Das Boycamp II – Teil 10

Sie machten keinen weiteren Halt mehr und je näher sie dem Verladebahnhof kamen, desto angespannter wurden sie. Erkan ließ den Weg vor und um sich herum keine Sekunde aus den Augen, dann kam der Steinbruch in Sicht. Die Tannen auf seinem Gipfel waren bereits kaum noch zu erkennen, immer tiefer kam die Wolkendecke herunter und nun begann auch ein leichter Regen. Schnell wurde die Sicht schlechter und tauchte die Gegend in einheitliches, tristes Grau. Auf die Vorstellung, dies könnte ein schlechtes Omen sein, ließ sich Nico nicht ein, auch wenn ihn dieser Gedanke kurzzeitig beschäftigte.

Erkan blieb stehen, die Gruppe sammelte sich um ihn. »Also gut. Wir sind gleich da. Klaus, bleib du hier. Verkriech dich in den Büschen da und ruf mich sofort an wenn sich etwas tut.«

»Erkan, denk dran…«, mischte sich Nico in das Gespräch, »ein Funksignal gibt es nur direkt an der Rampe.«

Blässe stieg in Erkans Gesicht. Er zog sein Handy aus der Tasche, sah auf das Display und musste diese Tatsache resigniert hinnehmen. »Scheiße. Okay, dann bleibt nur eins – wenn’s brenzlig wird zusehen, dass du zu der Halle kommst, eine andere Chance haben wir jetzt nicht.«

Klaus nickte, auch wenn ihm die Aussicht, völlig alleine hier bleiben zu müssen, Unbehagen einflößte. Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Gebüsch am Waldrand, worin er Sekunden später unsichtbar wurde.

Erkan platzierte Mirko ein gutes Stück weiter vorne, von wo aus man bereits den Bahnhof mit seinen Gebäuden erkennen konnte. Auf den ersten Blick lag das Gelände völlig ruhig vor ihnen, nichts deutete auf irgendwelche Aktivitäten hin. Aber das musste nichts heißen, in jedem Fall war trotz allem Misstrauen und doppelte Vorsicht geboten. So einfach ohne Deckung auf den Platz zuzulaufen hielt Erkan deshalb auch für ungünstig. Dass sie niemanden sahen, musste umgekehrt nicht ebenso sein.
Dicht hielten sich Nico, Stefan und Lutz hinter ihrem Führer, der nun direkt am Waldrand entlang schlich, bis sie auf der Höhe der Halle waren. Etwa fünfzig Meter mussten sie dennoch ungedeckt freies Gelände überqueren, es gab dazu keine Alternative. Auch aus diesem Blickwinkel war nichts Außergewöhnliches zu erkennen, dennoch verharrten die Jungen in gebückter Haltung und spähten weiträumig das Gebiet vor ihnen ab.

»Totenstill«, flüsterte Nico Erkan zu.

Gemessen an der Zeit, die vom bemerken ihres Verschwindens aus dem Camp bis jetzt vergangen war, konnten tatsächlich längst alle Spuren beseitigt worden sein. Krampfhaft dachte Erkan nach. Sie mussten zu dieser Halle da drüben, egal wie. Ein schneller Sprint würde nur einige Sekunden dauern, anders war nichts zu machen. Noch einen Posten wollte er nicht abstellen, zu Viert mussten sie schon sein. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, so, als wollte er durch die Bretterwand dort drüben hindurchsehen.

»Lutz, gib mir mal das Fernglas«, bat er und kurz darauf scannte er die Halle ab. Von hier aus war keine marode Stelle sichtbar, durch die man unter Umständen hineingelangen konnte. Das Tor war durch das Sicherheitsschloss verriegelt, ganz so einfach würde es sich nicht knacken lassen, zumal sie keinerlei Werkzeug mit sich führten. Seine Grundidee lag ja auch darin, dass sie dennoch das eine oder andere morsche Seitenbrett wegreißen konnten.
Sein Blick schweifte weiter durch das Glas, vorbei an den anderen Gebäuden, am Container, entlang der alten Gleise bis hin zu dem alten Tiefladewaggon. Dort blieb sein Blick haften. Vor dem Wagen lagen irgendwelche Gegenstände und in Erkan keimte die Hoffnung auf, dass sich darunter auch etwas für sie Verwertbares in Form irgendeines Werkzeugs befinden könnte. Die Entfernung dahin war zwar größer als zu der Halle, aber dieses Risiko musste er eingehen.

»Ihr bleibt hier, am besten ein Stück in den Wald. Ich lauf zu dem Waggon da rüber, vielleicht finde ich da was Brauchbares. Ich geb euch ein Zeichen, dann lauft so schnell ihr könnt zu der Halle.«

Kommentarlos zogen sich die drei in die Büsche zurück.

»Scheiß Wetter, hätte das nicht noch Zeit gehabt«, fluchte Lutz.

»Ja, hätte es haben können«, stimmte Stefan zu und zog seine Kapuze enger um den Kopf. In den Büschen gingen sie in die Hocke und Lutz suchte sich eine Stelle, von der aus er Erkan mit dem Fernglas beobachten konnte.

Der rannte in gebückter Haltung los, ohne die nötige Vorsicht außer Acht zu lassen. Immer wieder sah er sich um, wählte sorgfältig jeden Schritt. Die alten, ölgetränkten Schwellen im Gleisbett waren rutschig geworden, auf dem Schotter wuchsen niedrige Himbeersträucher, deren Ranken sich schnell um den Fuß wickeln und zu einer gefährlichen Stolperfalle werden konnten.
Völlig außer Atmen erreichte er den Waggon, hinter dem er sofort zu Boden ging und Deckung suchte. Heftig atmend lehnte er sich an eines der eisernen Räder und schloss die Augen. Einen Moment gönnte er sich, dann blickte er zurück, hinüber zum Waldrand. Die Jungen waren zumindest von dieser Stelle aus unsichtbar und das beruhigte ihn.

»Hoffentlich dauert das nicht lange. Mir wird langsam kalt.«

»Abwarten, Stefan, der wird keine Sekunde dort verplempern«, flüsterte Lutz zurück, ohne den Waggon drüben aus den Augen zu lassen. Dass er Erkan jetzt nicht mehr sehen konnte machte ihn etwas nervös.

Spontan gab Nico Stefan einen Kuss auf die Wange. »Danach war mir jetzt«, lächelte er und sein Freund quittierte das, in dem er seinen Arm um Nico legte und mit der Hand seinen Hals und die Wange streichelte. Lutz drehte sich einen Augenblick zu ihnen um, lächelte sie kurz an und widmete sich dann wieder seiner Aufgabe.

Alle möglichen Metallteile, verbogen und verrostet, verrottetes Holz, ein schwarzer Eimer mit Schmieröl – das waren die Gegenstände, die Erkan von seinem Platz ausmachen konnte. Nichts, was sie hätten gebrauchen können. Plötzlich blieb sein Blick an der Seite des alten Transportgefährts hängen und innerlich begann er zu jubeln. Etwas Besseres konnte man gar nicht finden und sein Gefühl, hier auf etwas Nützliches zu stoßen, hatte sich bestätigt.
Unter einem Stapel verrotteter Paletten ragte ein Stück einer Eisenstange heraus. Dem gegabelten Ende nach dürfte es ein Brecheisen gewesen sein, vermutlich wurden damit einst unbrauchbare Paletten zerlegt.
Es bedurfte einiger Kraft, die Stange unter dem Stapel herauszuziehen, zumal Erkan darauf achten musste, seine Deckung dabei nicht zu verlieren. Stück für Stück zog er die Stange heraus, wobei sie ihm durch die Nässe einige Male aus den Händen rutschte.
Schweißperlen standen auf seinem Gesicht, als er die Stange endlich in seinen Händen hielt.
Vorsichtig lugte er zum Waldrand und über das Gelände. Nichts rührte sich und so stand er auf und gab das Zeichen. Er winkte zu der Halle hinüber und sprintete selbst sofort los.

Fast zeitgleich trafen sie an der Halle ein und huschten unter die Rampe. Dort kam der Regen nicht hin und die verwilderten Hecken ringsum gaben eine vorzügliche Deckung. Tief zogen sie sich an die Mauer zurück.

Erkan schwang nur die Eisenstange triumphierend vor sich. »Damit gibt fast alles nach.«

Minutenlang kauerten sie in dem Versteck, aber es blieb ringsum ruhig. Die Gewissheit, gleich am Ziel zu sein ließ sie dann unruhig werden.

»Okay. Das Tor zur Halle ist genau über uns. Ich denke, dass drei Mann da oben genügen, einer sollte hier draußen bleiben.« Erkan sah die drei erwartungsvoll an.

»Ich bleib hier«, sagte Stefan schließlich. Er war der schmächtigste unter ihnen und dass dort oben auch Kraft vonnöten sein würde, stand außer Frage. Trotzdem fiel ihm die Entscheidung nicht leicht, ohne Nico war ihm einfach nicht wohl.

»Gut. Wenn’s wirklich hart kommt, dann ruf nicht lange an. Schrei einfach los, wir sind nur ein paar Meter weg. Bleib aber trotzdem hier unten, okay?«

»Sicher. Ich rühr mich keinen Zentimeter.«

Langsam kroch Erkan unter der Rampe hervor, immer wieder schweifte sein Blick dabei über das Gelände. Langsam wurde es immer dunstiger, der Regen fiel als winzige Tröpfchen und erschwerte die Sicht. Grau, düster, schwer wie Blei drückte diese Stimmung aufs Gemüt, aber ihm blieb keine Zeit um sich darüber Gedanken zu machen.

Erkan gab ein Handzeichen als er draußen stand und die drei krochen unter der Rampe hervor. Leise legte er die Eisenstange auf die Rampe, dann hievte er sich gewandt nach oben, blieb aber in der Hocke. Rasch folgten ihm die anderen und nun standen sie vor dem Hallentor. Nico schlich dicht an der Holzwand entlang zu jener Stelle, von wo aus er hineinsehen konnte und spähte durch den Schlitz zwischen den Balken. Aber es war zu dunkel da drin, nicht das Geringste war zu erkennen.

Er winkte zu den anderen. »Lutz, die Lampe«, flüsterte er hektisch. Wenig später tanzten die Lichtstrahlen in das Innere und Nico hielt die Luft an. Nichts, überhaupt nichts lag dort mehr herum. Keine Dosen, keine Zeitung, der Boden war gähnend leer. Während er noch überlegte, ob Erkan diese Entdeckung jetzt wissen sollte, vernahm er ein Knacken und Knirschen.
Zwar würde das Schloss selbst niemals nachgeben, aber das Scharnier war nur mit vier mickrigen Schrauben am Holz festgemacht und nach zwei kraftvollen Hebelbewegungen lösten sie sich knarrend aus dem Holz. Ohne Verzögerung schob Erkan das Tor soweit auf das er gerade so hindurchpasste und tauchte im Dunkel der Halle unter, schnell gefolgt von den anderen.
Nur wenig spärliches Licht fand durch die kleinen Fenster Zugang und Nico leuchtete hektisch um sich, aber bis auf einige Kübel, Holztische, einer Seilwinde an der Decke und einer uralten, riesigen Waage in der Mitte fand sich nichts. Der Lichtschein fiel auf eine Tür, die halb offen zu der Seite führte, in die Nico von außen hineingeleuchtet hatte. Er hielt den Lichtkegel auf die Tür, während sich Erkan langsam auf sie zu bewegte. Entschlossen riss er die Tür ganz auf und mit einem Riesensatz sprang er in den dunklen Raum.

Mirko fror erbärmlich, noch dazu kroch die Feuchtigkeit allmählich unter seine Klamotten. Seit er diese Bewegung hinter sich im Wald bemerkt hatte, arbeiteten seine Sinne auf Hochtouren. Was es war vermochte er nicht zu sagen, unter der nervlichen Anspannung könnte es sogar reine Einbildung gewesen sein. Trotzdem suchte er nun ständig die Gegend ab, versuchte in den Wald hineinzulauschen. Aber der Wind und die ins Laub fallenden Regentropfen vereitelten ein gezieltes Hören. Mal knisterte es links, mal rechts, hinter ihm, dann klatschte ein großer Tropfen auf die Kapuze seines Parkas und mit jedem Mal zuckte Mirko dabei zusammen. Inzwischen waren die Wolken so tief, dass sie wie weißgraue, undurchsichtige Fahnen vom Wind über das Gelände gefegt wurden und die Gebäude dabei zeitweise verschluckten.
Hunger brannte in seinem Magen, Müdigkeit drohte zum Thema zu werden, dennoch ließ sich der Junge nicht davon ablenken. Ewig konnten sie da drüben ja nicht brauchen, obwohl er jetzt gern gewusst hätte was dort im Augenblick geschah. Unter Flehen zog er ab und zu sein Handy aus der Tasche, aber immer tanzte derselbe Text vor seinen Augen: Kein Netz.

Auch Klaus fluchte leise vor sich hin. Seine Stellung bot nicht die geringste Abwechslung, abgesehen von einem Hasen, der ziemlich dicht vor ihm den Weg entlanggehoppelt war. Das monotone Einerlei um ihn herum lullte ihn allmählich ein.
Plötzlich riss er die Augen auf. Die Geräusche rings um ihn waren ihm mittlerweile vertraut geworden, aber das eben gehörte nicht in diese Sammlung. Ruckartig riss er seine Kapuze nach hinten und drehte sich um.

Unheimlich war es anzusehen, wie die Nebelschwaden über den Platz zogen, fast wie der Auftakt zur Apokalypse, dachte Stefan. Seit dem brechenden Geräusch über ihm hatte er nichts mehr gehört, aber er blieb folgsam unter der Rampe sitzen. Einige Male rutschte er etwas nach vorne um die Gegend abzusuchen, was er aufgrund der miserablen Sichtverhältnisse dann aber bleiben ließ. Schon wegen Nico wollte er nun lieber nach oben, aber sie würden ihn rufen wenn sie ihn brauchten, es machte keinen Sinn ein unnötiges Risiko einzugehen.

Nur eine Sekunde später war auch Nico hinter Erkan in den Raum gesprungen und leuchtete sofort hinein. Mit jedem Meter, den der Lichtstrahl traf, wurde die Enttäuschung größer. Nichts war hier drin, überhaupt nichts. Aber dennoch, etwas war anders. Nico ging in die Knie und leuchtete dicht über den Boden, dann fuhr er mit der Hand über die Bretter. »Kein Staub, Erkan, fast kein Staub.«

Erkan sog die Luft ein. »Ich frag mich grade, nach was es hier stinkt…«

Nico schnüffelte nun ebenfalls und ging gezielt in die hintere Ecke, leuchtete dorthin und ging in die Knie. »Ich kann dir sagen was das ist.«

Erkans Blick wurde düster. »Urin?«

»Ich wette, Eins zu Hundert.«

Ohne darüber reden zu müssen war ihnen klar was das zu bedeuten hatte. Niemand kam in diesen Raum, nur um in die Ecke zu pinkeln, da war draußen Platz genug. Erkan ging zu der Tür. »Nico, leucht mal dahin, auf das Schloss.« Dann fuhr er mit dem Finger an dem Schließriegel entlang und hielt sie ins Licht. »Da. Wenn jahrelang hier niemand war, wieso hab ich jetzt schwarze Finger von Graphit?«.

»Kommt mal her«, rief Lutz aus der Halle, in der er vorsichtshalber gewartet hatte. »Hier, das lag da hinten bei den Tischen«, sagte er zu den beiden, nachdem sie schnell zu ihm geeilt waren. Er hielt eine Stofftasche hoch. »Könnte das nicht so eine sein, wie sie Alexander beschrieben hat?. „…Ein grauer. Kann auch ´ne Stofftasche oder so was gewesen sein…“. Erinnert ihr euch?«

Erkan nahm sie vorsichtig mit zwei Fingern. »Nico, die Lampe.« Ganz genau leuchtete er die Tasche ab, fuhr mit seinen Fingern darüber. Dann hellte sich sein Gesicht auf. »Bingo. Holzspäne. Seht ihr hier welche? Ich nicht. Verdammt, ich möchte wissen was da drin war und wenn das dieselbe ist die Alex gesehen hat, wieso fliegt die dann hier herum?« Er grübelte einen Augenblick, dann hob er den Zeigefinger. »Es sei denn, man hat sie vergessen.«

Nico hatte Angst er könnte Recht haben, trotzdem sprach er es aus. »Könnte das nicht… Tobias’ Tasche sein? Die, wo seine Spielsachen drin waren?«

»Daran hab ich auch eben gedacht, aber welchen Sinn soll es haben, eine leere Tasche von einer Ecke in die andere zu tragen? Da steckt was anderes dahinter. Kommt, wir suchen hier alles ab, jeden Millimeter.«

Klaus stierte angestrengt in den Blätterwald. Genau definieren konnte er das Geräusch von vorhin nicht, aber im Entferntesten Sinn könnte es das klappen einer Autotür gewesen sein. So genau kannte er das Gelände nicht und damit war unklar, ob es weiter drin in diesem Wald einen breiten Weg oder sogar eine Straße gab. Sein Herz klopfte so wild, dass er es am Hals spüren konnte und der Mund trocknete aus. Nebelschwaden zogen jetzt zwischen den Bäumen hindurch und suggerierten ihm alle möglichen Dinge. Jetzt nicht ausrasten, befahl er sich, keine Panik. Dennoch, wie konnte er notfalls Alarm schlagen wenn er hier sitzen blieb? Vorsichtig stand er auf und bewegte sich Schritt für Schritt in den Wald, schlich katzengleich in die Richtung, aus der das seltsame Geräusch gekommen war.

Allzu groß war die Halle nicht, so dass die drei Jungen nicht lange brauchten. Außer altem, unbrauchbarem Gerümpel fanden sie nichts, was auf Tobias’ Anwesenheit hätte hindeuten können. Alles was sie hatten waren vage Vermutungen.

»Dauernd hab ich das Gefühl, er war hier«, sagte Lutz, nachdem sie ziemlich ratlos in der Halle standen.

»Ich auch, keine Ahnung wieso.«

»Die Polizei war zweimal hier, hat sie gesagt.«

Erkan sah Nico nachdenklich an. »Ja, hat sie. Aber das heißt noch lange nicht…. Nico, Stefan, seid ihr sicher, dass da hinten in der Grube nichts weiter war?«

»Nein, nichts, nur das Spielzeugauto. Wie gesagt, es gab keinen Hinweis dass Tobias auch dort war.«

»Hm, könnte es nicht so gewesen sein, dass Schneider oder wer auch immer den Jungen in die Grube geschleppt hat bis die Luft hier wieder rein war? Zur Sicherheit hat er den Bullen seine Hilfe angeboten und Tobias konnte danach wieder völlig gefahrlos hier eingesperrt werden.«

»Gut und schön, aber warum ist der Junge jetzt nicht hier? Dazu hätte der Kerl wissen müssen dass wir kommen.«

»Stimmt auch, Stefan.«

Nico rieb sich das Kinn. »Nehmen wir an, es wäre so: Er wusste wie auch immer dass wir hier auftauchen würden. Wegbringen kann er den Jungen nicht, noch immer ist die Polizei sehr wachsam und es gibt verstärkte Verkehrskontrollen. Wirklich sicher ist er nur hier.«

»Tja, dann würde das bedeuten… er hat ja nur eine Möglichkeit…«

»Ich würde es auch so sehen. Wahrscheinlich hat er nicht mitbekommen dass wir die Grube kennen… und die Polizei wird hier nicht wieder auftauchen solange er den Mund hält. Und dazu hat er schließlich allen Grund.«

»Ich frage mich, warum ihm Rademann geholfen hat, das Fahrrad verschwinden zu lassen. Und eine Ungereimtheit gibt’s da auch. Rademann weiß, dass wir die Grube kennen. Warum, wenn die beiden gemeinsame Sache machen, hat er das Schneider nicht gesagt?«, grübelte Lutz.

»Wer weiß was er dem aufgetischt hat.« Stefan zeigte plötzlich in die Richtung. »Dann ist der Kleine jetzt vielleicht dort… in der Grube. Kommt, los, jetzt machen wir Nägel mit Köpfen.«

Erkan hielt ihn am Ärmel fest. »Stopp, Stefan, nicht so hastig. Wir sollten vielleicht besser mit einer List arbeiten…«

»List?«

»Ja. Wir gehen. Wir gehen einfach wieder zurück.«

»Wie zurück?« Das kam auch Nico spanisch vor.

»Klar. Wenn er über all das Bescheid weiß, dann nimmt er an, dass wir nach unserer Rückkehr noch heute Abend aus dem Camp geschmissen werden. Er hat Kontakt mit den Betreuern, wer weiß wie intim der da mit denen ist.«

»Und dann kann er in Ruhe sein Ding durchziehen.«

»So ist es. Kommt, wir sammeln die anderen ein und ziehen uns zurück.«

»Zurückziehen heißt nicht….«

»Richtig gedacht, Nico. Das heißt wir machen uns nur unsichtbar. Es wird anstrengend, aber es ist auch unsere allerletzte Chance.«

Stellenweise ließ das dichte Gestrüpp etwas mehr Sicht zu, aber so sehr sich Klaus auch anstrengte, er konnte nichts erkennen. Immer wieder blieb er stehen und spähte das Gelände um ihn herum aus. Hatte er sich doch getäuscht? Spielten ihm seine Sinne einen Streich? Ausschließen wollte er es nicht, aber wenigstens musste er Sicherheit haben.

Schwierig wurde es aber deshalb, weil er nicht mehr genau wusste welche Richtung er einschlagen sollte. War das vermeintliche Geräusch von weiter rechts oder links gekommen? Lief er genau darauf zu? Wie weit war er überhaupt schon gegangen und wo war die Straße, an der er Posten bezogen hatte? Er zwang sich zur Vernunft, denn unüberlegt zu handeln war in jedem Fall die schlechtere Wahl. Er fischte die Zigarettenschachtel aus der Jackentasche, suchte einen hohen Busch, der den Regen weitgehend abhielt und zündete sich darunter hockend einen Glimmstängel an. Zwar nutzte sie nichts gegen die Nässe und Kälte, aber sie dämpfte das Hungergefühl.

Der Schreck ließ ihm die Kippe auf den Boden fallen. Das war keine Einbildung, keine Fata Morgana in seinem Kopf. Das waren Stimmen. Leise, kaum wahrnehmbar, aber irgendwer redete, nicht weit von seinem Platz. Angestrengt lauschte er, aber er konnte weder verstehen was da gesagt wurde noch wie viel Personen sich dort unterhielten. Fest stand nur, er war nicht allein. Ob die anderen dort waren? Warum nicht? Da er dies für die einzig plausible Erklärung hielt, stand er auf und bewegte sich vorsichtig in die Richtung, aus der die Stimmen kamen.

Weit musste er nicht gehen. Zwischen den Blättern hindurch erkannte er kurz darauf ein Fahrzeug. Wenn der Wind die Büsche im Unterholz etwas beiseite drückte konnte er sehen, dass es kein Auto war, mit dem man üblicherweise im Wald herummanövrierte.
Geduldig blieb er stehen. Wenn die Personen zu dem Wagen gingen konnte er sie von hier aus bestens beobachten.

Und lange musste er nicht warten. Sein Gesicht versteinerte sich zunächst, als eine dieser Personen die Hecktür des Wagens nach oben klappte, wohl um etwas herauszuholen. »Das kann nicht sein…«, flüsterte Klaus vor sich hin. Eine zweite Person erschien an dem Auto, dann auch eine dritte. Er blies mit gespitzten Lippen die Luft aus, auch die waren ihm nicht unbekannt… Er schloss einen Moment die Augen, versuchte sich aus dem, was er da sah einen Reim zu machen. Er war nun wild entschlossen, auf der Stelle für Aufklärung zu sorgen und lief dann ohne weitere Vorsicht auf die Stelle zu. Kleine Äste knackten unter seinen Füßen und kaum hatte er drei Schritte gemacht, warfen die drei ihre Köpfe herum und sahen in seine Richtung.

Die Jungen verließen die Halle und traten auf die Rampe. Feiner Nieselregen trübte die Sicht und obwohl es Mittagszeit war, schien die Dämmerung schon hereingebrochen zu sein.

Mit einem Satz sprang Nico von der Rampe, landete auf dem Boden und kniete sich nieder. Ein dankbarer Blick traf ihn, sofort krabbelte Stefan aus seinem Versteck. »Nicht mehr lange, und ich wäre nach euch sehen gegangen. Was ist? Habt ihr den Jungen gefunden?«

Nico schüttelte den Kopf. »Nein, aber wir glauben zu wissen wo er ist. Aber nun komm, wir müssen weg hier.«

In dem Augenblick hörten sie eine Stimme. Sie war irgendwie weich, jungenhaft und klang trotz der Worte nicht unbedingt bedrohlich. »Vorläufig werdet ihr nirgendwohin gehen.«

Erschrocken fuhren Nico und Stefan herum, an der Treppe zur Rampe stand ein Mann. Auch ohne sein Gesicht zu kennen wusste Nico sofort wer das war. Seine Figur verriet ihn, die war Nico bestens vertraut. Eingehüllt in eine Regenjacke, dessen Kapuze er tief in sein Gesicht gezogen hatte und das deshalb nicht zu erkennen war. Dadurch wurde auch eine viel kräftigere Statur vorgetäuscht. Nicos Blick fiel auf die Rampe, wo Erkan und Lutz wie angewurzelt standen und zu Schneider hinübersahen.

»Keine Fragen, keine Antworten. Einfach nur folgen, verstanden?« Jetzt war die Stimme etwas lauter, aber auch nervöser geworden. Eine Waffe hatte er augenscheinlich nicht, aber die konnte ja in einer seiner Taschen stecken. »Alle rein in die Halle. Und etwas plötzlich, wenn ich bitten darf.«

Die Jungen sahen sich kurz an. Im Augenblick bestand keine Chance, sich dem Befehl des Mannes zu widersetzen. Man konnte einfach nicht wissen zu was er fähig war. Die Jungen hofften inständig dass Klaus und Mirko unentdeckt geblieben waren, wenngleich sie mit einer gewissen Gerissenheit dieses Typen rechneten.

»Ich warte nicht lange«, drohte Schneider jetzt scharf. Noch immer schien er nicht gefährlich zu sein, aber die Ungewissheit blieb und so zogen sich Nico und Stefan an der Rampe hoch, wobei ihnen Lutz und Erkan halfen. Unschlüssig standen sie so da, während Schneider langsam auf sie zukam.

»Rein da«, forderte er harsch.

Die Jungen blieben eng zusammen, während sie langsam in die Halle liefen ohne Schneider eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

»Da, in den Raum«, sagte Schneider, der sich ihnen nicht weiter als fünf Meter näherte.

»Und wenn nicht?« Erkan hatte eine Abneigung gegen das eingesperrt sein und suchte ständig nach einer Lösung dieses Problems. Wenn Schneider unbewaffnet war, dann hatte er entweder ein Druckmittel oder er war einfach nur bescheuert.

»Och, ich würde es mir nicht zweimal überlegen wenn ich in eurer Situation wäre.«

»Und was für eine ist das?«, fragte Nico, wobei er ein zittern in seiner Stimme nur mühsam unterdrücken konnte.

Schneider schob jetzt seine Kapuze vom Kopf. Er mochte um die Dreißig sein, starke Geheimratsecken, seit Tagen unrasiert. Sein Gesicht insgesamt wirkte aber jugendlich, so wie es Alexander beschrieben hatte. Gekleidet war er noch mit einer verwaschenen Jeans und Bergschuhen. »Macht es euch doch nicht zu schwer. Geht einfach da rein, morgen Früh ist der ganze Zauber gelaufen und nichts ist passiert.«

»Nichts?« Erkan grinste scheinheilig. »Wenn nichts ist, was soll dann das Theater hier?«

»Wollt ihr das wirklich wissen? Nicht wirklich, oder? Stellt euch doch nicht dumm.«

»Wenn Sie uns nicht sagen was das zu bedeuten hat werden wir ganz einfach hier rausmarschieren und….«

»Halt die Klappe!«, fauchte Schneider Erkan böse an. Von einer zur anderen Sekunde wandelte sich der Mann. Er griff in seine Jackentasche, zog aber zur allgemeinen Beruhigung nur ein Handy heraus und deutete an die Tür zu dem Raum. »Wenn ihr nicht in zwei Minuten da drin verschwunden seid, werde ich einen Anruf tätigen und der wird euch dann ziemlich Leid tun«.

Erkan unterstrich seinen Protest, in dem er seine Arme vor der Brust verschränkte und den Kopf neigte. Er hatte keine Ahnung, was er damit provozieren könnte, aber das Risiko ging er ein. »Und was wird uns leid tun? Ich meine, schauen sie uns an: Sehen wir vielleicht aus wie Hellseher?«

»Du bist ganz schön mutig. Aber gut, einen Tipp könnt ihr meinetwegen haben. Ich bin Morgen verschwunden und niemand wird mich aufhalten. Von daher ist es mir völlig egal was mit dem kleinen Racker passiert, versteht ihr? Ein Anruf… tja, und schon hat er Pech gehabt. Und das ist dann ganz alleine eure Schuld. Ich weiß nun nicht, wie ihr den Rest eures Lebens mit dieser Erkenntnis leben könnt… aber das ist weiß Gott nicht mein Problem.«

Nicos Kehle hatte sich während dieser Rede zugeschnürt, der unterschwelligen Angst wich blanker Hass. Mit aufgerissenen Augen sah er Erkan an. Der jedoch ließ Schneider keine Sekunde aus den Augen. Nico hätte nicht gewundert, wenn er in einem Satz auf Schneider losgegangen wäre, aber der Abstand war einfach zu groß

Um seine Drohung zu unterstreichen hielt Schneider das Handy vor sich. »Eine Schnellwahlnummer. Ich muss gar nichts reden, es genügt wenn meine… sagen wir mal… Hilfe… ein Klingeln hört.«

»Sie riskieren das Lösegeld? Ich glaube ihnen nicht.« Erkan begann auf Zeit zu spielen. Wo um alles in der Welt waren Bode, Meier? Wen Schneider mit „meine Hilfe“ meinte konnte man sich an einer Hand abzählen und Stein war nicht mehr da. Es konnte einfach nicht sein, dass man sie nicht suchte. Erkan drehte sich zu Nico und blickte in ein fast grinsendes Gesicht. Was hatte das nun zu bedeuten?

»Schneider, Sie bluffen«, gab Nico plötzlich völlig gelassen von sich.

»Was? Ich? Euer letztes Wort? Geht da rein und ihr habt nichts zu verantworten.«

»Haben wir auch so nicht«, keifte Nico zurück und ging einen Schritt vor, den Schneider sofort mit einem nach hinten beantwortete.

»Tobias wird nichts geschehen, das können Sie schriftlich haben.«

Schneider lachte höhnisch. »Klar, ihr müsst das ja wissen. Los, da rein jetzt. Ich zähl bis fünf.«
Er begann damit nach einer kleinen Pause, in der er wohl erkannte dass es doch nicht so einfach war. »Eins………zwei…… drei………vier….« Gespannt wartete er, doch die Jungen rührten sich nicht. »Fünf«. Dann drückte er so auf eine der Tasten, dass sie es genau sehen konnten. »Schade, ihr hättet es einfacher haben können.« Dabei zitterte seine Stimme.

»Und was jetzt?«, fragte Erkan gelassen, »Sie haben nun nichts mehr gegen uns in der Hand.«

»Nein, das nicht. Aber ich gehe jetzt einfach hier raus. Es gibt keine Beweise und vor allem – ich muss mich nicht mit Schuldgefühlen herumplagen. Das habt ihr mir sauber abgenommen.«

Ums sicher zu sein dass ihm die Jungen nicht zu nahe kamen, zückte er ein Klappmesser. Langsam ging Schneider rückwärts zum Tor.

»Ach, Schneider?«, rief Nico zu ihm hinüber. »Sind Sie sicher dass Ihr Klingeln gehört worden ist?«

Schneiders Blick wurde unsicher. »Natürlich, was soll die Frage?«

»Sehen Sie doch einfach mal auf das Display. Also ich würde es tun, schon um Gewissheit zu haben.«

Nervös fuchtelte er das Handy aus der Tasche und allein sein Gesichtsausdruck genügte.

»Da steht doch bestimmt, „Anrufer nicht erreichbar“, oder?«

Schneiders hektischer Blick ging zwischen dem Handy und den Jungen hin und her.

»Siehst du, großer Meister, manchmal sind es die Kleinigkeiten die einem echt Probleme machen, oder?« Erkan ließ seine Arme sinken und ging langsam auf Schneider zu. »Du hättest dich vergewissern sollen, dass da, wo du hintelefonieren willst, auch ein Empfang ist. Da wo du jetzt stehst, da ist einer, aber das nützt nichts wenn der Empfänger in einem Funkloch sitzt. Es stand nun mal Hundert zu Eins dass dein Empfänger bei der Grube drüben ist – und der hat das Pech, in einem Funkloch zu sitzen. Allerdings bin ich nach wie vor der Meinung, dass du nur bluffst. Es gibt gar keinen Helfer, stimmts? Das hast du nur erfunden um uns einzuschüchtern. Ganz allein hast du das durchgezogen, da ist sonst keiner. Weißt du, was ich glaube? Es war zwar ganz schön gewieft, die Spur auf Rademann zu lenken, aber ich find’s dann doch etwas Stümperhaft. Es war schon ziemlich heftig für uns, die Betreuer zu beschuldigen. Deine Vorliebe für nackte Jungs konntest du praktisch ungestört auskosten, mit der Webcam im Waschraum. Aber als die Sache mit Tobias, wie auch immer, in deinem kranken Hirn Formen annahm, bist auf Nummer sicher gegangen. Die geklaute Unterwäsche und die Wichserei in Lutz’ Zelt sollten lediglich unsere Aufmerksamkeit auf Rademann lenken. Dummerweise haben wir dank Rick die Grube gefunden und du als Psychofuzzi musstest damit rechnen, dass wir die observieren. Also hast du Rademann in jener Nacht, als ihr die Sachen aus der Grube geholt habt, die Geschichte vom Gaul erzählt und ihn mit reingezogen… Tja, beinahe hättest du es geschafft. Beinahe halt… Ein paar Fragen sind noch offen, aber ich denke du wirst sehr viel Zeit bekommen, die zu beantworten.«

»Bleib wo du bist.«

Schneider ging noch einen Schritt rückwärts, dann blieb er wie angewurzelt stehen. Langsam drehte er sich um und stockte. Vor ihm auf der Rampe saß Rick, knurrte wenig freundlich und bleckte die Zähne.

Ein Aufatmen ging durch die Jungen. Es schien unwahrscheinlich dass der Husky alleine hier war.

Schneider drehte sich um und richtete das Messer gegen den Hund. Rick stand jetzt auf und sträübte das Fell.

Erkan war schneller als der Blitz. Mit zwei Riesensätzen war er neben dem Tor, bückte sich und schwang in der nächsten Sekunde die Eisenstange, die er dort hatte liegen lassen. »So mein Lieber. Im Grunde ist es mir persönlich völlig egal ob dir Rick deine Eingeweide herausreißt oder ich dir hiermit den Schädel bis zu den Schuhsohlen einschlagen muss. Übrigens durchaus denkbar, dass dir beides gleichzeitig blüht – falls du dem Jungen auch nur ein einziges Haar gekrümmt hast. Also: Lass einfach das Messer fallen.«

Schneider zögerte einen Moment. Als nun auch Nico, Stefan und Lutz auf ihn zukamen und Erkans Gesichtsausdruck keine Verhandlungsmöglichkeit mehr signalisierte, ließ er das Messer zu Boden fallen.

Sofort kickte es Stefan in die Halle hinein und rief: »Und jetzt den Jungen.«

Die drei grinsten Klaus spitzbübisch an, als er aus den Büschen heraus zu dem Auto kam. »Eigentlich ist es nicht wahr, oder? Was zum Teufel treibt ihr hier?«

Daniel streckte ihm seine Hand entgegen, wobei der den Bolzenschneider, den er aus dem Wagen geholt hatte, zu Boden fallen ließ. »Tach sagt man in der Regel erst mal.«

Klaus hielt ihm seine Hand hin, zog Daniel dann aber an sich und drückte ihn. »Mensch, ihr hier? Hallo Bernd, hallo Raffael.« Die beiden kamen dazu und nahmen Klaus ebenfalls in den Arm. »Wieso…?«

»Komm, wir haben keine Zeit«, drängte Bernd, »wir erklären es dir unterwegs.«

»Unterwegs?«

»Wir müssen uns beeilen, also los.«

Daniel hob den Bolzenschneider auf und ohne weitere Worte marschierten die drei gezielt in den Wald. Klaus folgte ihnen nichtsahndend, war aber nur noch froh sie hier um sich zu haben. Rasch schloss er zu ihnen auf. » Erklärt man mir jetzt mal bitte was hier los ist?«, fragte er Raffael.

»Wir sind in geheimer Mission hier.«

»Soso, hätte jetzt geglaubt ihr seid zum Pilze sammeln gekommen.«

Raffael grinste und zeigte auf einen Fliegenpilz, der in diesem Moment neben ihnen am Weg stand. »Hm, eigentlich keine schlechte Idee, aber das werden wir auf später verschieben.«

»Nun red schon«, drängte Klaus, der sich aus all dem einfach keinen Reim machen konnte.

»Das Ganze war ein Zufall. Wir drei sind eigentlich ständig in Verbindung geblieben nachdem wir das Camp verlassen haben. Mal ´nen Anruf, ´ne SMS, na du weißt schon.«

»Ja, das ist eigentlich nichts Besonderes, oder?« Klaus bohrte weiter. »Wieso seid ihr nicht… ich meine, normalerweise solltet ihr ja… also Knast oder so.«

»Normalerweise schon. Aber da gibt’s einen, der hat uns noch ´ne Chance gegeben.«

»Ne Chance? Wer denn?«

»Nun, irgendwie hat Bernd dann mal Alex angerufen, wollte wissen wie es so geht im Camp. Und der hat munter drauflosgeplappert was hier los ist. Dummerweise oder auch nicht, wie man’s halt sieht, wurde er während des Telefonats überrascht.«

»Ja, und? Mensch, was war dann?«

»Dieser Jemand hat ihm das Handy einfach weggenommen und mit Bernd geredet. Ich glaub ´ne halbe Stunde oder so. Jedenfalls hat Bernd dann uns wiederum angerufen… Und nun sind wir hier.«

Klaus schüttelte den Kopf. »In mehr Rätseln kannst du nicht reden?«

Raffael lachte. »Schon, aber dann kapierst du gar nichts. Kurzum, wir wissen so ziemlich alles was hier gerade läuft, nicht erst seit heute.«

»Und dieser Jemand….?«

»Dieser Jemand war Stein, ganz einfach.«

»Ich versteh aber immer noch nicht, was ihr jetzt hier macht.«

»Warts einfach ab.«

»Scheiße«, fluchte Mirko. Motorgeräusche hatten ihn aus seinem Halbschlaf hochgeschreckt. Nun hatte er nicht mitbekommen, was für ein Fahrzeug den Weg Richtung Bahnhof gefahren war und er stand rasch auf, um vielleicht doch noch einen Blick zu erhaschen. Aber sein Versteck war zu weit von der Straße entfernt, außer dem verebbenden Geräusch konnte er nichts mehr wahrnehmen. Unschlüssig stand er da, denn wie auch immer war handeln angesagt. Eigentlich eine blödsinnige Idee, fuhr es ihm durch den Kopf. Wie sollte er denn die anderen warnen? Plötzlich näherte sich erneut ein Fahrzeug und Mirko zog es vor, wieder völlig in Deckung zu gehen. Durch seine nasse, dunkelgrüne Kleidung war er zwar sehr gut getarnt, aber dem Frieden war einfach nicht zu trauen. Tief zog er die Kapuze über das Gesicht, die einzige Stelle die ihn hätte verraten können. Die Jungs mussten gewarnt werden, doch wie das anstellen? Längst war das erste Fahrzeug am Bahnhof, viel zu spät… Dennoch. Warten, redete er auf sich ein. Du musst warten. Immerhin konnte er Hilfe holen wenn dort etwas schief gehen sollte. Und das hatte Erkan wohl auch gemeint. Irgendwo weiter die Straße entlang gab es wieder Handyempfang, dort musste er hin, so schnell wie möglich. Aber er ließ Zeit verstreichen, rein nach Gefühl. Vorsichtig stand er auf, klappte die Kapuze nach hinten und lauschte. Allmählich ließ der Regen nach, aber noch immer fielen große Tropfen ins Laub und sorgten für eine gleichmäßige Geräuschkulisse. Langsam bahnte sich Mirko seinen Weg zur Straße, ständig auf der Hut, um wieder in Deckung gehen zu können wenn es sein musste.
Das Fahrzeug näherte sich sehr langsam, Mirko vermutete fast Schritttempo. Warum war es so langsam? Schließlich blieb der Wagen stehen, ganz dicht bei ihm auf der Straße. Mirkos Herz begann zu klopfen. Weiter regte sich nichts, das Auto stand einfach nur da. Er konnte es nicht sehen, aber fast fühlen. Millimeterweise hob er den Kopf und hielt vor Anspannung den Atem an. Das Dach des Autos tauchte auf, es war weiß. Noch ein Stückchen höher, es schien ein Golf zu sein… Dann konnte er den Fahrer erkennen.

Welche Rolle Alex in dem ganzen Theater spielte, wurde Mirko in diesem Moment völlig egal. Er war durchnässt, müde, hungrig. Er wollte und er konnte nicht mehr. Rasch bahnte er sich seinen Weg durch das Gestrüpp, was Alexander dann auch sofort bemerkte. Er drehte seinen Kopf und sah ihn mit großen Augen an. Ob es Schreck oder nur Überraschung war konnte Mirko nicht unterscheiden, aber es war ihm egal.

»Mensch, bin ich froh dass du da bist«, sagte er ihm durch die halb geöffnete Fensterscheibe.

Daniel hielt den Zeigefinger vor den Mund, um den drei hinter ihm Ruhe zu signalisieren. Allmählich verlangsamte er sein Tempo und verließ dann den Waldweg um langsam durch die Büsche zu schleichen. Kurz darauf tauchte der kleine Hügel auf, sie waren an ihrem Ziel angekommen. Vorsichtig gingen sie praktisch gleichzeitig in die Hocke und beobachteten das Gelände. Mirko sah von seiner Position aus nicht den Mann, der dort stand und offenbar auf etwas wartete und er sah auch nicht, dass Daniel ein kurzes Zeichen gab und der Mann daraufhin eilig verschwand.
Wenige Minuten später stand Daniel auf und ging auf den Hügel zu. Mit einer Handbewegung winkte er die drei zu sich und wenige Schritte später standen sie auf dem kleinen, freien Platz. Daniel grinste zufrieden, bückte sich und wischte einige nasse Blätter beiseite, bis er die Klapptür auf dem Boden gefunden hatte. Rasch fegte er das Laub darauf beiseite und wie vermutet klapperte ein Vorhängeschloss unter seinen Fingern. Er legte es frei und setzte ohne Zögern den Bolzenschneider an. Inzwischen waren die anderen bei ihm und sicherten die Umgebung mit ihren Blicken.
Mit einem lauten Knall barst der Bügel des Sicherheitsschlosses, Daniel warf den Bolzenschneider beiseite, mit einem Ruck zog er die hölzerne Klappe auf und ließ sie nach hinten umfallen.
»Tobias? Bist du da unten?« rief er aufgeregt, aber es kam keine Antwort. »Tobias, wir tun dir nichts, hörst du?« Ohne weitere Fragen stieg Daniel in die finstere Grube hinunter. Licht hatte er nicht dabei und er musste seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen. Fast erleichtert hörte er ein leises Schluchzen, dann kroch er entschlossen in die Ecke, woher das Wimmern kam. Er konnte mehr fühlen als sehen und als er weichen, warmen Stoff in seinen Fingern spürte griff er beherzt zu. »Ich hab ihn!«, schrie er erleichtert nach oben, »ich hab ihn und er lebt.«

Schneider setzte ein höhnisches Grinsen auf. »So hättet ihr das gerne, wie? Lasst mich gehen, der Kleine bleibt unversehrt und zudem könnte man am Ende ja auch über ein hübsches Sümmchen reden.«

Nico atmete auf. Tobias schien nichts passiert zu sein und allem Anschein nach war hier das Ende der Geschichte, sie mussten den Kleinen nur noch finden.

»Es reicht jetzt«, schallte plötzlich laut und sehr markant eine bekannte und an dieser Stelle höchst willkommene Stimme durch die Halle. Stein trat von der Rampe unter das Tor, gefolgt von Rainer Bode.

In diesem Augenblick suchte Nico Stefans Hand, um sie fast schmerzhaft fest zu drücken. Noch nie waren sie so froh, diese Menschen zu sehen und vor allem zu hören. Steins Stimme klang nun fast wie Musik.

»Ist alles okay mit euch?«

Die Jungen nickten.

»Sie sind nicht in Urlaub gefahren?«, fragte Erkan verblüfft.

»Urlaub heißt für mich nicht automatisch, die Gruppe im Stich zu lassen wenn es nötig ist. Ich habe ja nicht behauptet, deswegen ganz weg zu sein«, grinste er. Stein stellte sich vor Schneider, dessen Enttäuschung und Wut deutlich in seinem Gesicht geschrieben standen. »Tja, das wär’s dann wohl.«

»Ihr habt gegen mich nichts in der Hand, gar nichts.«

»Du musst nichts sagen, wir wissen auch so wo er ist. Herr Stein, die Grube im Wald…«, sagte Stefan und deutete mit dem Arm in die Richtung.

»Richtig«, hörten sie plötzlich eine andere, bekannte Stimme. Charles Rademann stand auf einmal am Tor und zog sämtliche Blicke auf sich.

»Chip… du?….Hier?« Schneider schien fassungslos. »Warum…?«

»Jörg, du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich diese Scheiße hier mitmache, oder? In dem Fall bist du ganz schön naiv.« Rademann trat zu ihnen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich gebe zu, eine halbe Million hat mich ganz schön gereizt. Als du mir das Angebot gemacht hattest hab ich eine Nacht echt unruhig geschlafen. Im Grunde warst du dir sehr sicher, dass so gut wie niemand so etwas abschlagen könnte und dein Plan klang auch recht plausibel. Deiner Forderung, dann mehr Lösegeld zu verlangen, sind Tobias’ Eltern ja sehr schnell nachgekommen. Aber dann hast du eben einen entscheidenden Fehler gemacht…« Rademann räusperte sich, es schien als suchte er die richtigen Worte. »Als du mir deine Kamera zeigtest und ohne auch nur den geringsten Funken Verstand groß und breit erklärt hast, dass ich den Jungen mit dir…. fotografieren und man die Fotos vermarkten könnte… da hat es bei mir Klick gemacht. Schließlich konntest du nicht wissen, dass du da einen wunden Punkt bei mir getroffen hast. Von der Minute an hab ich nur noch zum Schein mitgespielt.« Sein Blick fiel zu Stein, der einige Male zufrieden nickte. Es bedurfte keiner weiteren Worte, Rademann hatte Stein dann ganz offensichtlich in Schneiders Machenschaften eingeweiht. Chip hielt einen kleinen Schlüsselbund vor sich in Augenhöhe. »Es war übrigens ganz nett von dir, mir den Schlüssel für die Grube anzuvertrauen. Leider nicht in deinem Sinn, denn dass ich sie verschlossen hielt diente nur dazu, Tobias vor dir zu schützen.«

»Warum haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet?«, fragte Erkan Rademann und Stein gleichzeitig. »Sie hatten doch alles um dem das Handwerk zu legen.«

Stein sah Rademann kurz an, dann wandte er sich an Erkan. »Das ist eine dumme Sache. Zum einen wisst ihr, dass die alles hier abgesucht haben. Da das Bahnhofsgelände groß ist vermutete niemand, dass es noch ein Versteck geben könnte. Schneider hat alles sehr sorgfältig durchdacht, auch dass man Suchhunde und unter Umständen Flugzeuge der Bundeswehr einsetzen würde. Nie hat er Spuren zu der Grube hinterlassen. Zum anderen habe ich seit der Sache mit Manuel damals nicht die beste Beziehung zur örtlichen Polizei. Die Bevölkerung hat das alles sehr genau verfolgt und trotz meiner Unschuld am Tod des Jungen blieb das Misstrauen bestehen.«

»Sie hätten Ihnen nicht geglaubt?«

»Na ja, ich rechnete damit. Aber nachdem Chip zu mir gekommen und reinen Tisch gemacht hatte war ich ziemlich sicher, dass wir das alleine hinkriegen.«

Erkan rieb sich das Kinn, dann zeigte er mit dem Finger auf Stein. »Das heißt, Sie wussten alles über unsere Pläne? Sie haben uns dazu benutzt…«

»Stopp, Erkan, nicht benutzt. Ihr wart in keiner Sekunde in irgendeiner Gefahr. Wir hatten ein waches Auge auf euch… ständig.« Dabei fiel sein Blick auch zu Rainer Bode, der sich bis dahin noch nicht geäußert hatte.

»Ja, und so wie ihr da rangegangen seid… Alles war wohlüberlegt, nichts auf Risiko oder Zufall. Und…. ihr habt euch in der Gruppe vorbildlich verhalten.«

»Tja, und nachdem Daniel, Raffael und Bernd so zufällig da reingestolpert sind… Ich sah es einfach als ihre Chance. Darum hab ich sie gebeten, euch zu helfen«, ergänzte Stein und lächelte zu dem Hügel hinüber.

»Wo ist eigentlich Leo Meier?«, wollte Daniel wissen und blickte in die Runde.

»Einer musste beim Camp bleiben, vermutlich wird dort sehr bald sehr viel los sein«, antwortete Stein.

»Und wo ist Tobias?«, fragte Nico aufgeregt.

»Ihm ist nichts passiert«, erwiderte Rademann und lächelte.

Nico betrat aufatmend die Rampe. Der Regen hatte aufgehört, aber noch immer zogen dichte Nebelschwaden über das Gelände. Seine Augen verkleinerten sich, als er dort draußen Bewegungen zu erkennen glaubte. Zuerst völlig verwaschen, dann immer deutlicher tauchten schließlich fast wie in Zeitlupe vier Gestalten auf. Eine davon war auffällig groß, musste wohl über zwei Meter sein.

»Da kommt jemand«, rief er dann auch und sofort scharten sich alle um ihn. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Gruppe näher kam.

»Wer kann das sein? Sie kommen direkt auf uns zu«, sagte Lutz leise.

»Keine Ahnung, aber wir werden es gleich…« Nico verstummte. Diese Figuren, diese Gangarten waren ihm bis auf den Riesen dort bekannt. Sein Gesicht hellte sich auf und einen Moment lang musste er schlucken. Noch einmal verschwanden die Gestalten in einer dichten Nebelwolke, dann waren sie zu erkennen. Sein Mund stand halb offen. »Das ist doch… Klaus.«

»Daniel«, stellte Lutz fest.

»Raffael «, ergänzte Erkan.

»Und….« Nico kniff die Augen zusammen und mit jedem Meter, den die Gruppe auf sie zukam, wurde der „Riese“ deutlicher. Das war nicht eine Person, das waren zwei. Auf Bernds breiten Schultern saß der kleine Tobias.
Jetzt spürte Nico eine Hand die seine suchte, fest umschlossen sie sich. »Er hat es geschafft«, murmelte Stefan.

»Wir, Stefan, wir haben es geschafft.«. Sein verächtlicher Blick traf Schneider, der die Szene mit unbewegtem Gesicht verfolgte. Nico trat an die Rampe, als die vier mit müden, aber glücklichen Gesichtern ankamen. Bernd ging dicht an die Rampe und so konnte Nico Tobias unter die Arme greifen und zu sich hochheben. Obwohl der Junge nicht leicht war, hielt ihn Nico waagrecht von sich und lachte ihn an. Dass ihm dabei eine Träne die Wange herunterrollte störte ihn nicht. »Na, Kleiner, ist alles okay mit dir?«

Tobias nickte verhalten, er hatte einen Finger in den Mund gesteckt und seine Augen waren bald größer als der ganze Kopf. Fest umklammerte seine kleine Hand das Feuerwehrauto. Wenigstens hatte Schneider ihm gegen die Kälte ein allerdings viel zu großes Polohemd zum anziehen gegeben. Schmutzig war er, der ganze Junge war durch und durch schmutzig. Das Gesicht, die Hände, die blonden Haare klebten wirr auf dem kleinen Kopf und die Kleider waren feucht und klamm. Vor Freude hätte ihm Nico am liebsten einen Kuss gegeben, aber er wollte den Jungen nicht unnötig verschrecken. Plötzlich nahm Tobias den Finger in den Mund, krallte sich mit der Hand in Nicos Haare und strampelte einen Moment mit den Beinen. Den Grund dafür hatte er schnell gefunden: Tobias’ Blick war an der Tür zu dem Nebenraum hängen geblieben.

»Keine Angst, du musst dort nicht wieder rein«, beruhigte ihn Nico und drehte sich und damit auch den Jungen auf seinem Arm von der Tür weg.

Die anderen Jungen sowie Stein und Bode hatten sich um Nico und Tobias, den er nun auf den Arm genommen hatte, versammelt, jedem einzelnen war die Freude ins Gesicht geschrieben. Schließlich trat Charles Rademann hinzu und hielt Tobias den Stoffhasen hin, den die Jungen im Wald gefunden hatten. Sofort nahm ihn Tobias an sich und drückte ihn an seine Brust.

Währenddessen war Stein auf die Rampe hinausgegangen und führte einige Telefongespräche.

»Hier«, sagte Raffael nach eine Weile und öffnete seinen Parka, »der lag in der Grube.«

Stefan ging näher zu ihm hin und nahm ihm den grauen Kasten ab, den er darunter verborgen hatte. »Ein Notebook.«

»Nun, ich könnte mir lebhaft vorstellen was man da so alles drauf finden wird, Schneider. Jungs, die sich duschen, zum Beispiel?« Erkan sah ein wenig verlegen zu Nico hinüber. Sie müssten sich diesem Computer widmen, bevor man ihn beschlagnahmen würde. Ihre traute Zweisamkeit jener Nacht war nicht unbedingt etwas für die Augen der Ermittler und es war mit Sicherheit auch so genug Beweismaterial auf der Festplatte.

»Das da war auch dort unten«, vervollständigte Klaus die Überraschungen und zog eine Stofftasche unter seinem Parka hervor. Langsam, fast vorsichtig hielt er sie Stefan hin. »Es ist ´ne reine Vermutung, aber… ich glaub das gehört dir.«

Stefan nahm sie und blickte neugierig hinein. Schließlich verrollte er die Augen und knüllte die Tasche verlegen zusammen. Er konnte nicht verhindern, dass er dabei rot anlief. Fragen kamen keine, jeder konnte sich denken was sich darin befand. Nur Nico griff ihn mit der Hand tröstend am Arm, auf seinem anderen saß Tobias und beobachtete neugierig das Geschehen um sich herum.

Diese Chance nutzte Jörg Schneider, um mit zwei, drei Sprüngen auf die Rampe zu gelangen und mit einem Satz hinunter zu springen. Der Überraschungseffekt schien ihm gelungen, keiner der Umstehenden reagierte sofort.

Als Erkan lossprinten wollte, hielt Stein ihn am Arm zurück. »Bleib ruhig hier.«

»Ja, aber….« protestierte Erkan und folgte Steins Blick hinunter, wo Rick völlig unbeteiligt saß und lediglich die Ohren spitzte als Stein ihn ansah. Es dauerte einige Sekunden, bis Erkan begriff. Sofort legte sich seine Anspannung.

Schneider jagte förmlich über das Gelände und Erkan musste sich eingestehen, dass es nicht einfach gewesen wäre ihn einzuholen. Wie alle Betreuer, auch wenn er keiner mehr war, hatte Schneider eine hervorragende Kondition. Zwar strauchelte er gelegentlich im Schotter der Gleise, aber sein Tempo behielt er bei. So gesehen würde er noch höchstens zehn Sekunden brauchen, um im riesigen Wald unterzutauchen. Und in dem kannte er sich sicher sehr gut aus, was eine Suche nach ihm erheblich erschweren würde.

Stein nickte lediglich mit dem Kopf in die Richtung, in der Schneider sein Heil in der Flucht suchte und Rick verstand auf der Stelle. Aus dem Stand sprintete er los, sprang die Rampe hinunter und hetzte mit ungeheurer Geschwindigkeit über das Gelände.

Nico hielt den Atem an. Das erinnerte ihn an die beiden Hunde, von denen sie gejagt worden waren und die auch den Anschein erweckten, mehr zu fliegen als zu rennen.

Schneider drehte sich nur kurzzeitig um, was ihn jedes Mal kostbare Sekunden kostete. Als er bemerkte, dass Rick ihm folgte änderte er seine Richtung. Statt weiter auf den Wald, steuerte er jetzt den Waggon an.

»Tja, er hat Glück gehabt wenn er den vorher erreicht«, kommentierte Stein die Szene.

»Würde Rick ihn eigentlich beißen? Ich meine, so richtig?«, fragte Lutz.

»In jedem Fall dann, wenn er bedroht wird. Ansonsten genügt in der Regel das Zähnefletschen.«

Mit aller Kraft hievte sich Schneider an dem Waggon hoch und ließ sich auf die Ladefläche fallen. Für den Husky wäre es kein Problem gewesen, ihm dorthin zu folgen, aber der Hund war schlau genug um zu wissen, dass es genügte sich davor zu setzen.

»So, der geht vorerst nirgends mehr hin«, sagte Stein zufrieden.

In der allgemeinen Aufregung fast unbemerkt, waren zwei weitere Personen über die Rampe in die Halle gekommen.

»Aha. Da stehen sie herum und unsereinen lassen sie da draußen vergammeln«, stöhnte Mirko laut und sofort richteten sich alle Blicke auf ihn und Alexander.

Erkan eilte zu ihm hin und nahm ihn in den Arm. »Meine Güte, du hast recht…« Fest drückte er ihn an sich, darauf folgte Alexander mit der gleichen Prozedur. Kurz darauf standen alle Jungen beisammen und es entstand eine lebhafte, völlig unkoordinierte Diskussion, während der sich Alexander unbemerkt absetzte, um zu seinem Auto zu laufen.

Er lud gerade zwei Tragetaschen aus dem Kofferraum, als eine Fahrzeugkolonne die Straße herauffuhr. Wahrscheinlich hatte diese Gegend noch selten ein solches Polizeiaufgebot gesehen. Unter den Fahrzeugen befand sich auch ein Krankenwagen und zwei zivile Autos.

Als Alexander an der Halle ankam, waren bereits etliche Polizisten auf dem Gelände verteilt, vier von ihnen steuerten den Waggon an, auf dem Schneider von Rick noch immer in Schach gehalten wurde.
Die Leute ohne Uniform dürften wohl die von der Kripo sein, sie standen umringt von den Betreuern und hörten sich offenbar den Ablauf der Geschichte an.

»Jungs, es gibt was zu feiern«, rief Alexander ungeniert und zog eine Flasche Sekt aus einer der Taschen.

»Oh weh«, jammerte Erkan künstlich, »das auf nüchternen Magen… Und Alkohol…« Sein Blick fiel zu Stein, der das Gespräch mit einem der Beamten kurz unterbrach und mit dem Daumen nach oben zeigte.

»Na ja, die Obrigkeit hat’s ja offensichtlich abgesegnet… Nico? Komm, wir haben allen Grund mal aus der Rolle zu fallen«, rief Stefan daraufhin.

Nico kniete mit Tobias auf dem Boden und schob das Feuerwehrauto hin und her, leise war ein „tatütata“ zu vernehmen und der kleine Junge quiekte vergnügt. Anscheinend war es Tobias nicht allzu schlecht ergangen oder es brauchte seine Zeit, bis er all das verarbeitet hatte und im Augenblick nur verdrängte.

Während Alexander fachmännisch eine Sektflasche köpfte und Daniel die Pappbecher verteilte, stürmten plötzlich ein Mann und eine Frau über die Rampe in die Halle.

»Tobias!!« schrie die Frau markerschütternd und war in wenigen Sekunden bei Tobias und Nico. Es war herzzerreißend wie die Frau den Jungen vom Boden hob und schier zu erdrücken drohte. »Mein Kind, Tobias, Junge… geht es dir gut… ach Gott bin ich froh…« Der Mann, der offensichtlich Tobias’ Vater war, stand eher ruhig dabei. Niemand entging, dass er mit den Tränen kämpfte, nur mühsam gelang es ihm seine Rührung und Erleichterung nicht zu zeigen.

»Na denn, Prost«, rief Alexander.

Die Jungen standen im Kreis und hoben die nicht ganz standesgemäßen Becher in die Mitte um anzustoßen. Nico schluckte und wie ihm schien, ließ dieser Augenblick keiner von ihnen unberührt. Sie vergaßen das Drumherum, jeder sah dem anderen abwechselnd in die Augen.
Irgendwie wild sehen wir aus, dachte Nico. Ihre Klamotten waren feucht und klamm von der Nässe, die Haare vom Regen zusammengeklebt und zersaust, Gesträuch hatte Kratzer auf Gesichtern und Händen hinterlassen, von den Flecken der Blätter und der Erde des Waldbodens auf Hosen und Jacken ganz zu schweigen. [Da sie Uniformen ähnlich der BW tragen ist es unnötig noch grün zu erwähnen]

»Irgendwie…«, unterbrach Erkan die Zeremonie, »vermisse ich jemanden hier…« Sein Blick wanderte zu Lutz, Stefan und Nico. Die sahen sich zunächst verwundert an und stellten gleichzeitig fest, dass tatsächlich einer fehlte.

»Roland, stimmt«, bemerkte Lutz dann auch.

This Post Has Been Viewed 366 Times

No votes yet.
Please wait...

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.