Fünf Buchstaben – Teil 1

Auf der Suche nach Liebe muss Benjamin viele Hürden in seinem Leben meistern. Seitdem sein Bruder Christian mit der Schule fertig ist, sind Hänseleien an der Tagesordnung und auch zu Hause ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Wie weit würdest du gehen, um wahre Liebe zu erfahren?

Benjamin

Die Stimmen der Mitschüler verstummen, als Benjamin das Klassenzimmer betritt. Sie haben über ihn gelästert, wie schon so oft, doch versucht er sich nichts anmerken zu lassen und geht auf seinen Platz zu.

Im nächsten Moment sieht er sich aber auf dem Boden liegen und die ganze Klasse grölt vor Lachen. Einer seiner Mitschüler hat ihm ein Bein gestellt und als Benjamin sich umdreht schaut er in Jens grinsendes Gesicht. Jens, der Coole, der Mädchenschwarm und der Klassenclown.

Er ist bekannt bei den Lehrern, denn immer wenn es Ärger gibt, ist er bestimmt daran beteiligt. Gut einen Kopf größer und auch kräftiger als Benjamin ist Jens, was bei Benjamins Statur aber keine Kunst ist, denn so zart und zierlich sind normalerweise nur Mädchen.

Benjamin will keinen Ärger, schon gar nicht mit so einem Kerl, weshalb er aufsteht und zu seinem Platz geht, um sich hinzusetzen. Das Lachen verstummt langsam, aber leider lässt Jens sich nicht so leicht abwimmeln.

„Hey Schwuchtel“, beginnt er seinen Satz und  die Mehrheit der Schüler lacht schon wieder oder zeigt mit dem Finger auf Benjamin.

„Na, wie hat dir unser Klassenboden geschmeckt?“ fragt Jens in den Raum, wobei er keine Antwort erwartet, sondern einfach nur den Witz auf seiner Seite weiß.

Manche Schüler hauen vor Lachen mit den Händen auf die Tische und Benjamin vergräbt sein Gesicht in seinem Jackenkragen, wobei er hofft, dass doch bald die Stunde beginnt.

Er schreckt erst hoch, als Jens Stimme auf einmal direkt vor ihm spricht: „Hey…ich rede mit dir!“

Benjamin zuckt zusammen und schaut vorsichtig auf. Sein Blick fällt in zwei hellblaue Augen und der dazugehörige Gesichtsausdruck lässt nichts Gutes erahnen. Gerade überlegt er, ob er etwas antworten sollte, als der Lehrer das Klassenzimmer betritt.

Wieder einmal hat er Glück gehabt, denn seit das neue Schuljahr begonnen hat, ist er immer auf der Flucht. Nur weil sein Bruder Christian mit der Schule fertig geworden ist und nicht mehr auf ihn aufpassen kann. Sonst war dieser immer für ihn da, doch jetzt ist er volljährig und lebt sein eigenes Leben.

Auch zu Hause ist er ausgezogen und fehlt bei den täglichen Auseinandersetzungen mit seinem Vater, denn da dieser viel zu viel arbeitet, ist er meist gereizt. Benjamins Mutter starb als er fünf war und außer ein paar winzige Erinnerungen, bleiben ihm nur ihre Fotos.

Benjamin ist schmal und zierlich, kommt sich klein, allein und hilflos vor und weiß nicht wie er sich verbal verteidigen soll. Noch drei Jahre muss er durchhalten, bevor er auch ausziehen kann. Er könnte auch zum Jugendamt und in ein Heim oder wenn er Glück hat früher oder später zu einer Pflegefamilie, aber dazu ist er viel zu ängstlich.

Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein Leben so zu meistern, wie es gerade kommt und das Beste daraus zu machen. Die Stunde vergeht für Benjamins Geschmack viel zu schnell und das Klingeln der Glocke holt ihn aus seinen Tagträumen. Gerade war er damit beschäftigt eine neue Zeichnung fertig zu stellen, die seine vielen Starportraits vervollständigen sollte.

Jetzt sitzt er da und wartet bis die Klasse leer ist und wie so oft muss ihn der Lehrer auffordern den Klassenraum zu verlassen. Mit Block und Bleistift bewaffnet begibt er sich geradewegs zu den Toiletten, um sich in einer der vielen Kabinen einzuschließen.

Dort wird er warten, bis es abermals klingelt und die Stimmen der Schüler verstummen und dort wird er seine Zeichnung beenden, vielleicht sogar eine neue anfangen. Denn hier ist er sicher vor den Attacken seiner Mitschüler, vor den Hänseleien und den Demütigungen. Die Lehrer bekommen sowieso nichts mit oder sehen bewusst weg.

Der Tag vergeht wie jeder andere, die Schüler ärgern ihn wo sie nur können und Benjamin ist froh, als das letzte Klingeln den Schulschluss einleitet. Er lässt sich bewusst viel Zeit beim Einpacken seiner Schulsachen, so wie immer und er wartet bis alle Stimmen verstummt sind in den Fluren, so wie immer.

Langsam geht Benjamin die leeren Flure entlang, verweilt noch ein paar Minuten auf dem Klo, um ganz sicher zu sein, dass alle weg sind. Erst dann macht er sich auf dem Weg nach Hause, den er zu Fuß gehen muss, da seine Reifen mal wieder aufgeschlitzt wurden.

Sein Rad schiebt er beschwerlich neben sich her, während er sich langsam auf den Weg Richtung Hauptstraße macht. Die Wolken, die sich am Himmel gebildet haben, sind dunkel und es hat angefangen zu nieseln, als Benjamin hinter sich Stimmen wahr nimmt.

Im nächsten Augenblick spürt er Tritte, zuerst am Rücken, dann am Hintern und zuletzt in den Kniekehlen, die ihn zu Boden sinken lassen. Seine Jacke ist dreckig geworden, aber sein Rad gibt ihm Halt, so dass nicht auch seine Hose in Mitleidenschaft gezogen wird.

Als Benjamin den Kopf hebt, sieht er wie drei Fahrräder davonrasen, die drei seiner Mitschüler gehören, so vermutet er. Wobei er Jens erkannt hat, denn diese gelb-blonden Strähnen würde er überall wieder erkennen. Tränen laufen über seine Wangen, denn die Tritte waren nicht ohne und während er versucht sich an seinem Rad hochzuziehen, fängt es richtig zu regnen an.

Als Benjamin endlich zu Hause ankommt, ist er bis auf die Unterhosen durchnässt. Die Schindereien des Tages waren wohl nicht genug, denn nun kann er sich auf ein Donnerwetter seines Vaters gefasst machen.

Die dreckige Jacke, schon wieder ein kaputtes Rad und dann auch noch die nassen Sachen, lassen seinem Vater den Kragen platzen.

„Warum kommst du so spät? Und wie siehst du überhaupt aus? Meinst du ich wasche die Wäsche nur so zum Spaß? Sag bloß die Reifen sind schon wieder kaputt? Dir ist ja wohl bewusst, dass ich dir das vom Taschengeld abziehe?“, wettert sein Vater, doch Benjamin hat gelernt abzuwarten und nur das Nötigste zu sagen, damit er nicht noch wütender wird.

Er stellt das Rad ab und zieht noch draußen seine Schuhe und seine nasse Hose aus, damit er keine Spuren auf dem Fußboden hinterlässt.

„Die Wäsche kannst du gleich anstellen und morgen läufst du zur Schule. Heute habe ich keine Zeit für dein Fahrrad“, schimpft sein Vater weiter.

„Ich kann das ja auch selbst machen“, bietet Benjamin seinem Vater kleinlaut an und zieht schon mal den Kopf ein, da er mit einer Ohrfeige rechnet.

Doch sein Vater antwortet: „Dann musst du aber auch die Reifen kaufen gehen. Dann kannst du gleich den Wocheneinkauf mit machen.“

Benjamin nickt und sie gehen beide ins Haus hinein. Während Benjamin sich umzieht und die Wäsche anstellt, wartet sein Vater bereits auf ihn mit Geld und einem Regenschirm. Ein großer Einkaufszettel sowie Stoffbeutel, damit er kein unnötiges Geld für Tüten ausgeben muss, bekommt Benjamin noch, bevor er wieder raus in die nass kalte Witterung muss.

„Und trödle nicht, schließlich musst du noch Hausaufgaben machen“, ruft ihm sein Vater hinterher.

Doch Benjamin bekommt das schon gar nicht mehr mit, er atmet die frische Luft tief ein und ist froh, dass morgen schon Freitag ist. Denn am Wochenende ist keine Schule und auch sein Vater ist dieses Mal bei seiner Freundin, so dass er endlich einmal Ruhe hat – so hofft er.

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