Boston, here I come – Teil 5 Hyannis

Ich versuchte, die Tränen zu trocknen, aber es wollte mir nicht so richtig gelingen. Der Nachschub rollte – im wahrsten Sinne des Wortes – meine Wange herunter. So wie es aussah, hatte ich mein Glück endlich gefunden. Dass er genauso viel für mich empfand wie ich für ihn, war mir nach seinem Brief mehr als deutlich. Ich atmete tief durch, als ich mittels T-Shirt versuchte, den auslaufenden Tränenkanal trockenzulegen.

Obwohl mir Tausende Gedanken auf einmal durch den Kopf schossen, starrte ich irgendwie ins Leere. Auf der einen Seite war ich mehr als glücklich, ich hätte die ganze Welt umarmen können. Endlich hatte ich ihn gefunden, den Mann meines Herzens! Aber, je länger ich nachdachte, kamen auch Gewissensbisse in mir auf; irgendwann würde ich ihm beichten müssen, das ich seine und somit unsere Zukunft schon längst in meine Hand genommen hatte. Wie würde er darauf reagieren, dass ich heimlich an seine Daten gegangen bin? Würde er mir noch vertrauen können, wenn dieser Diebstahl ans Tageslicht käme? Zwei Herzen schlugen ach in meiner Brust, ich hatte ihm ja quasi die Entscheidung für ein Leben hier in den Staaten abgenommen.

Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf und spielte verschiedene Szenarien in meinem Kopf durch, aber mir wollte beileibe kein geeigneter Weg einfallen, der diesen gordischen Knoten hätten lösen können. Aber hatte ich wirklich sein Vertrauen missbraucht? Was hatte ich denn schon Schlimmes getan? Ich hatte doch nur eine von ihm geschriebene Bewerbung in die richtigen Hände geleitet, mehr konnte man mir nicht vorwerfen. Ich war hin und her gerissen und kam mir vor wie Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wusch. Es nützte nichts, auch wenn es mir schwerfallen würde, ich würde abwarten müssen; Geduld ist gerade nicht einer meiner Stärken!

 

Gedankenversunken verließ ich das Bett und gönnte mir erst mal eine ausgiebige Dusche. Während das Wasser auf mich herab prasselte, meldete sich Klein-Gordon und bettelte mehr oder minder darum, bearbeitet zu werden. Aber die Ruhe, mich anständig um ihn zu kümmern, hatte ich leider nicht mehr, die Gedankenspielereien um seine mögliche Reaktion hatten meinen eigenen Zeitplan durcheinandergebracht. Ich muste mich etwas beeilen.

Die nächsten Schritte verliefen automatisch: Abtrocknen, Zähneputzen, Rasieren, Haare. Äußerlich gereinigt und gestylt zog ich mich an, packte meine Sachen in den Koffer und verließ das Zimmer, um zum Frühstück zu gehen. Zwar begrüßte ich einige meiner Gäste, hatte aber Glück und ergatterte den letzten freien Einzeltisch. Ich konnte also in aller Ruhe essen, denn ein guter Gesprächspartner wäre ich sicherlich nicht gewesen, dazu war ich dann doch noch zu aufgewühlt.

 

Ich fuhr noch einmal hoch in mein Zimmer, raffte meine Habseligkeiten zusammen, kontrollierte zum zweiten Mal die Schränke, ob ich auch wirklich nichts vergessen hatte, und checkte dann um kurz vor neun an der Rezeption aus. Die Zigarette hatte ich gerade weggeworfen, da kam Jenny auch schon mit ihrem Bus angefahren. Sie hatte kaum gehalten, da öffnete ich die private Luke und lud meinen Koffer ein. Die anderen Gepäckverriegelungen öffnete ich auch, ich wollte ihr die Arbeit abnehmen.

 

„Morgen Chef! Sag mal, hast du es eilig?“ Sie schaute mich grinsend an. „Wir haben Sonntag!“

 

„Ich weiß, aber ich bin … ich bin heute … irgendwie … ich weiß auch nicht!“ Warum stotterte ich?

 

„War die Nacht so kurz oder so anstrengend?“ Sie lachte. „Deine Augen glänzen zwar, aber die Ringe darunter, mein Lieber! Die Ringe sprechen Bände!“

 

War mein Gemütszustand so deutlich erkennbar? „Ich habe gestern in Familie gemacht.“

 

„In Familie?“ Sie schaute mich funkelnd an. „Nennt man das jetzt so?“

 

„Wenn du mir nicht glaubst, dass ich meinen Cousin Eric besucht habe, dann frag doch bitte Jost, wo ich gestern Abend war! Der hat mich nämlich begleitet.“ Scheiße, ich hatte mich verraten.

 

„Einen Gast begleitet dich bei einem Familienbesuch?“ Sie spielte mit ihrer Nase. „Das erklärt dann so einiges!“

 

Erstaunt blickte ich sie an. „Was?“

 

„Sei mir bitte nicht böse, … aber du siehst echt aus wie ein frisch verliebtes Eichhörnchen, dessen Nacht zu kurz war.“ Sie gluckste. „Ich hoffe, ich kriege jetzt keine Abmahnung!“

 

„Mach dir darum mal keine Sorgen!“ Ich schüttelte den Kopf. „Für mein Gefühlsleben bin ich selbst verantwortlich. Du kannst nichts dafür, dass da gerade Chaos herrscht.“

 

„Was ist denn los?“ Sie blickte mich aufmunternd an. „Mit Liebeskummer kenne ich mich aus, den hatte meine älteste Tochter dreimal in der Woche, bis sie endlich ihren Adrian kennenlernte.“

 

„Wenn es mal Liebeskummer wäre, wäre es einfach.“ Ich stöhnte. „Die Probleme liegen woanders.“

 

Die Busfahrerin blickte mich irritiert an, konnte aber keine Frage mehr stellen, die ersten Gäste kamen bereits mit ihrem Gepäck in der Hand an und wünschten einen guten Morgen. Traurig, dass wir unser Gespräch nicht fortsetzen konnten, war ich nicht. Ehrlich gesagt, ich war froh, mich durch das Einladen etwas ablenken zu können. Wie hätte sie mir auch helfen können?

Als Jost in meinem Blickfeld auftauchte, machte mein Herz Luftsprünge. Am liebsten wäre ich zu ihm gelaufen, hätte ihn umarmt und vor versammelter Mannschaft abgeknutscht. Aber ich war ja im Dienst, der Wunsch blieb somit Vater des Gedankens. Mutter Sylvia grinste, als sie uns bei der morgendlichen Begrüßung beobachtete: Irgendwie wirkten wir beide etwas verlegen.

 

Nach einer kurzen Begrüßungsansprache setzte sich der Bus in Bewegung, um nach fünf Minuten Fahrt zum ersten Fotostopp wieder zu halten, der Basketball Hall of Fame. Ein Besuch war nicht möglich, die Ausstellung öffnet erst um 10 Uhr und wir hatten erst Viertel nach neun. Nachdem ich wieder alle Tassen im Schrank, sprich alle Gäste im Bus, hatte, ging es über den Connecticut River nach West Springfield zum Big E.

Ich mag Landwirtschaftsschauen nicht, halte sie für ein Relikt des letzten Jahrtausends, aber es ist eine typisch amerikanische Institution. Auf der Eastern State Exposition findet man alles, was einen Bauern erfreut: Pferde, Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen und sonstiges Getier, das irgendwie landwirtschaftlich nutzbar ist. Allein in der Hühnerausstellung werden über 50 Rassen präsentiert und jeder Züchter hält seine für die einzig Wahre! Dabei ist ein Ei doch ein Ei, egal welches Huhn es gelegt hat, oder?

Hätte man mich gefragt, ich wäre lieber nach Agawam gefahren und hätte Six Flags New England besucht. Zugegeben, dieser Vergnügungspark ist zwar der älteste Park von Six Flags, hat aber immer noch viel zu bieten. Andrerseits konnte ich Gregs Planungen verstehen, für die angepeilte Zielgruppe 50+ ist der Besuch einer Landwirtschaftsmesse wohl eher geeignet als eine rasante Fahrt auf einer Achterbahn. Aber eine Kirmes durfte auch nicht fehlen, die gehört zu einem Jahrmarkt wie die Butter aufs Brot. Ich verteilte die Übersichtspläne des Geländes und wünschte meinen Leuten viel Spaß bei der Erkundung der Errungenschaften der Farmer Neu-Englands, schließlich war heute Bauerntag.

 

Jenny schloss den Bus und blickte mich erwartungsvoll an. „Kommst du mit?“

 

„Sorry, auch wenn das Ziegenmelken eine der morgendlichen Attraktionen hier ist, …“ Ich schüttelte den Kopf. „… brauche ich mir das nicht antun. Ich muss erst einmal wie ET nach Hause telefonieren. Treffen wir uns doch um 10.30 Uhr am Seelöwen-Becken.“

 

Sie ließ sich den Korb nicht anmerken und lächelte. „Dann bis später.“

 

Ich blickte ihr nach und schaute auf die Uhr, die Familie müsste jetzt um den Frühstückstisch versammelte sein. Im Telefonbuch meines Mobilknochens suchte ich die heimische Nummer und drückte die Verbindungstaste. Das Gespräch würde sicherlich länger dauern, aber Angst um die Kosten musste ich mir nicht machen, es war schließlich ein Firmentelefon, das ich da mit mir führte, auch wenn die private Nutzung deutlich überwog. Irgendein Vorteil muss es ja haben, wenn man der Sohn des Chefs ist.

Nach fünfmaligen Klingeln hörte ich die Stimme meines Vaters. „Lensing!“

 

„Hier auch!“ Ich gluckste ins Telefon.

 

„Junior!“ Erstaunen lag in seiner Stimme. „Hattet ihr einen Unfall? Ist der Bus geklaut worden?“

 

„Nein!“ Er denkt auch immer an das Schlimmste. „Probleme gibt es nicht, es läuft alles …“

 

Eine Frauenstimme war aus dem Hintergrund zu vernehmen. „Wer ist denn dran?“

 

„Unser Jüngster!“ Mama war also mal wieder neugierig. „Ihm geht es gut.“

 

„Dad?“ Ich überlegte kurz. „Nimm mich mal mit ins Esszimmer und stell auf Lautsprecher.“

 

„Hast wohl Sehnsucht nach unseren Damen?“ Er lachte. „Was gibt es denn?“

 

„Paps, dass sage ich lieber euch allen gleichzeitig, denn es betrifft die ganze Familie.“ Ich holte tief Luft. „Und ehe es zu großen Nachfragen kommt, ist es einfacher, du lässt das Küchenkabinett direkt zuhören, sonst …“ Ich überlegte kurz. „… sonst bist du hinterher wieder der Dumme.“

 

Der Herr über mehr als 300 Busse druckste hörbar, dabei hatten die Frauen in unserer Familie ja die Hosen an: Das wusste er, das wusste ich, aber aussprechen? Aussprechen sollte man es besser nicht in seiner Gegenwart. „Wie du meinst!“

 

Ich hörte, wie er mich ins Esszimmer trug und auf dem Tisch abstellte. Es folgten ein paar Töne, er versuchte wohl auf Lautsprecher zu stellen, dann war die Leitung tot. Die Wahlwiederholung musste also herhalten! Diesmal war meine Mutter am anderen Ende zu hören. „Schatz! Was war los?“

 

„Nix, es muss wohl jemand auf den falschen Knopf gekommen sein …“ Mama ist, was moderne Kommunikation anbelangt, etwas innovativer als mein Produzent, der Jahre brauchte, um sich nur an die mobile Telefonie zu gewöhnen. „Können mich alle hören?“

 

„Ja, mein Engel!“ Sie holte Luft. „Was gibt es denn?“

 

Wie sollte ich anfangen? „Rate mal, wo ich gestern Abend war?“

 

„Hast du jemanden kennengelernt?“ Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln: Mütter!

 

„Nein, ich habe gestern niemanden kennengelernt!“ Was ja auch tatsächlich der Wahrheit entsprach. „Ich war beim verschollen geglaubten Eric.“

 

Der Name wurde mehrmals wiederholt. „Mein Enkel lebt?“

 

„Ja Oma, mein Cousin erfreut sich bester Gesundheit.“ Ich holte tief Luft und berichtete von den Erkenntnissen, die ich am gestrigen Abend gewonnen hatte. Zwischenfragen des Küchenkabinetts ließ ich erst einmal unbeantwortet, ich war ja schließlich Mitglied der Barfraktion. Als ich die Spieluhr erwähnt hatte, wurde Granny ganz aufgeregt. Sehen konnte ich sie zwar nicht, aber aus den Geräuschen, die aus der Leitung an mein Ohr drangen, vermutete ich, dass sie aufgestanden war, um das Geschenk ihrer Tochter aus ihrer Wohnung zu holen.

Die plötzliche Abwesenheit ihrer Mutter nutzte meine Mutter, sich ausführlich nach meinem eigenen Befinden zu erkunden. „Ja, Mama, es geht mir mehr als gut. Es gibt einige Neuigkeiten, aber die erzähle ich euch, wenn ich wieder daheim in New York bin. Am Telefon ist das zu unpersönlich.“

 

„Hast du jemanden kennengelernt?“ Mütter können nervig sein! „Kriege ich einen Schwiegersohn?“

 

„Gladys! Nun lass den Jungen!“ Papa, ich danke dir! „Wie erfahren es … noch früh genug.“

 

„Ich habe sie!“ Ein Frohlocken lag in Großmutters Stimme.

 

Ich wiederholte den Teil mit der Spieluhr, und, den Geräuschen nach zuurteilen, die an mein Ohr drangen, machten die Drei sich daran, das Teil intensiv zu untersuchen. Außer Gemurmel konnte ich nichts verstehen. Das Rascheln von Papier war zu hören. Was machten meine Leute? Ich war mehr als neugierig. „Was ist los?“

 

Anscheinend hatte mein Vater, der Handwerker in der Familie, das Geheimnis der Spieldose gelüftet. „Junior! Wir haben das Testament deiner Tante gefunden!“

 

Obwohl ich zu gern gewusst hätte, was Nora nun genau geschrieben hatte, konnte ich mir den Inhalt fast denken. Sie hinterließ alles, was sie in die Ehe mit Ethan eingebracht hatte, ihrem einzigen Sohn. Die Passagen, die Mama vorlas, konnte ich kaum verstehen, ihre Stimme versagte beim letzen Willen ihrer Schwester, dafür war aber ihre Frage deutlich zu vernehmen. „Was machen wir nun?“

 

„Ihr letzter Wille muss zu erst zu einem Anwalt und dann zum Gericht!“ Mehr war nicht zu sagen.

 

„Gut, und dann?“ Mama hatte anscheinend keine Ahnung, wie ein Erbfall geregelt wird.

 

Ich holte tief Luft, denn nun war es Zeit, Farbe zu bekennen. „Ich habe Eric für nächsten Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Er arbeitet hier in Springfield als Kellner, verdient also nicht viel. Könnt ihr ihm ein Flugticket schicken?“

 

Papa atmete tief durch. „Wird erledigt! Gibst du mir seine Adresse, damit …“

 

„Moment.“ Ich kramte in meinem Portemonnaie, den Zettel mit Erics Anschrift hatte ich gestern Abend in meine Geldbörse gesteckt. „Hast du was zum Schreiben da?“

 

„Haben wir!“ Mutter war wohl mal wieder schneller als ihr Mann. „Dann schieß mal los!“

 

Nachdem ich ihr sämtliche Erreichbarkeiten meines verschollenen Cousins mitgeteilt hatte und auch die Beherbergungsfrage geklärt war (Mamas Neffe sollte in Großmutters Gästezimmer nächtigen), wünschte ich meinen Lieben noch einen schönen Sonntag. Allerdings konnte ich das Gespräch erst nach der Zusage, mich heute Abend noch einmal zu melden, beenden: Die Frau meines Vaters wollte, was die Neuerungen in meinem Leben betraf, nicht bis zu einem Wiedersehen warten.

 

Fröhlich pfeiffend ging ich durch das Tor auf das Messegelände und dann Links über die Park Avenue in Richtung Seelöwenbecken. Ein Blick auf die Uhr ließ mich schneller werden, das Telefonat mit meinen Leuten hatte doch länger gedauert als ursprünglich gedacht. Eine Minute Verspätung hatte ich – bahntechnisch gesehen war ich also pünktlich – aber ich musste noch fast das halbe Becken umrunden, um zu Jenny, die in einer Menschentraube stand und mir zuwinkte, zu gelangen. Die Ansammlung, in der meine Busfahrerin stand, bestand – wie konnte es auch anders sein – aus mehr als einem Drittel der Reisegruppe.

Viel Freizeit hat man als Reiseleiter ja eh nicht, man spielt immer irgendwie Kindermädchen oder Seelsorger, Krankenpfleger oder Auskunftei; manchmal alles auf einmal. Ich hatte eigentlich gedacht, dass diese Gruppe etwas pflegeleichter wäre als die Gäste, die wir normalerweise transportierten, aber die Multiplikatoren waren keinen Deut besser: Sie wollten einfach an die Hand genommen werden. Hätten sie den normalen Reisepreis gezahlt, ich hätte es verstanden, aber bei einer Reise zum Selbstkostenpreis hätte ich doch etwas mehr an Selbstständigkeit erwartet; aber irren ist ja bekanntlicherweise menschlich.

Magdalene Laufenberg sprach mit den Damen aus dem Ruhrgebiet, ihr Mann mit den Stuttgartern. Hannover und Freiburg waren auch anwesend, München und Konstanz ebenfalls. Ich nickte meinen Leuten freundlich zu und meine Augen suchten den Mann meiner Träume. Erst konnte ich ihn nicht finden, aber dann hatte ich Glück! Familie Jacobsen, jedenfalls Sylvia und Gatte Günni, unterhielt sich mit den Herren Plassenhagen und Kaltenberg, die jüngere Generation stand teilnahmslos am Rande des Beckens. Sollte ich zu ihnen gehen? Das Paar aus Göttingen nahm mir eine Entscheidung ab, sie verwickelten mich in ein Gespräch, während wir alle auf den Beginn der Show warteten. Scheiß Pflichterfüllung!

 

Ein hohes Niveau hatte die Vorstellung zwar nicht gerade, aber wir waren ja schließlich auch nicht Gast eines Zirkusfestivals, auf einer Landwirtschaftsausstellung gehen die Uhren halt anders. Da freut man sich schon über Kleinigkeiten. Die Kunststücke, die die sechs Seehunde, für Löwen waren sie meiner Ansicht nach zu klein und zu dünn, vorführten, erstreckten sich auf Fangen und Apportieren von Ringen und ähnlichen Gegenständen. Aber, wir waren ja in Springfield, als kleine Einlage gab es ein Basketballspiel.

Das Publikum lachte und applaudierte lautstark, besonders dann, wenn der dickste der Seehunde zu einem Bauchplatscher ansetzte und das Wasser nur so spritzte. Besonders wurden die ersten Reihen mit dem kühlen Nass bedacht, was für zusätzliche Erheiterung der trockenen Zuschauer sorgte. Leicht amüsiert musste ich feststellen, dass Jost auch zu den Geschädigten gehörte. Er schüttelte sich und versuchte, sich mit einem Taschentuch abzutrocknen. Aber ein erneuter „Wurfversuch“ des Tieres (nennt man männliche Seehunde nun Bullen oder Rüden?) machte all seine Bemühungen zunichte und er stand wieder dar wie ein begossener Pudel.

Belustigt schien er nicht zu sein, wäre ich an seiner Stelle ja auch nicht gewesen, seine Mutter jedoch hielt sich vor lauter Schadenfreude den Bauch, anders konnte ich ihre Körperhaltung nicht deuten. Allerdings dauerte dieser Zustand nicht lange an, denn mein Schatz duckte sich geschickt beim dritten Ballkontakt des erwachsenen Heulers und sorgte so dafür, dass seine Mutter in den Genuss des kühlen Nasses kam. So was nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

Als er seine Deckung wieder verließ, überschlugen sich die Ereignisse. Der Ball kam in seine Richtung geflogen und mein Engel – ganz Volleyballer – schmetterte ihn zurück ins Spielfeld respektive in das Becken. Ob er einen gezielten Schlag ausführte oder einfach nur so aus Reflex handelte, kann ich nicht sagen, davon verstehe ich von diesem Sport zu wenig. Der Ball landete jedoch mit einem gewissen Effet auf der Nasenspitze eines der Spieler.

Das Pelztier schien jedoch, ob dieses unerwarteten Spielzugs, nicht erfreut zu sein. Anstatt den Ball im Spiel zu halten, wie es jeder Mensch getan hätte, ließ es den Ball Ball sein und steuerte direkt auf den Werfer zu. Hätten wir Delfine beim Spiel beobachtet, es wäre nichts passiert, aber Seehunde? Diese Robbenart lebt ja auch auf dem Lande, der Beckenrand stellte somit keine natürliche Grenze für den Phoca vitulina dar. Das Jungtier, ich vermute einmal aufgrund der Größe war es weiblichen Geschlechts, nahm Anlauf, sprang aus dem Becken und auf den angehenden Studenten zu.

Hatte man anfangs noch gedacht, es wäre ein Teil der Show, der da ablief, wurde man spätestens beim Aufspringen der Helfer, die vereinzelt im Publikum standen, eines Besseren belehrt. Ein Raunen ging durch die Menge, als Männer in blauweißen T-Shirts versuchten, zum Ort des Geschehens zu gelangen, um das Tier, dass es sich auf der Brust meines Liebsten bequem gemacht hatte, zu bändigen. Ich ließ das Ehepaar aus Göttingen einfach stehen und stürmte in Richtung meines Geliebten, der immer noch am Boden lag und mit dem Tier rang.

 

„Nancy! Get up!“ Einer der Helfer versuchte, das Pelztier zur Seite zu schubsen, aber es blieb liegen.

 

„Schatz! Geht es dir gut?“ Ich war außer Atem, als ich mich neben ihn kniete.

 

Der Tierdompteur schaute mich irritiert an. „What are you doing here?“

 

Ich versuchte, die Lage zu klären, kam aber nicht weit, zwei seiner Kollegen hatten uns mittlerweile erreicht und zu dritt schafften sie es endlich, Nancy von ihrer Unterlage zu ziehen. Als das Tier wieder in Richtung Becken unterwegs war, kam der Direktor der Show zu uns, ihm war das Entsetzen direkt ins Gesicht geschrieben. Er stammelte mehr als er redete, verstehen konnte man ihm kaum; es war ihm offensichtlich mehr als peinlich, was da passiert war.

Ich fungierte als Übersetzer, war aber in Gedanken mehr bei meinem Liebsten, der sich mittlerweile wieder hochgerappelt hatte und wacklig auf beiden Beinen stand. Ich wollte ihn stützen, aber diese Aufgabe musste ich an Sylvia abtreten, sie war mittlerweile am Ort des Geschehens eingetroffen. Der Mann im roten Frack umrundete mehrmals den immer noch angeschlagen wirkenden Blonden mit den dunklen Strähnen. Er hatte wohl aus der intensiven Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn mitbekommen, dass es sich um Ausländer handelte. Generös bot er meinem Liebsten 50 Dollar für die Reinigung als Schadensersatz an.

Jost schaute ihn konsterniert an, anscheinend hatte er den Mann in Rot, der wohl aus Arkansas zu kommen schien, nicht verstanden. Die Leute dort unten sprechen immer so, als ob sie eine Kartoffel im Mund hätten, der Akzent ist einzigartig und so für das ungeübte Ohr nur schwer verständlich. Ich blickte Jost liebevoll an und zog ihn etwas von seinen Eltern weg, Günni war mittlerweile auch bei seiner Frau angekommen und nahm sie in den Arm.

 

Ich blickte meinen Schatz an. „Wie ist die Lage?“

 

„Geht schon!“ Er blickte mich immer noch leicht schmerzverzerrt an. „Ich werde es überleben!“

 

„Will ich auch hoffen!“ Ich senkte meine Stimme. „Aber tue mir einen Gefallen!“

 

„Welchen?“ Fragezeichen standen in seinen Augen.

 

Ich blinzelte ihn an und legte meine Hand auf seine Schulter. „Halt dir die Rippen und stöhne!“

 

Fragende Augen blickten mich an. „Was soll ich?“

 

„Jammern und so aussehen, als ob du tierische Schmerzen hast!“ Manchmal sind Deutsche nicht gerade Schnelldenker.

 

Er packte sich tatsächlich ans Becken und stöhnte. „Aua!“

 

Ich blickte ihn süffisant lächelnd an. „Gaynau so! Gleich aber etwas mehr Einsatz“ Ich wandte mich dem rot befrackten Mann zu und holte tief Luft. „Sir! I bag your pardon!“ Ich ließ eine Schimpftirade los, wie er es wagen könne, diese lächerliche Summe anzubieten, nur weil das Opfer Ausländer war.

 

Der Manager schluckte, mit so viel Widerstand in aller Öffentlichkeit hatte er wohl nicht gerechnet. Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. „If you would be so kind … and fellow me?“

 

Sylvia, die während der Kommunikation mit dem Nickelbrillenträger keinen Ton gesagt hatte, blickte mich erstaunt an. Ich zwinkerte ihr zu. „Kümmer dich um deinen Mann. Wir sind gleich wieder da!“

 

Wortlos ließ sie uns ziehen. Im Büro des Direktors angekommen hängte dieser seinen Frack erst einmal über die Stuhllehne. Ich rückte die Besucherstühle zurecht und Jost behielt seine Rolle bei: Er brauchte gefühlte Ewigkeiten, um sich zu setzen. Ich blickte den Mann an und sein Angebot ließ nicht lange auf sich warten, er verdoppelte die Summe.

 

Ich schüttelte erneut den Kopf und Jost stieß einen Schmerzenslaut aus. „I will now call 911.“ Da bot er 500 Taler, erneutes Kopfschütteln meinerseits. „Let’s wait for the emergency! This man has to be examined by a doctor in a hospital …” Plötzlich waren wir bei 1.000 Dollar. „… internal injuries, broken ribs … everything is possible.“ Der Mann schwitzte und verdoppelte, ich ließ nicht locker und schüttelte den Kopf. „Sir, I will call my attorney … your obligation for executive care … this attack should never been happened …”

 

„But … he … threw the ball … back.“ Der Kerl stotterte. „It was a normal reaction …”

 

„This guy plays volleyball … for him … it is a normal reaction to play the ball back …” Ich lachte leicht. „A seal on the run? That is not normal!”

 

Der leicht dickliche Mann atmete tief durch und stöhnte. „Five?“

 

Ohne lange zu überlegen nickte ich. „We accept cash or check!”

 

Der Mann hinter dem Schreibtisch schien zwar nicht glücklich zu sein, aber reichte mir einige Papiere, ich überflog sie kurz und nickte, es war eine Verzichtserklärung. „Jost, du kannst unterschreiben.“

 

Mein Engel schaute mich fragend an, setzte dann aber seinen Kaiser-Wilhelm unter das Schriftstück. Der dickliche Mann reichte mir den Scheck und blickte uns erwartungsvoll an. „Can I do anything further for you?“

 

Ich nickte. „He has to change clothes and … a shower would be fine!”

 

Die Nickelbrille nickte, reichte mir einen Schlüssel und beschrieb mir den Weg zu einem Waschraum für das Personal. Dankend nahm ich ihn an und half Jost aus seinem Sitz. Als ich ihn untergehakt hatte, wünschte ich dem Mann hinter dem Schreibtisch noch einen schönen Tag und wir machten uns ziemlich langsam und umständlich auf den Weg ins Freie.

Jost atmete draußen erst einmal tief durch. „Gordon sag mal … was war das denn gerade?“

 

Ich lachte. „Der amerikanische Weg, schnell an Geld zu kommen.“

 

Erstaunt blickten mich in seine Augen an. „Äh, … wie meinst du das denn jetzt?“

 

„Ganz einfach! Das Tier hat dich angefallen, hat dich verletzt. Du hast Anspruch auf Schadensersatz.“ Ich lächelte ihn an. „Für die Entschädigung, die man ihr angeboten hat, verzichtest du für alle Zeiten auf sämtliche Ansprüche, die dir aus dieser Attacke erwachsen könnten.“

 

„Aber … da war doch nichts!“ Er packte mich am Arm. „Ich habe den Ball einfach geschmettert und … und der Seehund …“ Er blickte mich an. „… ging auf mich los. Es war eine natürliche Reaktion …“

 

„Das mag ja alles sein, aber, … mein Engel, du vergisst, du bist in den Staaten! Hier ist so manches möglich, was auf der restlichen Welt unmöglich ist.“ Ich legte meine Hand um seine Taille und drehte ihn zu mir. „McDonald’s musste 1994 einer Frau 2,7 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen, weil sie sich verletzt hatte, als sie eine Tasse Kaffees auf ihren Schoß verschüttet hatte.“ Ich grinste ihn an. „Seitdem prangt auf den Deckeln die Warnung ‚Caution Hot‘! Die zweite Instanz hat die Summe dann aber auf knapp eine halbe Million verringert, aber immerhin.“

 

„Das gibt es doch nicht! Jedes Kleinkind weiß, dass Kaffee heiß ist!“ Er schaute mich verdutzt an. „Und was machen wir jetzt mit dem Geld? Wie viel ist es eigentlich?“

 

„Fünftausend nette amerikanische Dollar. Der Kerl ist also ziemlich billig weggekommen.“ Ich lachte.

 

Mein Schatz atmete hör war aus. „Echt? Zeig mal!“

 

„Der Trip lohnt sich mittlerweile für dich, erst der Schadensersatz wegen des verspäteten Gepäcks und jetzt das!“ Ich reichte ihm den Scheck. „Weißt du schon, was du mit dem Geld anfangen willst?“

 

Er überlegte und kratzte sich am Kinn. „Die eine Hälfte wird wohl für Flüge draufgehen, denn mein Freund lebt und arbeitet ja über 6.000 Kilometer von mir entfernt …“ Er grinste frech. „… und wenn ich tatsächlich hier studieren sollte … die Uni ist ja nicht umsonst, wenn man kein Stipendium hat.“

 

Ich lachte innerlich. „Eine sehr weise Entscheidung!“

 

„Was ist eine gute Entscheidung?“ Mittlerweile waren wir wieder bei den Jacobsens angekommen. Josts Mutter stand der Meinigen in puncto Neugier in nichts nach.

 

„Gordon hat mit dem Direktor verhandelt und das für mich rausgeholt!“ Er präsentierte, stolz wie Oskar, das Stück Papier. „Das ist doch was, oder?“

 

Sylvia und Guntram betrachteten das Schriftstück und sagten erst einmal nichts. Staunen lag in ihren Gesichtern. „Das ist … wirklich … unglaublich. Mein Sohn, du wirst ja noch ein reicher Mann.“

 

„Paps, ich bin jetzt schon reich!“ Er schaute mich liebevoll an.

 

„Und ziemlich schmutzig!“ Mütter sind irgendwie auf Nerven programmiert. „So kannst du nicht bleiben, wir haben noch den ganzen Tag vor uns. Man sieht noch die Kampfspuren.“

 

Sauber sah zwar etwas anders aus, aber auf Äußerlichkeiten, wie ein dreckiges T-Shirt, achtete ich bei dem Mann meiner Träume eh nicht. „Lass uns Jenny suchen.“

 

Drei Augenpaare blickten mich an. „Was willst du von der Fahrerin?“ Mütter!

 

„Den Busschlüssel!“ Ich schaute Sylvia grinsend an. „Dann kommen wir an den Koffer deines Sohnes und somit auch an saubere Sachen. Der Direktor hat uns einen Schlüssel zum Personalwaschraum gegeben, liebe Sylvia. Dein Sohn kann sich also komplett frisch machen und muss den Rest des Tages nicht nach Fisch und ähnlichem Getier müffeln.“

 

„Du denkst auch wohl an alles!“ War sie missmutig?

 

Ich grinste. „Als Reiseleiter bin ich immer um das Wohl meiner Schäfchen besorgt.“

 

„Schatz, soll ich dir was zum Anziehen raussuchen?“ Ihr Augenaufschlag!

 

„Mama, ich bin schon groß! Das kannst du gerne bei Paps oder Sven machen, aber nicht bei mir!“ Jost wurde forsch. „Ich hab meinen eigenen Geschmack und zieh keine Socken an, wenn ich Sandalen trage!“ Er deutete auf die Beine seines Vaters. „Außerdem … beißt sich das Rot deiner Bluse mit dem deines Rocks.“

 

Sylvia Jacobsen wurde nervös. „Günni, stimmt das? Und du sagst nix? Du lässt mich so durch die Gegend laufen?“

 

„Äh, Schatz, das ist mir noch gar nicht aufgefallen!“ Warum stotterte mein Schwiegervater in spe?

 

„Männer!“ Sie warf ihrem Gatten einen bösen Blick zu, „Gordon, wenn du eh an die Koffer musst, dann kann ich mir ja auch eine Jeans anziehen. Die passt auf alle Fälle zu meiner Bluse!“

 

Zu fünft suchten wir unsere Fahrerin und wurden nach ein paar Minuten auch fündig: Jenny saß mit den Laufenbergs in der Storrowtown Tavern bei einem Glas Mineralwasser. Oma Magda erkundigte sich besorgt nach dem Zustand meines Liebsten. Wir konnten Entwarnung geben und mein Wunsch nach dem Busschlüssel wurde schnell erfüllt. Der eine Teil der Familie Jacobsen blieb in der Runde sitzen, der andere Teil folgte mir auf den Busparkplatz; die Aktion Umkleiden konnte beginnen.

Ich entriegelte Tür und Tankkappe und betätigte dort die Taste zum Öffnen des Buszugangs. Auf dem Fahrerplatz sitzend drückte ich ein paar Knöpfe und gab so die Entriegelung der Ladeluken frei, Sylvia und Jost konnten also an ihre Koffer. Ich stürmte aus dem Bus und bot die Mutter meines Liebsten selbigen als Garderobe an, sie hielt bereits ihre neuen Beinkleider in der Hand.

 

Jost und ich waren noch mit seinen Sachen beschäftigt, er brauchte ja ein komplettes Outfit und Duschzeug, als Sylvia bereits umgezogen den Bus wieder verließ. „Ich dachte, ihr wärt schneller.“

 

„Haha!“ Jost klang leicht gefrustet. „Ich such nach einem Handtuch, alles andere habe ich schon.“

 

„Ganz unten, mein Großer! Ich habe deinen Koffer ja gepackt.“ Sie setzte sich eine Sonnenbrille auf.

 

„Danke!“ Jost verschraubte die Augen. „Ich werde nie wieder was gegen deine Packkünste sagen.“

 

„Will ich dir auch geraten haben.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr kurzes Haar. „Wann und wo treffen wir uns wieder?“

 

Ich blickte auf die Uhr, wir hatten kurz nach elf. „Also, bis zur Schafschurvorführung schaffen wir es auf keinen Fall, wir müssen ja erst wieder zurück zum Bus, die Sachen wieder verstauen. Im Coliseum fängt um zwölf eine Show von Kaltblütern an. Da könnten wir uns treffen und hinterher was Essen.“

 

„Schon wieder eine Tiershow?“ Mein Schatz klang nicht gerade begeistert.

 

„Aber die werden dich sicherlich nicht attackieren, …“ Sie grinste frech. „… dazu sind diese Pferde einfach zu gutmütig … und mit Bällen werden die ja wohl nicht spielen!“

 

 

Die Umkleide, dessen Schlüssel mir der Mann im roten Frack gegeben hatte, befand sich im E Barn an der Park Avenue des Geländes. Dem bäuerlichen Hintergrund der Messe war es wohl zu verdanken, dass man die Hallen hier als Scheunen bezeichnete. Er war einfach eingerichtet, der Boden gefliest, an den Weiß gestrichenen Wänden reihte sich Spind an Spind, in der Mitte des Raumes standen zwei Bänke, getrennt durch eine Art Kleiderstange. Das war also der Ort, wo man sich entkleiden sollte.

Jost deponierte seine Sachen auf dem Holz und blickte mich fragend an. „Was ist mit dir?“

 

„Was soll mir sein?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.

 

„Willst … willst du … nicht auch?“ Fast spitzbübisch grinste er mich an.

 

„Ich soll also mit dir duschen?“ Ich hob meinen Arm, roch an meiner Achsel. „Ich rieche aber nicht.“

 

Der angehende Student atmete tief durch. „Aber alleine macht es keinen Spaß!“

 

Nur mit Mühe konnte ich mir das Lachen verkneifen. „Da scheint ja jemand Druck zu haben!“

 

„Habe ich auch!“ Unschuld lag in seinem Gesicht. „Schlimm?“

 

„Nö, aber …“ Ich gluckste. „… aber was machen wir, wenn jemand reinkommt?“

 

„Dann stoppen wir halt!“ Jost rieb sich die Nase. „Oder …“

 

„Oder was?“ Meine Neugier war geweckt.

 

Ein verschmitztes Lächeln machte sich bei ihm breit. „Wir laden den Typen ein, mitzumachen!“

 

„Der Herr steht auf Dreier?“ Meine Augenbrauen versuchten, meinen Haaransatz zu erreichen.

 

„Weiß ich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab bis jetzt noch keinen gemacht. Von daher …“

 

„… sollten wir uns besser beeilen!“ Meine Schuhe landeten unter der Bank. „Ich teile nicht gerne.“

 

„Dann komm in die Pötte und zieh dich aus!“ Er schmiss sein Shirt auf die Bank und war schon mit seiner Hose zugange, als ich mir die Jacke abstreifte. Den Vorsprung, den Jost hatte, konnte ich nicht mehr einholen. Er stand ungeduldig an der Schwingtür, die zum eigentlichen Waschplatz führte, spielte an sich herum und stachelte mich an, ich solle doch schneller machen.

 

„Hetz mich nicht so!“ Ich hatte gerade die Retro ausgezogen und ging auf ihn zu. Während ich ihm oben einen Kuss gab, griff ich ihm unten an seine Kronjuwelen. Der Winkel zwischen seinem Sack und dem geilsten Sahnespender der Welt vergrößerte sich zusehends. Ganz sanft massierte ich mit meiner Linken seinen Beutel, er schnurrte wie eine Katze, als ich ihn so in den Raum zog.

Auch der eigentliche Waschraum war eher praktisch eingerichtet, rutschfeste Fliesen auf dem Boden, der Rest des Raumes in einem hellen Grau gefliest. Auf der einen Seite befanden sich fünf Waschbecken, die andere Seite nahm eine Gruppendusche ein, ich zählte sechs Brauseköpfe. Ich führte den Mann meiner Träume an die erste Armatur, die ich sehen konnte. Meine Hand setzte ihre Massage fort, die andere tastete sich langsam an der Wand entlang zu den Wasserhähnen. Meine Zunge spielte mit seinen Schneidezähnen, fast willenlos folgte sein gesamter Körper in die Richtung, in die ich ihn haben wollte.

Mein kleiner Finger erkundete das Innere der menschlichen Pelle, von der er mehr als genug hatte. Aus seinen mittlerweile aufgerichteten Speer tropfte es. „Wir sollten jetzt duschen.“

 

„Wenn du meinst, …“ Seine Hände glitten an meinem Körper herunter, sein Duschzeug ließ er fallen. Ich betätigte den Hebel und der Mann mit den smaragdgrünen Augen sprang fast panisch zur Seite, das Wasser war kalt. „Bist du wahnsinnig?“

 

„Wahnsinnig nach dir!“Ich grinste ihn unschuldig an. „Sorry, aber der Hebel steht auf Rot. Siehst du, jetzt kommt warmes Wasser.“

 

Ganz vorsichtig streckte er die Hand unter den Strahl und nickte zufrieden. „Jetzt geht es!“

 

Knutschend ließen wir das warme Wasser über unsere Körper laufen. Innerlich musste ich grinsen, sein Zepter hatte Kaltwasserattacke sehr gut überstanden, sie hatte nichts an Spannkraft verloren. Seine Hände legten sich auf meine unteren Backen und begannen, sie leicht zu massieren. Ich war ja mehr oder minder zwischen seinen Armen eingeklemmt, also blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit seine seinem Stab und seinem Beutel zu beschäftigen.

Er schien ziemlich angespannt zu sein, denn es dauerte nicht lange und er verdrehte leicht die Augen. Besorgt blickte ich ihn an. „Alles in Ordnung mit dir?“

 

Er nickte nur. „Ich wollte, wir hätten mehr Zeit. Gibst du mir bitte mal das Duschzeug?“

 

„Aber selbstverständlich, mein Engel.“ Ich küsste ihn. „Augenblick …“ Ich drehte und bückte mich. Als ich das Plastikteil in der Hand hatte, durchzuckte es mich plötzlich. Da war doch was? Mir fiel es wie Schuppen aus den Augen: Bücken unter der Dusche! Ich wollte, so schnell wie möglich, wieder zurück in meine Ausgangslage, aber da spürte ich auch schon seine Hände an meinem Becken. Der Druck nahm zu und Jost stellte sich wohl in Position, denn plötzlich spürte ich sein Zepter zwischen meinen Backen.

Okay, ich wollte ja schon gestern von ihm innerlich durchdrungen werden, hatte sogar darum mehr als gebettelt und mir nichts sehnlicher gewünscht, aber mein Engel zog den Ritt über die Prärie vor. Jetzt war es wohl zu spät und ich ergab mich dem, was da gleich zwangsläufig wohl folgen würde. Ich hätte mir zwar einen angenehmeren Ort als die Personaldusche auf einem Messegelände dafür vorstellen können, aber wenn es denn sein musste, sollte es hier und jetzt erfolgen. Ich versuchte meinen Oberkörper zu ihm zu drehen und reichte ihm die Tube mit dem Waschgel. „Hier bitte!“ Das Wasser hatte er mittlerweile abgestellt.

 

„Danke mein Schatz.“ Er ließ mich tatsächlich los und griff sich das Duschbad. Ich blieb so stehen, wie ich stand, in gebückter Haltung. Gleich würde die flüssige Seife meine Spalte schmiegsam und mein Loch für seinen Zauberstab aufnahmebereit machen. Er stand er immer noch hinter mir und ich hörte, wie er die Tube öffnete. Plötzlich hörte ich ein Lachen. „Willst du nicht wieder aufstehen?“

 

Ich war mehr als perplex. „Äh … wie? Willst du mich denn nicht …“

 

„Wollen würde ich zwar schon gerne, aber …“ Er zog mich zu sich hoch, drehte mich um und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. „Erstens mögen wir beide keine schnellen Nummern und das hier wäre ja ein superschneller Quickie, und zweitens …“ Mir fielen ganze Gebirge vom Herzen. „… ist das hier wirklich nicht der passende Ort: Sex kann man hier zwar haben, aber lieben? … Lieben kann man sich hier nicht!“

 

In seine smaragdgrünen Augen hätte ich abtauchen können, als er mich zärtlich einseifte und mir dann die Tube gab; ich sollte es ihm wohl gleich tun. Dieser Aufforderung kam ich liebend gerne nach. Das bläulich aussehende Gel verteilte ich mit aller Inbrunst, die ich in mir hatte, auf seiner fast haarlosen Brust. Allerdings blieb es, wie man sich denken kann, nicht lange bei dem Spiel oberhalb der Gürtellinie.

Unsere beiden rechten Hände wanderten zur Körpermitte und spielten dort mit dem Luststab des jeweils Anderen. Ich liebe das schmatzende Geräusch, wenn ihr Jost sich einen von der Palme wedelt oder, wie in diesem Falle, jemand anderes den Baum schüttelt. Es ist schöner als jeder Symphonie von Beethoven, einfach Musik in meinen Ohren.

Irgendwann konnten wir nicht mehr und jeder hantierte mit seinem eigenen Gewehr; beide waren wir feuerbereit. Jost schoss zuerst und meine Kanone erwiderte das Feuer. Außer Atem sanken wir uns gegenseitig in die Arme, ich spürte, wie sein Herz raste. Es vergingen gefühlte Stunden, ehe unser Puls einigermaßen vernünftiges Niveau wieder erreicht hatte. Nach einem intensiven Kuss stellte er das Wasser wieder an und spülte so nicht nur die Seife in den Ausguss.

Das Abtrocknen ging nicht ganz so schnell, wir mussten uns ja ein Handtuch teilen, an ein eigenes hatte ich ja nicht gedacht. Auch das Ankleiden dauerte diesmal länger, Jost zog mich und ich ihn an, schließlich hatte sich ja jeder selbst seine Klamotten entledigt. Besonderes Augenmerk richtete er bei mir auf die Lage von kleinen Gordon in seiner Retro, ich glaube, er brauchte acht oder neun Versuchen. Ich widmete mich mehr seinen Füßen, was mir wütende Blicke aus den smaragdgrünen Augen einbrachte. Wie kann ein Mensch nur so kitzlig an seinen Fußsohlen sein?

 

 

Kurz nach zwölf, wir hatten die dreckigen Sachen von Jost erst noch im Bus verstaut, trafen wir, wie verabredet, bei der Pferdeshow ein. Eine große Begrüßung gab es zwar nicht, nur Sylvia reagierte auf das neue Outfit ihres Sohnes. „Gut siehst du aus.“ Dann schaute sie mich ziemlich entgeistert an. „Gordon? Wieso sind denn deine Haare auch nass?“

 

Verdammt! Sie hatte uns erwischt! „Äh, Jost hatte sein Duschzeug in der Umkleide vergessen und ich habe es ihm gebracht.“ Eine andere Notlüge fiel mir auf die Schnelle nicht ein.

 

Mein Engel pflichtete mir sofort bei. „Stimmt! … Dabei muss er wohl … nass geworden sein.“

 

„So ist das also?“ Sie zwinkerte uns zu. „Und deshalb ist der Rest an ihm auch so staubtrocken wie der Kaftan eines Beduinen in der Wüste.“

 

Jost und ich schauten uns betreten an und wussten nicht, was wir sagen sollten. Dann räusperte sich der angehende Student. „Mama, können wir darüber heute Abend beim Essen reden?“

 

Sie nickte. „Natürlich!“ Eine Glücksträne ran ihr über die Wange.

 

 

Die Show konnte ich nicht genießen! Erstens bin ich kein Pferdenarr und zweitens ging mir Sylvias Verhalten nicht aus dem Kopf: Was hatte meine Schwiegermutter in spe vor? Gut, sie hatte uns bei einer kleinen Notlüge ertappt, aber mehr? Mehr war nicht passiert. Sie wusste ja schließlich, dass ich ihren Sohn mochte, sie hatte mich ja auch mehr oder minder aufgefordert, in ihrem Sinne meine Nachforschungen zu betreiben. Auch konnte sie sich denken, dass wir nicht nur erbauliche Bibelzitate austauschen würden, wenn wir zusammen waren.

Was sollte die Träne, die sie verdrückt hatte, bedeuten? Auf diese Frage hatte ich keine Lösung parat: Ich würde abwarten müssen; aber Geduld gehörte nicht gerade zu meinen stärksten Eigenschaften. War es Vorfreude, dass Jost ihr und ihrem Mann jetzt reinen Wein einschenken wollte? Fiel eine Last von ihr ab? Fragen über Fragen und keine Antworten. Ich hätte jetzt am liebsten mit meinem Engel einen Schlachtplan für den Abend entwickelt, aber Sylvia positionierte ihren Gatten und den kleinen Bruder derartig geschickt, dass Jost und ich keinen direkten Kontakt aufnehmen konnten. Frauen!

 

 

Irgendwie war ich meiner Aufgabe als Reiseleiter dann doch noch dankbar, denn die Damen aus dem Ruhrgebiet belegten mich in Beschlag und ich musste mich auf andere Dinge konzentrieren. Zwar war ihr Problem eher marginal, denn schon George Bernhard Shaw sagte, dass England und die USA zwei Staaten seien, die durch eine Sprache getrennt werden. Gut, das Zitat könnte auch von Oscar Wilde stammen, ich bin ja nur Reiseleiter und kein Literaturwissenschaftler.

Auf Reisen hilft oftmals ein Wörterbuch, aber alle Finessen eines Wortes kann es nicht wiedergeben, sonst müsste man eine Bibliothek mit sich führen. Mein alter Englischpauker sagte einmal, jedes Wort trägt einen Koffer von Bedeutungen und gewandet sich, je nach Gelegenheit, anders, so auch in diesem Fall.

Die beiden Damen wollten an einem Schreibwarenstand einen Block, ein paar Stifte und ein Radiergummi kaufen. Die ersten beiden Sachen fand man, man musste sie also nur auf den Tresen legen, aber das letzte Utensil war auf dem Stand nirgends zu entdecken. Da man aber die genaue Übersetzung hierfür kennt, schlägt man halt im kleinen Reisewörterbuch nach und fragt die freundliche Verkäuferin. Die Dame fängt an zu kichern, geht an ihre Handtasche, schaut sich heimlich um und drückt Susanne Weihrauch, der Fragenstellerin, ein kleines viereckiges Päckchen grinsend in die Hand.

„Was meinen sie, was ich geschaut habe.“ Sie klang immer noch entrüstet. „Sie gab mir das!“

 

Ich lachte, als ich die Lümmeltüte in ihrer Hand sah. „Ach! Das meinen sie.“

 

Vera Eichborn blickte mich konsterniert an. „Was ist denn daran so lustig?“

 

„Nun, was für den Engländer ein Rubber ist, ist für den Amerikaner ein Eraser.“ Mein Blick fiel auf die Brünette. „Wenn sie hier einen Rubber haben wollen, kriegen sie halt das, was der Engländer auch mit einem französischen Brief umschreibt.“

 

„Ich habe dir doch gleich gesagt, lass uns den Langenscheidt kaufen.“ Susanne Weihrauch grinste nun auch. „Aber nein, du musstest ja unbedingt das billige Ding vom Aldi nehmen!“

 

 

Beim nachfolgenden Essen schaffte es Sylvia irgendwie, Jost vor mir abzuschirmen. Gut, sie standen etwas vor mir in der Schlange in dem Burgerladen und konnten den letzten freien Vierertisch ergattern, ich hingegen musste an einem Stehtisch speisen und wurde von den Leipzigern belagert. Wenigstens konnte ich meinen Schatz beobachten, er schien auch nicht ganz glücklich mit der Situation zu sein.

Auch während des restlichen Teils des Besuchs der Landwirtschaftsausstellung konnte ich ihn nie alleine sehen, immer er war in Begleitung. Was führte sie im Schilde? Wollte sie, dass ihr Jost das Kommende alleine durchzieht? Sollte er sich als Mann beweisen, der seinen Weg selbst findet? Was ging unter der Kurzhaarfrisur vor? Wollte sie sein Selbstbewusstsein testen? Frauen! Oder war die – für mich augenscheinliche – Isolierung meines Liebsten nur purer Zufall? Eine Ironie des Schicksals? Ich fand keine vernünftige Antwort.

 

 

Als ich um kurz nach zwei auf meinem Platz im Bus saß, war ich zwar keinen Deut schlauer, aber ich hatte alle Schäfchen wieder beisammen. Eine kurze Ansprache nur, ich wollte die Leute nicht unnötig nerven, und wir fuhren auf die Interstate 90 in Richtung in Richtung Boston. Es gab auf den 250 Kilometern, die bis Hyannis, dem nächsten Etappenziel, vor uns lagen, nicht viel zu tun. Die meisten Gäste dösten, unterstützt vom monotonen Rattern der Räder auf dem Asphalt, einfach ein und schliefen den Schlaf der Gerechten; sie waren einfach fertig.

Gut, es war Sonntag, den verplempert man ja liebend gerne, ich zumindest, aber meine Gäste waren ja auch nur Menschen. Die meisten hatten den gestrigen Abend, wie Jost und ich, zum Ausgehen genutzt. Heute mussten sie relativ früh aufstehen, um dann fast fünf Stunden über ein Messegelände zu rennen und die Errungenschaften der Landwirtschaft Neu-England zu bewundern. Es war von daher kein Wunder, dass sie schläfrig reagierten: Es war nur eine logische Konsequenz des Körpers, also vollkommen natürlich.

 

Wir waren knapp eine dreiviertel Stunde unterwegs, als Jenny sich räusperte und mich ansah. Von hinten hörte man, wenn überhaupt, nur Schlafgeräusche oder mal das eine oder andere gemurmelte Wort. Die nächste Abfahrt war Sturbridge, schon die Ureinwohner bauten hier Grafit ab, allerdings nur zu zeremoniellen Zwecken, Kriegsbemalung war ein Muss in damaligen Tagen.

„Wenn ich mir die Truppe da hinten so anschaue, dann …“ Sie deutete mit dem Daumen in Richtung Fahrgastraum. „… dann sollten wir das Nachmittagsprogramm ändern.“

 

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Wie meinst du das denn jetzt?“

 

„Ist doch ganz einfach!“ Sie grinste. „Bis zum Whitehall State Park bräuchten wir noch ungefähr eine halbe Stunde. Die meisten werden aber wohl im Bus bleiben.“

 

Davon war wohl auszugehen; gut, die Raucher würden die Viertelstunde nutzen, aber der Rest? Der würde wohl die Pause verschlafen. „Und was schlägst du vor?“

 

„Wir machen auch keine Pause am Tispaquin Pond, denn die Bar da ist vor zwei Wochen von der Gesundheitsbehörde dichtgemacht worden.“ Sie wechselte die Fahrspur, um einen Militärkonvoi zu überholen. „Was hältst du von einer großen Pause am Wrentham Outlet Store? Eine Stunde?“

 

Ich musste grinsen, da hatte ich den Hintern meines Liebsten zum ersten Mal in natura gesehen, zwar nur kurz, aber den Anblick werde ich nie vergessen. „Die Idee ist nicht schlecht … können wir gerne machen. Morgen soll es ja laut Wetterbericht leichten Seegang geben, von daher … beim Whalewatching kann wetterfeste Kleidung nie schaden.“

 

Die ehemalige Gewichtheberin lachte. „Wie gut, dass ich an Land bleiben werde.“

 

Ich schaute auf die Uhr, die Ankunft am Hotel in Hyannis sollte planmäßig vor 18:30 Uhr erfolgen. „Jenny, dann drück mal auf die Tube. Wenn ich richtig gerechnet habe, dann können wir sogar bis fünf Geld ausgeben können, ohne das Hotel informieren zu müssen.“

 

„Man merkt, du bist der Sohn eines Busfahrers, …“ Sie setzte den Blinker und wechselte wieder die Spur. „… deine Zeitplanung dürfte hinkommen.“

 

Als wir auf die Interstate 495 in Richtung Süden nach Cape Cod abbogen, informierte ich via Mikro die Reisegruppe über die Programmänderung. Die Meisten wurden von der Nachricht aus dem Schlaf gerissen; es wunderte mich schon, dass man selbst hartgesottene Raucher erst wecken musste, damit sie ihrem Laster frönen konnten. Aber es gab, besonders von dem weiblichen Anteil meiner Gäste, nur zustimmendes Gemurmel zu dieser Modifikation des Tagesablaufs.

Um 15:42 Uhr erreichten wir den Einkaufstempel und ich wünschte meinen Gästen viel Spaß beim Shopping, ermahnte sie jedoch, Punkt Fünf wieder am Bus zu sein. Wir hatten noch etwas über 100 Kilometer bis zum Tagesziel an der Atlantikküste.

Während des Aussteigens konnte ich Jost zum ersten Mal nach Stunden wieder alleine erwischen. Ich musste meine Stimme senken, denn seine Mutter folgte ihm. „In fünf Minuten bei Ruby Tuesday. Ich will mit dir reden, mein Engel.“

 

Der Mann mit den smaragdgrünen Augen blickte mich liebevoll an. „Bis gleich dann.“

 

Friedrich Laufenberg, der kurz hinter meiner künftigen Schwiegermutter den Bus verließ, zog ich kurz an meine Seite. „Könnten sie mir einen kleinen Gefallen tun?“

 

Schelmisch blickte er mich an. „Welchen, Herr Gordon?“

 

„Könnten sie und ihre Frau bitte die Jacobsens etwas in Beschlag nehmen? Ich würde gern mit Jost … naja … etwas unter vier Augen besprechen …“ Ich deutete auf die drei Personen, die drei Meter entfernt von uns standen und noch auf das jüngste Familienmitglied warteten. „Das wäre …“

 

Der Mann mit den weißen Haaren grinste wie ein Lausbub. „Kein Problem, … ach diese Jugend! Wie sagte schon Horaz? Carpe diem, quam minimum credula postero!“

 

Den ersten Teil des Spruches kannte ich, aber das er noch weiterging, war mir neu. Entsprechend verwundert blickte ich ihn an. „Was meinen Sie?“

 

„Entschuldigung, ich vergesse immer wieder, das Latein eine tote Sprache ist.“ Er grinste. „Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertrauen, koste den Augenblick!“

 

Ich kratzte mich am Kinn und nickte. „Der Spruch hat etwas!“

 

„Sage ich doch, von den alten Römern können wir auch heute noch was lernen.“ Suchend blickte er sich nach seiner Frau um. „Magda! Kommst du endlich? Wir haben einen Spezialauftrag.“

 

 

So schnell ich konnte, durchquerte ich den Liberty Court, ich wollte ja zu meinem Liebsten. Der angehende Student stand an der Auslage von Ross-Simons, einem Juwelier. Ich musste grinsen, denn er schaute sich Eheringe an. „Meinst du, dafür ist es nicht noch etwas früh?“

 

Erschrocken drehte er sich um. „Ach! Du bist es.“

 

„Wer sollte es sonst sein?“ Ich hätte ihn küssen können.

 

„Ich dachte schon, meine Mutter …“ Jost atmete tief durch. „… würde mich wieder … heimsuchen!“

 

„Keine Angst!“ Ich knuffte ihn in die Seite. „Heimsuchen werde ich dich zwar auch, aber anders!“

 

„Will ich auch gehofft haben!“ Endlich lächelte er wieder. „Was hältst du von denen?“

 

„Welche meinst du?“ Ich sah nur Ringe in allen möglichen Farben, Formen und Preisklassen.

 

Er deutete in die Auslage. „Dritte Reihe von unten, viertes Paar von links.“

 

„Moment!“ Ich suchte und wurde fündig. Die Ringe, auf die er ein Auge geworfen hatte, waren eher schlicht; Geschmack hatte er, das musste man ihm lassen. Die Ausführung für den Herrn war knapp einen halben Zentimeter breit und wohl aus Titan mit einem goldenen Streifen in der Mitte. Die Damenvariante war etwas schmaler, dafür mit drei Brillantsplittern besetzt. „Nicht schlecht! Aber dann bitte ohne die Brillis!“

 

„Sehe ich auch so.“ Er seufzte. „Aber das wird wohl ein Traum bleiben.“

 

Ich blickte ihn erstaunt an. „Wieso?“

 

„Ich will meinen Leuten zwar heute Abend reinen Wein einschenken, wie es um mich steht, aber …“ Schwermut lag in seinem Blick. „… aber was wird die Zukunft bringen?“

 

„Carpe diem, quam minimum credula postero!“ Lächelnd schmückte ich mich mit fremden Federn.

 

Er stutzte und legte den Kopf zur Seite. „Äh … nutze den Tag und vertrau weniger dem Morgen?“

 

Mist, in Latein war er eindeutig besser. „Willst du mich immer noch?“

 

Große Augen blickten ich an. „Was meinst du?“

 

Ich blickte ihn an. „Na, das was du mir heute Morgen geschrieben hast?“

 

Langsam nickte er. „Ja natürlich will ich dich! Aber … die Zukunft …“ Er stöhnte. „Wie soll das gehen? Du hier und ich in Deutschland.“ Ich griff seine Hand und zog ihn in meine Richtung. „Was machst du?“

 

„Dich lieben und …“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und zog ihn in Richtung Laden. „… und Ringe kaufen! Ich habe dir den Antrag gemacht, du hast Ja gesagt … und Verlobungsringe gehören bei uns einfach dazu. Nun stell dich nicht so an und komm mit!“

 

Erstaunlicherweise war der Laden fast leer, außer dem Personal und uns war niemand anwesend. Mein Kleiner genierte sich zwar erst, er wirkte erst nervös, aber ich ließ mich nicht mehr beirren und handelte wie ein Mann. Der Wunsch war schnell geäußert und, wieder Erwarten, auch schnell erfüllt. Augenscheinlich war es kein Problem, zwei männliche Teile dieses Verlobungssets zu erstehen; was Geld nicht alles möglich macht!

Nur bei der Gravur der Ringe gab es leichte Schwierigkeiten. Die Namen waren klar, aber welches Datum sollten wir nehmen? Das des Kennenlernens, das des ersten Kusses oder das des Antrags? Ich wusste es nicht.

„Wie wäre es mit deiner lateinischen Weisheit?“ Jost blickte mich an. „Die passt doch zu uns!“

 

„Ist der nicht etwas zu lang?“ Ich wollte ihn ja nicht nur mit der Lupe lesen können.

 

Er lachte. „Wie wäre es dann mit CDQMCP? Ihr Amerikaner liebt ja Abkürzungen.“

 

Ich musste lachen. „Stimmt, dann schreib dem Graveur das auf den Zettel.“

 

Während ich zahlte, schließlich ist der Verlobungsring Sache des Mannes, naja, bei uns wohl eher desjenigen, der den Antrag gemacht hatte, schaute sich Jost noch um. Eine Viertelstunde später kam die Verkäuferin mit den beiden Ringen zurück und reichte sie mir zur Begutachtung. Der Mann im Hinterzimmer des Juweliers hatte gute Arbeit geleistet. Die Namen waren von Herzen umgeben und auch die Buchstaben passten.

Die Frage, ob sie sie einpacken sollte, verneinte mein Engel, er wollte wohl nicht im Schneckentempo sein heutiges Werk starten. Ich griff mir daher den Ring und seine rechte Hand und schon steckte der Titan-Gold-Schmuck an seinem Ringfinger. Als er meine Linke griff, zog ich meine Hand zurück. „Jost, wir sind hier in den Staaten: Verlobung Rechts, Ehe Links.“

 

„Oh, bei uns ist das umgekehrt.“ Er musste lachen und ich fiel mit ein.

 

Immer noch grinsend verließen wir den Laden und stolperten am Ausgang fast über Günni. Er blickte uns fragend an. „Was macht ihr denn hier?“

 

„Oh, … Paps, … wir …“ Warum stotterte Jost? „Was machst du denn hier?“

 

„Ich?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin geflohen! Deine Mutter veranstaltet mit deinem Bruder und den Laufenbergs einen Einkaufsmarathon. Ich konnte mich wegschleichen, wollte ein Bier …“ Der Redakteur aus Hamburg musterte uns, als er auf unsere Hände blickte, zog er die Augenbrauen hoch und stutzte. „Ich … äh … deine Mutter sagte schon, dass du heute Abend mit uns reden willst.“ Er zögerte einen Moment. „Wenn ich das an euren Fingern sehe, dann … dann können wir auch …“

 

Wir gingen ins Ruby Tuesdays, wieder eine Duplizität der Ereignisse. Während Vater und Sohn einen Tisch suchten, bestellte ich an der Bar dreimal das Bier des Tages, ein Sam Adams Seasonal aus Boston. Sie schwiegen sich an, als ich mit dem Tablett, auf dem drei große Gläser des Gerstensaftes standen, zu ihnen stieß.

Schweigend stießen wir an. Obschon der Hintergrundgeräusche dem Lokal herrschte am Tisch eine gespenstische Stille. Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. „Leute, wir …“

 

Guntram winkte ab. „Also Jost, dann sag mal, was los ist!“

 

Mein kleiner Engel verdrehte die Augen, trank einen Schluck. „Ja, also … also Paps … also ich, äh, ich … ich bin schwul und liebe Gordon. Was die Zukunft bringt?“ Er zuckte mit den Schultern. „Was morgen sein wird, kann ich auch noch nicht sagen, wahrscheinlich … wahrscheinlich werde ich hier in den Staaten studieren. Bewerben werde ich mich auf alle Fälle.“

 

Er sah erleichtert aus, aber sein Vater wechselte die Gesichtsfarbe, wurde bleich und schüttelte nur mit dem Kopf. „Junge, das … das … das kann nicht wahr sein!“

 

Nicht nur Jost wirke erstaunt. „Was? Dass ich auf Männer stehe?“

 

Sein Vater schüttelte mit dem Kopf. „Du solltest dir das mit dem Journalismus noch einmal ernsthaft überlegen!“

 

Mir fiel die Kinnlade herunter. „Wie meinen sie das?“

 

„Um mit meinem guten Freund Helmut Markwort zu sprechen, …“ Er blickte auf seinen Filius. „… ich brauche: Fakten, Fakten und nochmals Fakten! Du aber lieferst nur kalten Kaffee, mein Sohn.“

 

Was ging denn hier ab? Jost wusste wohl nicht, wie ihm geschah. „Äh, was …“

 

Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Erzähl mir doch was Neues. Dass du … schwul bist … naja, das … das war deiner Mutter und mir schon ziemlich lange klar. Ehe du fragst, schon mindestens drei Jahre. Bei deiner Mutter kam die Erkenntnis wohl eher als bei mir, aber so sind Mütter nun einmal.“ Er griff an sein Glas und blickte uns an. „Und das du in den Typen … äh … Gordon, entschuldigen sie bitte, ist nicht böse gemeint, … aber das du in diesen Knaben hier verliebt bist, … das sieht ein Blinder mit dem Krückstock.“ Er trank einen Schluck. „Die einzig neue Information ist, dass du hier in den Staaten studieren möchtest.“ Er stellte sein Glas ab. „Naja, aber so neu sind diese Pläne ja nun auch wieder nicht, …“ Er wischte sich über den Mund. „… die hast du ja schon vor zwei Jahren gehabt.“

 

„Was …“ Josts Augen funkelten. „… was soll ich dir sagen?“

 

„Was willst du im nächsten Jahr machen? Jobben? Wo willst du wohnen? Von was willst du leben?“ Sein Produzent zuckte mit den Schultern. „Was habt ihr vor?“

 

„Ich … ich … ich weiß es noch nicht.“ Der angehende Student wirkte irgendwie zerknirscht. „Das ist ja mein …“ Er blickte mich liebevoll an. „… nein, … das ist unser Problem.“

 

Das Hamburger Abendblatt atmete tief durch. „Du willst dich also erneut um einen Studienplatz hier in den Staaten bewerben und hoffen, dass du genommen wirst?“

 

„Ja, das habe ich vor.“ Er nickte. „Vielleicht habe ich ja Glück und kann in New York …“

 

Der 48-Jährige rieb sich die Stirn. „Das sind aber noch keine ausgereiften Pläne!“

 

Ich blickte auf Vater und Sohn und atmete tief durch; es war an der Zeit, Farbe zu bekennen. „Herr Jacobsen, wenn ich mal kurz etwas sagen dürfte … mich betrifft die Sache ja auch.“

 

„Bitte!“ Er deutete in meine Richtung. „Ich höre!“

 

Dankbar blickte ich ihn an und wandte mich dann meinen Schatz zu. „Jost, du erinnerst dich noch an den Abend in Rutland, …“ Ich wich seinem Blick aus. „… als du mir die Bilder gezeigt hast.“

 

„Ja, aber …“ Mein Traumprinz zog die Augenbrauen hoch. „… aber was … hat das hiermit zu tun?“

 

„Alles!“ Ich trank einen großen Schluck. „Als du dann … in dein Zimmer gegangen bist, um den Chip aus der Kamera zu holen, da … da habe ich …“

 

„Was hast du?“ Seine Stimme überschlug sich leicht.

 

„Während du weg warst, da hab ich … naja … ich hab den Ordner mit den Bewerbungen für die USA gefunden.“ Ich rang nach Luft. „Da hab ich …“

 

„Was hast du?“ Wollte er mir an die Kehle?

 

„Ich hab mir die Daten kopiert und …“ Erdboden tue dich auf. „… und ich habe deine Bewerbung …“

 

„Was hast du?“ Er schnaubte vor Wut. „Du bist an meinen Rechner gegangen und hast …“

 

„Jost!“ Die Stimme von Jacobsen Senior war schneidend, sie duldete keinen Widerspruch. „Jetzt lass ihn einfach mal ausreden! Du bist ja … fast so aufbrausend wie deine Mutter!“

 

„Meinetwegen!“ Er wirkte irgendwie kleinlaut. „Also! Ich höre!“

 

„Ich hab deine Dateien an einen guten Freund von mir weitergeleitet, …“ Warum konnte ich ihn nicht anschauen? „… der kennt einige wichtige Leute.“ Chester war ja immerhin der Vorsitzende der LIGA. „Wenn du willst, du kannst nächsten Montag anfangen, … an der Columbia! Im Fach Journalismus.“

 

„Ich kann was?“ Ihm fiel die Kinnlade nach unten.

 

Auch sein Vater stutzte. „Äh, damit ich das Ganze richtig verstehe … Sie haben also die Unterlagen meines Sohnes kopiert und in die richtigen Bahnen gelenkt?“ Er blickte mich an. „Und er hat jetzt, so mir nichts dir nichts, einen Studienplatz?“ Die Fragezeichen in seinen Augen waren deutlich zu erkennen. „An der Columbia School of Journalism? An dieser Kaderschmiede?“

 

„Ja, hat er.“ Ich nickte. „Er müsste … nur den Stoff der letzten Wochen nachholen.“

 

„Und das Visum?“ Man erkannte, mein Schwiegervater war praktisch veranlagt.

 

„Dafür ist auch schon gesorgt.“ Ich versuchte, ein Lächeln auf meine Lippen zu legen. „Ich hatte ja noch eine Kopie von seinem Reisepass … von dem Gepäckverlust, … die … hab ich auch missbraucht. Wir müssen nur zu einem Immigration Office, den Pass vorlegen, und er kriegt sein Studentenvisum für die nächsten vier Jahre.“

 

„Das nenne ich mal vernünftige Fakten!“ Jacobsen Senior strahlte.

 

„Was? Er hat mein Vertrauen missbraucht!“ Jost wirkte ratlos. „Das soll vernünftig sein?“

 

„Papperlapapp!“ Mein Schwiegervater in spe winkte nur ab. „Jost! Auch wenn es nicht ganz die feine englische Art war, wie dein Freund … an die notwendigen Daten gekommen ist, so präsentiert er dir eine goldene Zukunft auf dem Silbertablett! Du … du musst … einfach nur zugreifen!“

 

Jost wirkte leicht fertig. „Ich muss was?“

 

„Zugreifen!“ Er fuhr sich durch die grauen Haare. „Ich musste damals, um an mein erstes Volontariat zu kommen, mit der vertrockneten Tochter des Chefredakteurs der Lüneburger Landeszeitung …“ Er schüttelte sich. „Egal! Der Mann an deiner Seite, den du offensichtlich liebst und der für dich das Unmögliche möglich macht, dem solltest du diesen … nennen wir es Fehler … einfach verzeihen!“

 

„Ich soll was?“ Perplex blickte Jost seinen Vater an. „Und bitteschön, was ist mit der moralischen Integrität eines Journalisten, die du immer forderst? Das wäre doch Nepotismus in Reinkultur, wenn ich jetzt ja sage.“

 

„Nun mach mal halblang!“ Er fuchtelte mit seinen Armen. „Noch hast du den Pulitzerpreis nicht gewonnen, du stehst erst ganz am Anfang einer möglichen Karriere. Außerdem … Gordon hat dir nur die Tür geöffnet, eintreten und beweisen, dass du es kannst, musst du ganz alleine.“

 

„Aber …“ Der angehende Student suchte nach Worten. „Was soll ich … denn … nun … machen?“

 

„Ist doch ganz einfach!“ Papa Guntram massierte sein Kinn. „Ihm verzeihen! Er hat es ja nicht für sich, sondern für dich gemacht. Und außerdem … so ein Angebot schlägt man nicht ab, außer man ist mit dem Klammerbeutel gepudert worden, …“ Er grinste. „… was bei dir ja nicht der Fall war und das kann ich selbst bezeugen! Also nimm sein Geschenk an und vertragt euch wieder! Ihr hättet keine Ringe gekauft, wenn es keine tiefe Beziehung wäre.“

 

„Sorry Jost, aber …“ Betreten blickte ich meinem Schatz an. „… aber ich will dich nun einmal bei mir haben, mit dir leben und … und als ich die Dateien fand, … da konnte ich einfach nicht anders.“

 

Jost presste die Lippen aufeinander, nach einer gefühlten Ewigkeit schaute er mir in die Augen. „Ich bin dir nicht böse. Ich … ich bin nur … etwas überrumpelt.“

 

„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht überfahren.“ Ich ergriff seine Hand. „Verzeihst du mir?“

 

„Wann hättest du mir es sagen wollen?“ Er blickte ich fragend an. „Ich meine, dass du unsere Zukunft schon längst geplant hast und ich nur noch unterschreiben muss? Wann?“

 

„Nun, … äh … eigentlich …“ Ich atmete tief durch, jetzt zählte nur noch die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. „Ich suchte nach der passenden Gelegenheit, um dich mit dem Studienplatz hier überraschen. Aber … nach deinem Brief von heute Morgen … du wolltest mit deinen Eltern reden … ich wollte es dir im Laufe des Tages sagen, du solltest ja vorbereitet sein, etwas in der Hinterhand haben.“ Ich blickte in seinen Augen, die wieder Sanftmut ausstrahlten. „Aber dann kam mir erst dein Unfall mit dem Seehund in die Quere und dann … hat deine Mutter …“

 

„… ihn nicht mehr von der Leine gelassen.“ Guntram beendete meinen Satz. „Typisch Sylvia! Also Jost! Du kennst nun die Fakten! Verzeihst du deinem Gordon?“

 

„Ja!“ Seine Stimme wurde klarer. „Ich verzeihe meinem Schatz, er hat es ja nur gut gemeint.“

 

Mein Schwiegervater atmete erleichtert auf. „Endlich! So, während ihr euch versöhnt, hole ich noch eine Runde. Das muss gefeiert werden!“

 

Jost nickte grinsend, aber ich schaute besorgt auf die Uhr. „Äh, wir sollten so langsam …“

 

„Papperlapapp! Die Fahrerin würde ohne einen Gast losfahren, aber nie ohne den Reiseleiter!“ Er gluckste. „Aber Gordon? Hast du nicht noch was vergessen? Was Wichtiges?“

 

Was sollte mir entfallen sein? „Herr Jacobsen …“

 

„Als mein Schwiegersohn darfst du Günni sagen! Aber …“ Er grinste über beide Backen. „… aber fragt man in den Staaten nicht erst mal das Familienoberhaupt der Brautfamilie um Erlaubnis, ehe man Ringe kauft?“

 

Um Gottes Willen, er hatte zu viele schlechte Filme gesehen. „Sorry, aber leider weiß ich nicht, wo Sylvia im Moment ist …“ Ich zuckte mit den Schultern. „… und außerdem, woher willst du wissen, dass dein Sohn die Frau ist? Ich kann ja auch meine Beine breitmachen, liebster Schwiegerpapa!“

 

Jost konnte sich vor Lachen kaum halten und dem Abendblatt viel die Kinnlade herunter. „Na … schlagfertig bist du ja. Willkommen in der Familie!“ Er erhob sich und stiefelte in Richtung Tresen.

 

„Ich hätte nicht gedacht, dass das Ganze so einfach werden würde.“ Mein Schatz grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Aber trotzdem! Du hättest mir was sagen sollen!“

 

„Wollte ich ja, aber die Umstände … waren halt … dagegen.“ Ich blickte ihn an und griff seine Hand. „Aber ich werde meine Sünden abblasen … oder … was immer du willst.“

 

„Na, das hat ja noch Zeit bis heute Abend.“ Er gluckste. „Aber ich werde dich beim Wort nehmen!“

 

„Das kannst du auch!“ Ich küsste ihn auf die Wange. „Und es wird nicht nur dabei bleiben!“

 

„Bei was wird es bleiben?“ Günni war an den Tisch zurückgekehrt.

 

„Paps, das geht dich gar nichts an!“ Jost gluckste. „Ich will ja auch nicht wissen, was du und Mama …“

 

„Das geht dich auch gar nichts an!“ Er verteilte die Gläser. „Aber da du gerade von deiner Mutter sprichst, … wir müssen … einen Plan entwickeln, wie … wir es ihr beibringen, … möglichst schonend.“

 

„Was müssen wir beibringen?“ Ich wurde neugierig.

 

Er prostete uns zu. „Dass sie ab dem Wochenende auf ihren Puschel verzichten muss! … Cheerio!“

 

„Puschel?“ Ich musste mich arg zurückhalten, um nicht in lautes Gelächter zu verfallen, aber mit einem Puschel hatte der Reiter von letzter Nacht nicht viel zu tun. „Wie süß!“

 

Jost prustete, ob der Bekanntgabe seines Kosenamens aus Kindertagen, den halben Inhalt seines Glases über den Tisch, „Paps, das hätte jetzt nicht sein müssen!“

 

„Nun hab dich nicht so, …“ Er grinste immer noch. „Spätestens auf euerer Hochzeit wäre der Name gefallen. Du bist nun mal … Mamas kleiner Puschel!“

 

Ich trat auf die Spaßbremse. „Leute! Darf ich mal um etwas mehr Ernsthaftigkeit bitten?“ Die Beiden blickten mich an. „Wir müssen langsam wieder zurück zum Bus. Günni, weiß Sven eigentlich, dass …“

 

Der Angesprochene blickte mich erstaunt an. „Das was?“

 

„Na, das Pusch … äh … das Jost verzaubert ist?“ Der Name war wirklich verlockend!

 

Er nahm den direkten Augenkontakt auf. „Verzaubert? Der Ausdruck gefällt mir!“

 

„Der Spruch kommt von meiner Oma.“ Ich lachte ihn an.

 

„Die Frau scheint gut zu sein …“ Er trank aus. „Ich glaube nicht, dass er weiß, was das bedeutet!“

 

„Na, dann bräuchtet ihr erst einmal einen Babysitter … für den Mini-Puschel.“ Ich hielt mich zurück. „Es wäre besser, wenn wir bei der Angelegenheit erst einmal unter uns bleiben würden.“

 

„Stimmt!“ Er schaute auf seinen Sohn. „Du hast mit deinem Liebsten eine sehr gute Wahl getroffen, wenn ich da mal so sagen darf!“!

 

 

Mit einer Verspätung von zehn Minuten traten wir die letzte Etappe der heutigen Reise an. Das Wichtigste, meine Beichte, hatte ich absolviert. Nun galt es, sich auf Wesentliche zu konzentrieren, die Zukunft.

 

 

Die Zukunft begann dann doch früher als gedacht. Die kleine Verspätung holt Jenny wieder raus, man kann ja auch mal mit knappen 70 Meilen pro Stunde und anstatt den erlaubten 65 über die Autobahn brettern. Punkt 18:30 Uhr fuhren wir auf den Parkplatz des Days Inn in Hyannis. Mittlerweile hatten die Leute Übung, das komplette Ausladen dauerte nur noch zehn Minuten, vom Stillstand des Busses bis hin zum Schließen der Kofferklappen.

Wie in den USA üblich, servierte das Hotel nur Frühstück, für die anderen Mahlzeiten musste man selbst sorgen. Die überaus freundliche Rezeptionistin verteilte daher neben den Zimmerkarten auch Gutscheine für einige nahegelegene Restaurants, mit denen das Hotel zusammenarbeitete. Dass man für diesen Voucher maximal eine halbe Pizza, die in den Staaten in der Regel etwas größer ist als in Good-Old-Germany, bekommt, lasse ich mal außen vor.

Das Schicksal schlug dann doch unbarmherzig in Form des kleinen Sven zu. Die Jacobsens waren nach dem Ehepaar Laufenberg die Letzten in der Schlange, um ihre Zimmeröffnungsmöglichkeiten in Empfang zu nehmen. Der kleine Knirps war, wie ich feststellen musste, doch ein guter Beobachter. Plötzlich zupfte er seine Mutter am Arm. „Mama, Jost ist ein Vogel!“

 

Sylvia wirkte leicht genervt, hatte wohl nicht richtig zugehört. „Dein Bruder hat keinen Vogel!“

 

„Das hab ich ja nicht gesagt, …“ Der Kleine schmollte. „… aber schau doch mal! Er ist beringt wie ein Vogel.“ Er deutete auf die Hand meines Traumprinzen. „Siehste!“

 

Mama Jacobsen drehte den Kopf, Jost, der vor ihr stand, hatte die Äußerungen seines Bruders offensichtlich nicht mitbekommen, denn seine Hände bewegten sich nicht. Sylvia begutachtete die Hände ihres ältesten Sohnes, rieb sich die Augen und schaute dann nochmals nach, wollte sich augenscheinlich noch einmal überzeugen. Dann ging sie einen Schritt aus der Reihe, starrte erst auf die Hand, dann in das Gesicht meines Liebsten. Aber, welch Wunder, sie brachte kein Ton heraus. Ein energischer Blick auf ihren Mann folgte, der ebenfalls nichts zu ahnen schien, er wartete ebenfalls gleichmütig auf die Abfertigung der Laufenbergs.

Dann ging die Dame in Jeans und roter Bluse auf mich zu, ihr Blick verharrte auf meinem Aktenkoffer, den ich in der rechten Hand trug. „Wann wolltet ihr mir es sagen?“

 

„Was?“ Ich tat überrascht.

 

„Das!“ Sie deutete auf meine Hand. „Die Ringe!“

 

„Sylvia, die Jungen haben …“ Papa Jacobsen hatte sich zu seiner Frau umgedreht.

 

„Sie haben was?“ Ihre Augenbrauen gingen hoch. „Und wieso weißt du davon und ich nicht?“

 

„Ach Schatz! Die Jungen sind … mir ja zufällig … über den Weg gelaufen, … im Einkaufszentrum …“ Warum wirkte das Abendblatt verschüchtert? „… sie kamen …“

 

„Damit hast du schon deine Bierfahne gerechtfertigt, mein Lieber.“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Aber jetzt? Guntram Jacobsen, das kannst du jetzt deiner Mutter erzählen, dass mit dem Zufall …

 

„Mama, …“ Jost unternahm einen Rettungsversuch. „… müssen wir das hier in der Lobby klären?“

 

„Ihr habt Geheimnisse vor mir!“ Frauen können schnippisch klingen. „Du und dein Vater!“

 

„Naja, Geheimnisse sind es ja eigentlich nicht …“ Irgendwie klang mein Schatz jetzt auch kleinlaut. „… du weißt ja schon fast alles, wie … Paps uns gesagt hat.“

 

„Ach! Ich weiß fast alles?“ Ungläubig schaute sie uns an. „Was soll ich denn bitteschön alles wissen?“

 

„Na, dass ich verzaubert bin und Gordon und ich ein Paar sind und …“ Jost sprach nicht gerade leise.

 

„Musst du so …“ Sie schaute sich vorsichtig um, aber außer uns und der Rezeptionisten war niemand mehr zu sehen. „… laut reden? Das geht doch niemanden was an, was ihr im Bett macht!“

 

Sven, in seiner kindlichen Naivität, sprach das aus, was ihm am Wichtigsten schien: „Wenn Jost und Gordon zusammen sind? … Krieg ich dann jetzt endlich mein Einzelzimmer?“

 

Nicht nur ich musste grinsen, auch bei Günni traten die Lachfältchen hervor. „Damit hat sich die Frage nach dem Babysitter für heute Abend wohl erübrigt!“

 

„Ich brauch keinen Aufpasser mehr!“ Nun war der Kleine wieder bockig. „Bin schon groß!“

 

Die Dame an der Rezeption räusperte sich, sie wollte wohl auch mit ihrer Arbeit fertig werden. Ich blickte in die Runde und sah in leicht irritiert wirkende Gesichter. Ich ging auf meinen Schatz zu. „Du kannst entscheiden: Sollen wir ein Zimmer …?“

 

Als er nickte, jubelte sein Bruder. „Yippie!“

 

Ich verteilte die mir gereichten Zimmerkarten und schnappte meinen Koffer. „Treffen wir uns in einer halben Stunde hier wieder? Essen müssen wir ja.“

 

„Ich will nen Hamburger oder ne Pizza!“ Der Kleine schon wieder!

 

„Einen Hamburger hattest du heute Mittag schon, mein Sohn; du solltest mal wieder was Gesundes essen, nicht immer nur Fast Food.“ Mütter können so toll argumentieren.

 

„Sven, es wird gegessen, was der Kellner uns gleich auf den Tisch stellen wird!“ Günni lachte und streichelte seinem Jüngsten über den Kopf. „Aber, … ob nun Italiener oder Chinese, … wir werden später das Wohin entscheiden, mein Kleiner, und nun geh auspacken … in dein Einzelzimmer!“

 

 

Als Jost und ich in unserem Zimmer standen, wussten wir erst nicht, was wir sagen sollten. Wir fielen uns einfach nur in die Arme, blieben minutenlang so stehen. Dann aber bewegte mein Schatz sich und begann, seinen Koffer auszupacken. Ich tat es ihm nach, aber ich hatte da ja mein eigenes System, nur die notwendigsten Sachen kamen in den Schrank beziehungsweise in die Kommode. Jost blickte mich fragend an und ich erklärte ihm das Lensingssche Auspacksystem.

„Die Idee ist zwar unkonventionell, aber sie hat was!“ Er drückte mir einen Kuss auf die Wange.

 

Als ich mit blankem Oberkörper im Badezimmer mit meinem Waschbeutel hantierte, hörte ich ihn plötzlich an der Tür, er hatte nur noch seine Shorts an. „Ja?“

 

„Jetzt ist es wohl amtlich, oder?“ Er sah mich fast ratlos an.

 

„Was?“ Ich ging auf ihn zu, streichelte über seine Wange. „Was ist jetzt offiziell?“

 

„Na, dass mit uns!“ Er grinste. „Wir sind jetzt ein Paar … mit elterlichem Segen.“

 

„Das waren wir auch schon vorher, nur …“ Ich suchte nach den passenden Worten. „… nur jetzt ist das Unausgesprochene gesagt worden.“

 

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Ich sah die Fragezeichen in seinen smaragdgrünen Augen.

 

„Deine Mutter, sie …“ Ich blickte ihn sanft an. „… sie wusste, was ich für dich empfinde.“

 

„Bitte?“ Erstaunen machte sich in seinem Gesicht breit. „Sie … sie hat das Ganze eingefädelt?“

 

„Nein!“ Ich musste grinsen. „Dass ich mich in dich verliebt habe, daran ist sie vollkommen unschuldig, das ist schon auf dem Flughafen passiert. Aber sie kannte meine Gefühle dir gegenüber … schon vor dem Ausflug zu den Niagarafällen.“

 

„Dann … dann …“ Warum stotterte er plötzlich? „… dann hat sie mich ja verkuppelt!“

 

„So würde ich das nicht nennen, aber …“ Ich küsste ihn auf die Nase. „… aber richtig abgehalten hat sie mich auch nicht. Man könnte sagen, sie hat mir ihren stillschweigenden Segen erteilt.“

 

„Aha, das wird ja immer besser!“ Seine Augen funkelten. „Mama hatte also nichts dagegen, dass so ein Lüstling wie du mich verführt?“

 

„Du hast dich aber auch nur allzu gerne verführen lassen, wenn ich das mal so sagen darf!“ War ich jetzt der Schuldige? „Bin ich wirklich ein Lustmolch?“

 

„Ein ganz schlimmer Finger bist du!“ Sein Lachen erfüllte plötzlich den Raum. „Da kann man sich ja nur verlieben! Aber ich warne dich! Mach das mit keinem anderen Typen mehr!“

 

Ich hob die rechte Hand und setzte eine würdevolle Miene auf. „Ich, Gordon Henry Lensing, schwöre hiermit feierlich, dass ich künftig alles unterlassen werde, was fremde Männer dazu bringen könnte, sich in mich zu verlieben.“ Ich musste ernst bleiben. „So help me God!“

 

Auch mein Engel musste schmunzeln. „Na, ob das nicht ein Meineid war?“

 

„Wieso?“ Unsere Blicke trafen sich. „Ich will dich, bin ich dich verliebt, aber …“

 

„Aber was?“ Neugier blitzte auf. „Raus mit der Sprache!“

 

„Gleiches Recht für alle!“ Ich küsste ihn. „Du wirst Einigen hier bestimmt auch den Kopf verdrehen.“

 

„Ich?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich kenne hier doch noch niemanden!“

 

„Eric ist also ein Niemand?“ Ich knuffte ihn kurz in die Seite. „Und was ist mit deinen künftigen Kommilitonen? Ich werde dich in die LIGA einführen und meinen Freunden vorstellen … von daher …“

 

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen!“ Er packte mir in den Schritt. „Ich weiß, was ich an … und vor allem mit dir habe, aber was ich kriegen werde, wenn ich …? Sorry, ich muss mir keinen Liter Milch im Supermarkt kaufen, wenn ich eine gute Kuh zu Hause im Stall habe.“

 

„Ich bin also eine Kuh?“ Schmollen konnte ich auch. „Ein dummes Rindvieh?“

 

„Das … das war übertragen gemeint!“ Er wirkte nervös. „Nein, du … du bist … keine … Kuh, du bist der Mann, den ich liebe, du Hirsch!“

 

„Was denn nun? Kuh oder Hirsch? Du musst dich schon entscheiden, mein Engel.“ Ich küsste ihn.

 

„Männer!“ Er rollte mit den Augen. „Warum sind sie immer so kompliziert?“

 

„Anders wäre doch langweilig.“ Ich grinste ihn frech an. „Aber du? … Du bist einfach nur zuckersüß und zum Anknabbern, wenn du … so mit den Worten ringst.“

 

„Können wir das Thema wechseln?“ Wurde er verlegen? „Wir sollten besprechen, wie wir gleich …“

 

„… vorgehen werden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Das Meiste ist ja gesagt worden und den Rest? Den Rest schaffen wir auch noch, mein Engel, … da bin ich mir sicher!“

 

„Dein Vertrauen in die Zukunft ehrt dich, aber …“ Wieso spürte ich eine innere Unruhe? „… aber die macht mir gerade die größte … Angst. Was wird werden?“

 

Ich packte ihn an den Schultern. „Sorry, ich bin kein Hellseher, ich kann leider keine Sportergebnisse vorhersagen …“ Ich versuchte, ein Lächeln auf seine Lippen zu zaubern. „… aber fassen wir doch mal die Fakten zusammen, auf die dein Vater soviel wert legt.“

 

„Ich höre, Mister Bernstein!“ Er grinste wieder.

 

Den Sprung verstand ich nicht. „Wie kommst du jetzt auf den Musiker?“

 

„Musiker?“ Jost schüttelte sich. „Ich meine das Reporterduo von der Washington Post, das 1972 den Watergate-Skandal ins Rollen brachte: Bob Woodward und Carl Bernstein. Kennt doch jeder, oder?“

 

„Aha!“ Ein unrühmliches Kapitel der amerikanischen Geschichte. „Und wieso bin ich Bernstein? Du bist dann ja wohl Woodward, oder?“

 

„Ich finde halt Robert Redford geiler als Dustin Hoffman.“ Er grinste mich verlegen an, aber was sollten jetzt diese Schauspieler? Ich stand wieder auf der Leitung. „Alan J. Pakula, USA 1976, All the President’s Men, zu Deutsch: Die Unbestechlichen …“

 

Den Film meinte er! An seine Gedankensprünge würde ich mich noch gewöhnen müssen. „Also, Woodward, dein Outing ist abgehakt und das wir ein Paar sind, stößt auch nicht auf Ablehnung. Mit dem Studienplatz an der Columbia rennst du bei deinem Vater nur offene Türen ein, deine Mutter kennt daher ja wohl auch deine … gescheiterten … Bewerbungsversuche.“ Ich musste Luft holen. „Wo sind jetzt die Probleme? Also, Bob, ich … ich sehe keine Schwierigkeiten.“

 

„Keine Schwulitäten? Du bist echt gut!“ Er stutzte. „Meine Mutter wird wissen wollen, wo ich in den nächsten Jahren leben werde, mit wem ich leben werde und von was ich leben werde.“

 

„Antwort eins: In Brooklyn mit Blick auf die gleichnamige Brücke, denn da lebe ich seit fast drei Jahren. Da ich ja nicht annehme, dass du mit jemand anders zusammenleben möchtest, ist die zweite Frage auch schon beantwortet.“ Ich drückte mit meinem Zeigefinger sein Kinn höher, über Geld hatten wir bis jetzt nicht gesprochen.. „Und das mit dem Geld … das wird sich zeigen. Vielleicht können wir was über die LIGA organisieren, Chester wird bestimmt einige Quellen haben, die dir ein Stipendium besorgen können. Von was hättest du denn ein Studium in Deutschland finanziert?“

 

„Mama und Papa, denn BAföG kann ich bei unserem Familieneinkommen vergessen, meine Großeltern haben für mich eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen, die hilft für den Anfang. In den Semesterferien wäre Jobben angesagt.“ Er blickte mich plötzlich fragend an. „Aber was ist die LIGA? Du hast sie zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten erwähnt.“

 

Ich schmiss mir eine Ladung Wasser ins Gesicht und trocknete mich ab. „Ja, die LIGA! Wir sind ein kleiner, feiner und elitärer Club, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, die schwule Weltherrschaft zu erringen.“ Das war ja das Hauptziel, neben dem gemeinsamen Spaß, den wir hatten.

 

Jost verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn. „Sonst geht es euch noch gut?“

 

„Ja!“ Ich lachte und ging zurück in den Schlafraum, um mir ein neues Hemd anzuziehen. „Aber der gemeinsame Spaß steht bei uns im Vordergrund, wir sind also keine Revolutionäre oder so! … Ach ja, du bist übrigens auch schon Mitglied.“

 

Jost war mir gefolgt und zog sich ebenfalls um. „Wie? Ich habe noch Nichts unterschrieben.“

 

„Aufnahmeanträge gibt es bei uns nicht.“ Ich half ihm in die Hose. „Aber die Lebenspartner von Mitgliedern gehören automatisch dazu, wenn sie akademische Weihen anstreben. Da das ja bei dir der Fall ist, bist du …“

 

Er drehte sich zu mir um. „Und was muss man machen, um Vollmitglied zu werden?“

 

Was hatte er vor? „Schwul sein und an der Columbia studieren.“

 

Er lachte. „Verzaubert bin ich und ab Montag auch Student an dieser Uni, also von daher, …“

 

„Bitte?“ Ich war baff, mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet. „Du willst … Vollmitglied …“

 

Mein Traumprinz grinste über beide Backen. „Du bist einfach nur süß, wenn was Unvorhergesehenes passiert.“ Sein Kuss war kurz, aber intensiv. „Aber lass mal gut sein, es reicht, wenn du deinen Beitrag zahlst. … Da muss ich nicht auch noch mein Geld dieser verlockenden Idee hinterherwerfen.“

 

Männer! Aber die Finanzierung der LIGA war eh ein Buch mit sieben Siegeln und hatte mich, ehrlich gesagt, auch nie interessiert, wenn mal ein Bus gebraucht wurde, besorgte ich einen und es gab eine Spendenquittung dafür, die ich immer brav an die Buchhaltung weitergab. Mein Vater hatte nie was dagegen einzuwenden gehabt. „Die Einstellung wird Chester aber nicht freuen. … Er brennt übrigens darauf, dich real kennenzulernen, wir sind am Mittwoch bei ihm zum Essen eingeladen und, ehe du fragst, ich habe schon zugesagt.“

 

„Ja, Massa!“ Er gluckste. „Ich wusste noch nicht, dass ich dein Eigentum bin und du jetzt auch noch meine Termine machst.“

 

„Du gehörst mir!“ Ich bohrte meine Zunge in seinen Hals. „Und ich gehöre dir!“ Meine Hände wanderten zu seiner Taille. „Und jetzt?“ Ich stupste ihn von mir weg. „Jetzt müssen wir uns beeilen, Mama, Papa und Bruder dürften unten schon auf das Paar des Jahres warten.“

 

„Männer!“ Er griff sich seine Jacke und stürmte zur Tür. „Erster!“

 

Diese Flausen würde ich ihm eines Tages noch austreiben, das schwor ich mir. Aber, da er ohne mich ja eh nicht gehen wollte, konnte ich mir getrost Zeit lassen, er würde brav vor der Tür auf mich warten. „Alter Schummler!“

 

 

Das Ergebnis des Essens wunderte mich schon, wenn ich das einmal so sagen darf. Die Stimmung war leicht angespannt, aber das durfte eher an der Wahl des Restaurants gelegen haben. Aber der Reihe nach: Die Cape Cod Mall machte an Sonntagen schon um Sechs dicht, bei dem gegenüberliegenden Capetown Shopping Center sah es auch nicht viel besser aus. Beide Örtlichkeiten fielen also als Nahrungsaufnahmequellen aus, blieben die normalen Gaststätten.

Die Naked Oyster, berühmt für ihre Fischgerichte, war vor Monaten schon geschlossen worden; Sam Diego, ein Mexikaner, und das Outback Steak House, ein ökohaft angehauchter Laden, trafen auch nicht so den Geschmack des Jüngsten Mitglieds der Familie Jacobsen. Der Olive Garden, der einzige Italiener in der Nähe, nahm die Gutscheine nicht an und das Barbyann’s Restaurant ‎war eher auf das Mittagsgeschäft spezialisiert. Blieben also nur Mike’s Pizza, den ich unerwähnt ließ, und der Tiki Port, ein Polynesier, der aber auch die beste chinesische Küche in der Küstenstadt sein eigen nannte.

Wir hatten die Frühlingsrollen gerade verspeist und warteten auf den Hauptgang. Jost und ich hatten uns für Tiki Wor Bar entschieden: Muscheln, Hummer, Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch mit chinesischen Gemüsen und einer ziemlich exotischen Soße, eine polynesische Spezialität. Meine Schweigereltern bevorzugten die kantonesische Küche und Sven, mein Schwager in spe, bestellte sich gebratenes Hühnchen mit Fritten, Amerikaner müssen ja auch etwas essen können.

Sylvia und Guntram mussten wohl schon miteinander geredet haben, anders konnte ich mir ihr leicht merkwürdiges Verhalten nicht erklären: Weder Jost sexuelle Orientierung noch sein Wunsch, hier zu studieren, waren wesentliche Themen der Unterhaltung. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, ich hätte die glühenden Kohlen der Inquisition hervorgeholt, die hochnotpeinliche Gerichtsordnung Karls V. wieder in Kraft gesetzt, nur um etwas über den Buhlen des geliebten Sohnes zu erfahren. Aber was passierte? Nichts! Die Unterhaltung bei Tisch glich eher der auf einem Stehempfang: Small Talk pur. Das Einzige, das Mama Jacobsen wissen wollte, war, wie ihr Sohn den nächsten Jahren leben würde.

Ich beschrieb ihr in aller Ausführlichkeit mein Apartment und machte mir im Hinterkopf eine Notiz: Bitte an Mama, mir bis Donnerstag Maria samt ihrem spanischen Putzgeschwader zu schicken, um meine Wohnung schwiegermüttertauglich zu machen. Aber wahrscheinlich würden die Mitglieder des Küchenkabinetts diese Aufgabe selbst übernehmen wollen; ich konnte nur hoffen, dass meine Spielzeugsammlung im zweiten Wandschrank unangetastet blieb.

 

„Und wohin sollen wir Puschels, äh… Josts Sachen schicken? Zu dir?“ Sie senkte ihr Besteck.

 

Als ob es keine anderen Probleme geben würde. „Jost wird ab Montag in der Uni sein und ich bin in der Firma. Das Beste wäre, ihr schickt sie an meine Eltern, da ist immer jemand da, der ein Paket in Empfang nehmen kann.“

 

„Dann musst du mir die Adresse noch geben!“ Bitte? Was war das denn? So einfach sollte das gehen?

 

Ich zückte meine Geldbörse und reichte Sylvia meine private Karte, die Adresse meine Eltern notierte ich auf die Rückseite. „Die Firmenanschrift habt ihr ja, oder?“

 

„Ja, die haben wir.“ Sie aß wieder einen Bissen. „Wir haben ja anrufen müssen, wegen …“

 

„Schatz, das ist ein anderes Thema.“ Günni wechselte gekonnt das Thema. „Was brauchst du denn?“

 

Die Frage überraschte wohl auch meinen Engel, denn es kam nur Stammeln. „Äh, … meine Zeugnisse, den neuen Laptop, die Anlage … und dann hätte ich gerne Omas Schaukelstuhl aus meinem Zimmer.“

 

„Es wird Winter.“ Das ist der Lauf der Jahreszeiten, liebe Sylvia. „Du brauchst deine warmen Sachen!“

 

Sylvias Einwurf war irgendwie unpassend; gut, Mütter denken vielleicht eher praktisch, aber wie man von einer Stereoanlage auf einen Wintermantel kommen kann, wissen wohl nur Frauen. „Es wäre das Beste, ihr schickt ihm die Papiere so schnell wie möglich mit der Post, die anderen Sachen …“ Ich grübelte kurz. „… könnt ihr als Seefracht schicken. Dauert zwar länger, ist aber erheblich billiger.“

 

„Gut, …“ Guntram blickte mich grinsend an. „… einen Stuhl wirst du unseren Sohn ja wohl haben und der alte Laptop dürfte für den Anfang genügen. Ich hatte damals zu Studienbeginn nur eine alte Schreibmaschine, eine Olympia aus dem Jahr 1964, ein Geschenk meines Großvaters.“

 

„Das mag ja sein, aber …“ Sie klang genervt von seinen Anekdoten. „… aber es wird kälter werden.“

 

„Aber bis der Winter kommt, dauert es ja noch etwas.“ Ich musste sie etwas bremsen. „Die Sachen, die er hat, reichen erst einmal, außerdem … ich und mein Schrank sind ja auch noch da.“

 

„Aber …“ Wieso sollte der Umzug meines Liebsten gerade an der Bekleidungsfrage scheitern? „… die Wäsche! Eine Waschmaschine hast du?“

 

„Habe ich!“ Sollte ich erwähnen, dass ich sie aber nur für Bettwäsche und Handtücher benutze? Den Wäscheservice á la Mama machte ja Maria, unsere Hausperle. „Und ehe du fragst: Einen Trockner und ein Bügelbrett samt Bügeleisen besitze ich auch.“

 

„Siehst du, es ist für alles gesorgt.“ Guntram winkte gelassen ab. „Liebes, du hast dir umsonst Sorgen gemacht. Dein Sohn war außerdem beim Bund, da hab ich damals auch gelernt, Knöpfe anzunähen und Socken zu stopfen.“

 

„Du und deine alten Geschichten.“ Sie blickte ihren Mann barsch an. „Unser Sohn will ausziehen!“

 

„Das ist doch nur normal!“ Er griff ihre Hand. „Ich habe damals in Heidelberg studiert, weit weg von der Lüneburger Heide.“

 

„Wirfst du mir etwa vor, dass es bei mir nur zu Münster gereicht hat und ich jedes Wochenende daheim in Osnabrück war?“ Ihre Augen funkelten. „Sehr nett von dir, lieber Günni, mich an meine Schmach von damals zu erinnern!“

 

„Welche Niederlage musstest du denn einstecken?“ Jost kannte augenscheinlich auch nicht alle Geheimnisse seiner Eltern. Er blickte fragend auf seine Mutter. „Davon hast du nie was gesagt.“

 

„Deine Mutter wollte an die Sorbonne zum Studium, ist aber durch den obligatorischen Sprachtest gefallen. Aber als wir uns auf einem Seminar in Berlin getroffen haben, …“ Günni grinste. „… da konnte sie Französisch, und wie!“

 

„Bitte …“ Jost konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „… keine Details.“

 

„Nun hab dich nicht so!“ Sylvia fuhr sich durch die Haare. „In der Nacht haben wir für dich geübt!“

 

„Sie üben immer noch.“ Sven stopfte sich eine Fritte in den Mund. „Aber nicht mehr so oft wie sonst. Seitdem du wieder vom Bund da bist, fällt der Dienstag aus und es wird nur noch Samstags …“

 

„Sven!!!“ Leichtes Entsetzen lag in Sylvias Stimme. „Wie kannst du …“

 

„Auch Eltern haben ein …“ Günni wirkte gefasster. „… Recht auf ein Privatleben. Denn ohne das …“

 

„… würde es mich nicht geben, ich weiß.“ Der Kleine verdrehte grinsend die Augen.

 

Der Rest der Nahrungsaufnahme verlief nun noch gelöster. Erst als der Kellner uns gegen zehn die Rechnung präsentierte, wurde das Lachen unterbrochen. Günni zahlte und hob die Tafel auf.

 

 

Während die restlichen drei Jacobsens sofort zurück ins Hotel gingen, der kleine Sven musste wohl ins Bett, entschlossen sich mein Engel und ich, noch eine Runde um den Block zu machen. Er wollte wohl noch nicht schlafen und ich brauchte dringend eine Zigarette; die freundliche Rezeptionistin hatte uns ja ein Nichtraucherzimmer gegeben.

Wir umrundeten das Einkaufszentrum und setzten uns auf eine Bank am Fresh Pond. Hyannis ist zwar auf beiden Seiten vom Wasser umgeben, aber bis zur Cape Cod Bay hätten wir knapp eine Stunde gebraucht. Der Fußweg zum Hafen wäre zwar nur halb so lang, aber soviel Frischluft musste nun auch wieder nicht sein. Schweigend saßen wir da und beobachteten die Enten, die auf dem Teich wohl die letzten Runden des Tages drehten.

 

„Hast du auch eine für mich?“ Jost riss mich aus meinen Gedanken.

 

„Immer doch.“ Ich griff in meine Hemdtasche und gab ihm die Packung samt Feuerzeug. „Bitte!“

 

„Danke, mein Engel.“ Er sog den Rauch tief ein. „Ist doch gut gelaufen, oder?“

 

„Fast zu gut.“ Ich starrte gedankenverloren auf die Wasserfläche. „Fast zu gut.“

 

Jost gab mir die Schachtel zurück. „Wie meinst du das denn jetzt?“

 

„Wenn du mich fragst, ich fand das Gespräch mit ihren Eltern gerade … a little bit strange. Dafür, dass du eigentlich dein Innerstes nach Außen kehren wolltest, hast du relativ wenig gesagt.“ Ich legte meine Hand auf seinen Schenkel. „Von dir und deinen Gefühlen war kaum die Rede, es ging in erster Linie um praktische Dinge wie Wohnung und Klamotten. Das ist … nicht … normal für ein Outing.“

 

„Was ist denn die Regel?“ Er blickte mich an, in seine Augen hätte ich versinken können. „Mama und Papa haben es doch ziemlich gut aufgenommen, keine Vorwürfe, keine peinlichen Fragen. Was will man mehr? Und das Mama sich Sorgen um mich macht, ist doch normal für eine Mutter, oder?“

 

„Meine alte Dame ist da nicht anders, aber … auch wenn alle, die am Tisch saßen, wussten, dass du verzaubert bist, du hast selbst nicht gesagt. Das Unausgesprochene wurde nicht ausgesprochen.“ Ich schnippte meine Zigarette weg. „Aber das war doch der eigentliche Sinn des Treffens.“

 

„Das mag ja sein, aber …“ Jost zuckte mit den Schultern. „… aber … die Fronten waren doch schon vor Beginn geklärt. Es wäre von daher nur eine Wiederholung von bekannten Sachverhalten gewesen. DU hast halt eine ziemlich gute Vorarbeit geleistet, mein Schatz.“

 

„Das mag ja sein, aber …“ Journalisten! „… aber ein Fakt wird erst zum Fakt, wenn er ausgesprochen oder niedergeschrieben wurde. Deine Eltern gingen mir zu schnell zur Normalität über. Irgendetwas muss da noch sein, da bin ich mir sicher. Ich weiß noch nicht, was es ist, aber …“

 

„Grübel nicht zu viel und nimm es einfach so, wie es ist. Meine Eltern haben nichts gegen uns und unsere Pläne, also …“ Er trat die Zigarette aus. „Lass uns jetzt ins Bett gehen, ich bin langsam müde!“

 

„Nicht nur du!“ Unsere Lippen suchten und fanden sich. Hand in Hand gingen wir über den dunklen, menschenleeren Parkplatz zurück zum Hotel.

 

 

Wortlos zogen wir uns aus. Jost ergriff zwar erst seinen Schlafanzug, aber warf ihn nach einem kurzen Blick beiseite. „Ich glaube, den brauche ich wohl nicht mehr!“

 

„Ich denke mal nicht, …“ Ich lachte ihn an. „… es sei denn, du genierst dich vor mir. Aber wirf ihn nicht weg, unter 10 Grad ziehe ich diese Teile auch an.“

 

„Äh? Zehn Grad?Ich wusste gar nicht, dass du so eine Frostbeule bist!“ Er grinste mich frech an. „Da kann man noch im nackt schlafen! Das ist doch noch nicht kalt!“

 

„Schatz, ich meinte unter 10 Grad Fahrenheit, also bei minus zwölf Grad Celsius. Wenn das nicht frostig ist, …“ Ich schüttelte mit dem Kopf. „Aber wenn du dann noch nackt schlafen willst, bitte!“

 

„Ich werde mich wohl noch an einige neue Sachen gewöhnen müssen.“ Er blickte mich an.

 

„Kein Thema, das werden wir schon schaffen.“ Ich schlug die Bettdecke weg. „Wärm du schon mal das Bett vor, ich komme gleich nach.“

 

„Wohin willst du denn?“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Um diese Uhrzeit?“

 

„Dahin, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht.“ Ich grinste. „Kannst ja gerne mitkommen.“

 

„Auch wenn das reizvoll wäre, … aber lass mal lieber.“ Er gähnte. „Ich will einfach nur noch liegen.“

 

„Dann bis gleich!“Ich küsste ihn auf die Nase und verschwand im Bad. Die routinemäßigen Handgriffe waren schnell erledigt und dann war Gordon auch bettfertig. Ich mag es halt nicht, wenn man das Essen vom Abend am Morgen noch zwischen den Zähnen hat und einen komischen Geschmack hatte ich immer noch im Mund. Entweder war das Hühnerfleisch in der polynesischen Spezialität ziemlich zart gewesen oder ich sollte mal wieder einen Zahnarztbesuch in Erwägung ziehen. Mir graute schon jetzt vor dem guten Doktor Greenhouse.

Als ich das Zimmer wieder betrat, schaute ich auf meine liegende Schönheit, er lag auf seiner linken Schulter, die rechte Hand ruhte einladend auf der roten Bettdecke. Regelmäßige Atemzüge drangen an mein Ohr, er musste wohl schon in das Reich der Träume vorgedrungen sein. Entgegen meiner Gewohnheit krabbelte ich auf die linke Seite des Bettes und machte es mir an seiner Brust bequem. Meine Linke schob ich unter das Kissen, seine Rechte zog ich auf meine Brust. Auf meinen Gruß zur guten Nacht erntete ich keine Antwort.

 

Minuten vergingen. „Da bist du ja wieder!“ Hatte ich ihn durch meine Suche nach der idealen Schlafposition geweckt? Seine Hand, mittlerweile unter der Decke, begann mit einer Erkundungstour auf meinem Körper.

 

„Wo sollte ich denn auch sonst sein, …“ Ich drehte mich zu ihm um, unsere Nasenspitzen berührten sich fast. „… als in den Armen des Mannes, den ich liebe?“

 

„Wenn du mich liebst, dann lass uns die Plätze tauschen.“ Er krabbelte, ohne eine Antwort von mir abzuwarten, über mich hinweg. „So, nun ist es besser!“ Er lag jetzt da, wo ich mich noch vor Minuten befunden hatte. Sein Kopf streckte sich in meine Richtung, unsere Münder trafen sich.

„Auch wenn ich jetzt mit dir gerne was anderes machen würde, …“ Seine Zunge spielte mit meinen Lippen. „… lass uns vernünftig sein. Der Tag war anstrengend genug und jetzt möchte ich in deinen Armen einschlafen.“ Er drehte sich um, verstaute Klein-Gorden in seiner Apfelspalte und kuschelte sich an mich. „Schlaf gut, mein Engel! Wir holen das, was wir jetzt lassen, morgen Abend nach!“ Er positionierte sich noch einmal richtig. „Versprochen!“

 

 

Zehn Minuten vor dem Rappeln des Weckers wurde ich wach und betrachtete den Menschen, der da friedlich an meiner Seite lag und noch brav vor sich hinschlummerte. Sanft küsste ich ihn auf seine Schulter, er roch nach Schlaf. Am liebsten hätte ich mich fest an ihn gekuschelt und im Arm gehalten, aber der Wunsch nach Zärtlichkeit blieb Vater des Gedankens. Pflichtbewusst, wie ich nun einmal bin, stieg aus den Federn und deckte den angehenden Studenten nur zu.

Auch vom Schreibtisch aus war das Bild verlockend anzusehen, wie gerne würde ich ihn mit einem Blaskonzert wecken. Ich blickte an mir herunter und musste grinsen: Klein-Gordon zeigte sich voll einsatzbereit, aber für ein ausgiebiges Liebesspiel war leider nicht die Zeit. Gut, bis zur Abfahrt waren es noch über anderthalb Stunden, aber bis dahin war ja auch noch viel zu tun: Aufstehen, Duschen, Anziehen, Frühstück, Sachen für den Tag packen und und und.

 

Die kommenden Stunden würden eh noch stressig genug werden, da war ich mir sicher. Auf einer normalen Tour durch den Indian Summer ist der Tag in Hyannis eigentlich Erholung pur für den Reiseleiter: Die Gästeschar hat offiziell frei. Um des guten Klimas willen bringt man sie aber entweder zu einem der Bootsanleger für eine Walbeobachtungstour oder nach Woods Hole zur Fähre, Marthas Vineyard steht ja auch als mögliches Ausflugsziel im Programmheft.

Aber es war leider keine normale Rundreise, auf der ich mich befand. Greg hatte für den Vormittag eine Tour zur Beobachtung der Meeressäuger organisiert, ab 9:15 Uhr ging es von der Milway Marina gut drei Stunden übers Wasser. Der Mittagsimbiss war im Fanizzi’s in Provincetown geplant, danach sollte es die 120 Kilometer lange Strecke von der Nordspitze zum Südende der Halbinsel gehen. Für diejenigen, die sich nicht noch einmal Wind und Wellen aussetzen wollten, war Stop beim Kennedy-Museum in Hyannis angedacht. Für alle anderen Teilnehmer sollte es dann um halb drei wieder an Bord, diesmal eine Fähre, gehen. Drei Stunden Aufenthalt auf dem Weinberg, wie die Insel auch kurz von den Einheimischen genannt wird, sollten für den ersten Eindruck reichen. Nach der Ankunft am Hotel sollte gegen 8:00 pm auch endlich für mich Feierabend sein.

 

Ich blickte auf den Schlafenden und genoss die leise Stille, die nur durch seinen gleichmäßigen Atmen gestört wurde. Allein in diesen Anblick hätte ich mich verlieben können. Ich zuckte zusammen, als plötzlich der Radiowecker knarrte und so etwas wie Musik zu hören war. Der unterdimensionierte Lautsprecher leistete wohl Schwerstarbeit, denn Poker Face von Lady Gaga, zu Anfang des Sommers die Nummer Eins in den Staaten, erkannte ich erst beim zweiten oder dritten Hinhören.

 

Durch die äußerst schrägen Töne auch aufgeweckt, sah ich, wie eine Hand meines Liebsten nach der Lärmquelle tastete, sie schließlich fand und dann endlich Ruhe herrschte. Seine andere Hand irrte auf der Matratze herum und suchte mich wohl, fand mich aber nicht. „Schatz? Wo … wo … wo bist du?“

 

„Hier!“ Ich grinste ihn an.

 

Mehr als ein unergründliches Gemurmel war nicht zu vernehmen. Erst als mein Engel sich aufsetzte und mich anblickte, konnte ich ihn deutlich verstehen. „Schon lange wach?“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Fünf Minuten …“

 

„Komm noch eine Runde Kuscheln.“ Er streckte mir die Hände entgegen. „Ich vermisse dich!“

 

So verlockend diese Idee auch war, aber ich musste ablehnen. „Willst ja nur was anderes!“

 

„Und wenn? Wir sind schließlich ein Paar, da … ist doch nichts dabei, wenn wir …“ Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Mama und Papa üben ja auch noch immer … nach über 25 Jahren.“

 

Ich musste unweigerlich lachen. „Jost, ich würde ja gerne Ja sagen, aber … ich muss arbeiten.“

 

„Wie?“ Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. „Schatz, wir sind auf einer Rundreise, die …“

 

„… die ich zufälligerweise leite, mein Süßer. Auch wenn ich jetzt gerne mit dir … üben würde, aber …“ Ich blickte ihn an. „… ich habe leider keine Freizeit! Du hast dir den Reiseleiter angelacht: Was für die Gäste Urlaub ist, ist für mich Arbeit, … mein Broterwerb.“

 

„Dass ihr Amis denkt auch immer nur an Geld danken müsst!“ Schmollte er etwa?

 

„Ich werde dich am Montag daran erinnern, mein Lieber, wenn …“ Ich erhob mich grinsend aus dem Sessel. „… wenn der Wecker dann noch eine Stunde früher klingelt und du zur Uni musst, werde ich mich noch einmal im Bett rekeln und …“

 

„Wie bitte?“ Er war plötzlich hellwach. „Wann muss ich aufstehen?“

 

„Die ersten Kurse an der Uni fangen um acht an …“ Ich sprach aus eigener Erfahrung. „… und von mir aus zur Columbia braucht man über eine halbe Stunde mit der Metro, du musst ein- oder zweimal umsteigen. Aber nach zwei Wochen machst du das im Schlaf.“

 

„Dann überlege ich mir das noch mal …“ Er gluckste. „… mit dem Studium hier.“

 

Hatte ich mich verhört? Doch kein Aufenthalt? Eine Welt in mir brach zusammen, aber erst als ich sein breites Lachen sah, wurde mir klar, dass er mich aufzog. „Na warte! Das schreit ja nach Rache.“ Ich setzte zum Sprung an und landete auf meinem Kleinen, packte mit meiner Rechten seine Handgelenke, die er hinter dem Kopf verschränkt hatte, und ließ meiner linken Hand freien Lauf.

 

„Was … was machst du da?“ Er japste nach Luft, denn mit einem solchen Überraschungsangriff hatte er wohl nicht gerechnet. Der Ringkampf, der sich entspann, war kurz, aber intensiv; ich zwickte ihn ein paar Mal in die Seite und sein Widerstand war gebrochen: Mein Jost war einfach zu kitzelig.

 

Ich richtete mich hämisch grinsend auf. „Gibst du auf?“

 

„Im Leben nicht.“ Er griente ebenso frech zurück. „Aber … ich … füge mich dem feigen Tyrannen!“

 

„Bitte?“ Zugegeben, ich war etwas perplex ob dieses Ausspruches und fasste mich an den Kopf. Aber ich bereute es sofort, gab ich doch dadurch meine Deckung auf. Der Mann mit den smaragdgrünen Augen unter mir ging sofort zum Gegenangriff über.

Aber es war nicht mehr als ein letztes Aufbäumen, ich hockte ja immer noch auf ihm, entsprechend eingeschränkt war seine Bewegungsfreiheit. Diese Hinterlist, ein erneuter Überfall während der Friedensverhandlungen, schrie geradezu nach Rache. Diesmal bildeten beide Hüften das Angriffsziel meiner Hände; Pardon wurde nicht mehr gegeben. Er wand sich zwar wie ein Aal, aber am Ende war nicht mehr viel Gegenwehr vorhanden. „War es das jetzt?“

 

„Ich … ich …“ Er rang nach Luft. „… ich gebe auf.“

 

„Waffenstillstand?“ Ich strich durch seine Haare.

 

„Einverstanden!“ Seine Grübchen tanzten schon wieder. „Lass uns die Friedenspfeife rauchen!“

 

„Dann raus aus den Federn, denn hier im Zimmer …“ Ich erhob mich. „… ist ja Nichtraucher.“

 

„Dies Rauchen meinte ich jetzt nicht!“ Jost stand mittlerweile auch neben dem Bett und griff nach meiner Hand. „Ich zeig dir sofort, was ich meine.“

 

Er zog mich zum Bad. Es war allerdings kein selbstständiges Gehen, ich stolperte mehr oder minder nur hinter ihm her. In den Wasserspielen angekommen, bugsierte mein Engel mich unter die Dusche, drehte das Wasser auf und ließ seine Hände über meinen Körper tanzen. Großartig protestieren konnte ich nicht, seine Zunge hinderte die Meinige an einer exakten verbalen Artikulierung.

Meine Fingerspitzen wanderten seine Wirbelsäule entlang nach unten und kamen auf den süßesten Apfelbäckchen dieser Welt zum Liegen. Eine große Ruhepause gönnte ich ihnen nicht, sie fingen mit der Massage des weichen Untergrundes an. Jost bewegte sich jedoch wie ein Hulamädchen und entzog sich mir gekonnt, mir blieb also nichts anderes übrig, als die Reise nach Jerusalem auf seiner Vorderseite fortzusetzen. Plötzlich hatte ich seinen Zauberstab in der Hand und ein wohliges Stöhnen drang an mein Ohr.

 

Ich lachte ihn an. „Was haben wir denn da?“

 

„Du kannst Fragen fragen!“ Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Meine Liebespistole …“

 

„… für die du keinen Waffenschein hast.“ Ich ließ meine Hände über seinen Holm gleiten.

 

Jost tat es mir nach und ich spürte seine Finger, wie sie sanft meine Kuppe umspielten. Aber außer einem behaglichen Grunzen seinerseits und einem wohligen Stöhnen auf meiner Seite gab es keine Kommunikation zwischen uns mehr. Die Zunge meines Liebsten steckte erneut in meinem Mund, damit waren meine Artikulationsmöglichkeiten mehr als eingeschränkt.

Während oben der Tanz der Waschlappen langsam langsamer wurde, wurde der Kalorienverbrauch unsere Hände unten immer größer. Aus den sanften Berührungen des jeweils anderen Pistolenlaufs wurden feste Umklammerungen, aus dem besinnlichen Abtasten des Kugelbehälters ein fast rauhes Begrapschen des Magazins. Es war eine Art russisches Roulette, was wir da spielten: Jeder hatte eine Waffe in der Hand und die Versuche, den Hahn zu spannen und den Abzug zu betätigen, waren mehr als eindeutig.

Allerdings war das gefährliche Spiel nicht nach dem ersten Versuch beendet, Spannen und Abziehen wurden laufend wiederholt, ich weiß nicht, wie oft. Die Intensität des Ladens nahm permanent zu, wurde stärker und stärker. Auch kann ich nicht mehr sagen, wer zuerst von uns feuerte, aber in dem finalen Kugelhagel aus weißen Patronen wurden wir beide getroffen. Ermattet sanken wir ineinander zusammen, hielten uns fest, umklammerten, nach Luft ringend, den Anderen.

 

Nach einer kurzen Erholungspause duschten wir zu Ende. Aufgrund der räumlichen Begrenzungen der Brausekammer kam zwar zu weiteren Berührungen, aber weder mein Süßer noch ich machten Anstalten, das potenziell tödliche Glücksspiel zu wiederholen. Eine Kraftanstrengung vor der ersten Nahrungsaufnahme reichte wohl uns beiden.

 

 

Frisch gewaschen und geduscht gingen wir Richtung Frühstücksraum. Im Gegensatz zu dem Paar aus Marburg nahmen wir die Treppe, die eine Etage konnte man wirklich laufen. Wie ein frisch verliebtes Paar, was wir ja auch waren, turtelten wir auf dem Weg nach unten. Wir hielten zwar kein Händchen, aber dem neutralen Beobachter wäre sicher die Leichtigkeit unseres Abstiegs aufgefallen, man könnte fast sagten, wir schwebten regelrecht der Nahrungsaufnahmestätte entgegen.

Als Jost und ich zusammen den Saal betraten, war alles im grünen Bereich. Niemand schaute uns fragend oder süffisant lächelnd an oder nahm uns als Paar wahr: Jeder ging weiter der Tätigkeit nach, der er oder sie gerade nachging. Einzig und allein die zwei spanisch aussehenden Servicedamen taten mir leid, denn sie mussten über 50 hungrige Mäuler gleichzeitig versorgen. Normalerweise ist diese Personalstärke bei einer vierstündigen Frühstückszeit ausreichend, die Gäste verteilen sich in der Regel. Nur bei Massenabfütterungen wie der Unsrigen konnte es Engpässe geben. Aber man ist ja als Reiseleiter flexibel, nicht umsonst gehört eine gute Kellnerschulung zum Ausbildungsprogramm. Ich bot den Damen meine Hilfe an, aber sie lehnten höflich ab und meinten, sie würden es schon schaffen.

 

Als wir das morgendliche Mahl gerade begonnen hatten, der erste Kaffee eingeschenkt war, kamen die Herren Plassenhagen und Kaltenberg an unseren Tisch und setzten sich ungefragt dazu. Wir konnten daher nur fünf Minuten das Vergnügen ungestörter Zweisamkeit genießen. Das dynamische Duo wollte wissen, ob sie ihr eigenes Programm absolvieren könnten: Sie wollten unbedingt das poetische Nantucket erkunden.

Das ehemalige Walfangzentrum der Welt verfünffacht zwar jeden Sommer, der Touristen sei Dank, seine Population, aber ansonsten ist in dem ‚Land in der weiten Ferne‘, so die ungefähre indianische Übersetzung des Namens, nicht viel los. Die Insel erlebte ihren wirtschaftlichen Niedergang weit vor dem Bürgerkrieg und die Quäker übernahmen auf dem Eiland das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Regiment. Amerikanische Kinder haben Albträume, wenn sie an diese Insel denken: Sie werden heute immer noch mit Moby Dick gequält.

 

Ich versuchte, das Gespräch zu beenden. Erstens wäre ich lieber mit meinem Liebsten alleine gewesen und zweitens nahte die Zeit des allgemeinen Aufbruchs, der Saal leerte sich zusehend. „Ich werde dann gleich mal schauen, ob ich noch zwei Freikarten für die Fähre in meinen Unterlagen habe. Versprechen kann ich nichts, aber zumindest die Abfahrtszeiten kann ich ihnen gleich sagen.“

 

„Dann sage ich mal, bis gleich vor dem Bus.“ Die beiden erhoben sich endlich.

 

Wir taten es ihnen nach, lenkten unsere Schritte aber nicht wie die beiden Schreiberlinge in Richtung Zimmer, sondern steuerten dem Ausgang entgegen. Ein Nachteil von rauchfreien Hotels: je kleiner die Herberge, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man selbige für sein Laster verlassen muss, so auch hier in im Days Inn in Hyannis. Dass dann dort aber die Aschenbecher überquollen und nicht gerade werbewirksam sind, lasse ich mal unerwähnt.

Es war dann doch etwas kühl, als wir ins Freie traten, aber was tut man nicht alles als Süchtiger? Der Wind frischte leicht auf, aber es war im Oberhemd gerade noch auszuhalten. Ich tänzelte etwas hin und her, als Jost mich am Ärmel zupfte. „Ist das eigentlich immer so, dass …“

 

„… die Gäste einen beim Essen stören? … Das kommt meistens dann vor, wenn die Leute einen freien Tag haben und selbst ihr Programm planen müssen.“ Ich blickte ihn an. „Ansonsten hat man morgens meistens seine Ruhe, mein Engel.“

 

„Du kannst einem Leid tun! Noch eine Minute länger diesen Schwachsinn über die ach so tolle Poesie von Poe, Melville und Co und ich wäre ausgeflippt.“ Jost versuchte, Kaltenbachs Stimme zu imitieren, was ihm aber nicht ganz gelang. „Als ob Nantucket der Nabel der Welt ist!“

 

„Das ging doch noch, die Beiden hatten ja konkrete Pläne. Schlimmer ist es, wenn die Gäste gar nicht wissen, was sie wollen. Wenn du dann dafür Vorschläge machen sollst, …“ Ich verdrehte die Augen. „… geht das meistens daneben. Aber … auch wenn sie eine ungefähre Ahnung davon haben, was sie unternehmen wollen, sollte man sich das eine oder andere Wort gönnen.“ Der Wind nahm zu. „Auf einer Tour durch den Süden kam ein Pärchen, beide so um die 50, auf mich zu und zog mich zur Seite: Sie wollten abends in einen Klub für Swinger. Ich sollte ihnen, heimlich versteht sich, einen Zettel mit entsprechenden Adressen zustecken. Mehr Infos gab es nicht.“

 

Jost grinste frech. „Das dürfte doch kein Problem sein: Man schaut einfach ins Internet.“

 

„Das dachte ich auch, aber …“ Ich ging auf den Aschenbecher zu. „… aber auch hier in den Staaten gibt es Swingers Clubs und Clubs, in denen man swingt.“

 

Verwunderung lag in seiner Stimme. „Wie meinst du das denn jetzt?“

 

„Die beiden waren Kirchenmusiker, er bekannter Domorganist, sie Leiterin eines Madrigalchors. Sie wollten keinen Partnertausch, sie wollten in einen Jazz-Schuppen, wir waren in St. Louis.“ Ich drückte die Zigarette aus, Jost tat es mir nach. „Können wir? Wird mir doch etwas frisch.“

 

„Nicht nur dir!“ Er öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt. „Dann lag die Frivolität wohl in der Wahl der Musikrichtung und nicht in dem, was ja auch möglich gewesen wäre. Aber mal was anderes, mein Engel: Brauche ich gleich noch einen Pulli oder reicht die Jacke?“

 

„Auf dem Schiff kann es relativ windig werden. Von daher …“ Wir gingen die Treppe hoch. „… würde ich mir zu Vorsicht einen mitnehmen, Platz ist im Rucksack ja genug.“

 

„Stimmt auch wieder.“ Er griff nach seiner Zimmerkarte. „Brauch ich sonst noch was?“

 

„Eigentlich nicht. Für den Lunch ist ja gesorgt.“ Ich stürmte ins Zimmer. „Ich muss mal dringend …“

 

Er gluckste. „Soll ich mitkommen?“

 

„Von mir aus …“ Ich lachte ihn an. „Wenn du gerne mit der Papierrolle neben mir stehen möchtest?“

 

„Argh, dann besser doch nicht!“ Ich bog links zu den Wasserspielen ab, Jost verschwand derweil im Schlafraum.

 

Während ich mich meinem Geschäft widmete, hörte ich, wie ein Kofferdeckel geöffnet wurde. Nach dem Händewaschen trat ich ins Zimmer, Jost stand abmarschbereit am Sessel und blickte starr, fast regungslos, aus dem Fenster. In einer Hand hielt er meinen blauen Pullover, sein Rucksack lag auf dem Bett. Ich ging zum Schreibtisch, schnappte mir den Aktenkoffer und griff nach meiner Jacke, die über dem Stuhl hing. „Können wir?“

 

„Ja, …“ Langsam drehte er sich zu mir um. „… wir können, wenn du …“

 

„Wenn ich was?“ Ich steuerte auf ihn zu, wollte ihn küssen, denn später würde es schlecht gehen.

 

Er hob abwährend seine Hand und blickte mich fast wütend an. „In deinem Koffer …“

 

„Was ist da?“ Ich blickte ihn fragend an, eine Leiche hatte ich ja nicht versteckt.

 

„Das weißt du ganz genau! Arschloch!“ Er griff sich den Rucksack und stürmte aus dem Zimmer, ließ mich konsterniert zurück. Was hatte er?

 

Aus einer Art Schockstarre aufgewacht, beeilte ich mich, ihm nachzulaufen. Aber einholen konnte ich meinen Traumprinzen nicht, ich stolperte am Ausgang über Lars Kaltenbach. Der Redakteur aus Frankfurt lachte mich freundlich an und wollte die gewünschten Informationen haben. Ich machte gute Mine zum bösen Spiel, meine Gedanken waren gerade irgendwo anders unterwegs.

„Moment, da müsste ich mal nachschauen. Wenn sie einmal kurz halten könnten?“ Ich nutzte ihn als Kofferhalter und kramte in den Papieren, die für den heutigen Tag obenauf lagen. Fündig wurde ich, griff nach den Unterlagen und klappte den Deckel zu. „Hier, zwei Freitickets und der Fährplan.“

 

„Seien sie recht herzlich bedankt.“ Er nickte mir freundlich zu. „Das erste Bier heute Abend geht auf mich, das Zweite und Dritte auf Plassenhagen, der verdient sowieso mehr als ich.“

 

„Alles klar.“ Ich schaute durch ihn hindurch. „Dann sehen wir uns später.“

 

 

Jost hatte sich im Bus ganz nach hinten auf die letzte Bank verzogen. Er saß allein und starrte aus dem Fenster. Ich wäre am liebsten sofort zu ihm gegangen und hätte die Sache geklärt, aber hier und jetzt waren weder Zeit noch Ort für ein vernünftiges Gespräch. Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten und ich musste währenddessen neben einer kurzen Begrüßungsansprache auch die Teilnehmerliste für die Reederei bearbeiten. Außer den Herren Kaltenbach und Plassenhagen hatte auch das Paar aus Stuttgart ihre Teilnahme für den Tag abgesagt und Versicherungen wollen fast alles wissen.

 

An der Marina angekommen, wurden wir schon erwartet, ein Mann in Overall stand am Schlagbaum und winkte uns direkt auf das Hafengelände. Normalerweise geht man die letzten Meter zu Fuß und reiht sich in eine der Schlangen ein, die diesmal nicht vorhanden waren. Während ich im Büro die Formalitäten erledigte, bestieg die Truppe das Schiff, dessen Name Programm ist: Whale Watcher.

 

Der Ablegevorgang war schon in vollem Gange, als ich den Kahn betrat. Ich wollte, nein, ich musste zu Jost und mit ihm reden, denn ich wusste immer noch nicht, was der Auslöser für sein Verhalten war und was ich davon halten sollte. Die Suche nach meinem Liebsten war relativ einfach: Erstens hat das Schiff nur zwei Decks, ist also ziemlich übersichtlich, und zweitens, meine Gäste waren die Einzigen von knapp 400 möglichen Passagieren.

Nach fünf Minuten entdeckte ich den Mann mit den smaragdgrünen Augen, blieb aber unsicher an der Tür zum hinteren Sonnendeck stehen. Jost stand in einem Pulk von Menschen, die die Ausfahrt aus dem Hafen betrachteten. Ich hätte zwar auf ihn zugehen und ansprechen können, aber wie sollte meine Bitte, sich mir zu erklären, auf die anderen Gäste wirken? Egal, wie ich es auch gemacht hätte, es wäre unweigerlich einem Zwangsouting gleichgekommen. Resigniert ging ich in das Hauptdeck und setzte mich an einen der Tische. Bis zum Anlegen in Provincetown hatten wir noch drei Stunden, ich würde ihn irgendwann schon noch alleine erwischen.

Obwohl ich mir mein Hirn zermarterte, konnte ich mir Josts plötzlichen Stimmungsumschwung nicht erklären. Ich versuchte, logisch vorzugehen und rief mir die Minuten vor seinem Abgang noch einmal ins Gedächtnis. Aber, so sehr ich mich auch anstrengte, eine vernünftige Begründung wollte mir nicht einfallen: Bis zur Zimmertür war die Welt noch in Ordnung, erst danach begann das Chaos.

 

Wir hatten die Fahrrinne zum Hafen gerade verlassen, das Schiff bog jedenfalls nach rechts ab, als es aus den Lautsprechern knackte. Der Kapitän hielt auf Englisch seine Begrüßungsansprache, die später zu hörende Version in Deutsch kam wohl aus der Konserve. Gemütlich tuckerten wir an Sandy Neck, einer Halbinsel auf der Halbinsel, vorbei auf die offene See zu, wenn man die Cape Cod Bay als solche bezeichnen kann. Das Schiff machte jetzt eine Linkskurve und nahm an Fahrt auf, das Dröhnen der Diesel war eindeutig zu spüren.

Was hatte der Typ von der Reederei gesagt? Für die 35 Seemeilen bis Beobachtungsgebiet bräuchte die Watcher mit ihrer Spitzengeschwindigkeit von knapp 38 Knoten etwas über eine Stunde. Dank Mr Krovac, Flüchtling des Prager Frühlings und mein Physiklehrer in der Highschool, war es ganz einfach. Gut, damals nervte er uns mit seinen Umrechnungen aller Art, aber heute bin ich ihm dankbar. Ein Knoten ist eine Seemeile in der Stunde, eine nautische Meile sind 1,15 Meilen auf Land, wir konnten mit fast 42 Meilen die Stunde über das Wasser fliegen, also mit fast 70 Stundenkilometern.

Gedankenverloren blickte ich aus dem Fenster, Land war nur noch am Horizont zu sehen. Als ruhig konnte man die See nicht gerade bezeichnen, eher als leicht bis mittel bewegt. Die Wellenspitzen zeigten Schaumkronen, den Gästen draußen musste wohl eine frische Brise um die Nase wehen; ich war froh, hier einigermaßen im Warmen zu sitzen. Aber hier drinnen, bei angenehmer Musikuntermalung, war es auch stürmisch: Meine Gedanken fuhren Achterbahn: Was hatte Jost nur?

 

Plötzlich drang Joe Cockers „Sail away“ an mein Ohr, ich musste sofort an Daniel, meinen bayerischen Physiotherapeuten, denken. Wie lange hatten wir keinen Kontakt mehr gehabt? Über eine Woche; unser letzter visueller Kontakt war bei der Episode mit Sid vor der Cam. Ich musste grinsen, viel, sehr viel sogar, war in der Zwischenzeit passiert; ich würde ihm einiges zu erzählen haben.

Aber Moment! Endlich fiel bei mir der Quarter: Als ich meine Sitzung beendet hatte und ins Zimmer kam, hielt Jost meinen Pullover in der Hand. Selbst ausgepackt hatte ich ihn nicht, also musste er an meinem Koffer gewesen sein. Unter dem Wollteil lag das gerahmte Bild von Daniel, die anderen Fotos hatte ich im Aktenkoffer. Das war es also! Aber weshalb diese Reaktion?

 

„Bekommt ihnen der Seegang nicht?“ Eine Frauenstimme sprach mich von hinten an.

 

„Äh …“ Ich blickte verstört auf und sah Magdalene Laufenberg. „Doch, … alles in Ordnung.“

 

„Sie sehen aber nicht so aus, mein Lieber.“ Sie blickte mich mitfühlend an. „Zum Frühstück sind sie und ihr Freund fast geschwebt, … ich sagte noch zu meinem Fritz: ‚Schau mal, da kommt unser Liebespaar!‘ … Und jetzt? … Jetzt steht er alleine draußen, sie sitzen hier einsam rum und sehen aus wie eine Katze, die man ins Wasser geworfen hat! Also sagen sie mir nicht, dass alles in Ordnung ist!“

 

Ich starrte auf die Tischdecke und sprach mehr zu mir als zu ihr. „Ist es auch nicht!“

 

„Haben sie sich etwa gestritten?“ Sie setzte sich mir gegenüber. „Was ist denn passiert?“

 

„Das weiß ich ja auch nicht.“ Ich blickte sie ratlos an. „Er rannte plötzlich aus dem Zimmer und …“

 

„Wie? Ohne Streit? Keine kleine Andeutung?“ Ihre Hand tätschelte meinen Arm.

 

„Nein! Wir sind nach dem Frühstück rauf auf’s Zimmer …“ Ich erzählte ihr die ganze Geschichte, auch das mit dem Porträt ihres Enkels.

 

Als ich geendet hatte, lachte sie mich plötzlich an. „Wie naiv doch die heutige Jugend ist! Und ich dachte schon, es wäre was Schlimmes passiert!“

 

Mein Glück lag in Scherben und sie grinste nur frech! „Wie?“

 

Sie seufzte. „Herr Gordon, es ist zwar nie schön, wenn man als frisch verliebte Frau ein Bild von einer möglichen Nebenbuhlerin im Gepäck seines Liebsten findet, aber … das Foto seines Liebsten trägt man im Portemonnaie und nicht im gerahmten Holzrahmen im Koffer!“

 

Meine Gesichtszüge glitten nach unten. „Stimmt, aber wie kriege ich die Kuh jetzt wieder vom Eis?“

 

„Nicht sie, mein Lieber.“ Sie lächelte mich mild an. „Da es mein Enkel war, der Ausgangspunkt dieses … unerfreulichen Disputs war, werde ich den Strick holen, um das Rindvieh …“

 

Mir fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen. „Danke!“

 

„Herr Gordon, danken sie mir nicht zu früh, noch ist es ja nicht soweit! Aber sie und ihr Jost müssen noch lernen, wie man eine gute Beziehung führt: Man rennt vor Problemen nicht weg, man bespricht sie miteinander. Was meinen sie, warum so viele Ehen heutzutage geschieden werden? Die Leute reden zu wenig … jedenfalls miteinander.“ Sie erhob sich. „Mein Fritzemann und ich, … wir besprechen vor dem Einschlafen immer noch einmal den Tag …“

 

Ich griff mir ans Kinn. „Die Idee ist nicht schlecht.“

 

„Na ja, früher haben wir nicht nur geredet, aber …“ Sie zwinkerte mir zu. „… diese Zeiten sind vorbei.“

 

„Aber Kuscheln kann doch auch schön sein, oder?“ Ich grinste sie an.

 

„Da scheint jemand eine romantische Ader zu haben. Aber mit der Erfahrung von 55 Jahren Ehe sage ich ihnen: Der Sex nach einer Versöhnung ist der Beste, den man kriegen kann!“ Sie lachte wie ein Schulmädchen. „Dann werde ich mich jetzt mal um den Strick kümmern, auf dass sie heute Abend kräftig Versöhnung feiern können.“

 

 

Ich hatte die Tour ja schon zweimal mitgemacht, diesmal jedoch waren keine Meeresbiologen mit an Bord, die uns direkt etwas über Wale erzählen konnten. Die Informationen über die Meeressäuger, hauptsächlich Buckel-, Zwerg- und manchmal auch Finnwale, die auf ihrer Nahrungssuche hierher kommen, kamen vom Band.

Das eigentliche Beobachtungsgebiet, die Stellwagen-Bank, reicht von Cape Ann im Norden bis hin zum Race Piont Channel im Süden und ist knapp zehn Kilometer breit. Das Plateau liegt lediglich 30 bis 40 Meter unter der Wasseroberfläche, die umliegenden Gewässer sind deutlich tiefer. Aufgrund dieser Tatsache werden Mineralien und Nährstoffe aus der Tiefe nach oben gedrückt und es kommt zu einem ernormen Fischreichtum des Nationalparks auf See. Seit dem 17. Jahrhundert wird hier Jagd auf Kabeljau und Thunfisch gemacht, die größte wirtschaftliche Bedeutung hatte jedoch der Walfang. Nach dem Niedergang dieser Industrie lebt man heute wieder von den Walen, nur diesmal sind es die Touristen mit ihren Whale-Watching-Touren, die das Geld in die Kassen spülen.

 

Ich blickte aus dem Fenster und entdeckte Delfine. Wir waren jetzt fast eine Stunde unterwegs. Die Freunde von Flipper schwammen und sprangen neben dem Schiff her, ich hätte sie ewig beobachten können. Mit einem Mal stoppte die Watcher und die Delfine tauchten ab. Ich ging auf die vordere Beobachtungsplattform am Bug und schaute auf die See hinaus. Das Meer war ganz ruhig, Wind spürte man nicht.

Ich suchte den Horizont ab, plötzlich ging ein Raunen durch meine Mitreisenden, Hände deuteten in eine Richtung. Ich blickte hin und sah sie. Eine Gruppe von fünf Buckelwalen kam uns entgegen, sie schwammen ganz dicht vorbei. Bei einigen konnte ich sogar den hellen Bauch erkennen, als ob sie uns erwartet hätten. Mit einer Seelenruhe schwammen sie um das Boot herum, tauchten vereinzelt ab, man sah ihre beeindruckende Schwanzflosse, man hörte das Schnaufen aus ihrer Nase auf dem Rücken.

Was ich sah, war beeindruckend und mächtig, aber im Wasser hätte ich im Moment auch nicht sein wollen, denn zwischen diesen Riesen hätte ich mich bestimmt sehr unwohl gefühlt. Völlig unerwartet sprang, direkt neben uns, ein Wal mit seiner ganzen Körpergröße in die Luft und ließ sich seitlich auf das Wasser platschen, ich war total sprachlos. Ein anderer Wal winkte uns mit seiner Schwanzflosse zu, zumindest hatte ich den Eindruck. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es macht ihnen Spaß, uns zu beeindrucken, sie konnten ebenso nicht von uns lassen können wie wir von ihnen. Wenn Mensch und Tier immer so friedlich nebeneinander sein könnten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte das Schiff ab und die Wale bleiben zurück. Wie gerne hätte ich jetzt neben Jost gestanden und ihnen zugewunken. Es gibt Momente, die man teilen möchte, die man nie vergisst und die man auf keinem Foto festhalten kann. Aber der Mann meiner Träume stand wohl am anderen Ende des Schiffes.

 

 

Auf dem Weg vom Anleger zum Essen wunderte ich mich etwas, die Regenbogenfahne war jetzt an mehr Gebäuden zu sehen als bei meinem letzten Besuch. Provincetown, liebevoll P-Town genannt, ist ein beliebtes Reiseziel für verzauberte Menschen, zwar noch nicht so berühmt wie die Keys, aber auf dem besten Weg. Ich spielte mal wieder den Stadtführer, beschränkte mich aber auf das Wesentliche. Aus dem Fischerort wurde die Künstlerkolonie, Maler wie Hopper, Pollock und Grosz kamen, Schriftsteller und Schauspieler ließen sich nieder. Man pflegte einen regen Austausch mit Greenwich Village in New York, daher wohl auch die Szenefreundlichkeit des Ortes. Diese liberale Atmosphäre zog Menschen wie Tennessee Williams, Norman Mailer und andere Künstler an, die Hippies eroberten das einstige Fischerdorf, nahmen es in Besitz und trieben ihr Unwesen. Aber die Zeiten orgiastischer Ausschweifungen sind vorbei, doch P-Town ist auch heute noch ein Refugium für Lebenskünstler aller Art.

Im Fanizzi’s wurde Fish and Chips serviert, allerdings nicht die englische Variante: der Kabeljau wurde zwar auch klein geschnitten, dann aber nur gemehlt und in Butter gebraten, nicht frittiert. Die sonst vor Fett triefenden Fritten waren Kartoffelspalten und der Krautsalat, kein Bestandteil des britischen Originals, wurde lauwarm gereicht. Der Mann meiner Begierde saß neben Magda Laufenberg, sie unterhielten sich angeregt, tuschelten verschwörerisch. Ich aß mit den Damen aus dem Ruhrgebiet.

 

 

Wie nicht anders zu erwarten war, hielten die meisten Gäste im Bus ihren Mittagsschlaf. Ich ließ die Mappe zugeklappt und verriet daher auch nicht, dass man auf Cape Cod nicht nur Geschichte erleben, sondern auch in ihr wohnen kann. Bettenburgen gibt es nicht, man wohnt in kleinen Herbergen, die meisten Unterkünfte stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und waren früher Landsitze von Kaufleuten, Kapitänshäuser oder Postkutschenstationen. Es gibt auch Skurrilitäten: Übernachtungen in ehemaligen Pferdeställen oder profanierten Kirchen sind möglich.

 

Nach dem Stopp am Kennedymuseum zählte ich im Bus die Häupter meiner Lieben und staunte nicht schlecht: Fast Zweidrittel der anfänglichen Besatzung war bereit, erneut ein Schiff zu betreten. Jost saß wieder alleine auf der letzten Bank.

Ich griff mir das Mikro und hielt einen kleinen Vortrag über das nächste Ziel: Martha’s Vineyard. Auf der größten Insel Neuenglands gibt es keine Imbissbuden und nur eine Ampel, riesige Hotels sucht man vergebens und die Strände sind sogar im Hochsommer nicht überlaufen.

„Geplant sind drei Stunden Aufenthalt, wir legen pünktlich um 18:15 Uhr wieder ab. Falls sie ihren Besuch ausdehnen wollen: kein Problem! Fähren zum Festland gehen bis 9:30 pm, allerdings müssen sie dann zum Fähranleger nach Vineyard Haven und mit dem Taxi zurück zum Hotel, der letzte Bus von Woods Hole nach Hyannis fährt um sieben. Ich danke für ihr Gehör.“ Der Applaus war mäßig.

 

Die ‚Nantucket‘ brachte uns nach Oak Bluffs, der Puppenstube der Insel. Ich fragte mich zwar, was an den reich verzierten und farbenfrohen Gingerbread Houses so toll sein soll, aber die Touristen lieben sie. Persönlich gefällt mir das malerische Vineyard Haven mit seinen Galerien und Geschäften besser, aber die Geschmäcker sind ja verschieden.

Ich ging als einer der ersten Passagiere von Bord und wartete auf meine Leute. Brav beantwortete ich ihre Fragen, gab noch Tipps, was man sich anschauen könnte, und verteilte Karten von der Insel und den aktuellen Travelguide, ein Service der örtlichen Handelskammer. Neben einigen nützlichen Informationen zeichnete sich die über 120 Seiten starke Broschüre nur durch eins aus: Werbung vom Anfang bis zum Ende.

 

Von Jost war die ganze Zeit nichts zu sehen, die restlichen Jacobsens waren schon lange von Bord. Ich ging im Geiste meine Schäfchen durch, nur noch das Ehepaar Laufenberg fehlte und halt der Mann meiner Träume. Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken, hinter mir stand Magda Laufenberg und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Herr Gordon, wo finden wir dieses alte Karussell? Mein Fritz möchte mal wieder reiten!“

 

Ihr Tonfall war einzigartig. „Einfach nur den Anleger runter, die Seaview Ave überqueren und dann noch vor der ersten Querstraße auf der rechten Seite.“

 

„Danke ihnen!“ Sie schaute ihren Mann an. „Komm Fritzemann, die Gäule warten auf dich!“

 

Ich blickte ihnen nach, als mir jemand auf die Schulter tippte. „Ich glaube, wir sollten reden.“

 

Eine Drehung und ich blickte in smaragdgrüne Augen; Jost! „Sehe ich auch so.“

 

Der angehende Student griff meine Hand. „Dann komm!“

 

Verblüfft blickte ich ihn an. „Wohin?“

 

„Wirst du schon sehen, Herr Reiseleiter!“ Er zog mich zum Taxistand. Wohin ging die Reise?

 

 

 

Jost schubste mich mehr ins Taxi, als das ich selbst einsteigen konnte. Etwas freundlicher hätte er ja sein können. Ich rutschte hinter dem Fahrersitz und blickte ihn erwartungsvoll an, als er neben mir Platz nahm. „Und? Wohin geht es nun?“

 

Er lachte mich an. „Nach Menemsha.“

 

Ich zog die Augenbrauen hoch und wunderte mich. „Für den Sonnenuntergang ist es noch zu früh.“ Man sollte im Sommer dort abends mal sitzen, Postkartenidylle pur. „Aber … zweimal über die ganze Insel nur für eine Lobster Roll? Oder willst du zu Jackie O?“

 

Er blickte mich fragend an. „Jacky Wer?“

 

Ich lachte ihn an. „Jacqueline Lee Bouvier Kennedy Onassis, die Frau von JFK.“

 

„Der Name sagt mir was.“ Er wirkte trotzdem leicht ratlos. „Aber du hast doch gerade noch im Bus erzählt, die Kennedys hätten ihre Sommerresidenz in Hyannis. Oder irre ich mich da?“

 

„Haben sie auch, aber …“ Ich kratzte mich am Kinn, überlegte, wie ich die verworrene Geschichte der Frau, die eine ganze Generation beeinflusst hatte, so kurz wie möglich wiedergeben konnte. „… die ehemalige First Lady hat ja nach dem Attentat in Dallas diesen alten griechischen Reeder geheiratet und wurde zu Jackie O, jedenfalls für die Presse. Sie hat sich dann hier auf der Insel ihren eigenen Sommersitz gekauft, da sie in den Alten nicht mehr rein wollte oder konnte.“

 

„Und der ist in Menemsha?“ Er schaute mich interessiert an.

 

„Jein, das Dorf heißt Aquinnah, aber Menemsha ist die nächst größere Siedlung.“ Langweilte ich ihn? „In einigen Reiseführern steht aber die falsche Ortsangabe.“

 

„Was will ich mit einer Frau?“ Er wirkte leicht resigniert. „Ich wollte zum Drehort vom weißen Hai!“

 

Ein Schmunzeln umspielte meine Lippen, darum ging es also meinem kleinen Filmnarren, um das Meisterwerk von Spielberg. Ich tippte den Fahrer auf die Schulter. „Cannonball Park, Edgartown.“

 

„Aber …“ Jost blickte mich fragend an.

 

„Die Stadt, die du im Film sehen kannst, … das meiste ist in Edgartown gedreht worden.“ Ich grinste ihn an. „Es gab hier auf der Insel mehr als zehn Drehorte für alle möglichen Szenen. Im Film sieht es aus wie eine Kleinstadt, gedreht wurde aber auf der halben Welt … und der ganzen Insel. Die Unterwasseraufnahmen stammen aus Santa Catalina, die Riffszenen wurden in Australien gedreht und die Polizeistation, die du sehen kannst, steht eigentlich in Seattle, Washington.“

 

„Sag mal, hast du die internationale Filmdatenbank auswendig gelernt?“ Er grinste mich an.

 

„Nein, aber die Frage wird nicht zum ersten Mal gestellt und als guter Leisereiter …“ Ich legte meine Hand auf seinen linken Oberschenkel und schaute ihn an. „… sollte man immer gut vorbereitet sein. Und ehe du fragst, der neue Polanski, der im nächsten Jahr rauskommt, spielt zwar auf Martha‘s Vineyard, gedreht wurde hier aber kein Meter.“

 

„Aha!“ Er wurde einsilbig. „Und was ist eine Lobster-Rolle?“

 

Ich gestattete meiner Hand, etwas höher zu gehen. „Die örtliche Variante des Hotdogs: ein weiches Knatschbrötchen, der Länge nach aufgeschnitten, wird mit essbaren Hummerteilen belegt und mit viel Mayonnaise serviert; also nicht gerade etwas für kalorienbewusste Sportler.“

 

„Ich bin dir also zu dick?“ Lag da ein leichter Vorwurf in seiner Stimme?

 

Ich verdrehte die Augen: Männer! „Wie kommst du den auf den Trichter?“

 

„Der Seitenhieb gerade!“ Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

 

„War nicht auf dich gemünzt, mein Engel!“ Ich strich mir über den Bauch. „Eher auf meine Fast-Food-liebenden amerikanischen Landleute … naja … und vielleicht auf mich.“

 

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Stimmt!“

 

Gut, ich habe zwar ein oder zwei Kilo zu viel auf den Rippen, aber fett? „Danke für die Blumen.“

 

„Gern geschehen!“ Er grinste über beide Backen. „Ich liebe es, dich …“

 

„… mich zu beleidigen?“ Ich sollte meine Stimme senken, der Fahrer musterte uns im Rückspiegel.

 

„Nein, eher … dich etwas aufzuziehen!“ Seine Hand hatte mittlerweile auch ihren Weg auf mein Knie gefunden. „Du regst dich immer so schön auf.“ Seine Finger spielten mit meiner Kniescheibe. „Und heute Morgen? … Da hat es doch auch geklappt.“

 

„Heute Morgen hat es auch geklappt?“ Nun grinste ich. „Ich soll also jetzt über dich herfallen?“

 

„Ich hätte nichts dagegen.“ Er kniff mir ein Auge zu. „Ich habe noch nie in einem Taxi …“

 

Zu diesem Vergnügen kam es jedoch nicht, der Wagen stoppte, wir waren am Ziel. Ich öffnete die Tür und stieg aus. Den Fahrpreis, den der Mann hinter dem Steuer nannte, verstand ich nicht richtig; nur irgendetwas mit ‚teen‘ am Ende. Jost rechte ihm einen Zwanziger, der Fahrer nickte, nahm den Schein und brauste von dannen. Anscheinend hatte die New Yorker Unsitte, dass sich die Taxifahrer selbst ihr Trinkgeld nahmen, bis hierher herumgesprochen und wurde auch in die Tat umgesetzt.

 

Wir gingen die Main Street entlang zum Fähranleger nach Chappaquiddick, heute ein liebevoll konserviertes Naturschutzgebiet, über das mit den Argusaugen ein gemeinnütziger Verein wacht und an dessen Ende ein Leuchtturm in der einsamen Natur steht. Ob man es glaubt oder nicht, dort fand einmal Weltgeschichte statt.

Am 18. Juli 1969 wollte Ted Kennedy, der Jüngste der Kennedys, eine junge Dame namens Mary Jo Kopechne nach Hause fahren, aber die Fahrt endete – samt Wagen – im Wasser, wobei die junge Frau ertrank. Der Senator, angeblich nüchtern und – als verheirateter Mann – nicht an besagter Dame interessiert, gelang es zu entkommen: Er schwamm nach Edgartown hinüber und telefonierte. Allerdings griff er nicht sofort zum Hörer, sondern erst am nächsten Tag, Gesprächspartner war auch nicht die Polizei, sondern sein Anwalt. Die Untersuchung ergab später: Hätte Ted Kennedy rechtzeitig Hilfe geholt, wäre Mary Jo Kopechne womöglich – dank einer Luftblase im Auto – gerettet worden.

Heute interessiert die besoffene Fahrlässigkeit des Senators eigentlich niemanden mehr, denn der Mann ist selbst zur Legende geworden und, wie sagt der Lateiner: De mortui nihil nisi bene.

 

„Schatz sei mir bitte nicht böse, aber …“ Dieser Augenaufschlag!

 

„Ja?“ Was wollte er?

 

„Bei deinen Vorträgen …“ Er versuchte ein Lächeln. „… krieg ich Hunger, mir knurrt der Magen.“

 

„Ok, dann dahin!“ Ich deutete auf den kleinen Tante-Emma-Läden vor uns an der Ecke. Diese antiken Einkaufstempel, über die ganze Insel verstreut, stellen die Lebensmittelgrundversorgung des Eilandes sicher. Auf Martha’s Vineyard gibt es keinen McDonald’s für den kleinen Hunger zwischendurch, keinen einzigen Dunkin’ Donuts, von Walmart ganz zu schweigen, Häagen-Dasz sucht man vergebens und auch die Banken hier sind Lokalunternehmen.

Jost kaufte ein paar Sandwiches und eine Flasche Wasser, ich begnügte mich mit der ‚Vineyard Gazette‘ und drei Päckchen Kaugummi mit Nelkengeschmack. Mein Erzeuger mochte – aus mir nicht erschließbaren Gründen – das Zeug, dass die GIs im Zweiten Weltkrieg kauten und das man nur noch hier ohne Vorbestellung käuflich erwerben kann. Die Lokalzeitung erstand ich, weil auf der Titelseite ein Artikel ‚ Chilmark after Obama‘ beworben wurde; die erste Familie hatte ihren Urlaub auf der Blue Heron Farm verbracht und nun wurde die Abrechnung veröffentlicht. Man kann ja nie wissen, ob man die Informationen über das 12-ha-Anwesen nicht noch einmal gebrauchen kann.

 

Als wir wieder auf der Straße standen, blickte mein Engel mich an. „So, was machen wir jetzt?“

 

„Reden?“ Das war ja der Grund für die Beinahe-Entführung gewesen.

 

„Muss ja sein!“ Jost schaute leicht bedröppelt, atmete tief durch. „Wo sollen wir?“

 

Ich blickte auf die Uhr, es war 4:14pm. „Wir müssen um sechs Uhr wieder an der Fähre sein, von daher … haben wir jetzt drei Möglichkeiten.“

 

„Die da wären?“ Neugier lag in seinem Blick.

 

Ich hatte irgendwo mal gelesen, dass man mit der schlimmsten Variante, die man selbst auch nicht haben möchte, beginnen sollte. „Bis zum Anleger sind es ungefähr sechs Meilen, wir könnten zu Fuß gehen und dabei reden. Die neun Kilometer müssten wir in der Zeit eigentlich schaffen.“

 

Jost verdrehte seine wunderhübschen Augen. „Lass mal besser, einen Leistungsmarsch muss ich jetzt echt nicht haben. Ich bin im Urlaub und auf keiner Wehrübung!“

 

Ich grinste ihn an. „Wir könnten uns hier ein Kaffee suchen und zurück nehmen wie wieder ein Taxi!“

 

„Und wieder 20 Dollar zahlen?“ Er schüttelte seinen Kopf.

 

„Oder …“ Ich griff seine Hand. „… wir rennen jetzt und versuchen, den Bus zu kriegen, der da gerade kommt.“ Sprach es und rannte los, meinen kleinen Studenten im Schlepptau. Nur mit knapper Not erreichten wir die Haltestelle und bestiegen, nach Atmen ringend, den Bus, der uns zum Strand bringen sollte. Ich griff in meine Hosentasche, holte ein paar Münzen heraus und zahlte: Die zwei Dollar für die Fahrt hatte ich ja übrig.

 

Der Trip endete für uns am Nordende des Joseph Sylvia State Beach, einem der öffentlichen Strände der Insel. Der Parkplatz, an dem der Bus hielt, war zwar nicht so voll wie im Sommer, ich zählte nur knapp ein Dutzend Wagen, wir würden also nicht ganz alleine sein. Ich blickte auf meinen Schatz. „Land- oder Seeseite?“

 

Jost schulterte seinen Rucksack. „Wo ist der Unterschied?“

 

„Der Wind. Am Sengekontacket Pond …“ Ich deutete nach links. „… ist es etwas ruhiger als direkt am Wasser, da weht eine ständige Brise vom Atlantik. Aber für den Filmfan: an diesem Strandabschnitt wurden auch einige Szenen für den weißen Hai gedreht.“

 

„Dann lass uns zum Strand, ich brauch auch frische Luft.“ Er setzte sich in Bewegung und ich folgte.

 

Weit brauchte ich jedoch nicht zu laufen, vielleicht 200 Meter. Er setzte sich auf die erste Bank, an der wir vorbeikamen. Ich blickte ihn an. „Schon geschafft?“

 

Er grinste mich an. „Nein, aber mit Sitzmöglichkeiten sieht es hier ja nicht so berauschend aus.“

 

„Stimmt, normalerweise bringen amerikanische Familien ihren halben Hausstand mit an den Strand: Sonnenschirm, Liegestühle, Grill, Kühlboxen, Radios …“ Ich setze mich neben ihn. „… im letzten Jahr hatte sogar einer einen Fernseher dabei.“

 

„Du warst hier?“ Leichtes Erstaunen lag auf seinem Gesicht. „Auf dieser Rentnerinsel?“

 

Ich musste grinsen. „Nein, ob du es glaubst oder nicht, in New York gibt es auch ein paar Strände, an denen man seine Freizeit verbringen kann, und im Sommer fährt man an den Wochenenden – jedenfalls als guter Schwuler – nach Fire Island, das Chelsea mit Sand.“

 

„Ein Schwulenzentrum?“ Er blickt mich fragend an. „Hast du da etwa auch eine Wohnung?“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich hätte da gerne ein eigenes Domizil, nur … die Preise dort kann ich mir leider noch nicht leisten. Also entweder mietet man sich, zusammen mit ein paar guten oder weniger guten Freunden, ein ganzes Haus über das Wochenende. Das ist zwar auch nicht ganz billig ist, du musst mit mindestens 200 Dollar allein für das Haus rechnen, oder …“ Ich lachte. „… oder du kennst jemanden, der dort ein Haus besitzt und gerne Freunde um sich hat.“

 

„Aha! Und …“ Er blinzelte mich an. „… zu welcher Gattung gehörst du?“

 

„Zu Anfang meines Studiums natürlich zur ersten Kategorie und … nach dem Eintritt in die LIGA?“ Ich schaute ihn an. „Da wurdest du mit Einladungen nur so zugeschüttet.“

 

„Diese LIGA scheint ja ein ganz besonderer Haufen zu sein. Ich kenne Verbindungen in Deutschland, aber hier in den Staaten? Da hab ich nur mal ein paar Videos gesehen.“ Er schüttelte sich, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte. „Also, diese Aufnahmerituale, die ich da gesehen habe, sind mir echt zu hart. Das muss ich nicht haben. Wie bist du eigentlich …“

 

„… Mitglied geworden?“ Ich blickte ihn fragend an.

 

Er nickte bejahend. „Ja, interessieren würde mich es schon, wie du in diesen elitären Zirkel …“

 

Wollte er nicht eigentlich über uns reden? Aber gut, auch Umwege führen zum Ziel. „Schuld daran ist eigentlich Greg und seine tierische Eifersucht.“

 

„Äh?“ Irritation lag in seinem Blick. „Was hat denn dein Bruder damit zu tun?“

 

Ich musste lachen. „Mein Bruderherz ist ausnahmeweise einmal unschuldig. Der Greg, um den es hier geht, heißt Wilders mit Nachnamen und arbeitet im Finanzamt von New York City. Ehe du fragst, wir hatten mal was miteinander, aber das ist schon mehr als drei Jahre her.“

 

„Aha, ein Ex also!“ Er kramte in seinen Rucksack herum. „Und der ist eifersüchtig?“

 

„Frag nicht nach Sonnenschein: Der hätte sich sogar mit einem orthodoxen Rabbiner geprügelt, hätte der es auch nur gewagt, mich nett anzulächeln.“ Ich räusperte mich verlegen, auch wenn wir Freunde geblieben sind, seine Wutausbrüche waren manchmal unbeschreiblich. „Je länger unsere Beziehung ging, desto schlimmer wurde es. Er ist ein Kontrollfreak.“

 

„Hier“ Er reichte mir eins der Sandwiches, die er gekauft hatte. „Die Geschichte dauert ja länger.“

 

„Danke!“ Ich begann, die Toastscheiben von ihrem Cellophan zu befreien. „Du wolltest sie ja hören.“

 

„Schon gut!“ Er biss in seinen Snack. „Aber wie kommt man mit Eifersucht in akademische Kreise?“

 

„Wir hatten zu viert ein Apartment in Cherry Grove gemietet, ist zwar nicht ganz so schwul wie Fire Island Pines, aber auch reichlich verzauberte Menschen. Nach Sex, Strand, Sonne und wieder Sex waren wir am Samstagabend in einer Bar in Pines, die beiden anderen wollten auf eine Strandfete … bis dahin eigentlich ein ganz normales Wochenende. Ich kam vom Klo wieder, da entdecke ich Jack Diggleton, einen Kommilitonen von mir. Der Knabe war offiziell verlobt und stand jetzt in zerrissenen Jeans und Lederharness am Tresen und trank in aller Ruhe sein Bier. Ich ging auf ihn zu, begrüßte ihn, wir unterhalten uns, … ihm war das mehr als peinlich.“ Ich ließ es mir ebenfalls schmecken. „Naja, dann kommt plötzlich Greg, wie von der Tarantel gestochen, angerannt, beschimpft erst Jack, wie der es wagen könnte, mich anzumachen. Dann putzt er mich runter, wie ich mich denn anmachen lassen könnte. Der Typ ist komplett ausgerastet! Ich kam nicht einmal dazu, ihm die Situation zu erklären. Er meinte, ich sei ein billiges Flittchen, mit dem er nichts mehr zu tun haben wolle: Ich solle doch zusehen, wie ich ohne ihn in die Stadt kommen würde, meine Sachen könne ich bei ihm abholen, er würde sofort abreisen.“

 

„Krass!“ Jost leckte sich die Finger ab. „Wie bist du dann nach Hause gekommen?“

 

„Jack hat mich mitgenommen, … durch ihn habe ich Chester und die LIGA kennengelernt.“ Ok, er und ich sind an diesem Abend noch im Bett gelandet und haben so manches Wochenende in Chesters Haus zugebracht, aber diese Tatsache ließ ich jetzt lieber außen vor. Als sein Hang zum Sklaventum immer deutlicher wurde, trennten sich unsere Wege. Mal ein Klaps auf den Hintern bei gewissen Aktivitäten ist in Ordnung, aber besteht ein Liebesbeweis darin, seinen Partner nach allen Regeln der Kunst auszupeitschen?

„Und, ehe du fragst, Aufnahmerituale wie in den anderen Fraternities gibt es bei uns nicht, da musst du keine Angst haben. In der LIGA brauchst du also weder nackt über den Campus rennen, noch an irgendwelchen Trinkritualen teilnehmen, die sowieso nur im Delirium enden. Erniedrigende Spiele gibt es auch nicht.“ Soviel Aufklärung musste sein. „Wir wollen ja nur die schwule Weltherrschaft erlangen, da braucht man kein postpubertierendes Gehabe an den Tag legen.“

 

„Aha! Es gibt also kein Rudelbumsen mit dem Bewerber als passives Besamungsobjekt?“ Er klang fast enttäuscht. „Oder wie in dem Film, wo 20 Alte auf den Neuen wichsen und ihn dann vollpissen? Wie hieß der Streifen noch? Kyles Inauguration oder so.“

 

„Nein, mein Engel, Sex steht bei uns nicht im Vordergrund, wir sind schließlich Gentlemen. Wenn ein Mitglied mit einem anderen Spaß haben will, dann ist das seine eigene freie Entscheidung und kein Beschluss eines Ältestenrates.“ Irgendwie schien er zu viele schlechte Filme gesehen zu haben. „Eine Regel gibt es jedoch, wenn man das so sagen kann, aber … die ist eher allgemeingültig.“

 

„Welche denn?“ Er wurde neugierig.

 

Ich räusperte mich. „Naja, wenn zwei oder drei es am Strand oder an einem Pool machen, dann ist es öffentlich! Dann kann man ungestraft auch als Unbeteiligter einfach mitmachen, aber … wenn die Tür zu ist, dann kann das Gerammel noch so laut sein, das bleibt dann privat.“

 

„Gut!“ Seine Augen blickten mich liebevoll an. „Hast du mal eine Zigarette?“

 

„Hier!“ Ich reichte ihm Schachtel und Feuerzeug.

 

„Danke.“ Er machte gleich zwei Glimmstängel an und reichte mir eine der Zigaretten. Nach einem tiefen Zug blickte er mich an. „Eifersüchtig war ich heute Morgen auch!“

 

„Warum?“ Jetzt waren wir beim eigentlichen Thema.

 

„Als ich das Bild von dem Typen in deinem Koffer sah, … bin ich fast ausgetickt!“ Er blies den Rauch aus. „Ich kam mir vor, wie … wie eine billige, kleine Affäre, … ein Flirt, … eine Bettgeschichte.“

 

„Wie kommst du denn darauf? Du …“ Ich legte die Hand auf seine Schulter. „… du bist das Wichtigste in meinem Leben.“

 

„Gordon, ich …“ Er wirkte ratlos, starrte auf den Boden. „… ich weiß nicht.“

 

Ich fasste ihn ans Kinn und drehte seinen Kopf in meine Richtung. „Jost Jacobsen, zu Eifersucht besteht wirklich kein Grund, weder bei Daniel noch bei irgendeinem anderen Mann auf der Welt. Ich liebe nur dich!“

 

„Ich liebe dich ja auch, aber …“ Eine Träne kullerte über seine Wange. „… haben wir eine Zukunft?“

 

„Natürlich! Du musst uns nur die Chance geben, auch eine Zukunft haben zu können.“ Ich entschied mich für absolute Ehrlichkeit gegenüber dem Mann meiner Träume. „Ich habe dir doch gesagt, ich werde dich allen meinen Freunden vorstellen … und … Daniel gehört dazu … irgendwie.“

 

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Er blickte mich verwirrt an. „Irgendwie?“

 

Ich atmete tief durch. „Daniel habe ich noch nie gesehen, jedenfalls nicht in der Realität, nur via Cam. Wir haben einige Male gechattet und – ehe du fragst – es kam dabei auch zu gewissen Handlungen. Er war es auch, dem ich die Entdeckung meiner gelben Ader zu verdanken habe.“

 

„Wenigstens etwas!“ Er grinste. „Wie hast du den Enkel der Laufenbergs überhaupt kennengelernt?“

 

„Über eine Konspiration mit seiner Großmutter.“ Ich erzählte meinem Engel von ihrem Wunsch, eine Wiederholung ihrer Hochzeitsreise nach Berchtesgaden zu verhindern und all den Schritten, die ich zusammen mit Daniel dafür unternommen hatten. Auch unser Beinahe-Dreier fand Erwähnung, ich wollte ja offen gegenüber meinem Liebsten sein; also warum sollte ich das aussparen?

 

„Du bist mir ja ein Früchtchen!“ Seine Stimme klang amüsiert. „Treibst es mit einem Fernsehbild.“

 

Ich griff nach meinem Aktenkoffer, der neben mir an der Parkbank stand, öffnete ihn und suchte nach den andren Bildern, die mit in dem Paket von Daniel waren. „Hier! So sieht er nackt aus!“

 

Ein anerkennender Pfiff drang an mein Ohr. „Der Knabe sieht ja echt lecker aus. Da könnte man ja …“

 

„Was?“ Ich drehte mich zu ihm um. „Was könnte man?“

 

„Glatt schwach werden, wenn man …“ Er grinste mich nur frech an. „… Single wäre.“ Seine Lippen berührten die meinen und wir versanken ineinander, nahmen unsere Umwelt nicht mehr wahr.

 

Erst Hundekläffen ließ uns voneinander ablassen. Quelle der Ruhestörung waren zwei junge Golden Retriever, die vor uns standen, mit ihren Ruten wedelten und an Josts Rucksack schnupperten. Wir mussten also schon fünf Uhr haben, denn erst danach waren Tiere am Strand erlaubt. Eine etwas beleibtere Frau versuchte, mit ihren Tieren Schritt zu halten. „Ginger and Fred! Stop!“

Die beiden hörten allerdings nicht auf Frauchen, eine über den Sand fliegende Tüte hatte wohl ihre Aufmerksamkeit erregt, sie stürmten in Richtung Wasserkante. Die Frau im rosa Jogginganzug rang nach Atmen, als sie uns erreicht hatte. „They are to fast for me.“ Ehe ich ihr eine passende Antwort geben konnte, lief sie schon wieder ihren Hunden hinterher.

 

Jost grinste. „Wer da wohl mit wem Sparzieren geht?“

 

„Golden Retriever sind nun einmal Jagdhunde und deren Haltung ist bewegungsintensiv.“ Ich steckte mir eine neue Zigarette an. „Das sollte aber nur für die Hunde gelten und nicht für die Halter.“

 

Er lachte. „Stimmt! Aber etwas Bewegung kann der Dame ja nicht schaden.“

 

„Alter Chauvinist! Aber ehe du über weitere Bilder bei mir stolperst, zeige ich sie dir lieber selbst.“ Ich holte meinen Laptop aus dem Koffer und startete ihn. Ich war je eh bei einer Generalbeichte.

 

Er nahm mir das Lungenbrötchen aus dem Mund. „Was kommt denn jetzt?“

 

„Warte es ab.“ Ein erneuter Griff in die Schachtel und nach einigen Zügen meldete sich der Computer einsatzbereit. Ich steuerte mein Bilderarchiv an und navigierte zu einem Ordner mit Namen Matt-Bos. Das erste Bild zeigte einen sportlich gebauten Schwarzen, der nackt in einem Zimmer stand.

 

„Wer ist das denn? Noch so eine Sahneschnitte!“ Er blickte mich an.

 

„Das ist Matthew aus Boston, arbeitet in der Unibibliothek.“ Die nächsten Bilder waren ja eindeutiger, wenn auch teilweise nicht ganz scharf, was der Wirkung aber keinerlei Abbruch tat.

 

„Gordon Lensing! Du großes, kleines Ferkel!“ Warum wurden seine Augen immer größer, je mehr Bilder wir betrachteten? „Du knipst dich beim Sex!“

 

„Ab und an, aber die Bilder waren eher für ihn als für mich.“ Ich musste selber Husten. „Aber … sie sollten ja auch einem guten Zweck dienen.“

 

„Welchem?“ Seine Stimme stockte leicht. „So als Wichsvorlage für einsame Nächte?“

 

„Gaynau! Aber die Bilder waren ja nicht mehr nötig …“ Ich drückte die Zigarette aus.

 

Er blickte mich mit fast glasigen Augen an. „Wieso?“

 

„Na, es war keine mehr nötig, denn meine …“ Ich küsste ihn auf die Wange. „… Wichsvorlage hat zwei Beine und ist mir letzten Sonntag auf dem Bostoner Flughafen über den Weg gelaufen.“

 

„Danke, aber … trotzdem bist du ein kleines Ferkel!“ Seine Hand massierte seinen Oberschenkel. „Die Bilder … sind zwar künstlerisch nicht so wertvoll wie die Akte von diesem Daniel, aber … als Vorlage … echt gut! Willst du mal fühlen?“

 

Fragt man einen Verdurstenden, ob er trinken möchte? Ich ließ meiner linken Hand freien Lauf und stieß auf mächtigen Widerstand, der sich innerhalb der Jeans aufgebaut hatte. Ich tastete mich vor, Jost hatte, Gott sei Dank, eine Hose mit Reißverschluss an. Mit zwei Fingern öffnete ich ihn, ein wohliges Stöhnen drang an mein Ohr. Ich ließ meiner Hand freien Lauf, ließ sie in seinen Schritt eintauchen und spürte unter der Baumwolle mächtiges, hartes, warmes, pulsierendes Fleisch.

„Kann es sein, das da jemand rattig ist?“

 

„Davon kannst du ausgehen!“ Er rekelte sich etwas auf seinem Platz, meine Fingerkuppen spürten eine gewisse Feuchte. „Am liebsten würde ich jetzt …“

 

Ich versuchte mich zu ihm umzudrehen, was aber gar nicht so einfach war, der Aktenkoffer samt Laptop ruhte ja immer noch auf meinen Knien. „Was denn?“

 

„Die Aufnahmen nachspielen!“ Er küsste mich.

 

Meine Hand ertrank fast in Vorsaft. „Hier und jetzt?“

 

Aus der Ferne war Hundegebell zu hören. „Jetzt und sofort! Aber … ehe Ginger und Fred hier wieder auftauchen und diese rosa Presswurst Alarm schlägt? Wir sollten besser die Örtlichkeiten wechseln, ich will mein Studium hier ja nicht im Knast beginnen!“

 

„Gute Idee!“ Ich blickte ihn an. „Leihst du mir eine Hand?“

 

„Immer doch!“ Er küsste mich erneut. „Aber wozu?“

 

„Um den Laptop in den Koffer zu packen.“ Ich erhöhte den Druck auf sein Gemächte. „Das kann ich aber nur mit zwei Händen oder soll ich meine Hand da jetzt rausnehmen?“

 

„Untersteh dich!“ Er lachte mich hämisch an. „Ich habe mir doch das richtige Ferkel ausgesucht!“

 

Es dauerte zwar eine Weile, bis die visuellen Grundlagen der körperlichen Erregung wieder im Koffer verstaut waren, die Hand-Hand-Koordination würden wir noch üben müssen, aber es gelang uns schließlich doch. Auch das Aufstehen mit meiner Hand in seinem Schritt war nicht gerade ein leichtes Unterfangen, aber auch dieses Problem wurde gelöst, es dauerte jedoch eine Weile.

Jost blickte mich fragend an. „Also, wohin sollen wir? Du bist der Reiseleiter, du kennst dich aus.“

 

Ich überlegte. „Hier ist nur Strand, auf der anderen Seite auch. Aber – wenn ich mich recht erinnere – wir müssen über die Brücke, da liegt dann links von der Straße ein Golfplatz, wo man ungestört …“

 

„Dann lass uns dahin!“ Er drückte mir einen Kuss auf den Mund und wir machten uns auf den Weg, meine Hand lag immer noch da, wo sie vor dem Verpacken des Laptops war, in seinem Schritt.

 

Diese Art der Verbindung lösten wir erst, als wir den Parkplatz, an dem uns der Bus vor etwas über einer Stunde ausgespuckt hatte, erreicht hatten. Wagen rauschten an uns vorbei, der Verkehr war zwar nicht dicht, aber doch stetig. Ich deutete auf das Gehölz am anderen Ende der Brücke. „Dahin!“

 

„Gut!“ Er schaute nach links, um die Straße zu überqueren. „Aber, sag mal, wie weit ist es eigentlich von hier noch bis zur Fähre?“

 

Ich packte mir in den Schritt, Klein-Gordon freute sich auf das Kommende. „Knapp zwei Meilen.“

 

„Scheiße!“ Warum fluchte er?

 

Ich schaute ihn fragend an. „Was ist Mist?“

 

„Weil wir die Sache hier und jetzt vergessen können! Fuck!“ Ärger bestimmte seinen Tonfall. „Zwei Meilen sind über drei Kilometer und bis zum Ablegen haben wir nur noch eine halbe Stunde. Den Fick und den Weg schaffen wir nie in dieser Zeit!“

 

Ich ließ meinen Kopf sinken, grübelte. „Dann nehmen wir halt die nächste Fähre, die geht um viertel nach sieben ab Vineyard Haven.“

 

„Vergiss es! Ich bin zwar rattig wie ein Straßenköter und würde dich am liebsten jetzt sofort über das Brückengeländer legen, um dir deinen Arsch zu versilbern, aber …“ Er atmete tief durch. „… wenn wir das Schiff nicht kriegen, reißen deine lieben Schwiegereltern erst mir und dann dir den Kopf ab. Es war schon schwer genug für mich, den heutigen Nachmittag von ihnen freizukriegen.“

 

An die beschissene Fähre hatte ich gar nicht mehr gedacht. „Ganz großer Mist!“

 

„Du sagst es! Mama will halt so viel Zeit wie möglich mit mir noch verbringen, ehe sie Freitag wieder abfliegen.“ Plötzlich lag ein hämisches Grinsen auf seinen Lippen. „Aber … auf dem Schiff gibt es ja auch eine Reling … oder zumindest ein Klo!“

 

Ich musste grinsen. „Und mit Abgängen in WCs hast du ja schon Erfahrung!“

 

„Haha!“ Jost knuffte mich in die Seite. „Nun lass uns los, sonst kommen wir nie an.“

 

„Zu Befehl Sir!“ Ich salutierte und wir machten uns auf den Weg.

 

Wir hatten noch nicht einmal das Ende des Golfplatzes erreicht, als neben uns ein Minivan hielt und die Schiebetür geöffnet wurde. Susanne Weihrauch, eine der Damen aus dem Ruhrgebiet, trat auf den provisorischen Bürgersteig. „Vera, du hattest Recht! Das ist unser Reiseleiter.“ Sie schaute uns an. „Sollen wir sie mitnehmen?“

 

Jost antwortete an meiner Stelle. „Das wäre überaus nett, wir haben wohl auf der Suche nach den Drehorten zum Weißen Hai etwas die Zeit vergessen.“

 

Grinsend bestiegen wir das Gefährt, es war ja noch nicht einmal gelogen, was mein Göttergatte da gerade von sich gegeben hatte. Im Wageninneren saßen noch Leipzig und München 1. Ich setzte mich auf die Rückbank zu den Bayern. „Und? Was haben sie unternommen?“

 

Der Wagen fuhr wieder los. „Eine Inselrundfahrt, aber drei Stunden sind einfach zu kurz für die Insel.“

 

Vera Eichborn pflichtete ihm bei. „Das muss ich leider auch sagen, Herr Gorden, die Zeit war viel zu knapp bemessen. Also, wenn wir die Tour als Leserreise anbieten, dann brauchen wir für die Insel mindestens einen halben, besser noch einen ganzen Tag. Ich kam mir heute irgendwie gehetzt vor, so dicht war das Programm.“

 

Ich war jetzt wohl wieder im Dienst. „Normalerweise ist der Tag in Hyannis zur freien Verfügung, die Gäste können selbst entscheiden, was sie machen wollen, also entweder Wale, eine der Inseln oder ganz was anderes. Mein Bruder hat bei der Planung ihrer Reise alle drei Möglichkeiten in einen Topf geworfen.“

 

„Ach so ist das!“ Leipzig meldete sich zu Wort. „Ich dachte schon, das ist das normale Programm, das sie anbieten.“

 

„Nein, wir von Lensing wollen ihnen nur Möglichkeiten aufzeigen, wie sie ihre eigene Reise gestalten können.“ Vom modularen System hatte anscheinend noch niemand etwas gehört. „Sie müssen aber auch immer den Preis im Auge behalten. Der Tag heute, so wie sie ihn erlebt haben, würde mit über 150 Dollar in den Reisepreis einfließen, ist der Tag jedoch frei, nur mit einem Drittel.“

 

„Wir haben also heute für über 100 Dollar Programm genossen?“ Susanne Weihrauch schaute mich fragend an. „Entschuldigung, aber das glaube ich nicht so ganz.“

 

„Das kann passen!“ Der Einwand kam aus München. „Mein Bruder hat im letzten Jahr eine Waltour gemacht, allerdings direkt ab Provincetown. Er meinte, der Trip wäre seine 50 Dollar durchaus wert. Wenn sie dann noch Essen, Fähre und Transport hinzurechnen, kann das schon hinkommen.“

 

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Wale so teuer sind.“ Die Dame aus dem Ruhrgebiet ruderte zurück.

 

Ich blickte sie an. „Auf den normalen Touren kommen die Erklärungen nicht wie bei uns vom Band, sondern ausgebildete Meeresbiologen beantworten alle ihre Fragen.“

 

Der Wagen stoppte, wir waren am Ziel und gingen zum Anleger. Allerdings ging das Gespräch weiter, wurde sogar noch intensiver. Die Nantucket hatte schon längst abgelegt, als der Herr aus München meinte: „Wir sollen ihnen also einen Preis nennen und sie stricken uns das passende Programm?“

 

„Das ist unsere Aufgabe, aber das ist gerade nicht der Weg, den wir gehen wollen. Wir wollen die Leserreisen aus ihrem Schattendasein führen.“ Ich blickte ihn an. „Wie alt sind in der Regel die Teilnehmer der Reisen, die sie beziehungsweise ihre Zeitung anbieten?“

 

Er schaute mich irritiert an. „Ungefähr in meinem Alter, also um die 50.“

 

„Eben! Und aus dieser Nische wollen wir heraus!“ Ich grinste ihn an. „Die normale ‚Leserreise‘ durch den Indian Summer unterscheidet sich von der ‚normalen‘ Rundreise, die man buchen kann, nur durch zwei kleine Dinge. Meist ist sie 50 Euro pro Nase aufgrund der Gruppengröße günstiger und die Teilnehmer kommen aus der gleichen Gegend und nicht aus ganz Deutschland.“

 

Der Redakteur aus Göttingen, der sich zu uns gesellt hatte, nickte bestätigend. „Da ist was dran!“

 

„Lensing möchte andere Zielgruppen mit ihnen erreichen. Warum nicht einmal eine Leserreise durch den Indian Summer für die Gruppe 25 bis 35?“ Ich schaute in fragende Augen.

 

„Die sind in der Regel nicht so flüssig.“ Vera Eichborn erntete zustimmendes Nicken.

 

„Aber reiselustiger, nicht so gesetzt, unternehmungslustiger.“ Hannover war mit 43 das Küken unter den Schreiberlingen. „Dann machen sie uns doch mal einen Vorschlag, wie eine solche Reise aussehen könnte.“

 

„Der übliche Reisepreis für eine Neun-Tage-Tour durch den Indian Summer liegt zwischen 1.600 und 1.700 Euro inklusive Flug. Die Touren sind fast alle gleich: zwei Tage Boston, ab nach Maine, dann geht es in die Wälder und dann über die Südroute und Cape Cod zurück nach Boston.“ Ich sah nur allgemeines Kopfnicken. „Für die jüngere Zielgruppe würde ich maximal 1.250 Euro ansetzen und das Programm etwas ändern. Alle Hotels ein Stern weniger und anstelle von zwei bis drei Herbergen in den Wäldern, drei Tage in einem Blockhaus mit Touren vor Ort. Dann geht es wieder in die Zivilisation nach Springfield, anstelle der Landwirtschaftsmesse ein Vergnügungspark, dann aufs Wasser zu den Walen und über das Freilichtmuseum der Pilgerväter wieder ab zum Flughafen.“

 

„Aber …“ Susanne Weihrauch suchte nach Worten, „… das fällt doch auf!“

 

„Was sollte denn auffallen?“ Ich blickte sie an. „Ich biete den Indian Summer an und der ist örtlich nicht begrenzt. Wenn ich das Oktoberfest besuchen will, dann muss ich auf die Theresienwiese in München, wenn ich das Original erleben möchte! Aber ob ich dieses Naturschauspiel nun in den White oder in den Green Mountains erlebe, das ist doch egal, oder sehe ich das falsch?“

 

„Nö, das siehst du richtig!“ Mein Schwiegervater stand plötzlich hinter mir. „Wenn du das für den Preis hinkriegst, dann eine jugendliche Tour für das Abendblatt!“

 

„Und eine für die Hannoversche Allgemeine.“ Ich liebe Konkurrenz.

 

„Ich glaube nicht, dass wir aus Leipzig eine eigene Tour reservieren können.“ Der Reiseredakteur der Volkszeitung schien resigniert.

 

„Aber zusammen mit unserem Tageblatt dürfte das gehen!“ Göttingen hatte gesprochen.

 

Es wurde noch weit mehr gesprochen, Ideen ausgetauscht, Netzwerke gebildet, aber irgendwann klinkte ich mich mit den Worten, ich bräuchte dringend eine Zigarette, aus der Runde aus. Jost begleitete mich an Deck, und, erst als wir an der Reling standen, sprach er mich an. „Sag mal, Schatz! Ist das eigentlich immer so?“

 

„Was sollte immer so sein?“ Ich schaute ihn an.

 

„Dass du keine Zeit für deinen Partner hast!“ Vorwurfsvoll blickte er mich an. „Ich kam mir wie das fünfte Rad am Wagen vor, irgendwie nutzlos.“

 

„Das fünfte Rad am Wagen ist normalerweise das Lenkrad, also ein wichtiger Bestandteil!“ Ich versuchte, ihn anzulächeln. „Aber ich weiß, was du mir sagen willst! Ich wäre mit dir auch lieber auf das Klo verschwunden und hätte … meine Beine breitgemacht. Ich will dich endlich in mir haben! Aber, leider Gottes, bin ich noch im Dienst; ich kann leider nicht so, wie ich gerne möchte!“

 

„Und wann kannst du das?“ Liebevoll blickte er mich an.

 

Ich atmete tief durch. „Wenn wir wieder im Hotel sind, dann habe ich offiziell Feierabend, dann sind wir für uns. Sollte aber eine der Gäste später doch noch Mist bauen und Probleme mit der Polizei kriegen, werde ich auch noch nachts aus dem Schlaf gerissen, denn ich bin der Reiseleiter und somit für ihn verantwortlich. Abschließen mit einer Gruppe kann ich erst dann, wenn der letzte Gast das Flugzeug betreten hat und ich in aller Ruhe meine eigene Wohnung betreten kann.“

 

Jost atmete tief durch. „Dann möge das bald sein! Brooklyn, wir kommen!“

 

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1 Kommentar

  1. Moin
    ich habe die tolle Story nun schon zum dritten mal komplett gelesen und immer wieder mit totaler Begeisterung !
    was ich vermisse sind die Geschehnisse zwischen Boston und Fire Island .
    Ich bin der Meinung das ich das früher schön mal gelesen haben…..nicht nur weis ich nicht wo.
    Für eine kleine Info wäre ich sehr dankbar!
    Liebe Grüße Ralph

    PS auch die anderen Storys sind klasse!

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