Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 23

Anna verdonnerte Ari dazu, das ganze Tagebuch einzuscannen, damit jeder Zugriff auf die Seiten hatte. Dieser war zwar nicht davon begeistert, war aber mit nur einem Arm voll beschäftigt. Die Notizen waren sehr aufschlussreich und brachten nicht nur uns, sondern auch Chief Karlson und anderen Abteilungen mehr Arbeit ein.

Auch führte Magnus Vater genau Buch darüber, was er mit dem Geld gemacht hatte. Der Großteil lief in die Kosten für den Bau seines Hauses, den Rest spendete er an verschiedene Organisationen.

An einen guten Samariter mit erbeutetem Geld war aber auch schlecht einem Mord zu zuschanzen. Das einzig Gute an der Sache war, dass wir jetzt wussten, dass das noch vermisste Mädchen vielleicht noch lebte.

Sie war als Zahlungsmittel für eine Waffenlieferung eingesetzt worden. Der Fall wurde also an Interpol weiter gereicht und wir waren somit aus dem Rennen. Sie hatten schon in den Ermittlungen wegen der Waffenschieberei geholfen.

Unsere Arbeit wurde zwar etwas ruhiger aber nicht weniger, so mussten noch viele Berichte geschrieben werden, weil wir das Tagebuch hatten und die gewonnenen Ergebnisse weiterleiten mussten. So saß ich ebenso wie die anderen an meinem Computer und konnte mir ein Gähnen nicht unterdrücken.

„Hat jemand Lust auf Kuchen?“, fragte Kathrin plötzlich.

„Hast du einen mitgebracht?“

„Nein, aber ich bin gerne bereit einen zu holen!“

„Einen gekauften?“, meckerte Stefan.

„Jetzt hab dich nicht so!“, sagte Hekla.

„Selber gebacken schmeckt eben am besten!“

Ich musste grinsen, weil Stefan gerade das Klischee eines Schwulen erfüllte, so wie er herum tuckte. Auch bei Alexander konnte ich ein Lächeln entdecken, was mich sehr freute.

„Wie ist die Telefonnummer deiner Frau?“, rief Anna plötzlich, die sich bisher nicht in die Unterhaltung eingemischt hatte.

„Wieso willst du die Nummer meiner Frau haben?“, kam es postwendet von Stefan zurück.

„Damit ich mich beschweren kann, dass sie für uns noch keine Engiferkökur und Hnetusmjörskökur gebacken hat!“

Wieder etwas, was ich nicht kannte. fragend schaute ich zu Kim.

„Ingwerkekse und Erdnussbutterplätzchen“, antwortete er mir leise.

Konnte er Gedanken lesen?

„Tzis!“, kam es von Stefan, der sich darauf eingeschnappt, wieder seinem Monitor zuwandte.

Das Lachen tat gut.

„Komm Kathrin“, meinte Lilja, „ lass uns zu dem Bäcker an der Ecke gehen, dort finden wir sicher etwas.“

Meine Kolleginnen standen auf, zogen ihre Winterjacken an und verließen das Büro.

„Es schneit wieder!“, sagte Ari und meine Aufmerksamkeit richtete sich zum Fenster.

„Ich denke, wir werden diesen Winter viel Schnee bekommen“, sagte Hekla und schaute wie die anderen nach draußen.

*-*-*

Nur das Knirschen unter unseren Schuhen war zuhören, als Kim und ich zur Wohnung liefen. Der Verkehr auf der Straße hatte sichtlich abgenommen, nachdem so viel Schnee gefallen war. Laut Prognose waren die nächsten Tage mit weiteren starken Schneefällen zu rechnen.

Das hatten wir wohl dem Blizzard zu verdanken, der bisher in Amerika gewütet hatte und dessen Reste nun über den Atlantik gewandert kamen. Auch fühlte es sich viel kälter an, als sonst, aber dies lag wohl an dem eiskalten Nordwind.

Etwas, woran ich mich wohl auch gewöhnen musste, ich war eben nicht mehr in England.

„Über was denkst du nach?“, fragte Kim.

„…, dass wir in England nie so viel Schnee hatten und das ist nur eine Ladung am Mittag…“

„Ja, die Winter können in Island recht hart werden, besonders, wenn so viel Schnee liegt.“

„Jetzt wartet doch auf mich!“, hörte ich es plötzlich hinter mir rufen.

„Ari?“, rief Kim, als wir uns beide umdrehten.

„Was tust du hier?“, wollte ich wissen.

„Alexander will noch etwas in der Wohnung machen:“

„… und du willst ihm helfen“, grinste ich und zeigte auf seinen Arm, der wohl unter der Jacke weilte, deren rechter Ärmel herunterhing.

Trotz der nicht so hellen Straßenbeleuchtung und Aris dunkler Teint, bemerkte man die Röte, die ihm ins Gesicht stieg.

„Ich wollte ihm nur Gesellschaft leisten…“, kam es leise von Ari, der uns mittlerweile eingeholt hatte.

„Weiß er davon, oder willst du ihn überraschen?“, fragte Kim.

Ari zog einen Schlüssel aus seiner Jackentasche.

„Er hat mir einen Schlüssel gegeben…, er hat noch kurz etwas zu tun und kommt dann mit dem Auto nach.“

Hatte Alexander nicht mit uns das Büro verlassen und hatte sich dann Richtung Parkplatz von uns getrennt? Eigentlich war mir das jetzt egal, denn mir wurde langsam kalt.

„Ich geh weiter!“, meinte ich und setzte mich wieder in Bewegung.

Die zwei anderen folgten mir schweigend. Ich war froh, als ein paar Meter das Haus in Sicht kam. Innerlich notierte ich mir, mich morgen wärmer anzuziehen, wenn ich nicht wieder frieren wollte.

Glücklich an der Haustür endlich angekommen zu sein, zog ich meinen Schlüssel heraus. Schnell war aufgeschlossen und warme Luft strömte mir entgegen. Ich klopfte etwas die Schuhe ab, denn ich wollte nicht alles, was an den Schuhen haftete, ins Haus tragen.

„Wohnt hier eigentlich noch jemand anders?“, hörte ich Ari hinter mir fragen, „ich hab außer euch noch niemand gesehen?“

„Nein, wir sind die einzigen Einwohner. Das Haus wurde erst einer Komplettsanierung unterzogen und  dann wieder vermietet“, erklärte ich.

Kim schloss die Haustür und klopfte den gefallenen Schnee von seiner Jacke.

„Sind alle Wohnungen gleich?“, fragte Ari, der mit der gesunden Hand durch sein Haar rubbelte.

„Nein, ich habe die größte Wohnung ganz oben. Alexanders Wohnung hat ein Zimmer weniger, dafür aber eine Einzimmerwohnung auf dem Stockwerk und hier unten sind zwei gleichgroße Wohnungen“, antwortete ich und zeigte auf die zwei Türen, beim Aufzug.

„Der ist hin“, sagte Kim, der schon zum Aufzug gelaufen war.

„Was?“, schaute ich irritiert.

„Wegen Betriebsstörung gesperrt, bitte verwenden sie die Treppe! …steht da“, meinte Kim und zeigte auf ein Blatt, dass auf den verschlossen Türen stand.

„Schon gestört, ich dachte, der sei neu!“, meinte ich und überflog die eben vorgelesenen Zeilen.

Kim hatte kehrt gemacht und befand sich bereits an der Treppe.

„Dann müssen wir wohl laufen.“

*-*-*

Natürlich war ich neugierig und schaute mir Alexanders Wohnung noch schnell an. Da wo ich meine Tür zum Schlafzimmer hatte, war bei Alexander eine Wand, sonst war sie ähnlich geschnitten.

Als wir endlich auf unserem Stockwerk angekommen waren, blieben wir verwundert stehen. Dort standen mehrere Kartons und versperrten den Zugang zur Tür.

„Wie ist das denn hier her gekommen?“, fragte Kim.

„Was ist das?“

„Das was wir bestellt haben…“, grinste mein Freund.

„Die Weihnachtsdeko?“

Kim nickte.

„Aber nicht nur, oder? Soviel haben wir doch gar nicht bestellt.“

„Ich bin mir da nicht mehr sicher…, was wir alles bestellt haben“, antwortete Kim und schob den ersten Karton zur Seite.

Ich tat esi hm gleich, bis wir an unsere Wohnungstür kamen, Nachdem wir aufgeschlossen hatte,, mussten wir dieselben Kartons noch einmal nehmen und in die Wohnung tragen. Hier drinnen war es noch ein tick wärmer, als draußen im Flur.

„Mit was fangen wir an?“, fragte ich.

„Ich ziehe mir erst etwas an.“

„Gute Idee“, grinste ich.

Es dauerte etwas, bis wir uns endlich mit den Kisten befassen konnten. Ich war noch im Bad, während Kim in der Küche Teewasser aufsetzte.

„Ist da auch der Fensterschmuck dabei?“, rief ich.

„Ich denke schon“, antwortete Kim.

Ich lief zu ihm in die Küche. Mein dicke Kleidung hatte Platzt gemacht für die üblichen Shorts, Shirt und dicke Socken.

„Du magst mich vielleicht für verrückt halten, aber irgendwie hätte ich jetzt schon Lust etwas Deko aufzuhängen!“, sagte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Er lächelte.

„Ist das kindisch?“

„Nein, mir geht es doch ähnlich.“

„In England ist nie so eine Stimmung aufgekommen und bei meinen Eltern hat meine Mutter das Schmücken übernommen.“

Mir fiel plötzlich ein, dass sie dieses Jahr, dafür sicher keinen Nerv hatte. Sie war alleine und musste gerade alles alleine bewältigen.

„Über was grübelst du schon wieder?“, unterbrach Kim meine Gedankenwelt.

„Was jetzt alles auf meine Mutter zu kommt.“

„Hat dir jemand geholfen, als du nach Island gezogen bist?“

Etwas missmutig schüttelte ich den Kopf.

„Naja Gordon vielleicht, aber das war eher moralische Unterstützung. Wie du dir denken kannst, war mein Befinden nicht das Beste.“

„Trotz der Aussicht einer neuen Dienststelle und von dort wegzukommen?“

Kim verteilte das Wasser in den Tassen.

„Da war der Zweifel, ob sich überhaupt etwas ändern könnte noch groß.“

„Hast du deswegen so komisch reagiert, als du am Anfang mit Alexander Streit hattest?“

Ich nickte ihm zu.

„Die Bilder in meinem Kopf sind einfach noch zu frisch und so schnell verblasst das nicht.“

„Verständlich! Was hältst du davon, wem wir uns einfach einen gemütlichen Abend machen und an einem anderen Tag auspacken?“

„Kommt gar nicht in Frage“, grinste ich, „dafür bin ich viel zu neugierig!“

*-*-*

Letztendlich hatten wir nur die Lichterbögen für Fenster zur Straße ausgepackt, alles andere blieb in den Kartons, solange der Tannenbaum nicht stand. Wir wollten uns gerade auf der Couch niederlassen, als es an unserer Wohnungstür klopfte.

Verwundert schaute mich Kim an.

„Kann nur Alexander oder Ari sein.“

Ich zuckte mit der Schulter und lief in den Flur.

„Komme!“, rief ich laut und zog dabei die Wohnungstür auf.

Davor fand ich Ari.

„Ähm… hallo… hättet ihr noch ein paar … Teebeutel für uns?“

Ich hob meine Augenbrauen an und schaute ihn durchdringend an.

„Teebeutel?“, fragte ich.

Ari nickte.

Ich fasste mich innerlich und atmete aus.

„Ähm… bestimmte Sorte?“, fragte ich und drehte mich schon zur Küche.

„Was ist?“, hörte ich Kim aus dem Wohnzimmer fragen.

„Man benötigt Teebeutel!“, rief ich zurück.

„Hast du vielleicht Birkenblättertee da?“, fragte nun Ari, der nun hinter mir herlief.

„Haben wir!“, rief Kim aus dem Wohnzimmer.

„Was macht Alexander?“

„Streicht das Schlafzimmer.“

„Warum hat er es so eilig?“

Diese Frage kam von Kim, der nun auch in die Küche gelaufen kam.

„Er meint, er will noch vor Weihnachten umziehen“, antwortete Ari.

Ich suchte derweil nach diesem Lindenblättertee.

„War denn die Wohnung nicht renoviert, wie alles andere hier?“, fragte ich.

„Doch, aber Alexander gefallen die Farben der Zimmer nicht!“

Kim schob mich etwas zur Seite, griff zielsicher in die Teebox und zog eine Schachtel heraus.

„Hier!“, meinte Kim und reichte sie Ari.

„Danke“, sagte dieser und drehte sich wieder zum Ausgang.

„Warte, ich komme mit, dass möchte ich mir ansehen…“, meinte ich.

Kim sah mich fragend an.

„… ich muss mir nur etwas Wärmeres anziehen.“

Ohne auf eine Antwort von Ari zu warten sauste ich ins Schlafzimmer. Schnell war der Jogginganzug übergestreift und ich lief zurück in den Flur, wo immer noch Ari mit Kim stand.

Ich schnappte mir meine Schlüssel und folgte meinem jungen Kollegen.

„Was soll das?“, fragte Kim, als ich an ihm vorbei lief.

Ich stoppte.

„Sagen wir mal, ich habe da so ein komisches Bauchgefühl.“

„Ich komm nach…“, sagte Kim und ich setzte mich wieder in Bewegung.

Als wir Alexanders Flur betraten, roch es nach frischer Farbe. Schon der Eingangsbereich hatte eine andere Farbe bekommen. Das weiß der Wände von vorhin war verschwunden, der Haupttenor war nun grün und mit einem Braunton nach unten abgesetzt.

„Bin wieder da…“, rief Ari und lief Richtung Wohnzimmer.

„Hast du den Tee bekommen?“, hörte ich Alexanders Stimme.

„Ja.“

„Machst du gleich einen?“

„Ja, ach übrigens Eric ist mit herunter gekommen…“, antwortete Ari und lief zur Küchentür.

Dafür erschien Alexander im Flur.

„Ist etwas?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ari hat nur erzählt, dass du streichst…, es war doch alles frisch renoviert.“

„Dann hat dich die Neugier herunter getrieben?“

Ich nickte und Alexander lief ohne weitere Bemerkung ins Wohnzimmer zurück. Ich folgte ihm einfach. Im Türrahmen blieb ich stehen, denn ich war leicht geschockt, als die Wand gegenüber die Farben der Nationalflagge zierte.

Das dunkle Blau ließ den Raum etwas kleiner erscheinen. Im Flur fiel die Eingangstür ins Schloss und wenige Augenblicke später tauchte Kim neben mir auf.

„Krass!“, hörte ich ihn sagen, während Alexander gerade dabei war, die Abklebestreifen zu entfernen.

Hinter uns hüstelte es.

Ich drehte meinen Kopf und Ari stand hinter uns.

„Ich finde es schön!“, meinte er und drückte sich an uns vorbei.

„Hast du schon einen Termin für den Umzug ins Auge gefasst?“, wollte plötzlich Kim wissen.

„Am Freitag!“, antwortete Alexander, ohne uns anzusehen.

„Schon? Ähm wir helfen dir natürlich!“

Kim schaute zu mir und ich nickte.

„Nicht nötig, ich habe eine Umzugsfirma angeheuert!“

Warum bekam ich das Gefühl nicht los, dass hier etwas nicht stimmte. Ich blickte zu Kim und gab ihm einen Wink wegen Ari. Dieser verstand sofort.

„Ari, lass uns den Tee fertig machen!“, meinte Kim und zog ich Richtung Flur.

Ich dagegen näherte mich Alexander.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Er schaute mich kurz an, bevor er wieder seine Tätigkeit, Ordnung in das Chaos zu bringen, wieder aufnahm.

„Was soll schon mit mir sein?“

„Heute Mittag warst du fröhlicher…“

Er hielt in seiner Bewegung inne und atmete tief durch. Dann schaute er in die Luft.

„Mein Erzeuger hat sich an einem Weihnachtsabend umgebracht…und … jedes Jahr um die gleiche Zeit bekommt meine Mutter ihren Moralischen!“

Shit, das war natürlich nicht gut!

„… sie …sie hält nach all den Jahren und egal was er gemacht hat, immer noch zu ihm.“

Der große starke Mann vor mir, wirkte plötzlich klein und zerbrechlich.

„… ich… versteh es nicht! Ist es ihr egal, was er mir angetan hat?“

„Sie weiß es?“

„… sie hat ihn dabei erwischt…, es mit eigenen Augen gesehen…“

„Wie … hat sie darauf reagiert?“

„Sie hat geschrien… und mein Vater rannte aus der Wohnung. Stunden später haben wir erfahren, dass er mit dem Wagen voll in einen Betonfeiler gerast war.“

Darauf wusste ich jetzt nichts zu sagen. Aus der Küche waren Aris und Kims Stimme zu hören.

„Die Bilder verblassen nicht, … dafür sorgt jedes Jahr meine Mutter. Eric, ich halte das einfach nicht mehr aus…!“

„Deswegen dieser plötzlich überstürzte Auszug?“

Alexander nickte.

„Was ist mit deiner Schwester, von der Kim erzählt hat?“

„Die hat es richtig gemacht und das Weite gesucht ist ausgezogen und vor und zu Weihnachten lässt sie sich nicht mehr blicken.“

„Und was hat dich bisher zu Hause gehalten.“

Alexander schien kurz zu überlegen.

„… dachte ich muss meine Mutter unterstützen, ihr helfen… Ich kann einfach nicht mehr… ich habe mein Limit schon lange überschritten.“

„Verständlich!“

„… und da ist dann noch Ari. Bei ihm fühl ich mich wohl, denke nicht an die Vergangenheit… Seine Liebe ist so… pur… so unbedarft…In mir kommen plötzlich Gefühle zum Vorschein, die ich schon lange abgeschrieben habe.“

Aufs Stichwort kamen Kim und Ari zurück und mit Teetassen beladen.

 

 

 

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