Der Stoff aus dem Leben gemacht ist – Teil 8

Diese Geschichte und die darin handelnden Personen sind ein Produkt meiner Phantasie, wobei nicht auszuschließen ist, dass ähnliche als die darin beschriebenen Handlungen bereits passiert sind, oder sich künftig so zutragen werden. Eine Haftung dafür übernehme ich nicht.

28. August 2030, Mittwoch, Bilbao

Mit zittrigen Händen das A4-Blatt in der Hand haltend, bin ich wie gelähmt. Fabio hat mehrfach nach mir gefragt und war hier, nur ich nicht. Und statt für ihn da zu sein, habe ich es mir gut gehen lassen!

„Hallo, sie sehen so blas aus. Geht es ihnen nicht gut, soll ich ihnen vielleicht ein Glas Wasser bringen?“, meint der Hotelportier zu mir.

„Ja, ein Schluck Wasser wäre nicht schlecht.

 

*-*-*

 

Vielen Dank. Ich muss mich jetzt aber beeilen. Mein Freund braucht dringend Hilfe.“

„Liebe und Freundschaft muss man sich immer wieder aufs Neue verdienen. Viel Glück dabei, junger Mann!“

Mehrere Stufen der Treppe auf einmal nehmend, schon bin ich in mein kleines Zimmer gestürmt und durchwühle Fabios Gepäck.

Schnell in Fabios Portmonee und Brieftasche das Geld aus dem geschenkten Briefumschlag meiner Eltern für Fabio und denen von Jorge verteilt, mit den etwa 3000 Euro soll er wohl auskommen. In einer Plastiktüte verstaue ich zusätzlich etwas Wäsche zum Wechseln für ihn, alles zusammen im Rucksack.

Im Sauseschritt geht es Richtung Bar gleich in Hotelnähe, um für Fabio eine Pizza zum Mitnehmen und eine große Flasche Mineralwasser zu kaufen.

Die Zubereitung im Steinofen will und will nicht fertig werden. Meine Bemerkung, dass ich es sehr eilig habe, wird mit der Bemerkung quittiert, ich befände mich nun mal in einer Qualitätsbar.

Schmeckt immer echt lecker hier und eigentlich würde ich auch ein Teil für mich kaufen wollen, heute aber gerne mit etwas weniger Qualität, dafür schneller.

Gerade, als ich dabei bin, mich aufs Fahrrad zu schwingen, klingelt mein Handy.

„Eine Warnung: Halten Sie sich von ihrem Freund fern. Ich wiederhole: Halten sie sich von ihrem Freund fern. Wir möchten nicht, dass ihnen was passiert. Verstanden?“, ertönt es aus dem Hörer, gesprochen von einer unbekannten männlichen Stimme. Hört sich wie eine vom Computer generierte Stimme an. Nummernanzeige Fehlanzeige. Sehr merkwürdig und beunruhigend.

Aus der Tüte aber steigt der Pizzageruch und Fabio hat bestimmt großen Hunger, benötigt dringend meine Hilfe – mehrere starke Gründe, die mysteriöse Warnung zu übergehen.

Den allerschnellsten Sprint meines Lebens hinlegend, entscheide ich mich für den kürzesten und schnellsten Weg. Nur ein kleines Stück den Fluss entlang, danach den überdachten Weg über die Euskalduna-Brücke durchquerend, kann ich auf der anderen Seite bereits die hohen Büsche am Rande des Parque Iturizza sehen. Ein Weg in den Park hinein ist schnell gefunden.

 

*-*-*

 

Ich stehe direkt vor der Umrandung der Engelsfigur und habe gute Sicht auf den Hauptweg mit den vereinzelten Bänken – nur Fabio kann ich nirgends erkennen!

Wie immer einige Obdachlose, die schlafend auf dem Rasen herumliegen und junge Muttis mit Babywagen, die sich laut lachend über ihre Sprösslinge unterhalten. Ich bin der einigste Junge weit und breit.

Mein Fahrrad dem Engel anvertrauend, laufe ich nun kreuz und quer über die Wiesen und Wege, immer mehr in Panik verfallend und der Gewissheit, Fabio schon wieder verpasst zu haben. Immerhin war sein Brief schon vom Vorabend…

Mich langsam den einzigen männlichen Personen nähernd, die außer mir auf dieser Parkseite anwesend sind, den Obdachlosen, werde ich vom Anblick einer Gestalt magisch angezogen, die sich durch einen dunklen Kapuzenpulli gut vor dem Tageslicht geschützt hat und inmitten der Leute liegt.

Nackte, hellhäutige Beine, die aus einer kurzen Hose herausragen, die Sandalen abgestreift, liegt dort jemand schlafend auf dem Bauch, die verschränkten Arme unter das Gesicht geschoben.

Als ich soweit rangekommen bin, dass ich den vom Pulli nicht bedeckten einzigartigen Hintern genau erkennen kann, jauchst und jubelt es in laut mir: Fabio!

Um ihn nicht zu erschrecken, schüttele ich nur leicht seine Schulter und rufe deutlich seinen Namen, was bei ihm erst recht ein Erschrecken auslöst, gefolgt jedoch von einem freudigen Erkennen.

Schnell habe ich mich hingehockt, um ihn endlich wieder begrüßen und umarmen zu können -ich will wenigstens einen Kuss von ihm erhaschen- aber er schaut nur sehr ängstlich in die Gegend herum und hält die mich sehr störende Kapuze mit beiden Händen fest.

„Nein, Manu, das geht nicht, bitte nicht hier.

Was habe ich dich schon vermisst, alles hätte für uns so schön werden können, aber…

Sag mal, wie hast du mich überhaupt gefunden?“

Ist Fabio vielleicht krank und hat Fieber, dass er wirres Zeug redet, aber seine Stirn fühlt sich, außer der immer noch ziemlich dicken Beule, ziemlich gesund an. Vielleicht eine Restwirkung von Jorges Steinwurf.

„Nun, du hast mir doch diesen Brief geschrieben, hast du das bereits vergessen?“ Das gute Stück aus meiner Hosentasche hervorziehend, wedele ich damit triumphierend vor seinen Augen rum.

„Was für einen Brief, zeig mal: Das ist nicht meine Schrift!

Manuel, man hat dich nur benutzt, um mich zu finden, mich zu erkennen. Das ist eine ganz böse Falle! Wir müssen weg, sonst sind wir gleich tot! Schau dich mal kurz unauffällig um…

Los, lauf jetzt so schnell du irgend kannst, auf mein Kommando in Richtung der Büsche. Jetzt!“

Ja, ich habe unauffällig geschaut und mehrere junge Männer gesehen, deren Gestalt und Gesichter mir soviel Angst einflößen, dass ich mit Fabio gleich auf bin und nach wenigen Metern inmitten des Gebüschs verschwunden bin.

„Fabio, mein Rucksack klemmt zwischen den Ästen, hilf mir mal schnell.“

„Lass den hängen, streif ihn einfach ab, sonst erwischen die uns noch.“ Aber das viele Geld…

Schon knacken hinter uns die Äste bedrohlich nahe. Mit großer Anstrengung arbeiten wir uns erfolgreich durch den eng stehenden Bewuchs, nicht auf die stinkenden Tretminen achtend, die die Obdachlosen abgelegt haben, hinter uns dagegen flucht es fürchterlich.

Am Straßenrand steht ein Auto abfahrbereit, aus dem uns jemand winkend zur Eile und zum Einsteigen auffordert. Wir haben jetzt keine Wahl und keine Zeit zum langen Überlegen, die Verfolger sind nur noch wenige Meter entfernt. Hinten hinein und schnell die Tür zugeschlagen, gibt der Fahrer bereits zügig Gas.

Vorn sitzen zwei Männer um die Vierzig, wie ich gerade erkennen kann, als ein Handy klingelt.

„Na, ich höre gerade, ihr habt euer Gepäck vergessen, einschließlich einer leckeren Pizza und mehreren Tausend Euro. Ich soll euch dafür Danke sagen, ihr blöden militanten Umweltschützer!

Ihr seid so etwas von doof, dass ihr schon auf die dümmsten Tricks meiner missratenen Söhne hereinfallt. Und von Handyortung sollte ein Informatikstudent schon mal was gehört haben, nicht, Manuel? Nun wissen wir wenigstens genau, wo und mit welchen Perverslinge ihr euch in der Freizeit so herum treibt…

Fast nackt unterm Apfelbaum im Garten Eden wie in der Schöpfungsgeschichte, nur das mit dem Geschlecht habt ihr wohl verwechselt.

Eigentlich seht ihr ja ganz normal aus, trotzdem fehlt euch was Entscheidendes.

Willkommen im wahren Leben, ihr Dummköpfe!

Aber bevor wir euch betont langsam umlegen, reißen wir euch ganz genüsslich die Eier ab.

Mal sehen, was uns dazu noch alles einfällt, das wird heute ein sehr lustiger Tag!

Reicht mir doch mal die Arme rüber.

Nein, ihr Dummköpfe, nicht beide! Fabio, du den rechten, Manuel, den linken Arm.

Gegen die Handschelle und das aneinander gekettet Sein habt ihr sicherlich nichts, ihr seid ja auch sonst sehr intim und nicht sehr wählerisch, wo ihr euren Schwanz reinsteckt.

Aber vorher dürft ihr ruhig noch etwas schlafen, bekommt dafür eine kleine Spritze in den Arm, wirklich nur rein sicherheitshalber für euch und vollkommen unschädlich.

Nun schlaft gut, bis nachher, Jungens…“

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