Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 18

Ich stand in der Garage am Wachbecken und versuchte mir Aris Blut von den Händen zu waschen. Kim tauchte neben mir auf und reichte mir ein Handtuch.

„Ari hat noch mal Glück gehabt! Am Arm hat er einen Streifschuss und am Kopf eine Platzwunde, aber sie konnten beide Blutungen sofort stoppen“

„Gott sei Dank!“, sagte ich und vergrub mein Gesicht im Handtuch.

„Das hätte so verflucht schiefgehen können. Ich weiß nicht, was sich Ari dabei gedacht hat.“

Ich spürte Kims Hand auf meiner Schulter, wie sie mich sanft streichelte. Ich atmete tief durch und richtete mich wieder auf.

„Danke“, meinte ich nur und gab Kim einen Kuss. Der wurde doch tatsächlich rot und lächelte verlegen.

„Er hat dich als Vorbild genommen! Du hast im letzten Fall Alexander vor einer Schusswunde bewahrt und diesmal dachte Ari sicherlich, dass dies nun sein Part ist, auf seinen Alexander aufzupassen!“

Wir verließen die Garage und liefen zu den anderen. Alle standen hinter dem Krankenwagen und Kathrin hatte ihren Arm um Alexander liegen. Ich schaute durch die Runde und blieb an Annas ärgerlichen Augen hängen.

„Das nächste Mal sag mir, was du für eine Plan hast“, sagte sie leicht angepestet und ließ mich stehen.

Die anderen standen nur da und grinsten.

*-*-*

Ich drückte speichern und war froh, meinen Bericht endlich fertig zu haben. Da ich die Nacht schlecht geschlafen hatte, strengte mich das schreiben noch mehr an.

„Fertig geworden?“

„Ja!“

Kim stellte mir eine neue Tasse Kaffee hin,

„Oh, danke, das kann ich jetzt gut gebrauchen.“

Ich nahm die Tasse und nahm einen Schluck.

„Mhhm, tut das gut.“

„Anna ist noch nicht zurück?“, fragte Kim.

„Nein, leider! Ich hoffe sie bekommt kein Ärger.“

„Warum sollte sie mit Deputy Commissioner Gunnar Magnusson Ärger bekommen?“

„Wegen der getöteten Drohne?“, grinste ich ihn schief an.

„Da bekommt sie höchstens Ärger mit Chief Karlson, von dem waren die Drohnen geliehen!“

„Nein, wegen Ari und mir!“, sagte ich nun ernst.

„Verstehe ich nicht.“

„Weil ich ohne Anna zu fragen, meine Entscheidung zum Handeln getroffen habe.“

Kim wuschelte mir über den Kopf und grinste.

„Zum einen weiß das niemand! Es wird wohl kaum einer deiner Kollegen, dies in ihren Bericht geschrieben haben und zu anderen bist du die Vertretung von Anna und kannst wohl eigene Entscheidungen treffen!“

„Warum war sie dann sauer?“

„Man! Sie macht sich eben Sorgen um uns! Wir sind ihre Leute!

Darauf wusste ich nichts zu sagen. Kim küsste meine Stirn.

„Könnt ihr eure Knutscherei nicht für zu Hause aufheben? Schreibt gefälligst eure Berichte fertig!“

Wir zuckten beide zusammen, Anna hatte unbemerkt das Büro betreten. Ein leises Kichern war im Rest des Raumes zu hören.

„Liebe Anna, einen Kuss auf die Stirn kann man wohl kaum eine Knutscherei nennen…“, meinte Kim, „… und unsere Berichte sind bereits fertig verfasst!“

Ich presste die Lippen zusammen, damit ich nicht zu Lachen anfing.

„Ach ihr!“, meinte Anna und verschwand in ihr Büro.

Ich hob den Daumen Richtung Kim, der grinsend zu seinem Brief zurück lief.

*-*-*

„Du meinst, es ist wirklich eine gute Idee, Ari zu besuchen?“, fragte ich Kim, „ich will das junge Glück nicht stören.“

„Wir werden schon nicht stören, außerdem wird Ari sich freuen uns zu sehen.“

Wir wollten gerade den Lift besteigen, als ich meinen Namen hörte.

„Chief Inspektor Einarson!“

Ich drehte mich um und sah Doc Magnus auf uns zu laufen. Als er uns erreichte, war er etwas außer Atem. Er griff nach meiner Hand.

„Ich wollte mich noch einmal bedanken, dass sie meine Verbindung zu diesem Kriminalfall verschwiegen haben!“, sagte Doc Magnus leise.

Dabei schüttelte er wie wild meine Hand.

„Manche Dinge aus der Vergangenheit sollte man einfach ruhen lassen“, meinte ich und entzog ihm meine Hand, die begann weh zu tun.“

„Trotzdem noch mal vielen Dank!“, sagte Doc Magnus und verbeugte sich leicht, bevor er wieder verschwand.

Kim neben mir fing an zu kichern.

„Wie war das, du glaubst er hat ein Auge auf mich geworfen? Das sah mir eben ganz anders aus.“

„Ach du…“, sagte ich leicht verstimmt und betrat den Lift.

*-*-*

Sachte klopfte ich an Aris Zimmertür. Ein leises „Ja“ war zu hören. Ich schob die Tür auf und drinnen erwartete uns ein Blumenmeer. Was aber interessanter war, Alexander saß neben dem Bett bei Ari und sein Kopf ruhte auf dessen Schoss.

„Hallo ihr beide… ähm, er ist eingeschlafen… er hat die ganze Nacht hier gesessen!“

Ich hob abwehrend die Hände, sagte aber nichts dazu.

„Hat Alexander den Blumenladen leer gekauft?“, fragte Kim.

„Nein, der ist von Anna, die von Hekla, Katrin und Lilja und der Bunte von Stefan.“

„Ich habe nur einen von Anna bekommen!“, beschwerte sich Kim.

„Du bist ja auch nicht unser Nesthäkchen!“

Ari saß grinsend auf dem Bett. Seine Stirn zierte ein Pflaster und sein rechter Arm, der in einer Schlinge ruhte, war am Oberarm dick bandagiert.

„Hast du starke Schmerzen?“

„Nein es geht, die haben mir irgendetwas gespritzt, seitdem spüre ich es kaum noch.“

Ich wollte gerade etwas darauf erwidern, als er klopfte. Die Tür wurde aufgeschoben und eine Frau kam ins Blickfeld. Ari rüttelte an Alexanders Arm, der darauf erschrocken auffuhr. Er hustete kurz.

„Hallo Mama!“, sagte Ari nun etwas lauter.

„Hallo mein Junge…, du siehst besser aus!“

„Es geht mir auch besser… Mama, darf ich dich mit meinen Kollegen Chief Inspektor Eric Einarson und Kriminalinspektor Kim Jonson bekannt machen?“

„Freut mich sie kennen zu lernen. Ich habe schon von ihnen gehört, Ari erzählt immer von ihnen zu Hause.“

Ich schaute kurz zu Ari, der verlegen wurde.

„Ich … hoffe nur Positives.“

Alexander wurde nicht vorgestellt, ihn kannte sie wohl schon. Ruckartig stand er auf, schien wohl nun richtig wach geworden zu sein.

„Hallo… Magret“, hörte ich meinen Kollegen leise sagen.

„Hallo Alexander!“

Die kannten sich wohl schon sehr gut, wenn er Aris Mutter mit Vornamen anredete. Kim zupfte mich am Ärmel. Er forderte mich auf wieder zu gehen. So verabschiedete ich uns unter dem Vorwand noch etwas vorzuhaben..

„Meinst du sie weiß, über die beiden Bescheid?“, fragte Kim, als wir wieder auf dem Flur liefen.

„Das kann ich dir nicht sagen, aber ich denke, sie wird es Alexander nicht leicht machen, wenn sie davon erfährt. Die Frau hat Haare auf den Zähnen!“

„Wie kommst du da drauf?“

„Diese bitte süße Art, die sie an sich hat.“

„Da kann einem ja Alexander richtig leidtun!“

„Eric?“, hörte ich es plötzlich rufen.

Ich drehte meinen Kopf. Tinna. Auch das noch.

„Hallo Tinna“, sprach ich leise, „lange nicht gesehen.“

„Stimmt und ich frage mich, ob sie heute Abend nicht rein zufällig Zeit hätten, mit mir Essen zu gehen.“

Ich sollte hier vielleicht einen Schlussstrich ziehen, bevor sich mein gegenüber noch mehr Hoffnungen machte. Ich griff nach Kims Hand.

„Tut mir leid, Tinna, aber ich habe schon etwas mit meinem Freund vor!“

Dazu hielt ich unsere Hände nach oben, um zu unterstreichen, dass Kim mein Freund war. Sie sank etwas in sich zusammen und sah enttäuscht aus.

„Dann hat Magnus also Recht…“, meinte sie ihrer Illusion beraubt.

„Magnus?“, rutschte Kim heraus.

„Ja, er meinte ihr beiden spielt in einer anderen Liga…“

*-*-*

Bisher hatte Kims Mutter, das Thema unserer Freundschaft gemieden. Wir hatten sie zum Essen eingeladen und saßen an unseren neu erworbenen Esstisch. Zumindest gefiel ihr die Wohnung.

Sie machte ein paar Vorschläge, die mir durchaus gefallen würden. Aber irgendwann merkte ich, dass sie etwas auf dem Herzen hatte.

„Eric…“, begann sie plötzlich und griff nach meiner Hand, „… wie du vielleicht von meinem Sohn erfahren hast, werde ich nicht in Island bleiben. Ich habe vor, mich von meinem Mann scheiden zu lassen und in Japan wieder ein Neues Leben zu beginnen.“

Ich nickte nur, weil ich nicht wusste, was ich darauf zu sagen hatte. Sie schaute zu Kim und lächelte ihn an.

„Deshalb habe ich eine große Bitte an dich.“

Meine Augen wurden groß.

„Ich lege die Zukunft meines Sohnes in deine Hände…, ich möchte, dass du in Zukunft auf ihn aufpasst!“

Ich schluckte hart, damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet.

„Ich weiß, es wird noch etwas dauern, zu verstehen, warum Kim dich gewählt hat und keine Frau! Es ist eigentlich egal, wen mein Sohn liebt, Hauptsache er hat jemand, den er lieben kann!“

Zaghaft nickte ich.

„… aber jetzt, wo ich dich ein wenig kennen gelernt habe, denke ich, mein Sohn ist in guten Händen!“

Das traf jetzt mitten ins Herz und ich musste kämpfen, keine einzelne Träne zu verlieren. Kim dagegen saß da und ließ seinen Tränen freien Lauf.

„… ähm… ich verspreche dir, auf deinen Sohn aufzupassen“, sagte ich leise.

Sie atmete tief durch.

„So, das war mir jetzt wichtig. Hättet ihr vielleicht Lust, mit einer alten Frau noch etwas sparzieren zu gehen und mich zum Hotel zurück zu bringen?“

„Aber sicher doch“, meinte ich.

„Mutter, du bist nicht alt“, kicherte Kim neben ihr.

*-*-*

Wer dachte, dass unser Fall mit unseren Berichten abgeschlossen wäre, lag falsch. Auch wenn die Waffenschieberei nicht in unser Aufgabenbereich fiel, wurden wir in die nachfolgenden Ermittlungen, anderer Abteilungen, mit einbezogen.

Es gab einfach noch zu viele offene Fragen. Auch war nun völlig aufgeklärt, was mit Mohammed überhaupt passiert war und warum sein Onkel, das mit seinem Leben bezahlt hatte.

Nach dem Tod von Bjarki war Marut sehr gesprächig gewesen. Marut selbst, war so weit genesen, dass er in den nächsten Tagen entlassen werden konnte. Brigson hatte Wort gehalten und hatte Mohammeds Familie, eine neue Bleibe verschafft.

Auch kam uns zu Ohren, dass es im Rathaus personale Veränderungen geben würde und dies seine letze Amtshandlung gewesen wäre. Man war einfach der Meinung, dass man so einen Menschen in der Verwaltung nicht mehr mittragen konnte.

Zuviel war in seiner Familie geschehen und wenn er auch nicht direkt damit etwas zu tun hatte, sein Name war trotzdem, dank der Medien, in aller Munde. Man konnte nur hoffen, dass seine liebreizende Kollegin nicht seine Nachfolge antreten würde.

Auf dem Flur konnte ich Kims und Alexanders Stimme hören und schaute automatisch auf. Die beiden traten ein und zu meiner Überraschung gefolgt von Ari.

„He unser Held ist wieder da“, rief Stefan und alle fingen an zu klatschen.

Sein verletzter Arm noch in der Schlinge wurde Ari total verlegen. Anna trat neben mich.

„Ich freu mich, dass du wieder auf dem Damm bist, aber wie bei Eric, keine Extramätzchen mehr! Okay?“

Ari nickte nur, verbeugte sich schon halber. Aber bevor Anna noch weiter reden konnte, hatten ihn die anderen in Beschlag genommen. Lächelnd zog sie sich zurück, während Ari zu seinem Platz geschoben wurde.

Kim, der einen Stapel Papiere in den Händen trug und hielt mir einen Umschlag entgegen.

„Noch ein Brief an dich aus England…“, sagte Kim.

Verwundert nahm ich ihm den Brief ab und er lief weiter zu Anna. Warum noch ein Brief, hatte sie sich im letzten Brief nicht schon genug entschuldigt? Gut, ich hatte auf den letzten Brief nicht reagiert, so riss ich das Kuvert auf und zog den Inhalt heraus.

Es war mir egal, dass ich gerade im Büro saß. Ich überflog die ersten Zeilen und erste Tränen tropften auf das Geschriebene.

„Eric?“

Es war Kims besorgte Stimme, die zu mir durch drang und ich schaute auf.

„Was ist passiert?“, fragte Kim und legte seine Hand auf meine Schulter.

Im Büro wurde es plötzlich still. Da ich gerade zu keinem Wort fähig war reichte ich Kim den Brief. Anna war neben ihm getreten und Kim atmete tief durch.

„… seine Mutter hat ihn darüber informiert, dass sein Vater an einem Herzinfarkt erlegen ist…“

„Oh Eric…, dass tut mir leid…mein herzliches Beileid“, hörte ich Stefan hinter mir sagen.

Die anderen nickten mir zu. Ich holte tief Luft und blies die Luft wieder langsam aus. Ich wischte meine Tränen weg.

„Danke…“, meinte ich mit leicht krächzender Stimme.

„Wenn du möchtest, kannst du nach Hause gehen“, sagte Anna mit sanfter Stimme.

Ich schüttelte den Kopf. Bevor ich aber hätte etwas sagen können, klingelte ein Telefon. Alexander ging dran.

„Alexander Nimson am Apparat, was kann… oh okay, ich werde es ihm ausrichten! Danke.“

Er legte auf.

„Das war die Pforte…, da steht ein junger Mann, der nach Eric Einarson verlangt!“

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