Das Boycamp I – Teil 5

Die Jungs setzten sich in den Sand und begannen zu überlegen.
» Wie fangen wir es an? « fragte Lucas, der die peinliche Situation des Morgens bereits vergessen hatte.
» Einen Plan brauchen wir schon « ergänzte Alexander.
» Und wie soll der aussehen? « Lucas sah in ungläubig an.
» Wir haben keine Luftmatratzen und… « Alexander unterbrach sich und sah zu den Pappeln über ihnen, dann wanderte sein Blick auf das andere Ufer und schließlich musterte er seine Kameraden.
» Wär es möglich, dass wir ein Seil über den Fluss spannen? «
» Nein « antwortete Nico, » wie willst du denn ohne nasse Füße da rüberkommen und ein Seil an den Bäumen festmachen? Daran hab ich auch schon gedacht. «
Alexander rieb sich nachdenklich am Kinn. » Ist wahr. «
» Die einzige Möglichkeit wäre ein Floß. «
» Prima. Willst du jetzt vielleicht Bäume fällen? « fragte Erkan auf Stefans Vorschlag.
Ratlosigkeit machte sich breit. Jeder suchte krampfhaft nach einer Lösung dieser Aufgabe.
Stein kam zu ihnen und kniete sich in die Runde.
» Na Jungs, wie sieht’s aus? «
» Schlecht « antwortete Manuel. » Wir haben echt keinen Schimmer wie wir das schaffen sollen. « Er sah auf die Uhr. » Und das in drei Stunden. «
» Darf einer von uns nass werden? « fragte Alexander.
» Nein, keiner « war Steins knappe Antwort. » Aber gut, ich gebe euch noch eine Viertel Stunde, dann will ich eine Lösung haben. «
» Und wenn wir keine finden? «
» Ihr werdet eine finden. « Stein stand auf und lief zu den Büschen am Ufer.
» So ein Hund. Woher weiß er denn dass wir eine Lösung finden? « flüsterte Alexander.
Erkan gab ihm die mögliche Antwort: » Weil er es uns zutraut. Und wir sollten jetzt ernsthaft drüber nachdenken. «
Nicos Blick fiel immer wieder in den Himmel. Ihnen blieb – wenn sie Glück hatten – noch elf oder zwölf Stunden Zeit. Genug, um in Sicherheit zu kommen. Aber nicht genug, wenn das alles hier vertrödelt wurde.
Er stand auf und lief zu Stein, der sich mittlerweile in den Sand gesetzt hatte und sie beobachtete.
» Und, wisst ihr wie ihr rüberkommt? «
» Nein. Der Grund warum ich zu Ihnen komme ist ein anderer. «
» Aha. Und welcher? «
» Sie haben die Nachricht auf meinem Handy gelesen. «
» Ich versteh nicht was da steht, ich hab’s bereits gesagt « brummte Stein wenig erfreut.
» Ist mir klar. Aber darf ich Ihnen trotzdem erklären was das bedeutet? «
Stein sah abwesend auf den Fluss. » Meinetwegen « sagte er mit einem barschen Unterton.
» Es kommt ein Sturm auf uns zu. Wenn wir Pech haben ist es sogar ein Orkan. «
» Ein Orkan? Junge, wir sind hier nicht in Amerika. «
» In Amerika? Dafür muss man nicht dorthin, über der Nordsee sieht es momentan nicht besser aus! «
» Ist die Nordsee nicht ein bisschen weit von hier? « fragte Stein missmutig.
Nico spürte Wut in sich aufkochen. Es hatte keinen Sinn. Stein sah die Dinge so, wie sie sein sollten, nicht wie sie sein könnten.
Er lief zu der Gruppe zurück.
» Was wolltest du vom Stein? « fragte Erkan.
» Nichts « antwortete er trotzig.
» Hör mal, es ist mir ja egal was du plötzlich hast, aber trotzdem wüsste ich gern warum du so biestig reagierst. «
» Hat mit dir oder euch nichts zu tun « antwortete Nico mit leichtem Zorn in der Stimme.
» Ich denke wir schwärmen aus und suchen uns genügend große Holzstämme. Anders als mit einem Floß kommen wir nicht da rüber « unterbrach Manuel die Diskussion.
» Okay, das machen wir. « Nicos Antwort klang gleichgültig, und sie war es auch. Er begann sich ernsthafte Sorgen zu machen und wenn es nicht anders ging würde zumindest er rechtzeitig zum Camp zurückkehren.
Die Jungs verstreuten sich im nahen Wald und begannen nach passenden Holzstämmen zu suchen.
» Hoppla, hab mich wohl in der Himmelsrichtung geirrt « sagte Stefan, als er im dichten Tannenwald auf Nico stieß.
» Scheint so. « Nico war noch immer sauer auf Stein und seine Stimme ließ genau dieses durchblicken.
» Hey, Nico, was ist los? Ich hab echt gedacht du würdest dich freuen dass ich zu deiner Gruppe kommen durfte. Und jetzt..? «
» Ach Stefan, das hat mit dir nichts zu tun. «
» Mit was dann? «
Nico sah in die leuchtend blauen Augen. » Es ist wirklich nichts.. «
» Glaub ich dir nicht. «
Sie sahen sich an und Nico durchfuhr plötzlich ein Blitz. Von der einen auf die andere Sekunde waren seine Bedenken und Ängste gewichen. Dieser Blick, so offen, ehrlich, freundlich – und anziehend – er ließ ihn stocken.
Er setzte sich auf den weichen Waldboden und Stefan kniete sich neben ihn, sehr dicht, so dass sich ihre Körper berührten.
» Mensch, jetzt sag schon was los ist « bohrte er. » Ich mag dich, hab ich von Anfang an. Und jetzt tut es mir weh wenn ich dich so sehe. «
Nico starrte auf den Boden. » Wirklich? «
» Wenn ich es dir sage. «
» Ach, Stefan, warum ist das Leben an einigen Stellen so furchtbar schwierig? «
» Schwierig? Niemand behauptet, dass das Leben immer leicht ist. «
» Ja. Wir beide haben uns gesehen und gleich gemocht. Und trotzdem hab ich heute Morgen mit Erkan.. « Er traute sich nicht weiterzusprechen.
» Was hast du? Ist was passiert? «
» Nein, nicht direkt. Erkan.. er hat mich in der Dusche angefasst.. und ich ihn. «
» Und, hat er dir wehgetan? « fragte Stefan mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck.
Nico huschte ein Lächeln übers Gesicht. » Nein nein, das nicht. Es hat mir.. nunja, es hat mir gefallen. «
Stefans Blick fiel in den dichten Wald. » Ist ja auch kein Wunder. «
» Was? « wollte Nico wissen.
» Erkan ist.. also ich find den nicht bloß hübsch. Der ist auch richtig geil. Tolle Figur. Hat sicher nen Waschbrettbauch. Und einen süßen Arsch.. «
Nico glaubte nicht richtig gehört zu haben. » Du.. «
» Red nicht weiter, ich bin auch bloß ein schwuler Boy. Und wenn ich einen Jungen geil finde, dann.. naja, dann kann ich das ja auch mal sagen « unterbrach ihn Stefan, » aber das bedeutet noch lange nicht dass ich wegen ihm hier bin. « Sein Blick wanderte über Nicos Körper.
Nico wusste, dass Stefan nur wegen ihm die Stellung gewechselt hatte.
» Übrigens – dir kann ich es ja auch sagen « sagte Stefan leise.
» Was? «
Stefan kam ihm sehr nahe, so dass Nico seinen Atem spüren konnte. Stefans Mund öffnete sich leicht und Nico sah die Zunge glitzern.
Plötzlich knöpfte Stefan seine Jacke auf und riss sie sich förmlich vom Leib. Er trug kein Unterhemd und Nico bewunderte den schönen, gleichmäßigen Oberkörper. Ein leichter, süßer Schweißgeruch umnebelte ihn und stachelte seine Gefühle an.
Dann begann Stefan Nicos Jacke Knopf für Knopf aufzumachen. Dabei sahen sie sich in die Augen und Nico ließ es geschehen, er war zu keinem Widerstand fähig. Die Situation hier im Wald fand er auf einmal erotisch und er spürte dass sich in seiner Hose Enge breit machte. Das verstärkte sich noch, als er Stefan zwischen die Beine sah. Seine Hose hatte eine sichtbare Beule bekommen.
Stefan legte Nicos Jacke auf den Boden und drückte ihn nach unten. Auch das ließ Nico ohne Gegenwehr geschehen, er war viel zu erregt um das hier abzubrechen. Als er auf dem Rücken lag beugte sich Stefan zu ihm hinunter und wenige Zentimeter vor seinem Gesicht hielt er inne.
» Nico, ich weiß nicht was grade mit uns passiert, aber ich kann nicht anders. Du bist so.. Küss mich « hauchte er.
Nico sagte nichts, öffnete seinen Mund einen Spalt und streckte die Zungenspitze heraus.
Stefan tat es ihm nach und ihre Zungen näherten sich. Für Sekunden tauchte Mirko vor Nicos Augen auf und das Gefühl, wie Mirco seine Zunge in seinen Mund streckte. Aber jetzt war das etwas ganz anderes. Ein Schauer überfiel ihn, als sich ihre Zungespitzen berührten. Dann umschlossen sich ihre Münder und wild begannen sie ihre Zungen durch die Mundhöhlen zu jagen. Ihre Hände waren überall. Mal zwischen den Beinen, dann auf dem Rücken, fuhren gegenseitig durch die Haare. Nico dachte zuerst, er würde keine Luft bekommen, aber diese Furcht verschwand sehr rasch und er tauchte in dieses neuartige Gefühl hinab.
Ihre Körper begannen in der schwülen Hitze zu glitzern, Schweiß rann ihnen in kleinen Rinnsalen überall hinunter.
Nach einer Weile schob er den Jungen von sich.
» Was ist, gefällt dir das nicht? « Stefan sah ihn fragend an.
» Doch, im Gegenteil. Aber ich komme mir vor wie eine Hure. «
» Was? «
» Heute Morgen Erkan, dann du. Es ist nicht richtig. «
» Was zum Teufel ist denn nicht richtig? «
» Es ist nicht fair dir gegenüber. «
» Mann Nico. Mir ist das egal.. Oder ist es etwas ernstes mit Erkan? «
» Ich mag ihn, ja « sagte Nico leise, » aber so was wie Liebe ist es bestimmt nicht. Außerdem scheint Erkan eher ein Bi zu sein. «
» Mach dir doch keinen Kopf. Wenn er dich angefasst hat und du das auch toll gefunden hast – was solls? Das passiert doch dauernd irgendwo und da ist doch nichts dabei. «
» Mensch Stefan, ich weiß überhaupt nicht mehr was ich machen soll. Da bringen mich zwei hübsche Boys aus dem Gleichgewicht .. «
Stefan fuhr sich durch die dichten, dunklen Haare und seufzte. » Lass gut sein. Was ist jetzt eigentlich mit dem Holz?« fragte er um vom Thema abzulenken.
» Zum Teufel damit! « Nico kehrte auf den Boden der Tatsachen zurück.
» Was willst du damit sagen? «
Nico zog sein Handy aus der Tasche und zeigte Stefan die SMS.
» Und? « fragte Stefan, nachdem er sie gelesen hatte, » Böhmische Dörfer. Für mich jedenfalls. «
» Also, vielleicht kapierst du es ja. „96“ heißt einen Luftdruck von 996 Hektopascal. Das bedeutet definitiv Sturm. „Fällt noch“ bedeutet, dass sich dieses Sturmtief verstärkt. Es zieht nach Ost – Südost und seine Kaltfront hat Windgeschwindigkeiten von zehn bis zwölf Beaufort im Gepäck – das ist Orkanstärke. Über Hundert Stundenkilometer. „Serfics“ bedeutet die Blitzrate und in einer Stunde wurden 50 Blitzeinschläge entlang der Front registriert, und zwar in dem Teil, das uns gegen zwanzig Uhr überqueren wird. Und jetzt ist es elf. Vielleicht zehn Stunden noch, dann fliegt uns hier alles um die Ohren. «
Stefans Augen waren groß geworden. » Das ist ein Witz, oder? «
» Hör zu, ich spaße damit nicht und wir haben ein großes Problem wenn wir hier draußen bleiben. Ich finde diese Flussüberquerung unter diesen Umständen ziemlich albern, aber Stein glaubt mir nicht… Und du auch nicht. Keiner tut das und ich werde noch verrückt dabei. «
» Wer sagt, dass ich dir nicht glaube? «
» Woher willst du wissen dass ich recht habe? «
» Hab ich nicht, aber ich vertraue dir. «
Plötzlich legte Stefan seinen Arm um Nicos Schulter.
» Hör zu, wenn du sagst dass wir in Gefahr sind, dann wird es stimmen « sagte er in seiner ruhigen Art. » Ich möchte nicht dass uns etwas passiert, Wenn du meinst, wir sollten besser zurück zum Camp, dann komm ich mit. Lass die anderen doch hier wenn sie nicht wollen. «
Wieder trafen sich ihre Blicke.
Stefan legte eine Hand um Nicos Hals, zog ihn sachte zu sich und küsste ihn auf den Mund.
» Ich geh mit dir wohin du willst « hauchte er ihm ins Ohr und Nico genoss diese Sekunden.
» Stefan, ich kann die anderen Jungs nicht hier lassen. Gut, den Letzten den ich überzeugen könnte wäre Stein. Der ist selbst Schuld wenn er nicht auf mich hört. Aber die Jungs? Niemals. «
» Gut, dann sollten wir meutern « sagte Stefan, während er seine Jacke anzog – um sie sofort wieder von sich zu reissen.
» Was ist denn? «
» Verdammt. Ameisen. Überall in meiner Jacke sind Ameisen. «
Nico hob seine Jacke hoch und musterte sie. » Ja, in der Tat. Diese kleinen verdammten Spanner.. «
Stefan grinste. » Zum Glück sind sie nicht in unseren Hosen.. «
Sie schüttelten ihre Jacken kräftig aus.
» Was meinst du mit meutern? « fragte Nico, nachdem sie ihre Jacken wieder angezogen hatten.
» Wenn wir geschlossen ins Camp zurückgehen kann Stein nichts machen. Überhaupt kann er uns zu nichts zwingen, wir sind hier nicht beim Militär. «
Äste knackten und wie aus dem Nichts kam Alexander auf die beiden zu. Dicke Schweißperlen standen auf seiner Stirn und er atmete schwer.
» So eine Scheiße. Kein Baumstamm weit und breit und wie ich sehe habt ihr auch nichts gefunden. «
Er ließ sich neben den beiden auf den Boden fallen und stöhnte. » Und diese Hitze bringt mich noch um. «
» Wir suchen auch nicht mehr weiter « sagte Stefan in ruhigem Ton.
» Was? Habt ihr eine andere Lösung? «
» Yep, wir gehen zurück ins Camp « antwortete Nico.
» Hat Stein das angeordnet? «
» Stein ordnet nichts an, der kann uns höchstens um etwas bitten. «
» Und wie kommt ihr auf den Trichter? Immerhin trägt er die Verantwortung für uns. «
» Damit ist es aber nicht weit her. « Nico erklärte Alexander kurz die Sachlage.
» Hm, meinst du wirklich dass das so kommt? «
» Sicher ist gar nichts, aber selbst wenn die Chance nur fünfzig zu fünfzig steht, ist das ein Grund vorsichtig zu sein. Und ich habe nicht die geringste Lust, dann hier draußen zu sein. «
Sein Blick fiel durch die Bäume in den Himmel, die Sonne schien nur noch durch einen dichten, weißen Schleier.
» Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß spätestens jetzt, dass da was kommt. Wir sollten zurück und Stein klar machen, dass wir zurückkehren. «
Nicos Entscheidung klang entschlossen. Es dürfte Ärger geben, aber er würde um keinen Preis die Nacht hier draußen verbringen.
» Du, wir können uns doch im Sanitärwagen verkriechen « sagte Alexander auf dem Rückweg zum Fluss.
» Hab ich auch schon dran gedacht, aber das ist mir zu unsicher. «
» Wieso, der ist doch stabil. «
» Ja, aber nicht stabil genug. «
» Ich frage mich dann aber, wie wir hier schnell genug wegkommen. «
» Stefan, ich habe wirklich keine Ahnung und gerade deswegen sollten wir so schnell wie möglich zurück. Und außerdem wissen die anderen Jungs noch gar nichts. Die müssen gewarnt werden. «
Wenig später trafen sie am Flussufer ein. Stein saß noch immer bei den Büschen und kaute gelangweilt auf einem Strohhalm herum. Nico würdigte ihm nur einen kurzen Blick, dann sah er, dass Erkan, Lucas und Manuel am Uferrand saßen – ohne einen einzigen Baumstamm.
Nico setzte sich zu ihnen.
» Nichts gefunden, wie? «
» In diesem verdammten Wald waren nichts als verdammte Spinnweben, Reisig, Ameisen und Mücken « antwortete Manuel missmutig. » Wir schaffen es nicht bis Mittag. Wir schaffen das überhaupt nicht. Ich habe Hunger und Durst und keine noch so kleine Lust mehr für diesen Kram hier. «
Nico huschte ein Lächeln über das Gesicht.
» Was grinst du so blöd? Findest du das hier auch noch lustig? «
» Keinesfalls, Manuel, keinesfalls. Erkan, wie siehst du das hier? Wir werden heute Abend ein Unwetter bekommen, kein leichtes Gewitterchen. Und Stein glaubt mir nicht. «
Erkans Blick war nicht zu deuten, Nico spürte dass er in ihn hineinsah. So, dachte Nico in dem Moment, könnten die verliebten Blicke eines Jungen aussehen.
» Meine Stimmung ist auf Null. Ich hab auch keinen Bock mehr auf das hier. Wenn es stimmt was du sagst – dann lass uns gehen. «
» Ach, war das deine SMS heute Morgen? « fragte Manuel.
» Ja, das war eine Warnung. Und wenn ihr in den Himmel seht muss ich dazu sicher nichts mehr sagen. «
» Dann weg hier « sagte Manuel.
Auch Lucas nickte.
» Schön. Dann geh ich jetzt zu Stein und sage ihm, dass der Zauber hier vorbei ist. Wie könnten wir bloß die anderen finden? Der Wald ist groß, hat Stein gesagt. «
» Wo meine Gruppe ist weiß ich ja « warf Stefan ins Gespräch.
Nicos Augen leuchteten, das war ein Glückstreffer. Er stand auf, ging zu Stefan, nahm ihn in den Arm und küsste ihn – mitten auf die Lippen.
» Gott sei dank. Findest du sie auch von hier aus? «
» Klar, ich war schließlich mal Pfadfinder. «
Nico starrte ihn an. » Und dann weißt nichts übers Wetter? «
» Doch, schon, aber nicht, wie heftig das werden könnte. «
» Geh jetzt bitte, ich rede mit Stein. Und keine Angst, der kann uns nichts verbieten. «
» Werden sie mir glauben? «
» Das weiß ich nicht. Du musst es mit allen Mitteln versuchen. Vielleicht hat ja einer der Jungs einen Radio dabei. «
Stefan nickte und spurtete in den Wald.
Nico sah ihm nach. Dieser elegante Lauf, drahtig und kraftvoll beherrschte Stefan seinen Körper.
Erkan sah Nico etwas verdattert an. Er kam auf ihn zu.
Nico kam ihm zuvor. » Ich hab ihm einen Kuss gegeben, ja . Aus Dankbarkeit. Erkan, ich.. «
» Brauchst nicht weiterreden. Ich bin dir nicht böse falls du das befürchtest. Stefan ist ja auch ziemlich.. schnuckelig. Aber mir scheint, ihr.. «
» Ja, es tut mir leid, ich glaub ich hab mich ein bisschen verliebt. « Er nahm Erkan in die Arme. » Und es macht dir wirklich nichts aus? «
» Nee, echt nicht. Hab ja kein Anrecht auf dich. Und dann.. «
Nico sah in Erkans Augen keine Enttäuschung. Er drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange. » Ja, du bist nicht schwul, ich hab’s nicht vergessen. «
Stein beobachtete sie unablässig. Nico musste davon ausgehen dass er ahnte was hier lief, aber es war ihm gleichgültig. Entschlossen ging er zu ihm hin.
» Na, was hast du mir zu sagen? Ihr habt euch da drüben doch sicher nicht um eine Lösung des Problems unterhalten « fragte Stein.
» Oh, doch genau das haben wir. «
» Aha. Und, wie sieht sie aus? «
» Dass wir jetzt zum Camp zurückkehren und von dort so schnell wie möglich in eine sichere Unterkunft gebracht werden wollen. «
Stein fiel der Strohhalm aus dem Mund. Ungläubig starrte er Nico an.
» Was soll das? «
» Sie wissen es ganz genau « antwortete Nico ziemlich laut und deutete mit ausgestrecktem Arm in den Himmel, wo die Sonne nur noch als schmutziggelbe Scheibe hinter einem hellgrauen Wolkenschleier auszumachen war, der den ganzen Horizont überzog..
» Nico, hör zu. Es mag ja sein dass da ein Gewitter kommt, aber ich sehe nicht ein dass ich mir deswegen eine Menge Arbeit und Ärger einhandeln soll. «
» Dann schlagen Sie eine Alternative vor. Wir sind für alles offen – so lange es der Sache dienlich ist. «
Stein stand auf, schien einen Augenblick ratlos zu sein. Wohlwissend, dass er den Jungs nichts verbieten konnte, suchte er scheinbar krampfhaft nach einer Lösung.
Er kickte einen Kieselstein über den Sand.
» Übrigens ist Stefan unterwegs, um den anderen Bescheid zu sagen « sagte Nico wie beiläufig.
Steins Gesichtsaudruck verfinsterte sich. » Niemand darf die Gruppe ohne meine Genehmigung verlassen. Das wisst ihr. «
» Klar, aber wir tragen dafür auch alle Arten von Konsequenzen. «
» Und die wird es geben! « sagte Stein so laut, dass es die anderen hören konnten.
» Was wird er jetzt mit uns anstellen? « fragte Alexander leicht verängstig.
» Was schon? Er kann uns ja nicht anbinden « antwortete Erkan. » Wir sollten Nico vertrauen. Ich glaube er weiß sehr wohl von was er redet. «
Falk Stein kam zu ihnen.
» Und, wie ist es mit euch? Wollt ihr wirklich zurück ins Camp? «
Alle nickten und Stein wusste, dass er sie gehen lassen musste, auch wenn es ihm schwer fiel.
» Gut, dann mal los. «
Nico beruhigte sich. Entweder hatte Stein es eingesehen oder einfach keine andere Wahl.
» Können wir nicht jemanden übers Handy informieren? Dann kann man uns hier abholen « fragte Alexander, nachdem sie Stein in den Wald gefolgt waren.
» Ich wüsste nicht, wen wir anrufen sollten « antwortete Nico.
» Die Polizei? Die müssten doch auch schon von dem Unwetter wissen. «
» Wenn nicht, denken die wir wollen sie verarschen. Zudem weiß ich überhaupt nicht, wo wir sind. «
» Ist schon blöd. Da gibt’s jede Menge Technik mit der man orten kann wo man ist und da wo man sie wirklich brauchen kann.. da hat niemand so ein Gerät. «
» Stimmt, Manuel, aber wer konnte wissen wie das hier ausgeht? Ich hab ja auch aus Leichtsinn meinen Barometer zu Hause gelassen. Das passiert mir nie wieder « erwiderte Nico.
Der Rückmarsch zum Camp wurde eine einzige Strapaze. Immer stickiger wurde die Luft, kein Wind regte sich und allmählich begann es seltsam duster zu werden.
» Ob Stefan es schafft? « Alexander wurde immer ängstlicher.
Nico zog die Schultern hoch. » Er wird sie finden. Aber die Frage ist, ob sie ihm glauben. «
Unwillkürlich wurden sie schneller. In Nicos Kopf braute sich ein Schreckensszenario zusammen. Sie mussten es schaffen. Hastig nahm er sein Handy, drückte eine Taste und hielt es sich ans Ohr.
» Hallo Horst. Sag, wie sieht es aus? «
» Hi Nico. Die Front hat die Küste erreicht, es hat dort schon hohe Sachschäden gegeben. Wo bist du jetzt? «
» Wenn ich das bloß wüsste. Aber ich glaube wir sind so sechzig Kilometer von Bückeburg. Allerdings ich weiß nicht ob nördlich, südlich, westlich oder östlich. «
» Das macht nichts. Moment, ich hol mir das Regenradar auf den Monitor. «
Nico blieb schnaufend stehen.
Lucas hielt hinter ihm an. » Was ist? Gibt’s was Neues? «
Nico winkte nur ab.
Horst meldete sich wieder. » Hör zu, Wenn ihr nördlich seid… «
» Warte « unterbrach er Horst und stürmte zu Stein an der Spitze der Gruppe.
» Herr Stein, wo genau sind wir hier? «
» In der Lemgoer Mark « antwortete Stein sichtlich zornig. Niemand von den Jungs sollte eigentlich erfahren wo genau sie waren.
» Horst, hast du gehört? «
» Ja, Augenblick.. «
Horst tippte irgendwie auf seiner Tastatur.
» Okay. Nico? «
» Ja? «
» Ihr habt noch etwa sechs oder sieben Stunden Zeit bis zum ersten Kontakt. Die Front ist nicht sehr schnell, aber die Böen sind Katastrophal. «
» Danke Horst. Ich melde mich. «
Nico atmete durch. » Herr Stein, es ist zwar noch etwas Zeit, aber die ist schnell um. «
Stein sah ihn an. Offensichtlich begann er zu begreifen was auf sie zukam.
» Wann? «
» Ich würde sagen, dass sechs Stunden das Ultimo sind. «
» Gut, dann weiter « rief er, während er sein Handy aus der Tasche zog. Er winkte die Jungs an sich vorbei. » Weiterlaufen, ich komm gleich nach. «
Nicos Gedanken waren bei Stefan. Er musste es schaffen.
Die anderen Jungs mussten gewarnt werden. Endlich hatte er es geschafft, sie zu überzeugen.
Eilig liefen sie den Pfad zurück. Stechmücken und Bremsen machte ihnen den Marsch nicht leicht.
» Diese Biester « rief Manuel und schlug wild um sich.
» Die sind eben sehr aktiv wenn Gewitter aufkommen « sagte Nico und schlug selbst nach den Blutsaugern.
Endlich kamen sie an ihrem Camp an. Stein war ihnen nicht nachgekommen und so übernahm Nico unfreiwillig das Kommando.
» Kommt, wir sehen erst mal nach was es in dem Anhänger noch zu essen gibt. «
» Prima Idee. Ich komm um vor Hunger « antwortete Manuel.
Nico klappte den Deckel des Anhängers auf. Auf der linken Seite befand sich die Kühlbox, in der Mitte lagen eingepacktes Brot und Salate, auf der echten Seite Gewürze, Öl. Essig..
» Die haben ja wirklich an alles gedacht « murmelte Manuel entzückt.
Nico öffnete die Kühlbox und fand etliche Steaks, Bratwürste, Hähnchenschlegel und Spieße.
» Los, Jungs, macht Feuer « rief er.
Manuel stemmte seine Fäuste in die Taille.
» Sag mal, bestimmst du jetzt hier was gemacht wird? «
Nico riss sofort die Arme hoch, senkte sie wieder und deutete mit beiden Zeigefingern auf Manuel.
» Nee, wirklich nicht. Ich hab dazu weder den Geist noch die Lust. Übernimm du das Kommando, bitte. «
Sie sahen sich an, beobachtet von Alexander, Erkan und Lucas.
» Und, wie geht’s weiter? « fragte Nico mit deutlicher Erregung in der Stimme.
» Was heißt, wie geht’s weiter.. « antwortete Manuel leicht verblüfft.
» Na? Einer muss ja jetzt hier die Stimme haben, sonst gibt es Chaos wenn jeder macht was er will. Und das wirkliche Chaos ist in ein paar Stunden hier und ich hab absolut keine Lust bis dahin verhungert zu sein. Also, was sollen wir machen? «
Manuel wirkte zum ersten Mal verlegen. Er sah die anderen an und erkannte ihre fragenden Blicke.
» Nun, ja, also, so hab ich das nicht gemeint.. « Es war ihm sichtlich peinlich.
Nico spürte keine Genugtuung. Sie waren gereizt und nervös, alle zusammen. Aber gerade das war jetzt gefährlich und deswegen wollte er die Kontrolle behalten. Spaß machte ihm die Rolle nicht, aber er fühlte sich einfach verantwortlich.
» Nee, tschuldigung, ich will das nicht. Mach du das bitte.. «
Nico ging zu ihm und nahm ihn am Arm. » Ist schon gut, wir sind alle eine bisschen durch den Wind. Also los, nehmt die Holzscheite und macht Feuer. Außer Alexander. «
» Warum? « fragte der zurück.
» Du wirst uns verköstigen. Schnapp die Steaks oder was auch immer und mach was draus. «
Alexander strahlte. » Geil, auf der Stelle. «
» Wo nur Stein bleibt « fragte Erkan, als sie zusammen das Holz aufhäuften.
Nico stand schwer atmend auf. » Wüsste ich auch gerne. «
Lucas trat zu ihnen. » Soll ich ihn suchen? «
Nico sah ihn an. Lucas, der sich eigentlich eher im Hintergrund gehalten hatte. Mit seinem Mittelscheitel im halblangen, braunen Haar und der etwas zu großen Nase. Lang und richtig dürr, aber er sah nicht wirklich krank aus. Nun war ja bekannt dass er so quasi bestückt war wie ein Pferd und irgendwie hatte er sich dadurch Respekt verschafft, wenn auch völlig unfreiwillig.
» Du solltest erst etwas essen.. «
» Lass man, ich kann in der Not vierundzwanzig Stunden ohne auskommen. «
So wie er aussah dürfte das nicht mal übertrieben gewesen sein, dachte Nico.
» Gut, ich meine, der kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben. Aber sag mal, schwitzt du nicht? Uns allen kleben die Klamotten am Leib, dir aber scheinbar nicht. «
Lucas lächelte. » Ab fünfunddreißig Grad, da komm auch ins schwitzen. Was drunter liegt ist mein Leben. Aber nur bis siebenundzwanzig Grad. Was drunter ist lässt mich gefrieren. «
Nico hatte zwei Schulfreunde, die waren auch so schrecklich dünn und lang. Die hatte er auch nie jammern hören wenn es heiß war und im Sport hatten sie eine Ausdauer, die Nico schon oft beneidete.
» Okay, dann versuch ihn zu finden « sagte er und Lucas zog sich die Jacke aus. Irgendwie wirkte sein nackter Oberkörper drahtig, auch wenn man die einzelnen Rippen sehen konnte.
Lucas drehte sich um und lief los.
» Lucas? « rief Nico hinterher.
Der Junge blieb stehen. » Ja? «
» Halt doch bitte auch Ausschau nach Stefan und den anderen. Okay? «
Lucas winkte und verschwand auf dem Pfad im Wald, auf dem sie gekommen waren.

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