Welcome to Australia – Teil 03

Tom

Was für eine Scheiße war das denn eben? Mein Rücken fühlte sich an, als hätte einer mit dem Vorschlaghammer drauf gehauen.

„Tom?“

Berry kniete neben mir.

„Alles klar?“

„Ja…, geht schon irgendwie. Hilfst du mir mal auf bitte?“

Berry streckte mir die Hand hin und zog mich hoch. Er verzog dabei sein Gesicht etwas. Seine Rippe hatte ich total vergessen.

„Tut mir Leid, Berry. An deine Rippe habe ich nicht gedacht“, meinte ich und zog den Stuhl wieder an den Tisch.

Berry hob meine Gabel auf und wischte sie an seiner Serviette ab, bevor er sie wieder auf mein Tablett legte.

„Muss dir nicht Leid tun, ich habe auch nicht daran gedacht. Mir tut es viel mehr Leid, dass du nun unter den Gorillas von Timothy leiden musst.“

„Wer war denn das? Das ging so schnell, ich habe das gar nicht richtig mitbekommen.“

Die Leute an den anderen Tischen hatten auch kaum Notiz davon genommen, was eben an unserem Tisch passiert war. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Molly und den Rest der Clique auf uns zu marschieren.

„Jason und Eddy. Zwei hirnlose Muskeltypen, die Timothy wie einem King folgen.“

„Hallo ihr zwei. Ihr seid ja schon da“, hörte ich Molly rufen.

Ich nickte ihr mit einem gequälten Lächeln zu.

„Was ist denn mit dir?“, fragte Lesley.

Horaz, Sophia und Joshua nahmen ebenfalls an unserem Tisch Platz.

„Jason und Eddie sind da gewesen“, meinte Berry.

„Jetzt versteh ich…“, kam es von Horaz.

„Was?“, fragten Berry und Lesley gleichzeitig.

„Haben die beiden Tom irgendwie bedrängt?“, fragte Horaz.

„Bedrängt ist gut, sie haben mir den Stuhl unterm Hintern weggezogen und ich bin voll auf den Boden geknallt“, erklärte ich.

„Autsch“, gab Sophia ihren Senf dazu.

„Und was bitteschön gibt es da zu verstehen?“, fragte Molly.

„Ich habe gerade mitbekommen, wie der Direx sich die beiden vorknüpfte und mit einer Suspendierung gedroht hat“, erzählte Horaz und schob eine Gabel voll Nudeln in den Mund.

Die anschließenden Worte konnte ich nicht mehr verstehen.

„Horaz, man versteht kein Wort!“, meckerte Molly.

Die anderen kicherten und aßen inzwischen weiter, bis Horaz seine Hamsterbacken abgebaut hatte.

„Ich fragte“, begann er, „ob Tom irgendwie unter Beobachtung steht?“

Verwirrt schaute ich ihn an. Berry sah zu mir und schüttelte schwach den Kopf.

„Horaz, schau mal an die Decke“, meinte Lesley, „da hängen einige Kameras. Der Alte hat das sicher gesehen.“

Es stimmte, mir war schon mehrfach aufgefallen, dass in der Schule an verschiedenen Stellen Kameras hingen.

„Da merkt man, wie blöd die Jungs sind. Schon so lange hier auf der Schule und haben das immer noch nicht kapiert“, meinte Joshua.

„Aber so kann es nicht weiter gehen“, meinte Molly, „irgendetwas muss doch unternommen werden.“

„Was denn?“, fragte ich, „willst du mir jetzt Bodyguards besorgen oder so was?“

Lesley fing an zu kichern, was Molly mit einem bösen Blick kommentierte.

„Mir ist das Ernst, Leute. Ich will nicht, dass mein Cousin Angst haben muss, hier auf die Schule zu gehen.“

„Molly, übertreibst du jetzt nicht etwas?“, fragte Berry.

„Wieso denn?“

„Weißt du, wie oft ich hier schon dumm angemacht worden bin?“

Lesley und ich schauten uns wissend an.

Berry

Als die anderen mit Mittagessen fertig waren, gingen wir zur nächsten Stunde. Der Rest des Schultages verlief ohne weitere Zwischenfälle und so machten wir uns am späten Nachmittag auf den Weg nach Hause.

Da ich Tom heute nach den ganzen Vorfällen nicht alleine lassen wollte, holte ich bei mir nur ein paar frische Sachen aus meinem Zimmer und sagte meiner Mutter Bescheid, dass ich heute bei den Millers bleiben würde.

„Dann können wir dein Zimmer ja bald untervermieten.“

Ich streckte ihr die Zunge heraus.

„Na warte Bürschchen…“

Schnell war sie bei mir und wollte gerade ihren Zeigefinger zwischen dem dritten und vierten Rippenbogen versenken, als sie innehielt.

„Das wird nachgeholt, wenn es deiner Rippe wieder besser geht“, sagte sie grinsend.

Dann nahm sie mich in den Arm und drückte mich fest an sich.

„Ich bin froh, dass du jemanden gefunden hast, den du liebst.“

Dann gab sie mir noch einen Klaps auf den Hintern und kicherte.

„Viel Spaß und viele Grüße an Abby und Bob. Wenn du ihnen auf den Wecker fällst, sollen sie dich nach Hause schicken.“

*-*-*

„Wie war dein erster Schultag, Tom?“, fragte Bob.

Wir saßen mittlerweile beim Abendbrot, Darleen hatte frisches Brot gebacken und es stand reichlich Wurst und Käse auf dem Tisch.

Sogar Bob und Abby, die in letzter Zeit sehr viel in der Praxis zu tun gehabt hatten, hatten heute früher Feierabend gemacht, um mit uns zusammen zu Abend zu essen.

„Nicht so prickelnd!“

Und während ich mir was zu essen nahm, erzählte Tom die Vorkommnisse des Tages, die von Molly und mir ergänzt wurden.

„Na, dann war es ja eine gute Idee, schon vorher mit Scott zu sprechen.“

„Aber dass ich schwul bin, hättest du ihm nicht unbedingt auf die Nase binden müssen.“

Bob stand auf und nahm Tom in den Arm.

„Hör mal, es war auch für mich nicht einfach, das zu sagen. Nicht, weil ich ein Problem damit habe, sondern weil ich weiß, dass du und nur du selber entscheiden sollst, wer das erfährt und wer nicht. Scott hatte mich direkt gefragt und da konnte ich ihm schlecht ins Gesicht lügen, zumal wir seit Ewigkeiten sehr gut befreundet sind und er absolut vertrauenswürdig ist. Aber es tut mir trotzdem leid … entschuldige bitte.“

Bob drückte Tom noch einmal und setzte sich wieder auf seinen Platz.

„Ich bin dir nicht böse und es war ja ganz gut so.“

Ich schmierte mir eine weitere Scheibe Brot mit selbstgemachter Wurst.

„Berry, wenn du weiter so isst, kann Tom dich morgen die Treppe runter rollen.“

Alle lachten und ich stimmte einen Moment später mit ein … typisch Molly.

Wenig später waren Tom und ich in seinem Zimmer. Er hatte etwas Musik angemacht und ich machte es mir auf seinem Bett bequem.

„Was  hältst du von der ganzen Sache mit Timothy?“

Tom

Berry sah mich an.

„Ich weiß nicht, was ich von Timothy denken soll. Einerseits ist er das Ekel, so wie er in der Schule auftritt und dann fällt mir die Erzählung von Nath ein, dass er bei ihm ganz anders sei, ich werde daraus nicht schlau.“

„Ich weiß, was du meinst. Mir geht es ähnlich. Aber nehmen wir mal, nur rein theoretisch und bitte unterbrich mich nicht.“

Berry nickte.

„Wenn Timothy dir den Baseballschläger in die Speichen geworfen hat, alles Mögliche versucht, dich und mich unschädlich zu machen, kommt das alles von dem Hass auf Schwule, angetrieben von seiner Mutter, die angeblich ihren Mann hinaus geworfen hat, weil sie ihn mit einem Kerl im Bett erwischt hat?“

„So gesehen würde ich dir Recht geben, aber was ist mit Nath?“

„Eben. Jeder weiß, das Nath schwul ist. So wie du erzählt hast, hat Timothy euch damals beide geoutet. Nath wird aber in Ruhe gelassen, sicher auch von diesen zwei Gehirnamputierten, die mich heute auf dem Kicker hatten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Timothy Nath etwas vorspielt. Er hat sich sogar küssen lassen.“

„Du meinst, da steckt was anderes dahinter?“

Ich seufzte.

„Ich weiß es nicht… Bei dem Gespräch mit Nath, da hattest du sicher den gleichen Gedanken wie ich, oder? Dass Timothys Großvater und der Timothy aus dem Tagebuch derselbe ist.“

„Stimmt, deswegen habe ich ja Nath gefragt, ob er weiß, wie Timothys Großvater heißt.“

„Er wusste es nicht, ich weiß.“

„Kleiner Engel, was heckst du in deinem Kopf grad aus?“, fragte mich Berry und streichelte mir sanft über die Wange.

„Gar nichts, ich habe nur eine Menge Puzzleteile und weiß nicht, wie ich sie zusammen setzen soll.“

„Hast du denn inzwischen mal im Tagebuch weiter gelesen?“, fragte Berry, was ich mit einem Kopfschütteln verneinte.

„Dann habe ich ja jemanden, der mir eine schöne Gute-Nacht-Geschichte vorliest“, meinte Berry und lehnte sich an die Rückwand meines Bettes.

Ich ging zum Schreibtisch und zog die Schublade auf. Sorgsam eingebettet in ein Tuch lag dort das Tagebuch. Ich entnahm es und legte mich zu Berry. Vorsichtig legte ich, wie immer, das Kleeblatt auf meinen Nachttisch und las weiter.

..Timothy schloss die Augen und schluckte. Leise, aber stoßweise, konnte ich seinen Atem hören. Meine Hand wanderte nach oben und…nun hob Timothy seinerseits ebenfalls die Hand, legte sie um meinen Nacken und zog mich zu sich.

Unsere Lippen trafen sich erneut, doch diesmal wich ich nicht erschrocken zurück. Ich genoss diese zärtliche Berührung. Unsere Küsse wurden energischer und unsere Hände wanderten über den Körper des anderen…“

 

„Tom, das macht mich an…“

Ich musste kichern.

„Soll ich also aufhören zu lesen?“

„Nein, bitte lies weiter, jetzt wird es doch spannend.“

„Okay, wie du willst.“

Mein Blick wanderte zurück zum Buch.

„… unsere Hände wanderten über den Körper des anderen…“

„Booooooob“, hörte ich Abby schreien und danach hörten wir Gepolter.

Berry und ich sahen uns erschrocken an. So schnell wir konnten kletterten wir aus dem Bett und rannten zur Tür. Im Flur angekommen sahen wir Bob am Fuß der Treppe liegen. Abby stand unbeweglich auf der Mitte der Treppe.

Sofort eilte ich zu Bob, kniete mich neben ihn. Er zeigte keine Regung, atmete aber noch. Abby und Berry waren mittlerweile neben mir.

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