Ein Schritt nach vorne – Teil 15

Kapitel 58

Perplex blieb Nico noch einen Moment sitzen, machte sich dann aber grübelnd auf den Heimweg.

Warum war Basti nur so abrupt verschwunden? Und seine letzten Bemerkungen waren auch mehr als kryptisch. Er hatte kein Problem damit, dass David und er ein Paar waren, konnte aber nicht mehr Davids Freund sein? Warum nur? Irgendwie fand Nico das ziemlich schräg und konnte es sich immer noch nicht erklären, was zwischen den beiden vorgefallen war.

Plötzlich schreckte Nico aus seinen Gedanken auf. Denn jetzt realisierte er, wo er sich befand. Eigentlich wollte er ja eine Querstraße weiter gehen, um nicht an Davids Haus vorbei zu müssen, doch so in Gedanken versunken, hatten ihn seine Füße den gewohnten Weg einschlagen lassen und nun stand er nur wenige Meter davon entfernt. Der blaue VW Polo stand in der Einfahrt und in Nico kämpften die Wut mit sich selbst und das Verlangen, David zu sehen um die Oberhand.

Er konnte schon fast körperlich spüren, wie es ihn zur Eingangstür zog und gab dem nur wenig widerwillig nach. Zögerlich ging er auf sie zu und stand unsicher davor. Sollte er klingeln? Was sollte er sagen? Würde David ihn überhaupt sehen wollen? War er vielleicht gar nicht allein?

Innerlich verwünschte er sich für seine dumme Idee, her zu kommen. Sicherlich war David nicht allein und wenn, dann wollte er ihn sicher nicht sehen, nach dem, was er ihm gestern an den Kopf geworfen hatte.

Resignierend wollte er sich gerade umdrehen um unverrichteter Dinge nach Hause zu gehen, als die Tür geöffnet wurde und Gisela ihm gegenüber stand.

„Nico, warum kommst du nicht herein?”, lud sie ihn freundlich ein. Er wollte schon dankend ablehnen, da zog sie ihn sanft am Arm hinein.

„Gisela ich… ich muss eigentlich nach Hause”, versuchte er, sich dagegen zu wehren, doch Davids Mutter ließ nicht locker.

„Was ist bloß los zwischen euch beiden? David hat seit gestern Mittag nichts mehr gegessen und sich in seinem Zimmer verbarrikadiert und du stehst eine halbe Ewigkeit vor der Tür und traust dich nicht zu klingeln?” Resolut stemmte sie ihre Arme in die Hüften.

„Gisela, ich… kann ich nicht einfach nach oben gehen?”, fragte er eingeschüchtert und fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut. Denn er wusste, auf ihren Sohn würde Davids Mutter nichts kommen lassen und sie verstand es sehr gut, ihm das Gefühl zu geben, dass er etwas falsch gemacht hatte.

Doch sie lächelte nur und ließ ihn weiter durch.

„Geh nur. Vielleicht lässt er dich ja herein. Ich denke, ihr habt irgendetwas zu klären, so wie du gestern los gestürmt bist, ohne dich zu verabschieden”, meinte sie und Nico fragte sich, was sie über ihren Streit wusste.

Unter ihrer Beobachtung zog er sich die Schuhe aus und stieg dann, mit einem komischen Gefühl im Bauch, leise und langsam die Treppe zu Davids Zimmer empor.

Noch bevor er klopfte, klang ein ärgerliches „Lasst mich doch einfach in Ruhe!” durch die Tür, obwohl Nico nicht einen Mucks gemacht hatte.

„David”, sprach Nico in einem bittenden Ton, „ich bin es.”

„Nico?”, kam es verwundert von drinnen.

War es auch vorher im Zimmer sehr ruhig, setzte jetzt hektisches Rascheln ein, gefolgt von dumpfem Tapsen auf dem Laminat. Dann wieder ein Rascheln, gefolgt von kurzem Klimpern. Jetzt wurde der Schlüssel im Schloss gedreht und die Tür ging auf.

Vor Nico stand ein verstört drein blickender David, den er am liebsten gleich ins Bett gezerrt hätte. Seine Haare standen verstrubbelt nach allen Seiten ab. Über seine linke Wange zog sich ein Druckstreifen vom Kissen, auf dem er gerade noch gelegen haben musste. Sein Oberkörper, sowie die muskulösen Arme waren frei und tief auf den Hüften hing seine ausgewaschene Lieblingsjeans, nur notdürftig mit einem Gürtel gehalten. Seine Füße waren ebenfalls nackt.

Nico stand mit halb offenem Mund vor David, als wären ihm die Worte im Halse stecken geblieben.

„Was machst du denn hier?”, fragte David immer noch überrascht und löste Nico damit aus seiner Starre.

„Ähm… ich wollte mit dir reden”, antwortete er schüchtern. „Darf ich vielleicht rein kommen?”

„Oh”, brachte David nur hervor, „klar” und trat einen Schritt zur Seite um Nico einzulassen.

Dieser trat bis in die Mitte des Zimmers und wusste nicht ob er sich setzen sollte, wo er sich setzen sollte und wie er anfangen sollte, denn dank seiner Kurzentschlossenheit hatte er sich nicht einmal überlegt, was er eigentlich sagen wollte.

Der Raum sah ganz schön verwüstet aus. Auf dem Boden lagen überall Bücher und Krimskrams verstreut, einige Figuren lagen umgekippt in den Regalfächern und vor dem Bett lag die zerwühlte Decke.

„Was ist denn hier passiert?”, fragte Nico, nachdem er sich schweigend umgesehen hatte, während David die Tür schloss.

Verlegen strich David sich durch die Haare: „Ich glaube, ich hab ein bisschen gewütet, als ich heute morgen wach geworden bin”, gab er kleinlaut zu und machte sich daran, ein paar Romane aufzuheben.

„Setz dich doch”, deutete er, mit den Büchern in der Hand, auf die Couch, um die die zugehörigen Kissen wild verstreut lagen.

Skeptisch ging Nico Richtung Sofa, blieb aber am Regal stehen und stellte gedankenverloren die kleinen Onyx- und Alabasterskulpturen wieder aufrecht hin, während David hektisch begann, die Bücher wieder an ihre Plätze zu verfrachten.

„David, hör auf”, unter brach Nico ihn nach ein paar Minuten, in denen er unaufhörlich hin und her gerannt war und chaotisch angefangen hatte, ein paar Sachen wieder aufzuräumen. „Du machst mich ganz kirre mit deiner Nervosität.”

„Eigentlich wollte ich mit dir reden, anstatt dir beim Chaos beseitigen zuzusehen”, fügte er hinzu und abrupt blieb David stehen, wo er war. Vor Schreck rutschten ihm einige Bücher aus der Hand und fielen laut polternd wieder zu Boden.

Verlegen guckte er ihn an. „Ich bin so ein Idiot!”, murmelte er und ging in die Knie um die Bücher wieder aufzuheben, doch mit nur wenigen Schritten war Nico bei ihm, hockte sich vor ihn und nahm sanft Davids Gesicht in seine Hände.

„Sieh mich an”, forderte er ihn auf. „Lass den Kram liegen und komm zu mir.”

Nico ließ ihn wieder los und erhob sich.

David hätte am liebsten los geweint, so sehr hatte er diese kurze Berührung genossen. Immer noch fürchtete er, es könnte die Letzte sein. Überhaupt fürchtete er sich davor, was jetzt kommen würde. Hatte Nico nachgedacht und würde jetzt ihre Beziehung endgültig beenden? Hatte er vielleicht noch einmal mit Ulli geredet und die ihm weitere Lügen aufgetischt?

Nico saß schon auf der Couch, deren Kissen er aufgehoben und fein säuberlich wieder darauf drapiert hatte. Erwartungsvoll sah er David an, der unsicher, langsam auf ihn zu kam und sich vorsichtig, mit etwas Abstand, neben ihn setzte. Er wusste nicht, wie er das deuten sollte und David wollte ihm nicht zu sehr auf die Pelle rücken, weil er Angst hatte, ihm zu nahe zu treten.

„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll”, begann Nico und sah David fordernd von der Seite an.

„Sag es einfach”, murmelte David.

„Was sagen?”, fragte Nico überrascht.

„Dass du mich nicht mehr willst, nachdem, was passiert ist”, gab er niedergeschlagen zurück.

Nico seufzte hörbar und fuhr sich mit den Händen durch sein Gesicht. „David, hör auf. Du weißt genau, dass es nicht so ist. Ich war nur so verletzt”, widersprach er ruhig.

„Nein, ich hab dir unendlich weh getan, weil ich nicht von Anfang an ehrlich zu dir war. Du hast allen Grund, nichts mehr mit mir zu tun haben zu wollen.”

David hatte sich in die Lehne fallen gelassen und seufzte tief. Warum sagte Nico nicht endlich, dass es aus war und ging? Musste er es ihm noch schwerer machen?

„David, du sollst mir zuhören, gefälligst!”, brauste Nico auf und wand sich ihm zu: „Ich liebe dich und brauche dich. Du hast mich verletzt und ich wusste nicht, ob ich dir glauben kann, weil ich dachte, du hättest mein Vertrauen missbraucht, aber Scheiße… wenn du mich noch willst, dann zeig es mir. Bitte!” Nico holte kurz Luft.

„Ich meine, sieh dir das hier an”, er deutete auf die immer noch verstreuten Sachen, die überall herum lagen. „Was ist bloß los mit dir?”

Nico konnte nicht mehr. Schon Davids Körper, wie er da auf dem Sofa saß, mit freiem Oberkörper und solch einem traurigen Blick. Alles in ihm schrie danach, sein Ein und Alles berühren zu können, doch ohne eine kleine Geste von David ging es einfach nicht. Zu leicht konnte und wollte er es ihm nicht machen und so angeschwiegen werden oder die Hoffnungslosigkeit entgegen geschmettert zu bekommen, war nicht das, was ihm den letzten Mut gab, das zu tun, was er am liebsten tun würde.

„Ich bin nicht gut für dich, Nico. Such dir jemanden, der weiß, was er will und der dich so auf Händen trägt, wie du es verdienst”, antwortete David jedoch nur emotionslos und das gab Nico den Rest. Er hatte geglaubt, David würde ihn lieben, würde, wenn er selbst den ersten Schritt machte, alles wieder vergessen machen. Er war bereit gewesen, ihm zu verzeihen und diesen blöden Ausrutscher einfach zu vergessen, aber jetzt schien es so, dass David ihn nicht mehr wollte.

Niedergeschlagen stand er wortlos auf, ging zur Tür und nahm grußlos den gleichen Weg wie gestern um die ähnliche Zeit. Nur war er diesmal leise, verabschiedete sich Pflichtbewusst von Gisela und ging gleich nach Hause.

Seiner Mutter ging er aus dem Weg, als er zu Hause ankam. Er legte sich nur auf sein Bett und fühlte sich leer. Er schaute an die Zimmerdecke und sah sie nicht. Er hatte nicht einen Gedanken, der in seinem Kopf Unruhe stiftete, fühlte sich nur allein, enttäuscht und müde.

Kapitel 59

Als Nico gegangen war, brach Davids Fassade zusammen. Er wusste, dass er Nico gerade noch viel mehr verletzt hatte, als dieser dumme Kuss es vermocht hatte. Doch er wollte einfach nicht, dass er Nico noch ein Mal so enttäuschte. Das konnte er ihm einfach nicht antun.

Dass Nico gegangen war, war nur gut für ihn, auch wenn es David das Herz zerriss, ihn gehen zu sehen und zu wissen, dass er diesmal nicht zurückkommen würde.

Gestern Abend war David recht früh eingeschlafen. Zu sehr hatte ihn der Tag aufgewühlt und der Streit ihn ausgelaugt.

Er hatte einen wundervollen Traum. Nico und er lagen allein auf einer Wiese im Sonnenschein und hatten nur Augen für einander. Sie redeten, streichelten sich gegenseitig und liebten sich ausgiebig und zärtlich. David war unendlich glücklich gewesen und als er langsam aus dem Schlaf driftete, hatte er noch das Gefühl, Nicos Lippen auf seiner Haut zu spüren.

Doch dann realisierte er, dass er allein in seinem großen Bett lag und sein Schatz wohl auch nie wieder neben ihm aufwachen würde.

Zuerst hatte er angefangen zu weinen, dann hatte er sich umher gewälzt, auf sein Kissen ein geprügelt und zu guter Letzt, sein komplettes Zimmer verwüstet.

Völlig entkräftet war er zusammen gebrochen und konnte sich lange nicht beruhigen, bis er sich in einem tranceartigen Zustand auf das Bett fallen ließ.

Dort hatte er gelegen, sich selbst Vorwürfe gemacht und sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass Nico auftauchen würde, damit er ihn in seine Arme schließen konnte.

Seine Mutter war ein paar Mal nach oben gekommen und hatte geklopft und versucht, ihn dazu zu bringen, die Tür zu öffnen oder ihr wenigstens zu sagen, was los sei. Sie hatte wirklich besorgt geklungen, doch David wollte mit niemandem reden. Würde er es erst einmal erzählen, es in eigene Worte fassen, wäre es so viel realer und unwiderruflich wahr, dass er alles zerstört hatte. Solange er es nicht aussprach, so hatte er das Gefühl, gab es noch Hoffnung, auch wenn er selbst einsehen musste, dass das nur der Strohhalm war, an den er sich klammerte und der bald zerbrechen würde.

Als Nico die Treppe empor gekommen war, hatte er nur eine Bewegung durch die Blaue Glasbausteinwand an der Treppe zu seinem Zimmer wahrgenommen und war davon ausgegangen, seine Mutter würde einen weiteren Versuch unternehmen, ihn aus dem Raum zu locken, also fuhr er sie an, sie solle ihn in Ruhe lassen. Doch dann hörte er seine Stimme und war für einen Augenblick wie gelähmt. Für einen Moment dachte er, sein Gehirn würde ihm einen Streich spielen, doch dann fiel ihm auf, dass seine Stimme viel zu real klang und nur den Bruchteil einer Sekunde später verfiel er in Panik.

Er lag immer noch da, wie er eingeschlafen war – nackt. So wollte er Nico jetzt auf keinen Fall unter die Augen treten. Nicht jetzt.

Hektisch griff er die Jeans von gestern, die er vor dem Bett fand und streifte sie sich so schnell wie möglich über.

Als er dann die Tür öffnete, blickte er in das lieblichste Gesicht, das er sich vorstellen konnte. Nico war gekommen um ihn zu sehen, um mit ihm zu reden – und ganz sicher, um ihm zu sagen, dass es aus war. Dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Dass er zu verletzt war. Dass er ihm nicht verzeihen konnte, weil er zu verletzt war.

Er ließ ihn trotzdem ein und im gleichen Moment, als Nico durch die Tür getreten war, fiel David wieder ein, wie es bei ihm aussah. Wie nach einem Tornado lag sein Zimmer im Chaos. Hektisch begann er, ein paar Bücher aufzuheben und herum zu wuseln. Um wenigstens ein bisschen Ordnung zu schaffen, bis Nico ihn anfuhr, er wäre nicht gekommen, um ihm beim Aufräumen zuzusehen.

Als er dann auf ihn zu kam und Davids Gesicht in seine Hände nahm, war es wie ein Traum. Einen winzigen Augenblick lang überschwemmte ihn die Gewissheit, dass alles wieder so werden könnte wie es war, doch dann drängte sich ein anderer Gedanke in sein Bewusstsein. Würde so etwas noch einmal passieren können oder konnte er Nico garantieren, dass er ihm nie wieder weh tun würde?

Und das, so wusste er, ohne lange nachdenken zu müssen, konnte er nicht. War es nicht besser, ihn dann freizugeben, solange er wütend auf ihn war? So würde es wenigstens ihm nicht so schwer fallen.

Er konnte Nico das nicht noch einmal antun, den verletzten Ausdruck in seinen schönen Augen wollte er nie wieder sehen und dann auch noch wissen, dass der Schmerz seine Schuld war.

Es fiel David schwer, Nicos flehendem Ton nicht zuzuhören, doch er blendete ihn einfach aus, hörte gar nicht, was er sagte, bis er fort war. Niedergeschlagen war er gegangen, aber so, würde er sicher über ihn hinweg kommen. Er würde jemanden finden, der ihn so liebte, wie er es verdiente und ihn auf Händen trug.

Apathisch begann er sein Zimmer weiter aufzuräumen.

Ausdruckslos und stumm setzte er sich abends zu seinen Eltern an den Tisch. Seine Mutter bemerkte zwar, dass irgendetwas überhaupt nicht stimmte, doch sie sprach ihn nicht darauf an.

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