It’s raining – Teil 8

Ich hatte trotz Daniels Nähe nicht gut geschlafen. Schlechte Träume ließen mich immer wieder aufwachen. Der Regen prasselte an die Scheibe und floss in Schlieren hinunter, während Daniel in meinem Arm lag und friedlich schlief.

Er war so viel ruhiger geworden, trotz der Beerdigung, auf der wir gewesen waren, trotz der Zwischenfälle mit seiner Schwester. Auch hatte ich beobachtet, wie gut er sich mit Lewis verstand.

Ich stützte den Kopf auf meine Hand und beobachtete ihn. Langsam war es zu einem Ritual geworden, dass ich seine Strähnen sanft aus dem Gesicht schob, um es besser sehen zu können.

Seine Stupsnase brachte mich wieder zum Lächeln, mit den Sommersprossen und dem weich geschnittenen Gesicht… er sah einfach göttlich aus, wie ein kleiner Engel. Daniel atmete tief durch und begann sich zu strecken.

„Morgen, mein Engel“, sagte ich.

Abrupt hörte das Strecken auf, er drehte den Kopf zu mir und öffnete die Augen.

„Morgen“, brummte er.

Er hob eine Hand, legte sie um meinen Nacken und zog mich zu sich. Schon spürte ich seine Lippen auf den meinen und ich schloss die Augen, während ich Daniels zufriedenem Brummen lauschte.

„Darf ich dich etwas fragen?“, kam es plötzlich aus Daniels Mund.

„Klar doch.“

Er atmete tief durch.

„Was hast du gedacht, als du den letzen Eintrag in Olivers Tagebuch gelesen hast.“

Puh…, gleich eine solche Hammerfrage am frühen Morgen. Ich setzte mich auf.

„Um ehrlich zu sein, habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht, denn was dort stand, war klar für mich.“

„Wie meinst du das?“

„Dass dein Bruder dich sehr geliebt hat, aber eben als Bruder und nicht als Freund und er hatte Angst um dich.“

„Glaubst du, er ist damit nicht fertig geworden und hat sich deswegen umgebracht?“

„Daniel, das darfst du nie denken!“, meinte ich, „und nein, ich glaube das sicher nicht! Wie kommst du nur auf so etwas?“

„Weil mir niemand etwas sagt…“

„Glaubst du, dein Vater weiß, warum sich Oliver umgebracht hat?“

„Da bin ich mir sicher.“

„Und warum sagt er es dir nicht?“

„Weil es sicher mit mir zu tun hat…“

Ich nahm seine rechte Hand in die meinte, umklammerte sie fest und drückte sie gegen meine Brust.

„Jetzt hör mir mal zu, Daniel.“

Mein Ton war etwas ärgerlicher.

„Dein Vater hat selbst gesagt, dass du nichts damit zu tun hast und ich kann mir nicht vorstellen, dass er dich anlügen würde, auch nicht in unserem Beisein!“

Daniel schaute mich mit glasigen Augen an.

„Er wird es dir sicher irgendwann, wenn er es für richtig hält, sagen. Aber denke bitte um Himmels Willen nicht, dass du daran schuld bist. Oliver wird seine Gründe gehabt haben und keiner weiß, ob wir das je verstehen werden, aber du bist nicht der Grund, okay?“

Ich war mittlerweile laut geworden, denn plötzlich standen Mum und Lewis in meinem Zimmer. Dicke Tränen rannen über Daniels Wangen.

„Glaub mir doch bitte…“

Ich selbst konnte die Tränen nicht mehr zurück halten, auch mein letzter Satz hörte sich eher weinerlich oder flehend an.

„… du machst dich damit nur… selbst fertig.“

Ungehindert ließ ich meine Tränen laufen, senkte meinen Kopf. Eine Hand legte sich auf meine Schulter.

„Es ist gut mein Junge“, hörte ich Lewis Stimme.

„Jessica, ruf bitte in der Schule an und melde die zwei bis Ende der Woche krank. Ich selbst werde dir noch ein Attest für die beiden ausstellen.“

„Warum?“, fragte ich nur.

„Weil ich euch beide in dem Zustand nicht in der Schule haben möchte. Ich denke, wir müssen einiges klären, bevor ihr zwei wieder fit seid.“

Ich nickte nur und sagte nichts dagegen.

*-*-*

Daniel saß nervös neben mir. Ich hielt seine Hand und spürte, wie er zitterte. Daniels Eltern kamen herein. Lewis hatte sie angerufen und dringend um ein Treffen gebeten. Das übliche Begrüßungsprozedere erging über uns und nun saßen wir alle schweigend da.

„Also, dann mache ich mal den Anfang“, sagte Lewis plötzlich, „ich habe Tassilo und Daniel krank gemeldet, weil ich finde, es liegt einiges im Argen und belastet die zwei zu sehr.“

„Und das wäre?“, meldete sich Daniels Mutter zu Wort.

„Ich will Ihnen beiden ja nicht zu nahe treten…“

„Um was geht es?“, fragte nun auch Andrew.

„Um Ihren verstorbenen Sohn…“, antwortete Lewis.

Andrew und Laura schauten sich an. Laura nickte ihm zu, während er ihre Hand nahm. Beide sahen sie nun zu Daniel.

„Daniel denkt nach wie vor, er wäre schuld am Tod seines Bruders“, meinte Lewis und ich nickte.

Andrew seufzte.

„Wir wollten dir das sagen…, glaube mir Daniel.“

„Was?“

Es war das erste Wort, was Daniel von sich gab.

„Wir wissen, warum sich Oliver das Leben genommen hat“, sagte Daniels Mum leise.

„Ihr habt das gewusst und mir nichts gesagt…, warum?“, kam es von Daniel vorwurfsvoll.

Seine Mum senkte den Kopf und Andrew atmete tief durch. Auch Mum und Lewis sahen sich verwundert an.

„Sollen wir vielleicht hinaus gehen“, fragte ich nun, weil ich mich überhaupt nicht mehr wohl fühlte.

„Nein…, du gehörst zu mir, du sollst das auch wissen.“

Erstaunt schaute ich Daniel an, der nun meine Hand ergriff und sie fest hielt.

„Also…, warum hat sich Oliver umgebracht?“

Billy

Ich hatte die Nacht schlecht geschlafen und war mehrfach aufgestanden, um zu schauen, ob ich irgendetwas vor dem Haus sehen konnte. Aber es war Blödsinn, bei der Dunkelheit überhaupt etwas erkennen zu wollen.

An Tassilo hatte ich am Abend noch eine Mail mit dem Vorschlag von George geschrieben. Ich stand auf und fuhr den Rechner hoch. Aber als ich meine Emails abrufen konnte, war die Box leer.

Wäre auch zu schön gewesen. So ging ich ins Bad, machte mich fertig und zog mich an. Das Haus war wie jeden Morgen leer. Ich machte mir ein kleines Frühstück und setzte mich damit auf die Veranda.

Es regnete zwar, aber kalt war es dennoch nicht. Auf dem Platz vor dem Haus hatten sich kleine Wasserflächen gebildet, so als würde hier das Wasser auch nicht mehr richtig absickern. Das Telefon klingelte und so ging ich wieder hinein.

„Billy Fox am Apparat“, meldete ich mich.

„Hallo Billy, hier ist Dad. Sam hat mir versprochen mit ein paar Nachbarn später vorbei zu kommen, um nach unserem Haus zu schauen.“

„Hallo Dad. Ich bin ja da, kein Problem. Was wollen die machen?“

„Ich weiß es nicht, Sam wird dir das schon erklären.“

„Und wann wollte er kommen?“

„Heute morgen irgendwann.“

„Sind ja noch drei Stunden. Okay, ich weiß dann Bescheid.“

„Dann halt dich wacker, wir sehen uns heute Abend wieder.“

„Freu mich schon, bis dann. Bye.“

„Bye.“

Ich legte auf und ging wieder hinaus. Mein Tee war nun sicher schon kalt, aber das machte mir nichts aus. Gedankenverloren schaute ich mir die Landschaft an. Der Himmel war grau verhangen und es regnete ja nach wie vor.

Wie es wohl aussah, wenn die Sonne schien? Meine Träumerei wurde von einem Auto unterbrochen, das in den Weg einbog, der sich von der Straße zu unserem Haus zog. Ich konnte Sam erkennen und winkte ihm zu.

Der Wagen hielt vor unserem Haus und Sam sowie zwei weitere Männer stiegen aus.

„Hallo Billy, na alles okay bei dir?“

„Ja! Hallo Sam.“

„Wir laufen kurz um das Haus herum und kommen dann zu dir.“

„Okay.“

Ich schaute ihnen hinter her, bis sie um die Ecke verschwanden. Wieder klingelte das Telefon. Etwas genervt ging ich nach drinnen und nahm ab.

„Billy Fox.“

„Hallo Billy, hier ist Aiden.“

„Oh, hallo Aiden.“

„Ich rufe an, weil wir heute Abend wieder ein Treffen haben und dich fragen wollten, ob du nicht Lust hättest, auch zu kommen.“

Eine Einladung zum Treffen, mit anderen schwulen Jungs.

„Ich weiß nicht… ich kenne doch noch niemanden hier.“

„Du kennst mich, Takumi und Samuel.“

„Ja, stimmt.“

„Und wenn du nicht weißt, wie du herkommen sollst, dann können wir dich auch abholen.“

„Und wer fährt?“, fragte ich kichernd.

„Boah, nicht auch noch du.“

Ich hörte im Hintergrund Stimmen und Aiden erklärte etwas und ein Lachen folgte.

„Kann ich dich zurück rufen, ich muss vorher noch mit meinen Eltern reden.“

„Ja klar.“

„Kannst du mir deine Nummer geben?“

„Nimm die Nummer auf der Karte, die ich dir gegeben habe.“

„Stimmt, die liegt oben in meinem Zimmer.“

„Okay, ich erwarte deinen Anruf.“

„Gut ich melde mich. Bye!“

„Bye!“

Ich legte auf und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Aber ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn draußen rief jemand meinen Namen. So stürmte ich wieder hinaus und fand Sam und die Männer auf unserer Terrasse.

„Billy, wir werden noch einmal wegfahren und müssen einige Dinge besorgen. Das hier ist übrigens Charlie von der Rawe – Farm und Joseph von der Harris – Farm.“

„Also alles Nachbarn, denke ich. Billy Fox“, meinte ich und schüttelte beiden die Hände.

„Also, wir kommen gleich wieder, du bist ja noch da, oder?“, fragte Sam.

„Ja, ich kann heute nicht in die Stadt.“

Ich wollte nichts über Matthew sagen, da ich nicht wusste, was Sam den Nachbarn erzählt hatte.

„Du bist also der Freund von Matthew?“, fragte Charlie plötzlich.

Oh, da hatte wohl doch jemand etwas erzählt und so nickte ich wortlos. Sam sah mich an und nickte mir beruhigend zu.

„Ja…“, sagte ich noch leise, denn ich war immer noch unsicher.

„Wenn du Ärger mit den Bartons oder den Davies’ bekommst, wir stehen hinter dir!“, mischte sich Joseph ein.

Ich verstand jedoch nicht ganz und schaute Sam fragend an.

„Edward Davies und Mike Barton sind die zwei Jungs, die Matthew zusammen geschlagen haben“, erklärte er, „und die zwei Familien gehören zu den Familien von Springfield, falls du verstehst, was ich meine.“

Ich nickte.

„Okay, dann verschwinden wir mal. Wir sehen uns gleich wieder.“

Wieder nickte ich. Die drei stiegen in Sams Auto und fuhren los. Ich sah dem Wagen nach, bis er auf die Straße einbog und davon brauste und räumte dann mein kleines Frühstück zusammen, von dem ich eigentlich nichts gegessen hatte.

Hunger hatte ich jedoch auch nicht mehr, so trug ich es zurück in die Küche. Dann stand ich einfach da und ließ meinen Blick schweifen. Es machte mir Angst, was da alles auf mich zukommen konnte.

Da fiel mir Aiden wieder ein und ich wusste immer noch nicht, ob es eine gute Idee war, zu diesem Treffen zu gehen.

*-*-*

Sam und die Männer waren fertig. Es lagen Sandsäcke vor den Kellerfenstern, außerdem hatten sie mit Brettern und weiteren Sandsäcken einen Wall um den Kellerzugang errichtet. An den Schwachstellen des Baches hatten sie diesen einfach verbreitert.

„So, das müsste erst einmal reichen. Wenn noch etwas ist, dann soll dein Dad mich anrufen.“

Ich nickte Sam zu, obwohl ich mit meinen Gedanken ganz woanders war.

„Ich danke euch. Ich räume noch eben die Sachen weg und werde dann auch gehen“, meinte Sam zu Joseph und Charlie.

Die beiden verabschiedeten sich von mir und fuhren mit ihren Pickups weg. Hier schien wohl jeder mindestens einen Pickup zu besitzen.

„Du hast Angst?“, riss mich Sam aus meinen Gedanken.

Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung und nickte.

„Vor was? Vor diesen reichen Idioten? Die können dir überhaupt nichts!“

Nun schüttelte ich den Kopf.

„Nein Sam, ich habe Angst, dass Matthew noch mehr passiert und er mit dem ganzen nicht umgehen kann.“

„Was meinst du damit?“

Ich seufzte und setzte mich auf die Stufen der Veranda.

„Er hat gerade mal akzeptiert, dass er schwul ist, hat sich in mich verliebt und was kam dann?“

In Sams Augen sah ich, dass er verstand, was ich meinte.

„Er wurde brutal zusammen geschlagen, von zwei Idioten, die auch noch denken, sie sind im Recht, weil wir Schwule ja Abschaum sind und kein Recht auf ein Leben haben.“

Ich spürte, wie sich einzelne Tränen von meinen Augen lösten.

„Das ist für Matthew kein guter Start gewesen und ich habe Angst, dass ich nicht stark genug bin, um ihn die Kraft zu geben, das alles zu verarbeiten und durchzustehen. Dass es immer wieder Leute gibt, die das nicht akzeptieren können.“

Sam ging vor mir auf die Knie, obwohl der Boden nass war. Er legte eine Hand auf mein Knie, sagte aber nichts weiter.

„Die gab es schon in England, als ich mit Tassilo zusammen war. Sie versuchten ständig, uns das Leben schwer zu machen, aber wir standen da drüber, weil wir… weil wir wie eine Einheit waren, wir eins waren. Ich weiß aber nicht, wie ich so etwas Matthew vermitteln soll…“

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, die sich angesammelt hatten und meinen Blick trübten.

„… wir sind doch noch ganz am Anfang, lernen uns erst richtig kennen… Das, was Matthew bereits erlebt hat, reicht für eine ganzes Leben…“

Ich hob meine Hand vor das Gesicht und begann zu weinen. Ich spürte, wie Sam seine Hand auf meine Schulter legte und sanft drückte.

„Das schafft ihr schon, Billy, glaube mir bitte. Matthew ist ein Kämpfer und wenn er etwas will, dann setzt er alles daran, es auch zu bekommen. Ich kenne meinen Sohn gut genug, um das behaupten zu können. Und wenn er um deine Liebe kämpfen muss…“

Ich wollte etwas sagen und Sam unterbrechen, aber er hob die Hand, dass ich ihn aussprechen lassen sollte.

„…, damit es andere akzeptieren, dass es nichts Wichtigeres als dich in seinem Leben gibt, dann steht er dafür ein.“

„Er muss nicht um mich kämpfen und erst recht nicht für mich…“

„Das musst du ihn entscheiden lassen, Billy.“

*-*-*

Eingehüllt in einer Decke saß ich nun alleine auf der Veranda. Der Regen hatte etwas nach gelassen. Das Gespräch mit Sam hatte mir doch sehr zugesetzt. Meine Augen waren immer noch feucht, weil ich ständig wieder zu weinen begann.

Warum musste man Matthew solche Schmerzen zufügen, er hatte doch nichts getan! Er hat nur zum ersten Mal für sich entdeckt, was es heißt, jemanden zu lieben. Ich konnte einfach nich verstehen, warum so viele Menschen so untolerant sein konnten.

Ihn dafür zu strafen, dass er liebte, konnte nicht richtig sein, war mit nichts zu vereinbaren. Wieder wischte ich mir die Tränen aus den Augen und sah, dass Mums Auto in unseren Weg einbog.

Sie hielt vor der Scheune, holte ein paar Tüten aus dem Kofferraum und rannte zu mir auf die Veranda, wo sie die Tüten auf dem Tisch ab stellte und sich neben mich auf die Bank fallen ließ.

„Alles klar mit dir?“, fragte sie mich, als sie mich länger angeschaut hatte.

Ich erzählte ihr von dem Gespräch mit Sam und sie nahm mich in den Arm.

„Billy, egal was man macht, egal welche Sache, es wird immer Menschen geben, die dagegen sind und es nicht gut heißen. Es mit Gewalt zu bereinigen ist aber immer noch die schlimmste Art, abscheulich, widerwärtig und absolut ungeeignet!“

„Ich denke dabei nur an Matthew.“

„Das spricht für dich Billy, aber du solltest auch an dich denken. Ihr zwei gehört jetzt zusammen. Du kannst nicht alleine die Verantwortung für eure frisch angefangene Beziehung übernehmen, dazu gehören beide. Matthew muss auch seinen Anteil beisteuern.“

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte.

„Ich würde vorschlagen, du gehst erst mal Duschen, während ich das Abendessen mache, bis dahin ist sicher auch dein Vater zu Hause.“

Mein Blick wanderte wieder nach vorne, wo ich nur Regen sah.

„Es ist nicht immer schlechtes Wetter, Billy, auch in einer Beziehung nicht, das müsstest du eigentlich noch von Tassilo wissen. Warst du mit ihm nicht glücklich?“

„Doch.“

„Aber…“

„Das Ende war heftig und jetzt ist der neue Anfang auch wieder heftig… Wie viel kann man eigentlich ertragen?“, fragte ich und schaute Mum in die Augen.

„Wenn man liebt…, kann man alles ertragen, glaub mir, ich spreche da aus eigener Erfahrung.“

Sie stand auf, nahm sich die Tüten und betrat das Haus.

Tassilo

„Du weißt noch“, begann Daniels Vater, „dass Oliver zwei Wochen im Krankenhaus war, als niemand wusste, woher laufend die Schmerzen in seinen Beinen kamen?“

Daniel nickte.

„Die Ärzte hatten heraus gefunden, was es war…, aber Oliver wollte nicht, dass wir es irgendjemandem erzählen.“

„Warum?“, fragte Daniel erneut.

Ich legte meinen Arm um ihn.

„Oliver hatte eine progressive Dystrophinopathie…“

Ich schaute zu Lewis, der das Gesicht verzog.

„Eine vererbbare Muskelkrankheit, die im Kindesalter meist im Beckenbereich beginnt, rasch fortschreitet und im jungen Erwachsenenalter immer tödlich endet…“, erklärte Lewis.

Entsetzt schaute ich ihn an.

„Oliver… hatte… das?“, stotterte Daniel.

Sein Vater nickte und senkte den Kopf. Daniel schaute erst mich an, dann wanderte sein Blick zu Lewis.

„Da… da hätte man wirklich nichts machen können?“

„Tut mir Leid, Daniel, bisher wurde noch kein Heilmittel gefunden. Es greift alle Muskeln an…, auch das Herz und irgendwann… hört es auf zu schlagen.“

„Das wusste Oliver? Warum hat er mir das nicht gesagt?“

Daniels Stimme klang heißer und leicht hysterisch.

„Daniel, ich habe nur seinem Wunsch entsprochen. Dass er sich umbringen wollte, das hatte ich nicht geahnt…“, meinte Andrew.

Daniel schnappte nach Luft, brachte aber fast keinen Ton heraus.

„… vererbbar…?“

Er schaute seine Mutter an, die schuldbewusst zu Boden schaute.

„Hast du… das auch…?“

Seine Mutter nickte.

„Aber warum lebst du…?“

Diese Frage fand ich jetzt etwas unpassend. Ich schaute ihn fragend an.

„Entschuldigt…, ich habe mich falsch ausgedrückt…, aber was ihr mir erzählt… ist… ist so unfassbar.“

„Deine Mutter hat eine andere Art dieser Krankheit, die sehr, sehr langsam fortschreitet“, sagte Daniels Vater leise.

„Becker – Kiener?“, fragte Lewis und Andrew nickte.

„Sie sind in Behandlung?“

„Ja…“, antwortete diesmal Laura selbst.

Daniel vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

„Warum habt ihr mir nie etwas gesagt…?“, hörte ich ihn leise fragen.

„Wir wollten dich nicht belasten.“

Er atmete tief durch.

„Und…“, er schaute auf, „und wann bekomme ich das?“

Diese Frage war wie ein Stich in mein Herz. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich Daniel durch so eine Krankheit verlieren könnte. Mir wurde wieder schlecht, ich spürte den Schwindel aufkommen. Nein, nicht noch jemanden verlieren.

„Nein Daniel, du bist kerngesund!“, sagte plötzlich Andrew.

„Da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen!“

Dieser Satz brachte mir zwar eine Erleichterung, aber die Übelkeit war noch da.

„Tassilo…, ist alles in Ordnung mit dir?“, hörte ich Lewis fragen.

Alle Blicke richteten sich plötzlich auf mich.

„Du bist plötzlich so blass…“, sprach Lewis weiter.

Mehr bekam ich nicht mehr mit, denn plötzlich wurde es schwarz vor meinen Augen, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.

*-*-*

Ich vernahm Stimmen um mich herum, war aber noch nicht fähig, meine Augen zu öffnen.

„Sollten wir ihn nicht ins Krankenhaus bringen?“, hörte ich Daniels Mutter fragen.

„Nein, ich habe ihm eine Aufbauspritze gegeben. Tassilo hat in den letzten Wochen zu viel durch gemacht und sein Verstand…, na ja einfach ausgedrückt. Sein Körper schaltet ab und zieht die Notbremse, damit er sich wieder erholen kann.“

„Ist das schon einmal passiert?“, wollte Andrew wissen.

„Erst einmal bisher, da gab es Ärger mit seinem leiblichen Vater“, sagte Mum.

„Und was war jetzt der Auslöser?“

Die Frage kam von Daniel, die deutlich näher an mir gestellt wurde, also musste er unmittelbar neben mir sitzen.

„Ich kann mir nur vorstellen…, entschuldige, wenn ich das jetzt so sage.“

Lewis legte eine kurze Pause ein, als würde er auf eine Bestätigung warten, dass er weiter reden konnte.

„… aber ich denke, Tassilo ist bewusst geworden, er könnte Daniel durch diese Krankheit verlieren.“

„Aber ich sagte doch, Daniel ist kerngesund!“, sagte Andrew.

„Aber alleine die Vorstellung hat schon ausgereicht. Nur deswegen habe ich ihren Sohn und auch Tassilo nicht in die Schule gelassen, weil sie beide nicht sehr fit sind.“

Andrew schüttelte den Kopf.

„Es tut mir Leid, ich sehe ein, ich hätte Daniel das früher sagen müssen.“

„He, da bist du ja wieder“, meinte Lewis, der bemerkte, dass ich die Augen offen hatte.

„Tut mir Leid, dass ich euch so einen Schrecken eingejagt habe“, erwiderte ich leicht zitternd.

Lewis schaute zu Andrew.

„Jungs, ich mache euch einen Vorschlag“, begann Lewis, „damit ihr hier heraus kommt, würde ich vorschlagen, ihr geht hoch und packt eure Sachen. Marco bringt euch raus zum Leuchtturm. Dort werdet ihr bis Sonntag bleiben.“

Daniel schaute mich an.

„Das meinst du jetzt ernst?“, fragte ich.

„Ja. Ihr zwei braucht Abstand und Daniel hat auch die Möglichkeit, seinen Bruder auf dem Friedhof zu besuchen.“

„Wenn das keine Probleme verursacht, also ich meine, mit der Schule oder so.“

„Das lass unsere Sorge sein, Tassilo“, sagte Andrew, „und ich würde vorschlagen, dass Marco bei euch bleibt, damit ihr mobil bleibt.“

„Was ist mit euch?“, fragte Daniel seine Eltern.

„Keine Sorge, Sohnemann, dein Dad hat den Führerschein und wir haben auch noch andere Möglichkeiten uns fortzubewegen“, kam es von Laura.

Mir fiel Ella ein, ich hatte sie doch gefragt, ob sie nicht mitkommen wolle.

„Da werde ich Ella wohl absagen müssen, ich hatte ihr versprochen, sie am Wochenende mit zu nehmen.“

„Das hast du mir noch gar nicht erzählt“, meinte Mum.

„Entschuldige…, das ging irgendwie unter.“

„Macht nichts, dann bringen wir Ella am Freitag mit, das ist alles zu regeln“, erwiderte Mum.

„Das ist lieb von euch.“

„Wenn ihr nichts dagegen habt…, würde ich auch gerne vorbeischauen. Andrew hat keine Zeit an diesem Wochenende, aber ich kann meine Termine verschieben.“

Daniel schaute seine Mutter verwundert an.

„Ehrlich?“

„Ja mein Junge, ich habe eine großen Fehler begannen und mich zu sehr auf meine Termine konzentriert, um nicht immer an meine Krankheit erinnert zu werden. Aber du bist viel wichtiger, entschuldige…“

Laura hatte feuchte Augen bekommen, während sie das sagte. Daniel stand auf und fiel seiner Mutter um den Hals.

„Also, mich würde es freuen, wenn du auch kommen würdest, Platz genug wäre da, also wenn du auch bei uns übernachten möchtest“, meinte ich.

Es ging mir irgendwie viel besser. Lewis schaute Mum fragend an.

„Schau nicht mich an, es ist sein Leuchtturm“, kam es lachend von Mum.

Billy

Von Tassilo war noch keine Nachricht gekommen, aber ich wusste auch nicht, was er um die Ohren hatte. Irgendwie machte ich mir Sorgen um meinen Kleinen. Mein Kleiner… so hatte ich ihn immer genannt.

Er war nicht mehr mein Kleiner und doch war er es irgendwie. Dass es ihm nicht so gut ging, die vielen Sachen die passiert waren, das tat mir leid, aber mein Leben war jetzt hier und ich hatte vor allem meine eigenen Probleme.

Wie ging es mit Matthew weiter?

*-*-*

Der Regen hatte wieder zugenommen, aber Sams Arbeit und die der Nachbarn half. Alles Wasser blieb im Bach, nichts floss zum Haus. Ich war früh aufgestanden und mit Dad in die Stadt gefahren. Ich wollte meinen Tag im Krankenhaus bei Matthew verbringen.

„Guten Morgen Billy, du bist aber früh hier“, begrüßte mich Doreen.

„Guten Morgen Doreen und du hast schon wieder Dienst. Hast du auch mal frei?“

„Klar, aber ich verrate niemandem wann“, lächelte sie.

„Ist Matthew wach?“

„Ja, Toby ist bei hm und wäscht ihn gerade.“

„Oh“, meinte ich und grinste.

„Ja… oh! Seit er sich in den Onkel von Matthew verliebt hat, hängt er ständig bei Matthew. Denkt, er sieht ihn so schneller wieder.“

Ich konnte nicht anders und musste grinsen.

„Dass er sich da mal nicht irrt. George ist so was von monogam, der will keinen neuen Mann.“

„Man sollte nie nie sagen!“

„Das stimmt allerdings.“

„Hallo ihr zwei, ich bin fertig bei Matthew!“

Toby war zu uns gekommen.

„Hallo Toby und ist Matthew fit?“, fragte ich.

„Ich wollte gerade fragen, ob ich die Verbände überhaupt wieder anlegen soll.“

„Das soll Doc Grahams entscheiden. Moment, ich rufe ihn an“, sagte Doreen.

„Kann ich schon zu ihm hinein?“, fragte ich Toby.

„Ja kurz, wenn sein Arzt kommt, musst du aber wieder raus.“

„Kein Problem“, lächelte ich und ging zu Matthew.

Der lag nur mit Shorts und Gips bekleidet auf seinem Bett. Sein Körper war immer noch mit blauen Flecken übersäht.

„Hallo Matthew“, flüsterte ich, um ihn nicht zu erschrecken.

Er hatte Richtung Fenster geschaut und drehte den Kopf zu mir.

„He… hallo, du bist schon hier?“

Er hob langsam die Arme. Ich ging zu ihm und umarmte ihn vorsichtig.

„Guten Morgen, mein starker Mann“, meinte er zu mir.

„Starker Mann…? Habe ich etwas verpasst?“

„Mein Vater war hier und hat von dir erzählt…, er hält viel von dir.“

Seine Lippe war abgeschwollen und man konnte ihn wieder richtig lächeln sehen. Sanft streichelte ich über seine Brust.

„So, hat er das, ich weiß nämlich nicht, wie er darauf kommt.“

„Er war auf alle Fälle sehr beeindruckt von dir.“

„Wenigstens einer“, meinte ich und grinste.

„Du fängst jetzt aber nicht an zu zicken, oder? Auf Zicken steh ich so gar nicht!“

„So, auf was stehst du dann?“

Matthew gab mir keine Antwort, sondern zog mich mit der Hand an meinem Nacken zu sich und gab mir einen Kuss. Einen langen Kuss. Einen innigen Kuss. Ich vergaß alles um mich herum und schmolz in Matthews Arm dahin.

Bis mich ein irgendwie komisches Geräusch wieder in die Realität zurück holte. Das Geräusch konnte ich als Räuspern ausmachen und erschrocken drehte ich mich um.

„Jungs, könntet ihr eure Zungenakrobatik auf später verschieben? Ich bin hier, um mich über das Befinden dieses werten Herrn zu informieren. Aber ich sehe schon, schlecht geht es ihm nicht.“

Vor uns stand der Arzt, hinter ihm Doreen, die wie er nun breit grinste. Matthew wurde heftig rot, aber ich natürlich auch.

„Ähm… soll ich draußen warten?“, fragte ich verlegen.

„Ich denke, es gibt an Matthew nichts, was du nicht schon kennen würdest“, antwortete mir der Arzt.

Konnte man ein rotes Gesicht noch steigern?

Der Arzt untersuchte seine Arme und die Brust. Bei manchen Stellen verzog Matthew leicht das Gesicht.

„Die Schwellungen im Gesicht sind recht schnell abgeklungen und sonst sieht auch alles sehr gut aus. Wenn nichts dazwischen kommt, könntest du Freitag nach Hause.“

„Schon?“, rutschte es mir heraus.

Der Arzt lächelte mich an.

„Willst du ihn denn nicht zu Hause haben?“

„Doch schon…, natürlich! Aber ich dachte, er muss viel länger im Krankenhaus bleiben.“

„Könnte er, wenn er sich von Schwester Doreen und Toby weiter bedienen lassen will, aber ich denke, zu Hause schreitet der Heilungsprozess schneller voran.“

Ich lächelte Matthew an.

„Bei so einer guten Pflege von dir, … ähm, wie heißt du eigentlich?“

„Billy…, Billy Fox.“

„Fox…“, grübelte der Arzt, „ich kannte mal einen Fox aus meiner Zeit in London, aber das ist lange her.“

„Ich komme aus England, mein Vater hat hier eine neue Arbeitsstelle erhalten, deshalb sind wie hierher gezogen.“

„Oliver Fox?“

„Ja, was für ein Zufall. Das ist jetzt… über zwanzig Jahre her… Und ihr lebt jetzt hier in Springfield?“

„Ja, aber draußen auf dem Land.“

„Old Jacksonville Road“, fügte Matthew hinzu.

„Ach was, da draußen. Wie klein doch die Welt ist. Ist dein Vater denn unter die Farmer gegangen?”

„Nein, er arbeitet für eine Computerfirma.“

„Besteht die Möglichkeit ihm…“, er zog eine Karte hervor, „ihm die Karte zu geben? Er soll mich mal anrufen.“

„Klar, kann ich gerne machen.“

„Ist er denn immer noch mit Grace Tippton zusammen?“

„Meine Mutter heißt Grace…, ja, aber sie heißt auch Fox.“

„Tippton war ihr Mädchenname, klar haben die beiden geheiratet.“

Mums Mädchennamen kannte ich nicht. Da sie sonst keine Verwandten hatte, wusste ich auch gar nichts von dem Namen. Ich nickte ihm zu.

„Gut, also Matthew, morgen schaue ich noch einmal nach dir und kann dir dann sagen, ob du nach Hause darfst.“

„Ja, danke“, freute sich Matthew.

„Aber jetzt muss ich weiter. Schwester Doreen, Toby braucht die Verbände nicht mehr anlegen, es ist so besser.“

„Ich werde es ihm ausrichten.“

„Danke. Wer ist als nächstes dran?“

„Zimmer 219, Oberschenkelhalsbruch.“

„… vielversprechend! Gut, dann sieht man sich morgen wieder. Viel Spaß noch ihr zwei.“

Matthew und ich nickten ihm zu und schon war er verschwunden.

„Zufälle gibt’s, oder?“, meinte Matthew.

Ich nickte.

„Was grübelst du?“

„Hm…?“

„Du denkst über etwas nach, das sehe ich doch.“

„Ich wundere mich nur, dass meine Eltern mir nie etwas über diesen…“, ich zog die Karte hervor, „Doktor Finlay Tinker erzählt haben, ich kenne eigentlich alle ihre Freunde.“

„Du kannst doch nicht alle ihre Freunde kennen und schon gar nicht, wenn das zwanzig Jahre her ist.“

Ich setzte mich wieder zu Matthew aufs Bett.

„Ich weiß nicht, ich habe irgendwie ein komisches Gefühl im Bauch, kann dir nicht sagen warum.“

„Frag doch einfach deine Eltern.“

„Ja, werde ich machen, aber jetzt bist erst mal du an der Reihe.“

„Mit was?“

„Dein Arzt hat gesagt, ich wäre ein guter Pfleger, also muss ich mich um dich kümmern.“

„Und wie gedenkst du das zu tun?“, fragte Matthew mit einem Spitzbübischen Grinsen.

„Lass dich überraschen!“

*-*-*

Der Mittag gemeinsam mit Matthew war schön gewesen. Er hatte mir viel von sich erzählt, auch von seinen Ängsten, die er hatte oder noch hat. Einzig Toby war ein Störfaktor, weil er laufend zu uns kam, aber nicht, um nach Matthew zu schauen, sondern eher, ob er nicht zufälligerweise George antreffen würde.

Matthew amüsierte sich köstlich. Der Abschied von Matthew viel mir zunehmend schwerer. In seiner Nähe zu sein, war einfach toll. Ich fühlte mich wohl, keine dunkle Wolken in meinem Kopf.

Nun saß ich in meinem Zimmer und wartete auf meine Eltern. Meine Klamotten hingen über der Heizung, durchnässt wie sie waren. Ich hatte mir die blöde Idee in den Kopf gesetzt, auszuprobieren, wie ich nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause komme.

Größter Minuspunkt war der Zeitaufwand. Ich war über eine Stunde länger unterwegs, als wenn ich mit Mum oder Dad nach Hause gefahren wäre. Das Nächste war die Verbindung bis zum Haus. Über drei Meilen musste ich an der Straße entlang laufen, wurde von vorbeifahrenden Wagen nass gespritzt und der Regen tat sein Übriges von oben.

Völlig durchnässt war ich zu Hause eingetroffen. Die Spuren im Flur und auf der Treppe hatte ich inzwischen entfernt. Ich vermutete, Mum hätte mich geköpft, wenn sie die Fußspuren bis in mein Zimmer gesehen hätte.

Ein Wagen fuhr auf unseren Weg. Mittlerweile hatte ich mich an die Geräusche gewöhnt, ob ein Auto vorbei fuhr oder aber zu uns einbog. Ich ging ans Fenster und konnte Dads Wagen erkennen.

Ich lief nach unten und begrüßte ihn auf der Veranda.

„He, du bist ja zu Hause. Ich dachte, du kommst vielleicht mit deiner Mutter gefahren.“

„Nein, ich wollte probieren, wie ich ohne Hilfe nach Hause komme.“

„Scheint erfolgreich gewesen zu sein, sonst wärst du noch nicht da.“

Dad lief die Stufen zur Veranda herauf. Er stellte seinen Schirm in den Ständer und seine Tasche auf den kleinen Tisch. Das mit dem Schirm hatte er sich seit ein paar Tagen angewöhnt, um nicht jedes Mal feucht ins Haus zu kommen.

„Na ja. Die Mengen Wasser hätte ich mir gerne erspart, meine Klamotten hängen oben über der Heizung und zudem habe ich festgestellt, wie rücksichtslos Autofahrer sind, wenn sie durch Pfützen fahren.“

„Die dich jedes Mal getroffen haben?“

Ich nickte.

„Komm, wir gehen rein, ich möchte etwas Bequemeres anziehen.“

Ich folgte ihm ins Haus und später hoch ins Schlafzimmer.

„Wie geht es überhaupt Matthew, du hast noch gar nichts gesagt.“

„Der Arzt meint, wenn nichts dazwischen kommt, kann er am Wochenende nach Hause.“

„Das hört sich gut an.“

Er schaute mich an.

„Da ist aber irgendetwas, was du auf dem Herzen hast, oder? Du bist anders als sonst.“

Ich seufzte.

„Ist etwas passiert?“

„Nicht direkt, aber ich habe jemanden kennen gelernt.“

Dad setzte sich aufs Bett.

„Wen denn?“

„Sagt dir der Name Finlay Tinker etwas?“, fragte ich und reichte ihm die Karte des Arztes.

Dad wurde blass im Gesicht.

Tassilo

Marco war von Andrew nach Hause geschickt worden, um zu packen. Aber als er zurück kam, brachte er noch etwas anderes mit. Es klopfte und Andrew kam herein.

„Darf ich kurz stören?“, fragte er.

„Du störst nicht“, meinte ich und lächelte.

„Ich habe dir da etwas mitgebracht, was du vielleicht brauchen kannst.“

Neugierig schaute ich auf das, was er hinter sich in mein Zimmer herein trug. Eine Laptoptasche!

„Deine Mutter erzählte mir, dass sich jemand für deine Bilder interessiert.“

„Ja, mein… Freund in Amerika hat mir geschrieben, eine Galerie würde Interesse zeigen.“

Ich musste stocken, weil ich erst nicht wusste, wie ich Billy bezeichnen sollte, aber Freund war am treffendsten.

„Am Leuchtturm habt ihr kein Internet, oder?“

„Nein, ich konnte bisher keines finden, aber ich glaube nicht, dass mein Onkel dafür Interesse gehabt hätte.“

„Deshalb habe ich etwas für dich mitgebracht.“

Er nahm die Tasche und legte sie auf dem Tisch ab.

„Ich habe hier einen Laptop für dich, ausgestattet mit 3G. Damit kannst du überall und ohne festes Netz ins Internet.“

Ich war sprachlos.

„Sieh es als kleines Geschenk an, für… hm… vollbrachte Wunder.“

„Vollbrachte Wunder? Andrew, das war sicher teuer…, ich kann das unmöglich annehmen…“

Das war mir ernst. Ich wollte nicht, dass Andrew soviel Geld für mich ausgab.

„Dann sieh es auch als Eigennutz, so kann ich über dich jederzeit an Daniel Emails schreiben, egal wo ihr seid.“

Er hob die Tasche hoch und reichte sie mir.

„Ähm… danke. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Du hast dich bedankt, das reicht doch.“

Andrew lächelte.

„Man kann auch Mails aus Amerika bekommen…“

Ich lächelte verlegen zurück.

„Deine Mutter hat uns erzählt, dass sich eine Galerie für deine Bilder interessiert und Daniels Vorschlag, ihr könntet mit dem Privatjet nach drüben fliegen, finde ich auch gut.“

Ich musste mich setzen, das war sogar für meine Nerven zu viel.

„Alles in Ordnung?“, fragte Andrew besorgt.

„Ja… aber… das ist irgendwie… ein Traum, alles so… wow!“

„Ich kann dich verstehen, Tassilo.“

Daniel kam in mein Zimmer und Andrew legte seinen Arm um ihn.

„Weißt du, du hast es geschafft, uns unseren Sohn wieder zurück zu bringen. Durch Fehler und Missverständnisse haben wir uns entfremdet, doch durch dein Handeln hat sich das geändert. Warum sollte ich da nicht meine Dankbarkeit zeigen, indem ich dir etwas helfe?“

„Etwas helfen ist gut“, meinte ich und Daniel grinste mich an.

*-*-*

Nach langer Verabschiedung und unzähligen Moralpredigen der Mütter saßen wir endlich im Wagen und fuhren mit Marco Richtung Süden. Es war abgesprochen, dass Marco Quartier auf dem Familienanwesen bezog.

„Marco, ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken, dass Sie uns fahren“, meinte ich aus dem Gefühl heraus, ihm etwas sagen zu müssen.

„Das ist mein Job, Mr. Melright.“

„Sagen Sie doch Tassilo zu mir.“

„Das steht mir nicht zu.“

Ich schaute zu Daniel und der nickte. Irgendwie fand ich das nicht gut. Klar gab es dieses Untergebenenverhältnis, aber musste man es so auslegen?

„Also ich habe nichts dagegen, wenn Sie mich beim Vornamen ansprechen.“

„Danke“, kam es von Marco.

Daniel lehnte sich an mich.

„Alles klar mit dir?“

„Ja, aber irgendwie bin ich müde.“

„Geht mir nicht anders. War heute auch etwas viel los, oder?“

„Ja.“

„Wenn wir beim Leuchtturm sind, dann schlafen wir uns erst mal richtig aus, was hältst du davon?“

„Mir ist alles recht, Hauptsache ich kann schlafen“, gähnte Daniel.

Wenige Minuten später schlief er friedlich an meiner Schulter. Es dauerte eine Weile bis wir ankamen, da der Verkehr recht heftig war. Marco ließ den Wagen ausrollen und stieg aus.

„Daniel…, komm aufwachen, wir sind da…“

„Hm… ich will weiterschlafen…“, brummte Daniel.

„Kannst du, aber erst müssen wir unsere Sachen hinein bringen.“

„Kann Marco mache…“

„Nichts da, du hilfst oder schläfst im Auto.“

Plötzlich war Daniel hellwach.

„Was…wie?“

„Na, bist du endlich wach? Wir sind da, komm… aussteigen.“

„Sklaventreiber…“, nuschelte er.

„Das habe ich gehört!“, sagte ich und piekste ihm in die Seite.

„Ahhh, ich steig ja schon aus!“

„Braver Junge!“, grinste ich.

*-*-*

Marco war abgefahren, im Wohnzimmer prasselte ein Feuer im Kamin und in meinen Armen lag Daniel. Er war schon wieder eingeschlafen. Sanft streichelte ich ihm über seine Haare. Mein Blick wanderte durch das Zimmer.

Ich stellte mir vor, wie mein Onkel so gewesen war. Was er hier gemacht hatte, wie er gelebt hatte. Beeinflusst durch meinen Erzeuger wollte mir das nicht richtig gelingen, sie waren schließlich Brüder. Ich wollte aber meinem Onkel auch nicht unterstellen, dass er seinem Bruder auf irgendeiner Weise ähnelte.

„…Tassilo…?“

Daniel war aufgewacht.

„Ja?“, lächelte ich.

„Hast du vielleicht Hunger?“

„Schon, du auch?“

„Mein Bauch grummelt.“

„Dann sollten wir uns etwas zu essen machen.“

„Wir?“

„Ja klar, wer sonst? Oder siehst du hier jemanden von deinen vielen Angestellten?“

Daniel öffnete eins seiner Augen und sah mich gekonnt beleidigt an.

„Bist du keiner?“, brummte er.

Boah, gibt’s denn so etwas? Ich griff Daniel in die Seiten, der dies mit einem gellenden Schrei quittierte und einen Satz von mir weg machte.

„Na, warte…! Geht man so mit der Herrschaft um?“, sagte er grinsend und stürzte sich auf mich.

Ein wildes Gerangel begann, wobei nicht klar war, wer Oberhand gewinnen würde. Das Klingeln des Telefons unterbrach unseren Übermut. Keuchend nahm ich ab.

„Melright.“

„Denke ja nicht, dass du so ungeschoren davon kommst…, wir kriegen dich mein Bürschchen.“

Billy

„Dad…?“

Er sah mich an.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Hallo, ich bin zu Hause“, hörte ich Mum von unten rufen.

„Mum?“.

„Billy?“, rief sie zurück.

„Kommst du bitte herauf ins Schlafzimmer?“

„Was ist denn?“, hörte ich sie fragen, während sie die Stufen herauf lief.

Wenige Sekunden später stand sie im Türrahmen.

„Ist etwas passiert?“, fragte sie, als sie zwischen Dad und mir hin und her schaute.

Dad reichte ihr als Antwort nur die Karte. Sie las sie aufmerksam und schaute ihren Mann an.

„Tut mir Leid, Oliver. Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein.“

Dad nickte. Weinte er?

„Kann mir jemand sagen, was los ist?“, fragte ich leise.

Dad weinte tatsächlich. Als er mich ansah, liefen Tränen über seine Wangen.

„Erzählst du bitte?“, hörte ich ihn leise sagen.

Mum setzte sich neben ihn und nahm Dad in den Arm. Sie schaute auf und sah mich an.

„Billy, setzt du dich bitte?“

Ich nickte. Was war hier los? Warum war plötzlich alles so geheimnisvoll?

„Wir haben dir immer alles erzählt“, begann Mum, „und waren auch immer ehrlich zu dir.“

Worauf wollte sie hinaus?

„Aber da gibt es etwas, da haben dein Dad und ich gemeinsam beschlossen, dir nichts davon zu erzählen…, einfach, um dich nicht irgendwie zu verletzen.“

Ich hob die Augenbrauen und sah beide erwartungsvoll an.

„… und nur weil ich etwas getrunken hatte“, kam es fast im Flüsterton von Dad.

„Dein Dad war ungefähr so alt wie du jetzt und in einer Clique. Sie waren von früh bis spät zusammen und man sah sie nie ohne die anderen. Darunter war auch ein Junge namens Finley.“

„Doktor Finley Tinker?“, fragte ich.

Dad nickte, schaute aber immer noch zu Boden.

„Natürlich haben sie auch oft getrunken, das war früher eben nicht anders als heute, wenn man so zusammen abhängt oder wie ihr das nennt.“

Ich nickte, auch wenn ich nicht so zur trinkenden Generation gehörte.

„… es war an einem Samstag Abend, das weiß ich noch genau…“, redete plötzlich Dad weiter.

„Die anderen waren schon weit über ihr Limit betrunken und schliefen schon halb. Nur… Finlay und… ich waren noch fit und redeten. Ich weiß bis heute nicht warum…, aber plötzlich küsste mich Finley.“

Dad hob den Kopf und sah mich mit glasigen Augen an.

„Er küsste mich und ich weiß nicht, warum ich dann ausgetickt bin…“

Dad war von einem anderen Jungen geküsst worden und war dann ausgetickt? Etwas fassungslos schaute ich beide Elternteile an.

„Was passierte dann?“, fragte ich tonlos.

„Es tut mir Leid, Billy. Ich stand unter Alkohol… ich habe Finley… zusammengeschlagen.“

„Was hast du?“, sagte ich entsetzt.

„Wären die anderen nicht wach geworden… sie sagten damals aus, dass dein Vater ihn wahrscheinlich umgebracht hätte.“

Schockiert schaute ich Dad an.

„Finley kam mit schweren Brüchen und anderen Verletzungen ins Krankenhaus… dein Vater für ein halbes Jahr in den Jugendknast.“

„Du…?“, konnte ich nur sagen.

Er hatte einen Schwulen zusammen geschlagen, krankenhausreif geprügelt. Ich war total schockiert. Und wann hätte er mir das erzählen wollen, seinem eigenen Sohn… schwulen Sohn? Ich stand auf und verließ das Schlafzimmer.

„Billy…“, hörte ich Mum rufen, aber ich reagierte nicht.

Ich rannte in mein Zimmer und knallte die Tür zu, dann warf ich mich auf mein Bett und fing an zu weinen. Warum ich weinte wusste ich nicht. War es die Enttäuschung, weil Dad mir das verheimlicht hatte? Oder weil es damals um einen Schwulen ging?

Draußen hörte ich Gepolter, jemand rannte die Treppe hinunter.

„Oliver…, bleib hier…bitte.“

Dann fiel die Haustür ins Schloss. Wenig später ging meine Zimmertür auf.

„Kannst du mir jetzt sagen, was das sollte?“, hörte ich Mum enttäuscht fragen.

Ich richtete mich auf und wischte mir die Tränen ab.

„Dein Vater ist weg.“

„Wie weg?“

„Er ist aus dem Haus gerannt…“

Irgendwie fühlte ich mich jetzt beschissen, denn ich wusste nicht, warum ich so reagiert hatte. Ich sah Mum an, wusste aber nicht, was ich sagen sollte.

„Meinst du, dein Dad hat nicht schon genug gelitten, dass er damals einen großen Fehler begannen hatte?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Das hat ihn bisher durch sein ganzes Leben verfolgt. Das war etwas, was er mir bei unserem Kennen lernen sofort erzählte.“

„Und warum hat er das mir nie erzählt?“

„Billy, was denkst du denn? Du bist schwul und dein Vater prügelt einen Schwulen. Wie hättest du dich dabei gefühlt, das zu wissen? Und deine Reaktion hast du ja eben selbst erlebt, oder?“

Mum klang sehr enttäuscht und das tat weh. Es schmerzte auch, dass ich Dad so enttäuscht hatte. Ich stand auf und drängte mich an Mum vorbei.

„Wo willst du hin?“

„Dad suchen!“

Tassilo

„Was ist?“, fragte Daniel, nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte.

Ich spürte, wie wieder Übelkeit in mir aufstieg.

„Tassilo, so sag doch etwas, du machst mir Angst!“

„Das…, das… war mein Erzeuger.“

„Bitte?“

„… ich habe deine Schwester gehört.“

„Tassilo…, was sagst du da? Ist alles in Ordnung?“

Mein Vater und Daniels Schwester zusammen…

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