Der Stoff aus dem Leben gemacht ist – Teil 9

Diese Geschichte und die darin handelnden Personen sind ein Produkt meiner Phantasie, wobei nicht auszuschließen ist, dass ähnliche als die darin beschriebenen Handlungen bereits passiert sind, oder sich künftig so zutragen werden. Eine Haftung dafür übernehme ich nicht.

Irgendetwas piekt mir sehr unangenehm in die Seite und ich werde wach. Mit meiner rechten Hand nach dem Übel tastend, fühle ich nur meine nackte Haut und Stroh, dessen spitze Halme das unangenehme Gefühl hervorrufen, sehen kann ich nichts.

Ich versuche mich aufzurichten, um mich besser orientieren zu können, was zur Folge hat, dass ich einen stechenden Kopfschmerz verspüre und vor Mattigkeit zurück sinke.

Wo bin ich, warum liege ich hier im Stockfinstern vollkommen nackt auf Stroh, ich kann mich gerade an nichts erinnern. Ist mir vielleicht nur schwindlig und ich kann deshalb nichts sehen, träume ich etwa oder sind alles nur die Auswirkungen eines großen Besäufnisses, das würde auch meine Erinnerungslücken erklären. Mir ist übel, ich glaube, ich muss mich gleich erbrechen.

Die Luft ist sehr stickig und es stinkt nach Latrine. Von oben ist leichtes Schaben zu hören und Geräusche, wie aus einem Schweinestall. Warum aber von oben? Was ist oben, was unten, vorne, hinten, ich habe keine Orientierung.

Endlich kann ich mich hoch zwingen. Mit Hilfe meiner Hände versuche ich, die unmittelbare Umgebung zu ergründen, jedoch ein plötzlicher Hustenreiz lässt mich innehalten. Unmittelbar erklingt das Echo, wie in einer gusseisernen Badewanne.

Meine tastend vorgestreckten Fingerspitzen stoßen auf etwas Hartes und Raues. Hier ist eine Wand, die Oberfläche wie Beton. Die Wand gibt die Richtung vor und ich versuche mich, an ihr aufzurichten.

Vorsichtig und langsam bewege ich mich an der Wand entlang, bemüht, endlich den Lichtschalter zu finden und einen rettenden Weg nach außen. Jedoch, alle Anstrengung ist umsonst, von einer Tür ist keine Spur und der Weg nimmt kein Ende, denn die Wand hat eine konkave Krümmung. Ich stecke auf dem Boden einer großen Betonröhre!

Nun will ich prüfen, wie es in der Höhe aussieht, aber auch wenn ich mich ganz ausstrecke und dabei auf den Zehenspitzen stehe, kann ich nicht die obere Begrenzung erreichen.

In die Hocke gehend und mehrmals tief durchatmend, gelingt mir nach einigen misslungenen, kräftezehrenden Versuchen ein Sprung. Wieder nichts, aber als ich unten aufkomme, verliere ich das Gleichgewicht und kippe nach vorn.

„Aua! Au!“, kommt es leise jammernd direkt aus meiner Landeposition, dann ist es wieder still.

Da ist noch jemand, dem ich gerade schmerzhaft auf dem Bauch gelandet bin, so tief rein und weich, wie sich das angefühlt hat. Da ich die Person nicht sehen kann, versuche ich mit meinen Händen, ihre Konturen wahrzunehmen.

Moment, das ist jetzt aber unanständig! Meine Hand in die andere Richtung auf dem nackten männlichen Körper entlang führend, bin ich am Gesicht angelangt. Auf dessen Stirn prangt eine ziemliche Beule, außerdem fühlt sie sich fiebrig an.

Meine Nacktheit, die vor mir nackt im Stroh liegende Person, die Beule am Kopf, die Dunkelheit, die Ungewissheit, der unbekannte Ort, das ganze Warum und Wieso, ich bin gerade total überfordert. Ein heftiges Stechen geht durch meinem Kopf, aber auch eine Ahnung, dass wohl irgendeine Verbindung zu der Person und meiner Anwesenheit hier bestehen muss. Zumindest bin ich nicht allein.

Eine Hand auf der Brust des vor mir liegenden, wo ich deutlich sein Herz wahrnehmen kann, die andere mir immer wieder übers Gesicht fahrend, als ob ich damit den hemmenden Nebelschleier aus meinem Kopf vertreiben könnte, versuche ich, mich krampfhaft zu erinnern.

Mit meinem Gesicht dem anderen jetzt ganz nahe, so dass mir dessen Haare bereits in der Nase kitzeln und ich deutlich seinen Atem spüren kann, fühle ich eine seltsame Vertrautheit in mir aufsteigen.

Als meine Lippen zufällig mit seiner Nasenspitze zusammen stoßen und unsere nackten Oberkörper sich berühren, ist mir, als ob ich einen leichten elektrischen Schlag bekomme und es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Fabio!

„Hallo Fabio, wache auf, Manu ist bei dir“, er reagiert nicht. „Bitte, sag doch was, sprich mit mir!“, keine Reaktion. Ihn an den Schultern zu rütteln, ist ebenso erfolglos.

Er atmet, wenn auch unregelmäßig, der Puls scheint normal zu sein, doch die sehr heiße Stirn deutet darauf hin, dass etwas mit ihm nicht stimmt, dass er wohl krank sein muss.

Jetzt viel frische Luft und ihm auf jedem Fall was zu trinken geben, dass wäre meine normale Reaktion gewesen, aber hier unten ist nichts weiter als nur trockenes Stroh zu finden. Und es ist heiß, stickig und es stinkt fürchterlich. Zudem spüre ich, dass ich dringend auf den Topf muss. Es muss sein.

Obwohl ich meine Hinterlassenschaft ordentlich mit viel Stroh abgedeckt habe, stinkt es nun noch mehr.

Alle meine Anstrengung ist umsonst, was kann ich noch tun. Mir fällt momentan nichts Besseres ein, als mich neben Fabio zu legen.

Immer wieder versuche ich, durch Zureden und Streicheln in sein Bewusstsein zu dringen, aber ich könnte ihm auch ebenso direkt ins Ohr brüllen, es bringt nichts, er ist wie besinnungslos. Ohne Zweifel, Fabio benötigt dringend ärztliche Hilfe!

„Hilfe! Ist hier denn niemand! Hallo!“, aber ich kann rufen, solange ich will und ich Kraft dafür habe, mich hört keiner.

*-*-*

 

Nach langer Zeit des frustrierenden Wartens kann ich deutlich ein Klappern hören und ich schöpfe auf einmal wieder Hoffnung. Mein Herz macht dabei Jubelsprünge und schlägt mir aufgeregt bis zum Hals.

„Hilfe! Hallo! Hören Sie mich! Bitte holen sie uns hier raus. Wir brauchen Hilfe.“

„Schnauze, da unten! Seit wann hat Schweinefutter was zu melden!

Aber schreie du da unten nur rum, solange du willst – es ist zwecklos, dich wird sowieso niemand hören können. Und ich werde euch garantiert nicht helfen, bin doch nicht blöd.

Denn merke dir ein für allemal: Wer sich gegen uns stellt, hat sein Todesurteil bereits unterschrieben!

Vielleicht lasse ich euch da unten nur einfach verhungern und verdursten, wenn ihr nicht schon vorher in dem engen Loch erstickt seid. Vielleicht werde ich euch nachher die Kehle durchschneiden und danach ordentlich ausbluten lassen, so wie es sich gehört. Aber auf jeden Fall werde ich aus euch Schweinefutter machen. Echtes Kraftfutter für meine Lieblinge!

So, jetzt gib Ruhe.“

Dann sind Arbeitsgeräusche zu hören vom Ausmisten und das laute Singen von Schlagermelodien, „Schön ist es auf der Welt zu sein…“

Mir aber ist bei diesen Worten das Herz ganz tief nach unten gerutscht und ich verspüre Todesangst. So verloren und hilflos wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt. Was können wir nur getan haben, dass man uns so quält. Warum wir, ich habe keine Ahnung.

Hätte ich nur auf diese telefonische Warnung gehört ,Halten sie sich von ihrem Freund fern’, dann wären wir jetzt sicherlich nicht vom Tode bedroht. Aber so, wie es nun ist, da ist keine Hoffnung, wir müssen wir bald sterben! Obwohl, wenn Fabio nicht bald Hilfe bekommt…

Mich ganz dicht an ihn schmiegend, so zärtlich wie ich nur kann, werde ich müde und müder…

*-*-*

 

Ein greller Lichtschein. Eine auf mich einredende Stimme. Fast bin ich schon unwiederbringlich auf der anderen Seite eines langen Tunnels angelangt, als ich auf meinem Weg gestört werde.

„Komm, ich will dir was zu trinken geben, verschlucke dich aber nicht.“

Das Licht wird heller und heller, so grell, dass es schmerzt, als ich meine Augen öffne. Der Tunnel verschwindet in der Ferne, die Sonne scheint und über mir hat sich ein Junge gebeugt, der mir irgendwie bekannt vorkommt.

„Ein Glück, du lebst! Was frische Luft so ausmacht.

Ich bin übrigens Antonio, falls du es nicht mehr weißt. Du warst ja ganz schön betrunken, als wir uns abends kennengelernt haben und du mir dein halbes Leben erzählt hast.

Nun muss ich sehen, dass ich Fabio auch so gut aus der Grube hoch bekomme. Der ist ziemlich schwach, hoffentlich kriegen wir den durch.“

Nein, ich bin nicht im Himmel, auch nicht in der Hölle, denn ich lebe noch, kann es jetzt wieder deutlich spüren, mehr und mehr, aber was ist mit Fabio…

Antonio ist ziemlich kräftig. Wie einen Mehlsack hat er sich meinen Freund auf die Schulter gelegt und trägt ihn eine blanke Aluleiter hoch.

„Meine Bandscheiben! Hier ist er, dein Freund, und er atmet noch. Gib ihm was zu trinken und benetze seinen Körper mit viel Wasser aus der Flasche. Ich decke inzwischen die Grube wieder ab und tu das Schloss davor, so dass es aussieht, ihr wäret noch da unten. Dann sollten wir uns aber schleunigst verpissen.

Ach, und falls du es nicht schon ahnen solltest, ich bin übrigens der Sohn vom Gemüsebaron, der eure Entführung veranlasst hat und will, dass ihr…“

Als er dabei ist, Fabio vorsichtig auf den Boden abzulegen und ich ihn richtig sehen kann, achte ich nicht mehr auf die Worte meines Befreiers, denn ich bekomme einen heftigen Schreck!

Die Haut von Fabios Körper ist sehr blass und weist einen merkwürdigen Farbton auf, so eine Mischung aus leichtem Grau und Grün, was auf schlimme Krankheiten schließen lässt. Deutlich ist sichtbar, dass er momentan keine Kontrolle über seine Ausscheidungsorgane hat.

„Antonio, können wir darüber nicht später reden. Schau mal auf Fabios Arm, der hat doch eine Blutvergiftung!“

„Was, Fabio eine Blutvergiftung, zeig mal, woran siehst du das?“

„Na, hier, an der Armbeuge, da geht es los. Sieht ziemlich schlimm aus.“

„Ach du Scheiße, das ist nicht nur so ein Streifen, das ist ja schon eine ziemlich großflächige Verfärbung!

Und dieser große, rötliche Punkt scheint mir die Einstichstelle einer Spritze zu sein.

Wahrscheinlich haben die euch mit einer Droge ruhig gestellt und dafür eine verschmutzte Spritze genommen. Ein Wunder, dass du dich nicht infiziert hast. Geht es so mit dir?“

„Wegen Fabio geht’s mir ganz schön beschissen, ich habe richtig Angst um ihn. Nun, mach doch endlich was!“

„Komm, hilf mir, Fabio schnell noch was über zuziehen. Und auch du solltest dir was anziehen. Ich hab euch Sachen von mir mitgebracht.“

„Unsere Nacktheit ist jetzt nicht wichtig. Wir sollten ihn nur ganz, ganz schnell ins Krankenhaus bringen! Ich kann mir ja unterwegs was anziehen.“

„Gut, Manuel, so machen wir es. Ich fahre mein Auto ganz dicht ran, damit ich ihn leichter hinein bekomme. Schau du mal, dass wir hier nichts umherliegen lassen, was uns verraten könnte. Schaffst du das schon?“

„Ja, doch, aber ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“

„Oh, Entschuldigung, daran habe ich gar nicht gedacht.“

Antonio und sein Auto, von wegen armer Student, bei diesem aufgemotzten Gefährt… Die Größe ist jetzt aber genau richtig, um Kranke auf der Rückbank liegend transportieren zu können.

*-*-*

 

Fabios Oberkörper liegt sicher auf meinen Oberschenkeln und ich höre besorgt auf seinen Atem, der ziemlich schwer geht. Seine Stirn ist von kaltem Schweiß bedeckt.

Noch schneller zu fahren, macht auf den von Antonio ausgewählten Wegen keinen Sinn, es schüttelt schon jetzt für einen Krankentransport viel zu heftig. Hoffentlich muss Fabio sich bei der Schüttelei nicht noch ergeben, dann wüsste ich nicht, was ich machen sollte.

Ich schiele kurz zu Antonio, der konzentriert und schweigend versucht, das Fahrzeug auf den von ihm gewählten Feldwegen in der Spur zu halten, den Ortschaften dabei möglichst ausweichend. Auf der Konsole neben ihn liegt eine Pistole mit Schalldämpfer griffbereit, was mich sehr beunruhigt.

„Antonio? 20.00 Uhr zeigt die Uhr vorn an. Sag mal, was ist heute überhaupt für ein Tag?“

 

30.08.2030, Freitag, Bilbao

„Heut ist Freitag, der 30. August. Wir haben gleich die Gegend umfahren, wo mein Papá seine Leute postiert hat und können auf der anschließenden Hauptstraße endlich richtig Gas geben. Noch 10 Minuten bis zum Krankenhaus.“

„Von Mittwoch bis Freitag, dann waren wir schon drei Tage in dem Loch!“

„Zum Glück keinen Tag länger! Und was die mit euch anstellen wollten, erzähle ich dir lieber nicht.“

„Das weiß ich bereits, Antonio. Danke, dass du uns gerettet hast.“

„Euch gerettet, ja, gewiss, aber dabei habe ich auch mich gerettet. Fabio und tot, dass hätte ich niemals verwinden können.“

Dann schweigt er wieder.

„Du, Manuel, ich möchte dir noch was sagen: Ich habe mich schon vom ersten Tag an, an dem ich Fabio kennen lernte, in ihn verliebt. Ich beneide dich…“

„Lieben kannst du ihn, indem du Fabio jetzt gleich sehr schnell und vorsichtig ins Krankenhaus hinein trägst, ansonsten ist das mein Freund, dass das klar ist! Wir sind da.“

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