Zauberwald – Teil 8

Mutter stand plötzlich neben mir. Sie streichelte meinen Arm und ich traute mich nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Gleichzeitig wusste ich, bald fällt er wieder. Und ich hatte praktisch immer Recht. Das hat mich auch fast krank gemacht.“ Wieso fielen mir gerade jetzt ihre Worte wieder ein?

»Ich komm schon klar mit dem Schnee. Fahr mit Michael«, sagte sie leise und ging zu unserem Auto. Wofür gab es solche Tage im Leben?, fragte ich mich. Wozu waren sie notwendig? Was hatten sie für eine Bedeutung?
Ohne ein Wort öffnete ich die Beifahrertür und setzte mich neben Michael. Ich sah nach vorn, hinaus in die verschneite Landschaft, aber ich sah sie nicht. Ich verstand auf einmal jene Menschen, die oftmals sagten dass alles keinen Sinn hätte.

Michaels Hand auf meinem Schenkel tat gut. Seine Berührung sagte mir, dass ich wenigstens jetzt nicht alleine war. Er streichelte mich tröstend, so zumindest empfand ich es.
Ich fragte ihn nicht wohin wir fahren, es war mir egal. Vor meinen Augen sah ich nur David. Nein, die große Liebe war es nicht, nie eigentlich. Vielleicht war es eher die Beziehung die man zu einem Bruder hat, auch wenn wir zusammen geschlafen hatten. Wenigstens das konnte ich in meine Erinnerung an ihn mitnehmen. Eine Nacht Teil von ihm gewesen zu sein.

Wir hielten schließlich vor seinem Haus. Ungläubig sah ich ihn an, denn damit hatte ich nicht gerechnet.

»Komm mit rein«, sagte er nur und stieg aus.

Lisa zu begegnen, dazu hatte ich nicht wirklich Lust. »Michael.. bitte bring mich nach Hause.«

Er kam auf die Beifahrerseite und öffnete die Tür. »Wir sind allein, falls du das meinst.«

»Wo ist Lisa?«

»Nicht mehr hier.«

Was konnte an diesem Tag noch alles passieren?

»Was heißt..?«

»Wir haben uns getrennt. Es hat nicht funktioniert. Aber ich denke, das willst du jetzt nicht wissen. Also komm einfach.«

Was hatte das zu bedeuten? Was hatte er vor? Mit mir ganz bestimmt nichts, schoss es mir dann durch den Kopf. Nicht nach einer Trennung und nicht nach Davids..
Ich stieg aus und folgte ihm. Fast wie eine Marionette, noch immer konnte ich keinen wirklich klaren Gedanken fassen.
Kaum im Haus, stürzte mir Arcos entgegen und ich ging in die Knie um ihn zu begrüßen.

»Zieh deine Sachen aus, ich mach uns ein schönes Feuer«, sagte Michael und ließ mich allein.

Später saßen wir in dem urgemütlichen Kaminzimmer, jeder einen sehr kräftigen Grog in der Hand. Viele Worte waren noch nicht gefallen und allmählich legte sich mein Schock. Über die näheren Umstände zu Davids Tod konnte ich hier eh nichts erfahren, das musste einfach warten. Leicht fiel es mir nicht, aber nur so kam ich langsam wieder runter.

Michael saß mir gegenüber und blickte nachdenklich in die Flammen. Dann begann er langsam und leise zu reden. »Es hat schon eine Weile gekriselt zwischen Lisa und mir. Wir haben immer wieder einen Neustart versucht, geglaubt das in den Griff zu bekommen, aber es ging nicht.«

»Michael, was ist schiefgelaufen? Ihr habt euch doch gut verstanden, zumindest kam das so rüber.« Wirklich interessiert hat es mich nicht, aber ich wollte auch nicht unhöflich sein.

Er sah mich an mit seinen traurigen Augen und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Er nippte an seinem Glas. »Du bist alt genug und wir kennen uns ja schon eine Weile«, sagte er dann leise.

»Hm, ich denk schon..« Ich hatte keine Ahnung was er damit sagen wollte.

»Wir…. es hat im Bett einfach nicht mehr geklappt.«

Das saß. So offen hatte noch kein Mensch mit mir geredet. Ich schwieg, dazu wollte ich einfach nichts fragen. Dabei betrachtete ich mir Michael wieder genauer. Ein wunderschöner Mann, nichts, aber auch gar nichts wies darauf hin, dass er im Bett ein Versager sein sollte. Und das glaubte ich dann auch nicht. »Das lag aber nicht an dir..«, rutschte es mir mehr oder weniger heraus.

Er nahm erneut einen Schluck, drehte sein Glas nervös in den Händen. »Doch, es lag an mir, an mir ganz allein.«

»Michael…«

Er winkte ab. »Nein nein, es ist so. Ich hab versagt und sie hat recht dass sie gegangen ist. Ich bin ihr nicht böse, kann es gar nicht sein.«

»Du.. bist du vielleicht krank?« Er würde sicher wissen worauf ich anspielte.

Er lächelte gequält. »Du meinst.. impotent? Nein, das sicher nicht.«

»Woran.. ich meine, du musst das ja nicht sagen.. Ihr habt doch Kinder gewollt, ist es nicht so?«

»Ja, das war geplant. Aber.. « Jetzt sah er mich an, intensiv musterte er meine Augen, mein Gesicht. »In letzter Zeit ging es einfach nicht mehr. Ich hab mich angestrengt, zusammengerissen. Aber vielleicht weißt du wie es ist, wenn man sich selbst etwas aufzwingt.«

Ich wusste es nicht, konnte es mir aber denken. »Dann.. klappt gar nichts mehr. Aber warum musstest du dich zwingen?« Ich wollte Lisa nicht ins Gespräch bringen, man redet nicht über Leute die man kaum kennt.

Er wurde immer nervöser. »Stefan, ich…« Wieder starrte er in den Kamin. »Ich hab dabei an uns denken müssen. An dich.«

Mir wurde glühend heiß. Diese paar Worte sagten alles. Ich blies die Luft aus meinen Lungen und lehnte mich zurück. Meine Ahnungen, meine Gefühle.. all das war keine Einbildung.

Ich richtete mich auf. »Michael.. «

»Sag jetzt nichts, Stefan. Ich habe mich innerlich so dagegen gewehrt.. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Aber deine Nähe, bei dir zu sein wie auch immer, das hat mich beschäftigt. Du bist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen seit ich jene Nacht bei euch war. Als du.. als du mir deine Klamotten gegeben hast. Es war wie ein Schalter den man einfach umlegt, verstehst du? Ich bin fast verrückt geworden als ich merkte, wie mich deine Sachen.. wie es mich erregte sie anzuhaben.. «

Das war starker Tobak, wiederum konnte ich es irgendwie nachvollziehen. »Und du meinst.. glaubst dass du schwul bist?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Das ist es ja gerade was mich fast umbringt. Nie war da was, in meinem ganzen Leben hatte ich damit nichts zu tun. Nicht mal einen Anflug, verstehst du? Dann kamst du. Langsam, schleichend.. Stefan, das ist kein Vorwurf. Außerdem wärst du dann jetzt nicht hier. Ich hab die letzte Zeit versucht, von dir fern zu bleiben. Wollte mich distanzieren von dir und meinen seltsamen Gefühlen. Hab mich total betrunken an dem Abend, als die Polen Abschied feierten. Ich hatte panische Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren. Dass ich mich damit danebenbenommen habe.. war keine Absicht. Dann die Jagd.. an dem Tag wollte ich es einfach wissen. Der Kuss.. er war meine Prüfung an mich selbst. Er hat mir gut getan, er hat.. ja, er hat mir klar gemacht dass ich es mir nicht nur eingebildet habe. An dem Tag hab ich Lisa davon erzählt. Ich wollte und ich konnte nicht mehr mit einer Lüge leben. Es ist mir verdammt nicht leicht gefallen und sie hat auch entsprechend reagiert. Sie liebt mich nun mal abgöttisch, aber genau deswegen musste ich es tun. Das Schlimmste an allem war, dass sie glaubte ich hätte ihr die ganze Zeit etwas vorgemacht.«

Nun sah er noch trauriger aus als vorher. Ihn da tröstend in den Arm zu nehmen hielt ich nicht für sonderlich angebracht. Er kämpfte noch immer, das spürte ich. Zeit, sagte ich mir, du musst ihm Zeit lassen. »Dann war der Rehbock nur ein Vorwand. Du wusstest schon vorher dass ich etwas unternehmen und er damit gar nicht erst auftauchen würde.«

»Ich hätte mich schwer in dir getäuscht wenn es nicht so gewesen wäre.«

»Und.. wie geht es jetzt weiter?«

Er sah wieder weg, entspannte sich ganz langsam. Es war ihm anzumerken wie schwer ihm das gerade gefallen war. »Auch das weiß ich nicht.«

Meine Gedanken gerieten wieder in rotation und seine Nähe wurde mir plötzlich irgendwie unangenehm. Nicht dass ich ihn nun nicht mehr mochte, eher das Gegenteil. Er war frei, er hatte mir insgeheim irgendwie seine Liebe eingestanden. Aber ich war nicht bereit, mich ihm jetzt einfach hinzugeben. Möge es das Klischee so vorgegeben, ich sträubte mich dagegen. Nein, vor allen Dingen nicht jetzt und nicht sobald. David war noch immer in meiner Nähe, wirkte wie eine Blockade. Ich würde ihn sicher nicht verraten wenn ich mich jetzt gehen ließe, aber ich war dazu einfach nicht in der Lage. »Fährst du mich nach Hause?«

»Ja klar.«

Kein Wort war während der Fahrt gefallen, wir hatten beide nicht das Bedürfnis zu reden.

»Tschüs Stefan. Ich mag dich, aber ich denke das ist ganz allein mein Problem.«

„..allein mein Problem..“ Nein, Michael, nicht nur deins, dachte ich. »Magst du morgen kommen, zum essen? Wir würden uns freuen«, fragte ich spontan.

»Ja, vielleicht. Ich ruf dich an.«

Ich winkte ihm zu, während er vom Hof fuhr und ich sah im lange nach.

Mutter saß in der Küche und nähte. Sie sah zu mir auf. »Das mit David ist..«

Sie fragte nicht wo ich mit Michael war, nicht wie es mir ging. Das eine wollte sie scheinbar nicht wissen, das andere spürte sie sowieso.

»Ja, ich kann es nicht fassen. Ich muss rüber, zu seinem Vater.« Diesen Entschluss fasste ich in dem gleichen Augenblick. Mit den Rongischs hatten wir nie viel zu tun, Edgar gehörte zu den etwas besser gestellten Landwirten und brauchte eigentlich nie die Hilfe der anderen. Es gab allerdings keine Anfeindungen wie das sonst üblich wäre, denn in der Not konnte man immer alles von ihm haben.

»Ich habe Michael für morgen zum essen eingeladen. Es ist dir doch recht?«

Sie sah mich an und zog eine Augenbraue hoch. »Nur er?«

»Ja, Mutti, nur er.«

Meine kleine Nachttischlampe spendete ein heimeliges Licht, gerade hell genug dass ich Davids Bild erkennen konnte. Sein Vater hatte es mir an dem Abend mitgegeben. Es war eine unerwartet angenehme Unterhaltung mit ihm. Nicht ohne Emotionen, aber trotzdem wirkte Edgar sehr gefasst. „Ich hab das kommen sehen, irgendwann. Manchmal ist er über den Hof gebraust dass ich dachte, er donnert in den Schweinestall. Er fand das witzig, aber ich hab ihn immer wieder ermahnt er solle vorsichtiger sein. Auch dem Tag.. ich fragte ihn, warum er bei den Straßenverhältnissen fahren musste. Er sagte nur, das Motorradfahren ist mein Leben und das weißt du. Mir war klar dass ich ihn nicht davon abbringen könnte.“

David war vor zwei Tagen Abends noch losgefahren, obwohl zuviel Schnee lag um Motorrad zu fahren. Drüben an der Straßenkreuzung bei Sieversen war wohl eine gefrorene Pfütze unter der Schneedecke und da trug es ihn aus der Kurve. Er musste alleine gewesen sein, niemand hatte den Unfall gesehen. Ein Autofahrer sah die Maschine später fast zufällig im Graben liegen. Davids Maschine war an einem Baum zerschellt und dem Notarzt nach war David sofort tot. Wenigstens musste er nicht leiden oder war ein Krüppel geworden. Dinge, die sein Vater als Geschenk Gottes annahm, trotz allem.
Ich fragte, ob er etwas von Andreas gehört hätte. Schließlich waren die beiden lange genug zusammen auf dem Hof. „Ich kann nicht einmal sagen ob er es weiß. Er ist irgendwann fort, sagte nur dass er das Gerede im Dorf nicht ertragen könne. Dabei war es gar nicht so schlimm. Ein paar Tratschweiber, aber das gibt’s doch überall. David hat es nichts ausgemacht und mich ließ man auch in Ruhe. Ich glaube, es war nur ein Vorwand. Die Arbeit hier.. nun ja, wem sage ich das.“
Wo könnte Andreas stecken?, fragte ich mich. War es meine Aufgabe, es ihm zu sagen?
„Warum seid ihre beide eigentlich nie zusammengekommen?“ hatte mich Edgar dann gefragt, worauf ich nur die Schultern hochzog. Eine direkte Antwort hatte ich nicht.

Marcus hatte mir in einer Mail ein schönes Fest gewünscht und ich schrieb ihm die Sache mit David. Mit jedem Wort das ich tippte, wurde mir etwas besser. Eigentlich hatte ich an diesem Tag erst erfahren, wie wichtig es war Menschen um sich zu haben mit denen man reden konnte.

„David ist tot? Das glaube ich nicht“ stand in der Antwort, mehr nicht. Zwar kannten sie sich kaum, aber immerhin war damals die Sache mit dem Kuss auf dem Hof. Vielleicht dachte Marcus, dass da viel mehr war zwischen David und mir als es den Anschein hatte.

Meine Finger fuhren über das Bild. Er lachte darauf, ein so fröhliches, ungezwungenes Lachen. Wieder tauchte „unsere“ Nacht auf. Wie schön es war mit ihm.. Andreas drehte sich in meinem Kopf, Michael war wieder da und Marcus auch irgendwie. Es war eine sehr kurze Nacht, die ich die meiste Zeit mit weinen und Grübeln verbrachte.

Über Nacht waren die Wolken verschwunden und es herrschte Frost. Eiskalte, klare Luft schlug mir am anderen Morgen auf dem Hof ins Gesicht. Ein Tag, an dem man außer im Stall keine anderen Arbeiten machen konnte. Die Scheunen waren nun auch durchgefroren und im Grunde waren alle nötigen Dinge ja schon erledigt.
Nach dem melken, ausmisten und füttern verzog ich mich dann auch rasch in die Küche. Die ganze Zeit über ging mir David nicht aus dem Kopf. Beerdigung war am 29. und schon jetzt graute mir davor. Ich wollte mich eher im Hintergrund aufhalten, was bei den vielen Menschen die mit Sicherheit kamen sicher nicht auffiel. Und Leichenschmaus kam für mich sowieso nicht in Frage. Ich rätselte schon immer wie die das anstellten. Erst jemanden zu Grabe tragen und dann an den gedeckten Tisch setzen.

»Schilling?«

»Hier ist Michael, hallo. Ich wollt mich noch mal für deine Einladung bedanken, aber ich komme nicht. Ich.. ich kann einfach nicht.«

Michaels Stimme klang noch immer traurig und leise. Ich konnte es verstehen, zudem war ich mit David so beschäftigt, dass ich mir wegen des Besuchs gar keine großen Gedanken machte. »Ja, ich verstehe dich. Sehen wir uns am.. Donnerstag?«

»Donnerstag?«

»Davids Beerdigung.«

»Ach so, ja klar. Sicher. Bis dann.«

Ich legte auf und ging nach oben. Mutter war während ich im Stall war auf den Markt gefahren, sie wollte einige Dinge einkaufen. Das tat sie immer sehr früh, sie mochte Menschengetümmel nicht, etwas das ich wohl von ihr geerbt hatte.

Es gab viele Fotos von David und mir aus früheren Zeiten. Langsam blätterte ich das Album durch, während ich auf meinem Bett saß und in eben dieser Vergangenheit schwelgte. Eine SMS holte mich in die Gegenwart zurück.

„Hallo Stefan. Ich habe von Davids Unfall in der Zeitung gelesen.. ich kann es nicht fassen. Wie geht es dir jetzt? Kommst du klar? Melde dich bitte mal. Dein Marcus.“

Dein Marcus. Wie sich das las. Er machte sich scheinbar Sorgen um mich. Was sollte ich ihm antworten? Dass es mir nicht gut ging? Das tat es ja auch nicht, aber musste er es wissen? Sich noch mehr Sorgen machen?
„Hallo Marcus, ja, es ist schrecklich, aber ich komm schon klar. Gruß Stefan.“
Mehr wollte ich nicht schreiben.
Der Tag ging vorbei, mit den üblichen arbeiten. Sie lenkten mich zum Glück etwas ab, wenn auch nur kurzfristig.

Der Donnerstag kam rasch, viel zu schnell. Was meine Seele etwas aufheiterte war ein Brief aus Polen. Jan hatte mir geschrieben, mit Entschuldigung dass der Brief nicht rechtzeitig zu Weihnachten kam weil er es vergessen hatte. Es ging ihm gut, alles wäre in bester Ordnung und weil er schon früh planen musste wollte er wissen, ob er und sein Stab im nächsten Sommer wieder kommen sollten.

Es war kalt und trübe. Ein eisiger Wind blies über die Landschaft, wehte Schneeflocken vor sich her und damit herrschte das wohl mieseste Wetter für eine Beerdigung überhaupt. David würde es egal sein, dachte ich einen Moment lang.

Meine Augen wanderten über die Gesichter der Trauergemeinschaft, als sie nacheinander in die Kirche kamen. Wie zu erwarten war fast das ganze Dorf gekommen. Wen ich vermisste war Andreas. Wusste er es noch immer nicht?
Viele nahe Verwandte hatten die Rongischs hier nicht, weshalb die erste Bankreihe fast leer blieb. Ich überlegte einen Augenblick, gab meiner Mutter ein Zeichen dass ich nach vorne gehe und dann setzte ich mich dorthin, neben Edgar. Zusammengesunken saß er da, die Hände gefaltet. Er sah mich kurz an und nickte. Zwar erntete ich einige fragende Blicke der wenigen Verwandten, aber ich nahm mir heraus hier zu sitzen. Sollten sie denken was sie wollen.
Schräg hinter mir saß Michael, er war später gekommen und so konnten wir uns nicht begrüßen. Wir nickten uns nur kurz zu, bevor Pfarrer Vogt seine Rede begann.

Ich folgte dann auch direkt Davids Sarg, wollte ihm so nahe sein wie es ging. Tränen hatte ich kaum, noch immer war das alles so unfassbar. Michael war irgendwie ständig in meiner Nähe, auch jetzt. Irgendwann auf dem Weg zum Grab lief er neben mir und ich war froh darum.

Die kleine Schaufel Sand und die rote Rose, die ich auf den hölzernen Sarg fallen ließ – mir drohten die Beine wegzusacken. Erst jetzt wurde mir dieser Abschied für immer richtig bewusst. Schnell verließ ich den Ort, egal ob man mich dabei beobachtete. Ich musste weg, fort von hier.

Ich klopfte an die Tür und kurz darauf öffnete sie sich einen Spalt. Florian sah verschlafen aus, nur mit T-Shirt und einem Slip öffnete er die Tür schließlich ganz.

»Oh, du bist es.. so früh«, sagte er nur und ließ mich in seine Bude. Nichts hatte sich verändert, alles war wie ich es verlassen hatte und es war auch sonst niemand in dem Zimmer.

»Hallo Florian.«

Er setzte sich an den Tisch und zündete sich eine Zigarette an. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten studierte ich wieder bewusst einen Männerkörper. Schön war er, verführerisch fast und allmählich kam Verlangen in mir auf. Aber ich hielt mich zurück. In meinem Worten und Gedanken. Ich setzte mich auf einen der Stühle.

»Wie geht es dir?«, fragte er mich. »Ich hab gehört was mit deinem Freund passiert ist.«

»Mein Freund… David.. ach, egal. Ja, das ist.. grausam.«

»Und nun?«

»Was und nun?«, fragte ich, obwohl es eindeutig gemeint war.

»Was machst du jetzt, mein ich. Du schmeißt das Studium nur um..«

»Florian, bitte. Das Thema hatten wir schon und ich möchte darüber nicht mehr diskutieren.«

Er sah mich fragend an. Ganz offensichtlich verstand er es nicht und so wie ich es in diesem Moment spürte wollte er es gar nicht verstehen.
Ich suchte meine paar Sachen zusammen die sich bei ihm im Lauf der Zeit angesammelt hatten. Unterwäsche, ein paar Hemden und meine Waschutensilien.

Als ich im Bad war, sah ich ihn im Spiegel unter der Tür stehen. Verführerisch lehnte er am Rahmen und zog tief an seiner Zigarette. »Das ist dann wohl dein letztes Wort nehm ich an?«

Ich hatte wirklich keine Lust zu diskutieren. »Ja.«

Ohne Vorwarnung kam er zu mir und legte seine Hände um meine Hüfte. Ich wollte mich der Berührung entziehen, aber irgend etwas in mir ließ es zu. Seine Lippen trafen zärtlich meinen Hals, die Hände wanderten über meinen Bauch. »Ich sehne mich so nach dir, du hast gar keine Ahnung«, hauchte er mir ins Ohr.

Ich holte tief Luft und wollte gerade protestieren, als er mich umdrehte und seine Lippen auf meine presste. Das kam so überraschend dass ich einige Sekunden brauchte um das wirklich zu realisieren. Das löste wohl einen Kurzschluss aus, ich wehrte mich nicht und ließ seine Zunge in meinen Mund. Dazu kam, dass Florian verdammt gut roch..
Ich wehrte mich nicht als er mein Hemd aufknöpfte, auch nicht als er mich ins Zimmer lotse. Zu lange war das alles schon her, zu stark wurde mein eigenes Verlangen nach Zärtlichkeit. Ich ließ mich fallen, wortwörtlich, in diesen schönen, wunderbaren Taumel. Florian riss mich fort aus dem Nebel, in dem ich schon so lange steckte. Ich dachte nicht mehr, ich wollte nicht mehr denken. Nur noch fühlen, schmecken. Meine innere Stimme redete mir ein, dass es vielleicht das letzte Mal sein würde. Dass ich die Gunst der Stunde nutzen musste und das jetzt nichts eine Rolle spielen dürfte. Nichts…

Es war schon dunkel als ich aufwachte, die Uhr an der Wand zeigte halb Sieben. Wie lange hatte ich geschlafen? Keine Ahnung. Um mich herum leichte Düsternis, nur die Straßenlampe unten am Eingang spendete ihren kalten, leblosen Wiederschein an der Decke. Florians Kopf lag in meiner Schulterbeuge und atmete ruhig. Zärtlich kraulte ich seine Haare, es war so schön..
Durst und der Klo zwangen mich zum aufstehen. Florian bemerkte es nicht, das hatte er nie und ich war oft richtig neidisch auf seinen tiefen Schlaf.

Der Blick in den Spiegel verhieß nichts Gutes. Ringe unter den Augen, außerdem schien ich abgenommen zu haben. Ich lehnte mich auf das Waschbecken und sah mir intensiv in die Augen. Nein, mich hat niemand ausgenützt, dachte ich. Dazu gehören immer zwei. Ich hätte gehen können heute Nachmittag. Florian abwehren und gehen, fertig. Und es war nicht, weil ich es nicht konnte. Ich wollte nicht. So war es mit David. War es nicht etwas Schönes, begehrt zu werden?
Florian stand plötzlich wieder neben mir, sein süffisantes Grinsen blickte mich durch den Spiegel an.

Ich drehte mich um. Hätten wir uns Stunden zuvor nicht total verausgabt, wäre ich sicher wieder auf dumme Gedanken gekommen. Aber auch bei ihm regte sich nichts. Wie oft hatten wir so wie jetzt nackt hier drin gestanden und uns gewaschen? Waren wir nicht ein richtiges Paar gewesen?

»War wieder mal einsame Spitze«, sagte er mit einem süffisanten Grinsen.

Ich hörte nicht richtig hin, Florian stürzte mich in einen Gewissenskonflikt.

Er spürte das. »Mensch Stefan, du.. du gehst einfach weg. Denkst nur an dich, an den Hof. Bin ich dir denn überhaupt nichts wert? Ist es nur der Sex der dich zu mir zieht? Ich habe seit du weg bist niemand anderes gehabt. Ich konnte es nicht. Immerzu dachte ich, das kannst du Stef nicht antun. Aber du machst es einem verdammt nicht leicht. Ich habe keine Lust mehr wie ein Mönch zu leben.«

»Das hat auch niemand von dir verlangt«, gab ich ungehalten zurück. Mir taten diese Worte sofort leid, aber sie waren gesagt. Ich war noch irgendwie genervt von den Ereignissen der letzten Zeit und wollte mir einfach nichts vorwerfen lassen. Dabei war mir auch klar, dass es nicht Florian war, jeden anderen hätte es genauso getroffen. »Tut mir leid, das wollt ich nicht..«

»..schon gut«, unterbrach er mich und ging aus dem Badezimmer. »Hauptsache, du hast dein Auskommen, nicht wahr? Wäre nur nett, wenn du in fünf Minuten hier raus wärst. Ich will dich endgültig nicht mehr sehen.«

Der Koffer lag gepackt auf meinem Bett. Noch einmal ließ ich meinen Blick kreisen, es hieß hier Abschied zu nehmen, für immer. Einerseits tat es mir leid, andererseits freute ich mich wenigstens diese Entscheidung endgültig getroffen zu haben. Dieses Kapitel war abgeschlossen. Florian hatte nicht einmal Auf Wiedersehen gesagt als ich seine Wohnung verließ. Er stand von mir abgewandt am Fenster und schien nur darauf zu warten, dass sich die Tür hinter mir schloss.
Ich nahm meinen Koffer und er verließ die Wohnung. Den Schlüssel warf ich in Richters Briefkasten und war froh, dass mir niemand begegnete.

An einem Schnellimbiss hielt ich an und setzte mich an einen freien Tisch am Fenster. Die Lichter der draußen vorbeifahrenden Autos, das Gemurmel der Menschen in dem Raum, die Musik aus dem Radio.. Ich nahm es wahr und doch nicht. Waren denn all meine Entscheidungen richtig? Mein Tun und Handeln? War das jenes Leben, das ich wollte? Florian.. ich hatte ihm Unrecht getan, absolut und ich begann mich dafür zu hassen. Er mochte mich nicht nur weil ich mit ihm guten Sex hatte, er mochte mich als Mensch. „Gute Freunde sind selten.. Gottes Geschenk..“ Diese Worte aus der Kanzel unserer Kirche.. Ich hatte dieses Geschenk mit den Füßen getreten. Was war los mit mir? Suchte ich überhaupt Freunde? Ging es mir wirklich nur um Sex?

Das Prozedere am Eingang des Etablissements kannte ich aus Stories und Foren im Internet und es kam zu Hundert Prozent hin. Die Adresse aus dem Internet hatte ich seltsamerweise noch im Kopf gehabt. Mein Herz schlug bis zum Hals als ich den Umkleideraum der Schwulensauna betrat. Zwei Männer waren da, sie zogen sich gerade an. Ich fragte nichts, ich wollte überhaupt nichts sagen. Nur sehen wie es ist. Fremder unter Fremden zu sein, nichts als ein bisschen Spaß haben und Ablenkung. Das vor allen Dingen, ich musste einfach raus aus meinem Gefängnis. So wie ich es gelesen hatte musste man hier gar nichts sagen. Das würde sich von allein geben.
Als ich wenig später auf der Holzbank saß und das Treiben der Männer dort beobachtete wurde mir schlecht. Nicht dass die etwas taten was mir fremd oder abartig vorkam, mir wurde vor mir selber schlecht. Im Grunde tat ich nichts anderes als sie, nur in einem anderen Umfeld. Und dass ich die Jungs kannte mit denen ich es trieb.
Plötzlich stockte ich. Im dichten Dampf der Kabine glaubte ich ein Gesicht zu erkennen. Und demjenigen, dem es gehörte, schien es ebenso zu gehen. Der Mann stand auf und kam auf mich zu.

»Stefan..?«

»Andreas..« Mein Mund wurde trocken, ich konnte die Situation im Augenblick nicht einordnen. Zu fragen was wir hier machten mussten wir uns nicht. Nur große Augen hatten wir beide wohl gemacht.

Andreas musterte mich wie einen Marsmenschen. »Das ist aber eine Überraschung«, sagte er und klatschte seine Hand auf meine Schulter.

War es mir peinlich? David fiel mir plötzlich ein. Wusste er am Ende noch immer nicht..? Was passierte in dem Fall wenn ich es ihm sagte? Was, wenn ich schwieg und er mir irgendwann über den Weg lief? Was waren meine Konsequenzen in beiden Fällen?

»Wie geht es dir?«, fragte er, nachdem von mir nichts kam. »Hast du von David etwas gehört?«

Ich spürte wie meine Knie weich wurden und da war sie wieder, die Panik der ich zu entfliehen versuchte. Warum in Gottes Namen nur war ich hierher gekommen, warum war ausgerechnet er hier, in einer Millionenstadt, in dieser einen Sauna? Die Sache mit David.. ich musste es ihm sagen, irgendwie. Er hatte ein Recht darauf, aber es war der denkbar falscheste Ort dafür.

»Kommst du mit nach draußen?«, fragte ich ihn deshalb.

»Warum? Ich find’s ganz toll hier. Komm, setzen wir uns. Ich denke wir haben ne Menge zu bereden.«

»Andy, bitte.«

»Was hast du denn? Also ich bin grad gekommen und..«, er zeigte in die Ecke zu einer im Dampf undeutlichen Person, »..dabei was anzugraben.« Dabei zwinkerte er mir zu.

»Also, was ich dir sagen muss.. passt hier nicht her.«

Er wurde nicht einmal neugierig. »Muss? Komm, so geheimnisvoll? Du, wenn ich jetzt rausgehe fliegt mir das Huhn da drüben weg und..«

Ich wartete nicht bis er ausgeredet hatte, dieses alberne Getue war mir unerträglich in dem Moment.
Vor der Tür blieb ich stehen, aber er folgte mir nicht. Zornig und wütend zugleich zog ich mich an und verließ diesen Ort, den ich sicherlich nie wieder aufsuchen würde.
Eine Weile saß ich im Auto und dachte nach. War es meine Pflicht zu warten bis er dort zur Tür rauskam? Nein, das war nicht meine verdammte Pflicht. Er wollte mir nicht zuhören und bei allem was mir lieb und heilig war, in die Umgebung dort hätte eine Todesnachricht ganz bestimmt nicht gepasst. Ich ließ den Wagen an und steuerte ihn hinaus aus der Stadt.

Erst wenige hundert Meter davor wurde mir schlagartig bewusst, dass ich gleich die Kreuzung erreichen würde wo David.. Ich hatte keine Wahl, es gab keinen anderen Weg nach Hause. Rasch überquerte ich sie und versuchte nicht daran zu denken.

Mutter war schon zu Bett gegangen, sie hatte sich an dem Tag um die Tiere auf dem Hof gekümmert.

Nein, hier gehörte ich hin, sonst nirgends. Ich lag auf meinem Bett und grübelte, wie schon so oft in letzter Zeit. Morgen ist Silvester fiel mir ein und auch, dass es wohl keinen Grund gab ordentlich zu feiern. Ich würde hier bleiben, ein Glas Sekt mit Mutter trinken, zu den Tieren rübergehen und das war’s auch schon. Aber ob Mutter überhaupt so lange aufbleiben wollte war noch fraglich. Ich war verdammt unglücklich.

Eine Dichtung an der Melkmaschine war porös geworden und jede Suche in der kleinen Werkstatt nach einer neuen blieb ohne Erfolg. Es war noch dunkel als ich am anderen Morgen aus dem Stall ging. Rudolf Breitsteiner hatte die selbe Maschine und mir würde nichts anderes bleiben als ihn danach zu fragen. Gerade als ich mein Handy nahm und ihn anrufen wollte, erleuchteten Scheinwerfer den Hof und dann blendeten sie mich. Ich kniff die Augen zusammen und erst als das Licht des Wagens ausging erkannte ich Michaels Auto.

Er stieg aus. »Morgen Stefan«, sagte er und es kam mir vor, als wäre er wesentlich besser gelaunt als die letzten Male.

»Hallo Michael. So früh auf den Beinen?«

»War auf Sauen heute Nacht.«

»Und, erfolgreich?«

Er grinste und deutete auf das Heck seines Wagens. »Zwei hab ich erwischt.«

»Und wolltest.. du was besonderes hier?«

»Hast du Zeit, Stefan?«

»Ähm.. eine Dichtung. Ich brauche sie für die Melkmaschine. Wollte grade Breitsteiner anrufen ob er eine für mich hat.«

Er nickte und schien darauf zu warten dass ich anrief, was ich dann auch tat. Gott sei Dank hatte Rudolf eine Dichtung für mich. »Ich kann rüber sie mir holen.«

»Soll ich dich fahren? Es macht mir nichts aus.«

Klar, es wartete ja niemand auf ihn. Ich nickte. »Ja, wenn du magst.«

Die Straßen waren Schnee- und Eisfrei, sonst versteckte sich die Landschaft noch unter einer Schneedecke. Es begann zu dämmern als wir auf der Fahrt zurück waren. Rudolf hatte mir noch eine Flasche Sekt mitgegeben und einen guten Rutsch gewünscht.

»Was machst du heute Abend?«, fragte ich Michael, mit dem ich bis dahin fast kein Wort gewechselt hatte.

Er zog die Schultern hoch. »Ich habe nichts geplant. Werd mich mit Arcos an den Kamin setzen..«

Da war sie nun doch wieder, die Traurigkeit, an die ich mich bei ihm nie gewöhnen würde. »Möchtest du zu uns kommen? Wir haben ja keine Gäste oder so..«

Er sah mich an und plötzlich hielt er den Wagen am Straßenrand und stellte den Motor ab. Michael lehnte sich auf das Lenkrad und sah in die Dämmerung. »Stefan.. ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll. Ich hatte Zeit zum nachdenken, viel Zeit. Über mich.. über dich, über alles.«

Ich sah ihn nur an.

»Es ist schwer. Verdammt schwer. Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht.«

»Michael, ich weiß wie das ist.«

»Nein, ich glaube nicht. Du wusstest es von Anfang an, für dich gab es ja nie eine andere Welt.«

Er hatte recht, irgendwie. Darum würde ich ihm nicht helfen können. Frauen waren nie ein Thema für mich, zu keiner Zeit. Da war die Phase bis ich wusste dass ich schwul bin, aber die dauerte nicht sehr lange. Dazwischen gab es nichts anderes. Nicht der Wunsch, Hetero zu werden irgendwann, nicht mal der Gedanke an einen Versuch. Ich konnte eher froh sein, dass ich mich nicht entscheiden musste. So wie er jetzt.

»Und was willst du jetzt.. tun?«

Er sah mich an und mir wurde wieder ganz anders. Die Augen, dieses wunderschöne Gesicht. Die Haare, die Hände. Alles passte so perfekt. Sekundenlang dachte ich, du kannst ihn haben. Nimm ihn dir einfach, er wird nachgeben. Dann verwarf ich diese Gedanken, vor denen ich drohte Angst zu bekommen. Sie waren am Ende widerwärtig.

Er starrte wieder aus dem Fenster. »Wenn ich das wüsste.«

»Michael, du kannst so nicht leben.«

Seine Stimme wurde einen Tick lauter. »Ja Klasse, das weiß ich inzwischen selbst. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?«

Eine gute, eine sehr gute Frage. Nur hatte ich nicht die geringste Antwort darauf. Wollte er es ausprobieren? Wie es ist, mit einem Mann zu schlafen? Sex zu haben, einfach nur um zu sehen ob die Gefühle nun richtig ticken? Trotz allem musste ich einen Moment grinsen. Ich und Testperson. Zweifellos eine delikate Vorstellung. Aber ich wollte nicht vollständig zur Hof- und Landhure verkommen. Oder tat ich ihm am Ende einen echten Gefallen damit? Mir tat es ja nicht weh, im Gegenteil. Und er wüsste nachher ob das von nun an seine Welt war. Sofort begann ich mir Dinge auszumalen, die durchaus in Erwägung gezogen werden konnten. Er kam irgendwann für immer auf unseren Hof..

»Was machst du eigentlich mit dem Haus? Es ist ja riesig wenn man allein ist.«

»Stefan, bitte lenk nicht ab.«

Ich schluckte, er meinte das alles hier verdammt ernst. Und ich sollte es auch tun.

»Schön. Es tut mir leid, ich habe keine Idee.«

Je länger wir da standen und redeten, desto kribbliger wurde ich. Seine unmittelbare Nähe hatte nichts von dem Reiz, der von ihm ausging, verloren. Ja, zum Teufel, ich gäbe etwas um eine Nacht mit ihm. Ihn verführen, einführen in eine Welt, von der er noch gar nichts wusste. Ich sagte mir, Stefan, eines Tages kommt es doch soweit. Du hast keine Konkurrenz, niemand wird dir dabei zuvorkommen. Und wenn das so bleiben soll musst du handeln. Am Ende dient das alles einem guten Zweck. Für beide.

Er seufzte. Wartete er vielleicht darauf, dass ich aktiv wurde? Ich musste es wissen, denn allmählich verlor ich die Kontrolle.

»Wenn du willst können wir Silvester ja bei dir feiern. Mutter wird wahrscheinlich eh ins Bett gehen wie jeden Abend.«

Er drehte langsam seinen Kopf zu mir. Wenn ich nur gewusst hätte was er dabei dachte. Jetzt war es wieder dieses mustern, seine Augen versuchten in mich einzudringen. Ich war todsicher, dass er sich diesen Abend gerade ausmalte. Und auch, welche logische Konsequenz er für ihn haben würde. Er kämpfte mit einem Entschluss und mir wurde trotz der langsam aufkommende Kälte im Auto fast schon heiß.

»Okay«, sagte er plötzlich nur und ließ den Motor an.

»Ich hol dich um Neun Uhr ab«, rief er mir zu, nachdem ich im Hof ausgestiegen war. Dann fuhr er weg und ich stand da. Einfach so. Unfähig eigentlich einen klaren Gedanken zu fassen. Er hatte mich eingeladen. Zu einem Date, mehr war das nicht in meinen Augen. Der Anlass war Vorwand. Michael wollte mit mir schlafen, sonst nichts.

»Mutti, du.. ich würde Silvester gern bei Michael feiern«, sagte ich kurz darauf am Frühstückstisch.

Sie sah von der Zeitung auf. »Ja, klar. Ich mach mir eh nichts draus, das weißt du ja. Aber nicht dass du mir dann noch fährst..« Sie erwähnte David nicht, aber ich wusste dass das ihr Gedanke war.

»Nein, keine Angst.«

»Die Leute sagen, seine Frau ist ausgezogen.. Das ist bestimmt jetzt nicht einfach für ihn.«

»Nein, das stimmt. Deshalb geh ich auch zu ihm, dann ist es nicht so schwer für ihn. Ich geh dann mal rüber, die Dichtung an der Melkmaschine austauschen.«

Wie schön dass sie nicht weiter fragte. Den wahren Grund würde sie sich mit Sicherheit nicht einmal im Traum einfallen lassen.

Kaum hatte ich die Melkmaschine wieder in Gang gebracht, fuhr ein Wagen auf den Hof. Sofort stutzte ich, denn dieses Motorgeräusch war mir langsam vertraut. Trotzdem bleib ich im Stall. Ich wusch mir die Hände, zog meinen Kittel aus und setzte mich auf den Schemel. Was würde jetzt passieren? Obwohl ich hoffte, mich doch getäuscht zu haben wusste ich genau wer da vorgefahren war. Sagten sie nicht, sie seien über Weihnachten in Leipzig? Dann wäre es nicht undenkbar, dass sie auf dem Rückweg noch einmal hier vorbeikamen.

»Hallo Stefan.«

Marcus’ Stimme durchfuhr mich beinahe wie ein Blitz.

»Tach Marcus.« Ich stand auf und gab ihm die Hand und zwang mich, ihm nicht in die Augen zu sehen. Ich fürchtete meine Reaktion darauf, die war mir allzu gut bekannt. Ich griff an meine Halskette. »Du, Marcus, das war ganz lieb von dir.. hast genau meinen Geschmack getroffen.. vielen Dank. Nur hab ich jetzt nicht mit deinem Besuch gerechnet, deshalb hab ich nichts für dich..«

Er lächelte. »Gern geschehen. Freut mich wenn’s dir gefällt. Ich hab übrigens deine Emails bei meiner Tante gelesen. Das mit David..«

»Schon gut, es geht mir besser. War es schön in Leipzig?«

Nun sah ich ihn doch an. Ein ziemlich verwirrter Blick traf mich.

»Ja.. schon. Aber was..«

»Marcus, es ist okay, glaub mir. Man kann es doch nicht ändern.. und..« Was sollte ich noch sagen? Ausgerechnet in dieser Phase, in der ich dabei war die Vergangenheit hinter mir zu lassen, wühlte er wieder alles auf. Ich war einen Moment lang ärgerlich, dann sah ich ein dass er keine Schuld hatte. »Ihr seid auf der Heimfahrt?«

Er sah zur Box, in der Marcus-Kälbchen stand. »Ja, wollten dir und deiner Mutter nur einen guten Rutsch wünschen.«

»Das ist lieb von euch. Sollen wir reingehen? Ich mach uns einen Kaffee.«

»Ja, okay. Papa ist glaub ich schon drin.«

Schweigend gingen wir in die Küche, wo es schon nach frisch gebrühtem Kaffee roch. Dass mir Marcus’ Vater die Hand gab und sein Beileid aussprach ahnte ich schon, ich nahm es mehr oder weniger gelassen. Die meiste Angst hatte ich, dass wir jetzt die Einzelheiten um Davids Tod wieder auftischen mussten. Es war mein Part, den ich glücklicherweise ohne große Emotionen über die Bühne brachte. Aber dann geriet meine Planung, mein Vorhaben, meine ganzen Gedanken aus den Fugen.

»Stefan, ich hab nächste Woche noch Urlaub. Also ich mein, Papa ist damit einverstanden wenn du es auch bist..«

Ich ahnte was kommen würde. Mein Puls jagte hoch, mir wurde wieder heiß. Das durfte nicht sein, nicht jetzt. Fieberhaft suchte ich nach einer Ausrede, warum er nicht bleiben konnte, nicht bleiben durfte trefflicher gesagt.

»Ach das wäre aber schön, Stefan. Dann könnt ihr beide ja heute Nacht bei Michael feiern, der würde sich bestimmt freuen. Und Platz ist hier doch sowieso überall.«

Das war eine eindeutige Einladung hier zu bleiben. Jeder Versuch, das abzublocken scheiterte im Ansatz. Ich hatte keine Chance und so blieb mir nichts, als zustimmend zu nicken. Wie das von den dreien aufgefasst werden würde war mir in dem Moment egal. Dann musste die Sache mit Michael eben warten, es war nicht zu ändern.

»Aber trotzdem frag ich ihn ob es ihm recht ist, ich mein ich kann ja nicht einfach so jemanden mitbringen.«

»Ja, tu das. Aber er wird sicher nichts dagegen haben«, setzte meine Mutter noch eins drauf.

Ich entschuldigte mich und ging nach oben, begleitete mich mit einigen Flüchen auf meine Unfähigkeit, mich durchzusetzen. Aber gut, ich hatte es ja nicht einmal versucht. Hab’s einfach hingenommen.

Marcus stand plötzlich unter meiner Tür. »Stefan?«

»Ja?«

»Du.. ich merke, es scheint dir nicht recht zu sein dass ich hier bleiben möchte.«

»Wie kommst du denn da drauf?«

»Du hast nicht grade begeistert reagiert.«

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