Das Boycamp II – Teil 9

»Komm, lass und nachsehen, aber leise.« Damit setzte sich Erkan in Bewegung, seine Augen fixierten Weg und Gelände. Automatisch hielt er sich am Rand des schmalen Weges und Lutz folgte ihm mit einem Meter Abstand. Jetzt war die Stimme wieder zu hören, aber sie war noch zu weit weg um zu verstehen was da gesagt wurde. Immerhin klang die Stimme nun ruhiger und auch leiser, man hätte sie fast als Betteln oder Flehen interpretieren können. Die beiden kamen dem Camp immer näher, irgendwelche verdächtigen Bewegungen waren nicht auszumachen und so steigerten sie ihr Tempo, bis sie am Sammelplatz angekommen waren. Deutlich konnten sie nun den Verursacher der Stimme heraushören und eilten zu seinem Zelt.

»Es wäre nicht schlecht, wenn du einfach den Zufahrtsweg im Auge behalten könntest«, flüsterte Nico und zeigte auf die Stelle, »ich seh mir das kurz an und dann hauen wir ab.«
Stefan nickte, so ähnlich hatte er sich die nächsten Minuten vorgestellt. Daran, dass sich jemand am Waldrand gleich daneben im Gebüsch versteckt haben und ihn da hineinzerren könnte, um ihn unschädlich zu machen, wagte er nicht zu denken. Er wollte vor seinem Freund letztendlich auch nicht als völliger Versager und Angsthase gelten.

»Wenn etwas ist, lieber in Deckung bleiben, okay?«

Stefan nickte und entfernte sich langsam, blieb dann mitten auf dem Weg stehen. Tief steckte er seine Hände in die Taschen und begann aus Langeweile zu zählen. »Eins, zwei, drei…«

Nico informierte Erkan kurz über die Geschehnisse, ließ sich aber zu keiner längeren Unterhaltung hinreißen.
Das Licht der Handylampe wurde zusehends blasser und Nico fluchte leise. Wenn die Lampe ausging war auch das Handy leer und das war zumindest im Augenblick nicht sonderlich praktisch. Trotzdem suchte er am Tor zu der Halle den Boden ab, lief dann ein Stück auf der Rampe entlang und leuchtete in die Bretterritzen. Sie waren zu schmal um etwas dahinter zu erkennen, auch war es weiterhin völlig still. Fast lautlos sprintete er auf die andere Seite vom Tor und hier standen zwei Seitenbretter nicht so dicht aneinander. Vorsichtig leuchtete er durch den fingerbreiten Spalt und hielt die Luft an. Seine Augen weiteten sich und rasch knipste er das Licht aus, sprang in einem Satz von der Rampe und rannte den kürzesten Weg dorthin, wo Stefan stehen musste.

»Mirko, hallo?« Verzweifelt versuchte Klaus, dem Jungen ein Lebenszeichen zu entlocken und schüttelte den am Boden liegenden an den Schultern. Kaum überrascht sah er auf, als Erkan und Lutz plötzlich neben ihnen standen.

»Was´n hier passiert?«, fragte Erkan und kniete sich neben Klaus.

»Ach, der Dummkopf. Schleicht sich hier rein und… egal. Ich hab mich im Zelt verkrochen und konnte zudem nicht sehen wer da sein Unwesen treibt. Als er auf einmal mit dem Rücken zum Zelt stand, hab ich nicht lange gefackelt. Es… ich hab ihn nicht erkannt.« Klaus wandte sich wieder Mirko zu, der sich immer noch nicht regte.

»Aha, ich nehme mal an du hast ihm damit eins übergezogen?«, mutmaßte Erkan und hob den dunkelgrünen Köcher auf. Er wog ihn kurz in einer Hand. »Das tut weh…«

»Erkan, mach keine Witze«, fluchte Klaus und tätschelte Mirkos Wangen in einem fort.

»Ham wa gleich«, gab Erkan von sich, nahm seinen Rucksack ab, holte die Feldflasche heraus und kippte ein wenig Wasser über Mirkos Gesicht. Das Wasser war zwangsläufig praktisch eiskalt und verfehlte seine Wirkung Sekunden später deshalb nicht. Mirko prustete kurz und riss die Augen auf. »was ist los…«, stöhnte er und schloss die Augen sofort wieder. »Oh, mein Schädel..«

Klaus nahm Mirkos Kopf vorsichtig in die Hand. »Du bist lebensmüde, weißt du das?«

Erkan holte Luft. »Ist noch mal gut gegangen. Ich schlage vor du bettest ihn in dein Zelt heute Nacht. Sollte ihm schlecht werden müssen wir handeln.«

Klaus begriff, dass Erkan auf eine Gehirnerschütterung anspielte und begann sich zu verfluchen, dass er so feige war und dem vermeintlichen Gegner nicht in die Augen gesehen hatte. Dann wäre nichts passiert. »Okay, ich kümmere mich um ihn. Wo sind Nico und Stefan? Wohl noch unterwegs…«

»Ja, scheinbar. Aber sie sollten längst hier sein. Vom Verladebahnhof hier her ist es nicht so sehr weit.« Erkan nahm sein Handy und drückte eine Kurzwahlnummer. Verwundert sah er auf das Display. »Hm, Empfänger nicht erreichbar. Na ja, er sieht ja dass ich anrufen wollte.«

»Wenn du Stefan noch anklingelst kannst ganz sicher sein. Immerhin hat Nico ´ne Lampe drin, da könnt’s schon sein dass es leer ist. Also, ich könnt mir das denken…«

Noch während Lutz redete versuchte Erkan, Stefan zu erreichen. »Das gleiche. Die haben im Moment keinen Empfang.«

»Und jetzt?«

»Ihr geht alle in die Zelte, ich werde warten bis sie hier sind.« Er half Klaus, Mirko in das Zelt zu legen, was sich als nicht einfach herausstellte wenn sich einer so richtig hängen ließ. Dann folgte er Lutz zu ihrem Zelt und hielt ihn am Arm fest. »Ähm, Lutz?«

»Ja?«

»Danke. Macht irgendwie Spaß mit dir. Ich mein, bist schon in Ordnung.« Erkan konnte nicht sehen dass Lutz rot wurde, aber er nahm es an.

»Mit dir auch. Ich knall mich jetzt hin, werd sicher gleich ohnmächtig.«

Erkan drückte seinen Arm noch einmal fester und nickte. »Sobald die beiden da sind komm ich auch…«
Was mach ich da nur? dachte sich Erkan. Das musste ganz gewaltig nach Anmache geklungen haben, es sei denn Lutz war überhaupt noch fähig das zu bemerken. Die Vorstellung, dass sie eng aneinander gekuschelt den Rest der Nacht verbringen würden machte seinen Geist wieder wach, gleichzeitig schämte er sich dafür. »Pfui, du Türke«, schimpfte er leise vor sich hin und schüttelte abermals den Kopf. Sein Blick fiel auf das Zelt, in dem sich Mirko und Klaus befanden und der soeben dabei war, den Reißverschluss des Zeltes zu schließen. »Nacht da drüben«, rief er noch hinüber, aber er bekam keine Antwort mehr.
Er versuchte erneut, Nico und Stefan zu erreichen, aber sie schienen noch immer kein Netz zu haben. Seine Vermutung ging deshalb dahin, dass sie sich noch immer da oben am Bahnhof befanden. Was machten die so lange da? Unruhig sah er auf die Uhr, es war schon kurz vor Eins. Für den Weg zurück würden sie eineinhalb Stunden brauchen, bei schneller Gangart. Bis jetzt war ihre Aktion hier offenbar unentdeckt geblieben, aber wenn sich die beiden derart verspäteten könnte es schief gehen.

»Stefan?« Nico stand auf dem Weg und sah sich um, hier sollte sein Freund eigentlich sein. »Stefan?« wiederholte er, nachdem sich nichts rührte. Allzu laut wollte er nicht rufen, zudem war das in der Stille auch nicht notwendig. Trotzdem überkam ihn jetzt Sorge. Noch einmal rief er, diesmal etwas lauter. Er drehte sich im Kreis, und zum ersten Mal überkam ihn das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit. Alle möglichen Szenarien sausten durch seinen Kopf. Wer sagte ihnen, dass der Fahrer nicht doch etwas bemerkt hatte und nur zum Schein weggefahren war? Ein paar Meter in den Wald hinein, angehalten, Auto aus. Dieser Mensch konnte sicher sein, dass die beiden diesen Weg zurück nehmen mussten, er brauchte nur zu warten. Wenn es um etwas ging würden er oder auch die sicherlich vor nichts zurückschrecken. Es dauerte eine Weile, bis Nico einen einigermaßen klaren Kopf fassen konnte. Sollte es wirklich sein dass Stefan etwas zugestoßen war, hieß die oberste Priorität, sofort von hier zu verschwinden und Hilfe zu holen.

»Uff«, entwich es ihm, als er sich umdrehte, um im Wald nach Deckung zu suchen. Mit vollem Elan war er mit Stefan zusammengestoßen. »Himmel, mein Herz«, stöhnte er zutiefst erschrocken. »Sag mal, wo treibst du dich denn herum und warum antwortest du nicht?«

Stefan sah ihn verwundert an. »Ich dachte, du siehst mich. Musste mal pinkeln.«

Nico schluckte seine Worte, die er ihm jetzt am liebsten an den Kopf geworfen hätte, hinunter. Es war jetzt nicht der Zeitpunkt für Vorhaltungen oder Diskussionen. »Komm, wir müssen endlich zurück. Ich fürchte langsam, dass es nun doch Ärger gibt.«

»Und Erkan?«

Nico marschierte los. »Der muss warten. Weiter unten können wir ihn ja anrufen. Im Übrigen hab ich was entdeckt in der Lagerhalle.«

»Was denn?«

Die Kälte wurde allmählich zu einem richtigen Problem und Erkan haderte zwischen warten hier am Sammelplatz oder im Zelt. Allmählich wanderte der Mond hinter die Bäume im Westen und längst war es nicht mehr so hell. Eine Stunde noch, mutmaßte der Junge, dann wäre es Stockfinster im Wald. Und das war dann Wortwörtlich zu nehmen. Erneut versuchte er die beiden zu erreichen, aber noch immer gab es keine Verbindung. Immerhin konnte man die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen etwas zugestoßen war, nicht ganz von der Hand weisen. Angestrengt dachte er darüber nach, was er tun könnte. Im Grunde spielte es in dem Fall keine Rolle mehr, wie Stein auf ihre Eskapaden reagieren würde. Sie saßen alle in einem Boot. Sollte Mirko ernsthafter verletzt sein mussten sie so oder so Farbe bekennen. Fragend blickte Erkan zum Zelt der beiden hinüber. Sollte er lieber nachsehen? Klaus könnte eingeschlafen sein… Er versuchte, sich zu beruhigen, aber seine Sorge um Nico und Stefan gaben ihm keine Chance dazu. Entschlossen stand er auf und obwohl er fürchten musste, in kurzer Zeit die Hand nicht mehr vor Augen sehen zu können, machte er sich auf den Weg. Er wollte, er mussten den beiden entgegengehen, egal wie.
Kaum hatte er das Camp verlassen und den Pfad in den Wald betreten, brummte sein Handy.

»Mein Gott, wo steckt ihr denn? Ich komm hier um…«

Nico ließ ihn nicht ausreden. »In der Lagehalle, da wo diese Rampe ist, hab ich was entdeckt.«

Erkan hörte aufmerksam zu. »Und du bist sicher, dass das nicht…. ich meine…?«

»Nein. Halte ich für ausgeschlossen.«

»Gut. Dann werden wir jetzt handeln.«

»Erkan, was meinst du mit: Jetzt?«

»So wie ich es sagte. Die Nacht ist sowieso im Arsch und mir persönlich ist ziemlich egal was Stein oder sonst wer mit uns anstellt.«

»Erkan, wir sind müde, es ist saukalt und zudem haben wir bald kein Licht mehr. Offen gestanden…«

Erkan wurde ungehalten. »…habt ihr keinen Bock mehr oder wie? Ich dachte wir sind uns einig? Mensch Nico, so nah waren wir noch nie am Ziel und du hast selbst gesagt dass wir keine Zeit verlieren dürfen.«
Die folgende Stille am anderen Ende ließ Erkan hoffen.

»Erkan, bis du hier bist… das macht keinen Sinn, lass uns das mit Stein klären. Er muss jetzt einfach etwas unternehmen.«

Diesmal schwieg Erkan eine Weile. »Okay, aber versprich dir nicht allzu viel davon.«

»Wenn er wieder nicht reagiert… dann sehen wir weiter.«

»Gut, aber das passiert heute noch.«

»Klar. Wir sind auf dem Weg.«

Nico legte seinen Arm um Stefans Schulter. »Wir sind bald da.«

»Wird auch Zeit, ich kann fast nicht mehr. So eine Nacht…«

»Heute klärt sich alles auf. Entweder Stein spielt mit oder wir machen dem selbst ein Ende.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, flüsterte Stefan, umfasste Nicos Hüfte und lehnte seinen Kopf auf dessen Schulter. »Weißt du, ohne dich wäre ich hier draußen gestorben vor Angst.«

»Ach was, gestorben«, lächelte Nico, »so ein bisschen Adrenalin schadet ja auch nicht.«

»Ein bisschen ist gut«, hauchte Stefan und drückte seinem Freund einen Kuss auf die Wange. »Was bin ich froh, dass die uns hier zusammengesteckt haben.« Dabei zog er Nico noch fester an sich.

Trotz seiner Müdigkeit und der Kälte raffte sich Erkan auf, sich seinen Klamotten zu entledigen und den Trainingsanzug anzuziehen. Dabei fluchte er ein paar Mal, denn auf Anhieb klappte das in der völligen Dunkelheit nicht. Lutz schien davon überhaupt nichts zu bemerken, obwohl Erkan ihn während seiner Umkleideaktion einige Male unbeabsichtigt anrempelte. Endlich zog er den Reißverschluss seines Schlafsacks zu und rollte sich zusammen. Rasch umhüllte ihn wohlige Wärme und erst jetzt spürte Erkan die Müdigkeit. Er stellte sich noch vor, jetzt lieber zusammen mit Lutz in einem Schlafsack zu liegen und sich an den Jungen zu kuscheln, bevor ihn der Schlaf übermannte.

Das ist durch nichts zu ersetzen, dachte Nico und drückte seine Nase noch fester an Stefans Hals. Die Mischung aus wohliger Wärme, der süße Geruch nach Junge und Schlaf, die sich dort scheinbar konzentriert hatten, wirkten fast wie eine Droge. Nico dachte einen Augenblick an so etwas wie Sucht, eine, die absolut abhängig machen konnte. Seine Hand streichelte die nackte Brust und ertastete die wenigen Haare dort. Stefan brummte leise, ohne die Augen zu öffnen.
Trotz der absoluten Dunkelheit hatten sie den Weg zum Camp erreicht, ohne sich zu verlaufen und waren am frühen Morgen wie tot auf ihre Schlafstätte gefallen, gerade noch fähig sich vorher auszuziehen. Um die Kälte aus ihren Körpern zu vertreiben, waren sie dann eng umschlungen sofort eingeschlafen.
Rademanns Weckruf an diesem Morgen hatte dann auch nicht annähernd die Wirkung eines Holzhammers auf den Kopf wie sonst. Nur allmählich wich der Schlaf der Jungen im Camp. Nico küsste Stefans Ohr und fuhr durch seine strubbeligen Haare. Die Vorstellung, dass sie gleich unter der heißen Dusche stehen würden, begann ihn zu beflügeln. Das Gefühl des warmen Wassers war das eine und die Aussicht, Stefan würde ihn zärtlich einseifen, das andere.

»Guten Morgen, Hase. Aufstehen«, hauchte er und küsste Stefan auf den Mundwinkel, einer der ohne Zweifel erotischsten Stellen, die er zu bieten hatte. Nico spürte die Erregung in seinem in diesem Zusammenhang wichtigsten Körperteil und frech ließ er seine Hand von der Brust weiter nach unten wandern, bis er Stefans dichte Schamhaare spürte. Weiter ging er nicht, alleine diese Berührung ließ sein Herz rasen.
Fast ohne Ankündigung spürte er plötzlich eine Hand auf seinem Schenkel und Sekunden später umhüllte sie zärtlich seine Eier.

»Was du kannst, kann ich auch«, flüsterte Stefan erregt. »Aber ich glaube nicht, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt ist.«

Nur allmählich kehrten die Erlebnisse der letzten Nacht in Nicos Gedächtnis zurück und begann, seine aufsteigende Gelüste zu verdrängen. Sie hatten eine Aufgabe und die duldete keinen Aufschub. Widerwillig schlug er den Schlafsack zurück, um ihn sofort wieder um sich zu hüllen. »Das ist schweinekalt«, bemerkte er dann fröstelnd.

»Ach? Hätte ich jetzt gar nicht vermutet«, meinte Stefan daraufhin ironisch und zog seinen Kopf an die Brust.

»Da sind sie. Alle. Jeder hat was damit zu tun und sie haben uns für dumm verkauft«, rief Erkan und deutete zu der Lagehalle auf dem Verladebahnhof. Die anderen Jungs standen bei ihm, die Münder halb offen vor Schreck und Staunen. Gemeinsam beobachteten sie, wie Rademann und Stein den kleinen Tobias aus der Halle zu dem Auto zerrten, in dem Leo Meier ungeduldig wartete. Der Kleine strampelte, schreien konnte er nicht, da ihm der Mund geknebelt war. Rainer Bode stand am Fahrzeug und wedelte mit Tobias’ Stoffhasen. »Komm, du willst ihn doch haben, oder? Dann sei schön brav und mach keine Zicken.«

Erkan schnaubte wie ein Stier. »Es reicht!«, schrie er und rannte los. Überrascht sahen ihn die Betreuer auf sich zukommen.

Rademann lachte höhnisch und deutete mit seinem Zeigefinger in seine Richtung. »Guten Morgen«, rief er dem Jungen entgegen.

Erkan öffnete die Augen einen kleinen Spalt. Der Gesang einiger Vögel drang zu seinem Gedächtnis vor, Dämmerlicht erschwerte die Rückkehr zur Realität. Rademanns Weckruf hatte sich mit seinem Traum vermischt. Einem bösen, widerwärtigen Albtraum. Einen Moment lang verharrte Erkan noch in seinem Schrecken, dann schlug er die Augen endgültig auf. Das was er dann sah, war nun sicherlich kein Traum mehr, er war wach was er nun auch an seiner fast schon schmerzhaften Erektion erkennen konnte. Lutz’ Kopf befand sich nur wenige Zentimeter vor seinem, sanft streichelte der Atem seine Wangen. Schlagartig wurde der Traum durch dieses friedliche und durchaus anziehende Bild verdrängt. Doch, Lutz war hübsch, auf eine bestimmte Art halt. Erkan traute sich nicht sich zu bewegen, um diesen Anblick so lange wie möglich auskosten zu können. Genauer überlegt konnte er ihm gar nicht näher kommen, denn dann würden sie sich bereits küssen. Lutz zu küssen – welch delikate Vorstellung. Eigentlich bewegte er nur die Lippen, kaum hörbar flüsterte er: »Lutz, bis du schon wach?« Nichts, keine noch so kleine Reaktion. Dann versuchte er es mit einer List. »Ich möcht dich am liebsten wach küssen.« Aber Lutz’ Miene veränderte sich nicht, sein Atem war noch immer gleichmäßig und auch die Augen zuckten nicht.
Manche sexuelle Eskapaden hatte Erkan in seinem Leben hinter sich gebracht, aber noch nie stand er deswegen so sehr unter Spannung wie jetzt. Seine Erektion brachte ihn beinahe um den Verstand und in dem Augenblick bezweifelte Erkan, sie je wieder loszuwerden wenn er dem keine Abhilfe verschaffen konnte. Und das schien ihm zu drohen, denn sich jetzt einen runterzuholen fand er in Lutz’ Gegenwart dann doch zu vermessen.
»Schön. Dann tu ich’s jetzt.« Sanft wie eine Daunenfeder küsste er Lutz auf die Lippen. Nur wenige Sekunden waren ihm dazu vergönnt, denn jetzt regte sich zum einen sein Gegenüber und zum anderen jagte ein Orgasmus durch seinen Körper.
Ohne Eile wich Erkan zurück und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er genoss diese Momente, denn es würde sich nicht wiederholen. Er nahm jetzt einfach an, dass es einmalig bleiben würde und richtete sich auf. Wann hatte er das letzte Mal abgespritzt ohne von sich oder jemand anderem berührt worden zu sein? Noch fühlte sich sein nasser Slip, den er zum Glück wegen der Kälte nicht wie sonst üblich ausgezogen hatte, nicht direkt unangenehm an. Allerdings bestand kein Zweifel, das war eine gehörige Menge die sich da ihren Weg nach draußen gebahnt hatte. Fluchen oder ärgern half nichts, es war passiert und wenn Lutz etwas bemerkte, würde er dazu stehen.

»Schon aufstehen?«, grummelte der dann auch. »Wie spät ist es? Ohh… meine Knochen…«

Erkan schielte mit Unschuldsblick zu ihm hinunter. »Zeit.«

»Ah, doch schon. Mann, hab ich gut geschlafen«, sagte Lutz, befreite seine Arme aus dem Schlafsack und streckte sie quiekend in die Luft. »Und du, auch gut gepennt?«

Erkan lächelte. Es schien nicht so zu sein wie bei ihm in der ersten Nacht, in der ihn Nico heimlich küssen wollte. Er hatte das sehr wohl bemerkt, im Grunde sogar herbeigesehnt.
Er öffnete seinen Schlafsack und hoffte, dass Lutz sein Malheur im noch herrschenden Dämmerlicht nicht sehen konnte. Unbedingt sein musste es schließlich nicht.

Besorgt betrachtete sich Klaus seinen nächtlichen Gast. Mirko beteuerte noch in der Nacht, dass alles halb so schlimm wäre, dennoch konnte Klaus nicht richtig schlafen. Immer wieder horchte er, ob sich der Junge neben ihm auffällig benehmen würde, lauschte ob da ein Wimmern oder sonst etwas vernehmbar war. Aber Mirko schlief scheinbar ohne Probleme durch.

»Hi. Wie geht’s deinem Kopf?«, waren dann auch Klaus erste Worte nachdem sie wach geworden waren.

»Irgendwie schon mal besser, aber es geht.«

»Kopfschmerzen?«, hakte Klaus nach.

»Nein, nicht direkt. Es tut weh, aber nur da wo du mich getroffen hast.«

»Mirko, das tut mir echt wirklich Leid…«

»Mach dir doch keine Vorwürfe. Ich hab mich nur so angeschlichen weil ich absolut nichts gehört und gesehen habe. Das kam mir Verdächtig vor und deshalb bin ich vorsichtig gewesen. Du kannst nichts dafür.«

»Was sagen wir Stein? Immerhin könnte es dem auffallen, du weißt ja dass der fast hellsehen kann.«

»Bin gestürzt, über ´ne Wurzel. Ist bei Nacht hier draußen doch schnell passiert.«

»Okay, diese Version wird er uns abkaufen.«

»Ja, aber jetzt nicht«, gab Mirko zur Antwort. »Ich werde hier bleiben und wie vereinbart das Camp bewachen. Sonst macht Stein wieder Terz.«

»Ah, klar. Beinahe vergessen. Ich bring dir dein Frühstück, so schnell ich kann.«

»Ja, fein.«

Die Hoffnung auf eine lange, sehr lange Duschorgie zerstob sich sehr rasch. Schon auf dem Weg zum Hauptgebäude bekundete Erkan, so schnell wie möglich mit Stein reden zu wollen. Es galt jetzt, wirklich keine Sekunde mehr zu verlieren. Dass er wieder nicht an die Wache gedacht hatte an diesem Morgen ärgerte ihn schier maßlos, aber er ließ sich nichts anmerken.

»Ich komm mit«, fügte Nico daraufhin ein, »da gibt’s kein dran vorbei.«

»Klar, kein Problem.«

Stein saß auf der Bank vor dem Gebäude und las in der Tageszeitung, unter ihm döste Rick in der aufgehenden Sonne dieses wolkenlosen Morgens. Stein hob kurz den Kopf, als er die Jungen aus dem Wald auftauchen sah, dann widmete er sich erneut seiner Lektüre.

»Meint ihr, die haben was gemerkt?«, fragte Stefan die Jungen, die dicht zusammen liefen.

»Wer weiß. Richtig vorstellen kann ich es mir nicht«, antwortete Klaus.

Als sie nahe am Gebäude waren, legte Stein seine Zeitung beiseite, Rick hob den Kopf und spitzte die Ohren in ihre Richtung.

»Wieso werd ich grad das Gefühl nicht los, dass da Unheil im Anmarsch ist?«, flüsterte Erkan.

»Keine Ahnung, aber wir werden es gleich wissen. Zudem müsste man dringend einen Blick in diese Zeitung werfen.«

»Ah, guten Morgen Jungs, hoffe ihr habt gut geschlafen.«

»Sieht nun wiederum nicht nach Ärger aus.«

»Abwarten. Stein hat zwei Gesichter.«

Erkans Antwort hatte Nico nichts hinzuzufügen.

Nach dem Duschen, nach dem Frühstück? Wann wäre der beste Zeitpunkt, endlich klare Verhältnisse zu schaffen? Erkan grübelte kurz. Ihm war klar, dass er damit ihre nächtliche Aktion offen legen musste, ohne eine Ahnung welche Folgen das für sie haben könnte. Noch einen Tag warten und in der nächsten Nacht gemeinsam…? Sein Blick fiel auf die Zeitung. Sie mussten wissen was mit Tobias inzwischen geschehen war.
Erkan verlangsamte seinen Schritt. »Geht ihr schon duschen, ich greif mir das Blatt«, flüsterte er Nico zu und deutete mit seinem Blick zur Bank. Nico begriff.

Stefan lieb plötzlich unter der Tür stehen und langte nach der Zeitung. »Herr Stein, ich seh mir grad mal die Ergebnisse an«, sagte er entschlossen und ohne eine Antwort abzuwarten hatte er die Zeitung in der Hand.

»Klar, von mir aus. So lange du den Rest zum lesen drin lässt«, grinste Stein und folgte den anderen in das Gebäude.

»Wann willst du mit Stein reden?«, fragte Nico, als sie sich im Umkleidraum auszogen.

»Warte mal, ich denk Stefan wird alles andere als die Sportergebnisse studieren.«

Nico hielt inne. »Was meinst du damit? Du willst… vielleicht nicht…? Das kannst du nicht machen. Erkan, wir haben keine Zeit mehr.«

»Warte noch ab…«

In diesem Moment kam Stefan in den Raum. Seinem Blick war nichts Ungewöhnliches zu entnehmen.

»Und?«

»Der Kleine ist immer noch nicht frei. Angeblich ist die Lösegeldübergabe gescheitert, aber offenbar nicht mit Absicht. Natürlich schreiben sie sonst nichts, auch nicht ob es ein Lebenszeichen von dem Jungen gibt.«

Erkan sah an Stefan vorbei zur Tür. »Nanu, seit wann beteiligst du dich denn an unseren Waschorgien?« rief er und grinste breit.

»Stör ich?«

Ein Lachen ging durch den Raum. »Seit wann störst du denn, Alex? Der wichtigste Mann hier an Bord.«

Alexander sah beim Anblick der halbnackten Jungen auf den Boden und spielte verlegen mit seinen Fingern. »Also, ähm… Erkan, Nico… kann ich euch mal kurz sprechen?«

Der Frage, was und warum, gingen die beiden gar nicht erst nach. Sie sahen erst sich an, dann zu Stefan und waren danach in Sekunden wieder in ihre Trainingshosen geschlüpft. Alexander war bereits vorausgegangen und erwartete sie im Vorraum. Mit einem raschen Blick vergewisserte er sich, dass die Betreuer bereits am Frühstückstisch saßen und von der Aktion nichts mitbekamen.
Die drei Jungen nahmen ihn brennend vor Neugier in ihre Mitte. Ihnen war klar dass Alexander sie nicht wegen nichts zu sich gerufen hätte. Dass sie etwas ausbrüteten war den Betreuern garantiert nicht entgangen und ihn nun da mit hineinzuziehen war für seinen Job nicht förderlich. Er wirkte auch sichtlich nervös, als er Bericht erstattete. »Schneider war in aller Frühe hier. An sich nichts Ungewöhnliches, das kommt ja oft vor. Aber als ich den Müll rausgetragen hab, da kam er grade mit einem Beutel unterm Arm aus dem alten Schuppen. Dem, den ihr grade am renovieren seid. Und da hab ich den noch nie zuvor gesehen.«

»Das ist alles?«, hakte Erkan nach, da er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte dass das von Bedeutung war.

Nun wurde Alexander noch nervöser. »Ja, das ist alles. Aber ich dachte… na ja, ihr habt gesagt ich soll die Augen offen halten und das hab ich gemacht.«

Nico hörte sofort den beleidigten Unterton heraus und hätte Erkan für seine eher abfällige Bemerkung am liebsten zurechtgewiesen. Aber das hatte Zeit. »Was für ein Beutel war das?«, fragte er dann schnell, um Alexander nicht zu verärgern. Das wäre im Fall einer Ignoranz mit Sicherheit passiert.

»Ein grauer. Kann auch ´ne Stofftasche oder so was gewesen sein. Er hat das Ding unter dem Arm geklemmt und ist damit ins Auto gestiegen. Ich hab noch gesehen wie er geflucht hat.«

»Warum geflucht?«

»Weil er seine Handschuhe erst nicht von den Fingern gebracht hat.«

Erkans Augen wurden groß. »Handschuhe?«

»Ja, so welche zum Auto fahren, genau weiß ich’s aber nicht.«

»Und wie groß war die Tasche?«

Alexander deutete mit den Händen. »So ´ne übliche Stofftasche halt. Wie man sie zum einkaufen nimmt.«

Verdächtig schien das wirklich nicht, aber wollten sie nicht jeder noch so kleinen Ungereimtheit nachgehen, so unwichtig sie auch schien? Immerhin musste man sich an dieser Stelle fragen, was Schneider so früh am Morgen in dem Schuppen zu suchen hatte. Außer dem Werkzeugschrank und der Farbe gab es dort nichts.

Erkan, der sich nun anscheinend seiner voreiligen Antwort bewusst wurde, spähte noch einmal kurz in den Speiseraum. Im Spiegelbild des Fernsehers in der Ecke konnte er die Betreuer sitzen sehen. »Geht duschen, ich komm gleich«, flüsterte er noch kurz unter der Tür den Jungen zu und verschwand nach draußen.

Nach einigen Sekunden nickte Stefan. »Kommt, der weiß was er will.«

Erkan war auf der rechten Seite um das Gebäude zum Schuppen geschlichen, so konnte er von der Fensterfront des Speiseraums aus nicht gesehen werden. Vorsichtig betrat er den Schuppen, in dem es nach Holzlatten und miefiger Luft roch. Wie erwartet war auf den ersten Blick überhaupt nichts auffällig. Der Werkzeugschrank war verschlossen, die Materialien lagen noch so auf dem Boden des Schuppens herum, wie sie ihn verlassen hatten. Aber genau das weckte Erkans Neugier. Ohne zu wissen was er finden könnte suchte er den Boden ab, darin hatte er nun schon Erfahrung. Er brauchte nicht lange, dann hatte er den Schuppen weitgehend inspiziert. Was hatte Schneider hier gewollt? Kopfschüttelnd rieb er sich das Kinn. Was war bloß der Grund… Sein Blick fiel auf den alten Ofen, vor dem er nun stand. Erkans Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und langsam ging er in die Knie. Vorsichtig wedelte er mit den Fingern direkt vor dem Ofen auf dem Boden hin und her. Was hatte Leo Meier gesagt? Sägemehl hätte man da früher drin verbrannt… Erkans Blick ging am Boden entlang zur Tür, dann wieder zurück.
Als wäre der Ofen noch in Betrieb und er könnte sich deswegen die Finger verbrennen, fasste Erkan vorsichtig den kunstvoll geschwungenen Klappenhebel und drückte ihn nach unten, wobei ein leises knirschen entstand. Als der Hebel die Verriegelung freigab, hielt der Junge einen Moment die Luft an, dann zog er entschlossen die Klappe auf.

Erkans Alleingang schmeckte Nico nicht, auch wenn der Junge mit Sicherheit eher übervorsichtig war. Rasch berichtete er Mirko, Lutz und Klaus von den Dingen, bevor er sich, wie zuvor Stefan schon vollständig auszog und wie gewohnt zu ihm unter die Dusche eilte. So sehr ihm auch danach war, dieses morgendliche Ritual zu genießen, dachte er ständig an Alexanders Beobachtung und behielt ständig den Eingang zum Duschraum im Auge. Erkan war schon viel zu lange weg.

»Na, in Gedanken woanders?«, fragte Stefan dann auch und wiegte seine schlanken Hüften verführerisch im Kreis.

Nico sah ihn lächelnd an. »Leider. Aber ich kann mir vorstellen dass wir, wenn das alles hier vorbei ist, viel nachzuholen haben.« Dabei tätschelte er mit einer Hand Stefans Pobacken.

Endlich kam Erkan in den Duschraum und sofort wurde er von den nackten Jungs umringt. Er grinste frech und breit. »Ja, bin ich denn schon im Himmel?«

»Los, red schon«, forderte Nico eindringlich, ohne auf Erkans süffisante Bemerkung einzugehen.

»Nicht hier«, kam nur als leise Antwort, dabei kreisten Erkans Augen im Kreis durch den Raum. Er gab damit zu verstehen, dass es immer noch möglich war, hier ausspioniert zu werden. Allerdings stand damit auch fest, dass die nächste Gelegenheit dazu erst nach dem Frühstück gegeben war. Viel zu lange schon hatten sie hier gebraucht und die Betreuer dürften ohnehin schon stutzig geworden sein.

Zur Abwechslung gab es an diesem Morgen Rührei mit Speck, was Alexander beinahe das Geschirrspülen ersparte, so sauber waren die Teller selten. Nachdem Klaus fertig war, verschwand er mit einem von ihrem Koch in Alufolie verpacktem Teller nach draußen. »Das wird Mirko auch schmecken.«

Satt lehnte sich Nico zurück und blickte zu den Betreuern. Zu gerne hätte er gewusst was sie redeten oder dachten. Gleich musste einer von ihnen aufstehen, denn Mirkos fehlen und Klaus’ Abgang waren längst aufgefallen, außerdem würde man den Dienstplan bekannt geben. Nico wunderte sich nicht zum ersten Mal, dass es kein Schwarzes Brett gab wo diese Dinge angekündigt wurden. Anscheinend setzte man eher auf den Überraschungseffekt. Immerhin konnte man sich ja krank melden wenn da was draufstand auf das man überhaupt keinen Bock hatte. Vermutlich beruhte diese Vorgehensweise aus den Erfahrungen, die man in den letzten zwei Jahren gesammelt hatte. Seinen „geheimen“ Dienstplan hatte er irgendwo im Zelt liegen, im Grunde wollte er gar nicht wissen was man mit ihnen vorhatte. Zudem wollte er in der Gruppe nicht auffallen, was irgendwann mit Sicherheit passiert wäre. Aus irgendeinem Grund jedoch hatte er im Hinterkopf, dass an diesem Tag nichts als Gruppenarbeit angesagt war.

Stein stand auf und kam an ihren Tisch, es war soweit.

»Guten Morgen. Mirko war nicht zum Frühstück hier, wisst ihr was mit ihm ist?«

»Er hält Wache«, gab Erkan zur Antwort ohne Stein dabei anzusehen. Eigentlich wollte er noch „was wohl sonst?“ hinzufügen, aber er schluckte es hinunter. Die Sache mit Mirkos Verletzung verschwieg er, einfach um lästigen Fragen und Erklärungen aus dem Weg zu gehen.

Steins Mundwinkel zogen sich kaum sichtbar nach oben. »Gut. Dann habe ich euch eine Mitteilung zu machen. Nichts Weltbewegendes, aber dennoch muss es hin und wieder sein.«

Gespannt, welche Überraschung Stein gleich präsentieren würde, hörten die Jungen zu.

»Ich werde in spätestens einer Stunde den Platz hier verlassen… ich habe jetzt erst Mal Urlaub für drei Wochen.«

Es war ein Wunder, dass man das herunterklappen der Kinnladen nicht hören konnte.

»Ich habe es so eingerichtet, dass ich euch am letzten Tag eures Aufenthalts hier noch einmal sehen kann. Schließlich muss ich mich ja vom Erfolg der Sache hier persönlich überzeugen. Herr Rademann wird mich übrigens würdig vertreten.«

Das zweite Klappen der Kiefer.

»Herr Rademann?«

»Ähm, ja, Erkan. Ich kann mich nicht erinnern, mich versprochen zu haben.«

»Ist dazu eine Frage erlaubt?«, wollte Erkan dann wissen und die Jungen ahnten bereits wie sie aussehen würde. »Warum nicht Rainer Bode?«

Ein bestätigendes Nicken machte die Runde und leise war dieses und jenes „Ja“ zu hören.

»Herr Bode fühlt sich als, sagen wir mal, Aufsichtsführende Person, noch nicht in der Lage. Ich habe ihn selbstverständlich gefragt.«

Obwohl die Jungen diese Aussage mit dem Ausdruck „Machenschaften“ in Verbindung brachten, mussten sie die gefallene Entscheidung und damit die vollendete Tatsache hinnehmen. Sie schwiegen daraufhin.

»Nun zu heute«, setzte Stein dann unbeirrt fort und sah auf seine Uhr. »Um halb Neun beginnt ihr mit der Gruppenarbeit. Da schönes Wetter herrscht und Mirko natürlich auch mitmachen soll, findet sie am Sammelplatz vor dem Wald statt. Moderator wird Herr Bode sein. Also, seid pünktlich und… na ja, wir sehen uns noch.« Damit drehte er um und ging zurück zum Tisch der Betreuer.

Erkan rieb sich die Fäuste, dann drückte er zu, so dass seine Fingergelenke knirschten. »Scheiß… ok, kommt zum Forum, wir haben noch fast ´ne Stunde Zeit«, sagte er leise, während Alexander den Tisch abräumte.

Während die Jungen das Gebäude verließen, fuhren Rademann und Meier vom Gelände. Die Staubfahne, die das Fahrzeug aufwirbelte, zerfaserte hektisch in der Luft.

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»Es ist windig geworden«, bemerkte Lutz.

»Ja, das Hoch verzieht sich, der Wind dreht auf Südwest. Es sieht ganz nach einer Wetteränderung aus«, erklärte Nico die Erscheinung.

»Regen?«, wollte Erkan dann wissen.

»Möglich. Ich habe heute Morgen vergessen auf das Barometer zu sehen. Aber rechnen wir mal zumindest damit, dass es so schön nicht bleibt.«

Wenig später hatten sich die Jungs, darunter auch Mirko, im Forum in der kleinen Tannenschonung versammelt.

»Hm, einer fehlt noch«, bemerkte Klaus und sah sich um. »Rick verspätet sich«, grinste er.

»Der hat Sonderstatus«, legte Mirko nach, »und schließlich haben wir ihn auch nicht offiziell eingeladen.« Nach einer kurzen Pause setzte er fort: »Hm, ob Stein ihn mitnimmt in den Urlaub? Er hat gar nichts gesagt.«

»Stimmt«, mischte sich Klaus ein, »aber sicher wird er den Hund nicht hier lassen. Die beiden gehören doch zusammen. Also ich kenn eure Meinung nicht, aber dass Rademann jetzt das Camp führen soll find ich den absoluten Hammer. Bode und Meier, bei beiden hätte ich nichts gesagt, aber Chip…«

»Das ist doch wieder oberfaul. Rainer ist schon von Anfang an dabei, Leo auch. Dieser Chip ist doch ein Hosenscheißer. Angeber, Draufgänger. Arrogant und eingebildet. Von Führung hat der soviel Ahnung wie unsereiner. Möchte wissen was sich Stein dabei gedacht hat.«

»He Leute. Wir sind nicht hier um zu diskutieren wer von denen jetzt der Obermotz ist und warum. Es ändert nichts an der Gesamtlage und wenn Stein nicht da ist wird vielleicht auch so manches anders. Nicht besser vielleicht, aber anders«, versuchte Erkan die aufkommende Diskussion zu stoppen. »Also, wegen Alexanders Beobachtung…«, begann er dann ohne Umschweife und alle Augen waren gespannt vor Neugier auf ihn gerichtet. »Schneider hatte im Schuppen ganz offensichtlich etwas versteckt. Und zwar in dem alten Ofen. Ich weiß nicht was es war, sicher ist nur dass er sich da zu schaffen gemacht hat. Ohne das Sägemehl auf dem Boden wäre ich nicht dahinter gekommen.«

»In so ´nem Ofen kann man einiges verstecken… Aber warum gerade da? Man kann doch annehmen dass Schneider von dem Umbau weiß und dass wir dort herumschwirren.«

»Sicher, Lutz, aber auf der anderen Seite war es vielleicht nur eine Notlösung bevor ihm etwas Besseres eingefallen ist. Jedenfalls war in dem Sägemehl im Ofen so was wie ´ne kleine Höhle. Würde zu dem Umfang her passen, den Alex mit dem Beutel beschrieben hat.«

»Aber wirklich weiter sind wir jetzt auch nicht. Ich mein, was nutzt uns das?«, warf Klaus in das Gespräch.

»Weiß nicht. Ziemlich sicher ist aber… Nico, was genau hast du da oben gesehen?«

»Da standen Lebensmittedosen auf dem Boden, aber keine alten, verrosteten. Die waren neu und teilweise sogar noch verschlossen. Und es hat einen Moment lang nach gekochtem Essen gerochen. Papier lag da herum, Zeitungen nehme ich an. Mehr war nicht, aber auf keinen Fall ist das normal.«

Lutz senkte den Kopf. »Dann könnte man vermuten, dass sich da jemand versteckt… oder was zu verstecken hat.«

»Ja, würde ich sagen. Und nach allem was wir jetzt wissen ist Schneider auf jeden Fall da mit drin in der Geschichte.«

Mirko hielt sich seinen Kopf, war aber voll bei der Sache. »Ob er alleine das alles…?«

»Keine Ahnung, aber im Prinzip ist es egal.«

Nico fiel auf, dass niemand den kleinen Tobias erwähnt hatte. »Und jetzt?«, fragte er, »die Zeit läuft uns davon. Wir sollten die Polizei rufen, die sollen da oben nachsehen.«

Erkan schien krampfhaft nachzudenken. »Unter diesen Umständen wird es tatsächlich das Beste sein. Sie müssen ja nachsehen, ob sie uns glauben oder nicht.« Gerne gab er dieser Tatsache nicht nach, aber die Zeit als Gegner war das unschlagbare Argument. Er nahm sein Handy und ging ein Stück beiseite, um in Ruhe mit der Polizei reden zu können.

Lutz sah auf die Uhr. »Kommt hin, in einer halben Stunde geht es weiter nach Plan. Bin froh wenn das hier endlich alles vorbei ist.«

Erkan drehte sich nach einigen Minuten um, seine braune Gesichtsfarbe wirkte blass und den wütenden Gesichtausdruck kannten die Jungen inzwischen auch. Es war in diesem Fall angebracht, sehr vorsichtig mit irgendwelchen Äußerungen zu sein. Keiner fragte darum was die Polizei gesagt hatte, dem Anschein nach war es jedoch kein sehr gutes Gespräch gewesen. Nico spürte wie sich alles in ihm zusammenzog. Das erste, woran er dachte, war Tobias. Gab es da am Ende eine schreckliche Nachricht? Er wagte es nicht zu Ende zu denken und fest krallte er sich in Stefans Ärmel. In solchen Momenten einen Freund zu haben war unbezahlbar. Stefan blickte ihm in Augen, in denen nichts als Fragezeichen standen. Zusammen sahen sie dann zu Erkan hinüber, der sein Handy betrachtete als hätte er gerade jemanden damit umgebracht.

»Soll man’s glauben? Wisst ihr was die gesagt haben?«

Stefan drückte Nicos Hand auf seinem Arm fester, nachdem er bemerkt hatte wie sie zitterte.

»Erstens: Da oben hätten sie schon zweimal nachgesehen. Zweitens: Von einer Grube, in der auch noch ein rotes Spielzeugauto liegt, hätten sie nie etwas gehört. Drittens: Sie haben vom Pächter dieses Geländes die Zusage, dass er sich da ständig umsehen und umgehend Bericht erstatten würde, sollte sich etwas tun. Und zum Schluss der Hammer: Wir sollten uns andere Hobbys als Detektivspielen zulegen und zu guter Letzt sollen wir uns da oben fernhalten, wir hätten dort nichts zu suchen. Eine Frage nach Tobias hab ich mir dann verständlicherweise erspart. Ich denk, dann wäre der Typ vollends ausgerastet.«

Betretenes Schweigen schwebte wie eine dunkle, Regenbeladene Wolke über dem kleinen Platz. Die Jungen sahen sich gegenseitig an, einer ungläubiger als der andere.

Trotz allem froh, dass seine Befürchtung nicht eingetreten war, beendete Nico das bedrückende Schweigen. »Mit anderen Worten, die tun nichts. Warten bis….«

»Okay, Jungs, das Maß ist voll. Ich habe jetzt genug von diesem Affentheater, und zwar endgültig. Und ich hab keinen Bock, auf die nächste Nacht zu warten.«

Ohne nähere Erläuterung begriffen die Jungen, worauf Erkan hinauswollte. Kein Warten mehr, keine faden Kompromisse.

»Willst du Stein informieren?«

»Klaus, ich werde niemanden informieren. Ich gehe jetzt da hoch und wenn ich die Buden einzeln zerlegen muss. Ihr könnt drei Dinge tun: Entweder ihr geht mit, ihr lauft zu Stein und Co und bittet ihn um Hilfe oder ihr macht euer Gruppengedöns und schweigt.«

Erkans Stimme, seine Haltung, seine Gestik und Mimik ließen nicht den geringsten Zweifel an seinem Vorhaben aufkommen.

Ohne ein Wort stellte sich Lutz neben ihn und richtete seinen Blick auf die anderen. Sekunden später trat auch Mirko zu ihnen, gleich darauf von Klaus gefolgt. Nico und Stefan sahen sich verdutzt an.

»Okay, dann gehen wir jetzt los. Und so wie es wohl aussieht, alle«, stellte Nico nur noch abschließend fest.

Gemeinsam verließen sie ihr Forum. Zwar fühlten sie sich in diesem Versteck nach wie vor sicher, aber auf den Gedanken, dass sich jemand schon vor ihrem Eintreffen im Unterholz verbergen und damit völlig unentdeckt bleiben konnte, kam keiner der Jungen. Durch das leise rauschen des Baches und die Geräusche ihrer eigenen Schritte hörten sie nicht das knistern brechenden Reisigs, das sich langsam in anderer Richtung entfernte.

»Das wird Stein nicht schmecken. Überhaupt nicht«, gab Klaus auf dem Weg zum Camp zu bedenken. In Anbetracht des damit drohenden Unheils zündete er sich eine Zigarette an.

»Bist nervös, wie?«, fragte Mirko, »gib mir auch eine.«

Stefan und Nico gingen am Schluss der kleinen Gruppe.
»Was wird er mit uns machen? Angenommen das ganze ist wirklich ein Schlag ins Wasser…«

»Dann schmeißt der uns raus, da bin ich fast sicher. Nur, da wir dann alle fliegen, ist es nicht so tragisch. Aber sag mal, Nico, was machen wir eigentlich wenn wir hier weg sind? Ich mein egal ob geflogen oder ganz normal?«

Nico legte seinen Arm um Stefans Schulter. »Ich glaub das kommt in erster Linie darauf an, was unsere Eltern vorhaben.«

»Hey Nico, wir sind alt genug, ich glaube nicht dass wir sie in der Richtung um ihre Meinung bitten müssen. Vielleicht wäre es jetzt sogar an der Zeit, dass wir….«

»…zusammenziehen, ich meine so richtig?«

»Warum nicht? Wir verdienen beide unser Geld…«

»Moment, Stefan… ich denke ganz so einfach ist es nicht… zumindest wird es wohl eine Änderung geben.«

Stefan blieb stehen. »Wie? Möchtest du deine Lehre hinschmeißen? Das kannst du nicht machen. Was… was hast du denn vor?«

»Ach, es brodelt schon eine Weile. Ich hab keinen Ärger oder so, aber es ist nicht das was ich mir für alle Zukunft vorstelle.«

»Und was stellst du dir vor? Du verdienst gut, hast geregelte Arbeitszeit und schmutzig wirst auch nicht.«

Nico zog die Schultern hoch. »Irgendwas im Sozialwesen vielleicht. Alte Menschen pflegen zum Beispiel. In eine Rehaklinik, den Kranken helfen wieder gesund zu werden. Das wäre ein Job, bei dem auch was bei rumkommt. Den Leuten nachher geschniegelt mit Krawatte, Anzug, polierten Schuhen und ´nem Päckchen Visitenkarten im Hemd Kredite aufzuschwatzen… nee, ich glaub echt nicht, dass das mein Ding ist.«

»Puh, das ist ja ne Überraschung. Dass du nie davon gesprochen hast?«

»Warum sollte ich? Ich bin mir ja selbst noch nicht ganz sicher, obwohl diese Entscheidung immer wahrscheinlicher wird.«

»Dann bist du aber noch von deinen Eltern abhängig… ich mein, wenn du studieren willst gibt’s nicht viel Kohle.«

»Eben, darum wird es ja schwierig mit uns beiden.«

Stefan nahm Nico an beiden Händen und drückte sie zärtlich. »Ach, warte mal ab. Mein Dad und Mama haben sich bestimmt wieder beruhigt. Ich mein, es war Scheiße was da gelaufen ist… aber sie müssen auch mal verzeihen.«

»Hast du noch großen Ärger gehabt nachdem mich dein Vater rausgeschmissen hat?«

»Na ja, einfach war’s nicht. Es wurde erst besser, nachdem Olaf alles zugegeben hatte. Was sie mir halt nachtragen ist, dass ich selbst was konsumiert hab… War aber ich nicht viel.«

»Komm, wir haben beschlossen nicht mehr über diese Sache zu reden. Ich denke, wir sollten einfach mal abwarten. Vor allem mit dem, was hier noch passiert.«

Damit waren sie am Camp angekommen. Unschlüssig stand die Gruppe schließlich beisammen. Einen Plan gab es nicht, Steins Abwesenheit sorgte auch nicht für fröhliche Gesichter und unter Rademanns Führung gab es garantiert nichts zu lachen, das ahnten sie alle. Trotzdem machte keiner einen Rückzug.

»Gut. Es ist jetzt gleich halb Neun, wenn wir gut laufen sind wir gegen halb Elf da oben. Ich denke es ist einfach nur fair, wenn wir Alex darüber informieren.«

Keiner hatte etwas dagegen einzuwenden, immerhin hatte sich Alexander kooperativ gezeigt und sozusagen ein freier Tag würde ihn bestimmt nicht ärgerlich machen. Stefan nickte und nahm sein Handy, um Alexander zu unterrichten.

Nachdem alle die notwendigen Gerätschaften aufgenommen hatten, standen sie abmarschbereit auf dem Sammelplatz im Camp.

»Okay Leute, jetzt gilt es. Wir bleiben zusammen, auch da oben. Keine Experimente. Zwei Mann sichern den Platz, der Rest kümmert sich um die Halle. Sicher gibt es vor Ort noch Entscheidungen, aber vorerst war es das. Ach und… Mirko, was macht dein Schädel?«

»Schön, dass mal einer danach fragt… ist okay«, grinste er zurück und streckte den Daumen in die Luft.

»Erkan?«

»Nico, was gibt’s?«

»Mein Handy ist so gut wie leer«. Dann wandte er sich an die ganze Gruppe. »Ruft Stefan an wenn nötig.«

Mit Erkan an der Spitze liefen sie los, auf dem Pfad hinein in den Wald, der ihnen von Mal zu Mal vertrauter wurde.

»Wir werden an der Wiese eine Rast machen«, rief Erkan einige Zeit später nach hinten. Keiner wollte wissen, was für eine Wiese das sein sollte, es gab nur eine die ihnen bekannt war, wenn auch verbunden mit einem schrecklichen Erlebnis.

»Sie werden uns sehr schnell suchen«, rief Klaus Mirko zu, der vor ihm herging.

»Jep, und sie werden uns noch schneller finden. Die wissen doch wo sie uns suchen sollen.«

Erkan verstand nur Wortfetzen, aber er machte sich den richtigen Reim daraus. Die Frage war, ob sich Stein noch einmal ganz offiziell von ihnen verabschieden wollte, und das war eigentlich so gut wie sicher. Ein paar mahnende Abschiedsworte und übliches Blabla – ohne das ginge es ja gar nicht.
Er sah auf die Uhr, gleich halb Zehn. Mit dem Wagen sind sie schon oben, sie brauchen uns nur noch in Empfang zu nehmen, dachte er und plötzlich fiel ihm sein Traum wieder ein. Gab es bis jetzt Dinge, die mit dieser nächtlichen Vision übereinstimmten? Sicher war nur, dass die Anzahl der Jungen passte. Genau wie jetzt waren alle da oben versammelt. Er schüttelte den Kopf. Wenn einer der Betreuer an der Entführung des kleinen Tobias beteiligt war, hatte er jetzt alle Zeit der Welt, ihn bis zu ihrer Ankunft verschwinden zu lassen. Sie würden dann als ungehorsame Deppen dastehen, die man ob dieser Frechheit ohne Probleme und noch an diesem Tag nach Hause schicken konnte.
Ob man ein Fahrzeug, das zu dem Verladebahnhof wollte, von ihrem Weg aus sehen konnte? Der Wind hatte noch etwas zugenommen und das rauschen der Baumblätter und Büsche verhinderte ein gezieltes lauschen. Es gab am Ende eben nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie hatten Glück und man suchte sie woanders oder ihre Aktion war beendet noch bevor sie auch nur Ansatzweise begonnen hatte.

»Es wird zwar kein großer Regen, aber trocken bleibt es auch nicht«, kommentierte Nico den Wetterbericht, den er mit seinem Handy im Internet aufgerufen hatte. Damit war der Akku zwar endgültig leer, aber es gab ja Sicherheiten. Er wollte Stefan sowieso keinen Meter von der Seite weichen, was immer auch passieren würde. Sein Blick ging nach oben, zwischen den Bäumen hindurch in den Himmel. Wenn alle Daten so stimmten und auch zutreffen würden, dann stünde ihnen tiefes Gewölk, kalter Wind und Nieselregen bevor. Durchaus möglich, dass sie in wenigen Stunden schon vor dieser Tatsache standen, aber das behielt er für sich. Stefan lief mal hinter und mal vor ihm. Ließ es die Wegbreite zu, gingen sie nebeneinander und fassten sich dabei an der Hand. An dieser Position hatte er seinen Freund am liebsten, das lenkte von trüben Gedanken ab und die Berührung bescherte bisweilen höchst erotische Vorstellungen.

»Aha, Regen also. Du verstehst es ja ausgezeichnet, einem die gute Laune zu verderben«, meinte Stefan mit einem ironischen Unterton.

»Hey, ich hab den Bericht ja nicht gemacht. Und nachher heißt es wieder, warum ich nix gesagt hab. Immer dasselbe

Die Diskussion war nicht ernst gemeint, vielmehr Bestandteil der eigenen Ablenkung. Angst in ihrer wahren Bedeutung hatte keiner, aber die Ungewissheit war mindestens genauso belastend.

Im fast monotonen Gleichschritt marschierten sie meist schweigend durch die Wälder. Abwechslung gab es kaum, allenfalls fiel auf, dass das satte Grün der Blätter bereits zu einem eher düsteren Grüngrau umgewandelt war, der Herbst klopfte jeden Tag ein wenig mehr an die Tür der Natur. Rechts und links ihres Wegs standen viele bereits verwelkte Blumen, ragten trockene Rispen aus dem Gras. Einzig die Moosteppiche in den Tannenwäldern waren sattgrün und luden fast zum verweilen ein.
Je höher die Gruppe aufstieg, desto langsamer wurde sie. Das Tempo bestimmte Erkan ganz vorne und ihm war zuzutrauen, dass er bewusst Kräfte sparen wollte.
Außer Wasser hatten die Jungen nichts dabei, was den aufkommenden Hunger stillen könnte und keiner traute sich, wörtlich dem entgangenen Mittagessen nachzutrauen.
Ab und an stiegen aus der Gruppe blaue Wölkchen auf, mischte sich Tabakrauch mit der würzigen Waldluft.

Mehrmals sprangen Rehe entsetzt dicht vor ihnen ab, da sich die Jungen ohne es wirklich zu wollen fast lautlos fortbewegten.

Endlich tauchte das alte Bahngleis auf. Von jetzt an ging es nicht mehr ganz so steil und außerdem war das Ziel im Prinzip greifbar nahe. Jeder malte sich inzwischen sein eigenes Szenario aus, das sich wohl oder übel bieten würde sobald sie da oben waren. Das reichte von der Vorstellung, dass sie dort einfach in Leo Meiers Wagen verfrachtet und zurückgefahren wurden bis hin zur wüsten Schießerei. Aber eines war ihnen inzwischen klar geworden: Sie taten es nicht für sich und jeder empfand für den anderen so etwas wie Dankbarkeit. Alleine hätte es keiner gewagt, irgendwelchen Unholden die Stirn zu bieten, aber zusammen war es keine Frage. So kam es, dass sie nie mehr als einen Meter Abstand zwischen sich ließen. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft, zu allem entschlossen was möglich war.

»Die Wiese«, rief Klaus erfreut und löste sich von der Gruppe, um zu den Trauerweiden zu sprinten. Es war keinem richtig bewusst, und doch blickten alle zunächst über die Wiese hinüber zu dem Waldrand, von wo aus sie von den beiden Hunden angegriffen worden waren.
Um Hemd und Hose auszuziehen war es zu kühl, außerdem verschwand die Sonne immer öfter hinter den Wolken.

»Schade, kein Badewetter«, stellte Mirko dann auch mit künstlich jämmerlicher Stimme fest, nachdem sie bei der Baumgruppe angekommen waren.

»Tja, wir können ja im Sommer noch mal wiederkommen.«

»Hierher? Stefan, nie wieder. Ich zieh mein Ding hier durch und tschüs.«

»Nana, wer wird denn undankbar sein«, flachste Nico und füllte seine Feldflasche mit dem klaren Wasser des Baches.

»Alles okay mit euch?«, wollte Erkan dann wissen, während er sich am Stamm der Trauerweide anlehnte und langsam nach unten rutschen ließ, bis er am Boden saß.

»Geht schon, kein Problem. War übrigens ein gutes Tempo.«

»Danke. Aber, Nico, was soll der Scheiß da oben?« Erkan deutete mit dem Finger über sich in den Himmel, wo sich immer mehr Wolken zusammenschoben.

Nico folgte dem Fingerzeig mit den Augen nach oben, dann grinste er und zog wie unwissend die Schultern hoch. »Tja, man kann nicht alles haben.«
In kurzer Zeit würde alles in einheitlichem Grau versinken und zum Glück hatte Erkan auf die Parkas bestanden, wenn auch unter vereinzeltem Widerspruch.

»Und, wie geht es dir?«, fragte Stefan. Er setzte seine Feldflasche an und nahm ein paar kräftige Schlucke.

»Gut. Na ja, was heißt gut. Es ist ein Scheißgefühl wenn man so gar keine Ahnung hat was da passieren wird. Ich jedenfalls komme mir vor wie auf einem Feldzug. Mit dem Unterschied, dass wir nicht bewaffnet sind.«

»Stimmt, geht mir auch so. Aber wir haben es bald hinter uns.«

Nicos Stimme wurde leise. »Hoffentlich.«

Ihre Pause dauerte nur eine Zigarettenlänge, denn Hunger, Kälte und vor allem der Tatendrang zwangen die Jungen praktisch, ihren Weg fortzusetzen.

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