Gone, but not forgotten – Teil 2

Marc

„Tut mir leid, ich bin leider keine große Hilfe. Ich kann mich wirklich an nichts erinnern.“

Der zuständige Polizist der Bergwacht versuchte mich zu trösten:

„Wir suchen die Gegend ab nach Spuren und werden schon herausbekommen, wo Sie hingehören.“

Derweil stieg ich in die Jeans, die mir die Frau des Ordnungshüters hingehalten hatte. Es beeindruckte mich, wie sehr man sich bemühte, mir zu helfen. Der Sack Kleidungsstücke, den sie für mich mitgebracht hatte, stammte von einer karitativen Vereinigung der ortsansässigen Kirche. Da ich keinerlei Papiere bei mir getragen und niemand mich als vermisst gemeldet hatte, befand ich mich in einer Art Vakuum. Ich hatte nichts und niemanden und erinnerte mich an keinerlei Dinge, die mir in der Amnesie weitergeholfen hätten.

„Die steht Ihnen aber gut“, strahlte sie mich an.

„Nancy, bitte, ich führe hier eine Ermittlung durch, ja?“

„Lass mich doch, Paul, der arme junge Mann braucht saubere Kleider.“ Ihre Stimme klang ein wenig schrill.

„Da Sie sich nicht ausweisen können, müssen wir auf jede Information setzen, die Ihnen noch einfällt“, wandte sich der Polizist mir zu.

„Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich dem Mann der Bergwacht eine verpasst habe“, gab ich verschämt zu und senkte den Blick.

„Andrew?“

„Ja.“

„Daran erinnern Sie sich?“

„Nein, nicht direkt, wir haben darüber gesprochen… Könnte man das als Straftat ansehen?“

„Machen Sie sich keine Gedanken, wahrscheinlich hat er es verdient.“

„Das sieht gut aus“, fiel Nancy ihrem Mann ins Wort, und schaute auf das T-Shirt, was ich inzwischen übergezogen hatte. „Probieren Sie es mal mit diesem Hemd hier, das steht Ihnen sicher ganz fabelhaft.“

„Schatz, lass ihn doch einfach selbst aussuchen, was ihm gefällt“, meinte der Polizist wohlwollend.

Nancy kümmerte sich gar nicht um den Einwand ihres Mannes, sondern griff nach meinen alten Kleidern: „Geben Sie nur, ich nehme Ihre Sachen mit und werde sie waschen.“

„Nein, das müssen Sie wirklich nicht“, versuchte ich sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

„Überhaupt kein Problem, wir helfen gern.“ Nancy lächelte mich freundlich an.

Drew

„Fullhouse, schon wieder gewonnen! Du spielst nicht besonders gut … hättest sicher schon Haus und Hof und Frau verspielt, wenn es wirklich um etwas ginge.“ Marc grinste mich frech an.

„Eine Frau habe ich eh nicht“, murmelte ich, konnte vermutlich das Traurige in meinem Blick nicht ganz verbergen, fand den Moment jedoch unpassend, mehr von mir zu erzählen. So ermunterte ich lautstark mein Gegenüber: „Na los, weiter geht’s, ich will Revanche!“

„Tja, du solltest aufgeben, hast eben gegen mich sowieso keine Chance.“ Marcs Lächeln war wirklich bezaubernd, ich wäre gern darin versunken, jedoch scheute ich mich davor, denn ich wollte die Situation nicht ausnutzen. Marc wusste nicht einmal, wer oder was er war.

„Das macht sicher eine halbe Million. Wie viel verdienst du denn so?“, zwinkerte er mir zu.

„Also in bar kann ich es dir nicht geben, nimmst du auch einen Scheck? An welche Adresse geht er denn?“, fragte ich unschuldig.

„Haha, sehr witzig!” Beide mussten wir herzlich lachen.

„Echt nett, dass du zu mir kommst und mir hilfst, die Zeit zu vertreiben. Weißt du, Drew, ich erinnere mich an gar nichts mehr. Der einzige Anknüpfungspunkt bist du. Du bist im Moment meine einzige Vergangenheit, alles was ich von ihr noch habe, du hast mir das Leben gerettet. Irgendwie verbindet das sehr. Das kann man wohl nur dann verstehen, wenn man so etwas – wie ich jetzt – durchmacht.“

Er schaute nachdenklich aus dem Fenster. Einige Zeit verging, ehe er mir unverwandt in die Augen blickte:

„Das bedeutet mir sehr viel, ich kann auch nicht sagen, warum. Jedenfalls … danke!“

„Marc, ich habe mir Sorgen um dich gemacht…“ Viele der Worte, die mir bezüglich der Umstände seines Unfalls auf der Zunge lagen, schluckte ich hinunter, denn ich wollte sie keinesfalls aussprechen. „Schau, hier ist sowieso nicht viel los in der Gegend und es ist ganz schön, Kontakt zu bekommen zu einem Mann in meinem Alter. Und ist doch klar, dass ich mal vorbeikomme. Ich an deiner Stelle würde vor Langeweile eingehen und spätestens nach zwei Tagen die Wände hoch marschieren.“

„Ach, die Tage habe ich eh schon nicht mehr gezählt“, meinte Marc mit einem Seufzen.

„Warum gehst du nicht mal ein wenig spazieren?“

„Nein, ich habe doch Amnesie, nachher finde ich nicht wieder zurück.“ Wieder dieses umwerfende Lächeln.

„Oh, daran habe ich gar nicht gedacht.“ Ich musste sein Lächeln einfach erwidern.

***

„Du bist verrückt“, meinte Marc und stieg in den Rollstuhl, den ich genau neben den gestellt hatte, in dem ich nun saß.

„Na los, auf geht’s, wer zuerst am Ende des Ganges ist. Sieh mal zu, dass du dich wieder bewegst“, stichelte ich und schon ging es los.

Wir hatten viel Spass und ich wunderte mich ernsthaft: niemand hielt uns auf oder schimpfte über unser zugegeben pubertäres Benehmen. Schon lange hatte ich nicht mehr so viel gelacht und ich fühlte mich einfach wohl.

***

 

Marc

Es regnete in Strömen, der Himmel grau verhangen. Mit weichen Knien stand ich auf dem Felsen. Pure Verzweiflung bemächtigte sich meiner und es fühlte sich an, als würde mein Herz zerspringen in Tausende von Scherben. Mühsam rang ich nach der nötigen Luft zum Atmen…

Schweißgebadet erwachte ich aus meinem Albtraum. Immer dieselben Gedankenfetzen, es war schier zum Verzweifeln. Ich stocherte im Dunkeln und konnte nichts machen, nichts.

***

Drew

„Klopf, klopf!“ Die Tür von Marcs Krankenzimmer war nur angelehnt und ich steckte meinen Kopf hinein.

„Hey Drew, schön, dass du kommst“, begrüßte Marc mich sichtlich erfreut.

„Hier, ich hab dir was mitgebracht.“

„Was ist das?“ Marcs Augen leuchteten; ich liebe diese Unbeschwertheit.

„Nur der beste Burger, den man hier in der Gegend bekommen kann“, antwortete ich und wedelte stolz mit dem Papierbeutel vor seinem Gesicht herum.

„Oh, alles ist besser als der Krankenhausfraß hier“, kam es von Marc mit einem Funkeln in seinen Augen.

„Bitte…“ Ich reichte ihm die Tüte und er griff sofort danach, öffnete sie ungeduldig und biss sofort herzhaft zu.

„Schmeckt gut, oder?“

„Hmmhmmmmhm…..“, war erst einmal die einzige Antwort, doch die reichte mir.

„Fantastisch, als könntest du meine Gedanken lesen, das tat gut!“, war dann das erste, was Marc hervorbrachte, als es das Speisevolumen in seinem Mund wieder erlaubte.

Unweigerlich musste ich grinsen. Es stimmte, die Burger von Mr. und Mrs. Vaughan, die zusammen einen kleinen Imbiss unterhielten, waren weit und breit die besten, die man bekommen konnte, zumal dort alle Speisen noch von Hand zubereitet wurden. Die beiden weigerten sich gegen viele Neuerungen und etliche Variationen maschineller Massenproduktion. Das Ergebnis konnte sich in der Tat sehen – ähm, ich meine natürlich schmecken – lassen.

„Wenn du willst, Marc, dann frage ich Dr. Williams, ob du mal mit mir raus darfst.“ Hiermit wagte ich einen Vorstoß, der mir schon seit Tagen auf der Seele brannte. In Marcs Gegenwart fühlte ich mich wohl und wir verstanden uns fabelhaft. Solange seine Vergangenheit im Ungewissen lag, hatte er sowieso niemanden, der sich um ihn kümmerte. Es würde ihm sicher gut tun.

„An die frische Luft? Denkst du, das wäre eine gute Idee?“, grinste Marc verschlagen.

„Hm, vermutlich gar nicht“, stichelte ich zurück, und fuhr ernster fort „ich werde Dr. Williams fragen, sie kann mir nichts abschlagen.“

***

„Warum nur stehen mir die Haare zu Berge?“, fragte mich Frau Dr. Williams mit einem gütigen Lächeln, als ich während der Nachuntersuchung meines Handgelenks die Gelegenheit beim Schopfe ergriff, um sie auf Marc anzusprechen. Mein Entschluss, Marc hier rauszuholen, stand fest.

„Nun, Doc, schauen Sie sich an, wie er hier hausen muss in seinem kleinen Zimmer, Tag für Tag“, versuchte ich einen Vorstoß. „Das wäre vielleicht ein ausgezeichneter Ort für eine Geiselhaft, aber doch nicht für einen Patienten wie Marc.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“, unterbrach mich die Ärztin.

„Warum darf er nicht mit mir einfach mal raus?“

„Um was zu tun?“

„Keine Ahnung. Vielleicht, um einen Baum zu pflanzen?“

„Dieses Ritual pflegen Sie immer noch, Andrew?“

„Natürlich! Das könnte doch funktionieren?“

„Nun ja, vielleicht tut es ihm gut, wer weiß. Ich sehe, was ich machen kann“, war die wohlwollende Antwort von Dr. Williams.

„Danke, Doc!“ Und dankbar war ich ihr wirklich.

***

Pünktlich um 14 Uhr klingelte ich am Sonntag bei Paul und Nancy. Schon bald saßen wir am gedeckten Tisch und genossen das liebevoll zubereitete Mahl, bestehend aus einer scharf gewürzten Bohnensuppe, Kroketten, Roastbeef, einer köstlichen Sahne-Soße, grünem Salat mit Paprikastreifen und Krokant-Karamell-Pudding zum Dessert. Während des Essens überlegte ich, wie ich unverfänglich auf das Thema „Marc“ zu sprechen kommen könnte. Schließlich platzte es aus mir heraus:

„Ich hab Dr. Williams gefragt, ob er mit mir nach Hause kommen kann.“

„Was? Worum geht’s?“, fragte Paul, der offensichtlich nicht sofort begriff, worum es mir ging.

„Sie meinte, es sei eine gute Idee“, meinte ich und sprach somit die halbe Wahrheit. „Es gibt keinen Grund für ihn, weiterhin im Krankenhaus zu bleiben. – Vielleicht wird er so schneller gesund. Sie gibt ihr okay, wenn ihr zustimmt.“

„Warum fragst du mich das?“ Paul wirkte leicht kühl.

„Du bist der Boss, Paul, denk dran.“

„Ich frage mich nur, ob du da irgendwelche Hintergedanken hast, Drew.“

„Wir sind einfach nur Freunde, Paul! Was also soll die Frage?“

Nancy schaltete sich ein; ich konnte spüren, dass sie sich bemühte, sehr behutsam zu sein: „Drew, er hat sehr viel durchgemacht. Erwarte nicht etwas von ihm, was er vermutlich nicht erfüllen kann.“

„Und als Beamter ist es einfach unpassend, wenn du dich mit diesem Unbekannten derart anfreundest.“ Das war typisch mein großer Bruder.

„Paul, er heisst Marc und ist kein Unbekannter.“

„Er GLAUBT, Marc zu heißen“, war die skeptische Antwort.

„Seinen Namen wird er wohl noch wissen.“ Es kostete mich Kraft, ruhig und gelassen zu klingen.

„Aber schau, an etwas anderes erinnert er sich nicht“, warf Nancy ein.

„Ich hab ihm nichts von dem Vorfall erzählt.“

„Aber er weiß, dass er nach dir schlug, Drew?“

„Paul, hätte ich lügen sollen?“

„Mach es bitte nicht noch komplizierter, als es schon ist, das ist alles!“

„Ich wollte ihn doch nur mal mitnehmen, ihn vielleicht hierher einladen oder was auch immer.“ Meine Stimme muss etwas kläglich geklungen haben und in der Tat sah ich meine Chancen dahinschwinden. Traurigkeit machte sich in mir breit und ich schaute meinen Bruder und meine Schwägerin bloss mit großen Augen an.

Nancy war es, die das Wort für mich ergriff, indem sie sich an Paul wandte: „Der Arme hat eine Menge durchgemacht. Ich denke, eine solche Veränderung täte ihm sicher doch ganz gut, was meinst du?“

Paul seufzte. „Okay, Drew, wie du meinst. Aber auf deine Verantwortung, klar?“

Seine Stimme klang dabei ein wenig hart, doch das störte mich in diesem Moment keineswegs. Meinem Glück, und als solches betrachtete ich diesen Umstand, stand nichts mehr im Weg.

***

„Noch einmal in Ihren eigenen Worten, bitte“, kam es streng von Dr. Williams. Sie unterschrieb derweil ein paar Papiere. Marcs paar Habseligkeiten waren bereits in einer Tasche verpackt und standen bereit.

„Nicht über den Unfall sprechen… und pünktlich zu den Terminen im Krankenhaus erscheinen“, zählte Marc mit einem Lächeln auf.

„Sehr gut. Und rufen Sie an, wenn die Albträume wiederkommen“, forderte die Ärztin Marc sehr eindringlich auf. „Ansonsten bis morgen.“

Herzlich schüttelten wir der Ärztin die Hand.

***

Marcs Tasche verstaute ich im Kofferraum des Jeeps. Schweigend fuhren wir durch die malerische Landschaft.

„Also rettest du jeden Tag Menschen?“, unterbrach Marc die Stille.

„Nein, nicht unbedingt. Unsere Pflichten hier sind vielfältig. Teilweise fällen wir Bäume, beseitigen Schlamm, kümmern uns sogar um Tiere. Waldbrände sind unsere größte Sorge.“

„Das klingt recht beeindruckend.“

„Nun, es ist schon ein ganz interessanter Job.“

„Mir kommt es vor, als mache ich blau“, überlegte Marc.

„Mmh, und mir kommt es nicht nur so vor. Mein Bruder Paul würde nicht erfreut sein, wenn er mich jetzt erwischen würde.“ Ein Grinsen konnte ich nicht verkneifen.

„Paul ist dein Bruder? Der Polizist?“

„Ja.“

Wir waren am Ziel. Den Geländewagen parkte ich ein Stück abseits der Strasse auf einem einsamen Waldweg. Aus dem Kofferraum holte ich eine Schaufel und ein kleines Zedernbäumchen in einem Blumentopf. Das Bäumchen reichte ich Marc, der mich einigermaßen verständnislos anschaute. Dann lief ich voran in den Bergwald, bis ich glaubte, eine geeignete Stelle zum Einpflanzen gefunden zu haben.

„Hier ist es gut“, bemerkte ich zufrieden.

„Hey, ich verlange eine Erklärung, Drew.“ Marc schaute mich fragend an.

„Du pflanzt den jetzt ein“, zeigte ich auf den Blumentopf in Marcs Händen.

„Und warum das Ganze, und warum gerade hier?“

„Du nimmst gleich Anteil an einer ehrwürdigen Tradition“, beschwor ich feierlich. „Wer einen Unfall am Berg überlebt, muss ihm ein Opfer bringen. Ich hab das schon hunderte von Malen getan“, grinste ich.

„Du fällst also öfter mal den Berg herunter?“ Marc musste lachen.

„Ständig!“, neckte ich meinen Begleiter. „Kommt alles Mal vor.“

„Hast du mit so etwas schon gearbeitet?“, fragte ich Marc, als ich ihm die Schaufel reichte.

„Natürlich, was denkst denn du“, empörte sich Marc gespielt entsetzt.

In der Praxis sah das jedoch ganz anders aus. Er stellte sich so ungeschickt an, dass wir uns bald vor Lachen bogen und nicht mehr konnten.

Schließlich war es doch vollbracht, und das kleine Bäumchen wohlbehalten in irdische Gefilde gelangt. Zufrieden betrachten wir Marcs Arbeit und lächelten.

„Komm, ich zeig dir jetzt, wo du die nächste Zeit verbringen wirst“, schlug ich vor.

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