Ableitungen und ähnliche Unfälle 2 – Teil 11

Josh

Ich lag mit offenen Augen im Bett und starrte zur Decke. Heute war der große Tag, Out Now! hatte seinen ersten großen Auftritt in der Stadthalle. Den Wecker hörte ich nur am Rande und auch, dass er schnell wieder verstummte. Die warme Hand auf meiner Brust brachte mich in die Realität zurück.

„Guten Morgen, mein Schatz.“ Florian lächelte mich verschlafen an.

„Guten Morgen, Flo.“ Ich griff nach seiner Hand.

„Du bist nervös, oder? Dein Herz klopft ziemlich schnell.“

„Da werden über 400 Menschen sein. Das sind … eine ganze Menge.“

Er zog mich in seine Umarmung und küsste meinen Hals.

„Du schaffst das schon. Ihr seid alle echt gut und Deine Stimme ist der Hammer. Was soll da noch schief gehen? Ich bin ja auch noch da, hinter der Bühne und werde Dich unterstützen.“

„Weißt Du, vor nicht langer Zeit, da war ich noch ein unglücklicher Hetero. Und jetzt stehe ich kurz vor einem gewaltigen Outing, im gesamten Landkreis, mit den anderen zusammen. Das ging alles so schnell. Ich kann froh sein, dass ich noch keinen Herzkasper vor Aufregung hab“, grinste ich.

„Unmöglich“, grinste er, „dafür bist du eindeutig zu jung und gesund.“

Meine Finger spielten mit seinen und schlossen sich noch ein wenig fester um sie. „Du hast glücklich vergessen.“

Er belohnte mich mit einem Kuss, kurz bevor er mir mit dem Zeigefinger der freien Hand in die Rippen piekte.

„Du musst aufstehen, sonst kommen wir am Ende noch zu spät.“

„Und was ist mit Dir?“, beschwerte ich mich.

„Ich warte auf den Kaffee“, grinste er zurück.

„Alter Sklaventreiber!“ Ich revanchierte mich mit einem Gegenpiekser.

Er lachte auf und quälte sich dann aus unserer Umarmung.

„Na gut, ich geh schon mal ins Bad. Wärst du so lieb und bereitest deinen leckeren Kaffee vor, Schatz?“, flötete er zuckersüß.

„Na geht doch“, zwinkerte ich ihm zu.

Damit war die Kuschelstunde endgültig beendet und wir rafften uns auf.

Dominik

Mehrere, sehr brutal geführte, Hammerschläge trafen meinen Kopf. So in etwa fühlte sich das zumindest an. Ich wachte einsam und verlassen in Peters Bett auf, mit dröhnenden Kopfschmerzen und ein Abbruchkommando tobte mit infernalem Lärm durchs Haus. Ich seufzte kurz gequält auf. Scheinbar wohl zu laut, denn sofort flog die Tür auf und knallte ohrenbetäubend an die Wand. Peters Kopf tauchte auf und sah mich entschuldigend an.

„Sorry, die Hektik von Alex ist ansteckend. Hast du Kopfweh?“

Ich setzte meine überzeugendste Leidensmine auf und nickte leicht, was ich jedoch gleich wieder bereute.

Peter lächelte. „Okay, hab ich mir schon gedacht. Du hast gestern etwas zu heftig vorgefeiert.“

Wie durch Zauberei hielt er plötzlich ein Glas in der Hand, mit einer trüben und sprudelnden Flüssigkeit. Er überwand mit ein paar schnellen Schritten die zwei Meter zum Bett und küsste meine Stirn. „Hier, trink das, dann geht es dir bald besser.“

Im Nebenzimmer knallte es. Entweder war etwas umgefallen, oder Alex war geplatzt. Eigentlich war mir das im Moment egal, es fühlte sich wieder wie ein Schlag mit dem Schmiedehammer an. „Shit!“ tönte es mit Alex Stimme durch die Wand. Also dann war er wohl nicht explodiert.

Peter blickte mitleidig auf mich herab.

„Ich werde meinem Brüderchen mal wieder helfen und … versuchen ihn zu beruhigen. Bis gleich.“

Er deckte mich fürsorglich zu und gab mir einen weiteren Kuss. Noch bevor er die Tür schließen konnte, dröhnte ein geschrieenes „ALEX!“ nach oben. Doros Stimme entfaltete dabei die Kraft einer Atomexplosion. Mein Paps redete, zwar deutlich leiser aber hörbar, beschwichtigend auf sie ein. Vermutlich war in einem der Drinks ein Hunde-Gen-Mix enthalten und hatte die Empfindlichkeit meiner Ohren auf ein unerträgliches Maximum erhöht.

Im Nebenzimmer wurde es jedoch angenehm ruhig. Peters Stimme drang leise aber energisch durch die Wand und befahl Alex sich hinzusetzen. Dann hörte ich Schritte auf der Treppe, stark und gleichmäßig, so bewegte sich eigentlich nur Paps. Zeitgleich öffnete sich die Tür vom Nebenzimmer und wesentlich leichtere Schritte, eindeutig Peter, bewegten sich auf Paps zu und trafen sich vor meinem Zimmer. Ich kam mir vor wie ein Superheld und musste, wenn auch widerwillig, grinsen.

Peter zischte ein leises ‚Pssssscht’ und ich konnte beinahe fühlen, wie beide nickend auf meine Tür starrten. Peter bewegte sich dann leise nach unten und Paps schlich behutsam zu Alex. Die Bodendielen knarrten. Die ganze Situation war einfach absurd und der Krach nervtötend. Grummelnd kämpfte ich mich aus dem Bett, wickelte mich in die Bettdecke und stiefelte ins Bad.

Kurz darauf flogen die Bettdecke und meine Shorts in die Ecke und kaltes Wasser prasselte auf mich herab. Vor lauter Ärger über den Lärm hatte ich die Kopfschmerzen völlig vergessen und selbige hatten sich in Luft aufgelöst. Nur fünf Minuten später, nach ausgiebiger Mundhygiene, gegen den ranzigen Pelzgeschmack auf der Zunge, verhüllte ich mich wieder mit der Bettdecke und stiefelte zurück ins Zimmer, wo ich mir frische Klamotten aus dem Schrank fischte.

Ich entschied mich für meine schwarze Lieblingsjeans, ein weißes Shirt und eine taillierte schwarze Weste. Grinsend streifte ich noch meine Snoopysocken über die Füße und tappte nach unten in die Küche. Peter erwartete mich schon und zog mich energisch auf einen freien Stuhl. Er zauberte eine Tasse mit Kaffee, ein Schinkenbrötchen mit ganz viel Butter, so wie ich es mochte und ein XL-Frühstücksei auf den Tisch. Schon war er wieder weg und hantierte an der Saftpresse herum, die gerade gierig vier Orangen verschlang.

Ich beobachtete seinen süßen Hintern, der durch die enge Jeans wunderbar betont wurde, und mir fielen spontan viele Dinge ein, die ich gerne mit ihm angestellt hätte. Peter drehte sich um und bemerkte meinen verträumten Blick. Ich wurde rot und er stellte grinsend ein Glas mit O-Saft vor mir ab, bevor er sich dann, endlich, mit einer Tasse Kakao neben mich setzte. Seine Lippen näherten sich meinem Ohr und der warme Atem kitzelte mich.

„Was immer du auch gerade gedacht hast, heute Abend wäre eine gute Gelegenheit.“ Seine Zähne neckten mein Ohrläppchen und es kribbelte in meinem Bauch … und darunter. „Allerdings nur dann, wenn du jetzt brav frühstückst und heute Abend nüchtern bleibst.“

„Das ist Erpressung!“ Meine Stimme war heiser und rau.

„Nö, es ist ein Versprechen.“

Grinsend rückte er ein bisschen ab und schlürfte genüsslich an seinem Kakao.

Mit der trauten Zweisamkeit war es dann aber bald vorbei, als nach und nach Doro, Paps, Alex und Linda in der Küche erschienen und die Zeiger der Uhr sich unaufhaltsam in Richtung Abfahrt bewegten.

Florian

Josh hatte ein wirklich leckeres Frühstück zubereitet, während ich mir den Schlaf aus den Knochen duschte. Die Schulter schmerzte heute wieder etwas. Seit sich bei dem Unfall eine Muskelgruppe verhärtet hatte kam dieses öfters Mal vor. Aber Josh kümmerte sich, in der Regel, mit einer entspannenden Massage darum. Nur heute musste es warten. Mein Schatz schob sich eilig an mir vorbei und hüpfte selber unter die Dusche. Kommissar Grüner, beziehungsweise Manfred, wie wir ihn neuerdings nennen durften, hatte sich einen kleinen zivilen Bus seiner Dienststelle ausgeliehen und würde uns bald abholen.

Das Konzert war zwar erst am Abend, aber die Jungs hatten natürlich eine Menge vorzubereiten und sie wollten sich zudem warm spielen. Die Presse würde vor Ort sein, also hatten wir auch mit Interviews zu Rechnen. Wir hofften allerdings, dass wir unsere Beziehung weitestgehend geheim halten konnten. Auch Baumann war wegen der Schüler-Lehrkörper Thematik recht verhalten. Es würde schon irgendwie schief gehen.

Ich schob diese Gedanken beiseite und biss lächelnd in das Backbrötchen. Josh ging bemerkenswert tapfer mit der Situation um, vom heutigen Lampenfieber mal abgesehen. Die Erinnerung an unsere Anfänge drängte sich mir in den Kopf, seine Unsicherheit, die Mutlosigkeit bis hin zur Selbstaufgabe und der wackelige Notenstand in einigen Fächern. Jetzt war er kaum noch wieder zu erkennen. Die schulischen Leistungen waren mittlerweile erstklassig und das neue Selbstbewusstsein strahlte in seine äußere Schönheit hinein.

Das Geräusch der Badezimmertür drang in meine stillen Gedanken und Josh huschte an der Küche vorbei, nicht ohne mir einen liebevollen Blick zu schenken. Meine Augen sogen jedes Detail von ihm auf, das weiße flauschige Handtuch um seine leicht gebräunten Hüften, den vom Duschen erhitzen Körper und seine schwarzen Haare, die noch leicht feucht und wirr von seinem Kopf abstanden.

Kurze Zeit später flitzte er wieder ins Bad und brachte seine Haare in Form. Dann stand er vor mir und ich musterte ihn. Eine hellblaue Jeans, die seinen Hintern extrem gut betonte und ein enges, grau-blaues Shirt, welches ich gerne an ihm sah, da es immer etwas von seinem Bauch preisgab, wenn er sich streckte.

„Kann ich so gehen?“

„Du siehst zum Anbeißen aus, Liebling“, nickte ich anerkennend.

„Danke.“

Er lächelte erleichtert. „Alex hat eben geschrieben. Sie werden in ungefähr dreißig Minuten hier sein. Also müssen wir Gas geben.“

Wir beendeten das Frühstück und schnappten uns noch etwas zu trinken, für unterwegs. Eine halbe Stunde nach der SMS standen wir pünktlich vor der Tür und warteten. Josh war wieder deutlich nervös und ging ein Stück auf die Straße, um die leichte Kurve besser einsehen zu können.

Hinter seinem Rücken heulte ein Motor auf und ein schwarzer Golf näherte sich mit erhöhter Geschwindigkeit. Der Fahrer fuhr deutlich auf der Gegenspur und hielt auf Josh zu. Zeitgleich ertönte aus der Kurve eine Hupe.

Luka

„Guten Morgen, mein Schatz!“

Hendrik hatte eine Tasse Kaffee auf meinen Nachtschrank gestellt und war gut gelaunt. Seit meinem Outing bei Mum und Dad konnte er schließlich auch bei mir schlafen.

Seither war er auch deutlich unverkrampfter, so dass wir uns näher waren, als je zuvor. Das hatte den positiven Nebeneffekt, dass meine Lust auf Domis unverbindliche und lockere Leidenschaft verebbt war. Das hatte ich jetzt auch, zusammen mit dem Gefühl wahrer Liebe und Zusammengehörigkeit.

Und das alles durch die Band, den Wahnsinn an der Schule und den vorbildlichen Harmoniedrang von Baumann und Leuten wie Alex. Out now, wie passend. Ich lachte auf.

„Ach Süßer, hätte ich nur vorher geahnt, wie einfach und schön es schon lange hätte sein können. Ich muss dir wirklich danken, dass du trotzdem zu mir gehalten hast.“

Hendriks Gesicht färbte sich rötlich und ging nahtlos in ein freches Grinsen über.

„Ihr alten Knacker braucht wohl einfach ein bisschen länger, bevor ihr was kapiert.“

„Herr van Baas, spüren Sie nun die geballte Übermacht der zwei Jahre Unterschied!“

Mit einem Kampfschrei riss ich ihn zu mir auf die Matratze und startete eine unerbittliche Kitzelattacke. Hendrik schnappte schon bald nach Luft, als er vor lauter Lachen kaum noch zum Atmen kam. Doch das Spiel fand ein abruptes Ende, als ein heftiges Klopfen die Stimme meiner Mutter begleitete.

„Jungs, ich will nicht wissen was ihr da treibt, aber beeilt euch, sonst kommt ihr zu spät zum Treffpunkt. Und wollte Hendrik nicht vorher noch kurz nach Hause?“

Ich erschrak beim Blick auf die Uhr.

„Oh shit“, flüsterte ich. „Mum, du kannst ruhig reinkommen, wir machen nix.“

Ich konnte ihren Tonfall nicht richtig deuten und befürchtete, dass sie vielleicht doch ein Problem mit mir hatte.

Sie öffnete die Tür und trat grinsend ein.

„Na dann, ich hätte mir sonst was überlegen müssen, wenn ihr nachts auch so laut wärt.“

Hendrik und ich sahen uns ziemlich verlegen an, dass Thema war irgendwie peinlich.

„Und mach bitte das Fenster auf, es riecht hier wie in einem Raubtierkäfig“, fügte sie hinzu und verließ uns schmunzelnd.

„Du wildes, animalisches Raubtier, friss mich!“, kicherte Hendrik.

Ich knurrte gespielt und gab ihn wieder frei, damit meine Hand zur Tasse konnte und der Kaffee in meinen Magen.

Eine viertel Stunde später standen wir frisch geduscht und vollständig angekleidet in der Küche, wo meine Mum uns noch ein kleines Fresspaket für die Fahrt in die Hand drückte.

Bald darauf saßen wir in meinem Diesel und fuhren los.

Es dauerte auch nicht lang, da parkte ich bereits vor dem Anwesen der Familie van Baas, eine schmucke kleine Villa im Jugendstil. Sie war seinerzeit relativ renovierungsbedürftig und Hendriks Eltern konnten sie bei einer Zwangsauktion ziemlich günstig ersteigern. Er hatte mir erzählt, dass sie fast anderthalb Jahre daran arbeiten mussten, bis sie wieder in einem perfekten Zustand war. Der Vorbesitzer hatte sie völlig zugemüllt und verwahrlost hinterlassen, als die Stadt, wegen einer hohen Summe an ausstehenden Steuern, die Räumung veranlasste.

In eben diesem Haus verschwand er auch und besorgte sich seine Glücks-Bassgitarre. Dann saß er auch schon wieder bei mir und seine Mutter winkte uns von der Tür aus nach. Als ihr zukünftiger Schwiegersohn hatte ich ziemlich gute Karten, wir mochten uns.

Wir fuhren durch die Stadt, in Richtung Autobahn, als uns plötzlich zwei Polizeiwagen und ein Rettungswagen schnitten.

„Du, Luka, das ist doch die Straße wo Josh und Florian wohnen.“

„Wollen wir noch eben bei den Beiden vorbei?“

Hendrik nickte und ich setzte den Blinker. Wir folgten der leichten Kurve und ich trat vor Schreck auf die Bremse. Der Rettungswagen und die Streifenfahrzeuge parkten vor Florians Haus. Kommissar Grüner diskutierte wild gestikulierend mit einem Notarzt, der sich gerade um Simon Warnebrink kümmern wollte, welcher sich mit ausdrucksloser kalter Miene gegen sein Auto lehnte, dass er gegen die Mauer vor Florians Haus gesetzt hatte. Dieser lehnte sich gegen einen Transporter und sah blass aus.

Aber wo war Josh?

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