so etwas wie mein letztes Vermächtnis an dich.

Ich erwarte nicht von dir, dass du wortwörtlich meine nieder­ge­schrie­benen Sätze umsetzt, du bist intelligent genug, um alle offenen, unerledigten oder zukünftigen Aufgaben zum Wohl der Familie umzusetzen. In Thomas hast du einen ebenso intelligenten Partner, der dich auf seine Weise, bei allen wichtigen Entscheidungen tatkräftig unter­stützen wird.

Ich vertraue dir meine Frau und deine Mutter an, die nach meinem Tod sicher das eine oder andere Mal eure Hilfe benötigen wird. Nur mach nicht den gleichen Fehler wie ich, ich habe sie erst viel zu spät in alle geschäftlichen Entscheidungen mit eingebunden, was ich heute sehr bedauere.

Bevor du es durch die Testamentseröffnung erfahren wirst, deine Geschwister haben in der Vergangenheit bereits den größ­ten Teil des ihnen zustehenden Erbes erhalten. Nach meinem Tod geht nun das restliche Vermögen in der Hauptsache, in einem ersten Schritt an dich und eure Mutter. Erst nach ihrem Tod wirst du auch Mutters Anteile übernehmen und deinen Geschwistern, dass was ihnen als restliches Erbteil noch zusteht, übergeben.

Ich bin jetzt zu müde, um noch weiterzuschreiben, aber ich hoffe mir bleibt die Zeit, um dir noch alles Wichtige mitzuteilen.

Dein dich immer liebender Vater

Walter

Nachdem ich mit dem Vorlesen geendet hatte, blieb es still im Raum, nur von oben kamen Geräusche, die mir zeigten, dass wir noch nicht allein im Haus sind.

Nach einer kurzen Pause sagte Jonas: „Habe ich das jetzt richtig ver­standen, Opa hat dich als seinen Nachfolger als Fami­lien­ober­haupt einge­setzt.“ Ich nickte nur kurz und er sprach weiter: „Das wird mit Sicherheit gewaltigen Ärger mit meiner Mutter geben. Sie ist der festen Überzeu­gung, dass nur sie als Einzige dafür in Frage käme, ihre beiden Brüder sind in ihren Augen nur Versager oder perverse Subjekte.

Wenn sie das erfährt, wird sie schäumen vor Wut. Ich glaube, ich brauche mich zu Hause nie wieder blicken lassen, sie würde mir das Leben nur noch mehr zur Hölle machen, vor allem wenn sie dann auch noch erfährt, dass du mir angeboten hast, den landwirtschaftlichen Teil des Gutshofes zu übernehmen. Immerhin weiß sie seit gestern, dass du, aber auch andere mir ihre Hilfe angeboten haben.“

Aus dem Treppenhaus hörte ich, dass wohl Marcus und Philipp wieder auf dem Weg nach unten waren. Ich bedeute Jonas erst einmal nichts mehr zu diesem Thema von sich zu geben und erklärte ihm, dass wir später, wenn sein Vater, seine Geschwister und Tims Eltern hier sind, weiter über dieses Thema sprechen sollten.

Die Jungs stürmten das Wohnzimmer und riefen „Das Bad ist frei, ihr könnt euch jetzt auch frisch machen.“ Ich hatte mich schon ge­wundert, warum es so lange gedauert hat, bis sie hier endlich auftauchten, aber Thomas stellte die entscheidende Frage: „Was habt ihr die ganze Zeit im Bad getrieben, dass ihr jetzt erst wieder hier auftaucht. So lange kann doch kein Mensch brauchen, um seine Zähne zu putzen, sich zu rasieren und zu duschen“?

Marcus lachte und erklärte uns: „Zähneputzen und duschen ging schnell, nur das mit dem Rasieren hat doch ein klein wenig länger gedauert als sonst vielleicht üblich. Jorge und Alejandro haben nicht nur ihren Bart rasiert, sie waren der Meinung, dass ihre Scham­behaarung ebenfalls wieder fällig sei, da die Stoppeln piekten.“

Ich grinste die beiden an, wohl wissend, dass Thomas und ich uns bei Gelegenheit, auch wieder unseren Stoppeln widmen mussten, um er­neu­ten Wildwuchs zu verhindern. Wir wünschten den Jungs viel Spaß bei Oma und beeilten uns ebenfalls nach oben zu kommen, damit wir vor Ankunft der Besucher fertig sind. Im oberen Flur liefen wir Alejandro und Jorge über den Weg, die fertig angezogen, nach unten unterwegs waren, um mit Marcus und Philipp zusammen zum Gutshof zu fahren. Ich wünschte ihnen einen informativen Vormittag auf dem Gutshof und meinte, wir sehen uns am Nachmittag zur Familienkonferenz.

Im Bad angekommen, legten Thomas und ich unsere Bade­mäntel ab und verschwanden gemeinsam in die Dusche. Wir brausten uns kurz ab und seiften uns anschließend gegenseitig mit Duschgel ein. Da die Brause während des Einseifens abgestellt war, konnten wir hören, dass sich Tim und Jonas ihre Zähne putzten. Inzwischen war wohl fast jeder Zentimeter unserer Körper mit Seifenschaum bedeckt, so dass wir die Brause erneut starteten und den Schaum abspülten. Wir ver­­ließen die Duschkabine und stellten uns an die beiden Wasch­becken, um unsere Zähne zu putzen, nachdem wir uns vorher abge­trocknet hatten.

Zwischen Zähneputzen und rasieren, bekamen wir mit, dass Jonas und Tim, sich ebenfalls gegenseitig ein­seiften. Wir waren gerade mit dem Rasieren fertig geworden und reinigten bereits die Waschbecken, als die beiden die Dusche verließen und sich abtrock­neten. Im Spiegel konnte ich erkennen, dass das bei den Beiden wieder einmal nicht ganz ohne Folgen geblieben ist. Auch Thomas hatte das bemerkt und grinste mich an.

Als ich mich zu den beiden umdrehte sah ich in ihren Gesichtern, dass es ihnen peinlich war. Ich sagte zu ihnen: „Keine Panik, das ist doch völlig normal. Ihr seid noch so jung, da kann so etwas leicht einmal passieren. Selbst wir beide sind nicht durch unser Alter davor geschützt. Was glaubt ihr, wie peinlich mir das war, als Philipp und Marcus unsere Schambehaarung kürzten und sowohl ich als auch Thomas plötzlich mit der gleichen Situation konfrontiert wurden. Marcus erklärte uns dann frech, dass in diesem Zustand beim Rasieren die besseren Ergebnisse zu erzielen sind.

So ich bin fertig hier, ich gehe rüber ins Schlafzimmer und kleide mich an, ich will nicht in die Verlegenheit kommen, nur im Bademantel die Haustüre öffnen zu müssen. Thomas unter­hielt sich noch kurz mit meinem Neffen und seinem Freund, während ich bereits beim Ankleiden war. Als Thomas die Tür zum Schlafzimmer öffnete, war ich bereits fast fertig angezogen, nur ein T-Shirt musste ich noch überziehen.

Er berichtete mir, dass er den beiden klar gemacht hat, dass sie sich dafür nicht zu schämen bräuchten oder es ihnen peinlich sein sollte. Zum einen würden fast alle Männer ähnlich ­aussehen, auch wenn der eine oder andere von Mutter Natur vielleicht mehr begünstigt sei. Ich habe ihnen erklärt, dass sie das alles nicht so eng sehen sollten. Da ich bereits fertig angezogen war, eilte ich als Erster nach unten, sicher ist sicher.

Kaum war ich unten im Flur angekommen, signalisierte mir der Gong, dass die ersten Besucher eingetroffen sind. Ich ging zur Haustür und öffnete sie. Vor der Tür stand ein Ehepaar, das ich noch nicht kannte, das dürften vermutlich Tims Eltern sein, dachte ich mir und begrüße sie mit den Worten: „Sie sind bestimmt die Eltern von Tim, herzlich willkommen. Kommen sie herein, die beiden Jungs werden auch gleich hier sein, sie waren nur noch kurz im Bad und werden aber sicher gleich hier unten auf­tauchen.“

Während sie eintraten, hörte ich, dass jemand über die Treppe her­unter­kam. Ich drehte mich um und sah, dass es Thomas war. Ich stellte den beiden deshalb meinen Lebenspartner kurz vor und bemerkte, dass sich die beiden kurz aber überrascht anschauten. Ich fragte sie: „Hat ihnen Tim nicht am Telefon erzählt, dass ich seit vielen Jahren mit einem Mann zusammenlebe?“

Es war Tims Mutter, die als erste die Sprache wiederfand und er­klärte: „Nein, hat er nicht, er hat uns zwar erzählt, dass ihr Sohn und sein Freund hier wohne würden und die beiden ein Pärchen sind, von ihnen Beiden hat er jedenfalls nichts verlauten lassen. Entweder es war ihm nicht wichtig genug oder er traute sich nicht, uns die Wahrheit über ihren Gönner zu verraten.“

Thomas lachte und erklärte: „So ist die Jugend von heute, alles was aus ihrer Sicht nicht so wichtig erscheint, wird einfach weggelassen. Wir ken­nen das von unseren Beiden. Ich hoffe sie sind jetzt nicht zu sehr geschockt und können trotzdem mit uns, Jonas Vater und seinen Geschwistern gemeinsam eine Lösung für die beiden Jungs finden.“

Jonas und Tim standen mit hochroten Köpfen immer noch auf der Treppe und hatten zumindest Thomas Bemer­kung noch mitbekommen. Tim stürmte zu seinen Eltern und begrüße sie ebenfalls herzlich. Jonas näherte sich nun ebenfalls und begrüßte seine Schwiegereltern in spe.

Diesmal war es Tims Vater, der Thomas Frage beantwortete: „Ge­schockt sind wir keineswegs, sondern doch eher etwas überrascht, wir hatten normalerweise erwar­tet, dass wir heute den Onkel und die Tante von Jonas und seinen Geschwistern kennenlernen. Wir konnten leider nicht ahnen, dass Jonas und seine Geschwister zwei Onkels haben.“

Ich grinste und bat alle, mit ins Wohnzimmer zu kommen, dort würde ich ihnen kurz erzählen wieso Thomas und ich ein Paar seien. Thomas fragte, ob jemand was zu trinken wolle und wenn ja was. Tim Eltern meinten, sie hätten gegen eine Tasse guten Kaffees nichts einzuwenden, die Jungs entschieden sich für Wasser oder Cola. Ich bat die beiden kurz in den Keller zu gehen und Erfrischungsgetränke zu holen, auch für die noch fehlenden Geschwister und den Vater von Jonas.

Bevor die Jungs zurück waren, erzählte ich kurz, dass meine Frau vor rund sechzehn Jahren an Krebs gestorben sei. In der Zeit danach war ich sehr depressiv, nur meine Kinder, die mich brauchten, ver­hinderten schlimmeres. Thomas habe ich als neuen Arbeits­kollegen kennenge­lernt, der mir nach einer betrieblichen Weih­nachtsfeier, bei der er mir erklärt, dass er unsterblich verliebt sei und deswegen etwas zu tief ins Glas geschaut hat. Ich wollte ihn heimbringen, wir mussten dann jedoch feststellen, dass er seine Wohnungsschlüssel im Büro vergessen hat.

Kurzerhand habe ich ihn mit nach Hause genommen und er hat bei uns im Gästezimmer über­nachtet. Meine beiden Kinder hatten ihn schnell ins Herz geschlossen, so dass er ab diesem Zeitpunkt öfter bei uns zu Gast war. Immer, wenn ich wieder einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte, war er derjenige der mich aufgefangen und erneut aufgebaut hat. Ich fühlte mich bei ihm geborgen und so hat sich unsere Liebe zueinander langsam entwickelt.

Später hat er mir dann doch noch gebeichtet, dass er vom ersten Arbeitstag an in mich verliebt gewesen sei. Zuerst sind wir nur heim­lich zusammen in einem Bett gewesen, bis uns eines Tages meine Kinder in diesem vorfanden. Meine Befürchtung, dass damit eine schwierige Zeit für uns anbrechen könnte, löste sich in Wohlgefallen auf, als meine Kinder mir erklärten, dass sie kein Problem mit unserer Liebe hätten.

Nur die liebe Verwandtschaft hatte anfangs gewaltige Probleme, mit Ausnahme meiner Eltern, die wohl schon früher bemerkt hatten, wie gut wir beide uns ergänzten. Mein größtes Problem blieb bis vor rund drei Jahren meine ehemaligen Schwiegereltern, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit mir und Thomas gesprochen hatten.

Die beiden Jungs, die schon wieder längere Zeit im Wohn­zimmer standen und meinen Ausführungen ebenso gelauscht hatte, stellte ihre Getränkeflaschen auf den Glastisch und holten frische Gläser aus dem Schrank. Wieder klingelte es an der Tür, diesmal eilte Jonas in den Flur, um die Besucher ins Haus zu lassen, da eigentlich nur noch sein Vater und seine beiden Geschwister erwartet wurden.

Tim folgte ihm und so fand Tims Vater die Gelegenheit kurz auf meine Ausführungen einzugehen. „Alle Achtung, als ehemals verheirateter Familienvater, sich nach dem Tod seiner Frau mit einem Mann eine neue Beziehung aufzubauen, dazu gehört viel Mut und Selbstvertrauen dazu.“

Inzwischen waren Jonas Vater und seine beiden Geschwister, zusammen mit den beiden Jungs, ins Wohnzimmer einge­tre­ten und Thomas fragte aus der Küche, ob noch jemand einen Kaffee wolle, was aber verneint wurde. Er brachte die beiden Kaffee für Tims Eltern mit und setzt sich zu mir. Jonas über­nahm es seinen Geschwistern und seinen Vater Tims Eltern vorzustellen, wobei ich feststellte, dass es da bisher wohl kaum Kontakte zwischen seiner Familie und Tims Eltern gegeben hatte.

Mir fiel auf, dass mein Schwager Martin scharf nachdachte und plötzlich eine Frage in den Raum warf: „Bist du der Reinhard Bauer, der in Hannover die Pestalozzischule besucht hat und mit mir in derselben Klasse gewesen ist?“

„Stimmt“ antwortete Tims Vater „warum ist mir das nicht schon früher auf­gefallen, als Tim uns seinen Freund als Jonas Strohwinkel vorge­stellt hat. Dein Vater hatte damals schon das Autohaus in Hannover und Tim hatte uns erzählt, dass Jonas Eltern die Inhaber des Autohauses Strohwinkel seien.“

Wenn die beiden sich schon aus ihrer Schulzeit kannten, wird das sicher einfacher mit dem Problem rund um Jonas und Tim, dachte ich so für mich. Ich ergriff wieder die Initiative und erklärte: „Ich denke es macht Sinn, wenn wir uns alle mit du anreden, ich bin Peter, das ist mein Thomas und bei den beiden Jungs wisst ihr sowieso, wie sie mit ihrem Vornamen heißen. Das ist mein Schwager Martin Strohwinkel und seine beiden weiteren Kinder Manuel und Sabine.“

Reinhard, so wie Martin ihn genannt hatte übernahm es uns allen seine Frau Gabriele, genannt Gabi, vorzustellen. Während Martin und Reinhard noch eine Zeitlang über ihre gemeinsame Schulzeit plau­derten, versorgte Tim alle anderen mit den Er­fri­schungsgetränken.

Ich fragte Reinhard, ob sie problemlos ein Hotelzimmer im Raum Rosenheim bekommen hätten, da sie so kurzfristig angereist seien. Reinhard meinte, da hätte es überhaupt keine Schwierigkeiten gegeben.

Martin wollte von mir wissen, warum ich diese Frage überhaupt gestellt hätte, selbst in ihrem Hotel seien noch genügend freie Hotelzimmer vorhanden. Ich schaute ihn verblüfft an und erklärte allen: „Am Dienstag, am späten Nachmittag hat mich meine Schwester Gerlinde angerufen und mir gegenüber behauptet, dass in ganz Rosenheim und Umgebung alle Hotels ausgebucht seien und sie von mir wissen will, ob sie Jonas bei mir unterbringen können.

Ich habe ihr zugesagt, dass wir Jonas beherbergen können. Sie meinte dann noch er würde am Donnerstag am späten Nachmittag bei uns eintreffen. Thomas saß bei ihrem Anruf neben mir und meinte, nachdem ich aufgelegt hatte, da stinkt irgendetwas gewaltig zum Himmel. Wir waren schwer überrascht, als am Mittwochnachmittag Jonas und Tim bei uns aufgetaucht sind.“

Jonas meldete sich und ergänzte: „Am Dienstagnachmittag kam Mutter in mein Zimmer und erklärte mir, dass ich als einziger der Familie bei Onkel Peter übernachten müsse, da sie nicht genügend Hotelzimmer bekommen habe. Sie meinte noch, dass ich nicht auf die Idee kommen soll, meinen Freund zur Beerdigung mitzunehmen.

Da mir das sehr komisch vorkam, habe ich sofort meinen Koffer gepackt und bin direkt zu Tim gefahren. Ich habe ihn gefragt, ob er mich auf der Reise zur Beerdigung meines Großvaters begleiten will, und er hat mir sofort zugesagt. Mit Zustimmung von Tims Eltern haben wir dann beschlossen, bereits am Mittwoch­morgen loszufahren. Falls wir zusammen nicht bei Peter und seiner Familie bleiben könnten, wollten wir uns vor Ort nach einer billigen Übernachtungsmöglichkeit umschauen.“

Martin schaute mich an und erzählte uns: „Jetzt sehe ich einiges klarer als noch vor vier Tagen. Mir hat Gerlinde auch die Story mit den ausgebuchten Hotels aufgetischt und das sie ihn bei dir unter­gebracht hätte. Auf meine Nachfrage, wo unser Jüngster sei, da er nicht zum Abendessen erschien, sagte sie nur, der hat heute am späten Nachmittag seinen Koffer gepackt und sei ohne irgendwelche Angaben und ohne sich zu verabschieden weggefahren.

Sie wüsste nicht, wo er sich aufhalte, vermute aber, dass er zu seinem schwulen Stecher gefahren sei. Da Jonas bereits volljährig ist, musste ich seine getroffene Ent­scheidung hinnehmen, die Polizei hätte mich ausgelacht, wenn ich ihn als vermisst gemeldet hätte.“

Ich meinte dazu: „Lasst uns das Thema einfach abhaken, mit dem Gesagten sollte jedem im Raum inzwischen klar sein, dass Gerlinde ihren Jüngsten gegen eine Wand laufen lassen wollte. Dass sie bei Thomas und mir damit an die falschen Adresse geraten ist, scheint ihr erst gestern klar geworden zu sein und deshalb auch die überhastete Abreise, nachdem sie auch noch mit unserem Pfarrer über das Thema Schwule diskutiert hatte und er anderer Meinung war als sie.

Bevor wir jetzt über und mit den beiden Jungs ihre Zukunft besprechen, will ich euch kurz mit der derzeitigen Situation vertraut machen. Dass die beiden sich lieben, steht für alle Anwesenden nicht zur Debatte. Wie Sabine und Manuel mir gestern noch berichteten und von Jonas und Tim auch bestätigt wurde, hat Gerlinde, meine Schwester, gestern beim Leichenschmaus erklärt, dass sie Jonas nie wieder­sehen wolle und er es nicht wagen solle ihr noch einmal unter die Augen zu treten, geschweige denn ihr Haus noch einmal zu betreten. Jonas hat es heute Morgen so formuliert, ich glaube, ich brauche mich zu Hause nie wieder blicken lassen, sie würde mir mein Leben nur noch mehr zur Hölle machen.“

Martin schaute mich an, vermutlich hatten ihm seine beiden Kinder nichts davon erzählt, bevor er die Frage stellte: „Stimmt das, was Peter gerade erzählt hat.“ Die vier nickten nur mit dem Kopf, was ich als Bestätigung verstand. Mich wunderte dann doch, dass sie es mir erzählt hatten und ihrem Vater gegenüber nicht erwähnten hatten.

Was dann folgte, hatte keiner erwartet, da war ich mir sicher, eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass er seine beiden anderen Kinder eine Szene macht, weil sie ihn nicht eingeweiht hatten. Martin erklärte mit eiskalter Stimme: „Das wird jetzt Konsequenzen haben für Gerlinde, so etwas lasse ich mir nicht mehr von ihr bieten. Ich lasse mir doch nicht von ihr meine ganze Familie zer­stören. Notfalls werde ich die Scheidung beantragen und wenn es sein muss, suche ich mir auch so einen liebevollen Freund, wie du Peter, ihn, in deinem Thomas gefunden hast.“

Jonas und Tim fingen dabei zu grinsen an, Sabine und Manuel wirkten hingegen völlig verstört. Jonas antwortete seinem Vater: „Das wird so nicht funktionieren, Papa, da müsstest du schon schwul oder zumindest bisexuell geboren sein, damit so etwas überhaupt möglich ist.

Bei Onkel Peter vermute ich, dass er der zweiten Kategorie angehört und es deshalb bei ihm und Thomas so gut funktioniert hat, obwohl er vorher mit seiner Gabi jahrelang glücklich verheiratet war. Wäre in seiner damaligen Situation eine Frau diejenige gewesen, die ihm die Geborgenheit gegeben hätte, die Thomas ihm gab, dann wäre er wahrscheinlich jetzt mit dieser Frau verheiratet.“

Trotzig erwiderte Martin: „Vielleicht bin ich ja doch ein bisschen bisexuell, wer kann das schon wirklich wissen. Wenn so ein Kerl wie Thomas oder Peter mich in der aktuellen Situation in den Arm nehmen und trösten würde, ich kann euch beim besten Willen nicht sagen, wie ich darauf reagieren würde. Ich konnte mir bisher nie vor­stellen, dass zwei Männer so harmonisch und liebevoll mitein­ander umgehen und glücklich sein können.

Erst gestern, beim Leichenschmaus wurde mir das so richtig bewusst, ich kann an eurer Liebe zuein­ander, nichts Unnormales oder Verwerfliches finden. Ich glaube, von eurem Verhalten zueinander, könnte sogar manches heterosexuelle Paar noch eine ganze Menge lernen und damit glücklicher leben.“

Die Aussage hatte gesessen, wir schauten uns alle betroffen an, aber im Grunde genommen war es auch so, dass Thomas und ich hervorragend harmonierten. Jonas Grinsen war aus seinem Gesicht ver­schwunden und er wollte schon ansetzen erneut etwas zu sagen, als ich ihm deutete, er soll sich zurückhalten und keinen weiteren Kommentar abgeben.

Bevor jetzt weiter nur dieses eine Thema diskutiert wird, griff ich wieder ein und meinte: „Martin, ich kann und will dich in deinen persönlichen Entschei­dungen nicht beeinflussen, aber überlege dir gut, was und wie du dich entscheidest. Du wirst deinen Sohn Jonas nicht verlieren, solange du zu ihm und seinem Freund stehst, auch wenn eine räumliche Trennung dabei nicht zu vermeiden sein wird. Es wird immer wieder Gele­genheiten geben dich mit den beiden Jungs zu treffen, immerhin hast du des Öfteren Termin in München und dabei kannst du ihnen auch einen Besuch im Gutshof abstatten oder sogar dort übernachten.“

„Aber nun zum eigentlichen Punkt unseres heutigen Zusammentreffens“, sprach ich weiter „wir müssen eine gemeinsame Lösung für deinen Sohn Jonas und seinen Tim finden, mit der alle Beteiligten zurecht­kommen. Ich werde euch erst einmal alles aus meiner Sicht schildern, wie sich derzeit die Situation für mich darstellt.

Wie bereits gesagt, unser größtes Problem dürfte dabei Gerlinde sein, alle anderen Beteiligten haben scheinbar kein Problem mit der Beziehung der beiden Jungs. Die beiden haben uns bereits am Mittwochabend erzählt, warum sie einen Tag früher angereist sind, der Hauptgrund war die Tatsache, dass Gerlinde verhindern wollte, dass Jonas seinen Freund Tim mit zur Beerdigung seines Großvaters mitnimmt, aber auch, dass bei ihm zu Hause sein Leben sich wie in einer Hölle anfühle.

Wir, und damit meine ich alle vier Bewohner dieses Hauses, haben spontan beschlossen den beiden zu helfen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig wie, aber das störte mich auch nicht. Wir würden eine Lösung finden, mit der meinem Neffen Jonas und seinem Freund Tim geholfen werden kann.“

Ich ließ meine Worte kurz sacken und sprach dann weiter: „In den letzten Tagen ist einiges geschehen, ich habe zusätzliche Informationen ge­sammelt und auch mit Mutter über meine Idee gesprochen. Ich unter­breite euch Jungs jetzt folgenden ergänzenden Vorschlag, zu dem was wir bereits besprochen haben und den wir, genauso, heute Nach­­mittag auch auf der Familienkonferenz besprechen werden.

Ihr macht beide zuerst noch in Hannover euer Abitur, euch kurz vor den Prüfungen an einer neuen und für euch fremden Schule anzumelden macht wenig Sinn. Da Jonas bereits volljährig ist, kann er seinen Aufenthaltsort frei bestimmen, er muss nicht mehr bei seinen Eltern leben. Wäre er noch minderjährig, hätte ich das Jugendamt einschalten müssen und Jonas wäre vom Amts wegen in ein Wohnprojekt, betreutes Wohnen für Jugendliche und Heranwachsende gesteckt worden, weil durch seine Mutter sein Leben nur zerstört würde.

Deshalb hoffe ich für ersten Teil meines Planes auf Gabis und Reinhards Unterstützung, in dem sie Jonas für die restliche Zeit bis zum Abitur bei sich aufnehmen. Sollte das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich sein, würde ich für Jonas, für diesen Zeitraum ein Appartement oder Pensionszimmer in Hannover anmieten. Martin, bei euch kann er nicht bleiben. Ich würde mir mein Leben lang Vorwürfe machen, wenn Jonas sich etwas antun würde, nur weil er mit dieser Situation allein nicht fertig wird und ihm keiner Hilfe angeboten hat.“

Gabi unterbrach meine Ausführungen und nach einem kurzen Blick zu Reinhard erklärte sie: „In diesem Punkt bekommst du unsere volle Unterstützung, er kann vorübergehende auf alle Fälle bei uns wohnen, wobei ich befürchte, er wird nicht im Gästezimmer übernachten, sondern Tim wird sich sein Zimmer mit Jonas teilen. Wir müssen nur klären wie Jonas an seine persön­lichen Unterlagen und Urkunden kommt und dazu müsstest du, Martin oder deine beiden anderen Kinder, uns tatkräftig unterstützen.“

Ich merkte zwar, dass alles bei Martin angekommen ist, er wollte trotzdem erst alles hören, bevor er seine Entscheidung treffen wollte. Ich setzte deshalb meine Ausführungen fort: „Wie die beiden mir verraten haben, haben sich Beide an der Universität in Weihenstephan um einen Studienplatz beworben, um dort Agrar­wis­senschaften und Ge­müseanbau zu studieren. Damit komme ich jetzt direkt zu meinen persönlichen Plänen.

Da ihr Studium mit Agrar­wis­senschaften und Ge­müseanbau zu tun hat, habe ich mir überlegt, dass die beiden lang­fristig auf den Gutshof den landwirtschaftlichen Teil bewirtschaften könnten, sofern sie das wollen. Das einzige Problem, das dabei auftaucht, ist die Tatsache, dass der derzeitige Pächter zum Jahresende seinen Pachtvertrag gekündigt hat. Das würde bedeuten, dass sie hier und heute bereits erklären müssten, dass sie sich das vorstellen könnten. Ich habe mit dem Pächter in einem kurzen Gespräch herausgefunden, dass er zwar den Pacht­vertrag nicht verlängern will, einem Verbleib von ein zwei Jah­ren als Verwalter durchaus möglich sei.

Da er trotzdem das Guts­ver­walter­haus zum Jahresende aufgeben würde, könnte die beiden Jungs zu diesem Zeitpunkt bereits dort einziehen. Außerdem könnten sie mit Hilfe des Verwalters praktische Erfahrungen während ihres Studiums sammeln, die ihnen später bei ihrer täglichen Arbeit zugute­kommen wird. In der Zwischenzeit, also zwischen dem Ende ihrer Schullaufbahn und dem Umzug ins Verwalterhaus werden wir sie in unserem Gäste­zimmer oder einer freien Wohnung aus unserem Immobilienbestand unterbringen.“

Damit hatte ich meine Ausführung beendet und blickte die zwei Jungs an, den zuerst mussten sie uns jetzt erklären, ob sie sich das über­haupt so vorstellen konnten.

Die beiden schauten sich lange in die Augen, bevor uns Jonas erklärten: „Onkel Peter, als ihr uns eure Hilfe angeboten habt, konnten wir uns beim besten Willen nicht vor­stellen, dass eure Hilfe in der Größenordnung ausfallen wird. Die Chancen, die uns damit ge­boten werden, übertreffen bei weitem unsere Erwartungen an eure Hilfe um ein Vielfaches.

Wir beide wären schön blöd, wenn wir dieses Angebot nicht annehmen würden. Wir können in Weihenstephan studieren, haben eine Unterkunft und können gleich­zeitig prak­tische Erfahrungen sammeln. Zusätzlich bietest du uns damit eine langfristige Perspektive, um in unseren Traumberufen zu arbeiten.“

Nach Jonas wollte nun Tim auch noch etwas sagen: „Wie Jonas schon erklärt hat, wir nehmen dein Angebot ohne jegliche Vor­be­halte an. Ich weiß aber auch, dass das meinen Eltern vielleicht nicht so gefallen wird, ich hoffe jedoch, dass sie trotzdem hinter unserer Entscheidung stehen werden. Sie sind immer willkommen bei uns und vielleicht ergibt sich eines Tages für sie eine Möglichkeit, hierher in den Süden zu ziehen, um näher bei uns zu sein.

An Jonas Vater richte ich die Bitte, diesem Vorschlag ebenfalls zuzustimmen, um seinem Sohn und mir eine sorgenfreie Zukunft auf dem Gutshof zu ermöglichen.“

Jetzt war es an Martin, seine Meinung kundzutun. Bevor er etwas sa­gen konnte, fing Manuel zu sprechen an: „Schade, dass ihr zukünf­tig so weit weg wohnen werdet, ich werde meinen kleinen verrückten Bruder sicher vermissen, aber ich kann auch verstehen, dass er so weit wie möglich von seinem bisherigen Zuhause entfernt leben will.

Eines kann ich aber heute schon versprechen, so oft es mir möglich ist, werde ich euch besuchen kommen. Dann aber mit meiner Julia, noch einmal lasse ich mir von Mutter nicht verbieten, meine Freundin mitzunehmen und sie euch vorzustellen. Wie gestern schon erwähnt, wollte ich sie zu Großvaters Beerdigung mitbringen, was meine mir Mutter ausdrücklich verboten hat.“

Wir warteten jetzt alle auf Martins Erklärung, wie er zu dem bisher von uns vorgetragenen Vorschlag stehen wird. Es dauerte lange, bis er endlich äußerte: „Ich habe mir Peters Vorschlag sehr gut und sehr genau angehört und auch lange darüber nachgedacht. Ich weiß inzwischen, dass Tims Eltern den beiden helfen werden, in wenigen Wochen ihr Abitur ohne familiäre Probleme zu bestehen und habe verstanden was mir mein ältester Sohn sagen will.

Ich bin keineswegs überrascht davon, dass beide Jungs, dieses unwider­stehlichem Angebot nicht ablehnen können, da kann ich mit meinem eigenen Angebot, Gerlinde rauszuwerfen und mich scheiden lassen, nicht mithalten, vor allem, weil es meinen beiden anderen Kindern vielleicht nicht gefallen würde, deswegen auch ihre Mutter zu verlieren.

Ich bin überzeugt, ihr beide seid inzwischen alt genug, eigene Entscheidungen zu treffen und wenn ich alle Fakten abwäge, kann ich euch nur sagen, ihr hättet von Peter und Thomas kein besseres Angebot für die Sicherung eurer Zukunft bekom­men und annehmen können. Auch für mich gilt, ich werde euch so oft wie möglich hier bei Peter und Thomas, beziehungsweise auf dem Gutshof besuchen.“

Zumindest wusste Jonas jetzt, wo er stand, für Tim der derzeit noch nicht volljährig war, dies aber in diesem Sommer noch werden würde, dauerte die Wartezeit, bis seine Eltern für Klar­heit sorgen würden. Irgendwann dauerte es ihm doch zu lange und er rutschte nervös auf seinem Platz hin und her, bis Reinhard endlich erklärte: „Bei diesem Angebot hätte ich, und das muss ich offen gestehen, auch nicht widerstehen können, wenn mir in meiner Jugend je­mand so eine Chance geboten hätte, auch wenn ich dafür hätte schwul werden sollen, was aber nicht bedeutet, dass ich auf Männer stehe.

Tim du wirst du immer unser geliebter Sohn bleiben, wir werden immer hinter dir und Jonas stehen, egal was pas­sieren wird. Ich kann nur hoffen, dass ihr ein Leben lang so glücklich und verliebt bleibt, wie es im Moment ist und keiner von euch beiden eines Tages diesen Schritt bereuen wird. Unseren Segen zu eurer Entscheidung habt ihr jedenfalls.“

Ich spürte, dass die beiden mit der Entwicklung des Ge­sprächsver­laufes mehr als zufrieden waren, sie konnten ihr Abitur in Hannover noch abschließen und danach ging es gemeinsam nach Bayern, um zu studieren und ihren Traumberuf am Gutshof zu verwirklichen.

Martin meinte dann, dass es für ihn und sein beiden anderen Kinder langsam Zeit werde aufzubrechen, wenn sie heute noch bei Tageslicht zu Hause in Hannover ankommen wollten. Er tauschte noch die Rufnummern mit Gabi und Reinhard und versprach sich um Jonas persönliche Habe und alle Dokumente zu kümmern, die Jonas brauchen würde. Er würde sich in den nächsten Tagen bei ihnen melden und Jonas Sachen vorbeibringen.

Manuel, der als Erster aufgestanden war, drückte seinen kleinen Bruder Jonas fest an sich und erklärte ihm: „Alle Achtung, ich hätte dir nicht so viel Mut zugetraut, sich Mutter zu widersetzen und mit deinem Freund zur Beerdigung deines Großvaters zu fahren. Ich selbst hatte nicht den Mut dazu, aber eines habe ich daraus gelernt, man muss für seine Liebe kämpfen, notfalls gegen seine eigenen Eltern.“ Zum Abschluss gab er Jonas einen Kuss auf die Wange und verabschiedete sich mit „Wir sehen uns Kleiner, ich bin stolz auf dich.“

Thomas und die beiden Jungs begleiteten Martin und Jonas Ge­schwis­­ter zum Auto, während ich mit Tims Eltern im Wohnzimmer sitzen blieb. Ich schaute beide an und wollte von ihnen wissen, ob sie hundertprozentig hinter der Entscheidung von Tim und Jonas stehen würden.

Diesmal war es Gabi, die mir antwortete: „Ja, wir stehen zu einhundert Prozent hinter der Ent­scheidung die die Beiden getroffen haben. So wissen wir wenig­stens, wo unser Sohn steckt, schlimmer wäre gewesen, wenn die beiden eines Tages durchgebrannt wären und wir nicht gewusst hätten, wo unser Sohn Tim abgeblieben ist, so wie es einer früheren Nachbarin ergangen ist.“

Thomas der als erster zurückkam hatte die letzten Worte von Gabi noch mitbekommen und erzählte kurz, wie es ihm mit seinen Eltern ergangen sei. Meine Eltern haben mich vor die Tür gesetzt und ich bin weit weggezogen, ich hatte Glück und habe meinen Peter gefunden, darum waren mir meine Eltern voll­kommen egal.

Das meine Eltern ihren Entschluss mich rauszu­werfen später bereut hatten, erfuhr ich erst, als Peters Sohn Philipp und seine Schwester Martina sich aufmachten, um meine Eltern zu suchen. Sie fanden meine Mutter, die nach dem Tod meines Vaters nach Hannover gezogen war. Sie er­zählte ihnen, dass sie beide den Schritt bereut hätten aber nie eine Chance hatten ihren Sohn wiederzufinden.

Eigentlich wollten sie meine Eltern zu meinem vierzigsten Geburtstag als Über­raschungsgäste präsentieren, nur bis dahin hatten sie sie noch nicht gefunden. Zu Peters fünfzig­sten Geburtstag erschien meine Mutter als Überraschungsgast auf der Feier. Kurze Zeit später ist sie dann hierhergezogen und lebt jetzt in unserer Nähe.

Reinhard überlegte und kurz und fragte ihn dann: „Du bist nicht zufällig der Sohn von Elisabeth Müller“? „Doch“ antwortete Thomas. Sie sahen sich jetzt doch etwas genauer an und Reinhard erklärte dann: „Jetzt ist mir klar, warum ich die ganze Zeit der Meinung war, dass ich dich früher schon einmal gesehen habe.

Ich konnte dein Gesicht nur nicht vernünftig einordnen. Du warst damals mit einem jüngeren Mann in Hannover und ihr habt Elisabeths Wohnung in einem LKW verladen und seid dann mit ihr weggefahren. Sie hatte uns vorher von ihrem Schicksal erzählt, dass sie ihren Sohn verloren hatte, und die Kinder ihres Lebenspartners hätten sie gesucht und gefunden. “

Thomas versuchte sich zu rechtfertigen, warum er ihn nicht erkannt hatte: „Da waren so viele nette Nachbarn, die uns damals geholfen hatten beim Beladen des LKW, ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an jeden einzelnen erinnern und wenn Tim dabei gewesen wäre, an den hätte er sich sicher erinnert “

Ich hatte eine verrückte Idee und fragte sie, ob sie Elisabeth treffen wollen. Beide bejahten und so war es für mich klar, dass wir Elisabeth damit überraschen würden. Ich erklärte den Beiden, dass Elisabeth heute Nachmittag ebenfalls an der Familienkonferenz teilnehmen wird. Wenn sie gegen siebzehn Uhr wieder hier sein könnten, könnten wir sie damit überraschen.

Sie erklärten uns, dass sie noch in die Stadt wollten, um einzukaufen und ihr Hotelzimmer für die Nacht festmachen, nicht dass ihr Zimmer am Ende anderweitig vergeben werde.

Sie verabschiedeten sich von uns und versprachen pünktlich gegen siebzehn Uhr wieder hier zu sein. Tim der alles mitbe­kommen hatte meinte nur: „Hoffentlich erkennt sie mich nicht sofort, sonst funktioniert das nicht mit der Überraschung heute Abend. Wobei, ich habe mich in den letzten drei Jahren von einem pubertierenden Knaben in einen jungen Mann verwandelt, die Chance, dass sie es nicht sofort merken wird, ist ziemlich groß, sie hat zumindest gestern bei der Beerdigung und unserem ersten aufeinandertreffen nichts in dieser Richtung angedeutet.“

Thomas fuhr mit unserem Auto los, um in der Konditorei unsere vorbestellten Kuchen für heute Nachmittag zu holen. Ich hörte das Telefon klingeln und ging ran, mein Bruder Dieter meldete sich und meinte, dass er und Sandra doch nicht zum Kaffee heute Nachmittag kommen könnten, sie hätten gestern vergessen, dass sie für heute bereits einen anderen wichtigen Termin vereinbart hatten, ver­sprachen jedoch so schnell wie möglich den Besuch bei uns nach­zuholen. Ich bot ihnen an, am kommenden Samstag, ebenfalls nachmittags zum Kaffee zu kommen, da wir uns am kommenden Samstag mit Sicherheit wieder treffen würden.

Zusammen mit Tim und Jonas schleppten wir weitere Stühle aus dem Keller nach oben, wir vergrößerten, wie immer bei solchen Treffen unseren Esstisch auf das doppelte, damit alle ihren Platz finden konnten. Ich rechnete nochmal kurz durch, wieviel Sitze wir brauchen würden und kam auf dreizehn Personen zum Kaffee und später, wenn Tims Eltern hinzukamen mit fünfzehn. Die beiden Stühle für Tims Eltern stellten wir zusammen­geklappt im hinteren Teil des Flures ab.

Als nächstes rief ich bei Francesco an und fragte ihn, ob wir heute Abend bei ihm essen könnten. Er meinte, für euch finde ich immer einen Tisch. In dem Moment, wo ich ihm erklärte, dass wir heute ausnahmsweise mit insgesamt fünfzehn Personen bei ihm aufschlagen werden, atmete er erstmal tief durch.

 

Ich weiß ja, dass du immer für Überraschungen gut bist, aber mit so vielen Gästen hatte ich jetzt doch nicht gerechnet, meinte er. Ihr könnt trotzdem kommen, irgendwie finden wir schon einen großen Tisch für euch.

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