Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 6

Ich zog die Augenbraun hoch. Ein Junge? Dies schien auch Anna zu interessieren, denn sie kam zu uns in den Raum zurück.

„Ein Sozialarbeiter namens Kristofer Johannson hat uns berichtet“, Aris Augen funkelten, als er den Namen erwähnte, „dass Mohammed sich mit einem anderen Helfer näher angefreundet hat… Bjarki Dagurson.“

„Hat er nicht Mohammed als vermisst gemeldet?“, fragte Anna.

„Genau und er ist, wie schon erwähnt, ebenso Helfer bei den Emigrationsgruppen in Reykjavík, der sich vorwiegend um die Kids kümmert.“

„Name Bjarki Dagurson, zwanzig Jahre alt und in Reykjavik geboren. Lebt noch bei seinen Eltern in der Südstadt!“, begann Hekla zu erklären, „seit einem halben Jahr, als Sozialhelfer beim Amt tätig. Er kümmert sich hauptsächlich um die vierzehn bis siebzehnjährigen.“

„War dieser Bjarki da?“, fragte Anna.

„Er ist heute nicht zu seinem Dienst erschienen“, antwortete Hekla.

„Habt ihr seine Adresse…?“

„… und Handynummer“, sprach Stefan weiter, „er ist nicht erreichbar und war zuhause nicht anzutreffen. Aber die kleine Wohnung war durchwühlt worden. Die Eltern stehen unter Schock. Suchmeldung ist raus!“

„Hm…“, kam es von Anna und schaute dann zu Alexander.

Er schaute sie fragend an.

„Wenn ich richtig überlege, befindet sich dieser junge Mann wahrscheinlich in Gefahr!“

„Du denkst…?“, kam es von Alexander.

„Ja, der oder die Täter werden wohl nicht zimperlich sein, besonders wenn sie die beiden gemeinsam angetroffen haben.“

„Dann hoffen wir mal, dass dem Jungen nichts passiert ist!“, meinte ich.

Während Stefans und Heklas Hände eifrig über ihre Tastaturen jagten, saß Ari gedankenverloren vor seinem Monitor und starrte ins Leere. Sein Gesichtsausdruck schien traurig.

Ich griff nach meiner Kaffeetasse und ging zu ihm hin.

„Ari, zeigst du mir, wo ich Kaffee bekomme?“

Bisher hatte er mich immer mit Kaffee versorgt. Woher er den hatte, die Frage kam bisher nicht auf.

„He, was?“, riss ich ihn wohl aus seinen Gedanken.

„Kannst du mir zeigen, wo es Kaffee gibt?“, lächelte ich ihn an.

„Ich… ich hol dir gerne einen!“

„Nein, zeig mir einfach, wo es ihn gibt.“

„Okay…“, sagte Ari und stand auf.

Ich folgte ihm mit meiner Tasse auf dem Flur, den er bis zum Ende lief. Dort betraten wir einen Raum, auf dessen Tür Teeküche stand. Drinnen offenbarte sich mir eine kleine Küche.

„Dort ist der Kaffeeautomat“, meinte Ari und wollte schon wieder gehen.

„Ari…?“

Er blieb abrupt stehen, schaute mich aber nicht an.

„Ist es nicht egal, für wen man Gefühle hegt?“

Ari nickte.

„Wenn du diesen Kristofer interessant findest, was ist denn schon dabei? Auch wenn du für Mädchen schwärmst, kannst du doch auch mal einen Mann toll finden. In der Abteilung hat damit keiner Schwierigkeiten damit, du weißt ja, ich bin schwul!“

Aris Kopf sank gegen die Tür.

„Das ist es nicht…“, sagte er traurig.

„Was dann?“

„… ich… ich… habe gelogen…!“

„Gelogen? Im Bezug auf was?“

„Dass… ich mich für Mädchen interessiere…“

„Das ist doch nicht schlimm!“

„Doch! Ich will euch nicht anlügen…“

„Aber…?“

„Ich weiß nicht…, wie es den anderen sagen soll. Die ziehen mich damit doch nur wieder auf!“

„Du hast es mir doch gerade gesagt.“

„Du bist auch anders…“

„Wie anders?“

„Du nimmst mich ernst und behandelst mich nicht wie ein Kind.“

„Also ich kann mir nicht vorstellen, dass Anna dich wie ein Kind behandelt!“

„… ähm… so meinte ich das nicht… ich… ich… ach ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll!“

Ich stellte meinen Kaffeebecher unter die Maschine und drückte den entsprechenden Knopf. Die Maschine nahm ihren Dienst auf. Ari zog ich zu mir und nahm ihn in den Arm.

„Ich versteh was du meinst, Ari. Du bist nun mal der jüngste unserer Truppe und so etwas wie ein Nesthäkchen.“

Er wollte darauf etwas sagen, aber ich sprach einfach weiter.

„So hat jeder von uns ein besonderes Augenmerk auf dich! Sie wollen dich nur beschützen!“

Ari nickte nur.

„… und wenn du diesen Kristofer toll findest…, was ist denn schon dabei?“

„Es… es ist nicht Kristofer…“

„Nicht Kristofer? Aber ich dachte…“

„Nein, mit Kristofer habe ich nur geflirtet, weil es so viel Spaß gemacht hat.“

„Aber wen meinte er dann? Er war mit Hekla und…

„Stefan?“

„Nein!“, lachte nun Ari und löste sich aus meiner Umarmung.

„Stefan ist absolut Hete und verheiratet!“

„Ähm… da bliebe nur noch ich…“, stammelte ich leise und verlegen.

Geschockt sah ich Ari an, der aber erneut anfing zu lachen.

„Keine Sorge, ich werde Kim sicher nicht im Weg stehen!“

Woher wusste er das jetzt? War ich Gesprächsthema Nummer eins im Büro?

„Wo… woher…?“

„He, keine Panik! Alles ist okay! Ich habe Augen im Kopf und kann auch eins und eins zusammen zählen!“

Mein Denkapparat nahm plötzlich wieder seinen normalen Betrieb auf. Wenn nicht Stefan oder ich, da bliebe nur noch… Fragend und überrascht schaute ich Ari an. Sein Gesicht wurde plötzlich ernst.

Er schien gemerkt zu haben, dass es bei mir Klick gemacht hat. Verlegen schweifte sein Blick durch die kleine Teeküche.

„Alexander…?“, flüsterte ich leise.

Er nickte verlegen und schaute zu Boden.

„Crazy…!“, war das einzige was mir dazu einfiel.

Ich nahm meine inzwischen volle Tasse, hielt aber dann in meiner Bewegung inne.

„Weiß er es?“

Ari schüttelte wild seinen Kopf.

„Bist du verrückt? Der macht mich doch zu Brei…“

„Warum sollte er?“

„Ach, ich weiß auch nicht! Du hast Alexander und seine Launen kennen gelernt. Da habe ich das Nesthäkchen, wie du mich benannt hast, doch keinerlei Chancen.“

„ Ari, ich denke…, da spielen noch ein paar andere Faktoren eine Rolle.“

Fragend schaute mich der Kleine an.

*-*-*

Eigentlich hätte ich mir die Mail an Kim sparen können, da ich ihn nach dem Dienst sowieso besuchen wollte. Wieder hatte ich Kims Auto genommen, als wäre es selbstverständlich. Die Tankanzeige fiel in mein Blickfeld, ich musste wohl erst eine Tankstelle finden.

So zog ich mein Handy heraus und tippte Entsprechendes ein. Wenige Sekunden später erschien der Stadtplan von Reykjavík und mehrere Tankstellen wurden angezeigt. Natürlich entschied ich mich für die, die am nächsten am Krankenhaus lag.

Eine halbe Stunde später traf ich dann am Krankenhaus ein. Zu meiner Überraschung fand ich Kim samt seiner Sachen vor den Eingang. Anstatt einzuparken, fuhr ich direkt zu ihm. Schnell war ich ausgestiegen.

„Was tust du hier draußen?“, rief ich und umrundete den Wagen.

Ich ging zu ihm hin und umarmte ihn einfach.

„Hallo…“, hauchte ich ihm ins Ohr.

Er war eiskalt und ich drückte ihn von mir weg.

„Ich durfte gehen…“, sagte Kim.

„Aber…“

„… mit eigener Verantwortung, aber lass uns fahren, mir ist kalt. Was hat dich aufgehalten? Von der Dienststelle hier her ist es doch nicht so weit!“

„Warum hast du nicht drinnen gewartet?“

„Weil da eine gewisse Tinna Gyselhaf, mich derart mit Fragen über dich gelöchert hat, dass ich wieder Kopfschmerzen bekam!“

Ich musste grinsen und nahm seine Tasche.

„So, die Damen hat Erkundungen über mich eingezogen. Scheint wohl Interesse an mir zu haben!“

„Das ist wohl kaum zu übersehen!“, sagte Kim und stand langsam auf.

Sein Gesicht verzog sich.

„Ob deine Idee heim zu gehen, gut war? Du hast Schmerzen!“

„Ja, die verdammte Rippe tut bei fast jeder Bewegung weh. Aber ich will hier keine Sekunde länger bleiben als nötig.“

„Verständlich! Dein Auto ist vollgetankt, also können wir direkt zu dir fahren!“

„Ähm… Eric…“

Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm.

„Was ist?“

„Können wir zu dir fahren? Ich will nicht nach Hause…“

Seine Augen waren plötzlich traurig.

„Ja, natürlich, steig ein!“

*-*-*

Während der ganzen Fahrt hatte Kim nichts gesprochen nur starr auf die Straße geschaut. Selbst als wir die Wohnung betraten, war er ruhig geblieben. Nachdem ich seine Tasche ins Schlafzimmer gestellt hatte, brachte ich noch die feuchten Sachen ins Bad.

Als ich mein Wohnzimmer betrat, saß Kim immer noch in seiner Jacke auf der Couch. Ich griff mir meine Decke und ging zu ihm hin.

„Soll ich dir einen Tee machen, oder hast du Hunger?“

Kim schaute mich an.

„Ich kenne das Shirt, Alexander hat auch so eins mit diesem Aufdruck.“

„Das ist Alexanders Shirt…“

Mit großen Augen schaute mich Kim an.

„Bei der Befragung der Eltern ist der Vater ausgetickt und hat alles vom Tisch gefegt. Dabei sind Alexander und ich nass geworden. Er hat mir mit seinen Klamotten auf der Dienststelle ausgeholfen, weil ich nichts dort deponiert habe.“

Kim nickte nur.

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmt?“

„Tut mir leid…, da sind wohl meine Gedanken etwas mit mir durch gegangen…“

„Ich verstehe nicht, was meinst du?“

Wurde Kim gerade rot? Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Ähm… du und Alexander…“

Ich konnte nicht anders und begann zu grinsen.

„Jacke aus!“, meinte ich zu ihm, merkte aber schnell, dass dies ohne Schmerzen fast unmöglich war. So half ich ihm dabei, so gut ich konnte.

„So und nun legst du dich hin…, aber vorsichtig! Denk an deine Rippe!“

„Wie kann ich dieee…“, er jaulte kurz auf, „… vergessen?“

Sanft drückte ich ihn auf das Kissen und breitete die Decke über ihm aus, dann ließ ich mich neben ihm auf dem Boden nieder.

„So… Klartext, wie du das liebst!“

Kim schaute mich nur an, griff aber nach meiner Hand.

„Alexander und ich haben geduscht… zusammen und jaaa… ich habe ihn nackt gesehen…“, antwortete ich, als hätte Kim mich gefragt.

„… und er sieht verdammt gut aus…“

Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers wurde unmerklich trauriger.

„… aber ist absolut nicht mein Typ! Außerdem ist die Position, des heimlichen Bewunderers von Alexander bereits vergeben.“

„Hä…?“

Breit grinsend sah ich Kim an, sein Gesichtsausdruck wurde aber noch fragender. Meine Hand wanderte zu seinem Gesicht und begann seine Wange sanft zu streicheln.

„Im Augenblick gibt es nur einen Mann, der mich brennend interessiert und das bist du!“

Kims Augen wurden feucht.

„Auch wenn ich jetzt etwas voreilig bin… und durch die rosa Brille spreche…, ich kann mir sogar vorstellen, ganz, ganz lange mit dir zusammen zu sein!“

Ich wollte mich gerade nach vorne beugen, um ihn zu umarmen und zu küssen, als mein verfluchtes Handy losging.

„Du solltest dran gehen…“, meinte Kim, „es gibt nicht viele, die deine Nummer haben…“

Da hatte er recht, leider, denn im Augenblick empfand ich es als störend. Umständlich griff ich nach dem Handy, das auf dem Couchtisch lag.

„Ja?“, meldete ich mich, ohne aufs Display zu schauen.

Ich bin  es, Ari…“

„…Ari, das ist jetzt etwas unpassend!“, unterbrach ich ihn.

Kim grinste mich an.

„… ich befolge nur Annas Order, dich zu verständigen, dass du hier gebraucht wirst. Der junge Mann wurde ausfindig gemacht und so wie es aussieht, wird das ein größerer Einsatz!“

„Ah… okay, ich komme sofort?“

„Ich richte es Anna aus…, ähm was meinst du damit, es ist jetzt unpassend?“

„Nicht jetzt Ari, okay, ich zieh mich an und komme! Bye!“

Ich drückte das Gespräch weg und schaute zu Kim.

„Es tut mir leid, aber ich muss zurück ins Büro, die haben wohl den anderen Jungen gefunden.“

„Kann ich mit… ich will nicht alleine sein…“

„Kim, du bist verletzt, du kannst nicht mitkommen!“

„Ich kann… kann doch einfach im Büro sitzen…, da störe ich niemand.“

Plötzlich kam mir Kim wie ein kleines Kind vor.

„… ich will nicht alleine hier bleiben“, setzte er mit weinerlicher Stimme nach.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch.

„Anna wird mich ein Kopf kleiner machen, wenn sie sieht, dass ich dich mit ins Büro bringe.“

Kim sagte nichts darauf, schaute mich nur an. Aber dieser Blick reichte schon aus, dass ich nicht mehr nein sagen konnte.

„Okay, ich zieh mich schnell um und keine Versuche etwas alleine zu machen, okay?“

Kim grinste mich an.

„Was?“

„Ich liebe es, wenn du einen auf dominant machst! Danke!“

*-*-*

„Kim, was willst du denn hier?“, fragte Hekla, als wir gemeinsam das Büro betraten.

„Er wurde früher entlassen!“, erklärte ich.

Anna schaute mich an und ich erwiderte ihren Blick, fast flehend nichts zu sagen.

„Freut mich, dass du soweit wieder auf dem Damm bist, Kim, aber bitte setz dich hin! Ich will keinen Ärger mit der Gewerkschaft!“, meinte sie ruhig, dann widmete sie sich den anderen wieder.

„Wir haben einen anonymen Tipp bekommen, wo sich Bjarki aufhalten soll und bevor die Frage aufkommt Eric, die Kollegen meinten, es wäre ein Mädchen gewesen, die nur gebrochen Englisch gesprochen hätte.“

Erstaunt schaute ich sie an, warum sie gerade mich ansprach. Gut, die Frage schwirrte mir wirklich gerade im Kopf umher, aber woher sollte sie das wissen?

„Wie gehen wir vor?“, fragte Alexander.

„Da sich der Junge, wie schon von mir vermutet, auf dem Gelände des Flüchtlingsheims befindet, müssen wir behutsam vorgehen. Die nötigen Personen wurden davon informiert und wir haben volle Handlungsgewalt.“

Das hieß also, wenn es zum Schusswechsel kommen würde, diejenigen außer Kraft zu setzten. Das konnte ja heiter werden. Mein Blick wanderte kurz zu Kim, der mich ängstlich anschaute.

Dann schaute ich wieder zu Anna.

„Kommt gar nicht in Frage“, hob sie abwehrend ihre Hände, „Kim kann hierbleiben und den Computer besetzten, aber kommt auf keinen Fall mit!“

Damit war meine noch nicht gestellte Frage bereits beantwortet. Aber sie hatte Recht, Kim hätte mit seiner Verletzung uns eh nicht helfen können und sich womöglich unnötig in Gefahr gebracht.

Ich legte meine Hand auf Kims Schulter.

„Sie hat Recht Kim, hier bist du besser aufgehoben!“

„Pass bitte auf dich auf!“

Er hatte Tränen in den Augen. Anna hatte bereits das Büro verlassen, so drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange und hauchte ihm ein „Versprochen!“ ins Ohr.

*-*-*

Es war eine Sache, sich dem Objekt unbemerkt zu nähern, aber mit hoher Geschwindigkeit, diese Straßen zu befahren, war wirklich keine gute Idee. Mein Hintern würde sich spätestens heute Abend bei jeder Bewegung melden.

„Was ist das?“, hörte ich Anna vorne sagen und ich blickte ebenso in die vordere Richtung.

Dicker Rauch stieg am Ortsende auf.

 

 

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