It’s raining – Teil 6

Tassilo

Wir folgten meiner Mum ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht, was jetzt kommen sollte, aber sie machte auch nicht den Eindruck, uns jetzt eine Moralpredigt oder ähnliches halten zu wollen.

„Ich wollte euch noch etwas erzählen. Als allererstes aber noch etwas anderes. Daniel, du bist hier jederzeit willkommen, lass dir bitte niemals von jemand anderem etwas anderes einreden.“

Daniel nickte stumm.

„Morgen werde ich den ganzen Tag nicht da sein, denn Lewis wird mich brauchen. Ihr könnt euch hier etwas kochen, es ist genug da.“

„Sollen wir nicht mit auf die Beerdigung?“, unterbrach sie Daniel.

Mum legte ihre Stirn in Falten.

„Bist du sicher, dass du so etwas gewachsen bist Daniel? Ich meine, ich finde es lieb von dir, an der Beerdigung von Lewis Frau teilnehmen zu wollen, aber schaffst du das auch? Denke daran, wie es dir in den letzten Wochen ergangen ist.“

Daniel schaute sie eine Weile an.

„… wenn ich aber keinen Anfang mache… wird es doch immer so weiter gehen, oder nicht?“

„Daniel, ich bin kein Psychologe, ich kann so etwas nicht beurteilen. Ich meine das nur gut mit dir.“

Daniel griff nach meiner Hand.

„Ich habe mich in Tassilo verliebt. Er ist der erste Mensch nach Oliver, meinem Bruder, der mir wieder Halt gibt Mrs. Melright…“

„Jessica…, ich heiße Jessica.“

„… oh… okay, und ich fühle mich im Augenblick so stark wie nie zuvor. Ich möchte probieren, wie weit ich bin, oder zumindest wissen, wie es um mich steht.“

Mum nickte und ich streichelte sanft mit dem Daumen über seinen Handrücken.

„Ich verspreche Ihnen… äh dir, dass ich es Tassilo sofort sage, wenn es mir schlechter gehen sollte und ich gehen möchte.“

„Ich weiß zwar nicht, ob das gut ist, so etwas könnte wahrscheinlich nur Lewis beurteilen, aber ich möchte deinem Wunsch auch nicht im Wege stehen.“

Daniel lächelte etwas.

„Das andere, was ich euch beiden sagen wollte…, es wird sich hier natürlich auch vieles ändern. Lewis hat das alte leer stehende Haus neben dem unseren gekauft und…“

„Echt? Wow und was hat er damit vor?“, unterbrach ich Mum.

„Ja! Er möchte seine Praxis hier her verlegen und die zwei Häuser zusammenlegen.“

„Das hört sich nach viel Arbeit an“, meinte Daniel und ich spürte, dass sein Kopf auf Hochtouren arbeitete.

„Ja wird es sicher sein. Aber ich möchte Lewis unterstützen wo es geht und ich würde mir wünschen, du Tassilo auch und solange Daniel hier ist auch.“

„Hat wer gesagt, wie lange ich hier bleiben darf?“, fragte Daniel.

„Das kommt auch dich an, Daniel. Von uns aus solange du möchtest.“

Jetzt strahlte Daniel und schmiegte sich an mich.

„Okay, dann wäre das geklärt. Was mich noch interessieren würde, Tassilo… ich habe die Email gelesen. Willst du denen wirklich deine Bilder schicken? Ich meine. Billy meint das sicherlich ehrlich, aber ob dieser Mann die wirklich veröffentlichen will?“

„Mum, ich schicke erst einmal ein paar Aufnahmen von den Bildern per Mail an Billy und dann werden wir weiter sehen. Gut, alleine dass jemand sagt, die Bilder sind so gut, dass er sie ausstellen will, finde ich schon verrückt…“

„Wieso? Deine Bilder sind schön!“, meinte Daniel.

„Da muss ich Daniel Recht geben, du hast ja auch schon einen Preis bekommen.“

Ich wusste nicht, was ich weiter darauf sagen sollte.

„So, dann lass ich euch mal alleine, Daniel wird sicher seine Sachen einräumen wollen. Wenn ihr etwas braucht, dann meldet euch, ich bin in der Küche.“

„Danke Mum“, meinte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Daniel stand auf und machte es mir nach. Mum strahlte und ging in die Küche.

„So, was meinst du, sollen wir hinauf gehen und mal sehen, ob wir alles unterbekommen?“, fragte ich Daniel.

„Klar, aber soviel ist das doch gar nicht.“

Ich konnte nicht anders und musste lachen. Während Daniel später seine Sachen einräumte, setzte ich mich an meinen Rechner und schrieb Billy eine Antwort.

Billy

„Junger Mann, was suchen Sie hier in diesem Zimmer?“, fragte plötzlich eine Stimme hinter mir.

„Meinen… Freund… Matthew… er lag doch gestern noch hier…“

„Da müssen Sie sich irren, das Zimmer ist seit einer Woche nicht belegt gewesen.“

Entsetzt sah ich die Frau an.

„Was hat Ihr Freund denn, warum ist er denn hier im Krankenhaus?“

„Er wurde… zusammengeschlagen…“

„Oh, ich denke, da haben Sie sich vertan, die Unfallopfer liegen ein Stockwerk höher.“

„Bin ich denn nicht im dritten Stock?“, fragte ich verwundert.

„Nein, im zweiten!“

„Oh…“

„Ja oh“, meinte die Frau lächelnd.

„Dann werde ich mal… in den nächsten Stock gehen…“

„Ja tun Sie das und gute Besserung für Ihren Freund.“

„Danke“, meinte ich und machte mich auf den Weg zum Aufzug.

Wenig später war ich dann im richtigen Stockwerk und mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich Matthews Zimmer betrat und er wirklich da lag.

„Hallo“, meinte ich leise.

Matthew drehte seinen Kopf etwas und schaute mich lächelnd an. Wenn man es lächeln nennen konnte, seine Lippen waren immer noch geschwollen.

„Ich dachte, du kannst heute nicht kommen“, sagte er.

Ich beugte mich zu ihm hinunter und gab ihm vorsichtig einen Kuss.

„Reiner Zufall, ich habe eine Mitfahrgelegenheit bekommen und Mum nimmt mich später wieder mit nach Hause.“

„Egal, Hauptsache du bist hier.“

Ich setzte mich neben ihn ans Bett und nahm seine Hand.

„Wer hat dich denn mitgenommen?“

„Das muss ich dir noch erzählen.“

„Was denn?“

„Wusstest du, dass dein Onkel  in einer schwulen Jugendgruppe aktiv ist?“

„Nein… echt? Gut, er hat mir mal erzählt, dass er oft mal was mit einer Gruppe Jugendlicher etwas unternimmt, aber nicht dass die schwul sind.“

„Und du wirst es nicht glauben, da kam heut Mittag ein Auto zu uns gefahren, das ich nicht kannte und…“

„Oh, doch das glaube ich dir!“

Ich streckte Matthew die Zunge raus.

„Jetzt erzähl schon weiter.“

„Also der Wagen hielt an und ein kleiner Asiate stürzte heraus und kübelte, was das Zeug hält.“

„Er hat gekotzt? Warum?“

„Der Fahrer hatte anscheinend einen schlechten Fahrstil. Also, der Asiate heißt Takumi, dann war da noch der Fahrer – Aiden – und noch ein Samuel. Ein schwarzer Koloss und mit Takumi zusammen.“

Matthew lächelte leicht.

„Sieht wahrscheinlich komisch aus, wenn die zwei zusammen sind.“

„Also, ich würde es eher als süß bezeichnen.“

„Und was wollten die von dir?“

„Na ja. George hat wohl von dir erzählt und die Gruppe kümmert sich scheinbar vorwiegend um Opfer von Misshandlungen oder wenn jemand verprügelt wurde, so wie du.“

„Hat der sie nicht mehr alle?“

Matthews Laune war plötzlich auf dem Nullpunkt.

„Entschuldige… ich wollte dich nicht verärgern.“

„Daran bist du ja wohl nicht schuld, aber ich dachte, George behält das für sich… bisher war es jedenfalls so.“

„Du, ich finde die Jungs ganz nett und da sie dich nicht kennen, sind sie sicher auch nicht von deiner Schule.“

„Billy, auf meiner Schule gibt es so viele Schüler, da kann man nicht jeden kennen.“

„Ups.“

Matthew atmete scharf aus und verzog dabei sein Gesicht.

„Hast du Schmerzen?“, fragte ich besorgt.

„Ja, das Atmen tut weh.“

„Soll ich eine Schwester rufen?“

„Nein.“

Irgendwie traute ich mich nicht, ihn zu fragen, warum. Ich wusste auch nicht, wie ich Matthew einschätzen konnte, dazu kannte ich ihn noch zu wenig.  Plötzlich kam mir der Gedanke, es ging alles zu schnell.

Ich hatte mich eigentlich in einen Fremden verliebt.

„Was grübelst du?“, fragte  Matthew plötzlich und riss mich aus meinen Gedanken.

Sollte ich ihm das wirklich erzählen? Ich seufzte und lehnte mich näher zu Matthew vor.

„Dass ich dich eigentlich nicht richtig kenne“, sagte ich leise.

„Und was heißt das für uns?“

Das klang sehr ängstlich und besonders das „uns“ hatte er betont.

„Willst du es wieder beenden, bevor es angefangen hat?“

Aus Matthews Stimme klang aufkommende Panik. Ich nahm erneut seine Hand.

„Matthew, das habe ich nicht gesagt. Wäre ich hier, wenn ich mich nicht in dich verliebt hätte? Gut, ich weiß, dass Tassilo wie ein Schatten noch über mir hängt, aber ich versuche, ein neues Leben zu beginnen… und… das würde ich gerne mit dir gemeinsam tun.“

„Aber…“, kam es nüchtern von Matthew.

„Nichts aber, ich will dich nur besser kennen lernen. Dass du sauer bist auf George, das verstehe ich, aber ich weiß nicht, wie ich dich einschätzen soll.“

„Was meinst du mit einschätzen?“

„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Kann ich dich trösten, oder soll ich lieber meinen Mund halten, weil du sonst noch wütender wirst…?“

„Billy, entschuldige…, daran habe ich nicht gedacht. Es tut so gut, wenn du da bist und ich spüre, wie sich in mir ein schönes Gefühl breit macht, nämlich… dass es da jemanden gibt, der das gleiche für mich empfindet, wie ich für ihn.“

Ich wollte etwas dazu sagen, aber Matthew hob langsam seine Hand und legte sie auf meinen Mund.

„Ich weiß, dass es sehr lange braucht, bis man jemandem völlig vertraut, da bin ich auch nicht anders.“

Er verzog leicht das Gesicht und versuchte sich zu bewegen.

„Aber als ich dich zum ersten Mal im Haus meiner Eltern sah, spürte ich, von dir… geht etwas Besonderes aus und wären die anderen nicht da gewesen, hätte ich sofort alles über mich erzählt, was in mir vorgeht, was mit mir los ist.“

Ich sah Matthew an, wie schwer ihm das Sprechen fiel, die Schmerzen schienen stark zu sein.

„Und als du mir im Auto diesen Kuss gegeben hast, da explodierte in mir alles. Es war wie ein Traum, der wahr zu werden schien. Ich war mehr über mich erschrocken, als über das, was du gemacht hast.“

„War ehrlich keine Sternstunde bei mir“, meinte ich leicht genervt.

„Billy bitte…, du hast mich nur aufgeweckt… ich hab bis dahin in meiner Traumwelt gelebt…  Ich bin dir nicht böse… sondern ich bin glücklich… auch wenn ich das gerade nicht so zeigen kann.“

Und wieder verzog er sein Gesicht vor Schmerzen.

„Und ich hol jetzt die Schwester… du musst doch tierische Schmerzen haben.“

Matthew lächelte gequält, widersprach diesmal aber nicht. Ich lief nach draußen auf den Flur und suchte eine Schwester. Am Zimmer der Schwester wurde ich fündig. Zwei Schwestern tranken gerade Kaffee.

„Können Sie bitte kommen, mein Freund hat starke Schmerzen…“, sagte ich einfach, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Welcher Patient?“, fragte die eine leicht genervt.

„Matthew Kingsley… Zimmer 314.“

„Du bist dran“, meinte die eine zur anderen.

Ich war kurz vor dem Explodieren. Keine der beiden machte Anstalten, ihren Hintern zu bewegen.

„Gibt’s hier einen fähigen Arzt, der sich um meinen Freund kümmert?“, schrie ich durch den Flur.

„Jetzt mach mal langsam“, sagte die eine Schwester.

„Das machen Sie doch die ganze Zeit schon. Da drüben liegt mein Freund, weint schon fast vor Schmerzen und sie diskutieren herum, wer Lust hat, zu ihm zu gehen“, fuhr ich sie an.

„Was ist denn hier los?“, hörte ich eine Stimme hinter mir und drehte mich um.

Hinter mir stand ein Weißkittel.

„Mein Freund leidet unter starken Schmerzen, können Sie bitte etwas für ihn tun?“

Ich ließ einen abfälligen Blick zu den Schwestern.

„Welcher Patient?“, fragte der Arzt.

„Matthew Kingsley… Zimmer 314…“

„Schwester Doreen…!“, meinte der Arzt nur und lief Richtung Matthews Zimmer.

Ich folgte ihm und hinter mir lief die Schwester. Als wir ins Zimmer kamen, hustete Matthew gerade und ich konnte auf seinem Kissen Blut sehen.

„Notfall, Schwester Doreen…“

„Matthew“, stammelte ich leise.

„…  bringen Sie den Jungen hier heraus!“

Sie schob mich vor die Tür und schloss sie von innen.

Tassilo

Es war schon später Abend, als Mum wieder nach Hause kam. Sie sah fertig aus und müde. Ich saß gerade auf der Couch und schaute noch fern, während Daniels Kopf auf meinem Schoss ruhte und eingeschlafen war.

„Hallo…, oh er ist eingeschlafen“, meinte Mum und ich nickte.

„Habt ihr noch etwas gegessen?“, fragte sie leise.

„Ja“, flüsterte ich zurück.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr und strich sich durch ihr Haar.

„Ist spät geworden…, ich geh gleich ins Bett und für euch ist es auch Zeit. Auch wenn ihr wegen der Beerdigung nicht in die Schule müsst braucht ihr euren Schlaf.“

„Ja Mum, ich bring Daniel ins Bett“, sagte ich leise.

Sie lächelte mich an und verließ das Wohnzimmer. Ich strich Daniel über seinen Kopf, doch der schlief tief und fest. Schweren Herzens erhob ich mich vorsichtig und griff um seine Arme und Beine.

Sein Kopf schmiegte sich an meine Schulter und er schien auch bei dieser Aktion nicht wach werden zu wollen. Ich wusste, dass Daniel recht dünn war, war aber doch überrascht, wie leicht er sich anfühlte.

Langsam trug ich ihn hinaus auf den Flur und die Treppe hinauf. Ich musste lächeln, weil sich Daniel so in mein Shirt vergrub. Im Zimmer angekommen, legte ich ihn auf mein Bett und begann ihn auszuziehen.

Nur noch mit Shorts begleitet, deckte ich ihn dann zu. Kein einziges mal hatte er Anstalten gemacht zu erwachen. Ich selbst zog mich auch aus und verschwand dann kurz ins Bad. Als ich zurück kam, lag Daniel immer noch so in meinem Bett, wie ich ihn verlassen hatte.

Ich hob die Decke leicht an und legte mich dann zu ihm. Mein Arm wanderte über seinen Rücken und ich schmiegte mich an ihn. Es dauerte nicht lange und ich war ebenfalls eingeschlafen.

*-*-*

Ich spürte einen Windzug, der leicht über mein Gesicht strich. Zu kühl, für mein Gefühl. Fröstelnd zog die Decke etwas höher, doch wieder spürte ich diese Brise und rieb mir über das Gesicht. Als meine Lippen sanft geküsst wurden, war ich schlagartig wach.

„Guten Morgen…“, hörte ich Daniels Stimme, der leicht über mich gebeugt verharrte.

„…Morgen…“, brummelte ich.

„Kannst du mir sagen, wie ich in dein Bett gekommen bin?“, fragte mich Daniel, „ich kann mich nicht erinnern, dass wir rauf gegangen sind, wir haben doch fern geschaut.“

„… wo du…“, ich musste gähnen, „… eingeschlafen bist.“

Ich rieb erneut über mein Gesicht und über die Augen.

„Ich habe dich dann hoch getragen und in mein Bett gelegt.“

„… und ausgezogen.“

„…ja…“

Er grinste mich an, beugte sich vor und küsste mich erneut.

„Danke…“, meinte er und strahlte mich an.

„… ähm… ja bitte gern geschehen… ich konnte dich ja schlecht im Wohnzimmer liegen lassen.“

„Das meinte ich nicht.“

Ich richtete mich etwas auf und sah ihn an.

„Was meinst du dann?“

Er setzte sich auf und kreuzte seine Beine zu einem Schneidersitz.

„Weißt du, dass heute Nacht die erste Nacht war, in der ich nicht von Albträumen geplagt wurde und kein einziges aufgewacht bin?“

„Cool!“, meinte ich und stützte meinen Kopf auf meine Hand auf.

„Aber was noch viel schöner war…, neben dir aufzuwachen. Die Wärme deines Körpers zu spüren, deinen ruhigen Atem zu hören… ich fand das so schön.“

Er strahlte mich regelrecht an und nicht nur sein Mund, sondern auch seine Augen funkelten. Ich konnte nicht anders und ein fettes Grinsen machte sich auf meinen Lippen breit. Meine Aufmerksamkeit wurde aber unterbrochen, als es leise an der Tür klopfte.

„Ja?“, sagte ich.

Die Tür öffnete sich und Lewis steckte seinen Kopf herein.

„Ihr seid ja schon wach“, meinte er, „guten Morgen. Deine Mutter bat mich, euch zu wecken.“

„Danke“, sagte ich und setzte mich ebenfalls auf.

Lewis sah erst Daniel und dann mich an und schmunzelte.

„Was?“, fragte ich.

„Es ist schön, euch zwei so vertraut zusammen zu sehen, auch wenn sich Daniel vielleicht etwas anziehen sollte…, so warm ist es hier nicht… hast du das Fenster absichtlich offen gelassen?“

Erst jetzt bemerkte ich, dass Daniel keine Shorts anhatte und nackt neben mir saß. Er schaute etwas verlegen, wobei ich fand, dass er wirklich einen super Body hatte, auch wenn er etwas zu dünn war. Ich kratze mich am Kopf und versuchte so normal zu wirken, wie es ging.

„Das hatte ich vergessen zu schließen. Daniel war unten im Wohnzimmer eingeschlafen, da habe ich ihn, als Mum heim kam, hoch getragen und nicht mehr daran gedacht.“

„Und wie hast du geschlafen, Daniel?“, fragte Lewis.

„Wie ein Engel, ohne Albträume und ohne ständiges Aufwachen.“

„Hört sich gut an…, aber ich gehe mal wieder hinunter, Tassilos Mum wartet auf mich.“

Er grinste uns noch einmal an und verschwand wieder, dann fiel mein Blick wieder auf Daniel.

„Die Shorts habe ich dir aber nicht ausgezogen“, meinte ich dann und grinste.

„Nicht? Dann muss ich die wohl im Schlaf weg gestrampelt haben.“

„Dann lass uns mal aufstehen und uns fertig machen…, man erwatet uns zum Frühstück.“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Was denn?“

„Da fehlt noch was…“, antwortete er und sah mich total verträumt an.

Ich musste lächeln, beugte mich nach vorne und zog ihn zu mir. Ich umfasste zärtlich seinen Nacken und gab ihm einen Kuss. Daniels wohliges Schnurren bestätigte mir das Richtige getan zu haben.

Aber ich spürte noch etwas anders. In den unteren Regionen begann sich etwas zu regen. Hier beugte ein bildhübscher Kerl über mich und war nackt. Auch an Daniel konnte ich sehen, dass er leicht erregt war.

„Lass uns schnell duschen…, sonst versäumen wir womöglich das Frühstück…“, meinte ich grinsend.

*-*-*

„Ihr habt aber lange zum Aufstehen gebraucht“, begrüßte uns Mum, als wir die Küche gemeinsam betraten.

„Wir haben noch schnell geduscht…“, sagte ich, „guten Morgen übrigens…“

„Ja… guten Morgen ihr zwei und wie war die Nacht?“

Sie fragte das so normal, als würde sie keine Hintergedanken hegen, oder tat sie es wirklich nicht. Mein Zögern, etwas zu sagen, ließ sie aufschauen. An ihrem Gesicht sah ich, dass es wirklich so war und ihr gerade bewusst wurde, was sie da gerade gefragt hatte.

„Sorry Jungs, ich ziehe die Frage zurück…, ich will das gar nicht wissen.“

„Wieso?“, mischte sich Daniel plötzlich ein, der sich neben Lewis gesetzt hatte, „… ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen.“

Er nahm sich einen Toast und ich grinste Mum an.

„Ich glaube, die Jungs brauchen ein größeres Bett, wenn sie dieses… ähm…Schlafarrangement weiter führen sollten.“

Ich wurde rot. Die zwei sprachen hier so beiläufig darüber, als wäre es das Normalste auf der Welt, wenn zwei Jungs in einem Bett schlafen.

„Darüber können wir später reden. Wenn Tassilo dann erst einmal seine neuen Räume bezieht, dann kann man da ausführlicher darüber reden.“

Daniel grinste mich an, während Mum von ihrem Toast abbiss.

„Neue Räume?“, fragte ich und hätte fast nicht gemerkt, dass meine Tasse schon fast voll war, als ich den Tee einschenkte.

„Das habe ich dir doch gestern erzählt…“

„Hast du nicht…, nur dass Lewis das Haus nebenan gekauft hat und zur Praxis umbauen will.“

„Ja und dann entsteht soviel Platz, dass du dein eigenes kleines Reich bekommst“, erklärte Lewis.

Hörte sich gut an.

„Und wann wird das sein?“

„Nächsten Montag kommt der Architekt…“, meinte Lewis.

„Das hört sich teuer an“, erwiderte ich.

„Keine Sorge, meine Praxis läuft gut, das können wir uns schon leisten.“

Dieses „wir“ hallte mir im Kopf nach. WIR. Es tat gut, dieses Wort zu hören, ja es fühlte sich wirklich unheimlich gut an.

*-*-*

Fünf Stunden später stand ich mit Regenschirm in der Hand und Daniel im Arm auf dem Friedhof. Wir hatten uns etwas abseits gestellt, als ich spürte, wie Daniel zu zittern begann.

„Geht es wieder?“, fragte ich ihn besorgt.

Daniel nickte.

Die Traube von Menschen begann sich aufzulösen. Ich sah, wie viele Menschen Lewis die Hand schüttelten. Seine Augen waren traurig, aber er hatte die ganze Zeit die Fassung bewahrt.

Mum dagegen hatte schon, das ich weiß nicht wievielte Tempo in der Hand und schnäuzte ihre Nase.

„Sollen wir schon zum Wagen gehen?“, fragte ich.

„Nein…, wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich auch warten bis die Leute alle gegangen sind.“

Ich wollte Daniel nicht widersprechen. Ich hoffte, dass er wusste, was er tat. So blieben wir im Regen stehen, bis auch der Letzte gegangen war und Lewis mit Mum alleine am Grab stand.

Daniel bewegte sich als erstes und zog mich zum Grab. Kurz davor löste er sich von mir und ging auf Lewis zu.

„Ich…“, begann er, „… ich weiß. So etwas tut sehr weh…“

Ich spürte, wie er förmlich nach Worten rang und wie schwer ihm das fiel. Lewis wollte etwas sagen, aber Daniel sprach einfach weiter.

„… als ich vor drei Jahren an Olivers Grab stand, wollte ich nicht… mehr leben… Für mich ist eine Welt zusammen gestürzt… nichts war für mich mehr wichtig. Das hat sich lange hingezogen.“

Ich lief nun ebenso zu Lewis, nahm Daniels Hand und zog ihn wieder unter den Regenschirm.

„Doch jetzt… hier am Grab deiner Frau… wird mir bewusst, was ich falsch gemacht habe. Ich habe es nie fertig gebracht…, mich richtig von Oliver zu verabschieden…, damals am Grab nicht… bis heute nicht.“

Alle drei standen wir stumm da und hörten Daniels Worten zu.

„Und was ist heute anders?“, fragte Lewis leise.

„Ihr…! Seit es euch gibt… sehe ich vieles anders. Vielleicht mussten fremde Menschen erst kommen und mir durch ihre Liebe zeigen, wo es lang geht, wie es zu laufen hat.“

„Es zwingt dich niemand… einen Weg zu gehen, den du nicht möchtest.“

„Nein, es zwingt mich niemand und nein, es ist kein Weg, den ich nicht gehen wollen würde… sonst hätte ich ja Tassilo nie gefunden.“

„Sollen wir am Wochenende nach Eastbourne fahren?“

Daniel nickte und senkte den Kopf. Eine Weile standen wir noch am Grab und starrten auf den Sarg.

„Lasst uns gehen“, sagte Mum.

Billy

Ich saß auf dem Boden, hatte die Beine angezogen und starrte auf die Zimmertür, hinter der Matthew vorhin noch gelegen hatte.

„Billy?“

Ich schaute auf und sah Mum vor mir.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie.

Ich sprang auf, fiel ihr um den Hals und begann zu schluchzen.

„Schhht…, es wir wieder alles gut…“

„… das Blut… es lief ihm… aus dem Mund…“

Sie drückte mich fest an sich.

„Nicht Billy, tu dir das nicht an. Matthews Eltern reden gerade mit dem Arzt. Der meinte, wenn du nicht so beharrlich gewesen wärst, hätte Matthew vielleicht nicht überlebt.“

„Was?“, mein Kopf fuhr hoch und durch meine tränenverschleierten Augen sah ich Mum entsetzt an.

„Eine Ader ist geplatzt und man konnte sie noch rechtzeitig schließen, sonst… sonst wäre Matthew wahrscheinlich innerlich verblutet. Aber er ist stabil, es ist alles in Ordnung.“

Ich konnte nicht anders und sackte leicht zusammen.

„Billy… komm setz dich, ich kann dich nicht halten. Mach mir jetzt nicht schlapp… Matthew braucht dich…“

Sie führte mich zu den Stühlen und ich ließ mich auf einen davon fallen.

„Es stimmt doch, Matthew und du seid ein Paar, oder? Und wenn ich das richtig mitbekommen habe, hat er sich bisher noch nicht geoutet.“

Ich nickte und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Mum streichelte sanft über meinen Rücken.

„Ich weiß noch, wie schwer es dir damals fiel, es uns zu sagen…, dass wir mal keine Enkel zu erwarten hätten.“

Ich konnte nicht anders und musste über Mums Ausdrucksweise lächeln.

„Matthews Eltern vermuteten das schon lange, weil ihr Sohn so zurück gezogen von allem war. Ein Gespräch mit George, den Onkel von Matthew, half ihnen weiter. Sie wollten ihn aber nicht darauf ansprechen.“

„… ich kenne George… und seine Eltern haben nichts dagegen, dass ihr Sohn schwul ist und einen Jungen liebt?“, fragte ich leise.

„Nein haben sie nicht…“

Anscheinend hatte ich es nicht leise genug gesagt, denn plötzlich standen Sam und Lacey bei uns. Der Satz kam von Sam. Er kniete sich vor mich hin.

„Wir wollen nur, dass unser Sohn glücklich ist… hilfst du uns dabei?“

Ich nickte, auch wenn ich gerade nicht wusste wie, oder was er jetzt genau meinte.

„Ich wollte dir danken, dass du auf Matthew aufgepasst hast… nicht auszudenken…“

„Lacey…nicht!“, unterbrach Sam seine Frau, „es geht ihm gut, er ist stabil.“

Sie nickte.

„Und ihr habt… wirklich nichts dagegen, dass Matthew mich liebt?“

Wie selbstverständlich duzte ich die beiden, obwohl sie es mir noch nicht angeboten hatten.

„Nein Billy, ich bin sogar froh, dass er an so einen lieben Jungen wie dich geraten ist.“

Der Druck von Mums Hand auf meinem Rücken verstärkte sich, als würde sie mir sagen wollen: siehst du, es ist alles in Ordnung.

„Ich… ich weiß nur nicht… ich meine…“

„Ganz langsam, Billy“, meinte Mum.

So erzählte ich den dreien, was sich, bevor es Matthew wieder schlechter ging, zugetragen hatte. Ich erzählte von Onkel George, der Jugendgruppe und auch meinem unfreiwilligen Outing vor Matthew.

Mum grinste.

„Du schaffst es immer, dir den schwierigsten Weg auszusuchen“, meinte sie und auch Matthews Eltern schienen amüsiert.

„Na ja, Hauptsache das Ergebnis stimmt, oder?“, meinte Sam.

Die Tür zum Flur schwang auf und Dad stürmte herein.

„Entschuldigt, dass ich so spät komme, aber meine Sekretärin konnte mir eben erst sagen, was mit Matthew passiert ist, ich war in einer wichtigen Sitzung.“

Mum stand auf und nahm Dad in den Arm.

„Ist doch nicht schlimm, Schatz. Matthew ist wieder stabil.“

„Hallo Sam… Lacey… wird wohl hoffentlich nicht zur Angewohnheit, dass wir uns immer hier treffen“, meinte Dad und schüttelte beiden die Hände.

„Nein, ich denke nicht, dass unser Sohn freiwillig länger hier bleibt, als er muss.“

„Was ist denn passiert?“

„Eine Ader ist geplatzt…, aber Dank Billy wurde es rechtzeitig entdeckt.“

Dad strich mir über den Kopf und beugte sich zu mir herunter, da ich ja immer noch auf dem Stuhl saß.

„Hallo Junior, alles wieder klar?“

Ich nickte nur und fiel ihm um den Hals.

*-*-*

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Man hatte erlaubt, dass ich weiterhin an Matthews Bett sitzen durfte. Es wurde sogar ein zweites Bett hereingeschoben, falls ich mich hinlegen wollte.

Das hatte ich wohl nicht mehr geschafft, denn ich wachte auf dem Stuhl auf. Mein Blick wanderte sofort zu Matthew. Seine Augen waren offen und schauten mich an. Einige Tränen liefen über sein Gesicht.

Ich stand auf.

„He, nicht weinen, es wird alles wieder gut, glaub mir bitte.“

„Ich weine… nicht… weil ich traurig bin… ich bin glücklich… dich zu haben.“

Na ja, das mit dem glücklich konnte ich ihm nicht so abnehmen, aber nur im Bezug, in welcher Situation er sich gerade befand. Ich beugte mich vor uns strich ihm sanft eine Träne weg.

„Ich liebe dich auch“, sagte ich leise.

Er schaute mich nur an, sagte aber nichts darauf. Es klopfte an der Tür und Sam kam herein.

„Ich wollte nur kurz sagen, dass deine Mum und ich nach Hause fahren. Holly ist alleine zu Hause und sie hat schon ein paar Mal angerufen.“

Sam strich seinem Sohn sanft über den Kopf.

„Morgen bin ich wieder da und du hast ja einen guten Aufpasser gefunden… den Job bin ich wohl auch bald los.“

Sam lächelte, während er dies sagte.

„Schlaf gut“, meinte er noch und küsste Matthew auf die Stirn.

Wenige Augenblicke später war er verschwunden. Matthew drehte seinen Kopf leicht zu mir.

„Was meinte er… mit Job verlieren?“

Sollte ich ihm jetzt sagen, dass seine Eltern über ihn Bescheid wussten? Ich wollte nicht, dass er sich in dem Zustand aufregte und womöglich so etwas wie heute Mittag passierte. Aber sein Blick haftete auf mir, anlügen konnte ich ihn auch nicht.

„Ähm… erschreck jetzt nicht… was ich dir erzähle…bitte nicht wieder sauer werden…“

„Wieso?“

Ich atmete tief durch.

„Deine Eltern… wissen über uns Bescheid…“

„Was…? …Warum hast du es ihnen… erzählt?“

„Halt Matthew, bevor du dich aufregst, was dir auch nicht gut tut, ich habe überhaupt nichts gesagt. Sie ahnen das schon länger.“

Entsetzt und traurig sah mich Matthew an.

„Matthew… bitte, sag doch etwas.“

„… und jetzt… sind sie sauer auf mich?“

„Wieso sauer? Warum sollten sie sauer auf dich sein?“

„Weil ich… schwul bin…, kein normaler Sohn.“

Ich runzelte die Stirn und richtete mich auf. Den Stuhl neben dem Bett zog ich etwas heran und setze mich wieder.

„Sie sind nicht sauer auf dich, Matthew. Dein Dad meinte sogar vorhin, er wäre froh, dass du an so einen lieben Jungen wie mich geraten wärst.“

Irgendwie fiel die Spannung von Matthews Körper ab und der Herzton, den das Elektrokardiogramm leise durch einen Piepton anzeigte, verlangsamte sich wieder.

„Stimmt…“

„Was stimmt?“

„Du bist ein lieber Junge…“

„Ach hör auf, das hört sich an, als wäre ich acht Jahre alt…“

Matthew lächelte trotz seines geschwollenen Gesichtes.

„… besser, als wenn ich sagen würde, du bist ein alter Mann.“

„He, du bist älter als ich…“

Wir schauten uns an und hielten uns an den Händen.

„Wir zwei schaffen das zusammen, okay?“

Matthew nickte langsam.

*-*-*

Als ich aufwachte, musste ich mich erst orientieren, wo ich denn war. Draußen dämmerte es schon und Matthew schlief friedlich. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und die Nachtschwester kam herein.

„Guten Morgen“, sagte sie leise.

Sie überprüfte die Maschinerie, an der Matthew angestöpselt war und fühlte seinen Puls. Lächelnd verließ sie uns wieder. Ich richtete mich auf und rieb mir die Augen. Die Stille, die hier noch herrschte, tat gut.

Matthew bewegte sich, aber es schien, er versuchte sich nur bequemer hinzulegen, was mit dem Gipsbein sicher nicht einfach war. Ich hörte ein ärgerliches Gebrummel und so beschloss ich, aufzustehen und zu Matthew zu gehen.

„Guten Morgen…“, meinte ich.

„…Morgen? Es ist doch noch mitten in der Nacht.“

Ich beugte mich vor und küsste ihn sanft.

„… mmmh, okay… einen guten Morgen…“

Er blinzelte mich an.

„Wie geht es dir…, hast du Schmerzen?“

„Nein…, keine Schmerzen.“

Ich setzte mich vorsichtig neben ihm auf das Bett und nahm wieder seine Hand.

„Du hast mir gestern wirklich einen Schrecken eingejagt.“

„Das wollte ich nicht…, dich hat das wohl sehr mitgenommen, oder? So fit siehst du nicht aus.“

„Ich habe einmal jemanden verloren, den ich liebte… na ja aus einer anderen Sichtweise heraus, aber die gefühlten Schmerzen sind dieselben und das möchte ich nicht noch einmal mitmachen.“

„Du meinst es also wirklich ernst mit mir?“

Ich runzelte meine Stirn.

„Dass du das überhaupt noch fragst. Klar meine ich es ernst. Ich habe mich in dich verliebt…, nein mittlerweile ist da viel mehr Gefühl, als nur verliebt sein. Ich will dich!“

„Und meine Eltern haben keine Schwierigkeiten damit?“

„Nein, aber ein Gespräch mit ihnen steht noch an, du solltest ihnen das ruhig selbst noch einmal sagen.“

Matthew sah mich gequält an. Es klopfte und die Tür ging auf.

„Guten Morgen, hier kommt das Frühstück.“

Ein Pfleger trug zwei Tabletts herein. Er stellte sie auf dem kleinen Tisch ab, dann kam er an Matthews Bett.

„So, ihr seid also unser Spezialpaar.“

Verwundert schauten wir den Pfleger an.

„Sagt dir der Name Schwester Doreen etwas?“, fragte er mich,

„Ähm ja…“

„Die hat eindrucksvoll erzählt, wie da ein junger Mann sie zur Schnecke gemacht hat…“

Matthew sah mich fragend an und ich wurde rot.

„Auf alle Fälle spricht die ganze Station von euch beiden. Matthew, der Arzt meinte, du darfst etwas festere Nahrung zu dir nehmen. Also bist du bereit für semoule au lait?“

„Hä?“, war es gleichzeitig aus Matthews und meinem Mund zu hören.

„Griesbrei! Möchtest du ihn füttern oder soll ich das übernehmen?“, fragte der Pfleger.

„Nein, das kann ich schon machen“, erwiderte ich.

„Okay, wenn ihr noch etwas braucht, dann fragt einfach nach Andrew.“

„Ja“, meinte ich.

„Danke“, kam es von Matthew.

Und so verschwand Andrew wieder. Ich konnte nicht anders und kicherte.

„Komischer Kauz“, meinte Matthew und sah mich wieder an.

„Was hast du gemacht?“

„Ich? Was meinst du?“, fragte ich.

„Das was Andrew da eben erzählt hat. Du hast eine Schwester zusammengeschissen?“

„Ähm… ja. Dann holen wir doch mal dein Essen.“

Ich wollte da eigentlich nicht mehr darüber reden und versuchte deshalb, vom Thema abzulenken.

„Warum hast du das gemacht?“

Ich stand schon mit dem Rücken zu ihm und atmete tief durch. Dann nahm ich das obere Tablett und trug es zu Matthew.

„Ich… bin doch gestern eine Schwester suchen gegangen, als du so starke Schmerzen hattest.“

„Ja und dann?“

„Da habe ich zwei Schwestern im Schwesternzimmer gefunden und denen erzählt, dass du Hilfe brauchst, wegen der Schmerzen. Und als beide nicht so recht wollten, ist mir der Kragen geplatzt.“

Nun lächelte Matthew richtig, auch wenn ihm dies weh tun musste.

*-*-*

Sam und Lacey kamen gegen späteren Vormittag zu Besuch, da verzog ich mich einfach still aus dem Zimmer, auch wenn Matthews Blick bettelnd war. Aber ich war der Meinung, dieses Gespräch sollte unter ihnen geführt werden.

Umso überraschter war ich, als auch noch plötzlich Dad auftauchte.

„Hallo Dad, was tust du hier?“

„Soll ich wieder gehen?“

„Nein Dad…“

Er streckte die Arme aus und nahm mich in den Arm. Ich hatte das Gefühl, seit der Sache mit Matthew war unser Verhältnis noch besser geworden, irgendwie inniger.

„Ich habe mich nur gewundert, weil ich dachte, du wärst im Büro.“

„Heute steht nichts Wichtiges an, also bin ich zu Hause geblieben. Aber ich habe auf unserem Server eine Mail von England gefunden. Tassilo hat geschrieben.“

„Wirklich?“.

„Ja und weil ich weiß, wie ungeduldig du bist, habe ich sie fein säuberlich ausgedruckt und dir mitgebracht.“

Er überreichte mir einen Umschlag.

„Wie geht es Matthew heute?“

„Besser, er scherzt sogar wieder. Gerade sind seine Eltern bei ihm. Da steht ein größeres Gespräch an und da wollte ich nicht stören.“

„Oh, da geh ich mal nicht rein, denn stören will ich auch nicht. Was anderes. Wann gedenkst du, dich mal wieder zu Hause blicken zu lassen?“

„Ja, ich weiß und ich würde auch gerne hier bei Matthews bleiben, aber ich habe ja auch keine Klamotten mit, also denke ich, dass ich heute Abend mit Mum nach Hause fahren werde, wenn sie Feierabend hat.“

„Falsch gedacht.“

„Hä?“

Wie aus dem Nichts zauberte Dad meinen Rucksack hervor.

„Deine Mutter hat dir ein paar Sachen zusammen gepackt, meinte aber, nach zwei, drei Tagen will sie dich wieder zu Hause sehen.“

„Echt… wow!“

„Ja wow, so macht Nachbars Hund auch immer. Wenn etwas ist, rufst du einfach an und hier hast du noch etwas Geld, falls etwas fehlt.“

Er griff in seine Gesäßtasche und zog seinen Geldbeutel hervor, aus dem er mir ein paar Dollarscheine heraus holte und ihn dann wieder verschwinden ließ.

„Danke Dad“, meinte ich und fiel ihm erneut um den Hals.

„He, nicht so wild, ich könnte mich da echt dran gewöhnen.“

Dad hatte bei diesem Satz ein breites Lächeln auf den Lippen.

„Warum das alles… jetzt… hier?“, fragte ich, weil mich diese Frage beschäftigte.

Dad zog mich zur Seite und wir setzten uns.

„Ich habe einfach das Gefühl, ich muss nachholen, was ich versäumt habe.“

„Was hast du denn versäumt?“

„Dich aufwachsen zu sehen. Bisher war immer mein Job im Vordergrund und von dir bekam ich nie viel mit.“

„Dein Job ist doch immer noch wichtig, schließlich verdienst du damit dein Geld.“

„Stimmt, aber die eigene Familie sollte wichtiger sein und das habe ich in England völlig aus den Augen verloren. Doch die Chance, hier in Amerika neu beginnen zu können, war für das Zeichen, mit allem neu zu beginnen.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Aber ich musste auch nichts sagen, ich war einfach glücklich, dass es mit Dad so gut funktionierte und er sich so für meine Welt interessierte. Dad wollte gerade etwas sagen, als sich die Tür zu Matthews Zimmer öffnete und Sam heraus kam.

Seine Augen waren feucht, aber er lächelte.

„Hallo Oliver, ich wollte gerade Billy herein holen, ich wusste nicht, dass du auch da bist.“

„Ich auch nicht“, mischte ich mich ein.

„Ja, war ein Überraschungsbesuch“, sagte Dad.

Beide folgten wir Sam ins Zimmer, wo Lacey am Bett von Matthew saß. Das Rückenteil des Bettes war hochgefahren, so dass sich Matthew in leicht sitzender Position befand.

„Hallo Lacey“, sagte Dad, als er Matthews Mum entdeckte.

Die beiden begrüßten sich mit einer Umarmung. Noch vor einer Woche waren wir nur Nachbarn gewesen, doch jetzt schien es, als wären wir schon lange befreundet. Ich sah, dass Lacey ebenfalls feuchte Augen hatte.

„Alles klar bei euch?“, fragte Dad.

„Ja, wir haben uns noch etwas unterhalten und freuen uns, dass unser Sohn auf dem Weg der Besserung ist und… in guten Händen.“

Am Ende des Satzes schaute Sam mich an. Mir stieg das Blut in den Kopf.

„Ich denke, die zwei werden gegenseitig aufeinander aufpassen, auch wenn die Zukunft für sie schwer werden wird“, meinte Dad.

Sam und Lacey nickten. Dann wandte sich Dad Matthew und auch mir zu.

„Kids, wenn irgendetwas ist, dann kommt zu uns, zögert nicht. Ich möchte in Zukunft keine Krankenbesuche mehr machen müssen, nicht bei Matthew und nicht bei dir Billy. Versucht, dem Ärger aus dem Weg zu gehen und auch den Ärger nicht zu provozieren.“

„Okay“, sagte Matthew und ich nickte.

„Das gleiche gilt für uns, Jungs. Ihr könnt jederzeit zu uns kommen“, fügte Lacey hinzu, die ihren Mann umarmte.

„So, ich geh dann mal wieder, möchte zu Hause noch einiges tun“, meinte Dad.

„Wir schließen uns an, wir haben eine Farm, auf der es ebenfalls viel Arbeit gibt“, kam es als Antwort von Sam.

Nach mehreren Verabschiedungen und vielen Besserungswünschen war ich mit Matthew wieder alleine. Er starrte immer noch auf die Tür, durch die gerade unsere Eltern hinaus gelaufen waren.

„Matthew?“

Er drehte seinen Kopf.

„Ja?“

„Alles gut gelaufen?“

„Ja“, strahlte er.

„Das habe ich dir doch gesagt…“

„Hast du…, sag mal, was ist in dem Rucksack und was ist das für ein weißer Brief?“

„Den Rucksack hat mir Mum gepackt, damit ich noch zwei Tage länger hier bei dir bleiben kann und in dem Brief ist eine Mail von Tassilo, beides mitgebracht von Dad.“

„Und was schreibt dein Tassilo?“

Ich konnte aus seiner Stimme nicht erkennen, ob das jetzt traurig gemeint war oder anderes.

„Er ist nicht mehr mein Tassilo, ich gehöre jetzt zu dir…, schon vergessen?“

„Nein“, lächelte er, „… willst du denn nicht wissen, was er geschrieben hat?“

„Doch…“

„Würdest du es vorlesen?“

„Warum nicht, ich habe keine Geheimnisse vor dir.“

Matthew strahlte. Ich stellte den Rucksack neben meinem Bett auf den Boden und setzte mich zu Matthew aufs Bett.

„So, mal sehen was er schreibt“, meinte ich, öffnete den Umschlag und zog zwei Blätter hervor.

Lieber Billy,

ich freue mich, dass du dich endlich meldest, ich hatte nämlich Sorge, du könntest immer noch sauer sein, dass ich diesen Schritt vor deiner Abreise gemacht habe. Aber wie ich sehe, hast du schon jemanden gefunden, was mich wirklich sehr freut.

Bei Gelegenheit solltest du mir ein Bild mitschicken, damit ich weiß, wie Matthew aussieht. Was ihm passiert ist, tut mir echt leid. Als ich davon gelesen hatte, musste ich erst einmal weinen. Sind die Täter gefasst worden und wie geht es deinem Matthew?

Bei mir hat sich auch vieles getan. Ich habe jemanden kennen gelernt, in den ich mich verliebt habe, aber ich fange am Besten von vorne an. Unsere von mir gewollte Trennung hatte mich doch mehr mitgenommen, als ich vermutet hatte.

Dazu flatterte eines Tages ein Brief einer Kanzlei ins Haus, in dem stand, dass ich geerbt habe. Billy, kannst du dir vorstellen, dass ich jetzt stolzer Besitzer eines Leuchtturms bin?

Ich schaute auf.

„Einen Leuchtturm?“, fragte Matthew.

„Das steht da…“

„Lies weiter!“

„Okay.“

Mein Erzeuger hatte einen Bruder, von dem er nie etwas erzählt hat und der ist gestorben und hat mir seinen Leuchtturm vermacht. Irre oder? Übrigens, mein Erzeuger ist auch aufgetaucht und wollte mir das Erbe dann streitig machen.

Das alles wurde mir dann irgendwie zu viel und ich bin einfach umgekippt. Mein Kopf hat total abgeschaltet. Erinnerst du dich an Doc Ferrigton, unseren Hausarzt? Er half mir, wieder auf die Beine zu kommen.

Zwischen ihm und Mum bahnt sich etwas an, aber dazu später mehr. Er fuhr auf alle Fälle mit Mum und mir zu diesem Leuchtturm. Billy, das würde dir gefallen. Der steht direkt an den Klippen und du hast einen wunderbaren Blick aufs Meer.

Falls es irgendwie mal funktionieren sollte, dann musst du mit deinem Matthew über den Teich kommen und dir das alles selber anschauen.

Mein Blick wanderte zu Matthew, der mich anlächelte.

Ich war dann dort auf dem Friedhof und habe das Grab von meinem Onkel, den ich nicht kannte, gesucht. Dort lernte ich an einem anderen Grab einen Jungen kennen. Er erzählte, dass hier sein toter Bruder lag, der sich vor vier Jahren an den Klippen sein Leben genommen hatte.

Auf alle Fälle alles sehr traurig. Als Mum und Lewis mich wieder vom Friedhof abholten, war der Junge plötzlich verschwunden. Später, durch einen Zufall, hat Lewis, also Doc Ferrigton in einem Order Berichte über diese Selbstmörder gefunden.

Dort war natürlich auch etwas über diesen Bruder geschrieben, sogar mit Bild. Ein Bild, das ihn und seinen kleinen Bruder zeigte. Eben dieser kleine Bruder, den ich am Friedhof getroffen hatte.

Und jetzt kommt der nächste Hammer. Da standen natürlich auch Namen bei dem Foto. Lord Oliver und Lord Daniel Cavendish. Daniel ist ein richtiger Lord, gehört dem Adel an. Na ja, um das alles abzukürzen, ich habe Daniel wieder gefunden, es ging ihm überhaupt nicht gut und dank Lewis, der mit Daniels Eltern sprach, wohnt Daniel jetzt bei mir.

Du wirst sicher denken, das geht alles sehr schnell und da hast du auch Recht, aber irgendwie ist etwas Besonderes an diesem Typ. Ach so, ja Mum und Lewis wollen irgendwann heiraten. Er hat das Nachbarhaus neben unserem gekauft und will es mit unserem zusammenschließen.

So, jetzt habe ich viel geschrieben und hoffe, es ist nicht zu wirr. In voller Freude bald wieder von dir zu hören.

Dein Tassilo

 

Ps. Habe als Anlage ein paar Bilder von mir angehängt, ist schon irre, dass sich da jemand für meine Bilder interessiert!

„Wow“, meinte Matthew und ich konnte mich dem nur anschließen.

Tassilo

„Was überlegst du?“, fragte ich Daniel, der nachdenklich am Fenster meines Zimmers saß.

„Ich weiß nicht… ich würde gerne etwas Besonderes machen.“

„Im Bezug auf was?“

„Auf Oliver, ich würde gerne irgendetwas Besonderes machen, damit ich mich damit immer gut an ihn erinnern kann.“

„Hm…“

Ich überlegte, was man da machen konnte. Mein Blick schweifte durchs Zimmer und blieb auf der Zeichnung von Daniel hängen.

„Und wenn ich Oliver male… oder euch beide…?“

Daniel schaute mich an.

„Wie malen?“

„Du hast doch sicher Fotografien von Oliver, oder?“

„Ja klar.“

„Du erinnerst dich an den Zeitungsausschnitt über den Tod deines Bruders?“

„Ja, aber ich verstehe nicht, was du möchtest.“

„Bei diesem Zeitungsausschnitt war auch ein Bild von euch beiden dabei, so habe ich auch erst gewusst, wer du bist. Ich würde gerne Oliver malen und dich dazu, nur mit dem heutigen Gesicht.“

„Das geht…, das würdest du für mich machen… wirklich?“

„Ja gerne.“

Daniel kam zu mir, schuppste mich aufs Bett und ließ sich auf mich fallen.

„Uffz… was ist jetzt los?“

„Du musst mich schon sehr lieben, dass du einfach so etwas für mich machst, was außerdem noch niemand gemacht hat.“

Er küsste mich.

„Die Idee gefällt dir?“

„Gefallen? Du untertreibst! Die Idee ist genial. Gleich morgen nach der Schule fahren wir zu mir und holen die Bilder, damit du bald möglichst anfangen kannst.“

„He langsam, so schnell geht das nicht.“

Daniel lächelte nur und küsste mich erneut.

*-*-*

Wir hatten am Abend noch lange zusammen gelegen und viel geredet und natürlich gekuschelt. Irgendwann waren wir dann eingeschlafen und nun weckte uns hart der Wecker.

„Ich will noch nicht aufstehen…“, brummelte Daniel neben mir.

„Leider ist heute wieder Schule und ich möchte nicht zu spät kommen.“

„Soll ich Marco anrufen, dass er uns in die Schule fährt?“, fragte er.

„Nein, wir gehen ganz gewöhnlich zur Schule, mit dem Bus.“

„Okay, dann muss ich wohl wirklich aufstehen…“

„Ja, bleibt dir nichts anderes übrig“, erwiderte ich und küsste ihn innig.

Eine viertel Stunde später saßen wir beide bei Mum in der Küche und frühstückten.

„Soll ich euch in die Schule fahren?“, fragte Mum.

„Nein“, antwortete Daniel, „ich möchte mit Tassilo Bus fahren.“

„Gut, wie ihr wollt. Aber so langsam solltet ihr euch fertig machen, es ist Zeit und der Bus wartet nicht auf euch.“

Ich blickte auf die Uhr und bemerkte, wie Recht Mum hatte.

„Lasst das Geschirr stehen, ich räume alles weg.“

„Danke Mum.“ Ich flitze hoch in mein Zimmer, gefolgt von Daniel. Vor dem Spiegel zupfte ich noch mal meine Schuluniform zurecht und schulterte meinen Rucksack. Daniel tat es mir gleich.

Wenige Minuten später standen wir an der Bushaltestelle, wo nun auch Ella erschien.

„Guten Morgen ihr zwei“, rief sie uns entgegen.

„Hallo“, sagte Daniel.

„Hallo Ella und haben wir gestern etwas verpasst?“

„Hat euch denn niemand etwas gesagt? Habt ihr gar nichts mitbekommen?“

„Nein, was meinst du?“, fragte ich verwirrt.

„Ähm…, ich weiß jetzt nicht, ob ich das so erzählen soll.“

„Warum?“

„Wegen Daniel, ich möchte nicht, dass es ihm wieder schlechter geht…“

„Nun erzähl schon und was hat es mit Daniel zu tun?“

„Viel!“

Der Bus kam und wir mussten einsteigen. Fragend schaute ich zu Ella und suchte einen Platz bei ihr.

„Was ist passiert?“, fragte ich ungeduldig, noch bevor sich der Bus in Bewegung setzte.

„Maude.“

„Daniels Schwester? Du sprichst in Rätseln, jetzt sag schon, was ist geschehen?“

„Maude ist gestern in der Schule aufgetaucht…“

„Was?“, rief Daniel entsetzt, so dass sich andere Schüler im Bus zu uns herum drehten.

„Und was wollte Maude?“, fragte ich abfällig.

Ella kam mit ihrem Kopf näher und begann zu flüstern.

„Sie schrie herum…, wollte zu Daniel. Sie wolle nicht, dass ihr Bruder mit so einem asozialen Pack auf die Schule geht und dreckige Schwanzlutscher ihn verderben.“

Daniel wurde bleich und sank in seinem Sitz zusammen. Ich griff nach seiner Hand und drückte sie sanft.

„Es waren auch noch ein paar Freunde dabei, die andere Schüler anpöbelten. Aber als Direx Colins auf den Schulhof kam, war ganz schnell Ruhe. Er drohte mit der Polizei, wenn deine Schwester und ihre Freunde nicht ganz schnell verschwinden würden.“

„Ich kann mich nie wieder in der Schule blicken lassen“, sagte Daniel tonlos.

„Quatsch! Viele meinten hinterher, wenn du da gewesen wärst, sie hätten dich eher versteckt, als deine Schwester zu dir zu lassen.“

Ich war erstaunt, welch hohe Meinung viele von Daniel hatten, obwohl sie ihn noch gar nicht richtig kannten. Er war doch erst einen Tag auf der Schule gewesen.

„Die Störenfriede zogen dann ab und es kehrte wieder Ruhe ein. Sie meinte aber noch, dich wird das gleiche Schicksal wie deinen Bruder ereilen.“

Manchmal konnte ich Ellas Feingefühl verfluchen. Ich spürte, wie Daniel neben mir zu zittern begann, seine Gesichtfarbe war bald so weiß wie ein Leintuch. Ella schien dies auch zu bemerken und nahm ebenfalls eine Hand von Daniel.

„He, keine Angst. Egal was kommt, wir sind bei dir, keiner tut dir etwas, okay?“

Daniel nickte Ella zu, obwohl ich glaubte, dass er daran nicht so richtig glaubte.

„Ich denke, du solltest deinen Dad anrufen, so kann das nicht weiter gehen. Die Tussi hat doch echt eins an der Klatsche“, meinte Ella.

Ich zog mein Handy heraus und gab die Nummer der Cavendishs ein, die mir Lewis gegeben hatte. Dann hielt ich Daniel den Hörer hin. Der schüttelte aber den Kopf, drückte meine Hand mit dem Handy von sich.

So blieb mir nichts anderes übrig, als selbst mit Daniels Dad zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis ich ihn in die Leitung bekam. Er war erstaunt von mir zu hören, aber noch mehr, welches Spielchen seine Tochter abgeliefert hatte.

Nach ein paar Beteuerungen, dass es Daniel gut gehen würde, hatte er dann wieder aufgelegt. Ella sah mich erwartungsvoll an, aber ich schüttelte leicht den Kopf.

„Was sagt mein Dad?“, war der erste leise Satz von Daniel.

„Dass er sich darum kümmern wird“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Und wie will er das machen…? Maude hat schon immer gemacht, was sie will, hat nie darauf gehört, was Dad zu ihr gesagt hat.“

„Da musst du deinem Dad eben vertrauen“, meinte Ella.

Der Bus hatte mittlerweile die Schule erreicht und alles strömte zu den Ausgängen.

„Geht es wieder?“, fragte ich Daniel.

Als Antwort nickte er nur. So standen wir auf und bewegten uns ebenfalls zu den Türen. Das Gedränge morgens war jedes Mal das gleiche. Man konnte fast meinen, die wollten alle dringend in die Schule und könnten es kaum erwarten.

Draußen angekommen spürte ich gleich wieder die ersten Tropfen im Gesicht. Dieser Regen schien wohl überhaupt keine Pause machen zu wollen.

„Oh Scheiße“, entfleuchte es Ella.

„Was?“, sagten Daniel und ich fast gleichzeitig.

„Tussialarm“, gab Ella von sich und zeigte mit der Hand an uns vorbei.

Unsere Köpfe drehten sich und da stand Maude, keine fünf Meter von uns weg. Sie setzte sich in Bewegung, ohne Rücksicht auf umherstehende Schüle und rempelte dabei fast jeden an.

„Da bist du ja, du Glanzstück eines Bruders. Hast du wirklich gedacht, ich finde dich nicht?“

„Was willst du von mir…, lass mich doch einfach in Ruhe…“, kam es verzweifelt von Daniel.

„Ich von dir was wollen? Der Herr ist überhaupt nicht eingebildet! Du sollst dich nur nicht mehr zu Hause blicken lassen, dieses ständige Gehabe um deine Person geht mir so auf den Wecker. Du bist genauso widerlich wie dein Bruder!“

„Lass Oliver aus dem Spiel!“

Anscheinend hatte Maude bei Daniel den wunden Punkt getroffen, denn plötzlich war Daniel stinksauer. Ich drückte seine Hand.

„He du Dreckschwuchtel, lass meinen Bruder los“, giftete Maude mich an.

Doch bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, reagierte Ella viel schneller neben mir. Sie holte aus und schlug Maude mit ihrer Faust voll in die Fresse. Maude ging zu Boden und Ella hielt schmerzverzerrt ihre Hand.

„Niemand sagt ungefragt zu meinem besten Freund Dreckschwuchtel“, keuchte sie.

Maude lag indes bewegungslos am Boden.

Billy

Matthew schlief, während ich auf meinem Bett saß und noch ein paar Mal Tassilos Email gelesen hatte. In mir war ein Zwiespalt der Gefühle. Einerseits freute ich mich, dass es Tassilo gut ging und fand es verrückt, was er seit meiner Abreise erlebt hatte.

Aber andererseits vermisste ich ihn auch. Mein Blick fiel auf Matthew. War ich jetzt nicht unfair…, ihm gegenüber? Er hatte sich in mich verliebt, hatte sich geoutet, wurde wahrscheinlich wegen dem Mitspielen bei einem schwulen Theaterstücks fast gekillt.

Klar, ich vermisste Tassilo, aber vermutlich nur wegen der vergangenen zwei Jahre, die wir miteinander erlebt hatten. Nun hatte ich ein neues Leben, ein Leben ohne sein Beisein. Ich musste lächeln, denn mein Start hier war schon etwas verkorkst.

Matthew atmete tief durch, wurde aber nicht wach. Mein Durst trieb mich aus dem Zimmer, so schlich ich leise nach draußen und machte mich auf den Weg zur Cafeteria. Dort angekommen holte ich mir eine Coke und setzte mich mit ihr an einen Tisch am Fenster.

„Irgendwo hier muss er doch liegen, kann doch nicht so schwierig sein, ihn ausfindig zu machen.“

Ich drehte meinen Kopf und schaute, wer da gesprochen hatte. Da saßen zwei typische Collegesboys zwei Tische weiter. An ihren Jacken konnte ich erkennen, dass sie der gleichen Schule angehörten wie Matthew und auf die ich bald selbst gehen würde.

In der Meinung, dass sie vielleicht Matthew besuchen wollten, beschloss ich, sie anzusprechen.

„Und was machen wir, wenn er uns verpfeift? Ich möchte nicht wegen einem Arschficker ins Gefängnis.“

Ich stutzte. Waren es die Typen, die Matthew zusammen geschlagen hatten?

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