Lebenspartner auf Umwegen – Teil 4

4. Enrico – Unter Druck

Noch einmal zog der Tag an mir vorbei.

Irgendwie war ich heute mit dem linken Fuß aufgestanden. Es fing damit an, dass ich verschlafen hatte. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich den Wecker nicht gehört oder der hatte gar nicht erst geschellt. Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären. Seit mindestens zehn Jahren war mir so etwas nicht mehr passiert.

Carsten hatte mich gestern Abend angerufen, er könne mir heute nicht freigeben. Es gab Probleme mit der Präsentation. Wenigstens bis mittags würde ich brauchen, um noch einiges zu überarbeiten. Na das passte ja. Micha wollte um kurz nach eins mit dem Zug ankommen, dann müsste ich mich eben beeilen und bei der Arbeit einen Zahn zulegen, wie man so sagt. Auf gar keinen Fall konnte ich das Carsten abschlagen. Er war nur 4 Jahre älter als ich und ein fantastischer Chef – und Freund. Erst vor einigen Jahren hatte sich Carsten selbständig gemacht und der Laden lief sehr gut, ich konnte mich über mein Einkommen nicht beklagen.

Zuerst hatte ich sogar vermutet, Carsten könne ebenso schwul sein – wie ich –, aber spätestens als ich ihn zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern privat erlebte, war ich mir sicher, dass dem nicht so war. Carsten musste man einfach schätzen, ich brachte ihm echte Loyalität entgegen, denn er war immer freundlich, charmant und absolut fair, ja, er stand für die Firma und seine Mitarbeiter ein, sah den Menschen, nicht nur das Geld. Klar, er konnte es sich leisten, denn der Euro rollte, aber selbstverständlich war das auf gar keinen Fall. Patzer nahm er nicht übel, andererseits konnte man sich nicht alles erlauben. Er beherrschte das Geheimnis, eine deutliche Autorität auszustrahlen und zugleich der perfekte Kumpeltyp zu sein. Wenn er etwas von mir gewollt hätte: ich würde alles für ihn tun, na ja, fast alles.

Was für ein Glück, denn in der Firma, wo ich vorher als Webdesigner beschäftigt war, ging es katastrophal zu. Die Atmosphäre war giftig wie ein Fliegenpilz und nachdem mein Arzt bei mir ein Magengeschwür diagnostizierte, entschloss ich mich, etwas zu verändern. Eines Tages las ich in der Zeitung die Annonce von Carsten. Er suchte als Gründungsmitglied eines neuen Gewerbes kompetente und engagierte Mitarbeiter. Sicher war vielen das Wagnis einer Neugründung suspekt, andererseits nimmt der Druck auf dem Arbeitsmarkt selbst im Münchener Raum zu. Alles in allem hatte ich nichts zu verlieren, wollte einfach raus aus meiner alten Situation – und hatte Erfolg. Mein Eindruck war, dass Carsten mich auf Anhieb mochte. So bekam ich die Stelle. Die erste Zeit war die härteste, aber ich blühte richtig auf. Unter Carsten machte es mir gar nichts aus, selbst 16 Stunden am Stück zu arbeiten. Die Stimmung war exzellent, und ich bin mir sicher, Carsten wusste ganz genau, dass er mit Freundlichkeit und Menschlichkeit am meisten erreicht, so etwas wirkt unglaublich motivierend, doch hatte das bei ihm nichts berechnendes, es lag ihm schlicht im Blut.

Ja, es stimmt, in Carsten hätte ich mich vermutlich verlieben können, wenn er schwul gewesen wäre, aber ich gönnte ihm seine Frau Jasmin und seine süßen Kinder von Herzen und hoffte, er würde glücklich und erfolgreich bleiben wie bisher. Wir hatten auch privat Kontakt, und ich möchte fast sagen, wir waren gute Freunde.

Hektisch war ich also aufgestanden. Mehr als Katzenwäsche war nicht drin. Eine schnelle Dusche, Zähne putzen, Massen von Gel in die Haare und schon war ich gerettet. Für langes frisieren hatte ich jetzt wahrlich keine Zeit. Frühstück mit Zeitung lesen fiel aus. Unterwegs würde ich mir ein paar belegte Brötchen kaufen. Dann eilte ich aus dem Haus.

Zum Glück sprang mein A3 an, er muckte in den letzten Tagen zuweilen, ich müsste unbedingt in die Werkstatt, aber nicht jetzt drüber nachdenken, später… Eigentlich baute Audi ja fantastische Fahrzeuge, und er war erst 2 Jahre alt. Tja, selbst ein nagelneuer Mercedes E-Klasse Kombi konnte nach einem halben Jahr einen Motorschaden haben; das beste Beispiel dafür waren meine Eltern. Nichts ist vollkommen.

Voller Energie pfefferte ich die Tüte mit den Brötchen auf den Schreibtisch meines Büros und ließ mich in den Drehstuhl fallen. Ah, Carsten hatte mir alle Schriftstücke hingelegt. Mann, der war wirklich immer äußerst akkurat. Fein säuberlich waren alle Punkte notiert, wo noch nachgearbeitet werden musste und Änderungsbedarf bestand. Wenn man vom Teufel spricht, schon steckte er seinen Kopf zur Tür herein, grinste freundlich, wünschte fröhlich ein „Morgen Enrico, bist recht spät dran, willst doch gegen Mittag fertig sein, oder?“ und war schon wieder verschwunden, hatte es vermutlich eilig.

Mist, ich hatte in der Eile mein Handy zu Hause vergessen, fiel es mir siedend heiß ein. Immerhin ging es mit der Arbeit gut voran. Ich bemühte mich darum, äußerst konzentriert und effektiv zu sein, um pünktlich Schluss machen zu können. Nebenher verdrückte ich die Brötchen und besorgte mir ein paar Kannen Kaffee aus der Teeküche.

Punkt viertel nach zwölf Uhr war ich fertig. Nun ging ich mit Carsten noch einmal alles durch und besprach mit ihm die Feinheiten. Endlich, um zehn vor eins war ich – ein klein wenig im wahrsten Sinne des Wortes – fertig und verließ das Büro. Carsten wünschte mir noch mit einem verschlagenen Grinsen viel Spass; was der nur wieder dachte! Na gut, ich hatte ihm erzählt, worum es geht und warum ich frei haben wollte. Schließlich ist er Vorgesetzter UND Freund.

Mit quietschenden Reifen trieb ich meinen Wagen zur Eile und fluchte über mein augenscheinlich prolliges Fahrverhalten. Ich hasse Verspätungen und wollte unbedingt pünktlich ankommen. „Mist, gelb, na die Ampel schaffe ich aber noch“, dachte ich und gab spontan ordentlich Gas. Im Normalfall hätte ich mit der erhöhten Geschwindigkeit die Linkskurve ohne Problem geschafft, da muss man nicht mal drüber nachdenken, aber die stellenweise Glätte hatte ich nicht mit einberechnet.

Plötzlich ging alles ganz schnell, mein Bewusstsein verfiel in einen Zustand der Lähmung. Der Audi brach aus, kam ins Schleudern, irgendetwas knallte mit voller Wucht in meine linke Seite und ich sackte vornüber in mich zusammen. Dunkelheit.

Im Krankenwagen kam ich zu mir. Mein Gott, nein! In einem Bruchteil einer Sekunde fiel mir alles ein, der Unfall, Micha, scheiße! Ich wollte mich aufrichten, am liebsten wäre ich aufgesprungen und einfach davon gelaufen, weg von dieser Situation. Die Verabredung, mein schönes Auto, das alles durfte einfach nicht wahr sein. Jedoch konnte ich mich nicht bewegen, man hatte mich scheinbar angeschnallt.

„Ganz ruhig bleiben…“ drang eine dunkle Stimme auf mich ein und besänftigend legte mir ein Arzt oder Krankenpfleger die Hand auf meinen Arm, „Sie hatten einen Verkehrsunfall und wir wissen nicht, ob sie innere Verletzungen davon getragen haben. Ihr Brustkorb ist nicht in Ordnung. Sicherheitshalber mussten wir sie – rein vorsorglich – anschnallen. Warten Sie in Ruhe ab und machen Sie sich keine Sorgen, wir werden alles für Sie tun, was in unserer Macht steht. Bitte bleiben Sie ruhig liegen und bewegen sich nicht.“

Mir war klar, dass ich keine Chance hatte. Mein Handy lag zu Hause und ich wusste Michas Nummer nicht im Kopf. Verdammt. Okay, es blieb mir nichts übrig außer abzuwarten. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu entspannen. Reden wollte ich jetzt nichts.

***

Nun stand ich hier und unterschrieb die Papiere. Entlassung auf eigene Verantwortung. Die Ärzte sagten, ich hätte riesiges Glück gehabt. Es war mir Gott sei Dank nicht viel passiert. Anfangs stand ich unter Schock, was ja kein Wunder ist, und man stellte dann fest, dass ich einige Rippen geprellt und angebrochen habe. Innere Verletzungen schloss man so gut wie aus. Dann noch ein paar Hämatome, zahlreiche kleine Wunden, ansonsten war ich ganz geblieben. Also nichts, worüber es sich aufzuregen lohnt. Bisher hatte ich noch nie einen Tag lang am Stück krank im Bett – geschweige denn im Krankenhaus – gelegen und ich beschloss, auch an dieser Stelle nicht damit anzufangen. Nur raus hier. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, bat ich darum, telefonieren zu dürfen.

„Hansen?“ Super, meine Mutter war zu Hause.

„Hallo Mama, ich bin’s, Enrico.“

„Grüß Gott, Enrico, alles okay bei dir?“

„Mmmh, wie man’s so nimmt, Eigentlich schon, aber ich hatte einen kleinen Unfall…“

„Du meine Güte! Ist was Schlimmes passiert?“ Typisch Mütter, sie soll sich doch nicht so aufregen.

„Mama, bitte, bleib locker. Ich hatte großes Glück, ich hab so ein dummes Gefühl, als könnte ich mein Auto vergessen, aber mal schauen, ich weiß es noch nicht. Ich selbst hab bloss nen paar angeknackste Rippen und so ein Zeug. Ich bin in Ordnung soweit. Ich rufe vom Krankenhaus aus an.“

„Ach, Enrico, was machst du nur für Sachen! Na immerhin ist dir nichts noch Schlimmeres passiert. Was sagen die Ärzte? Musst du im Krankenhaus bleiben?“

„Nee, ich wollte dich bitten, mich abzuholen. Ich bleib hier nicht und ich brauch was Richtiges zu essen und muss dringend noch zur Polizei und wissen, was mit meinem Auto ist.“

„Wann war denn der Unfall?“

„Erzähl ich dir alles später, gegen ein Uhr.“

„Und jetzt ist es schon fast sieben! Was haben die denn alles mit dir gemacht?“

„Scheiße, Mama, echt so spät? Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Micha wollte doch kommen, ach egal, das weißt du ja gar nicht. Scheiße!“

„Enrico, bitte! Nun red mal vernünftig!“

„Okay, holst du mich ab? Ich bin in der Klinik in Pasing. Ich warte dann vorm Eingang.“

„Na gut, aber dauert einen Moment, ich beeil mich.“

„Nein, lass nur, Mama, mach in Ruhe, beeilt hab ich mich heute auch schon mal und das ist gründlich in die Hose gegangen.“

Mein Ton klang sicher etwas bitter; was für eine Enttäuschung. Ich fragte mich, was jetzt wohl mit Micha geworden war. Ob der noch irgendwo wartete? Ganz sicher nicht. Der dachte bestimmt, ich hätte ihn hängen lassen.

„Junge, ich bin gleich da!“

Klick, schon hatte sie aufgelegt. Junge, mit 33 Jahren, seufz.

Langsam schlenderte ich nach draußen. Mein ganzer Oberkörper tat ziemlich weh, aber was nützte es. „Was von selbst kommt, geht auch von selbst wieder weg“, grinste ich in mich hinein. Passte zwar nicht, der Spruch, aber entschieden wischte ich das Thema damit vom Tisch. Von Bogenhausen nach Pasing brauchte meine Mutter sicher schon ein bisschen Zeit.

Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen, aber schon bald sah ich das schwarze BMW Coupé auf den Parkplatz einbiegen.

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