Manny – Teil 1

Mein Blick wanderte durch das Vorzimmer. Die Damen, die mit mir ihre Wartezeit teilten, waren bunt gemischt, auch vom Alter her. Von jung bis steinalt. Aber ich fand, in diesem Beruf, war das Alter egal, Hauptsache, man konnte mit Kinder altersgemäß umgehen.

Nur am Aussehen, sollten einige dieser sogenannten Nannys noch arbeiten. Schicke Designerklamotten und überstylte Frisuren und vor allem diese bemalten Gesichter, hatten in diesem Beruf nichts verloren.

Es reichte völlig, angemessen bekleidet zu sein und ein gepflegtes Äußeres zu haben. Dass ich als einziger Mann hier saß, störte mich nicht weiter, auch nicht, dass einige des weiblichen Gegenparts, mich kritisch beäugten.

Schon früh wusste ich, dass ich irgendetwas mit Kinder machen wollte. Meine Familie war natürlich total dagegen. Das sei kein Beruf für einen richtigen Mann, niemand würde einen Mann einstellen und ohne richtigen Job, würde ich bald auf der Straße sitzen.

Sich gegen einen herrschsüchtigen Vater und drei Brüder zur Wehr zusetzten, war eine Sache, aber diese Angaben von Gründen und anderes, konnten mich nicht umstimmen. So war ich schnell als das schwarze Schaf der Familie abgestempelt.

Aber nicht nur das, brachte mich zu Hause in Misskredit. Nein, die vier Herren waren mit meiner sexuellen Gesinnung nicht ganz konform. Einzig mit meiner Mutter konnte ich über meine Vorlieben reden.

So hatte das angebliche Weichei der Familie, wenigstens eine Verbündete in dieser Familie. Sie unterstütze mich, wo es nur ging. Nicht, dass ich es nötig hätte, aber es tat einfach gut. Als jüngster von vier Jungs, musste man viel einstecken, härteten einen aber auch für später ab.

Die berühmte Nesthäkchenrolle hatte ich nie eingenommen, dafür sorgten schon meine Brüder. Sämtliche frühe Versuche, dagegen etwas zu tun, wurde sofort im Keim erstickt. Beschweren darüber konnte ich mich aber nicht.

Die Kraftanstrengung, mich gegen die drei zu wehren, hinter ließ auch ihre Spuren, was zur Folge hatte, dass man mich in der Schule in Ruhe ließ. Mit einem Muskelprotz würde ich mich jetzt nicht vergleichen, aber man konnte deutlich sehen, dass man mit mir kein leichtes Spiel hatte.

So durchlief ich die Schule problemlos und dank meiner guten Noten, hatte ich wenigstens einen Vorteil gegenüber meinen Brüdern. In Sachen Wissen, konnte ich immer trumpfen.

„Mr. Brown…“, riss mich eine freundliche Damenstimme aus meinen Gedanken.

Ich nickte, nahm meinen Rucksack und stand auf. Die Vorzimmerdame, stand an der offenen Tür und forderte mich auf, ihr zu folgen. Trotz der Menge an Frauen, war es im Raum überraschend ruhig, konnte aber trotzdem, die missbilligen Blicke der Konkurrentinnen auf mir spüren.

Die Sekretärin schloss hinter mir die Tür. Ich befand mich wieder im Flur der Agentur, den ich bei meiner Ankunft betreten hatte. Das Geräusch ihrer Stöckelschuhe hallte unangenehm in meinen Ohren, als sie sich in Bewegung setzte.

Ob es an dem gestrigen Rotwein lag, oder dass ich mich generell nicht so sonderlich fühlte, ich wusste es nicht. Das tackende Etwas blieb vor einer anderen Tür stehen und öffnete diese.

„Mrs. Williams… Mr. Brown!“

„Soll eintreten!“, vernahm ich eine ungewöhnliche tiefe weibliche Stimme.

Mit übertriebenem Lächeln bat mich die junge Sekretärin einzutreten. Dann ließ sie mich mit dieser Mrs. Williams alleine. Mein Blick wanderte durch den Raum. Alle Möbel waren sehr dunkel gehalten, was das Sammelsurium, in dem weiß gehaltenen Raum, wuchtig wirken ließ.

Mir gegenüber stand ein mächtiger alter Schreibtisch, hinter der in einem viel zu großen Schreibtischsessel eine kleine,  ältere Dame saß.

„Treten sie doch näher, Marcus…, ich darf sie doch Marcus nennen?“

„Damit habe ich keine Probleme!“, antwortete ich.

Sie erhob sich und streckte ihre Hand aus. Sofort setzte ich mich in Bewegung und schüttelte ihre Hand.

„Mein Name ist Vanessa Williams und ich leite seit sechszehn Jahren diese Agentur!“

Warum so förmlich?

„Marcus Brown…“, meinte ich nur, was sie ja dank meiner Papiere sicherlich schon wusste.

„Setzen sie sich doch“, sagte sie und wies auf den Stuhl der vor mir stand.

„Ich will ehrlich sein, Marcus…, sie sind der erste Mann, den ich in dieser Berufssparte vermitteln soll.“

„Haben sie ein Problem damit?“, entfleuchte es meinem vorschnellen Mundwerk.

Auch etwas, was ich dank meiner Brüder gelernt hatte. Langsam ließ ich mich auf den Stuhl nieder und stellte meinen Rucksack auf dem Boden ab.

„Nein, das wollte ich nicht damit sagen. In meinem langen Berufsleben dachte ich immer, dass mich nicht mehr viel Neues erwartet, aber die Zeiten ändern sich!“

War das jetzt positiv oder negativ?

„Umso mehr freut es mich, dass sie mich eines Besseren belehren. Wie kommt ein junger Mann wie sie darauf, eine Nanny zu werden?“

„Ich konnte schon immer gut mit Kindern und ich wollte etwas Nützliches in diese Richtung machen.“

Sie nahm die Blätter vor ihr auf und sah sie sich genauer an.

„Lehrer…, Erzieher, so etwas könnte ich mir vorstellen, aber Nanny? Die Voraussetzungen haben sie auf alle Fälle. Ein Pädagogikstudium an der Hochschule…, ein Besuch auf der Hauswirtschaftsschule und zahlreiche Praktikas an nützliche Stellen für diese Arbeit! Wie haben sie das alles geschafft, sie sind doch erst…“, sie durchforstete meine Papiere, „…sechsundzwanzig Jahre alt?“

„Mit guten Willen und viel Fleiß…?“

Sie erwiderte mein Grinsen.

„Wie steht es mit behinderten Kindern oder Jugendlichen?“

„Das dürfte kein Problem sein…, wenn ich deswegen einen Kurs belegen soll, ist auch dies kein Hindernis.“

„Gut, denn ich habe eine Stelle für sie!“

Verwundert wanderten meine Augenbrauen nach oben. Mit allem hätte ich gerechnet, dass mir aber sofort eine Arbeit angeboten wurde, dies hatte ich nicht in den Sinn. Fein säuberlich verstaute sie meine Papiere, legte den Hefter in eine Ablage, um sich einen anderen zu greifen.

„Ich fragte deswegen, weil es in dieser Familie einen behinderten Jungen gibt. Aber ich denke, sie werden keinen weiteren Kurs belegen müssen. Der Junge ist nur geistig behindert und wie ein normales Kind zu behandeln.“

Wie sie das sagte, nur geistig behindert.

„Das ist der Wunsch des Auftraggebers, der älteste der drei Geschwister.“

„Eltern?“, fragte ich verwundert.

„Im Ausland ums Leben gekommen. Mister Scott Junior hat darauf hin, die Verantwortung für die jüngeren Zwillinge übernommen.“

Warum hatte ich plötzlich das Gefühl, das mein gegenüber, mir nur Häppchenweise die Informationen über meinen neuen Arbeitgebers sagen wollte? Auch die Kälte, mit der sie von ihrem Klienten sprach, gefiel mir nicht. Trotzdem keimte Interesse in mir auf.

„Wie alt sind die Zwillinge?“

„Beide fünfzehn! Das Mädchen geht auf eine ganz normale Schule, mit ihr sollten sie eigentlich keine Probleme haben. Der Junge… naja, ich glaube, es wäre besser, Mr. Scott erklärt ihnen das selbst!“

Darauf sagte ich nun nichts. Mrs. Williams ließ den Hefter sinken und schaute mich durchdringend an.

„Was denken sie, würde ihnen die Stelle zusagen?“

„Schon…“

„Aber…?“

„Ich hätte schon gerne mehr Informationen, es ist schließlich ein Fulltimejob, da sollte ich besser über die Familie Bescheid wissen!“

Sie lächelte frech. Was sollte das nun bedeuten? Ich wurde aus dieser Frau nicht schlau.

„Marcus…, mögen sie Kaffee?“

Ich nickte. Mrs. Williams drückte auf ihre Sprechanlage.

„Clarissa…, bitte zwei Kaffee in meinen Privatraum!“

„Ja Mrs. Williams“, hörte ich die Stimme der jungen Dame durch den Lautsprecher.

Mrs. Williams erhob sich.

„Kommen sie Marcus…“, meinte sie und lief direkt, mit dem Hefter in der Hand, zur Tür auf der linken Seite. Wieder nahm ich meinen Rucksack und folgte ihr. Den Raum den ich nun betrat, wirkte viel freundlicher auf mich. Die Möbel heller und viele Pflanzen.

„Machen sie es sich bequem, Marcus“, sagte Mrs. Williams und wies auf den Sessel der Sitzgruppe.

Kaum saß ich, klopfte es an der Tür zum Flur und während ich meinen Kopf drehte, trat Clarissa schon ein. Bewaffnet mit einem Tablett, auf dem ich zwei Tassen entdecken konnte.

Tonlos stellte sie den Kaffee ab und schaute dann zu Mrs. Williams.

„Clarissa, dies hier könnte etwas länger dauern. Sie können schon den nächsten Termin in mein Büro setzten und meinen Kollegen vielleicht einige meiner Termine abtreten!“

„Kein Problem!“, lächelte Clarissa und ließ uns alleine.

„Marcus, sie werden sich sicher über meinen kühlen Ton, im Bezug auf diese Familie; gewundert haben.“

Ich nickte verhalten.

„Das war Absicht! Bisher habe ich…, lassen sie mich nachrechnen…“

Sie schaute in die Höhe und überlegte.

„… mindestens schon zwanzig Vermittlungen zu dieser Familie. Entweder wurden sie von Mr. Scott im Vorfeld als unpassend abgelehnt, oder die Damen haben nach ein paar Tagen selbst das Handtuch geworfen.“

„Gibt es einen speziellen Grund dafür?“

„Sagen wir es einmal so…, Noah, der behinderte Junge, sieht die Nanny…, wie soll ich es ausdrücken…, als Teil seiner Familie und ist somit sehr fordernd und anlehnungsbedürftig, sofern er Vertrauen zu dieser Person fasst, sonst ist er sehr unzugänglich.“

„Ist das nicht normal für einen Behinderten?“

„Ich denke schon, aber man muss mit dieser Situation auch klar kommen! Und das mein lieber Marcus, hat keine ihrer Vorgängerinnen bisher geschafft!“

Sie sprach so, als hätte ich den Job schon.

„Mr. Scott hat nach deren Unfall, auch die Firma seiner Eltern übernommen und ist somit voll eingespannt. Er konnte es aber so einrichten, dass er die meiste Zeit von zu Hause arbeitet, schon wegen Noah. Auch eine Haushälterin ist vorhanden, die sich um Frühstück, Mittagessen und eine Zugehfrau kümmert sich um die Sauberkeit und die Wäsche.“

Soweit hörte es sich alles normal an.

„Aber beide Frauen sind nur halbtags da und so wäre Mr. Scott mit den Kids am Mittag alleine, was wiederum seine Arbeit stört.“

„Wie sehen meine Konditionen aus?“

„Kost und Logis frei, ein Zimmer mit Bad für sie alleine und alles komplett sozial abgesichert.“

Auch dies gefiel mir, könnte ich doch endlich aus den heimischen Gefilden entrinnen.

„Kann ich einen Termin mit Mr. Scott ausmachen?“

„Gerne…, wo wohnt eigentlich Mr. Scott?“

„Brooklyn-High, nähe Brooklyn-Bridge-Park.“

Eine vornehme Gegend.

*-*-*

Auf Wunsch von Mr. Scott, war ich direkt von der Agentur zu ihm gefahren. Mit der U-Bahn eigentlich gut zu erreichen. An der Court Street Station stieg ich aus. Ich musste zugeben, dass ich in dieser Gegend noch nie war.

Es war einfach nicht mein Gebiet, auch wenn meine Familie nicht zu den ärmsten zählte. So lief ich, mit Blick auf mein Handy, in die gesuchte Richtung. Ich musste erst ein Stück die Clinton Street entlang, um zur Joralemon Street zu gelangen, dort kreuzte sie die Henry Street.

Dafür benötigte ich ungefähr zehn Minuten. An der Ecke Joralemon / Henry Street, konnte ich eine Arztpraxis entdecken. Für Notfälle gut zu wissen. Noch weitere fünf Häuser und ich war angekommen.

Mir gefielen die vielen Bäume, die die Straße zierten, das machte das ganze wohnlicher und gemütlicher, so ganz das Gegenteil, mitten in einer großen Stadt. Wie die meisten, war das Haus, in dem ich vielleicht zukünftig arbeiten durfte, mit rotem Sandstein gebaut.

Die Fenster schienen neu, dafür besaß es eine alte Haustür, deren zwei Fensterscheiben, farblich durchsetzt waren. Der kleine Vorplatz, neben der Treppe war gepflastert und hatte sicher auch schon bessere Tage gesehen.

Nun standen dort, gut sichtbar, die Mülltonnen und eine dahin siechende Pflanze im Kübel. Dies war mein erster Eindruck dieses Hauses. Ich lief die Treppe hinauf und wollte gerade klingeln, als ich drinnen ein scheberndes Geräusch hörte, worauf Geschrei folgte.

Ich schreckte etwas zurück, als unmittelbar danach, die Haustür aufgerissen wurde. Fast hätte mich ein Mädchen umgestoßen, das fluchend aus dem Haus rannte.

„Ella!“, hörte ich es von drinnen schreien, aber die wohl gemeinte, regierte nicht und flitzte davon.

Dann erschien ein Mann in meinem Alter an der Tür und blieb erschrocken stehen, als er mich erblickte. Drinnen hörte ich jemand weinen.

„Und wer sind sie?“, fuhr mich der Kerl an.

„Marcus Brown…, ich soll mich heute hier vorstellen?“

„Sie? … ein Mann? Das kann es sich nur um ein Missverständnis handeln!“

Das schien also Mr. Scott zu sein. Gut aussehend, aber unfreundlich! Aber ich hatte mir im Vorfeld meine Gedanken gemacht, dass es als Problem angesehen werden könnte, weil ich ein Mann war. So setzte ich einfach alles auf eine Karte.

Es konnte schief gehen, oder auch nicht.

„Sollten wir uns nicht erst um Noah kümmern?“, sagte ich einfach und drückte mich frech an ihm vor.

Ich lief einfach den Weingeräuschen nach und fand den Jungen mitten in der Küchen stehen.

„Aber…, aber sie können doch nicht einfach…“

Ich reagierte einfach nicht und betrat den Raum. Eine leicht rundliche Frau redete auf den Jungen ein, der immer noch starr mitten in der Küche stand. Um ihn herum lagen Scherben von Geschirr.

„Hi Noah…, ich bin Marcus, was ist passiert?“

Abrupt hörte Noah auf zu weinen und die Frau hielt ebenso erschrocken ihren Mund.

„Darf ich dich da herausheben?“, fragte ich, weil der Jungen nur in Socken da stand.

Ich hörte es hinter mir Luft holen und war darauf gefasst, dass ich gleich hinaus geworfen wurde. Aber etwas geschah, womit er und auch ich nicht gerechnet hatte. Noah vor mir hob die Arme.

So ging ich hin und hievte den ein Kopf kleineren Jungen aus der Gefahrenzone. Er war recht leicht, so war es kein Problem. Ich schaute mich kurz um und entdeckte eine freie Stelle an der Küchentheke. Dort setzte er sich ab.

Mein Blick wanderte kurz zu Mr. Scott, der entgeistert erst zu der Frau, dann wieder zu mir schaute.

„Hast du dir irgendwo weh getan?“

Ich versuchte normal zu sprechen, nicht wie andere, deren Stimmlage nach oben wanderte, als würden sie mit einem Kleinkind reden. Dieses Mal schüttelte Noah seinen Kopf.

„Gut! Kann ich dich kurz hier sitzen lassen, bis wir die Scherben weg gemacht haben?“

„Wer bist du?“, fragte Noah nun seinerseits.

Seine Stimme klang alles andere, wie die von einem Kind, sie war tief, wie die seines Bruders. Nur seine Art, wie er fragte, seine Gestik und Mimik, ließen darauf schließen, dass er geistig behindert war.

„Ich bin Marcus und wenn es dein Bruder erlaubt, fange ich hier an zu arbeiten.“

„Du kommst dann jeden Tag?“

„Schaffen sie den Rest allein, Mrs. Thompson?“, hörte ich Mr. Scott hinter mir fragen.

„Kein Problem, Levi! Was wird aus Ella?“

„Die kann…“, er redete nicht weiter und trat zu uns.

„Levi Scott“, meinte er und hielt mir die Hand entgegen, die ich gleich schüttelte.

„… ähm Marcus Brown, aber das sagte ich schon.“

„Noah komm, wir gehen hinüber ins Wohnzimmer, bis Mrs. Thompson alles sauber hat.“

„Darf ich wieder auf deinem Rücken reiten?“

Es war das erste Mal, dass ich den Jungen strahlen sah, seit ich angekommen war. Dieses Strahlen steckte an und ich musste grinsen. Mr. Scott drehte sich um und Noah kletterte umständlich auf dessen Rücken.

„Mr. Brown, würden sie uns folgen?“, meinte der Herr des Hauses und lief los.

„Ja“, meinte ich und folgte ihm.

Als ich bei dieser Mrs. Thompson vorbei ging, nickte ich ihr grinsend zu. Auch sie nickte nur, schaute dabei aber kritisch.

„Vanessa  hat gar nicht erwähnt, dass sie mir einen Mann schickt!“, hörte ich Mr. Scott sagen.

Man sprach sich also schon mit Vornamen an, aber bei so vielen Bewerberinnen, wohl kein Wunder.

„Kommt Tante Vanessa auch?“, fragte Noah plötzlich.

Mrs. Williams schien wirklich mit der Familie näher bekannt zu sein, das schloss ich aus Noahs Frage.

„Nein, ich habe mit Tante Vanessa telefoniert, sie muss arbeiten und kann nicht kommen.“

„Du arbeitest auch und bist hier!“

Kinderlogik! Ich folgte den beiden ins Wohnzimmer und stellte gleich fest, dass die Möblierung recht Kind sicher war. Keine spitze Ecken oder scharfe Kanten, auch Möbel mit Glas hielten sich in Grenzen.

Mr. Scott bugsierte seinen Bruder aufs Sofa und schalte den Fernseher ein. Dann wandte er sich zu mir. Irgendeine Kindersendung lief und Noah starrte auf die Flimmerkiste. Der Hausherr folgte meinen Blick.

„Etwas was immer wirkt und Noah verstummen lässt“, meinte er nur, „setzten wir uns doch!“

Er zeigte auf den Esstisch, umringt von sechs Stühlen.

Ich stellte schweigend meinen Rucksack auf einen der Stühle und ließ mich daneben nieder, als Mr. Scott sich gesetzt hatte.

„Wie gesagt, meine Tante hat mir nicht gesagt, dass sie ein Mann sind…, ich wusste gar nicht, dass es männliche Nannys gibt!“

„Es gibt nicht viele, aber es gibt uns“, grinste ich ihn an.

Mrs Williams war seine reale Tante? Davon hatte sie mir nichts erzählt, aber sagte mir, dass Mrs. Williams mir vertrauen musste, sonst würde sie mich nicht zu ihrer eigenen Familie schicken.

„Dies ist ihre erste Dauerstellung!“

Ich nickte, zog meine Bewerbungsmappe aus dem Rucksack und reichte sie ihm. Er nahm sie entgegen und überflog meine Daten.

„Liest sich nicht schlecht…!“

„Darf ich sie fragen, was ihre Meinung über mich, so plötzlich änderte?“

Diese Frage brannte mir nämlich auf der Zunge. An der Haustür war er noch so abweisend und nun saß ein ganz anderer Mr. Scott vor mir. Er schaute auf, erst sah er zu mir und dann zu Noah.

„Noah ist der Grund! Er hat noch nie mit einem wildfremden Menschen geredet. Sind wir irgendwo, wird er zum Stummfisch, versteckt sich hinter seinem großen Bruder. Kein Ton ist aus ihm heraus zu bekommen. Lediglich Kopfnicken oder Schütteln! Bei ihnen aber…“

Stimmt, Noah hatte mich gefragt, wer ich bin. Für mich war das normal, für ihn anscheinend nicht.

„Ich will ehrlich sein, Mr. Brown…“

„Marcus, nennen sie mich bitte Marcus. Mit dem Nachnamen fühle ich mich wie mein Vater oder einer meiner Brüder.“

„Marcus…, danke. Was ich meine, mein Bruder ist kein einfacher Junge. Hat er sich erst einmal auf sie eingeschossen, kann er regelrecht zur Plage werden.“

„Sind nicht alle Kinder so?“

„Vielleicht… ich habe da nicht viele Vergleiche, aber in Kombination mit seiner jähzornigen Schwester, ist es oft nicht auszuhalten.“

„Sie ist fünfzehn… die liebe Pubertät!“

Ich wollte keiner der beiden in Schutz nehmen, aber Kids und Jugendliche sind eben so, wie sie sind.

„Mrs. Will… ihre Tante sagte, sie hatten bisher Schwierigkeiten, jemand Passendes zu finden.“

Mein Gegenüber seufzte und reichte mir meine Unterlagen zurück.

„Ja, das stimmt leider. Mit einem der beiden wären sie vielleicht noch klar gekommen…, aber dieses Doppelpack.“

„Sie schaffen es aber anscheinend“, lächelte ich ihm zu.

„Das ist etwas anderes…, ich bin ihr Bruder und beide von kleinauf gewohnt. Marcus…, was halten sie davon, erst einmal eine Woche hier zu Probe zu arbeiten. Sie können gleich ihr Zimmer nutzen, wenn es ihnen aber lieber ist, diese Woche jeden Morgen hier herkommen, um den Tagesablauf unserer kleinen Familie genauer kennen zu lernen. Was denken sie?“

Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Das bisher Gehörte, machte diese Stelle wirklich interessant.

„Ich liebe Herausforderungen und wenn man mit drei älteren Brüdern aufwachsen ist, weckt jede Herausforderung meinen Ehrgeiz. Wäre es möglich, das Zimmer anzuschauen?“

Mr. Scott nickte.

„Es liegt direkt neben Noahs Zimmer…, für alle Notfälle. Noah, möchtest du Marcus das Zimmer zeigen?“

Ich schaute nun auch zu Noah, aber er reagierte nicht. Mr. Scott stand auf, ging zu ihm hin und wuschelte ihm über die Haare.

„Noah?“

„Hm?“

„Das heißt nicht hm, sondern bitte!“

„Aber ich will doch gar nichts von dir!“

Wieder diese Kinderlogik. Sie trieb mir unweigerlich ein Grinsen ins Gesicht. Mr. Scott seufzte.

„Willst du Marcus das Zimmer neben deinem zeigen.“

„Ja!“, antwortete Noah und schneller als ich reagieren konnte, flitze dieser an mir vorbei und verschwand im Hausflur.

Missmutig schaute mich Mr. Scott an und ich zuckte erneut mit den Schultern. Etwas später und einen Stock höher fand ich Noah in seinem Zimmer. Ein typisches Kinderzimmer! Er selbst saß auf dem Boden, umringt von Spielsachen.

„Ihr Zimmer wäre das rechts“, hörte ich den Hausherrn hinter mir sagen.

Ich folgte ihm und wenige Augenblicke später stand ich in meinem zukünftigen Zimmer. Es hatte die Größe meines Zimmers zu Hause, war aber sehr spärlich eingerichtet. Zwei Türen konnte ich entdecken.

„Rechts ihr Bad und links ein kleiner begehbarer Kleiderschrank“, sprach mein zukünftiger Boss weiter, als er meinem Blick folgte.

„Praktisch!“

„Wegen den Möbeln…“, begann Mr. Scott, „…ich dachte bisher immer, falls hier jemand einzieht, bringt er vielleicht eigene Dinge mit, aber falls sie Dinge brauchen, unser Dachboden gleicht einem kleinen Möbellager.“

„Was ist in den Zimmern gegenüber?“

Ich zeigte auf den Flur hinaus.

„Gegenüber ist das Zimmer von Ella und daneben das Bad der Kids. Mein Reich und das Büro befindet sich ein Stock höher.“

Danach hatte ich nicht gefragt, war aber interessant zu wissen.

„Mr. Scott…, ich äh…“

„Sie wollen die Stelle doch nicht!“

Ich konnte die Enttäuschung in seinem Gesicht sehen.

„Nein…, nein, das ist es nicht. Ich bin heute Morgen zur Agentur… ihrer Tante gegangen und wollte sehen, ob ich überhaupt eine Chance habe, einen Job zu finden. Dass sie mir aber gleich einen Job vermittelt und sie jetzt auch zu sagen, überrascht mich total.“

Die enttäuschte Mimik wich aus seinem Gesicht.

„Wenn sie nichts dagegen hätten, würde ich gerne auf die Woche Probe verzichten und sofort hier anfangen!“

Nun sah ich zum ersten Mal die Ähnlichkeit zu Noah, Mr. Scott strahlte genauso wie sein Bruder.

„Ich müsste nur erst koordinieren, wie ich alle meine Sachen hierher schaffe.“

„Kann keiner ihrer Brüder aushelfen?“

„Ach die…, die sind nicht so gut auf mich zu sprechen!“, rutschte mir heraus.

„Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

Ich hob abwehrend meine Hände.

„Nein, Mr. Scott, so war das nicht gemeint. Wäre es ein Problem für sie, wenn ich erst morgen hier anfange… einziehe?“

Mr. Scott fing laut an zu lachen. Es war ein herzhaftes Lachen, dass sogar Noah aus seinem Zimmer lockte. Er lief zu meinem Gegenüber, der Noah in seinen Arm nahm.

„Nein, das ist kein Problem. Bis mich meine Tante anrief, wusste ich ja nicht mal, dass sich jemand bewerben würde.“

„Gut…, dann komme ich morgen so gegen acht…, wäre ihnen das Recht?“

Mr. Scott nickte lächelnd.

*-*-*

Als ich zu Hause ankam, war die Einfahrt leer. War denn keiner zu Hause? Sollte mir Recht sein, dann brummte mir auch keiner ein blödes Gespräch auf. Ich zog meine Schlüssel heraus und öffnete die Haustür.

Es war nicht abgeschlossen, komisch.

„Jemand zu Hause?“, rief ich, es kam aber keine Antwort.

Das Schlüsselbrett war leer und auch am Notizboard hing keine Nachricht. Hatte jemand vergessen, die Haustür abzuschließen? Sehr leichtsinnig! Ich lief in die Küche, holte mir ein Glas aus dem Schrank und füllte es am Kühlschrank mit Milch.

Nachdenklich stand ich vor dem Kühlschrank und schaute auf den Inhalt. Hiervon brauchte ich nichts mitzunehmen, es gehörte mir nichts im speziellen. Schon auf dem Heimweg hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich alles mitnehmen sollte.

Aber nach langen hin und her stellte ich fest, es gehörte mir bis auf mein Bett, nicht ein Stück aus meinem Zimmer. Ich schloss die Tür des Kühlschranks, trank meine Milch aus und stellte das Glas in die Spülmaschine.

Diese Ruhe im Haus war seltsam, weil es hier tagsüber nie ruhig war. Ich packte meinen Rucksack und lief zu meinem Zimmer hinauf. Als ich mein Zimmer betrat, hielt ich erneut inne.

Trotz meiner vorher gegangenen Überlegungen, war ich mir jetzt nicht mehr ganz so sicher, diesen Schritt zu tun. Es würde mein gewohntes Leben, wie es bisher war, total verändern. Die Sicherheit der heimischen Gefilde würde wegfallen.

Aber was war diese sogenannte heimische Sicherheit? Den täglichen Ärger mit meinen Brüdern, der mir so auf den Zeiger ging. Die zu nichts führenden ewigen Diskussionen mit meinem Vater, der immer noch bestimmen wollte, wie ich mein Leben zu führen habe.

Der einzige Minuspunkt für meinen Auszug, denn anders konnte ich es nicht nennen, war und blieb meine Mutter. Sie war über Jahre hinweg, mein ganzer Halt, woraus ich meine ganze Kraft bezog.

Niemand, auch mit ihr nicht, hatte ich von der heutige Vorstellung in der Agentur erzählt. Ich war es einfach leid, mir diese blöden Kommentare am Esstisch anzuhören. So konnte auch keiner wissen, wie es heute gelaufen war.

Es hatte keinen Sinn, wenn ich morgen pünktlich auf der Matte stehen wollte, musste ich jetzt beginnen, sonst würde das in einer Nachtaktion ausarten. Ich atmete tief durch, zog meine Jacke aus und begann.

*-*-*

Unten wurde es laut, also kam die Familie zurück. Nicht ganz, die Stimme meines ältesten Bruders Oliver war nicht zu hören, der sonst immer beim nach Hause kommen, blöde Sprüche drauf hatte.

Ich will nicht sagen, dass ich sie vermisste, aber es fiel eben auf. Umso lauter waren das Gelächter der anderen beiden Brüder, William und Michael. Die Stimme meiner Mutter setzte dem ein Ende.

„Marcus?“

Ich drehte mich zur Tür, in der meine Mutter stand. Ihr Blick wanderte durch das Zimmer, das schon gut geleert war.

„Was machst du, was gibt das hier?“, fragte sie und zeigte durch das Zimmer.

„Nach was sieht es denn aus? Ich ziehe aus!“

„Aber…, warum…“

Die plötzliche Traurigkeit in ihrem Gesicht, war deutlich anzusehen.

„Mama es tut mir leid, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ich heute Morgen in der Agentur gleich einen Job vermittelt bekomme und zudem anschließend sogar angenommen werde. Ich wusste das selbst nicht…“

Ihre Augen wurden glasig. Dann zuckte sie plötzlich. Irgendwo her zauberte sie ein Taschentuch und wischte sich über ihre Augen.

„Eigentlich rechne ich schon seit ein paar Jahren damit, dass einer von euch auszieht…, aber gerade du…, der Jüngste?“

„Du kochst einfach zu gut, Mum, so bekommst du sie nie los“, lächelte ich sie an.

„Ach du…!“

Sie trat an mich heran und legte ihre Hand auf die meinige.

„Bist du dir sicher, dass du das machen willst? Wo wohnst du dann überhaupt?“

„In Brooklyn-High! Mein neuer Arbeitgeber bietet mir ein eigenes Zimmer mit Bad, für das ich nichts zahlen brauche.“

„Das ist eine vornehme und teure Gegend!“

„Mr. Scott ist so alt wie ich, der sich um seine zwei jüngeren Geschwister kümmern muss. Zwillinge… fünfzehn.“

„Was ist mit den Eltern?“

„Verunglückt…“

„Um Himmels Willen, die armen Kinder!“

„Ich werde mich um die Zwillinge kümmern, damit Mr. Scott seiner Arbeit nach gehen kann…, er hat die Firma seiner Eltern übernommen und…“

„… Scott sagtest du“, unterbrach sie mich, „doch nicht die Scott – Factury – Verpackungen aller Art?“

Das war jetzt peinlich, nicht einmal das wusste ich.

„Öhm…, das weiß ich nicht.“

Ich lief rot an.

„Wieso weißt du das nicht, du musst doch wissen, wer dein Arbeitgeber ist!“

„Das weiß ich doch, aber ich habe nicht nach seiner Arbeit gefragt! Ich weiß nur, dass er ein Büro im Haus hat, von dort er alles dirigiert, wenn er nicht in der Firma ist. Das hat er gemacht, wegen den Zwillingen.“

„Fünfzehn sagst du? Mit einer normalen Haushälterin wären die doch zu bändigen!“

„Ähm…, der Junge ist behindert…“

Mums Augen wurden groß. Und dann sprudelte es nur so aus mir heraus.

„Also Mrs. Williams, die Chefin von der Agentur, meinte ich wäre für den Job bestens geeignet, weil bisher alle Damen, die dort anfingen, spätestens nach einer Woche das Handtuch warfen. Und Noah der Junge hat sofort auf mich reagiert, obwohl er mit Fremden so gar nicht kann. Ella die Schwester habe ich nur kurz gesehen… und Mrs. Williams ist Mr. Scotts Tante, das habe ich aber erst später erfahren und sie wird aber schon wissen, ob ich der Richtige für die Stelle bin und…“

„Stopp…, stopp, stopp, Marcus!“, fiel mir Mum ins Wort und ich verstummte abrupt.

„Marcus, bist du dir sicher, dass du das überhaupt willst? Bist du nicht etwas zu schnell? Was ist, wenn es dir nicht gefällt, oder dein neuer Chef unzufrieden mit dir ist? Es ist deine erste Stelle als…, als…“

„Nanny…“, beendete ich ihren Satz.

„Ja, als Nanny…, bist du dir hundert Prozent sicher, dass du diesen Job übernehmen willst? Das wird nicht einfach! Ich spreche da aus Erfahrung und ich habe vier Jungs groß gezogen.“

„Mehr als hundert Prozent, Mum, ich bin mir noch nie so sicher gewesen, das machen zu wollen, wie jetzt!“

Mum schaute mich lange an.

„Wie schwer ist der Junge behindert?“

„Er ist auf dem Stand eines fünf oder sechs Jährigen, aber wie gesagt schon fünfzehn.“

Sie schüttelte den Kopf und sah ins Leere.

„Okay, das ist deine Entscheidung und ich stehe natürlich voll hinter dir, egal, was die da unten sagen… ach so, du hast dich sicher gewundert, warum wir nicht da waren. Wir mussten Oliver ins Krankenhaus bringen…“

Schockiert schaute ich sie an.

„Krankenhaus? Was ist passiert?“

„Eine Schlägerei wegen einem Frauenstück… ich weiß nicht wann dieser Junge endlich erwachsen wird? Er ist dreiunddreißig Jahre alt…“

Sie senkte den Kopf und schüttelte ihn dabei.

„Ist er schlimm verletzt?“

„Iwo…, den Arm gebrochen, ein paar Kratzer, mehr nicht! Ein glatter Bruch…, wir konnten ihn sogar gleich mitnehmen.“

Jeder, der meine Mutter jetzt reden hören würde, dachte sicher, wie kann man nur so kalt über den eigenen Sohn reden? Da kannte er meine Mutter nicht. Sie hat mit uns vier schon einiges mitgemacht und jeder von uns Brüdern, hatte mindestens schon einmal etwas gebrochen.

So etwas härtet ab. Wo am Anfang noch Aufregung und mütterlicher Beschützerinstinkt zu spüren waren, änderte sich alles irgendwann in besonnene Ruhe und Routine. Die Ärzte hatten gut an uns verdient. Mum schaute sich im Zimmer erneut um.

„Was willst du alles mitnehmen?“

„Meine Sachen und das Bett…“

„Was ist mit dem Rest, oder ist dein Zimmer dort möbliert? Du brauchst doch einen Schrank für deine Kleidung und die Regale…, oder wo willst du deine Bücher und Zeitschriften sonst unterbringen und der Schreibtisch?“

„Ein Bett und ein Tisch stehen im Zimmer, sonst nichts, für die Kleidung habe ich einen begehbaren Schrank…“

Mum schien zu überlegen.

„… aber Mr. Scott sagte, dass auf dem Dachboden Unmengen Möbel stehen würden, die ich nutzen könnte.“

„Quatsch! Du nimmst alles mit!“

„Aber wie soll ich…“

„Ich rufe morgen den alten Harrison an, dass er mit dem Lieferwagen kommt. Da werden wir schon alles unterbringen!“

„Ähm…, ich fang Morgen um acht an und…“

„Das ist wirklich früh! Lass mich überlegen, wie wir das anstellen!“

Das liebte ich so an Mum, immer direkt und Entschlussfreudig. Aber ich dachte auch, anders könnte sie diesen Haushalt mit fünf Männern nicht bewältigen.

*-*-*

Wie es Mum fertig brachte, das Michael, meinen zwei Jahre älteren Bruder dazu zu bewegen, mir meine Kartons, mit seinem Pickup zu transportieren, war mir ein Rätsel. Auch waren seit gestern Abend keine blöden Bemerkungen mehr zu hören.

Es war sowieso ein seltsamer Abend. Dad schwieg ganz, schien sich für meinen Job nicht mal zu interessieren. Oliver, mit eingegipstem Arm, war ganz in sich gekehrt. William und Oliver versuchten mich zwar aufzuziehen, aber das endete spätestens, als Mum ein Machtwort sprach.

„Dort, das fünfte Haus, Nr. 248 ist es!“, meinte ich und Michael fuhr in die glücklicherweise freie Parknische.

Michael stieg wie ich, ohne Murren aus.

„Verdammt vornehme Gegend und hier wirst du jetzt arbeiten?“

„Ja!“

„Wo müssen die Kartons hin?“, er schaute auf seine Uhr, „ich habe nicht ewig Zeit, sonst komme ich zu spät!“

„Moment!“

Ich lief die Treppe hoch und klingelte. Wenig später machte mir ein strahlender Noah auf. Hinter ihm stand Mrs. Thompson, die Köchin.

„Guten Morgen Mr. Brown, gut dass sie da sind. Mr. Scott hat sie zwar angekündigt, musste aber selbst, wegen einem Notfall in die Firma.“

„Hallo Noah“, meinte ich und wuschelte dem Jungen über den Kopf, „guten Morgen, Mrs. Thompson, das ist kein Problem…, ich müsste nur kurz meine Sachen  im Flur abstellen, dass mein Bruder zur Arbeit fahren kann!“

Mrs. Thompson schaute an mir vorbei auf die Straße und zog nun auch die zweite Flügeltür, des Eingangs auf.

„Will helfen!“, rief Noah und wollte schon die Treppe hinunter flitzen, hätte ihn Mrs. Thompson an seiner Sweatshirtmütze gepackt und ihn zurück gezogen.

„Halt junger Mann, Schuhe anziehen und Jacke, sonst gehst du mir nicht vor die Tür!“

„Och menno!“, protestierte Noah.

Ich beugte mich zu Noah vor.

„Weißt du was, Noah, ich trage die Kisten mit meinem Bruder herein und du hilfst mir sie nachher oben in mein Zimmer tragen, okay?“

Noah schaute mich an, sagte aber nichts.

„Könntest du mir etwas zu trinken bringen, ich habe Durst…“

„Oki doki!“, meinte nun Noah und flitze davon.

Mrs. Thompson verdrehte die Augen und folgte ihm. Ich dagegen lief zu meinem Bruder zurück.

„Was ist das denn für ein Vollpfosten?“

„Komm Mike,  rede nicht so über Noah. Er ist geistig behindert und weiß es nicht besser!“

Noch so eine Unheimlichkeit, die mein Bruder betraf. Ich war eigentlich der einzige, der ihr so nennen durfte. Warum wusste ich nicht.

„Wo müssen die Kartons hin?“

„In den Flur!“

*-*-*

Ich stand im Flur vor Noahs Zimmer und überlegte, ob ich gleich mit auspacken beginnen sollte. Noah selbst lag in seinem Bett und schlief. Er hatte mir kräftig geholfen, meine Sachen hoch zu tragen und war angenehm überrascht, wie kräftig der Junge war.

Irgendwann wurde er aber müde und lief tonlos in sein Zimmer und ließ sich einfach auf sein Bett fallen. Es dauerte nicht lange und er war eingeschlafen. Ich musste lächeln und stellte fest, wie schnell sich dieser fünfzehn jährige Junge in mein Herz geschlichen hatte.

Mrs. Thompson staunte Bauklötze, so hatte sie Noah noch nie erlebt. Ohne zu fremdeln half er mir und Michael, die Kisten herein zu tragen. Anschließend brachte mir Noah noch ein Glas Milch. Sogar Michael hatte ein Glas bekommen, bevor er in die Firma fuhr.

Die Firma war Dads große Schreinerei, wo alle meine Brüder arbeiteten. Für mich ein richtig schöner und kitschiger Familienbetrieb. Ausnahme war eben ich, das schwarze Schaf der Familie, der sich den Anordnungen seines alten Herrn widersetzte.

Ich hatte nie vor, in diesem Laden anzufangen und hielt an meinen eigenen Plänen fest. Da nun mein Bruder Oliver, wegen Armbruch ausfiel, ging dessen Arbeit auf seine Brüder über. Deswegen hatte es Michael auch so eilig. Noah schien ihn zu mögen, er winkte ihm sogar hinter her.

Vielleicht lag es auch daran, dass Michael mir am ähnlichsten war. Während Oliver und William wie Muskelprotze aussahen und blonde Haare wie ihr Vater trugen, schlugen Michael und ich eher nach Mum.

Die gleichen hellbraunen lockigen Haare und etwas dünn von der Statur her. Ich lief in mein Zimmer und sah den Stapel Kartons an. Es hatte sich wirklich in den Jahren einiges angesammelt.

Aber richtig auspacken konnte ich nicht, solange meine Möbel noch zu Hause standen. Wenn sie noch standen. Mum hatte sich nicht davon abbringen lassen, sich um meine Möbel zu kümmern.

Am Mittag wollte sie,  höchstpersönlich vorbei bringen, weil sie natürlich viel zu neugierig war, wo ihr Jüngster nun arbeiten würde. So waren das Bett, der Stuhl und Tisch überflüssig geworden und mussten weg.

Ich lief leise die Treppe hinunter und fand Mrs. Thompson in der Küche. Natürlich hatte ich gleich ihre volle Aufmerksamkeit.

„Wo ist Noah?“

„In seinem Zimmer und eingeschlafen…“

Sie lächelte.

„Ich habe noch nie erlebt, dass der Junge so viel Energie entwickelt und aus sich heraus kommt. Levi wird sich freuen, dass zu hören!“

„Ich weiß nicht, wie Noah bisher war…, arbeiten sie schon lange hier?“

„Das kann man wohl so sagen. Ich war schon hier, als Mr. Scotts Eltern noch lebten.“

„Sie kannten die Eltern?“

„Natürlich, sie hatten mich ja eingestellt. Und ich bin nur geblieben, weil mir die Kinder so leid taten.“

„Mrs. Williams hat mir erzählt, es gäbe noch eine Reinemachefrau?“

„Ja, Levis Tante hat sie eingestellt. Sie kommt dreimal die Woche. Montags, am Mittwoch und am Freitag, ihr Name ist Emma White.“

Auch das hatte Mrs. Williams mir verschwiegen. Welche Überraschungen würde ich noch erleben?

„Eine Frage, wäre es ein großes Problem, wenn ich die wenigen Sachen, die in meinem Zimmer stehen auf den Dachboden zu bringen? Meine Mutter hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich alle meine Möbel von zuhause mitnehmen soll!“

Mrs. Thompson lächelte breit.

„Mütterliche Fürsorge…, das war ihr Bruder vorhin?“

„Einer meiner Brüder, ich habe drei und ich bin der Jüngste.“

„Dann ist es kein Wunder, dass sich ihre Mutter so um sie sorgt, sie sind schließlich das Nesthäkchen der Familie.“

„War ich nie Mrs. Thompson“, meinte ich mit erhobenen Händen, „ehrlich, jedenfalls nicht für meine Brüder!“

Die Köchin fing laut an zu lachen.

„Lust auf einen Kaffee?“

„Gerne!“

Sie zog zwei Tassen aus dem Schrank und setzte die Kaffeemaschine in Betrieb.

„Wie kommt ein junger Mann wie sie auf die Idee, eine männliche Nanny zu werden…, ein Manny?“

Es war das erste Mal, dass ich diesen Ausdruck hörte und ich musste grinsen.

„Wenn ich ehrlich bin…, mein Vater und meine Brüder sind daran schuld, oder besser gesagt, der Umgang mit mir, wie sie mich behandelt haben.“

Mrs. Thompson stellte mir eine Tasse vor die Nase und schaute mich dabei fragend an.

„Wie schon gesagt, meine Brüder haben mich nie wie das Nesthäkchen behandelt, es ging oft rau zu. Liegt vielleicht auch am Beruf meines Vaters. Er besitzt eine Schreinerei, wo auch meine Brüder arbeiten.“

„Sie wollten dort nicht anfangen?“

„Ich mag zwar Holz und habe sogar einige Grundkenntnisse, aber ich konnte mir nicht vorstellen, diesen Beruf zu erlernen und ihn bis zur Rente auszuüben.  Und so, wie mein Vater und meine Geschwister mit mir umgingen, fasste ich irgendwann den Entschluss, es mal bei den eigenen Kindern, sollte ich mal selbst welche haben, es anders zu machen. So entstand irgendwie die Idee, etwas mit Kindern beruflich zu machen.“

„Denkt nicht jeder so, es anders als die eigenen Eltern zu machen? Im Endeffekt entscheide ich heute genauso, wie es damals meine Eltern bei mir machten.“

„Sie haben auch Kinder?“

Mittlerweile hatte sich Mrs. Thompson zu mir an den Tisch gesetzt.

„Eine Tochter! Sie geht zur Uni und studiert Agrarwissenschaft.“

„Dafür muss man auch geschaffen sein!“

„Ich denke, dass ist sie. Sie ist mit Eifer dabei.“

Ich hörte jemand die Haustür öffnen.

„Ich bin wieder da!“, hörte ich Mr. Scotts Stimme.

„Wir sind in der Küche?“, rief die Köchin zurück.

Wenige Augenblicke später betrat Mr. Scott die Küche.

„Eine der Pressen funktionierte nicht, aber wir haben den Fehler gleich gefunden…“

Er stoppte abrupt, als er mich sah.

„… hallo Marcus, sie sind schon da? Wo ist Noah?“

„Noah ist oben in seinen Zimmer und schläft“, antwortete ich.

„Schläft? Ist ihm nicht gut?“, fragte Mr. Scott besorgt.

„Nein, er hat Marcus geholfen die Kartons draußen abzuladen und auch später hoch zutragen. Irgendwann muss er wohl müde eingeschlafen sein.“

„Noah?“

„Ja, er hat sogar Mrs. Browns Bruder ein Glas Milch gebracht, er meinte, der sieht durstig aus.“

Während ich grinste, stand Mr. Scott immer noch an derselben Stelle, hatte große Augen und schien total überrascht?

„Mein Noah?“

„Ja! Ihr Noah!“, sagte Mrs. Thompson grinsend, „ich war genauso überrascht.“

„Ihr Bruder hat ihnen geholfen?“, fragte mich Mr. Scott.

„Ja…, auf Geheiß meiner Mutter“, antwortete ich verlegen, „… sie will übrigens später vorbei kommen und meine Möbel vorbeibringen…“

Mr. Thompson hatte mittlerweile einen weiteren Kaffee heraus gelassen und auf dem Tisch abgestellt. Sie sah Mr. Scott durchdringend an und er setzte sich.

„Haben sie eine Umzugsfirma?“

„Nein! Meine Eltern besitzen eine Schreinerei und es sind eigene Lieferwagen vorhanden…“

„Gut zu wissen, einen guten Schreiner kann man immer gebrauchen. Und Noah hat wirklich geholfen…, ich kann das wirklich nicht glauben!“

Ich nickte ihm zu.

*-*-*

Langsam wurde es peinlich. Mum ließ sich von meinem Boss das ganze Haus zeigen. Mich die schwere Arbeit machen lassen und selbst sich vergnügen. Das letzte Regal hatte seinen Weg in mein Zimmer geschafft.

Dann folgte ich den Stimmen und fand Mum mit Mr. Scott ein Stock höher, in dessen Büro. Etwas dunkel und altertümlich, war mein erster Eindruck, aber verwarf diesen Gedanken sofort wieder.

„Mum… ähm, Mr. Harrison wartet unten…“

„Oh, ihr seid schon fertig?“

Schon war gut! Mit tat alles weh.

„Mr. Scott, herzlichen Dank für die kleine Führung!

„Nicht dafür, machte ich doch gerne.“

Er hob seine Hand zum Verabschieden. Meine Mum aber griff mit beiden Händen nach ihr und schüttelte sie wie verrückt. Dann zog sie Mr. Scott näher an sich heran.

„Und wenn sie Schwierigkeiten mit ihm haben sollten, einfach mich anrufen!“, flüsterte sie ihm zu.

„Mum! Das habe ich gehört!“

Mr. Scott fing laut an zu lachen und folgte Mum die Treppe hinunter. Mum verabschiedete sich auch von Noah, der die ganze Zeit vor dem Fernseher ausgeharrt hatte. Dieses Mal erlebte ich die Scheu des Jungens, wovon mir Mrs. Thompson erzählt hatte.

Er saß nur da, schaute Mum zwar an, sagte aber keinen Ton. Wie ich stand auch Mr. Scott später an der Haustür, bis Mum abgefahren war.

„Nette Frau!“, meinte er und betrat das Haus wieder.

Ich folgte ihm und schloss die Haustür hinter uns.

„…sie werden ihr Zimmer einräumen wollen…“, sprach er einfach weiter.

„Ja…, aber Noah?“

„Schon vergessen, der sitzt vor dem Fernseh! Wenn er etwas möchte, kommt er von alleine hoch…, entweder zu mir, oder nun auch zu ihnen.“

Mr. Scott lächelte breit, während er das sagte.

„Wann möchten sie Abendessen?“

„Gegen halb sieben, die Kids haben sich an diese Zeit gewöhnt.“

„Das hat mir Mrs. Thompson schon erzählt. Möchten sie etwas Warmes zum Dinner, oder…“

„He, das ist ihr erster Tag hier, sie müssen sich nicht gleich um alles kümmern.“

„Das ist mein Job!“

*-*-*

Mrs. Thompson hatte mir einen Crashkurs in ihrer Küche gegeben, so konnte ich mit kleinen Schwierigkeiten alles richten. Während des Abendessens unterhielten sich nur Noah angeregt mit seinem Bruder, während Ella mich die ganze Zeit misstrauisch beäugte.

Mit ihr würde ich noch meine Probleme haben, aber das bekäme ich auch noch hin. Ich verräumte das schmutzige Geschirr in der Spülmaschine, während sich die Geschwister verzogen hatten.

Abends schien sich Mr. Scott, oder Levi, wie ich ihn jetzt nennen durfte, sich um seinen Bruder zu kümmern. Ella hatte sich gleich wieder in ihr Zimmer verzogen. Dafür konnte ich aber ihre Musik hier unten hören.

„Ella!“, hörte ich plötzlich Levi schreien.

Ich zuckte zusammen.

„Mach die Musik leiser!“

Sofort wurde es ruhiger, nur noch leichter Bass war zu hören. Wenigstens auf ihren Bruder hörte sie. Noch kurz über die Arbeitsfläche wischen und schon war fertig. Ich löschte das große Licht der Küche, nur noch eine kleine Lampe am Fenster zur Straße brannte.

Dann folgte ich Levis Stimme zum Wohnzimmer. Er saß dort auf der Couch, vor ihm Noah, der ein Buch auf dem Schoss liegen hatte. Beide unterhielten sich leise und lachten ab und zu.

Dieses Glück wollte ich nicht stören, so ging ich hoch in mein Zimmer. Ich war am Mittag weit gekommen, es standen nur noch zwei Kartons unausgepackt auf dem Boden. Der Rest lehnte zusammengefaltet, zwischen den zwei Türen vom Schrank und Bad.

Morgen wollte Mr. Harrison vorbei kommen und sie abholen. Ich seufzte und öffnete einen der Kartons. Darin waren hauptsächlich Dinge die auf und in meinen Schreibtisch gehörten.

Ich zog die Kiste zum Schreibtisch und ließ mich auf den Stuhl fallen.

Nach und nach wanderte der Inhalt auf meinen Schreibtisch. Als ich am Laptop und den ganzen Kabeln ankam, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, Levi nach Wlan zu fragen. Ich zog den Wulst an kabeln heraus und ärgerte mich, dass ich es nicht schon vorher ordentlich zusammen gelegt hatte.

Nun musste ich es auseinanderknoten. Auf der Treppe draußen wurde es laut. Noah stürmte wohl die Treppe hinauf. Aber er kam nicht zu mir, sondern rannte in sein Zimmer. Dafür stand plötzlich der Herr des Hauses an meiner offenen Zimmertür.

„Sieht ja schon richtig wohnlich aus“, sagte Levi.

„Ja, es ist ja nur ein Zimmer, keine ganze Wohnung…, was ich fragen wollte, wegen Internet…“

„Können wir das auf später verschieben? Noah möchte baden und das wird einige Zeit dauern.“

Ich hob abwehrend die Hände.

„Kein Problem!“, lächelte ich.

Plötzlich erschien Noah neben Levi. Er trug nur noch eine Shorts und hatte Handtuch in der Hand. Ich musste schlucken, denn vor mir stand trotz seiner geistigen Behinderung ein fünfzehn jähriger Junge.

„Wo ist dein Bademantel?“

„Vergessen!“

Und schon war Noah wieder verschwunden.

„Wir sehen uns dann später…“, meinte Levi und verschwand ebenso.

Ob ich irgendwann auch sein Baden oder Duschen beaufsichtigen musste, daran hatte ich nicht gedacht. Gut ich stand nicht auf Kinder, aber ich musste zugeben, Noah sah alles andere als plump aus.

In der Schnelle konnte ich Muskeln erkennen, auch die behaarten Beine waren mir nicht entgangen. Was mich zu einer weiteren Frage brachte. Ich kannte Noahs Tagesablauf nicht. Spielte er nur, oder gab es Aktivitäten, die er mit seinem Bruder unternahm?

Es gab noch einiges zu bereden. Ich hörte, wie die zwei lachend die Treppe hinauf liefen. Dann war wieder Ruhe, naja, bis auf die Musik, die vom Zimmer gegenüber herüber drang. Damit konnte ich aber leben, so schlimm war der Musikgeschmack der jungen Dame nicht.

Ärgerlich widmete ich mich nun den Kabeln, die ich die ganze Zeit in Händen hielt. Hinter mir hörte ich eine Tür und ich drehte den Kopf. Dort stand Ella, die mir den gleichen Blick, wie beim Abendessen zukommen ließ. Dann verschwand sie im Bad.

Von zuhause war ich gewohnt, dass meine Tür oft offen stand. Hier sollte ich mir das vielleicht gründlich überlegen.

*-*-*

Das Gespräch mit Levi am Abend war recht informativ und ich war froh gewesen, dass ich alles aufgeschrieben hatte. Noch im Gedanken lief ich die Treppe hinunter. Mrs. Thompson hatte erzählt, dass sie von Montag bis Freitag gegen sieben morgens begann.

So hatte ich mir diese Zeit als Ziel gesetzt, ebenso anzufangen. Über diesen Punkt hatten sich Levi und ich nicht unterhalten. Aber mir war klar, dass ich hier andere Arbeitszeiten hatte, wie im normalen Berufsleben.

„Guten Morgen, Marcus. Sie sind schon auf?“

„Guten Morgen, Mrs Thompson. Ja! Ich will ja den Tagesablauf der Kids mitbekommen, da dachte ich mir, ich beginne mit ihnen zusammen.“

„Die Geschwister kommen erst in einer halben Stunde herunter. Während Levi Ella zur Schule fährt, bleibt Noah meist bei mir und wartet auf seinen Bruder.“

„Wie heißt die Schule?“

„Saint Ann`s School, sie ist hier in der Nähe, Ella könnte laufen, aber Levi ist es lieber, sie dort hinzubringen.“

„Frühstückt Ella nicht?“

„Ein Wunschtraum! Levi versucht es schon lange, aber die junge Dame möchte nicht. Ich richte ihr immer etwas, dass nimmt sie wenigstens mit und die Brotdose, steht jeden Morgen leer wieder in der Küche.“

„Und Noah?“

„Noah ist entweder noch in seinem Zimmer, oder sitzt hier mit einem Buch und einem Glas Milch und wartet wie auf seinen Bruder. Die beiden frühstücken dann zusammen.“

Von Levi hatte ich gestern erfahren, dass Noah schon mehrfach probeweise eine Schule für Behinderte besucht hatte, aber es nie gut ging. So hatte man sich entschieden, wenn endlich Ruhe in den Alltag im Haus eingekehrt war, sprich eine neue Nanny da war. Ja, ich war jetzt da und konnte nur abwarten, was da noch auf mich zu kam.

„Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

„Das geht alles recht schnell…, aber wenn sie helfen wollen, gehen sie ruhig zu Noah. Es ist jeden Morgen ein Kampf, bis er angezogen ist.“

Sie lächelte.

„Ist er schon wach?“, fragte ich.

Ein Rumpeln von oben, erübrigte die Frage.

„Dann werde ich mal nach oben gehen.“

„Viel Glück.“

*-*-*

Bis auf meine Tür war der Rest verschlossen. So ging ich zu Noahs Zimmer und öffnete die Tür. Der saß wie gestern auf dem Boden, nur mit Shorts und Shirt begleitet, mitten in seinem Spielzeug.

Sein Schlafanzug entdeckte ich am Fenster auf dem Boden liegen. Es war fast unmöglich zu ihm vorzudringen, ohne auf irgendetwas zu treten.

„Morgen Noah!“

Noah schaute auf, sagte aber nichts. Dann widmete er sich wieder seinem Auto, das er in Händen hielt. Erst anziehen und dann das Zimmer aufräumen, dass musste doch zu schaffen sein!

Ich kämpfte mich zum Fenster durch, hob den zerknüllten Schlafanzug auf und versuchte ihn in der Luft zusammen zu legen. Dann ging ich zum Bett, schüttelte die Decke auf und legte sie einigermaßen gerade und aufgeschlagen auf Bett.

Darauf ließ ich mich nieder und saß so fast neben Noah.

„Noah, willst du nicht mit deinem Bruder frühstücken?“

Wieder sah er auf, ließ plötzlich sein Auto fallen und stand auf. Fast wäre er an mir vorbei geflitzt, aber eben schon fast. Ich schnappte nach ihm und er landete ungewollt auf mir. Sein Ellenbogen in meiner Magengegend, ließ mich kurzzeitig die Luft anhalten.

„Halt! Erst anziehen!“

Noah saß nun auf meinem Schoss.

„Will nicht!“

„Dann gibt es kein Frühstück.“

Umständlich rutschte er vom Schoss.

„Dann will ich kein Frühstück!“

Er ließ sich wieder auf dem Platz plumpsen, wo er vorher gegessen hatte. Sein Magen knurrte und ich musste mich beherrschen nicht zu grinsen.

„Schade, dann wird dein Bruder aber traurig sein.“

Dieses Mal schaute mich Noah nicht direkt an. Aber deutlich erkannte ich, dass es in seinem Kopf arbeite. Dann krabbelte er durch sein Spielzeug, anders konnte man es nicht nennen, zu seinem Schrank und öffnete ihn.

Dort sah es komischerweise recht aufgeräumt aus. Ich konnte eine Vielzahl von Kaputzenshirt und Hemden hängen sehen, Fächer mit Shirts und Polos, Hosen, Unterwäsche und einen Korb mit Strümpfen.

An Klamotten mangelte es ihm wirklich nicht. Es hing sogar ein schwarzer Anzug auf der rechten Seite.

„Was willst du anziehen?“

Überrascht schaute er mich an, dann wandte er sich aber wieder zum Schrank. Er schien wieder zu überlegen, zeigte dann aber auf eine Jeanshose.

„Und was für ein Pullover?“

Dieses Mal wusste er anscheinend sofort, was er wollte und zeigte auf das rote Kaputzenshirt.

„Willst du es nicht heraus holen?“

„Darf ich? Levi macht das immer selber!“

Ich stand auf und kämpfte mich zu ihm. Mittlerweile hatte ich den Bogen heraus und schob mit den Füssen, das Spielzeug zur Seite, soweit es möglich war.

„Machen wir das gemeinsam?“

Plötzlich konnte ich ein Lächeln auf Noahs Gesicht erkennen und er nickte. Ich zeigte ihm, dass er mit einer Hand, die oberen Hosen im Stapel festhielt und mit der anderen Hand, die Jeans vorsichtig herauszog.

Dann legte ich die Jeans zurück.

„So und jetzt du!“

Ungläubig schaute er mich an.

„Soll ich dir helfen?“

Er nickte und griff direkt nach der Hose, die er sich ausgesucht hatte. So hielt ich den Rest fest und er zog langsam die Jeans heraus. Stolz hielt er sie in seinem Armen und strahlte, als hätte er einen Preis gewonnen.

Ich wiederholte nun das Gleiche mit dem Shirt. Wieder machte ich es ihm vor und ließ ihn dann mit meiner Hilfe gewähren. Er hatte etwas Probleme mit dem Kleiderbügel, schaffte es aber dann dennoch.

Schnell merkte ich, dass ich ihm beim Anziehen auch helfen musste. Es gab wohl vieles, was meine Vorgängerinnen versäumt hatten. Es fehlten noch die Socken. Spätestens dann war Noah aber nicht mehr zu halten.

Schneller als ich schauen konnte flitze er aus dem Zimmer und war verschwunden. Dafür stand da aber ein grinsender Levi im Türrahmen.

„Sie sind angestellt!“, meinte er nur grinsend und folgte Noah.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Da hatte ich wirklich etwas vor mir. Ich sah mich noch einmal im Zimmer um und folgte dann den beiden.

*-*-*

„Hi Mum!“

Während Levi nach dem Frühstück sich in sein Büro zurück gezogen hatte, saß ich wieder auf Noahs Bett.

„Hallo Marcus, wie war deine erste Nacht in einem fremden Haus?“

„Gut, ich habe super geschlafen.“

„Und jetzt muss ich dich abholen, weil es dir nicht mehr gefällt!“

„Mum, Quatsch! Hm, ich wollte euch einen Auftrag zu verschaffen, aber glaube, war eine blöde Idee…, sorry dass ich dich gestört habe…“

Ich musste mir wirklich das Lachen verbeisen. Noah schien das alles nicht zu interessieren. Er schob sein Auto über den Boden und machte auch die dazu gehörigen Geräusche.

„Marcus!“, rief es durch die Leitung, ich nahm das Handy etwas vom Ohr weg.

„Ja?“

„Was meintest du mit einem Auftrag?“

„Ich habe mit meinem Boss gesprochen und konnte ihn davon überzeugen, dass ich für Noah ein Regal, für seine Spielkisten brauche.“

„Und wir sollen jetzt das Regal bauen? Warum kauft ihr nicht einfach eins?“

„Weil es so etwas, wie ich es mir vorstelle, nicht von der Stange gibt!“

„Soso, erst einen Tag da und schon bestimmst du, wie die Möbel auszusehen haben?“

„Nein! Mein Chef hat genug um die Ohren und hat mir freien Spielraum gegeben!“

Ich wusste genau, dass Mum nun grinste und ich sie an der Angel hatte.

„Und wie soll das aussehen?“

„Ich fertige eine Skizze an, mit allen Maßen und sende sie dir dann zu!“

„Du willst das selbst messen?“

„Mum, ich mach das nicht zum ersten Mal!“

„Ja, ist ja schon gut! Was für Holz?“

„Buche!, Mum, kennst du einen guten Polsterer?“

„Öhm ja, aber warum brauchst du denn einen Polsterer?“

„Dieses Regal soll vors Fenster und man „soll“ drauf sitzen können, bequem sitzen!“

„Okay, ich hör mich um, wann schickst du mir die Skizze?“

„Wenn ich sie fertig habe! Zudem muss ich erst mit Noah sprechen, es ist ja sein Regal.“

„Naja, ich bin mir nicht sicher, ober er eine große Hilfe ist.“

„Lass das mal meine Sorge sein.“

„Okay, du meldest dich dann.“

„Danke Mum.“

„Nichts zu danken, Marcus! Bye!“

„Bye Mum!“

Schon war das Gespräch beendet. Ich ließ mein Handy wieder verschwinden und widmete mich wieder Noah.

„Noah, ich brauche deine Hilfe.“

„Nicht wieder schwere Kisten schleppen“, sagte er, ohne mich anzusehen.

„Nein, keine Kisten schleppen.“

Ich stand auf und ging zu den Kisten, die normalerweise mit Spielzeug gefüllt war, dass aber jetzt auf dem Boden verteilt lag. Ich packte mir zwei Kisten und leerte den Rest des Inhalts auf den Boden.

Das widerholte sich, bis alle sieben Kisten leer auf Noahs Bett standen.

„Noah, wenn du ein Spielzeug suchst, dann musst du doch in jeder dieser Kisten gucken, bis du es findest?“

Noah sah erst mich, dann die Kisten an, bevor sein Kopf zu nicken anfing.

„Da gibt es aber einen Zaubertrick, wie du alles schnell finden kannst.“

„Ich mag zaubern!“

„Malst du auch gerne?“

Wieder nickte der Junge.

„Was würdest du gerne in die rote Kiste tun?“

Noah schaute erst zur Kiste, dann auf dem Boden, wo alles Spielzeug kreuz und quer lag.

„Was hältst du in der Hand?“

„Auto…“

„Du hast viele Autos.“

„Hat mir alle Levi geschenkt“, strahlte Noah.

Ich beugte mich nach vorne und griff mir einer der Wagen und legte ihn in die rote Kiste.

„Was tun wir in die blaue Kiste?“

Etwas unbeholfen schaute mich Noah wieder an.

„Was ist blau?“

„Wasser!“

„Was schwimmt auf dem Wasser?“

„Boote!“

Ganz unerwartet nahm nun Noah eines der Schiffe, ging zur blauen Box und legte es hinein. Dann legte er seine Hand auf die grüne Box und schien zu überlegen. Dann schaute er auf den Boden und es wirkte auf mich, als würde er etwas suchen.

Plötzlich fing er an zu grinsen, kämpfte sich durch das Spielzeug und hob einen Plastiktiger auf, den er dann in die grüne Box legte. Dieses Spiel wiederholte sich, bis in jeder Box etwas lag.

„So, Moment ich muss etwas aus meinem Zimmer holen…“

Ich stand auf, lief kurz in mein Zimmer. Bewaffnet mit Blöcken und Stiften kam ich zurück, wo Noah immer noch am gleichen Platz stand. Ich nahm einen Deckel der Kisten und schob damit das Spielzeug auf die Seite, bis ein Platz entstand wo Noah und ich beide sitzen konnten.

„Was ist in der roten Kiste?“

„Ein Auto!“

Ich nahm den Block, legte ihn vor mich und begann ein Spielzeugauto zu malen.

„Noah, Levi hat dir doch sicher auch Farbstifte geschenkt?“

Ohne etwas zu sagen, stand Noah auf und ging zur Kommode. Fast jede einzelne Schublade zog er auf, bevor er mit einer flachen Holzkiste zurückkam. Das Auto hatte ich fertig und Noah kniete wieder neben mich. Die Kiste hatte er abgestellt.

„Du kannst toll malen! Levi kann das nicht, aber Ella kann das.“

„Malst du oft mit Ella?“

Ich schob den Block mit dem Auto vor Noah. Er schüttelte den Kopf.

„Die ist in der Schule.“

„Willst du das Auto anmalen?“

„Au ja.“

Total fasziniert, mit welcher Begeisterung und Genauigkeit Noah das Auto anzumalen begann, versuchte ich mich an einem Schiff. Das wiederholte ich, bis ich alle Dinge in den Kisten gezeichnet hatte.

Während Noah weiter malte, holte ich in meinem Zimmer Klarsichthüllen und begann die fertigen Werke von Noah einzutüten.

„Wir haben oben ein Laminiergerät“, hörte ich es hinter mir sagen.

Erschrocken fuhr ich herum und sah Levi in der Tür stehen. Ich hatte ihn nicht gehört.

„Guck mal Levi, Marcus hat mir ein Tiger gemalt!“

Er war aufgestanden und mit dem Block zu Levi gegangen. Der betrachte sich das Bild.

„Das hast du schön angemalt, aber warum hat der Tiger blaue Augen?“

„Mein Tiger hat auch blaue Augen“, meinte Noah, ging zur grünen Box und hob den Tiger hoch.

Ich hatte bei Levi im Vorfeld sein Einverständnis geholt, dieses Regal bauen zu lassen, damit wir Herr über dieses Spielzeug wurden. Freudig hatte er diese Idee angenommen und mir grünes Licht gegeben.

Nun stand er da, schaute zu mir und hob seinen Daumen in die Höhe.

*-*-*

„Noah schläft“, sagte ich.

„Wie viele Geschichten?“, fragte Levi, der gerade das letzte saubere Geschirr verräumte.

„Bitte?“

„Wie viele Geschichten sie ihm vorlesen mussten?“

„Eine…“

„Eine? Ich muss ihm sonst, zwei oder drei vorlesen, bis er endlich einschläft.“

„Da war er sicher auch nicht so müde, wie nach der heutigen Aufräumaktion.“

„Stimmt, es ist herrlich, durch Zimmer laufen zu können, ohne sich zu verletzten!“

„Ich werde mich mal zurück ziehen, ich muss meiner Mutter noch die Mail mit den Maßen schicken.“

„Keine Lust auf ein Glas Wein?“

„Heute nicht, mein erster Arbeitstag hat mich gefordert! Ein andermal, danke! Gute Nacht!“

„Gute Nacht.“

Ich ließ ihn in der Küche zurück und lief nach oben. War da ein kleiner Funke von Enttäuschung aus seiner Stimme zu hören? Egal, darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Mein Arbeitstag endete, wenn Noah eingeschlafen war.

Ich lief an Noahs Zimmer vorbei und schaute noch einmal hinein. Er schlief fest. Leise zog ich seine Tür zu. Auf dem Weg zu meinem Zimmer, sah ich, dass Ellas Zimmer offen stand. Sollte ich ein Blick wagen?

Es reichte eigentlich, wenn ich von meinem Zimmer aus, hinüber schaute. So lief ich zu meiner Tür und drehte mich, natürlich rein zufällig. Ella saß an ihrem Schreibtisch und war mit irgendetwas beschäftigt.

„Gute Nacht!“, sagte ich und öffnete meine Tür.

„Ähm was…, achso gute Nacht!“, kam es zurück.

„Probleme?“, fragte ich, in der Tür innehaltend.

„Ach, ich komme mit dieser Aufgabenstellung nicht klar.“

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Hast du Erfahrung in bildende Künste, Modern Art? Ich soll eine kurze Zusammenfassung über dieses Bild hier schreiben.“

Oh, sie sprach mich mit „Du“ an. Mein Blick fiel kurz auf dieses Bild, dass ich als einen Strand mit Meer interpretieren würde.

„Habe ich, aber das könnte ein Problem sein.“

Mittlerweile stand ich in ihrem Zimmer. Es war modern eingerichtet, so ganz anders, als Noahs Zimmer, ein Teenager Zimmer eben. Etwas viel blau für meinen Geschmack, schien aber ihre Lieblingsfarbe zu sein.

Es erinnerte mich leicht an Asian. Verschiedene Bilder und Dekogegenstände konnte ich wahrnehmen, die auf diesen Stil hinwiesen.

„Wieso? Das verstehe ich nicht!“

„Ja, weil ich eine andere Sichtweise der Dinge habe, als du. Ich gebe dir ein einfaches Beispiel …“

Ich griff mir einen gelben Stift und malte auf einen Notizzettel einen Kreis.

„Was siehst du?“

„Einen gelben Kreis!“

„Noah würde sagen, er sieht eine Sonne. Verstehst du, was ich meine?“

Sie gab mir keine Antwort, schien nachzudenken. Sie griff sich das Blatt mit dem Bild.

„Also…, wenn ich sage, ich sehe einen Acker mit Himmel darüber, kann es sein, dass du etwas anderes siehst.“

„Ja…, ich sehe einen Strand mit Meer.“

Wieder schaute sie auf das Bild und ließ den Kopf hin und her wandern.

„Strand mit Meer…?“, blabberte sie nach.

„Wie kommst du auf einen Acker?“

„Diese Striche und Punkte, sie erinnern mich an Furchen und kleine Hügel.“

Ich zeigte auf das Blau.

„Ich sehe dort Wellen und diese weißen Flächen sind die Schaumkronen.“

„Oh man!“

Ella rubbelte sich wild durch ihr Haar, so dass es in alle Richtungen zeigte..

„Vielleicht schreibst du darüber, dass man es aus verschiedenen Sichtweisen sehen kann?“

„Meinst du? Ist da nicht das Thema verfehlt?“

„Denke ich nicht, du schreibst ja, was du siehst, aber eben auch, dass es verschiedene Sichtweisen gibt.“

„Ähm… danke…“

„Dann mal gute Nacht, ich bin in meinem Zimmer, wenn noch etwas ist.“

„… gute Nacht!“, meinte sie nickend.

Ich lächelte sie an und lief in mein Zimmer hinüber. Das war ja schon mal ein Anfang, dachte ich für mich und schloss die Tür hinter mir. Dingend sollte ich mich über ihre Kurse und Interessen informieren.

Ich zog den Zettel aus meiner Hosentasche, wo alle Maße und eine ungefähre Skizze aufgemalt war. Am besten, ich fotografierte es ab und schickte es so dann an Mum. Sie würde sich sicher melden, wenn es irgendwelche Fragen gab.

*-*-*

Am nächsten Morgen, wachte ich ohne Wecker auf. In meinem Bett war es unnatürlich warm und etwas drückte an meinem Rücken. Als ich mich drehen wollte, um nach dem Grund zu schauen, entdeckte ich Noah.

„Noah?“, sagte ich überrascht.

Der Junge brummelte irgendetwas Unverständliches, rührte sich aber nicht weiter. Ich wollte ihn gerade sanft wach rütteln, wurde aber durch ein Klopfen an meiner Tür davon abgehalten.

„Ja?“

Die Tür öffnete sich und Ellas Gesicht kam zum Vorschein.

„Wir können meinen Bruder nicht finden…“

Ich zeigte auf den Hügel meiner Bettdecke neben mir. Ella bekam große Augen, drehte ihren Kopf dann aber Richtung Flur.

„Levi, er ist hier in Mr. Browns Zimmer“, hörte ich sie rufen.

Oh, nicht Marcus… Mr. Brown? Etwas später wurde die Tür ganz aufgeschoben und Levi kam ins Blickfeld.

„Entschuldige Marcus, ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist! Das hat er noch nie gemacht!“

„Ist nicht schlimm! Er wird schon einen Grund dafür geben.“

„Ich nehme ihn gleich mit hinüber in sein Zimmer.“

„Auch das ist kein Problem. Fahren sie Ella in die Schule und ich kümmere mich um Noah…, dafür bin ich schließlich da!“

Ein „Pff“, kam von Ella und lief in ihre Zimmer hinüber. Levi verdrehte die Augen.

„Manchmal werde ich nicht aus ihr schlau. Einmal die fürsorgliche Schwester, dann wieder die, die ihren Bruder nicht ertragen kann.“

Bevor ich darauf etwas sagen konnte, verschwand er einfach ohne weitere Worte. Ella erschien wieder im Flur und zog ihre Tür zu.

„Hast du die Aufgabe noch fertig bekommen?“, rief ich.

Sie verharrte in ihrer Bewegung.

„Ähm… ja, danke nochmal…“

„Kein Problem!“

Dann verschwand auch sie aus meinem Blickfeld. Jemand hätte wenigstens meine Tür zu machen können. Ich seufzte. Das dritte Mitglied der Familie begann sich neben mir zu regen.

Erst streckte sich Noah, dann setzte er sich auf. Er sah sich um, dann schaute er mich an.

„Hast du gut geschlafen?“

Fragend schaute er mich an.

„Warum bist du in meinem Bett?“

Ich musste grinsen.

„Das ist mein Bett, Noah!“

Wieder sah er sich in meinem Zimmer um, dann zuckte er leicht zusammen.

„…`tschuldigung“, nuschelte er, kämpfte sich unter meiner Bettdecke hervor und düste aus meinem Zimmer.

Grinsend sah ich ihm nach. Dann besann ich mich Besseres und stand ebenso auf.

*-*-*

Das Frühstück verlief schweigend. Auch war ich überrascht, dass Noah neben mir saß, nicht neben seinem Bruder. Während Levi sich hinter seiner Zeitung versteckte, blätterte Noah in einem Bilderbuch.

Mrs. Thompson schaute mich fragend an, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken. So ging es, bis das Frühstück endete. Levi stand auf und verließ die Küche.

„Haben die beiden sich gestritten?“, flüsterte Mrs. Thompson.

Ich schüttelte den Kopf.

„Aber irgendetwas muss doch vorgefallen sein, so haben die beiden sich noch nie benommen!“

Jetzt war es mir fast peinlich, was heute am Morgen vorgefallen war, obwohl ich eigentlich nichts dafür konnte.

„Als ich heute Morgen aufwachte, lag Noah in meinem Bett…“

„Was?“

Mrs. Thompson machte große Augen.

„Ich weiß weder warum, noch weiß ich, wann Noah zu mir kam.“

Mrs. Thompson fing an zu lächeln.

„Dann kann ich mir schon denken, was hier los ist.“

„Ja?“, fragte ich erstaunt.

Sie gab mir einen Wink, zu ihr an den Herd zu kommen, denn schließlich saß Noah ja immer noch am Tisch und blätterte weiterhin unbeteiligt in seinem Bilderbuch. So stand ich auf, nahm meinen Teller und trug ihn zur Spüle.

„Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Levi etwas eifersüchtig ist.“

„Bitte… eifersüchtig, auf mich…?“

Ich zeigte verwirrt auf mich. Nun war ich der die großen Augen machte, in dem ich meine Augenbraun hochzog.

„Das ist das erste Mal, das Noah nicht zu ihm gekommen ist, was auch immer der Grund war.“

„Ich bin mir nicht mal sicher, ob Noah selbst weiß, was der Grund war. Alles was er fragte war, warum ich in seinem Bett sei. Vielleicht ist er ja schlafgewandelt.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Eifersüchtig? Ich fasse es nicht! Vielleicht sollte ich mal mit Mr. Scott reden…, könnten sie kurz auf den Kleinen aufpassen?“

„Klar, kein Problem, wie sie ja sehen, ist er beschäftigt.“

Unsere Blicke wanderte zum Tisch, wo Noah saß.

*-*-*

Zögerlich lief ich zu der offenen Bürotür, wo ich Levi vermutete. Was wollte ich überhaupt sagen? Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob es richtig war, hier hoch zu kommen. Aber da musste ich jetzt wohl durch.

So trat ich an die offene Tür und lugte ins Büro, aber niemand befand sich darin.

„Wollen sie zu mir?“, hörte ich es hinter mir und fuhr erschrocken herum, was zur Folge hatte, dass ich gegen den Türrahmen knallte und mir den Kopf anschlug.

Verärgert über meine eigene Blödheit, rieb ich an meinem Hinterkopf. Mein Gegenüber fing an zu lachen.

„Entschuldigung, ich wollte sie nicht erschrecken…, haben sie sich weh getan?“

Mein Ego war angekratzt, sonst nichts.

„Nein…, es war nur der Schreck.“

Levi drückte sich an mir vorbei und sein angenehmer Duft stieg mir in die Nase. Auch das noch, das konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen, dass meine Hormone eventuell verrücktspielten.

„Ich bin eigentlich nur gekommen, weil ich mich entschuldigen wollte. Ich weiß nicht, was Noah veranlasst hat, zu mir zu kommen. Er wusste nicht mal, als er aufwachte, dass er in meinem Bett lag.“

Levi ließ sich auf seinen Bürostuhl nieder und zog zu meiner Überraschung eine Brille an. Damit hatte ich ihn noch nicht gesehen. Gut, ich war erst zwei Tage da, aber so etwas fiel mir eigentlich sofort auf.

„Dafür können sie nichts, Marcus…, ich war nur etwas überrascht, aber seit sie hier sind überrascht mich Noah ständig.“

„Ich möchte nur nicht, dass deswegen irgendwie der Hausseegen schief hängt.“

„Keine Sorge, da müsste schon etwas anderes passieren und bisher haben wir irgendwie jede Situation gemeistert.“

„Soll ich meine Tür in Zukunft abschließen?“

Levi ließ die Mappe, die er in der Hand hielt sinken.

„Nein, auf keinen Fall! Eigentlich sollte ich froh sein, dass es noch jemanden gibt, zu dem Noah Vertrauen hat, auch wenn das für mich…“, er zögerte etwas, „zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig ist.“

„Ich will nur nicht gleich an meinen ersten Tagen hier, irgendwie Ärger verursachen.“

„Tun sie nicht, Marcus… ähm, wäre sonst noch etwas?“

„Eigentlich nicht…, oder vielleicht doch, kann ich mit Noah einen Sparziergang machen?“

„Aber sicher doch! Mein Bruder sollte viel öfter an die frische Luft, aber ich habe so meine Probleme, ihn dazu zu bewegen. Danach brauchen sie nicht zu fragen, ich gebe ihnen da volle Handlungsgewalt!“

„Danke…, dann sieht man sich später“, meinte ich kleinlaut und ließ ihn alleine.

Die Sache war irgendwie komisch und ich wusste jetzt nicht recht, damit umzugehen. Kopfschüttelend lief ich die Treppe hinunter. Auf die Reaktionen in diesem Haus war ich nicht vorbereitet.

Konnte man das überhaupt? Etwas anderes kam mir noch in den Sinn, worüber ich seit Montag überhaupt nicht mehr nach gedacht hatte. Mein Boss war ein gutaussehender und charmanter Mann in meinem Alter und ich wusste nicht, ob ich damit nicht massiv Probleme bekam.

Generell wusste ich nicht, wie man in diesem Haus zur Homosexualität stand, deswegen hatte ich mir schon anfangs vor meiner Ausbildung geschworen, dieses Thema hinten anzustellen. Aber dies war eben leichter gesagt, als getan.

Noah saß immer noch am Tisch, während Mrs. Thompson am Herd wirbelte.

„Ärger?“, fragte die Köchin.

Ich schüttelte den Kopf und ging zu Noah und ließ mich neben ihm nieder. Mein Blick fiel auf sein Buch. Ich konnte Wasser ein Schiff und Vögel sehen.

„Noah, wollen wir uns das in echt anschauen?“

Noahs Kopf hob sich.

„Echt?“

„Ja, echte Schiffe und echte Möwen, die über dem Wasser fliegen.“

„Schiffe können fliegen?“

Ich lächelte.

„Die Möwen fliegen…, aber wenn ich es mir recht überlege, es gibt Schiffe, da meint man sie können fliegen. Vielleicht sehen wir eins.“

„Wo?“

„Sie wollen mit dem Jungen zum East River?“, fragte Mrs. Thompson plötzlich.

„Ja, Mr. Scott meinte, es täte ihm gut, an die frische Luft zu kommen…“, ich wandte mich wieder zu Noah, „hast du Lust Schiffe anzuschauen?“

Noah sah erst mich, dann Mrs. Thompson an, die zu ihm an den Tisch trat.

„Das macht bestimmt Spaß, Noah“, meinte sie zu dem Jungen.

„Mrs. Thompson, wären sie vielleicht so nett und würden etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zum Essen richten, falls Noah Hunger bekommt?“

„Kein Problem, Marcus, für sie nicht?“, fragte sie lächelnd.

„Danke!“, erwiderte ich, „komm Noah, dann gehen wir uns mal anziehen und dein Buch nehmen wir mit, ob wir auch alles finden, was darin gemalt ist.“

*-*-*

Ich wollte gerade die Haustür öffnen, als ich hinter mir meinen Namen hörte.

„Marcus!“

Die Stimme meines Bosses. Hatte er es sich jetzt doch anders überlegt? Ich drehte mich um. Er kam die Treppe herunter und schob Noah vor sich her. Der wollte anscheinend nicht so. Levi selbst, sah mich lächelnd an und hob mir etwas entgegen.

„Hatte ich ganz vergessen, der Schlüssel zum Haus, irgendwie müssen sie ja auch herein kommen.“

Es gibt eine Klingel! An seiner Hand baumelte ein Fisch, nein, beim näheren hinsehen bemerkte ich, dass es sich um ein Delphine handelte. Ich öffnete die Hand und hielt sie ihm entgegen.

Er ließ den Schlüssel in meine Hand fallen und schob gleichzeitig Noah in meine Richtung.

„Noah, du hörst auf Marcus und bleibst immer in seiner Nähe! Verstanden?

Der Junge schaute auf den Boden und gab keine Antwort. Levi ging in die Hocke und drehte Noah zu sich.

„Hast du mich verstanden kleiner Bruder?“

Seine Stimme klang nun viel sanfter als eben.

„Ja…“

„Dann mal los und du erzählst mir nachher, was du alles gesehen hast.“

Bewaffnet mit einem eigenen Hausschlüssel, öffnete ich nun die Haustür und trat nach draußen. Nur zögerlich folgte mir Noah. Wieder schob Levi seinen Bruder vor sich her, bis er endlich im Freien stand.

„Ich wünsch euch beiden viel Spaß!“, sagte der Herr des Hauses noch und schon war er verschwunden und die Tür zu.

„Soll ich dein Buch in meinen Rucksack legen, oder willst du es die ganze Zeit tragen?“

Noah zuckte mit den Schultern. Also reagierte er wenigstens auf mich. Ich hob meine Hand und streckte sie ihm entgegen.

„Kommst du?“

Mir war klar, dass Noah ziemlich Menschenscheu war und wir gerade dabei waren, sein Reich und Wohlfühlzone zu verlassen. Ganz zu meiner Überraschung griff Noah nach meiner Hand und ließ sich die Treppe hinunter ziehen.

„Warst du schon mal im Zoo?“, fragte ich ihn zur Ablenkung.

„Ja…, die Affen sind lustig.“

Mit ihm an der Hand lief ich zur Ecke Henry / Joralemon Street und dann Richtung East River zu laufen. Als wir am Haus des Arztes vorbei liefen, zog mich Noah vom Eingang weg, also schien der Junge an den Herren keine gute Erinnerung zu haben. Plötzlich hielt mir Noah sein Buch entgegen.

„Moment…“, meinte ich nur und zog den Rucksack aus.

Ich stellte ihn auf den Boden und öffnete den Reisverschluss.

„Willst du es selbst hinein stecken?“, fragte ich, denn ich hatte beschlossen, Noah in vieles einzubeziehen, was bisher wohl immer andere für ihn getan hatten.

Er trat an mich heran, ging in die Hocke und pfriemelte das Buch durch die Öffnung. Dann griff ich nach seiner Hand, etwas verschreckt sah er mich an.

„Und dass es nicht herausfällt, musst du das zuziehen.“

Ich führte seine Hand zum Zipper, des Reisverschlusses und Noah zog ihn etwas umständlich zu.

„Prima, dann können wir weiter. Willst du den Rucksack tragen?“

Der Junge schüttelte den Kopf, so zog ich das Teil wieder an. Dann streckte ich ihm wieder die Hand entgegen, die er wieder zögerlich annahm. Zusammen liefen wir die Joralemon Street herunter.

Aber der nächsten Kreuzung wurde die Straße zur Einbahnstraße. Ich sagte nichts und überquerte mit Noah die Straße. Einen Block weiter, konnte ich schon die große Straße, die nach Queens führte, entdecken.

Unter ihrer Brücke mussten wir durch, sie trennte Wohngebiet vom Uferbereich des East Rivers, wo der Brooklyn Bridge Park begann. Noah sah sich um, beobachtete alles, aber ich musste ihn nicht ziehen. Wenigstens etwas.

Als wir uns der Unterführung näherten, wurde der Autoverkehr lauter. Automatisch lief Noah plötzlich dichter bei mir.

„Keine Angst Noah, das sind nur die Autos, die da oben auf der Brücke fahren.“

Ich hielt an und zeigte nach oben, wo man an einem kurzen Stück den Verkehr von unten vorbei rauschen sehen konnte. Um Platz zu sparen, hatten die Erbauer die Fahrbahnen etwas versetzt.

So rollte der Verkehr der Flussseite, auf der tiefer gelegten Fahrbahn, deren linke Spur praktisch, direkt unter der oben innen liegenden Spur der Gegenfahrbahn verlief. Ich sah wie Noahs Augen versuchten, den schnellen Autos und Lastwagen zu folgen.

„Lass uns weiter gehen.“, meinte ich nur und ohne Zögern folgte mir Noah wieder.

Jetzt war es nur noch ein Block und Noah konnte endlich das Wasser sehen. War Levi wirklich noch nie mit ihm hier am Fluss? Irgendwie konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Noahs anfängliche Scheu und Versteiftheit hatten sich etwas gelockert.

Er lief jetzt ganz normal neben mir her und schaute sich neugierig um. Es dauerte zehn weitere Minuten, bis wir endlich den Peer erreicht hatten. Zum meinen Glück fuhr gerade eine Fähre den East River hinunter.

„Noah schau!“, meinte ich und zeigte auf das Schiff.

Mit großen Augen folgte er Fähre.

„Das kann fliegen…“

Ich lächelte und er zeigte auf das Schiff.

„Komm, lass uns schnell ein Foto machen!“, meinte ich und zog mein Handy hervor.

Ich stellte mich neben den Jungen, beugte mich etwas, damit ich ungefähr seine Größe hatte. Dann richtete ich das Handy aus, so dass man in unserem Hintergrund die Fähre sehen konnte.

Ich schoss gleich mehrere Selfies, wer wusste schon, wozu man sie noch brauchen konnte. Ich öffnete die Bilder und zeigte sie Noah. Der war total fasziniert.

„Hast du noch mehr aus deinem Buch gesehen?“, fragte ich, was ich sofort bereute.

Noah griff ohne Vorwarnung nach mir, und drehte mich, dann machte er sich hinter mir an meinem Rucksack zu schaffen. Ich ließ ihn gewähren. Umständlich zog er sein Buch heraus, dass ich Angst haben musste, dass der restliche Inhalt auch heraus fiel.

Der Wind hier direkt am Fluss, war kräftiger, als in der Stadt vorhin. Noah hatte nämlich Mühe, sein Buch still zu halten.

„Noah, da drüben sind Bänke, da können wir uns hinsetzten und du kannst dein Buch auf den Schoss legen.“

Ohne etwas zu erwidern, lief er zur ersten Bank, ließ sich nieder und begann in seinem Buch zu blättern. Dazwischen schaute er immer wieder auf. Erneut zog ich mein Handy hervor und machte ein paar Bilder von ihm, bevor ich mich neben ihn setzte.

Er schien die Vögel zu suchen, denn seine Fingerspitze zeigte auf eine Möwe in seinem Buch. Sein Kopf wanderte hin und her, aber er schien keine zu sehen. Weitere Schiffe kamen die Upper Bay herein, viel größer als die Fähre, die wir eben gesehen hatten.

So war Noah eine Weile beschäftigt. Immer wieder blätterte er in seinem Buch und schaute dann aufs Wasser hinaus.

*-*-*

Der Rückweg hatte sich etwas schwerer gestaltet. Noah war müde und begann irgendwann zu quengeln. Ich hatte schon Angst ihn Huckepack nehmen zu müssen, aber da erreichten wir schon die Henry Street.

„Dauert es noch lange“, fragte der Junge erneut.

„Da schau, da vorne ist schon euer Haus.“

Plötzlich war Noah gar nicht mehr müde und rannte Richtung Haus.

„Noah! Langsam…, du fällst sonst noch hin!“

Aber er hörte natürlich nicht auf mich. So setzte ich seufzend, Noah folgend meinen Weg fort. An der Arztpraxis öffnete sich die Eingangstür und eine etwas ältere Frau kam heraus, die erst Richtung Noah schaute und dann zu mir. Ich nickte ihr zu und sah aus dem Augenwinkel heraus, wie Noah am Haus vom Bürgersteig verschwand.

„Sie müssen der Neue bei den Scotts sein!“, rief sie mir hinter her.

Verwundert drehte ich mich zu ihr.

„… ähm ja…, aber wie sie sehen, ich muss hinter Noah her…“

„Schon gut…, man sieht sich sicher noch!“

Und schon war sie wieder in der Tür verschwunden. Das sprach sie aber schnell herum, dass ich bei den Scotts angefangen hatte. Man wusste also, was in der Nachbarschaft vorging. Als ich das Haus endlich erreichte, stand die Haustür offen.

Drinnen konnte ich Noah lachen hören. Ich schloss die Tür hinter mir, blieb aber sofort stehen. Dort lagen auf dem Boden verstreut, die Jacke und Schuhe des Jungens. Er selbst war wohl zu seinem Bruder hoch gerannt, von dort hörte ich ihn.

Ich hing meine Jacke auf, stellte den Rucksack auf die unterste Treppenstufe ab und schaute nach oben.

„Noah!“, rief ich laut.

So laut, dass nun auch Mrs. Thompson aus ihrer Küche erschien. Sie sah auf den Boden und wollte sich schon bücken.

„Nein, Mrs. Thompson, das soll Noah schön alleine machen!“

„Aber…“

Ich schaute sie nur bittend an und sie verstummte. Erneut rief ich laut nach Noah.

„Noah…, was ist mit deinen Schuhen und deiner Jacke?“

Das Lachen verstummte oben und wenig später, hörte ich wie jemand die Treppe herunter lief. Wieder hörte ich Noahs Stimme, der über irgendetwas meckerte, danach ruhige Worte von Levi.

Beide hatten das erste Stockwerk erreicht und nun konnte auch Mrs. Thompson die beiden sehen. Levi hatte den Arm um Noah gelegt und schob ihn sanft vor sich her.

„Wo gehören deine Schuhe hin?“, fragte ich.

Noah schaute zu seinem Bruder, aber der erwiderte nur durchdringend den Blick und legte seine Stirn in Falten. Sauer stampfte Noah an mir vorbei, sammelte seine Schuhe ein und stellte sie unter die kleine Sitzbank. Dann drehte er sich wieder Richtung Treppe.

„Und die Jacke?“

Böse schaute er mich an, hob seine Jacke auf und hängte sie an die Garderobe. Als er wieder zu Levi laufen wollte, hielt ich ihn einfach kurz fest. Nun konnte ich spüren, wie kräftig der Junge war, aber er hatte trotzdem keine Chance gegen mich.

Ich ging vor ihm auf die Knie und zog ihn zu mir.

„Noah, ich meine das nicht böse, aber was meinst du, was passiert, wenn Mrs. Thompson aus der Küche kommt und stolpert über deine Schuhe…?“

Ich bekam natürlich keine Antwort, aber sein Gesichtsausdruck, änderte sich in einen traurigen.

„… wenn sie hinfällt und sich weh tut, ist das nicht schön, oder?“

Dieses Mal kam sofort eine Reaktion. Noah schüttelte wie wild den Kopf.

„… also immer alles wegräumen, damit sich niemand weh tut!“

Noah nickte.

„Hast du deinem Bruder schon erzählt, was du alles gesehen hast?“

„Ja!“

„Auch von den fliegenden Booten?“

„Fliegenden Booten?“, kam es von Levi.

Ich zog mein Handy aus meiner Jeans, suchte kurz nach den Bildern und reichte es Noah.

„Ja, fliegende Boote“, meinte dieser stolz und zeigte Levi den Beweis.

Beide liefen ins Wohnzimmer. Mrs. Thompson hob lächelnd den Daumen und verschwand wieder in ihrer Küche.

„In zehn Minuten gibt es Essen!“, hörte ich sie noch sagen.

*-*-*

Im Haus war es ruhig. Mrs. Thompson war gegangen und mein Boss hatte sich wieder in sein Büro verkrochen. Was mir auffiel, dass jemand mein Zimmer gesaugt hatte und im Bad die Handtücher ausgetauscht waren.

Dies war wohl diese Emma White gewesen, die ich bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Auch wusste ich nicht, dass die Reinigung meines Zimmers plus Bad auf ihrem Arbeitsplan stand.

Dann fiel mir ein, ich musste Mrs. Thompson fragen, wo ich meine Wäsche waschen konnte. So viele Klamotten hatte ich jetzt auch wieder nicht. Ich machte mir eine Notiz und klebte sie an den Monitor.

Noah lag auf meinem Bett und schlief. Die viele frische Luft und der lange Sparziergang, hatten ihre Spuren hinter lassen. Dass er auf meinem Bett eingeschlafen war, störte mich nicht weiter.

Ich war nur aufgestanden und zog vorsichtig das Buch, welches er angeschaut hatte, unter seinem Gesicht hervor. Er brummelte etwas, sank aber gleich wieder in einen tiefen Schlaf. Lächelnd setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und legte das Buch ab.

„Schon wieder?“, hörte ich es hinter mir sagen.

Da stand Levi und schaute auf seinen Bruder.

„Wird wohl zur Dauereinrichtung, wenn ich Noah suche“, meinte er leise.

„Ist das ein Problem?“, fragte ich leise.

Er hob abwehrend seine Hände.

„Nein“, meinte er lächelnd, „er hat das aber nie bei einer ihren Vorgängerinnen getan. Einzig bei Mrs. Thompson bleibt er sitzen.“

„Er hat in seinem Buch geblättert und ist eingeschlafen.“

„War wahrscheinlich viel heute, aber das tut ihm gut. Auch Lust auf einen Kaffee?“

„Ja, gerne“, antwortete ich.

Ich folgte Levi hinunter in die Küche. Lächelnd zog er zwei Tassen aus dem Schrank, während ich mich an den Tisch setzte.

„Ich bin wirklich verblüfft über Noahs Verhalten, so kenne ich ihn gar nicht.“

„Ist das gut oder schlecht?“

Levi antworte nicht gleich, denn die Maschine nahm lautstark ihren Betrieb auf.

„Milch oder Zucker?“, hörte ich Levi fragen.

„Nur Milch bitte…“

Er öffnete den Kühlschrank, zog eine Flasche Milch heraus und stellte sie auf den Tisch.

„Danke.“

Das Mahlwerk hatte seinen Dienst getan, die Maschine wurde leiser.

„Ich bin angenehm überrascht, denn wenn es so gut mit Noah funktioniert, kann man vielleicht auch andere Sachen mit ihm machen.“

„Sie denken da an die Schule? Mrs. Thompson hat mir schon erzählt, das Noah Probleme damit hatte.“

„Ja, ich…“, er brach ab.

Die Tassen waren gefüllt und Levi trug sie zum Tisch herüber. Ich bedankte mich noch einmal und mein Chef ließ sie am Tisch nieder.

„Marcus…, ähm, hätten sie etwas dagegen, wenn wir dieses förmliche „Sie“ weglassen, ich meine, wir sind gleich alt und ich denke auch, dass sie noch eine ganze Weile hier wohnen werden…, in der Firma duzen mich auch alle. Ich komm mir so unheimlich alt vor, wenn sie mich sie sagen.“

„Kein Problem“, antwortete ich lächelnd.

„Also was meinst… „du“ dazu, Noah die Schule schmackhaft zu machen?“

„Ich sehe darin kein Problem, aber ich bräuchte noch Zeit. Ich muss Noah erst richtig kennen lernen, nach zwei Tagen kann ich mir eigentlich noch kein Urteil bilden.“

Levis Mundwinkel wanderte nach oben und sein Gesicht zierte ein breites Grinsen.

„Freut mich zu hören und du hast alle Zeit der Welt. Die von der Schule versicherten mir, ich kann Noah jederzeit bringen. Es ist nicht vom Schuljahr abhängig.“

„Okay, gut zu wissen.“

„Und wie wollen wir dann vorgehen?“

„Wir…?“, rutschte mir erstaunt heraus.

„Ja, ich werde dich natürlich so gut unterstützen, wie ich kann.“

„Ähm…, deine Tante meinte, ich bekomm den Job, um dich besser unterstützen zu können…“

„Ach Tante Vanessa, sie meint es nur gut mit mir. Bisher habe ich auch alles bewältigt, auch ohne fremde Hilfe.“

„… ähm…, ich bin ein Fremder.“

So lieber Chef dachte ich amüsiert, schau mal, wie du da wieder den Kopf aus der Schlinge kriegst.

„So war das jetzt nicht gemeint. Klar ist es anstrengend, die Firma und Familie unter einen Hut zu bekommen, aber ich glaube, bisher habe ich das gut hinbekommen. Und diese… Tussis, die mir Tante Vanessa bisher geschickt hat, waren keine große Hilfe.“

Tussis, so, so!

„Eine Tussi bin ich zwar keine, aber ich zicke schon mal gerne, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.“

Darauf schien er keine Antwort zu haben, er schaute mich nur durchdringend an. Ich sollte vielleicht in Zukunft darauf achten, was ich von mir gab und welche Wortwahl ich dazu nahm.

„Levi?“, hörte ich Noah im Flur rufen.

Das Rufen des Jungen rettete mich aus dieser Situation, denn Levis Blick machte mich langsam nervös.

„Ich bin in der Küche“, antwortete mein gegenüber. Die typischen Geräusche folgten, wenn jemand strümpfig die Treppe herunter läuft. Noah erschien in der Tür, schaute kurz uns beide an, lief dann zu seinem Bruder.

Er ließ sich auf dem Stuhl neben Levi fallen und lehnte seinen Kopf auf dessen Schulter.

„Bist du noch müde?“

Noah nickte und schloss seine Augen.

„Warum bist du dann nicht im Bett geblieben?“

„Nicht meins…“

Levi und meine Blicke trafen sich kurz.

„Schade, dass du so müde bist. Ich dachte, wir hätten nachher Ella zusammen von der Schule abholen können…, also nicht mit dem Auto, ich dachte wir laufen.“

„Wie weit ist das?“

Die Augen Noahs blieben geschlossen.

„So nah, wie zum Fluss?“

Schwupp, Augen auf und Kopf hoch. Ich konnte nicht anders und musste grinsen, vergaß aber dabei nicht, meinen Kaffee zu trinken.

„Das ist weit!“

„Das ist nicht weit, du bist nur faul.“

„Bin nicht faul!“

„Doch…, andere Kinder spielen Ball, oder fahren Fahrrad.“

„Kann nicht Fahrrad fahren!“

„Willst du es denn lernen?“, rutschte es mir heraus.

Darauf gab Noah keine Antwort, wieder schaute Levi zu mir. Ich zuckte nur leicht mit der Schulter.

„Und wenn wir bei der Pizzeria vorbei gehen und uns etwas mit nach Hause nehmen?“

„Au ja, Pizza.“

„Also gehst du mit?“

„Nein…“

„Dann gibt es auch keine Pizza.“

„Warum? Du kannst doch mit dem Auto halten.“

Ich war fasziniert, wie Levi mit Noah um ging. Man spürte regelrecht diese besondere Verbindung, die, die beide miteinander hatten.

„Und dann? Muss ich wieder ewig einen Parkplatz suchen!“

„Du bist faul!“

„So faul wie du!“

*-*-*

Mit dem Wissen, eine Pizza zum Abendessen zu haben, war Noah dann doch davon überzeugt worden, mit zu laufen. Er hatte aber die Bedingung gestellt, dass ich auch mit musste. So lief ich hinter den beiden her, während Noah neben seinem Bruder hin und her hüpfte.

Das die beiden Hand in Hand liefen, schien normal zu sein. Auch kümmerte es sie nicht, wenn sich andere nach ihnen umdrehten. War da nur noch die Frage, ob Ella begeistert war, wenn wir plötzlich alle vor der Schule auftauchten.

Der Weg in der Henry Street entlang, war wirklich nicht weit, denn eine viertel Stunde später standen wir schon bei der Schule. Nie hätte ich erwartet, dass in solch einem Gebäude eine Schule untergebracht war. Für mich wirkte es eher wie ein mehrstöckiges Wohnhaus.

Lediglich der Eingang war recht groß gehalten, was wiederum gegen ein Wohnhaus sprach und während ich mir das sechsstöckige Haus weiter betrachtete, fingen auch schon die Schüler an, heraus zu strömen.

Wie man da Ella entdecken sollte, war mir echt ein Rätsel.

„Hier würde auch Noah hingehen…, wenn er nur wollte“, raunte mir Levi zu.

„Hier werden auch Behinderte unterrichtet?“, fragte ich leise und erstaunt zurück.

Mein Boss nickte.

„Du solltest dir unbedingt das Schulprogramm einmal ansehen.“

Plötzlich fing Noah an zu winken und wollte schon losrennen, aber Levi hielt ihn zurück.

„Noah, du weißt, wir warten hier!“

Fragend schaute ich Levi an.

„Er ist einmal in der Menge von Schülern verloren gegangen. Wir brauchten Tage ihn zu beruhigen. Wären da nicht ein paar aus Ellas Klasse gewesen…, egal, da kommt Ella schon.“

Nun konnte ich Ella ebenso ausfindig machen. Sie lief in der Mitte einer kleinen Gruppe. Die sechs verabschiedeten sich von einander, grüßten aber auch Levi und Noah, der sich aber halb hinter Levi versteckte.

„He, du bist wirklich mitgekommen?“, fragte Ella ihren Bruder und wuschelte ihn übers Haar, „ich wollte es nicht glauben, als mir Levi geschrieben hat.“

So war die Frage, ob es Ella nicht peinlich war, wenn wir sie alle abholten, beantwortet.

„Bekomme eine Pizza!“, sagte Noah lächelnd.

Ella grinste ihren großen Bruder an und das erste Mal sah ich die Ähnlichkeit der Drei.

„Willst du meinen Rucksack tragen, er ist auch nicht schwer.“

Noah schüttelte wie schon am Morgen bei mir, den Kopf. Dafür streckte Levi seine Hand aus und nahm das Teil entgegen. Ella übernahm die Führung und nahm nun auch Noah an die Hand.

Sie entsprach so gar nicht mehr dem Bild eines Teenagers, wie ich es mir zu Recht gelegt hatte. Da war ich wohl zu schnell mit meiner Einschätzung gewesen. Man muss die Menschen eben erst richtig kennen lernen.

„Hallo Marcus, auch mit einer Pizza bestochen worden?“

Levi wollte schon etwas sagen, aber ich fiel ihm ins Wort.

„Hallo Ella, nein ich bin auf speziellen Wunsch von Noah mitgekommen.“

Sie schaute erstaunt ihren Bruder an, doch der zog sie schon weiter.

„Ella, weißt du dass es fliegende Schiffe gibt?“

Ich musste lächeln, musste er seiner Schwester doch auch erzählen, was er morgens erlebt hatte.

„Fliegende Schiffe? Hast du das im Fernseh gesehen?“

„Nein auf dem Wasser und die waren gelb.“

Ella drehte ihren Kopf und schaute uns fragend an.

„Dein Bruder war heute Morgen mit Marcus am East River, Schiffe und Vögel anschauen.“

„Du warst am Fluss?“, fragte Ella gespielt empört Noah, „ohne mich?“

„Ja!“, kam es laut von Noah und er strahlte von einem Ohr zum anderen.

„Und da gab es gelbe fliegende Schiffe?“

„Ja und Marcus hat von uns dann ein Bild gemacht.“

Schon zog ich mein Handy aus der Jeans.

„Das schauen wir uns nachher an, wenn wir wieder zu Hause sind, jetzt entscheiden wir erst, welche Pizza wir heute nehmen.“

Ich lief das Ding wieder in die Hosentasche gleiten.

„Ich will eine mit Pilzen…“

„Möchte…!“, sagte Levi neben mir.

„… möchte!“, rief Noah laut.

Ich musste mir eingestehen, ich war mehr als fasziniert, von diesen Geschwistern. Zwei Tage hatten ausgereicht, dass diese Familie mich in ihren Bann gezogen hatte. Aber es tat auch unheimlich gut.

Die gute Laune der drei war ansteckend. Zu Hause hatte ich mich oft in mein Zimmer verkrochen, oder war spazieren gegangen, wenn meine Brüder es mal wieder auf mich abgesehen hatte.

„Einen speziellen Wunsch, Marcus?“

„Bitte?“, fragte ich, aus den Gedanken gerissen.

„Ob du einen speziellen Wunsch hast, für deinen Belag der Pizza?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich richte mich nach den anderen.“

Als wir an der Saint Ann’s Kirche in die Monteque Street Richtung Henry Street bogen, waren die Zwillinge schon ein gutes Stück voraus. Ich schaute mich um und stellte fest, fast in jedem Haus befand sich im Erdgeschoss ein Geschäft, oder einer dieser kleinen Fresstempel.

Ich versuchte mir so genau ich konnte einzuprägen, was ich zu sehen bekam, es könnte ja einmal für später brauchbar sein.

„Du bist so schweigsam…“, hörte ich plötzlich Levi neben mir sagen.

„Ich versuche mir nur ein wenig die Gegend einzuprägen.“

„Das ist ein hilfloses Unterfangen, ich weiß wovon ich rede, lebe schon mein ganzes Leben hier. Wenn du etwas suchst, nimm dein Handy zur Hand, dass ist auf alle Fälle sicherer.“

„Danke, meinte ich lächelnd, „aber mein Orientierungssinn ist so gut, dass ich zumindest weiß, dass die Kids eben nach links abbiegen müssten, in die Henry Street.“

„Wenn wir denn nach Hause laufen würden, aber wir wollen ja Pizza holen, schon vergessen?“

„Nein.“

„Und die Pizzeria liegt eine Querstraße weiter, in der Hicks Street.“

„Ich werde es mir merken.“

„Übrigends, die beste Pizzeria weit und breit hier. Die Pizza werden noch in einem alten Holzofen gebacken.“

„Ich lass mich gerne überraschen.“

Danach lief ich wieder schweigend neben Levi her. Ich wusste nicht, warum ich mich plötzlich etwas unwohl neben ihm fühlte. Um mir nicht weiter Gedanken zu müssen, versuchte ich mir weiter die Gegend einzuprägen.

*-*-*

Da waren meine Augen wieder einmal größer als mein Hunger, aber an diesem Tiramisu war ich nicht vorbei gekommen. Ich musste dringend wieder mit dem Laufen beginnen, wenn ich meine Figur halten wollte.

Das Laufen war zu Hause eine liebe Gewohnheit geworden, konnte ich doch so dem morgendlichen Gezetere am Frühstückstisch entfliehen. Hier hatte ich es eingestellt, einerseits war der Grund nicht mehr vorhanden, aber hauptsächlich erst den Tagesablauf der Familie Scott kennen zu lernen.

Bisher würde das nur früh morgens reichen, oder am Abend, wenn Noah im Bett lag. Ich musste mir langsam klar darüber werden, wie mein Tagesablauf sich gestaltete. Wie ich das mit dem freien Tag in der Woche machen sollte, wusste ich auch noch nicht.

Eigentlich am Wochenende, wenn Levi nicht arbeiten musste und Ella keine Schule hatte. Ich stellte das restliche Geschirr in die Spülmaschine und sammelte die Kartons der Pizzen ein. Als ich vor die Tür trat, kam mir eine angenehme Brise entgegen.

Ich lief die Treppe hinunter und ging zu den Mülltonnen, um die Schachteln gleich zu entsorgen. Eigentlich war es ganz behaglich hier. Der Verkehr hatte abgenommen und aus der Nachbarschaft, hörte man vereinzelt Stimmen.

Irgendwo her konnte ich die Sirenen eines Krankenwagens hören. Eine Sitzgelegenheit fehlte hier und Pflanzen, oder Blumen. Ich musste an die Blumen von Mum denken, die Jahreszeit bedingt, in verschieden Farben vor dem Haus blühten.

„Marcus? Alles in Ordnung?“

„Hm?

„Ob alles in Ordnung ist?“

„Ja, alles in grünen Bereich, war nur etwas im Gedanken…“

„Etwas ist gut, dir laufen Tränen herunter.“

Jetzt wo er das sagte, spürte ich es auch und griff in mein Gesicht. Meine Wangen waren feucht. Fragend schaute ich zu Levi, der die Treppe herunter kam. Was war hier los? Ich konnte nur mit den Schultern zucken.

„Woran hast du gedacht?“

„Ähm…, wie schön es wäre, wenn hier eine kleine Bank stehen würde und Blumen, wie im Garten meiner Mutter…“

Levi fing an zu lächeln.

„Also wenn du mich fragst…, eine klassische Art von Heimweh!“

„Heimweh?“

„Ja, du denkst an deine Mutter und Tränen laufen herunter.“

„Also, ich denke nicht dass ich…“

„…lass es Marcus“, fiel mir Levi ins Wort, „für so etwas muss man nicht schämen, schon gar nicht in unserem Alter! Bei mir ist es zwar etwas anders gelagert, aber ich vermisse meine Mum auch sehr.“

Anders gelagert, dass ich nicht lache, das war sehr untertrieben!

„Bei dir ist das etwas anderes, mit mir in keinster Weise zu vergleichen! Ich kann wenigstens mit ihr reden, aber du…“

War mein Mundwerk mal wieder zu schnell? Hatte ich Levi damit jetzt gekränkt?

„Du wirst es nicht für möglich halten, aber ich rede oft mit Mum. Ich besuche sich so oft auf dem Friedhof wie ich kann. Und meist finde ich dann auch eine Lösung des Problems, was gerade aktuell ist.“

Ich senkte den Kopf.

„Tut mir leid, das war geschmacklos zu sagen“, meinte ich kleinlaut.

Plötzlich spürte ich Levis Hand auf meiner Schulter, nicht ganz, dieses Gefühl wanderte durch meinen ganzen Körper als würde ich mich etwas unter Strom setzten.

„Das finde ich nicht Marcus! Es beweist mir nur einmal mehr, dass du ein Mensch mit einem großen Herzen sein musst. Du behandelst Noah wie einen normalen Menschen…“

„…er ist ein normaler Mensch!“, unterbrach ich ihn.

„..du weißt wie ich das meine…“

„Levi kommst du endlich, dein kleiner Bruder fängt an zu mogeln!“, hörte ich Ellas Stimme.

Die Hand auf meiner Schulter war verschwunden.

„Tu ich gar nicht“, meckerte Noah.

Beide standen oben an der Treppe.

„Dann muss ich sofort nach schauen, ob meine Steine noch dort stehen, wo sie eben noch gestanden sind!“

Nun fing Noah an frech zu grinsen.

„Komm wieder rein!“, meinte Levi zu mir und lief die Treppe hinauf.

*-*-*

Als ich an diesem Morgen erwachte, hatte ich mein Bett für mich. Kein Noah, der mitten in der Nacht auf Wanderschaft gegangen war. Ich schaute auf meinen Wecker und sah wie die roten Zahlen gerade auf 6:30 Uhr sprangen.

Eigentlich hätte ich noch mindestens eine halbe Stunde schlafen können, wusste aber nicht warum ich von alleine so früh wach geworden war. Ich erinnerte mich an das gestrige Abendessen.

Auch an das Vorhaben, wieder mit dem Laufen zu beginnen. Der Geist ist willig, aber der Körper schwach. Hundert Ausreden fielen mir ein, warum ich liegen bleiben sollte. Grund eins, weil es so schön kuschelig warm war.

Aber es half nichts. Wenn ich meine Figur behalten wollte und mich nicht in größere Unkosten stürzen wollte, sollte ich jetzt aufstehen und ein paar Schritte laufen. Denn eins war klar, Gewichtszunahme bedeutet auch neue Klamotten kaufen zu müssen und die kosten bekanntlich Geld.

Das war der einzige Kontrapunkt, der mir zu der ganzen Sache einfiel und mir auch den nötigen Antrieb verschaffte. Nicht das ich geizig war, aber es wäre eben eine große und unnötige Ausgabe.

Eine viertel Stunde später stand ich auf der Straße, nicht aber ohne eine kleine Notiz auf dem Küchentisch zu interlassen zu haben. Während des Anziehens hatte ich mich entschlossen, den gleichen Weg zu laufen, wie ich gestern mit Noah gegangen war.

Der Peer, auf dem wir gestern waren, gehörte zu einer der künstlich angelegten Inseln, auf der sich ein großer Sportplatz befand. Den zu umrunden war mein Ziel. Ich zog die Mütze meines Kaputzenshirts über und lief langsam los.

Übertreiben wollte ich es auch nicht. Ich war verwundert, wie viele Menschen um diese Zeit auf der Straße unterwegs waren. Zuhause war es da ruhiger. Vielleicht der Milchmann, der seine Runden im Viertel drehte. Und da war er wieder, der Gedanke an meinen bisherigen Wohnsitz.

Hatte Levi recht, war es wirklich Heimweh. Gut, wenn ich es recht bedachte, war ich nie lange von zuhause weg, außer wenn ich Urlaub machte. Danach kam ich aber jedes Mal in die heimischen Gefilde zurück.

Auch meine bisherigen Praktikas oder Lehrgänge. Am Abend fuhr ich nach Hause. Aber jetzt war das etwas anderes. Ich war ausgezogen und mein Leben spielte sich nun hier ab, in einer völlig fremden Gegend.

Nie hätte ich gedacht, dass mich das so beschäftigen würde. Aber war es auch nicht irgendwie normal? Mittlerweile war ich an der Uferstraße angekommen und überquerte sie. Der Verkehr hier, hielt sich in Grenzen, führte die Straße ja nur zu den Parkplätzen der verschiedenen Uferattraktionen.

Zum Peer selbst kam man mit dem Auto nicht, denn alles war mit massiven Metallpfosten abgetrennt. Vorbei an den Sitzgruppen, mit den noch geschlossenen Schirmen lief ich den Peer nach vorne.

An der Stelle angekommen, wo Noah und ich Pause machten, hielt ich an, um etwas zu verschnaufen. Ich stellte fest, dass ich in der kurzen Zeit der Unterbrechung, schon etwas an Kondition verloren hatte.

Ich versuchte meine Atmung zu senken und streckte mich etwas. Meine Muskeln dankten es mir, in dem sie die aufkommenden Schmerzen linderten. Auf dem Fluss war ebenso schon Betrieb.

Einer dieser gelben Fähren zog an mir vorbei und ich musste lächeln. Fliegende Schiffe, hatte sie Noah genannt und sie auch gemalt. Was mir wieder einfiel, war die fast korrekte Zeichnung, die Noah danach angefertigt hatte.

Sein Geist war wohl bei einem sechs Jährigen hängen geblieben, aber seine Begabung zu malen, war dafür enorm. Ich nahm mir vor, das mehr auszutesten, aber musste mich zwingen auch wieder weiter zu laufen, wenn ich pünktlich zurück sein wollte.

So lief ich den Zaun entlang, der den Sportplatz umsäumte, bis ich die andere Seite der künstlichen Insel erreicht hatte. Dort konnte ich die anderen rechteckigen Inseln sehen, die ich mit Noah ebenso besuchen konnte.

Jede war anders gestaltet. Auf dem Weg zurück zur Uferstraße, sah ich den kleinen Anleger zwischen den Inseln, an dem einige Segelboote und Sportboote fest gemacht hatten. Ob in einer der Boote jemand wohnte.

Sichtbar war es das jedenfalls nicht. Ich bog in den Weg der Uferstraße, dass ich zur Joralemon Street zurück kehren konnte. Dabei sah ich, dass dem Sportplatz ein großer Spielplatz mit allerlei Klettergerüsten und die üblichen Dinge, wie Schaukel und Rutsche vorgelagert waren.

Die Kinder konnten spielen und die Eltern auf den Sitzgelegenheiten davor ausruhen. Ich überquerte die Uferstraße und bog in die Joralemon Street ein. Nach der großen Brücke der Schnellstraße wurde es wieder ruhiger und weniger Zeit später, hatte ich das Wohnhaus der Scotts wieder erreicht.

Bevor ich die Treppe hinauf lief, versuchte ich meine Muskeln etwas zu dehnen, damit ich später nicht gleich dem Schmerzteufel zum Opfer fiel. Ich griff in meine Tasche des Kaputzenshirts und wurde fündig.

Ich zog den Delphin heraus, an dem der Hausschlüssel hing und lief die Treppe hinauf. Wenig später betrat ich das Haus und fand Mrs. Thompson in der Küche vor.

„Guten Morgen, Mr. Brown, sie sind wirklich gelaufen.“

„Ja, war nach dem opulenten Mal gestern Abend nötig.“

„Was gab es denn?“

„Die drei haben Pizza geholt und ich entdeckte dort, zu meinem Leidwesen, Tiramisu.“

Mrs. Thompson lachte und stellte mir ungefragt ein Glas Milch hin. So setzte ich mich.

„Dann waren sie sicher drüben bei Dellarocco’s Brick Oven Pizza, eine gute Adresse!“

„Wohnen sie auch hier?“

„Nein, drüben in Queens.“

„Queens, da komme ich auch her! Aber auch etwas anstrengend, jeden Tag hier her zu fahren.“

„Mit der U-Bahn kein Problem, einzig das Gedränge ist etwas nervig.“

„Dann kennen sie doch auch sicher die Schreinerei Brown?“

„Ja…“

„Die gehört meinen Eltern, Brown and Sons.“

„Von dort habe ich eine Holzfigur…, eine Eule.“

„Ein Hobby meines Vaters, Tierschnitzerei. Aber ich habe ihn schon lange nicht mehr dabei gesehen.“

Dann sind Sons dann wohl ihre Brüder?“

„Ja!“, strahlte ich und trank von meiner Milch.

Unser kleines Gespräch wurde je durch Geschrei unterbrochen.

„Noah, beeil dich gefälligst, ich muss ins Bad!“, hörten wir Ellas Stimme.

„Geht es auch etwas leiser“, konnte ich nun Levis Stimme hören.

Er schien in seinem Stockwerk zu sein, sein Rufen war deutlich leiser. Mrs. Thompson verdrehte die Augen.

„Vielen Dank für die Milch! Ich werde dann mal nach oben gehen und versuchen die Wogen zu glätten.“

„Viel Glück dabei!“

„Ach, was mir einfällt, wegen meiner Wäsche…“

„… einfach in die Tonne in ihrem Bad, Emma kümmert sich dann darum“, fiel mir die Köchin ins Wort.

„Das muss sie aber nicht!“

„Das ist ihre Aufgabe, dafür wird sie bezahlt!“

*-*-*

Oben angekommen, standen alle Türen offen, bis auf die Badtür. Ella schien Selbstgespräche zu führen, jedenfalls klang sie verärgert. Ich lief zu ihrer Tür und fand sie vor einem kleinen Spiegel, der auf ihrem Schreibtisch stand. Mühsam versuchte sie ihre Haare hinzubekommen. Ich klopfte an ihren Türrahmen, um mich bemerkbar zu machen.

„Morgen Ella…“, sagte ich.

Ihr Kopf fuhr herum.

„Morgen…“, grummelte sie.

„Nimm doch solange mein Bad“, meinte ich nur und zeigte in mein Zimmer.

„Aber ich kann doch nicht…“

„Doch du kannst, also los, nicht dass du zu spät kommst! Und Finger weg von meinem Rasierschaum!“

„Haha!“

Sie schnappte sich ihre Sachen und drängte sich an mir vorbei, bevor sie in meinem Zimmer verschwand. Der Witz ging wohl nach hinten los. Ich lief hinüber ans Bad und klopfte dort an die Tür.

„Morgen Noah…, brauchst du noch lange?“

„Nein!“, bekam ich als Antwort.

Wenige Sekunden später hörte ich, wie Noah die Tür aufschloss und war verwundert, dass er das überhaupt konnte. Die Tür ging auf und ein hochroter Noah flitze an mir vorbei. Natürlich war mir die dicke Beule in seiner Shorts nicht entgangen.

Lächelnd, aber auch etwas besorgt, schaute ich ihm nach. Noch ein Punkt, worüber ich mit Levi reden musste, aber erst musste ich mich um den Jungen kümmern und folgte ihm.

*-*-*

Nach dem ich Noah bei Mrs. Thompson abgeliefert hatte, war ich selbst wieder in mein Zimmer gegangen und wollte unbedingt duschen gehen, denn so verschwitzt, wollte ich nicht die ganze Zeit herum laufen.

Also beeilte ich mich, um wieder rechtzeitig unten zu sein, bevor Levi zurück kam. Im Bad fand ich überraschenderweise keine Spuren, dass hier Ella zu Gange war. Es sah noch genauso sauber aus, wie vorher.

Ich ging unter die Dusche. Einen Pluspunkt für Ella dachte ich dabei, aber auch ein weiterer Punkt, über den ich mit meinem Boss reden sollte. Ella war fünfzehn und brauchte auch ihre Privatsphäre, so musste eine andere Regelung fürs Bad her.

Sonst war ein großer Krach vorprogrammiert. Mein Schnellgang unter der Dusche war beendet und ich schob die Duschtür auf. Ich fuhr zusammen, als Noah direkt vor meiner Dusche stand, denn ich hatte ihn nicht gehört.

Er schaute mich kurz von unten bis oben genau an, und rannte aus meinem Bad.

„Noah?“, rief ich, bekam aber keine Antwort.

Was sollte jetzt das? Verwundert griff ich nach meinem Handtuch und begann mein Haar trocken zu rubbeln. Noah hatte mich nackt gesehen und mir fiel wieder seine Beule ein. Wollte er schauen, ob ich das auch habe?

Fragen über Fragen. Ein Gespräch mit Levi war mehr als erforderlich. Ich seufzte, denn es war ja eigentlich ein Thema, über das man nicht so oft redete. Mittlerweile war ich trocken und lief in mein Zimmer hinüber.

Unten hörte ich, wie die Haustür geöffnet wurde, also war Levi zurück. Ich schob meine Tür zu, denn ich wollte nicht noch einmal überrascht werden, wenn ich mich gerade anzog. Wenig später kam ich in die Küche.

Levi und Noah saßen bereits am Tisch und frühstückten. Der Junge hatte eine kräftig rote Farbe im Gesicht, während mein Boss nur grinste. Mit einem unbehaglichen Gefühl, setzte ich mich dazu.

Mrs. Thompson stellte auch dieses Mal ungefragt eine Tasse vor mich, dieses Mal aber mit Kaffee gefüllt.

„Danke Mrs. Thompson.“

„Sagen sie doch Sofia zu mir, Mr. Brown, wie es alle hier tun.“

„Nur wenn sie Marcus sagen!“, entgegnete ich ihr.

Sie nickte und drehte sich wieder ihrer Arbeitsfläche zu. Das dringende Gespräch fiel mir wieder ein.

„Levi… ähm hättest du nachher Zeit, könnten wir uns über etwas unterhalten?“

„Mach einfach einen Termin mit meiner Sekretärin!“, antwortete er.

Hinter ihm fing Sofia an zu lachen.

„Quatsch, ich habe gleich ein Meeting per Videoschalte, aber danach hätte ich Zeit“, er schaute auf seine Uhr, „so gegen zehn denke ich.“

„Okay…“, meinte ich nur.

*-*-*

Ich hatte die Zeit bis zehn damit verbracht, mit Noah zu malen. Einer der Bilderbücher mit Tieren als Vorlage, hatte ich ihn davon ein paar Tiere abmalen lassen und war erneut überrascht, wie genau der Junge das anstellte.

Jetzt aber saß er wieder in Wohnzimmer am Fernseher und weilte wieder in seiner Welt. Ich dagegen war auf den Weg nach oben und versuchte krampfhaft Worte zu finden, wie ich Levi die Situation erklären konnte.

Ich war nicht mal eine ganze Woche hier und kam schon mit so grundlegenden Themen. Sofia brachte mich auf den Gedanken, doch eine Tasse Kaffee dem Chef mitzubringen. So lief ich, bewaffnet mit zwei Tassen die Treppe hoch, bis ich Levis Stockwerk erreichte.

Er saß wie am Vortag an seinem Schreibtisch und schien in irgendwelchen Akten vertieft zu sein. Auch trug er wieder diese Brille, was ihm eine gewisse Seriosität verleite.

„Ähm… hallo, hast du jetzt Zeit?“

Sein Kopf fuhr hoch und er begann zu lächelt.

„Kaffee?“

Ich nickte.

„Gute Idee, den kann ich jetzt brauchen!“

Ich lief zum Schreibtisch und stellte seine Tasse ab. Sofort nahm er sie und trank einen Schluck, dabei wies er auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und ich setzte mich zu ihm.

„Das habe ich jetzt gebraucht! …also über was wolltest du mit mir reden?“

Verlegen kratzte ich mich am Hinterkopf.

„Also… ähm…“

„Geht es darum, das Noah heute Morgen von deiner Dusche stand?“

Ich spürte, wie sich das Blut in meinem Gesicht sammelte.

„… ähm. Auch, vielleicht auch nicht. Ich habe heute Morgen mitbekommen, …wie Noah verschämt… mit einer Beule in der Shorts… auf dem Bad lief und…“

„Ja, das ist ein Thema…“, fiel mir Levi ins Wort, „…worüber ich schon ein paar Mal mit Noah gesprochen habe. Er mag zwar im Geiste ein sechs Jähriger sein, sein Körper ist es aber nicht.“

Levi schien wohl keine Probleme mit dem Thema zu haben, denn er war weder rot im Gesicht, noch stotterte er wie ich herum.

„Wenn dir das peinlich sein sollte, dann schließ dein Bad einfach ab. Noah hat mir vorhin erzählt, dass er nur gucken wollte, ob … ähm er“, er zeigte auf meine untere Region, „genauso steht wie seiner…, entschuldige, das war mein Fehler, weil ich Noah mal erklärt hatte, dass das bei Männern normal wäre.“

Das Gesagte war nicht gut für mich, denn ich verschluckte mich am Kaffee, den ich gerade trank. Ich begann zu husten.

„Entschuldige Marcus…, das wollte ich nicht. Wenn dir dieses Thema peinlich ist…“

Er war aufgestanden. Ich winkte ab und versuchte mein Gehuste in den Griff zu bekommen. Als ich wieder richtig Luft bekam, stellte ich meine Tasse ab. Warum Levi immer noch breit grinste, verstand ich nicht.

„Damit habe ich keine Schwierigkeiten, wie schon gesagt, Noah kann immer zu mir kommen wann er will, auch… auch wenn ich unter der Dusche stehe! Was hat Noah denn erzählt?“

Jetzt verschwand das Lächeln von Levis Lippen und er wurde rot. Fragend schaute ich ihn an.

„Ähm… dass er“, wieder zeigte er auf meine untere Region, „nicht stehen würde…“

Er atmete tief durch und sein Blick senkte sich.

„…viel größer als meiner wäre…“

Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen. Ich bekam mich fast nicht mehr ein. Es mag zwar interessant sein, zu wissen, wie mein Chef untenrum gebaut ist, aber es war ein komischer Weg es zu erfahren.

„Sorry…, ich lache dich… nicht aus…, aber das Thema ist einfach zu lustig.“

Nun grinste auch Levi wieder. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen.

„Das ist alles kein Thema…, warum ich dich darauf anspreche…, es geht mir um Ella.“

„Ella?“

„Ich weiß nicht, ob ich meine Zuständigkeit vielleicht überschreite, ja Ella.“

„Ähm, ich bin für alles offen!“

„Auch wenn sie so liebevoll mit ihrem Bruder umgehen mag, sie ist jetzt fünfzehn und braucht ihren Freiraum. Der Krach heute Morgen vor Bad könnte deswegen bald ausufern. Ich habe sie in mein Bad geschickt, damit es nicht zu einem größeren Streit kommt.“

„In dein Bad?“, fragte Levi erstaunt, das konnte er ja nicht wissen.

„Ja, aber es müsste dringend eine Lösung her, damit die Zwei sich nicht mehr ins Gehege kommen.“

Levis graue Zellen schienen zu überlegen.

„… aber wie? Ich will Noahs Zimmer nicht verkleinern, damit er ein eigenes Bad bekommt und dein Bad mitzubenutzen, ist auch keine Lösung!“

Also schied Möglichkeit eins, die ich mir zu Recht gelegt hatte schon einmal aus.

„Aber wie kommst du darauf, dass du deine Kompetenzen überschreitest? Ich bin froh dass du das erwähnst, mir wäre das nicht aufgefallen, weil ich diese Streitereien schon gewohnt bin.“

„Es geht darum, welche Lösung ich für Ella hätte…, aber das würde schon Einiges kosten und das ist etwas, was mich eigentlich nichts angeht.“

„Egal, an was für eine Lösung hast du gedacht?“

„Wie wichtig sind dir die Möbel im Speicher?“

„Ähm um ehrlich zu sein, der größte Teil gehörte meinen Eltern und ich wüsste nicht, was ich damit anfangen sollte. Deswegen steht alles da oben.“

„Es… hängt also nicht dein Herz daran?“

Levi schüttelte sein Kopf.

„Es gibt Firmen, die holen diese Möbel gerne ab und leiten sie an Bedürftige weiter, so müssten die nicht entsorgt werden und meine Idee wäre es, für Ella oben ein großes Zimmer mit Bad einzubauen. Die andere Hälfte könnte man für einen weiteren Familienraum oder anderes nutzen.“

„Also am Geld soll es wirklich nicht liegen, davon haben mir meine Eltern mehr als genug hinterlassen.“

Jede Frau die ihn mal abbekommen würde, hätte eine gute Partie. Innerlich schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken wieder zu vertreiben.

„Noah könnte dann in das größere Zimmer von Ella ziehen und sein altes Zimmer als Spielzimmer nutzen und hätte das Bad dann für sich.“

„Du denkst wirklich vorausplanend, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht…“

Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren.

„Das ist wirklich eine gute Idee, aber ich habe da ein Problem…, ich kann mich nicht darum kümmern, wir haben ein paar Großaufträge an Land gezogen und die gehen vor!“

„Um was für eine Firma handelte es sich überhaupt?“

„Kennst du nicht Scotts Verpackungen aller Art?“

Also hatte Mum doch Recht gehabt und ich nickte.

„Das hat deine Tante nicht erwähnt, nur dass du von zu Hause arbeitest.“

„Ja, um in der Nähe von Noah zu sein, aber wie gesagt, eigentlich habe ich für einen Umbau keine Zeit!“

„Ich würde das gerne für dich übernehmen, je eher wir beginnen, umso besser für die beiden.“

Nun nickte er mir zu.

„Ich kann gerne nach einer Firma schauen, die die Möbel abtransportiert und ich weiß auch zufällig eine Firma, die den Umbau machen kann.“

„Du hast da nicht zufällig an eine gewisse Schreinerei gedacht?“, fragte er grinsend.

*-*-*

Trotz der wenigen besagten Zeit, ließ es sich Levi nicht nehmen, mit mir und Noah persönlich zur Schreinerei meines Vaters zu fahren, um ihn zu bitten, den Umbau zu tätigen.
Etwas nervös betrat ich mit den beiden die Schreinerei.

Arbeiter, die mich bemerkten, grüßten sofort, was die Aufmerksamkeit von William auf mich zog. Sofort lief er zu mir herüber.

„Was willst du hier, hast du Ärger?“

Ich war nicht derjenige, der ständig Ärger verursachte, da konnte sich jemand anders an die Nase greifen. Ich versuchte ruhig zu bleiben und nicht in denselben spitzfindigen Ton zu verfallen.

„Sie sind sicher einer von Marcus Brüdern, guten Tag“, hörte ich plötzlich Levi Stimme hinter mir, „ich bin Marcus Chef und wollte ihren Vater fragen, ob er einen Umbau an meinem Haus tätigen könnte.“

Er hielt William die Hand hin. Mein Bruder schaute kurz mich an, dann begann er seine Hand aus dem Handschuh zu pfriemeln, bevor er Levi die Hand reichte. Ich kannte Williams Griff und war verwundert, dass Levi nicht einmal die Miene verzog.

„William Brown mein Name…, ich bringe sie gern zu meinem Vater!“

„Passt du auf Noah auf?“, fragte mich Levi grinsend.

Ich lächelte nickend und zog den Jungen hinter meinen Boss hervor. William bekam große Augen.

„Komm Noah, ich zeige dir die Schreinerei, aber vorher müssen wir noch etwas machen!“

„Was?“

„Einen Helm anziehen!“

*-*-*

Als wir später das Büro meines Vaters betraten, hatte Noah den Helm immer noch an.

„Mr. Brown, das ist mein kleiner Bruder Noah.“

„Der Junge, von dem mir deine Mutter erzählt hat?“, fragte Vater, ohne mich zu grüßen.

Ich nickte ihm zu. Noah stand vor mir und ich hatte meine Hände auf seinen Schultern liegen.

Noah griff nach meiner Hand und zog mich zu dem Regal, auf dem einige geschnitzte Tiere standen.

„Mr. Brown, ich werde anrufen, ob ich noch heute Abend vorbei komme, oder morgen.“

„Kein Problem!“

Die beiden schüttelten sich die Hände.

„Komm Noah, wir gehen…“, meinte ich zu dem Jungen, der immer noch fasziniert die Tiere anschaute.

Ich nickte meinem Vater noch einmal zu und verließ kurz darauf mit Noah das Büro. Am Eingang der Schreinerei zog ich dem Jungen den Helm ab, der dies mit einem vorwurfsvollen blick strafte.

Ohne weitere Worte stiegen wir in den Wagen und Levi fuhr los.

„Jetzt kann ich verstehen, warum du einen anderen Beruf gewählt hast, zumindest, warum du nicht in der Schreinerei arbeiten möchtest.“

Ich schaute nur kurz zu Levi hinüber, der sich hinter seinem Steuer auf die Straße konzentrierte. Dazu äußern wollte ich nicht. Das mein Vater so deutlich seine Abneigung mir gegenüber auch anderen zeigen konnte, war mir neu.

Es tat einfach nur weh und bestärkte mich darin, mit ich dem Auszug das Richtige getan zu haben.

„Betreibt dein Bruder eigentlich Kraftsport, oder so etwas…? Der könnte glatt als Rausschmeißer in einer Diskothek durchgehen.“

Ich schaute starr auf die Straße vor uns.

„Okay, du willst nicht reden…“, meinte Levi und verstummte dann ebenfalls.

Ich drehte meinen Kopf etwas, damit ich Noah sehen konnte, der hinter uns auf der Rückbank saß. Er schaute munter durch die Gegend. Beim erneuten drehen des Kopfes, glitt mein Blick über Levi.

Ich atmete tief durch. Levi war der letzte, der etwas dazu konnte, dass ich solche Probleme in der Familie hatte.

„Es tut mir leid, Levi, dass du das miterleben musstest. Bisher war das nur in der Familie so, nicht wenn Außenstehende dabei waren.“

„He, du musst dich nicht entschuldigen, Marcus. Das du traurig bist, verstehe ich nur zu gut.“

Ich nickte nur, weil ich damit kämpfte, nicht los zu heulen. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war die von Noah, der mich einfach nur anlächelte.

*-*-*

Es war mühsam eine Firma zu finden, die bald möglichst Zeit hatte, den Speicher zu leeren. Eigentlich hatte ich gedacht, dass die froh wären, wenn man kostenlos gute Möbel zu Verfügung stellte.

Aber entweder waren der Kapazitäten der Lagerung erschöpft, oder es fehlte schlichtweg das Personal um die Möbel abzuholen. So quälte ich mich weiter im Internet, eine passende Organisation zu finden.

Mein Vater war am gestrigen Abend nicht mehr gekommen und ich war eigentlich ganz froh darüber. Leider hieß das, das er am Morgen vorbei kam. Das Klingeln unten an der Haustür riss mich aus meinen trüben Gedanken.

Ich schloss die Seite und machte mich auf den Weg nach unten. Als ich gerade an Noahs Zimmer vorbei lief, der glücklich auf dem Boden spielte, kam Levi die Treppe herunter. Er schaute mich lächelnd an und klopfte mir auf die Schulter.

„He nicht so trübseelig, ich bin bei dir!“

Er lief weiter zur nächsten Treppe. Ich schaute Levi dabei hinterher. Was sollte das jetzt? Kopfschüttelnd folgte ich ihm. Als ich unten ankam, öffnete Mrs. Thompson gerade die Haustür.

Ein Lächeln huschte über meine Lippen, denn nicht nur mein Vater stand vor der Tür, sondern auch meine Mutter konnte ich hinter ihm entdecken. Mrs. Thompson verzog sich tonlos in ihre Küche.

„Guten Morgen, Mrs und Mr. Brown. Danke dass sie es einrichten konnten hier vorbei zu schauen.“

„Guten Morgen Mr. Scott, das ist kein Problem, ich muss mir ja das Ganze ansehen und vermessen, damit ich ihnen unser Angebot unterbreiten kann.“

Dieses Mal würdigte mich mein Erzeuger nicht einmal eines Blickes, als wäre ich gar nicht vorhanden.

„Marcus, würdest du deiner Mum ein Kaffee anbieten, während ich deinem Dad die Räumlichkeiten zeige?“

Warum betonte er das Mum und Dad so? Ich nickte ihm zu.

„Mr. Brown, würde sie mir bitte folgen.“

„Wissen sie, wie alt dieses Haus ist?“

„Ich müsste in den Unterlagen nachschauen, aber soviel ich weiß, ist es in den 1960er Jahren gebaut worden.“

Weiter konnte ich dem Gespräch nicht folgen, denn Mum machte sich bemerkbar, in dem sie sich bei mir einhängte.

„Dein Dad ist richtig stolz, dass du ihm so einen Auftragt besorgt hast!“

Ich schaute sie zweifelnd an.

„Warum kann ich das nicht glauben?“, fragte ich.

„Komm, lass gut sein! Du wolltest mir einen Kaffee anbieten. Wo ist Noah?“

„In seinem Zimmer…“

„Hast du alles verwenden können, hast du alles schon ausgepackt?“

„Ja, noch am Dienstag. Wir können ja gerne kurz hoch gehen, wenn du es dir anschauen möchtest.“

Dazu sagte meine Mutter nicht nein. Zusammen gingen wir in den ersten Stock, wo Mum mein Reich begutachten konnte.

„Wofür brauchst du noch deinen Schrank, du hast doch jetzt die begehbare Kammer für deine Kleidung.“

„Ich dachte mir, ich benutze ihn als zusätzlichen Stauraum für Dinge, die ich für Noah brauche.“

„Was für Dinge?“

„Malsachen…, Bastelzeug, ich möchte das nicht unbedingt im Zimmer herum liegen lassen.“

„Du und dein Ordnungssinn, aber dafür musste ich dein Zimmer nie aufräumen, im Gegensatz zu deinen Brüdern.“

„Wie geht es Oliver?“

„Sitzt zuhause und hat schlechte Laune!“

Wie sollte es auch anders sein.

„Das hat er sich wohl selbst zu zuschreiben.“

Etwas an der Tür ließ meine Aufmerksamkeit abwandern. Dort war Noah plötzlich aufgetaucht. Auch Mum bemerkte ihn.

„Hallo Noah!“, meinte sie.

Ich war gefasst, dass Noah wieder verschwand, oder sich wenigstens hinter mir verstecken wollte, aber er machte etwas, worauf ich nicht gefasst war. Er lief zu Mum und streckte seine Hand aus.

Sie schüttelte lächelnd seine Hand. Erstaunt beobachtete ich das Ganze, bis ich wieder meine Stimme gefunden hatte.

„Noah, trinkst du mit uns eine heiße Schokolade?“

Er sah zwischen uns hin und her und nickte. Dann drehte er sich um und flitzte die Treppe hinunter.

„Sagtest du nicht, der Junge sei schüchtern?“, fragte Mum.

„Ähm…, ich weiß auch nicht…, soviel mir bekannt ist, hat er so etwas noch nie gemacht.“

Mum hängte sich erneut bei mir ein.

„Das hat er wohl dir zu verdanken?“

„Mir?“, fragte ich verwundert und starrte meine Mutter an.

„Ja, du warst schon immer gut, anderer Herzen zu erweichen!“

Nur nicht in meiner Familie!

„Lass uns nach unten gehen, Noah wartet sicher schon auf uns.“

Im Flur schaute ich kurz nach oben, bevor ich Mum die Treppe hinunter folgte.

„Dein Chef wird die Sache schon schaukeln!“, meinte Mum und ich fragte mich, woher sie meine Gedanken kannte.

Unten angekommen, erwartete mich die nächste Überraschung. Noah saß bereits am Tisch und drei Tassen standen dort. Alle waren gefüllt. Fragend schaute ich zu Mrs. Thompson, die mich angrinste.

Stimmt, ich fragte Noah, ob er mit uns eine heiße Schokolade trinken würde, hatte aber nichts von Kaffee erwähnt.

„Noah hat Order gegeben, drei heiße Schokoladen zu richten!“

„Noah?“, fragte ich verwirrt, besann mich aber dann besseres, „Mrs. Thompson, darf ich ihnen meine Mutter vorstellen?“

„Hallo Mrs. Brown.“

„Hallo Mrs. Thompson!“

Beide schüttelten sich die Hände.

„Bringt mein Sohn auch nicht ihre Küche durcheinander?“

„Mum!“

Wir setzten uns zu Noah. Ich lächelte den Jungen an und hob meinen Daumen nach oben. Keine Sorge, ihr Sohn ist mir eine große Hilfe!“

„So, kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Doch, die Küche ist immer im Top Zustand, wenn ich morgens meinen Dienst antrete.“

„Sie arbeiten hier halbtags hat mein Sohn erzählt?“

„Ja, ich habe zuhause ja noch einen eigenen Haushalt…, ich lebe mit meiner Tochter zusammen. Sie studiert hier in New York und sie wissen wie teuer hier der Wohnraum ist. So hat sie beschlossen, weiter hin zu Hause zu wohnen.“

„Sie haben eine Tochter, ich beneide sie, ich nur vier Jungs! Bis auf Marcus, wohnen die auch noch zuhause und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern.“

„Das erzählte ihr Sohn schon, aber sie werden vielleicht mal vier Schwiegertöchter haben!“

Mum warf mir einen Blick zu.

„Ich lasse mich einfach mal überraschen!“, lächelte Mum.

*-*-*

Im Haus war wieder Ruhe eingekehrt. Meine Eltern waren gegangen. Während Mum sich überschwänglich von mir verabschiedete, kam von Dad nur ein kopfnickendes „Marcus“. Auf alle Fälle eine hundert prozentige Verbesserung zum Vortag, meinte darauf Levi.

Der wiederum saß nun am Küchentisch und starrte den Stuhl an, auf dem bis eben noch Noah gesessen hatte. Der Junge war nach oben gerannt, um die Bilder zu holen, die er mit mir am Vormittag gemalt hatte.

An Levis Fassungslosigkeit war ich Schuld. Ich hatte ihm erzählt, wie Noah meine Mutter begrüßt hatte und dass er bei Mrs. Thompson, drei Kakao geordert hatte, bevor diese nach Hause ging.

Emma White stand plötzlich an der Tür. Sie war mir bis jetzt ein Rätsel. Dreimal die Woche reinigte sie das Haus, machte Wäsche und brachte den Müll raus. Das mysteriöse war aber, man sah sie nicht.

Hatte sie einen Harry Potter Umhang an, der sie unsichtbar machte? Dass sie aber da war, merkte ich spätestens, wenn mein Bad wieder glänzte. Es war das erste Mal, dass ich sie so richtig war nahm.  Ihr Kleidungstil war, wenn man es so nennen konnte, etwas altertümlich, wie ihre Friseur. So etwas trug man in den sechziger Jahren im vergangenen Jahrhundert.

„Ich wäre dann fertig Mr. Scott… ich wünsche ein schönes Wochenende!“

Scott reagierte nicht. Um ihn unauffällig aus seinen Gedanken zu reißen, saß ich zu weit weg. So wusste ich mir nicht anders zu helfen und trat ihn unterm Tisch gegen sein Bein.

„Au… was? Ah Mrs. White, einen schönen Abend noch…, wir sehen uns Montag wieder.“

Sie nickte darauf nur und verschwand aus unserem Blickfeld. Wenig später hörte man leise, wie sich die Haustür schloss. Ich presste meine Lippen zusammen, denn Levi griff unter den Tisch und rieb sich jammernd sein Bein.

„Was sollte das denn?“, fragte er vorwurfsvoll.

„Sorry, Levi, aber du hast nicht reagiert!“

„Aber du musst mir doch nicht gleich gegen das Bein treten!“

Ich konnte nicht anders, meine Mundwinkel wanderten leicht nach oben. Doch bevor Levi einen Ton sagen konnte, hörte man schon das Getrampel eines Noahs, der die Treppe wieder hinunter stürmte.

„Noah! Nicht so laut!“, rief Levi, aber da war der Junge schon unten angekommen.

Stolz präsentierte er seine Bilder und verteilte sie auf den Küchentisch.

„Dass hast du gemalt?“

Noah begann wild an zu nicken. Sein großer Bruder nahm jedes einzelne Bild in die Hand und schaute es sich genau an.

„Du hast ihm nicht geholfen?“, fragte Levi mich.

„Nein.“

„Wahnsinn!“

Die Haustür wurde aufgeschlossen.

„Hallo, ich bin wieder zu Hause!“, hörte ich Ella rufen.

„Ella?“, rief Levi verwundert zurück.

Wenig später erschien sie in der Küche.

„Wieso bist du schon da?“

„Die letzten zwei Stunden sind ausgefallen.“

„… und du bist alleine heimgelaufen!“, sagte Levi ernst.

„Nein, ich war nicht alleine, Elijah und Evelyn haben mich heim bekleidet.“

Darauf sagte Levi nichts und Ella starrte auf den Tisch.

„Wo habt ihr die tollen Tierbilder her?“, fragte sie und nahm die Zeichnung mit der Giraffe.

„Die hat Noah gemalt!“, antwortete ich.

„Noah?“, fragte sie erstaunt, „das ist cool!“

„Stimmt, dachte ich auch…, aber wenn du schon mal da bist, setz dich zu uns, wir hätten da etwas zu besprechen.“

„Moment…“, sagte sie und verschwand im Flur, um wenige Augenblicke später, ohne Jacke und Rucksack wieder aufzutauchen.

Sie ließ sich auf der Bank nieder, auf der noch keiner saß.

„Um was geht es?“, fragte sie.

„Um heute morgen…, du hast sein Bad benutzt…“

Ein vernichtender Blick seitens Ella traf mich.

„Ich habe ihm gesagt, dass das nicht geht!“, verteidigte sich Ella sofort.

„Halt, halt, halt, das sollte kein Vorwurf sein!“, versuchte er sie zu beruhigen, „Marcus hat mir das erzählt…“

Sie wollte ihm ins Wort fallen, aber Levi redete einfach weiter.

„… lass mich bitte ausreden!“

Ella lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

„Also Marcus kam deswegen zu mir, weil er meinte, das wäre auf Zeit keine Lösung mit dem gemeinsamen Bad. Du und Noah werdet beide älter und es ändern sich eure Ansprüche.“

Ella schwieg weiterhin.

„Es war auch Marcus, der die Idee aufbrachte, hier im Haus etwas räumlich zu ändern.“

Seine Schwester sah mich fragend an. Ich lächelte sie aber nur an.

„Was hältst du davon, wenn wir den Dachboden ausbauen lassen würden und du bekommst dort dein eigenes Zimmer mit Bad?“

Ellas Augen wurden groß.

„Meinst du das jetzt ernst?“

„Nein, ich liebe es dich fassungslos zu sehen…Quatsch! Klar meine ich das ernst, sonst würde ich dich das ja nicht fragen.“

„Wie groß wäre mein Zimmer dann?“

„Die Hälfte des Dachbodens.“

„Und was ist mit Noah?“

Der genannte, saß die ganze Zeit still zwischen Levi und mir.

„ Der bleibt wo er ist, mit Marcus…, besser gesagt, vielleicht geben wir ihm dann dein Zimmer das größer ist… So wäre die Badfrage gelöst! Was meinst du dazu?“

Ella schaute zwischen uns drei hin und her.

„Die Idee würde mir schon gefallen, aber was wird aus den ganzen Möbeln, die da oben stehen?“

„Die kommen weg! Falls du etwas davon für dein neues Zimmer haben möchtest, solltest du das vorher sagen, ich habe…“, er pfriemelte etwas aus seiner Tasche, und sah zu mir, „deine Mutter war so freundlich und hat mir eine Adresse einer Firma gegeben, die, die Möbel sicher gerne nehmen würden.“

Er reichte mir den Zettel. Die Adresse mit Nummer war mir unbekannt, also hatte ich dort noch nicht angefragt..Wann Mum ihm den Zettel gegeben hatte, war mir ein Rätsel, ich hatte es nicht mitbekommen.

„Seiner Mutter?“

Sie zeigte auf mich.

„Ja, Marcus Eltern besitzen eine Schreinerei und würden den Umbau gerne übernehmen. Sie waren vorhin da und Marcus Dad hat alles ausgemessen.“

Wieder sah Ella zu mir, aber dieses Mal konnte ich ihren Blick nicht deuten.

„Er meinte auch, dass unsere Eltern im Voraus geplant haben, denn Wasser, Strom und Abfluss sind bereits bis zum Dachboden verlegt, das würden also keine zusätzlichen Arbeiten entstehen. Hier unten müsste nichts neu verlegt werden.“

Das war jetzt neu für mich, aber ich war ja auch nicht mit oben, als Dad alles abgemessen hatte.

„Ich würde gerne das alte Küchenbüffet von unserer Mutter behalten…“, sagte Ella.

„Das alte Ding?“

„Ja…“

„Gut, dann müssen wir darauf achten, wenn alles abgeholt wird.“

Das Gespräch wurde von der Haustürklingel unterbrochen.

„Kommt noch jemand?“, fragte Ella und Noah ging bei mir etwas in Deckung.

„Nicht das ich wüsste!“, antwortete Levi.

Ella ging hinaus zu Flur.

„Hallo Tante Vanessa, toll, dass du mal wieder vorbei schaust.“

„Tantchen…?“, brummelte Levi erstaunt und stand auf.

Auch Noah setzte sich plötzlich in Bewegung. Er düste noch vor seinem Bruder in den Flur. Warum war sie gekommen? Wollte sie mich kontrollieren?

„Hallo mein Junge, nicht so stürmisch“, hörte ich Mrs. Williams Stimme.

Ich erhob mich und begab mich ebenso zum Flur, wo Levi sie gerade mit einer Umarmung begrüßte.

„Oh hallo Marcus, sie sind auch da?“

Wie meinte sie das jetzt? Ich wollte schon antworten, aber Levi kam mir zu vor.

„Er wohnt hier Tantchen, schon vergessen, du hast ihm den Job hier besorgt!“

„Das meinte ich nicht, du hast dich nicht gemeldet, so wusste ich nicht genau, ob Marcus den Job hier bekommen hat.“

„Entschuldige Tante Vanessa, ich hatte viel um die Ohren die Woche und jetzt auch noch der Umbau…“

„Umbau?“

„Ja, es hat und wird sich einiges geändert…, aber lass uns doch rüber gehen ins Wohnzimmer, da ist es bequemer!“

Ella half der leicht verwirrten Tante aus dem Mantel.

„Noah hilfst du Marcus, etwas zu trinken ins Wohnzimmer zu bringen?“, fragte Levi seinen kleinen Bruder.

„Wieder heiße Schokolade?“, fragte mich der Junge.

Mrs. Williams wusste wohl nicht wie ihr geschah. Ihre Blicke wanderten zwischen denen im Flur Anwesenden hin und her.“

„Da musst du die anderen fragen, ob sie heiße Schokolade oder etwas anderes haben möchten!“, antwortete ich.

Noah drehte sich um.

„Möchtet ihr heiße Schokolade?“, fragte Noah nun die anderen ganz gewichtig.

„Also ich trink gerne eine“, antwortete Levi.

„Ich auch“, kam es grinsend von Ella.

„Möchten sie lieber einen Kaffee, Mrs. Williams?“, fragte ich.

„Ich befürchte, ich brauche jetzt etwas Stärkeres!“

*-*-*

Mrs. Williams hatte sich alles in Ruhe angehört, was seit Dienstag alles geschehen war. Sogar Ella erzählte von ihrer Aufgabe mit der Zeichnung und dass ihre kurze Zusammenfassung ein dickes Lob bekommen hatte.

Sie trank einen kräftigen Schluck von ihrem Scotch und stellte das Glas wieder auf die Tischplatte.

„Marcus, ich wusste, sie bringen neuen Wind in die Familie…, aber dies hier? Ich hätte mit allem gerechnet, nur nicht das!“

Sie zeigte auf die drei strahlenden Gesichter der Geschwister, die sich gemeinsam die große Couch teilten, während Mrs. Williams und ich auf den Sesseln saßen.

„Ich habe nur meine Arbeit gemacht…, haben sie ein Problem damit?“

„Zum Teufel, nein! Warum haben sie sich nicht schon früher bei mir gemeldet?“

„Weil ich mir nicht sicher war, ob ich den gegebenen Anforderungen entspreche!“

„Wann weiß man das schon?“, mischte sich nun Levi ins Gespräch, „als ich die Firma übernehmen musste, war ich mir auch nicht sicher, ob ich die Anforderungen erfüllen würde.“

„Wie jeder weiß, hast du es ja in den Griff bekommen! Die Firma läuft gut und niemand beklagt sich!“, sagte Mrs. Williams.

Levis Stirn legte sich in Falten, aber sagte nichts dazu. Die Tante drehte sich nun leicht zu Ella.

„Liebes, was hältst du davon, wenn dein Zimmer fertig und eingerichtet ist, wir beide eine Shopping Tour machen, um eventuelle nötige Dinge dazu zukaufen?“

„Gerne Tante Vanessa, immer doch!“

„Und du hast Marcus, die Leitung des Umbaus überlassen?“, fragte sie nun Levi.

„Ja, er ist immer Vorort, kennt die Firma, die den Umbau tätigt“, dabei grinste er mich an, „und weiß natürlich, worauf es drauf ankommt! Ich werde wie du weißt nicht immer hier sein können, da bin ich froh, wenn hier jemand ist, der alles regelt!“

Mrs. Williams schaute zwischen uns hin und her. Warum wurde ich das Gefühl nicht los, dass da noch irgendetwas, irgendwann kam?

„Okay! Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu fragen, ob ich euch zum Essen einladen darf?“

„Pizza gab es gestern“, sagte Noah.

„Lieber Noah, es gibt auch noch andere Dinge als Pizza!“

„Noah mag Pizza!“, lächelte der Junge.

*-*-*

Auch wenn noch so viele Engelszungen über mich herein prasselten, hatte ich es dennoch abgelehnt, die Einladung zu Essen anzunehmen. Die vier waren Familie und sollten dies auch als solches genießen!

So war ich ganz froh, als endlich die Tür ins Schloss fiel und ich alleine im Haus war. Ich hatte mich entschlossen, noch einen kleinen Sparziergang zu tätigen, bevor ich mich vollens in mein Zimmer zurück zog.

So war ich kurz oben und holte mir meine Sachen, bevor ich ebenso das Haus verließ. Da ich in Richtung East River und die Gegenseite nun schon gesehen hatte, nahm ich dieses Mal die die andere Richtung der Henry Street.

Weitere kleine Fresstempel, kleine Boutiquen und sogar eine Bäckerei konnte ich aus machen. An der Ecke zur Atlantic Avenue verbreiterte sich die Fahrbahn, es waren jeweils zwei Fahrspuren vorhanden.

Der Verkehr war auch recht dicht. Aber auch von hier konnte ich weitere Geschäfte ausmachen. Im rechten Eckgebäude war sogar eine Galerie. Leider war sie schon geschlossen, denn durch die Scheibe konnte ich ein paar interessante Gemälde entdecken.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite war eine Vorschule und ein Kinderhort. Einen Orthopäden konnte ich ebenso entdecken. Die Gegend war mit Ärzten und Geschäften wirklich gut ausgestattet. Ich lief etwas die Atlantic Avenue hinunter, um noch mehr zu sehen.

Mir fiel auf, dass hier recht viele Läden italienisch angehaucht waren, wie es zwei weitere italienische Restaurants und eine Espressobar bewiesen.

An der Hicks Street angekommen, bog ich wieder ein, um mich wieder zurück zu begeben. Auch hier wie in der Henry Street, waren meist Wohnhäuser. Nur zum Unterschied zur Parallelstraße, hier standen meist Mehrfamilienhäuser und keine Einzelgebäude, wie in der Henry Street.

An der Joralemon Street angekommen bog ich erneut rechts ab, so war der Kreis geschlossen,  erreichte ich wieder das Haus. Ich schaute auf meine Uhr und stellte fest, dass ich nicht mal eine Stunde unterwegs gewesen war. Sozusagen einmal um den Block.

Ich schloss auf und ging ohne Umschweife direkt in mein Zimmer. Dort angekommen, entledigte ich mich meiner Kleidung und schlüpfte in meinen Jogginganzug. Ich ließ mich am Schreibtisch nieder und fuhr den Laptop hoch.

Schon automatisch öffnete ich zuerst die Mailbox, wo wie gewohnt sich nur Werbungen befanden. Beim Löschen stutzte ich dann aber doch kurz. Was war das? Eine Mailadresse die ich nicht kannte.

Ein „bro.mi.“ hatte mir geschrieben. Ich öffnete sie und war noch mehr erstaunt. Eine Mail von Michael, meinem Bruder? Kein Wunder kannte ich die Adresse nicht, …Bro.Mi. alias Brown Michael…, er hatte mir noch nie geschrieben, wieso denn auch.

Ich schaute sofort auf mein Handy, ob ich nicht vielleicht einen Anruf oder eine Nachricht von ihm verpasst hatte, aber es war nichts da. Nur eine Nachricht von Levi. Diese öffnete ich sofort und mir prangte ein Selfie der vier entgegen, wo sie in irgendeinem Restaurant am Tisch saßen.

Alle vier lächelten mir entgegen. Hätte ich vielleicht doch mitgehen sollen? Nein, ich war erst eine Woche hier und ich wollte mein Glück, das ich mit dieser Familie hatte, nicht überstrapazieren.

Ich legte mein Handy beiseite und widmete mich wieder dieser ominösen Mail meines Bruders.

*-*-*

Geräusche unten, ließen mich aus meinem Wachtraum aufschrecken. Ich wusste nicht, was Michael mit dieser Mail bezwecken wollte.

Er hatte sich entschuldigt, wie mich Dad am Morgen in der Firma behandelt hatte. Wo ich ihnen doch so einen tollen Auftrag besorgt hatte. Seine Reaktion darauf war völlig unerwartet. Wo ich doch bisher immer die Zielscheibe seines Hohns war.

Der krönende Abschluss war, dass mich auch noch Oliver grüßen ließ. Mit ihm, dem ältesten hatte ich am wenigsten am Hut. Ich schloss die Mail, als jemand die Treppe herauf rannte.

„Noah, was haben wir ausgemacht?“, hörte ich Levis mahnende Stimme von unten.

Ich drehte mich zur offenen Zimmertür, aber ich konnte keine weiteren Schritte auf der Treppe hören. Dafür erschien Noahs Kopf, besser gesagt, sein Haarschopf und seine Augen, wurden am Türrahmen sichtbar. Hatte er sich jetzt angeschlichen?

„Was ist? Komm rein“, meinte ich und drehte mich völlig in seine Richtung.

„Levi hat gesagt, ich soll dich in Ruhe lassen.“

„Ach was, du kannst doch immer zu mir kommen.“

Ich streckte meine Arme aus und wenn Noah auch körperlich fast zu alt war, im Geiste war er ein Kind. So ließ ich es zu, dass er sich auf mein Bein setzte. Ich legte meinen Arm um ihn.

„Noah, egal was ist, du kannst immer zu mir kommen!“

„Wirklich?“

Ich fragte mich, wie Levi es schaffte, bei diesen Augen standhaft zu bleiben.

„Ja! Du ich habe mir überlegt, wie du Ella helfen kannst, ihr neues Zimmer einzurichten.“

„Ich will aber keine Kisten schleppen!“

„Musst du auch nicht, ich weiß etwas viel Besseres.“

„Was denn?“

Ich zog ihn einfach mit zum Schreibtisch. Bei seinem Gewicht gar nicht so einfach.

„Was hat Ella alles in ihrem Zimmer stehen?“

Noah überlegte kurz.

„Ein Bett!“

Ich schrieb Bett auf.

„Einen Schrank… Tisch…Stuhl…“

„Halt nicht alles auf einmal, so schnell kann ich nicht schreiben.“

Als ich Stuhl geschrieben hatte, schaute ich wieder zu Noah.

„Was noch?“

„Die Regale auch?“

„Ja natürlich.“

„Warum schreibst du das alles auf?“

„Morgen, nach dem Frühstück, basteln wir Ellas Zimmer.“

„Ellas Zimmer basteln?“

„Morgen nach dem Frühstück gehen wir einkaufen, aber nach dem Einkaufen könnt ihr das gerne machen!“

Ich drehte mich zur Tür, in der Levi stand.

„Samstagmorgen gehen wir zu dritt immer einkaufen, ist so etwas wie eine kleine Tradition.“

„Kein Problem“, meinte ich.

Levi lächelte mich an.

„So junger Mann…“

„Ich bin kein Mann!“

„Okay, mein kleiner Junge, bettfertig machen, es ist schon spät!“

„Och menno, noch ein bisschen.“

„Wenn du brav bist, darfst du morgen länger aufbleiben, okay.“

Noah zog eine Schnute, stand aber auf und verließ ohne weiteres Murren mein Zimmer. Levi hob den Daumen nach oben und verschwand ebenso aus meinem Blickfeld. Ich dagegen drehte mich wieder zum Laptop und die Email von Michael kam mir wieder in den Sinn.

*-*-*

Jetzt wusste ich, warum die Scotts so einen großen Wagen hatten. Bei den Mengen an Lebensmitteln und anderen Dingen, die man so unter der Woche brauchte, waren die Einkaufswägen schnell gefüllt.

Sollte ich Angst haben, dass sie mich für die Rückfahrt nicht eingeplant hatten? Während ich mit den drei Geschwistern, durch den riesen Einkaufstempel, in dem es wirklich alles gab, wanderte, bekam ich mit, dass Sophia, die Köchin wohl einen Einkaufszettel geschrieben hatte.

Es waren die Sachen, die sie nächste Woche dringend benötigte. Frische Sachen holte sie selbst am nahen Supermarkt, den ich schon gesehen hatte. Mein Augenmerk war aber hauptsächlich auf Noah gerichtet, der sich wie jedes normale Kind benahm.

Alles wurde in die Hand genommen, was ihn interessierte, oder was er haben wollte. Aber immer wieder hörte ich Levis mahnende Worte und der Junge gehorchte. Ein paar
Sachen konnte ich selbst entdecken, die ich noch zum Basteln brauchte, oder Dinge, die ich noch gebrauchen könnte.

An der Kasse angekommen, wollte ich diese bezahlen, aber Levi schüttelte nur den Kopf und die gesamte Rechnung wurde über seine Karte beglichen. Später am Auto atmete ich tief durch, denn der Kofferraum war schon bedrohlich voll.

Der Karton mit meinen Sachen musste wohl oder übel mit nach vorne, zwischen mir und Noah. Der hatte dann nicht besser zu tun, als mich damit zu löchern, „was ist das?“ oder „für was brauchen wir das?“

Aber spätestens, als Ella mit ihm ein Spiel begann, war seine Neugier erschöpft. So wurden auf dem Heimweg nach allen roten Autos geschaut. Bei einem Plakat kam es fast zum Streit, weil es ja kein richtiges Auto wäre.

So war ich froh, als wir endlich in die Henry Street bogen und gleich aussteigen konnten. Ella ging vor und schloss auf, während sich Levi schon an den Einkauf im Kofferraum machte. Ich entschloss mich, meinen Karton schnell hineinzutragen, auf der Treppe abzuladen und dann Levi und Ella zu helfen.

Als ich das Haus betrat, wie sollte es anders sein, lagen wieder Noahs Schuhe im Flur verteilt.

„Noah… Schuhe!“, rief ich nur.

Der Junge kam aus dem Wohnzimmer geflitzt, stellte seine Schuhe hin und verschwand genauso schnell wieder. Geht doch, dachte ich und seufzte. Gerade, als ich nach draußen treten wollte, um zu helfen, kam mir Levi schon mit zwei Einkaufstüten entgegen.

Er lächelte mich nur aufmunternd an und lief ins Haus. Es dauerte eine viertel Stunde, bis der Kofferraum geleert wurde. Dafür stand nun alles in der Küche. Als ich meine Hilfe anbieten wollte, stellte ich fest, dass Ella und Levi ein eingespieltes Duo waren.

Schneller als mir lieb war, verräumten die beiden die Einkäufe, dass ich Mühe hatte, mir zu merken, wo alles hin kam. Wie viel Stauraum konnte so eine Küche haben? Noah sah man während der ganzen Aktion nicht, er saß wohl friedlich vor seinem Fernseher.

Als der Aufräummarathon beendet war, verzog sich Ella ebenso. Ich war mit Levi alleine in der Küche.

„Bevor ich es vergesse…“, begann mein Boss plötzlich, „morgen am Sonntag gehen wir in die Kirche. Du bist herzlich dazu eingeladen, wenn du möchtest. Am Mittag bringe ich die Kids zu den Großeltern, dann hast du Ruhe vor uns. Dort essen wir auch zu Mittag.“

So war der sonntägliche Ablauf also auch geregelt. Naja, mit der Kirche hatte ich es nicht so, aber bedankte mich und meinte, dass ich es mir noch überlegen wollte. An weitere Verwandte, hatte ich nicht gedacht und die Frage kam auf, warum sie nicht die Erziehung übernommen hatten?

Alles Fragen, die ich gerne stellen wollte, aber mich vielleicht auch nichts angingen. Ich besann mich Besseres. Als erstes wollte ich aus meinen Klamotten heraus und etwas Bequemeres anziehen.

So schnappte ich mir meinen Karton und lief nach oben in mein Zimmer. Ob Noah überhaupt noch Lust zum Basteln hatte? Das Problem löste sich aber von selbst. Gerade, als ich meinen Jogginganzug übergestreift hatte, stand Noah an meiner Tür.

„Basteln…“, sagte er nur.

„Dann komm mal mit“, meinte ich nur und lief mit ihm nach oben, auf den Dachboden.

Einen Block und Stift hatte ich vorsorglich mitgenommen. Oben angekommen, war ich überrascht, Ella anzutreffen. Sie war gerade dabei, sich durch die Möbel zu kämpfen.

„Levi meinte, ich soll einen Zettel an die Möbel hängen, die ich behalten will“, erklärte sie.

„Gute Idee!“, meinte ich nur und wandte mich wieder zu Noah.

„So Noah, siehst du die zwei Fenster da drüben.“

Er nickte.

„Das sind die Fenster für Ellas Zimmer.“

Ich ging neben ihm in die Hocke und malte auf dem Block ein Viereck und zeichnete auch die Fenster ein.

„Was machte ihr?“, hörte ich Ella fragen.

„Wir basteln…“, weiter kam Noah nicht, denn ich hielt ihm den Mund zu.

„Das gibt eine Überraschung!“, sagte ich nur und sah Noah durchdringend an.

*-*-*

Es war zwar mühsam, aber wir kamen langsam vorwärts. Die meiste Zeit ging drauf, wenn Noah mit seiner Kinderschere, etwas ausschneiden wollte. Aus festen Karton hatten wir vier Zimmerwände gebastelt und ein Loch für die Zimmertür hineingeschnitten.

Auch die Fenster wurden nicht vergessen. Natürlich war mir klar, dass das Zimmer nie so aussehen würde, schon alleine wegen der Dachschräge. Noch wusste ich den genauen Grundriss von Ellas Zimmer.

Im Internet war ich auf einfache Bastelanleitungen gestoßen, wie wir die Möbel bauen konnten. Ich schaute zu Noah, der mit Eifer und seiner Schere, der Linie folgte, die ich zuvor aufgezeichnet hatte.

Schwieriger gestaltete es sich, die ausgeschnittenen Teile zusammen zu kleben. Aber irgendwie und mit guten Willen bekamen Noah und ich das hin. Eine ganze Stunde später war es endlich geschafft.

„Noah, weißt du, wie Ellas Möbel in ihrem Zimmer stehen? Du siehst die zwei Fenster, fast genauso, wie drüben in Ellas altem Zimmer.“

Noah stand auf und lief hinüber. Wenig später kam er zurück und stellte das gebastelte Bett in unseren gebauten Raum. Dann stand er eine Weile da und schien er zu überlegen. Wieder lief er hinüber.

Dieses Spiel wiederholte so oft, bis alle Möbel in dem kleinen Zimmer standen.

„So jetzt gehen wir hinauf und zeigen es Ella.“

Das Noah das Model, von Ellas Zimmer, selbst hoch tragen wollte, war verständlich. Aber ich hielt ihn davon ab, aus Befürchtung, dass es nicht heil oben ankommen würde. So schickte ich ihn voraus und folgte ihm, mit dem Bastelzimmer.

Die Gefahr, dass er unsere Überraschung verraten würde, musste ich riskieren. Levi schien bei Ella zu sein, ich hörte die beiden diskutieren. Sie schien einiges aufheben zu wollen, worüber Levi nicht begeistert zu sein schien.

„Ella, Ella, Ella, ich habe was für dich!“, hörte ich dann Noah rufen.

Es dauerte noch etwas, bis ich den Dachboden erreicht hatte. Während Levi Noah im Arm hatte, stand Ella etwas aufgebracht, den beiden gegenüber.

„Guck…, guck, guck!“, meinte Noah und zeigte auf mich.

„Hier Ella, dann kannst du planen, wie du dein Zimmer einrichten möchtest.“

Ella trat an mich heran und schaute in unser Gebasteltes.

„Das ist aber süß!“

Nun kam Levi ebenso und betrachtete unser Kunstwerk.

„Noah hat alles ausgeschnitten und mit meiner Hilfe zusammen geklebt.“

Levi bekam große Augen und sein Blick wanderte zu Noah, der stolz strahlte.

„Hast du schon etwas ausgesucht?“, fragte ich, „was wir eventuell nachbauen können?“

„Den halben Speicher…“, meinte Levi resigniert, „sie will den ganzen Kram aufheben.“

„Ja! Es sind Vaters und Mutters Sachen!“

„Ja, ihre Sachen, nicht unsere…, ich hätte damals alles schon entsorgen lassen sollen. Der ganze Plunder, nimmt nur Platz weg! Ich habe nichts dagegen, wenn du etwas davon für dein Zimmer aufheben möchtest, aber nicht all das!“

Er zeigte Richtung Möbel und ich erkannte, warum Levi so aufgebracht war. Ich sah mehr gelbe Zettel, die fürs Aufheben standen, als blaue Notizkleber, für die Sachen, die weg konnten.

„Es geht immer nur darum was du willst! Immer nur du, du, du! Wenn Noah nicht wäre, würden wir nicht mal mehr hier wohnen! Es sind auch deine Eltern, schon vergessen. Wie Großvater schon sagte, du lässt dir nichts sagen!?“

Ella war genauso laut geworden.

„Na und? Ich brauch den ganzen Quatsch nicht und lass gefälligst Großvater aus dem Spiel“, schrie Levi sauer.

Dann ließ Levi die Zwillinge einfach stehen und rannte die Treppe hinunter. Dann knallte eine Tür. Noah kam zu mir und vergrub sich in meinem Shirt. Er zitterte.

„Warum ist Levi böse?“, fragte er ängstlich.

„Weil dein Bruder doof und stur ist!“, fuhr Ella ihren Bruder nun genauso an.

Noah fuhr zusammen.

„Ella, es reicht!“, vergriff ich mich nun im Ton.

„Von dir brauch ich mir auch nichts sagen lassen, du gehörst nicht zu dieser Familie!“

Sie ließ unser gebasteltes Zimmer einfach fallen, und rannte ebenso hinaus. Auch ihre Tür hörte ich wenig später knallen. Nur Noah war noch da und weinte in meinen Armen.

„Ist gut Noah, Geschwister streiten sich immer mal wieder. Ich habe mich auch oft mit meinen Brüder gestritten!“

Sanft streichelte ich über seinen Kopf und hoffte, dass er sich beruhigen würde. Klar verstand Noah den Grund nicht, warum die beiden sich in die Haare bekommen haben. Was so toll anfing, endete so heftig.

War es doch keine gute Idee, für Ella mehr Freiraum zu schaffen? Davon profitierten doch alle! Ich hob unsere Bastelei auf, die zum guten Glück nicht fiel abgekommen hatte. Die Möbel waren nur durcheinander geflogen.

Es half nichts. Mit Noah im Arm, verließ ich den Dachboden und brachte den Jungen in sein Zimmer. Die Stille im Haus war unangenehm, nur Noahs Wimmern war zu hören.

*-*-*

Noah hatte sich in den Schlaf geweint und ich saß nun auf dem Boden meines Zimmers und versuchte der Unordnung Herr zu werden, die unsere Bastelei hinterlassen hatte. Was sollte ich jetzt machen?

Ich seufzte laut und rieb mir durchs Gesicht. Danach ließ ich alles liegen und stehen und ging erneut hinauf auf den Dachboden. Ich ließ meinen Blick durch den großen Raum wandern, denn irgendeine Lösung musste her.

Ich zog mein Handy hervor und rief meine Mutter an. Ich machte das, was ich sonst auch in solchen Situationen machte, bei Mum, nach Rat fragen. Es dauerte nicht lange und sie nahm das Gespräch entgegen.

„Hallo Sohnemann.“

„Hallo Mum…“

„Was ist, deine Stimme klingt nicht gerade erfreulich!“

„Ja, hier ist der Krieg ausgebrochen. Levi und Ella haben sich wegen der alten Möbel in die Haare gekriegt. Die Kleine will am liebsten alles aufheben und der große Bruder möchte den ganzen Plunder los werden!“

„Ach herrje und Noah?“

„Der hat sich so erschrocken und hat zu weinen angefangen. Er liegt jetzt in seinem Zimmer und schläft. Die anderen beiden Streithähne sind in ihren Zimmern. Absolute Sendepause.“

„Meinst du, ich kann vorbei kommen, mir das ganze mal ansehen? Bisher war ja nur dein Vater auf dem Dachboden.“

„Denkst du, das ist eine gute Idee? Ich bin mir nicht sicher, wenn meine Familie hier mit hineingezogen wird.“

„Marcus, dass sind wir doch schon. Wir bauen den Speicher aus, und wir können erst damit beginnen, wenn die Geschwister sich einig ist!“

Da hatte sie leider Recht.

„Gut, ruf an, wenn du los fährst, ich warte dann unten auf dich.“

„Ich fahr dann los“, meinte sie und fing an zu lachen.

Nun musste ich auch lachen.

„Gut Mum, bis gleich…“

*-*-*

Ich schaute ganz schön blöd aus der Wäsche, als der Wagen meines Bruders vorfuhr und Noah, inzwischen wach, neben mir auf das Auto zeigte und „Michael“ sagte. Warum konnte sich der Junge so gut an Mikes Auto erinnern?

„Was ist? Noch nie einen Bruder gesehen?“, rief mir Mike entgegen, als er ausstieg.

„Nein, ich wusste nicht, dass Mum dich mitbringt.“

„Ja, das war ganz überraschend, aber vielleicht kann ich dir bei deinem Problem helfen.“

Sie schien Mike alles erzählt zu haben.

„Hallo Jungs!“, rief Mum, die sich endlich aus Mikes Pickup befreit hatte.

Noch bevor ich reagieren konnte, riss Noah sich aus meiner Umarmung los, rannte die Treppe hinunter und lief zu Mum. Dort angekommen, streckte er seine Hand aus.

„Noah, du hast keine Schuhe an!“, rief ich ihm hinter her.

Mein Bruder kam grinsend die Treppe hinaufgelaufen.

„Erinnert mich schwer an dich! Du bist auch immer strümpfig draußen herum gelaufen.“

Erst jetzt sah ich, dass er seinen Laptop unterm Arm trug.

„Das ist Jahre her…!“

„Trotzdem vergesse ich nie, was du mit deinen Socken alles in Haus geschleppt hast“, lächelte er fies.

„Komm, fang nicht wieder mit den alten Kamellen an!“

„Naja…“, er zeigte nach unten, „Schuhe hast du immer noch nicht gerne an.“

Stimmt, ich trug wie Noah nur Socken. Der kam mit Mum nun auch die Treppe herauf. Er hielt ihre Hand und zog Mum die Treppe hinauf. Sie selbst grinste mich nur an und zuckte mit den Schultern.

Das brauchte ich Levi nicht zu erzählen, dass würde er mir nie glauben. Ich schloss die Haustür hinter den dreien. Sie streckte etwas ihre Nase in die Luft.

„Habt ihr noch nicht gekocht?“, fragte Mum und streifte ihren Mantel ab.

„Nein, und ich weiß auch nicht, was geplant ist. Wie du sicher weißt, ist es mein erstes Wochenende hier!“

„Aber der Junge muss doch etwas essen!“, sagte sie.

Gemeint war Noah, dem sie gerade über seine eh schon wirren Haare streichelte.

„Weißt du was, du gehst mit Michael nach oben und ich geh mit Noah in die Küche und schau, ob wir etwas Essbares finden!“

Einspruch zwecklos!

„Alles frisch aufgefüllt, waren heute Morgen im Großmarkt“, antwortete ich nur.

*-*-*

„Das geht?“, fragte ich verwundert.

Mike hatte vorgeschlagen, über dem Zimmer von Ella eine Decke ein zuziehen, das Dach war hoch genug. Um in den dort entstanden Platz etwas einlagern zu können, musste aber einen große Durchreiche sein, wenn ich an die Möbel dachte.

Eine normale Leiter zum Speicher mit Luke tat es da nicht. Aber auch hierfür hatte Mike einen Vorschlag parat. Zur anderen Hälfte, des Dachbodens, wäre Platz für eine große Luke. An seinem Laptop hatte er eine kurze Skizze gemacht, damit ich es besser verstand.

„Marcus?“

Ich fuhr herum. In der Tür zum Flur stand Levi.

„Mr. Scott…“, meinte Mike und hob ihn seine Hand entgegen.

„Hallo…, Mr. Brown…, ich wusste nicht, dass sie hier sind.“

„Ja ich weiß, das ist überraschend, aber mein Bruder“, Mike schaute mich kurz an, „hatte eine Idee und fragte, ob man die noch in die laufenden Planungen mit einbeziehen könnte.

Meine Idee, dies war doch sein Vorschlag! Ich wäre auf so etwas nie gekommen.

„Idee…?“, blabberte Levi nach.

„Ja, Marcus meinte, dass eventuell doch mehr Möbel hier bleiben würden.“

Levi schaute mich an, aber ich wusste gerade nicht, wie ich diesen Blick deuten sollte. War er jetzt sauer auf mich?

„Ich weiß selbst“, sprach Mike einfach weiter, „wie teuer diese Mietcontainer sind, so haben wir nach einer anderen Lösung gesucht und eine gefunden.“

„Aha…“, sagte Levi nur.

„Wenn wir bei ihrer Schwester eine Decke einziehen, würde über dem Dachzimmer von ihrer Schwester, eine Art kleiner Speicher entstehen, Platz genug, um vielleicht auch Möbel einzulagern.“

Mike hielt ihm den Laptop hin und erklärte es nochmal anhand der Skizze.

„… und es würde Heizkosten sparen, weil nicht die ganze Räumlichkeit im Winter geheizt werden müsste“, endete Mikes Erklärung.

Levi kratzte sich am Hinterkopf und schaute sich noch einmal um.

„Ähm…, wo ist Noah?“, fragte er dann.

„Unten mit meiner Mum…, sie kochen Mittagessen“, antwortete ich etwas verlegen.

„Deine Mutter ist auch hier?“

Das hörte sich jetzt doch leicht vorwurfsvoll an.

„Mr. Brown, ich finde den Vorschlag gut. Kann man das einfach so in die laufenden Planung mit einbeziehen?“

„Kein Problem, ich werde noch einmal alles abmessen und dann an meinen Vater weiter reichen.“

„Danke…, kann ich sie alleine lassen? Ich sollte nach meinem Bruder schauen!“

Mike nickte und Levi verschwand. Ich schaute ihm hinterher, dann zu meinem Bruder.

„Los, geh hinter her! Ich krieg dass schon alleine hin! Schon vergessen, dass ist mein Beruf!“

„Danke Mike“, lächelte ich und folgte meinem Boss.

Die übermäßige Freundlichkeit meines Bruders machte mich langsam misstrauisch. Erst diese Mail und jetzt das. Aber Levi hielt wieder Einzug in meine Gedankenwelt. Warum setzte ich mich plötzlich für die Geschwister so ein?

Und überhaupt, hatte ich jetzt meine Kompetenzen überschritten? Auch wenn ich versprochen hatte, mich um alles zu kümmern, damit Levi sich ganz seiner Firma widmen konnte, stieg Unsicherheit in mir auf.

„Das hast du gekocht?“, hörte ich Levi fragen, als ich die Küche betrat.

Noah nickte strahlend. Er hatte einer der Schürzen von Mrs. Thompson um den Bauch gebunden.

„Alle Probleme gelöst?“, fragte mich Mum.

„Ja, Mike hat eine gute Lösung gefunden und Mr. Scott gefällt sie.“

„Gut! Dann könnt ihr ja essen…, es ist fertig!“

„Und du?“

„Ich werde mit Michael nach Hause fahren und mich um deinen ach so schwer verletzten Bruder kümmern, jemand muss ihn doch füttern“, antwortete sie frech grinsend.

„Einer ihrer Söhne ist verletzt? Davon hat Marcus gar nichts erzählt?“, fragte Levi besorgt.

Mum winkte ab.

„Nur mein ältester Sohn, er hat sich bei einer Schlägerei nur den Arm gebrochen und meint jetzt, dass ich die Pflegerin spiele.“

Ich musste grinsen, denn Levi schaute ganz entgeistert. Mikes Schritte waren draußen auf der Treppe zu hören. Ich war froh, er war gerade irgendwie die Rettung, bevor Mum noch mehr von zu Hause erzählte.

„Ich bin fertig, Mr. Scott. Ich lasse meinem Vater die Daten zu kommen und er wird sich dann sicher mit ihnen in Verbindung setzten. Mum können wir?“

„Ja, dann wünsche ich mal einen guten Appetit!“

„Danke Mrs. Brown, auch für das Kochen mit Noah!“

„Immer wieder gerne.“

Noah verschwand plötzlich und kam mit Mums Mantel wieder. Er half ihr sogar hinein, zwar etwas umständlich, aber der gute Wille zählt bekanntlich. Ich musste mir das Grinsen verbeißen, denn Levis Gesichtsausdruck war göttlich.

„Danke Noah und wenn du mal Zeit hast, kommst du mich mit Marcus besuchen.“

„Danke Tante Nora.“

„Ach so, Mr. Scott, bevor ich es vergesse“, kam es plötzlich von Mike, „damit wir die Möbel, die sie eventuell aufheben möchten, während des Umbaus nicht beschädigen, lagern wir die bei uns ein, bis die Arbeiten fertig sind.“

„Danke Mr. Brown.“

Man verabschiedete sich noch mal an der Tür und Mike bekam sogar eine Patschhand von Noah. Levi schloss die Haustür hinter sich.

„Noah, holst du deine Schwester zum Essen?“

„Ja“, antwortete der Junge und düste die Treppe hinauf.

Dann wandte sich Levi an mich.

„Du weißt schon, dass du deine Grenzen überschritten hast…!“

„Also ich… äh… wollte nur…“

Weiter kam ich nicht.

„Aber ich werde mal darüber hinweg sehen, denn dass was ich gerade erleben durfte, macht alles vergessen. Es ist echt der Hammer, Noah so zu erleben! Zudem habe ich dir ja dir Leitung übertragen…“

*-*-*

Die Nudeln mit Tomatensauce waren verdrückt. Auch die Salatschüssel war leer. Am Tisch redete nur Noah. Er erzählte genau, wie er mit Mum gekocht hatte. Die zwei Streithähne schwiegen dazu, nickten nur ab und zu.

Während Levi mit Noah im Wohnzimmer verschwand, half mir Ella abräumen. Das Schweigen machte mich langsam kirre. So hielt ich inne und schaute sie an.

„Ella…, ich weiß, dass es mich nichts angeht, weiß dass ich hier nur arbeite und kein Familienmitglied bin… ich habe nur versucht zu helfen.“

Auch Ella blieb nun stehen, drehte sich aber nicht zu mir.

„Entschuldige…, ich hätte das nicht sagen dürfen.“

„Wieso, du hast ja Recht, ich bin eigentlich nur… das Kindermädchen!“

„Kindermädchen…“, wiederholte Ella meine Worte und fing plötzlich an zu kichern.

Dann drehte sie sich zu mir.

„Ich wollte nicht, dass ihr zwei wegen mir Streit bekommt“, meinte ich.

„Deinen Standpunkt verstehe ich und auch den deines Bruders. Nicht böse sein, aber wenn ich ehrlich sein soll, ich habe vorhin angeschaut, was du ausgesucht hast. Einiges davon ist so durchlebt, dass ich mich frage, ob man es überhaupt abgeben kann, denn eine Instandsetzung wäre der Mühe nicht wert.“

„Ich wollte nur, dass Mum und Dad nicht vergessen werden.“

Ich beugte mich etwas vor.

„He, du wirst sie nicht vergessen, sie sind da drin, auf ewig!“, sagte ich und zeigte auf ihr Herz.

„… und daran werden auch ein paar alte Möbel nichts ändern.“

*-*-*

Später war ich noch einmal mit Ella oben und ich konnte sie davon überzeugen, dass einiges einfach nicht mehr gut war. Nur wenige Stücke blieben übrig, die locker in den neu gewonnen Stauraum passten.

War da nur noch das alte Buffet, das Ella in ihr Zimmer stellen wollte. Eine Glasscheibe war gebrochen, Schubladen klemmten und bei einer der Türen war das Scharnier hinüber. Ich konnte deutlich die Enttäuschung auf Ellas Gesicht sehen.

„Weißt du was, ich mache ein paar Fotos, von dem Küchenschrank und schicke es meinem Bruder. Der kann dann sagen, was man mit dem alten Küchenschrank anstellen kann.“

Nun lächelte sie wieder. So zog ich mein Handy hervor, machte die Bilder und schickte sie Mike. Eigentlich war Oliver ja der Restaurator, aber der fiel ja wegen Armbruchs aus. Noch beim Hinuntergehen, bekam ich Antwort.

Mike meinte, dass er schon genug Arbeit hätte und Oliver das ruhig übernehmen könne, ihm musste nur jemand helfen. Was damit gemeint war, wusste ich sofort.

„Ella, hättest du vielleicht Lust, das Buffet mit zu restaurieren?“

Sie blieb so ruckartig auf ihre Stufe stehen, dass ich fast über sie geflogen wäre.

„Geht das denn? Ich habe so etwas noch nie gemacht.“

„Keine Sorge, mein Bruder kann das gut, der erklärt uns schon, was wir machen müssen.“

„Welcher Bruder?“

„Ach so, Oliver, mein ältester Bruder, er hat Restaurator gelernt.“

„Arbeiten alle deine Brüder mit Holz und in eurer Schreinerei?“

„Ja!“

„Warum du nicht?“

Wieder diese Frage! Wie oft sollte ich sie noch beantworten?

„Weil der Job hier, mir viel mehr Spaß macht!“

Die Antwort sollte reichen. Ella gab sich damit zufrieden und lief weiter. Ein kleines Gespräch zwischen großem Bruder und ihr stand an. Während ich mit Noah den Tisch deckte, sprachen die beiden dann miteinander.

Während Levi sich für seine Uneinsichtigkeit entschuldigte, erklärte Ella ihrem Bruder, was sie mit mir ausgesucht hatte. Eigentlich handelte es sich hier um Antiquitäten, die man wirklich aufheben sollte.

Ein Waschtisch mit großem Spiegel und ein alter, reichlich verzierter Kleiderschrank waren dabei. Levi gab hierzu grünes Licht. Der Haussegen schien wieder gerade gerückt zu sein.

*-*-*

Am Sonntagmorgen wurde gemeinsam gefrühstückt, danach gingen die drei in die nahe gelegene Kirche. Jetzt wusste ich auch, wofür Noah den Anzug hatte. Nach dem Kirchengang wurden die Zwillinge ins Auto verfrachtet und wurden, wie vorab erzählt, zu den Großeltern gebracht.

Ich blieb alleine zurück und haderte mit mir, ob ich mir eine Kleinigkeit zu Essen machen sollte, denn der Hunger meldete sich zurück. Aber ich wusste auch, dass Mum immer reichlich kochte und ein Esser mehr nicht auffallen würde.

So zog ich mich um, schnappte mir meine Jacke und Schlüssel und lief hinunter. Ich wollte gerade die Haustür aufziehen, als von außen aufgeschlossen wurde. Levi öffnete die Tür.

„Nanu, ich dachte, ihr seid bei den Großeltern“, meinte ich verwundert.

„Die Zwillinge sind dort…, ich nicht…“, sagte Levi und lief an mir vorbei.

Unschlüssig stand ich nun am Hauseingang und hatte den Türknopf in der Hand. Wenn ich jetzt nicht loslaufen würde, verpasste ich die U-Bahn und würde zu spät zum Mittagessen kommen.

Andererseits hatte ich eben Levis trauriges Gesicht gesehen und ich würde schon gern wissen, was los war. Ich atmete tief durch und schloss die Haustür. Von innen, denn die Neugier siegte natürlich.

Ich entledigte mich meiner Jacke und lief ins Wohnzimmer, wohin Levi verschwunden war.

„Ähm…“

Levi schaute auf.

„Wolltest du nicht gerade gehen?“

„Ja…, aber da habe ich…“

„Du fragst dich sicher“, fiel er mir ins Wort, „warum ich nicht bei den Großeltern geblieben bin. Wie du vielleicht aus Ellas gestrigem Wutausbruch mitbekommen hast, verstehe ich mich nicht so gut mit dem alten Herren. Und der Streit gestern, reichte mir völlig!“

Ich traute mich nicht, nach dem Warum zu fragen.

„Ähm… okay… hast du Hunger? Soll ich etwas kochen?“

„Marcus, es ist dein freier Tag!“

„Wir könnten auch etwas Essen gehen, das kann man schlecht als Arbeit ansehen.“

Ich wusste nicht, warum ich ihn jetzt nicht alleine lassen wollte, zu frisch waren noch alle Eindrücke, die sich bisher angesammelt hatten. Levi rieb sich durchs Gesicht und legte die Zeitschrift auf den Tisch.

„Hast vielleicht recht, ich sollte etwas essen…, wo gehen wir hin?“

„Ähm, du bist hier zu Hause und kennst dich aus…“

*-*-*

Am Abend wurden die Zwillinge von den Großeltern zurück gebracht. Ich wurde kurz der Großmutter vorgestellt, denn Noah schien viel von mir erzählt zu haben. Deshalb wollte sie mich kennen lernen.

Den Großvater bekam ich nicht zu Gesicht, er war im Auto geblieben. Auch Levi war nicht an die Haustür gekommen. Es stimmte mich etwas traurig, denn ich wäre froh gewesen, wenn bei mir noch Großeltern vorhanden gewesen wären.

Im Haus selbst war Ruhe eingekehrt, man hörte nur ab und zu ein Wagen am Haus vorbeifahren. Noah schlief bereits und was die anderen beiden machten, wusste ich nicht. Ich selbst saß am Laptop und lotete die Möglichkeiten aus, was ich mit Noah alles unternehmen könnte. Ein Klopfen an der Tür unterbrach meine Tätigkeit.

„Ja?“

Die Tür öffnete sich und Ella kam herein.

„Hast vielleicht noch etwas von dem braunen Karton? Ich würde gerne noch das Buffet, für das Zimmer basteln.“

„Ja… Moment“, meinte ich nur, zog die Schublade auf und entnahm den Block mit verschieden farbigen Kartons.

Diesen reichte ich ihr, aber sie blieb stehen und schaute mich an.

„Brauchst du noch etwas?“

Ella schüttelte den Kopf. Dann schaute sie zur Zimmertür. Sie verschloss sie und kam wieder zu mir. Was war das jetzt?

„Du hast dich sicher gewundert, dass Levi heute nicht bei den Großeltern geblieben ist…“, begann sie.

Da war also Gesprächsbedarf.

„Levi meinte, er würde sich nicht so gut mit deinem Großvater verstehen!“, erklärte ich ihr.

„Nicht so gut… aha… darf ich?“

Sie zeigte auf mein Bett.

„Ja, setz dich.“

Sie ließ sich auf mein Bett nieder und legte den Block ab.

„Ich habe Levi einmal gefragt, warum die beiden sich immer streiten, weil es einfach nervig ist. Er hat mir dann erklärt, dass die Großeltern, Noahs und meine Erziehung übernehmen, die Firma verkaufen und ihn zum Studieren wegschicken wollten!“

Oha, das war heftig.

„Das gab dann wohl den ersten großen Krach, denn Levi hatte andere Vorstellungen. Er ging sogar gerichtlich gegen Großvater vor, damit er als unser Erziehungsberechtigter aufgeführt wurde, nicht die Großeltern.“

„Seitdem streiten die beiden…“, sagte ich und Ella nickte.

„Ich verstehe ja, dass eure Großeltern eure Erziehung übernehmen mochten und vielleicht auch nichts mit der Firma am Hut hatten, aber deinen Bruder gleich wegschicken. Hier in New York gibt es doch so viele Möglichkeiten.“

„Das weiß ich auch nicht so genau, darauf hat mir Levi keine Antwort gegeben. Ich habe nur einmal mitbekommen, wie Opa ihn anschrie, er wäre ein Versager und die Schande der Familie.“

*-*-*

Schlafen war nicht. Zu sehr hatte mich das kleine Gespräch mit Ella gefangen genommen. Die Schande der Familie, das konnte viele Gründe haben. Aber es erklärte auch, warum Levi bei den Großeltern, besser gesagt bei dem Großvater unerwünscht war.

Bei der Großmutter hatte ich nicht das Gefühl, das sie ihren Enkel meiden wollte. Natürlich war es mir aufgefallen, dass sie öfter die Treppe hinauf gesehen hatte, während die Zwillinge mich vorstellten.

Das Gefühl, dass Levi ein Versager wäre, hatte ich auch nicht. Wie mir Mum am Rande erzählte, schien diese Verpackungsfirma von seinen Eltern gut zu laufen. Also musste er doch gut darin sein?

Levi danach fragen, konnte ich nicht. Ich hatte mit dem Dachboden bereits mein Limit überschritten und diese familiären Angelegenheiten gingen mich nun wirklich nichts an. Auch wenn der Drang zu helfen groß war, ich musste mich zurück halten.

Das Wohl des Kindes stand im Vordergrund, in dem Fall der Zwillinge, so hatte ich es in der Ausbildung gelernt. Aber schon bald hatte ich gemerkt, dass dies wohl eine reine Auslegungssache war.

Zu viele Komponenten spielten da mit hinein, dass emotionale mal ganz außen vorgelassen und das mir, dem Sensibelchen der Familie Brown. Auch war ich der Meinung, dass ich die Gabe hatte, mich gut in Menschen hineinzuversetzen zu können.

Bei Levi war das anders. Er war schwer zu deuten. Ich hatte in kürzester Zeit verschiedene Launen an ihm erlebt und wurde auch nicht schlau daraus. Aber er stand ja auch nicht zur Debatte, er war der Chef und nicht das Kind, um welches ich mich kümmern sollte.

Dann war da auch noch eine ganz andere Sache, die ich bisher versucht hatte, einfach zu verdrängen. Levi war ein Mann und was für einer. Bisher hatte ich es vermieden, ihn mir genau anzuschauen.

Aber je mehr ich ihn näher kennen lernte, umso sympathischer wurde er mir. Schon jetzt hatte er mehr Pluspunkte bei mir gesammelt, als andere je zusammen bekommen würden. Das durfte nicht ausufern!

Er war mein Boss und somit Tabu! Warum schlief ich nicht endlich ein, damit ich diese Gedanken nicht immer wieder durchkauen musste. Irgendwo her tönte ein Krankenwagen, der seinen Weg durch die Nacht zog.

Automatisch wanderte mein Gedanke zu Oliver und seinem Gipsarm. Ich konnte nur hoffen, dass er sich mit seinen Kommentaren zurückhielt, wenn ich mit den Zwillingen dort auftauchte.

Dann fiel mir wieder Mike ein, der sich seit meinem Auszug, so sonderbar benahm. Alles Dinge, die mich krampfhaft wach hielten. Ich seufzte.

*-*-*

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich am Montagmorgen wie gerädert aufwachte. Die Nacht war einfach zu kurz. Aber lang genug, um nicht zu merken, dass in meinem Bett wieder ein Besucher lag.

Woher hatte dieser Junge nur diese enorme Hitze? Ich erwischte mich dabei, wie ich Noah mit Levi verglich. Er hatte vieles von seinem Bruder, wenn auch im jugendlichen Format. Ich streichelte ihn sanft durch sein wirres Haar und versuchte ihn zu wecken.

Aber außer einem Brummen, war keine Reaktion zu sehen. Warum war er überhaupt wieder in meinem Bett. Ich überlegte kurz und schob es auf das geschehnisreiche Wochenende.

„Noah… aufstehen“, sagte ich leise.

Das zeigte zumindest eine Reaktion, denn der Junge bewegte sich. Die Decke rutschte etwas nach unten und seine nackte Schulter kam zum Vorschein. Oh Gott, jetzt lag ich schon mit einem halb nackten Teenager im Bett.

Wenn man nicht über Noahs Eigenarten Bescheid wüsste, könnte man ja sonst was denken.

„Noah, los aufstehen, ab in dein Zimmer!“

Ein Auge ging auf und ein Grinsen überzog plötzlich das Gesicht.

„Morgen Marcus.“

„Morgen Noah! Hast du wenigstens gut geschlafen?“

Das Lächeln verschwand und das zweite Auge ging auf.

„Levi hat wieder geschrien…“, meinte er plötzlich.

„Wann?“, fragte ich, weil ich gerade überhaupt nichts mit dieser Aussage anfangen konnte.

Dann fiel es mir wieder ein.

„Das hast du geträumt!“

„Levi macht mir Angst, wenn er schreit!“

„He, du musst vor Levi keine Angst haben, er hat dich doch lieb!“

Mit großen Augen schaute mich der Kleine an.

„So und jetzt ab in dein Zimmer, du musst dich noch anziehen.“

Noah schlug die Decke zurück, stand auf und lief direkt zu meiner Tür, die komischerweise geschlossen war.

„Noah!“

Der Junge drehte sich um.

„Du hast etwas vergessen!“, sagte ich und hielt ihm sein Shirt entgegen.

Er kam zurück, griff sich das Shirt und rannte nun aus dem Zimmer.

„Morgen Levi“, hörte ich Noah rufen.

Mist, also hat er doch mitbekommen. Sein Gesicht erschien kurz an meiner nun offenen Tür und ein breites Grinsen war zu sehen. Dann ging alles wieder seinen normalen Gang. Ich saß schon mit Noah am Frühstückstisch, als Levi wieder erschien.

„Sorry…, die Firma hat angerufen“, meinte er nur und warf seine Jacke über den Stuhl.

Als er sich setzten wollte, zeigte der kauende Noah nach draußen.

„Was?“, fragte Levi.

Noah kaute fertig und schluckte sein Essen hinunter.

„Aufhängen… draußen!“

Während ich mich an meinem Kaffee verschluckte, begann Sofia am Herd an zu kichern.

„Okay junger Mann!“, meinte Levi und brachte seine Jacke in den Flur.

Ich sah den Jungen an und hob meinen Daumen. Er strahlte stolz. Mein Boss kam zurück und ich sah, dass er sogar seine Schuhe ausgezogen hatte und wie Noah und ich mit Socken herum lief.

„Hättet ihr Lust, nachher mit in die Firma zu fahren?“

Er hatte zwar Noah angeschaut, aber damit war wohl auch ich gemeint.

„Sind sie zu Essen dann überhaupt wieder da?“, mischte sich nun Mrs. Thompson ein.

„Keine Sorge Sofia, ich wollte dem Jungen nur etwas zeigen. Wir haben ein neues Produkt und sie wissen ja, wenn es Noah gefällt, dann kommt es meist gut an!“

Praktisch einen Tester in der Familie zu haben.

„Darf ich wissen, um was es sich handelt?“, fragte die Köchin.

„Ja, wir haben eine Verpackung entworfen, auf dem Figuren, Tiere oder Gegenstände abgebildet sind, die die Kids ausschneiden können.“

Hörte sich nicht schlecht an, änderte aber an der Flut der Verpackungen auch nichts. Ob Levis Firma sich auch damit befasste, wo doch nun jeder über Umweltschutz und Nachhaltigkeit sprach.

Aber reden und handeln war eben nicht das Gleiche. Während Noah strahlte, nickte ich nur.

Gab es doch wieder etwas Neues von meinem Boss zu erfahren.

*-*-*

Wie schon in der letzten Woche, saß ich hinten bei Noah. Zum einen konnte ich mich Noah widmen, zum anderen konnte mich Levi in kein direktes Gespräch verwickeln. Und ich konnte ungestört nach allen Seiten sehen, ohne dabei laufend in das Gesicht meines Bosses schauen zu müssen.

Ich hatte mich entschlossen auf Gegenkurs zu gehen und meiner Gefühlswelt nicht zu gestatten, auch nur ein Gedanke an ihn zu verschwenden. Noah kicherte neben mir und mein Blick fiel auf ihn.

Er hatte sein Bilderbuch mit der Hasenfamilie mitgenommen. So war jedenfalls beschäftigt und jammerte nicht herum, wie lange wir noch fahren würden. Ich musste grinsen, denn indirekt war ich derjenige, der die viel zu lange Fahrt anprangerte.

Nachdem wir den East River überquert hatten und nun auf der 78ten den Hudson River kreuzten, waren wir in Jersey angekommen. Levi umrundete den großen Güterbahnhof und fuhr Richtung Fluss zurück.

Hier säumten sich die Firmen, die von dem nahen Gleisanschluss profitierten. Bei einem der Gebäude, machte er langsamer und befuhr dessen Hof. Er stellte den Wagen einfach in die nächste freie Parklücke. Kein eigener Parkplatz für den Chef?

„Noah, wir sind da…“, sagte ich leise.

Sein Kopf fuhr hoch und sein Blick wanderte nach draußen. Ein Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit und ohne dass ich weiter etwas sagen musste, schnallte er sich ab und stieg aus.

Ich folgte seinem Beispiel. Vom nahen Fluss zog ein kräftiger kühler Wind herüber. Mich fröstelte etwas. Ich sah wie Levi vor seinem Bruder in die Hocke ging und etwas zu ihm sagte.

Verstehen konnte ich es leider nicht, der Krach hier war enorm. LKW wurden beladen, oder kleine Hubwagen verließen mit Fracht den Hof. Dann stellte sich mein Boss wieder hin und Noah kam zu mir.

Er griff nach meiner Hand und zog mich leicht Richtung Eingang, zu dem sich Levi bereits aufgemacht hatte. Hier auf dem Hof sah ich schon jede Menge Arbeiter und ich fragte mich, wie viele Mitarbeiter diese Firma eigentlich hatte?

Wenig später betrat ich das Gebäude, immer noch Levi folgend. Der Eingangsbereich war klein gehalten. Außer einer Theke, hinter der eine Dame stand und einer Sitzgruppe gegenüber, konnte ich nichts entdecken.

Levi unterhielt sich kurz mit dem Fräulein, zeigte dabei auf uns und die Dame schaute kurz zu mir. Dann kam er wieder zu uns und hielt mir etwas entgegen.

„Hier, ein Gastausweis für dich. Noah zeigst du Marcus, wie man den anbringt?“

Als ob ich das nicht selbst wusste. Aber Noah freute sich, etwas für ihn so Wichtiges machen zu dürfen. Ich beugte mich vor und Noah klemmte das Plastikteil an meine Jacke. Dann brachte er seins an. Ich konnte Noah Scott darauf lesen.

„Marcus, ich muss noch schnell in die Personalabteilung. Du kannst mit Noah dort drüben“, er zeigte auf eine Tür, über der groß Produktion prangte, „schon in die Produktionshalle gehen. Mein Bruder kennt sich aus und er weiß auch, dass er nicht in die Nähe der Maschinen darf.“

„Ich werde trotzdem aufpassen“, meinte ich und er lächelte.

„Dann bis gleich!“

Er wandte sich ab, nahm von der Theke ein paar Mappen und lief schnellen Schrittes die Treppe hinauf. Das Fräulein, deren Alter ich auf Mitte zwanzig schätze, lächelte mich an und zeigte auf die Tür. Leider kein echtes Lächeln, aber das war mir egal.

Noah zog mich Richtung Tür, die ich wenig später mit ihm durchschritt. Der Lautstärkepegel nahm heftig zu und ich war verwundert, was diese Tür alles abhielt. Sofort hatten wir kurz die Aufmerksamkeit der hier Arbeitenden.

Ich folgte einfach dem Weg, den Noah einschlug. Hier standen Maschinen, die ich bisher vielleicht nur im Fernseh gesehen hatte. Stanzen, Drucker, oder Schneidegeräte, aber alles eben etwas größer. Hier waren nochmal gut dreißig Leute beschäftigt.

Noah zog mich ans andere Ende der Halle, wo ich eine Treppe entdecken konnte. Ab und wann konnte ich ein „Hallo Noah“ hören, Noah nickte zwar, wich mir aber nicht von der Seite.

Dann liefen wir die Treppe hinauf und ich konnte noch einmal die ganze Halle überblicken. Unsere Firma würde hier gut hineinpassen, wenn man die Lagerräume fürs Holz wegließ. Noah machte die Tür auf und zog mich durch.

Augenblicklich wurde es leiser und ich stand in einem großen Büro.

„Hallo Noah! Wen bringst du denn da mit?“

Eine etwas ältere Dame, saß an einem der Schreibtische und stand auf.

„Hallo Tante Katie. das ist Marcus!“, antwortete Noah und ließ mich jetzt los.

Er ging zu dieser Katie, die einen Deckel von einem großen Glas abschraubte. Noah griff hinein und zog einen großen Lutscher heraus.

„Danke!“, meinte er.

Dann kam sie zu mir.

„Hallo, sie müssen Mr. Brown sein, Levi hat mir schon von ihnen erzählt.“

Sie schüttelte mir die Hand und mir sofort fiel mir dieser kräftige Händedruck auf.

„Ich bin Katie Clark, Chefsekretärin, und halte den Betrieb am Laufen, wenn der Chef von zuhause arbeitet. Setzten sie sich doch, es dauert bestimmt noch, bis Levi kommt.“

Sie wies auf die kleine Sitzgruppe, wo sich Noah bereits breit gemacht hatte.

„Einen Kaffee, Mr. Brown?“, fragte Mrs. Clark.

„Danke gerne, aber sagen sie doch bitte Marcus zu mir.“

Sie lief an den Kaffeeautomaten und ließ einen Kaffee heraus. Ich dagegen ließ mich neben Noah nieder.

„Arbeiten sie hier alleine?“, fragte ich Mrs. Clark, während ich krampfhaft versuchte, Noah seiner Jacke zu berauben.

„Nein, ich habe noch zwei emsige Helfer, aber die machen gerade Pause.

„Noah, hier ist es warm genug, gibt mir deine Jacke.“

Er brummelte etwas, ließ mich dann aber seine Jacke ausziehen. Gleichzeitig schlüpfte er aus seinen Schuhen und machte es sich auf dem Sofa im Schneidersitz bequem. Sein Buch lag dabei auf seinem Schoss, also ließ ich ihn gewähren.

„Hier ihr Kaffee, Marcus“, meinte Katie und stellte ein kleines Tablett ab. Darauf standen noch ein kleines Schälchen mit Zucker und etwas Milch.

„Ich konnte gar nicht glauben, dass Levi die Stelle zu Hause endlich besetzt hat und dann noch von einem Mann.“

„Ja, das kam auch für mich überraschend, am Morgen wusste ich noch nicht, dass ich am Mittag den Job schon in der Tasche hatte. Eigentlich wollte ich mich nur informieren, welche Möglichkeiten ich habe.“

Ich wollte das Thema, dass ich ein Mann war, nicht weiter breit treten, so ließ ich es einfach unerwähnt.

„Da bin ich wirklich froh! Sie müssen wissen, Levi hatte mit ihren Vorgängerinnen wirklich Pech. Sie sind auch der erste, den er mit in die Firma bringt!“

„Arbeiten sie schon lange hier?“

„Ja, ich habe schon unter Levis Eltern hier gearbeitet.“

Genauso wie Mrs. Thompson. Er konnte sich glücklich schätzen, so gute Geister um sich zu haben, die sich auskannten.

„Marcus, hast du schon mal echte Hasen gesehen?“, fragte Noah plötzlich neben mir.

„Ja, unser Nachbar zuhause, der hat Hasen“, antwortete ich.

„Darf ich die sehen?“

„Wenn du ihn höflich fragst, sicher!“

Katie stand die ganze Zeit bei uns und schaute mich mit großen Augen an.

„Ich wollte das nicht glauben mit Noah…, wie lange arbeiten sie schon für Levi?“

„Eine Woche, warum?“

„Ich habe den Jungen noch nie so erlebt.“

„Dass er so viel spricht?“

Katie nickte.

„Sehen wir es doch einfach als guten Start für mich und reden nicht weiter darüber“, sagte ich darauf.

Das Telefon ging und die Sekretärin lief an ihren Platz zurück.

„Ja?… hallo!“

Sie lauschte kurz, was die Gegenseite zusagen hatte.

„Gut, ich werde es ihm ausrichten. Also wahrscheinlich erst Freitag…, darüber wird er nicht glücklich sein! …ja ich weiß…, kann man nicht daran ändern… frohes Schaffen weiterhin!… ja danke… bye.“

Sie seufzte und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. Dann schien sie gleich in mehreren Ordnen gleichzeitig hinein zuschauen.

„Sind die auch alle braun?“, zog Noah wieder meine Aufmerksamkeit auf sich.

„Nein Noah, die gibt es in verschiedenen Farben. Braun, weiß oder schwarz.“

„Auch rote?“

„Nein, es gibt keine roten Hasen!“

„Im Fernseh habe ich aber schon einen gesehen.“

„Der war aber sicher gemalt und nicht echt.“

Noah grinste nur breit und lehnte seinen Kopf an meine Schulter. Mein Blick wanderte wieder durch das Büro und blieb an Katie haften, die mir ein Lächeln schenkte. Ein echtes! Von irgendwo hörte ich Stimmen und plötzlich wurde schräg hinter Katie eine Tür aufgezogen.

Levi betrat den Raum, mit einem Mann und einer Frau, etwa in unserem Alter.

„Ich habe gleich gesagt, das geht nicht gut“, hörte ich meinen Boss sagen, „ich hätte mit einer Festanstellung noch gewartet. Jetzt ist sie ständig krank und bringt uns nichts.“

Da bist du nicht der einzige, der so denkt Levi“, meinte die Frau.

„Aber der gute Ben sieht in ihr nur das junge Ding!“, kam es von dem Mann.

„Sei ruhig, du bist gerade mal vier Jahre älter als sie.“

„Woher weißt du das jetzt schon wieder.“

„Emily… Jacob, darf ich euch Mr. Brown vorstellen, er hat den Job zuhause übernommen und kümmert sich nun um meine Geschwister.“

So hatte ich plötzlich die volle Aufmerksamkeit. Die beiden kamen auf mich zu und ich erhob mich. Noah hatte das nicht mitbekommen und kippte um, was die anderen zum Lachen brachte.

„Hallo Noah…“, meinte diese Emily, aber Noah reagierte nicht.

Er setzte sich wieder auf und versteckte sein Gesicht hinter dem Hasenbuch.

„Marcus Brown, aber sagen sie ruhig Marcus zu mir“, sagte ich und zog wieder die Aufmerksamkeit auf mich.

Beide schüttelten mir die Hand.

„Emily Hall… Jacob Carter“, bekam ich von beiden als Info zurück.

„Levi… Mrs. Thomas aus der Materialbeschaffung hat angerufen. Es muss wohl einen kleinen Unfall gegeben haben und deswegen wurde der Zug verpasst. Es fehlt also eine Papierlieferung“, sagte Katie.

„Mist! Die Lieferung war für die Johnsonlieferung gedacht oder?“

„Ja. Die Rollen kommen dann erst Freitag.“

Levi lief zu dem großen Schreibtisch, hinter dem eine große Tafel hing. Darauf waren Unmengen Daten zu sehen. Emily und Jacob gingen zu den anderen Schreibtischen.

„Die Lieferung für den Supermarkt muss doch erst nächste Woche raus, oder?“, fragte mein Boss.

„Ja, ist für Donnerstag vorgemerkt“, antwortete Emily, deren Blick am Monitor haftete.

„Dann ziehen wir deren Rollen rüber und beginnen erst am Freitag mit der Produktion.“

„Könnte eng werden“, meinte Jacob.

„Egal, ihr wisst, wie pingelig der alte Johnson ist!“

„Gut, ich kümmere mich um die Produktion“, meinte nun Katie und nahm ihren Hörer in die Hand.

Levi hatte schon jetzt meine Hochachtung, wie er, wo er doch meist zuhause war, den ganzen Überblick behielt.

„Ich rufe Mr. Thomas an und gebe ihm Bescheid“, kam es von Jacob.

„Ich ändere die Daten im System“, hörte ich Emily sagen.

Levi selbst machte sich an der großen Tafel zu schaffen und änderte dort das Gesagte. Fasziniert beobachtete ich ihn dabei.

„Jacob, falls es wirklich eng werden sollte, könnten wir auch noch von der Colins Group etwas abziehen, deren Fertigstellung ist erst für den zwanzigsten geplant.“

„Okay Levi, notiert!“

„So, steht noch etwas an?“

Ich schaute in die Runde, aber die schüttelten alle den Kopf.

„Dann der wirkliche Grund meines Hierseins…“

Levi schnappte sich etwas, was auf seinem Schreibtisch stand.

„… die Geheimwaffe unserer Firma: „Noah Scott!“

Katie und Evelyn begannen zu kichern, während Jacob etwas die Augen verdrehte und sich auf seinen Stuhl zurück lehnte. Als Noah seinen Namen hörte, hob er den Kopf. Levi ließ sich neben ihm aufs Sofa fallen und stellte einen Geschenkkarton vor ihn hin.

Sofort wurde das Buch zugeklappt, zwischen uns geworfen, es war zur Nebensache geworden. Der Junge nahm den Karton und drehte ihn nach allen Seiten. Im Büro war es jetzt völlig ruhig. Alle schauten auf Noah.

„Roter Hase!“, meinte Noah und hielt mir grinsend den Karton unter die Nase.

„Der hat eine rote Hose an!“, entgegnete ich auch grinsend.

„Gefällt er dir?“, fragte Levi.

Noah schaute sich den Karton erneut von allen Seiten an. Dann versuchte er mit dem Finger die Figuren zu lösen.

„Die muss man ausschneiden!“, sagte Levi.

Das rief mich auf den Plan. Ich nahm meine Umhängetasche, griff hinein und zauberte Noahs Bastelschere von zuhause hervor. Nachdem Levi am Frühstückstisch erwähnt hatte, dachte ich, vielleicht könnte man die Schere ja gebrauchen.

„Daran habe ich jetzt nicht gedacht“, meinte mein Boss.

Ich gab Noah die Schere und nahm ihn den Geschenkkarton ab, denn so konnte er nicht schneiden. Der Deckel war kein Problem. Aber den Karton selbst, musste ich mit etwas Kraft an den Ecken einreißen, damit eine große Fläche entstand, wo der Junge ungehindert herum schneiden konnte.

So reichte ich es Noah. Der fing gleich an mit schneiden. So wie ich es ihm schon bei den Möbeln gezeigt hatte, schnitt der Junge grob um die Figur herum. Er hatte sich natürlich den Hasen mit der roten Hose ausgesucht.

Den restlichen Karton ließ er einfach auf den Tisch fallen, bevor er den Hasen genau ausschnitt. Die anderen waren mittlerweile aufgestanden und zur Sitzgruppe gekommen. Fasziniert schaute auch Levi zu, wie sein Bruder sich bemühte, genau an den Linien entlang zuschneiden.

„Kann man die Kanten des Karton irgendwie perforieren, damit auch ein Kind die Seitenteile leichter zertrennen kann?“, fragte ich in die Runde.

Die anderen zuckten zusammen, zu sehr waren sie gerade auf Noah fixiert. Levi dagegen, schaute mich überrascht an.

„Ein Problem nicht, dafür haben wir Maschinen“, sagte dann Jacob, „aber besteht nicht die Gefahr, dass der Karton ungewollt vorher aufreißt und der Inhalt heraus fällt?“

„Wenn man eine Schleife herum bindet nicht…, es ist ja als Geschenk gedacht, oder?“

Jacob schaute mich kritisch an.

„Während meiner Ausbildung bekam ich immer zu hören, den Kindern es so einfach wie möglich zu machen, damit sie nicht den Spaß daran verlieren.“

„Einleuchtend…“, kam es von Katie.

Noah war fertig und hob stolz den Hasen in die Höhe. Aber erst jetzt bemerkte er, dass die Rückseite, nicht bedruckt war.

„Du hast vergessen, da den Hasen drauf zu malen“, meinte Noah zu Levi.

„Doppelseitiger Druck, das wäre recht aufwendig“, sagte Evelyn, die anscheinend bereits weiter dachte, „da könnten wir den vorgegebenen Verkaufspreis nicht halten!“

Noah schaute enttäuscht auf seinen Hasen und drehte ihn immer wieder um seine eigene Achse.

„Und wenn man ein paar Figuren weniger druckt, aber dafür doppelt und eine davon spiegelverkehrt, dann…“, ich nahm Noah den Hasen ab, „vielleicht unten eine kleine Lasche anfügt. Wenn man die Figuren zusammen klebt, entsteht so ein kleiner Fuß und kann die Figuren sogar stellen!“

Ich gab Noah den Hasen zurück und schaute in die Runde der Erwachsenen.

„Sie kommen von der Marketingbranche, oder?“, fragte Jacob.

„Nein, ich bin nur der Ma… die Nanny, aber ich habe Bastelkurse belegt…!“

Levi nahm grinsend das Kartonteil und schaute es sich an.

„Was meint ihr dazu?“, fragte er seine Kollegen.

Noah nahm ihn den Karton ab und suchte sich eine andere Figur aus.

„Die Grafikabteilung müsste es noch einmal überarbeiten, aber einen Mehraufwand sehe ich darin nicht“, erklärte Evelyn.

„Das Perforieren auch nicht, wie schon gesagt“, meinte Jacob.

„Und was es dann für Möglichkeiten gibt“, begann Katie zu sinnieren, „ein Haus mit Möbeln, davon könnte man eine ganze Serie machen, die die Leute nacheinander kaufen.“

 

 

 

„Katie, du übertreibst mal wieder!“, sagte Jacob.

„Wieso?“, fragte ich und zog mein Handy heraus.

Ich hatte für Mum ein Foto von dem Zimmer geschossen, das ich mit Noah gebastelt hatte. Dieses Bild hielt ich Jacob jetzt unter die Nase.

„Das habe ich mit Noah gebastelt, ein Geschenk für Ella. Noah hat alles alleine ausgeschnitten und mit meiner Hilfe zusammen geklebt!“

Dass es für ein neues Zimmer war, ließ ich unerwähnt, weil ich nicht wusste, in wieweit Levi seine private Dinge hier offenbarte.

„Das ist aber süß“, kam es von Katie und riss mir mein Handy aus der Hand.

„Ich glaube, du hast den falschen Beruf gewählt!“, sagte ein lächelnder Levi neben mir.

*-*-*

Am Mittag war ich zu dem nahen Supermarkt gelaufen. Ich wollte mir ein paar Getränke im Zimmer deponieren, damit ich nicht immer zur Küche hinunter laufen musste. Eine paar andere brauchbare Dinge waren auch schnell gefunden.

So war ich am Ende froh, alles in dem Rucksack unterzubringen. Mit prallem, aber auch schwerem Rucksack verließ ich den Supermarkt wieder. Aber ich kam nicht weit, weil mich ein Mann ausbremste, in dem er sich mir in den Weg stellte. Er hielt mir einen Umschlag entgegen.

„Sie kündigen ihren Job sofort!“, sagte er ärgerlich.

 

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9 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Hallo Pit,
    vielen Dank für deine neue Story, der erste Teil hat mir sehr gut gefallen. 🙂
    LG Leo

    P.S.: Super, dass ihr den Fehler gefunden habt und man jetzt die tollen Geschichten wieder lesen kann.
    Das Impressum ist noch leer – oder war das vorher auch so?

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    • joeey auf 14. Februar 2023 bei 00:53
    • Antworten

    Hallo Pit,
    klasse Anfang, weiter so. Bin schon gespannt auf den nächsten Teil.
    LG
    joeey

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    • Dietmar auf 15. Februar 2023 bei 22:30
    • Antworten

    Hi, sehr gut geschriebener Start, der sehr viel Interesse weckt was denn noch so kommen kann! Weiter so! LG Dietmar

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    • Michael auf 17. Februar 2023 bei 12:37
    • Antworten

    Hallo Pit,
    eine supertolle Geschichte, man sehnt sich nach mehr.
    Wie immer deine Stories – einfühlsam, liebevoll, spannend,….
    ach mehr fällt mir im Moment nicht ein. Nur würde ich gerne weiterlesen. Wann schaltest du die Fortsetzung frei? Wäre ein schöner Lesestoff im Urlaub. so abends 8000 km von hier…..bin jedenfalls gespannt.

    LG Michael

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    • Joachim auf 19. Februar 2023 bei 23:57
    • Antworten

    Tolle Geschichte und spannend erzählt. Auch wenn die Geschehnisse ein wenig zu schnell hintereinander erfolgen. Topp Story, die hoffentlich nicht zu lange auf den 2.Teil warten lässt.
    Und der Cliffhanger! Jacob? Er ist an Levi interessiert? und Marcus ein Konkurrent?

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    • Dieter Müller auf 21. Februar 2023 bei 19:26
    • Antworten

    Wieder eine Tolle Geschichte und sehr gut Geschrieben ich freue
    mich schon auf Teil 2

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    • Micha834 auf 22. Februar 2023 bei 14:33
    • Antworten

    Schöne Geschichte wie alle von Pit,

    ich hoffe es geht bald weiter.

    Micha

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    • Engel auf 24. Februar 2023 bei 12:41
    • Antworten

    Hallo,
    eine supertolle Geschichte und warte schon auf den weiteren Teil.
    DAUERT es noch lange???
    Ciao
    Uwe

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  2. Hallo Pit,

    ein sehr schöner Anfang der viel Lust auf mehr macht.

    Und natürlich bin ich gespannt wie sich das ganze zwischen den beider weiter entwickeln wird.

    Jacob der Cliffhänger ist hoffentlich nicht wie vermutet ein Konkurent sonder eher jemand der
    verhindern will das unsere Nanny weiter dort arbeitet, also eher jemand von den Großeltern oder einer anderen Firma.

    Aber da vertraue ich ganz auf Dich das wir das in der Fortsetzung irgendwann häppchenweise erfahren werden.

    Dir weiterhin gute Gesundheit, Spass am schreiben und noch viele Ideen mit denen Du uns verwöhnen kannst

    Gruß
    sandro

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