Zauberwald – Teil 9

Was hatte ich eigentlich von dem Jungen? Außer, dass mich seine Anwesenheit nach wie vor ziemlich nervös machte, nichts. »Komm, setzt dich doch«, bat ich ihn.

Zögernd setzte er sich auf mein Bett.

»Marcus, hör mal zu. Ich möchte offen mit dir reden und nimm das bitte nicht persönlich, okay? Es ist nun mal so: Ich bin schwul, das hast du inzwischen sicher mitbekommen. Falls nicht, dann weißt du es jetzt. Ich hab mich in dich verguckt, das streite ich somit nicht ab. Ich hab mir dummerweise Hoffnungen gemacht dass du es auch sein könntest, obwohl ich in meinem Herzen gefühlt hab dass du es nicht bist. Deine Nähe hat mir immer so viel bedeutet, aber das kannst du nicht verstehen. Zumindest denke ich mir das. Ich mag dich, auch wenn du nicht schwul bist, das musst du wissen. Aber ich denke, ich bin nicht der richtige Umgang für dich. Dass ich dich gern hab muss ja nicht auf deine Gegenliebe stoßen und dafür hab ich jede Menge Verständnis. Vielleicht verstehst du ja jetzt warum ich vorhin so reagiert habe.«

Er schluckte ein paar Mal, spielte wie immer mit seinen Fingern wenn er verlegen wurde. Dann sah er auf, mitten in meine Augen. »Stefan, ich hab von Anfang an gespürt was du für mich empfindest, das musst du mir glauben. Dann der Kuss zwischen David und dir auf dem Hof.. Ich.. ich hab einfach eine Weile gebraucht bis ich es richtig verstanden und verarbeitet hatte.«

»Und jetzt?«, hakte ich nach, da ich spürte dass er noch viel mehr sagen wollte.

»Stefan, ich.. ich mag dich auch, sehr sogar.«

Mein Kopf glühte, meine Sinne drohten zu schwinden. Was meinte er damit? Ich setzte mich dicht neben ihn und legte meinen Arm um seine Schulter. Er zuckte nicht zurück, er reagierte darauf überhaupt nicht. »Wie.. wie muss ich das verstehen?«

»Ich habe akzeptiert dass du.. schwul bist. Es macht mir überhaupt nichts aus.«

Mir fehlten in dem Augenblick die Worte. Die Hoffnung, mein überdeutliches Outing würde ihn erschrecken und zur Abreise zwingen, war nicht erfüllt worden. Dieser Schuss ging voll nach hinten los. Was sollte ich machen? Ihn fortjagen war nicht, ich musste hinnehmen dass er hier bleiben wollte, trotz allem.

»Na ja, das freut mich natürlich.. ich meine, es gibt jede Menge Jungs die ein Problem mit Schwulen haben.«

»Ich nicht, das schwör ich«, sagte er leise.

Wo blieb denn der Standardspruch, „ich hab nichts gegen die, solange sie mich in Ruhe lassen?“ Damit stand es fest. Nichts konnte ihn dazu bewegen seine Meinung zu ändern. »Klar, ich meine wenn du hier bleiben willst, kein Problem. Allerdings gibt’s nicht viel zu tun auf dem Hof. Du siehst ja selbst was für ein Wetter ist..«

»Macht nichts, Stefan, ich hab ein Notebook von meiner Tante bekommen und..«

Meine letzte Karte war verspielt, er würde bleiben. Ich sah ihn mir wieder genauer an. Warum bestand er praktisch darauf? Keine Zweifel, kein Wenn und Aber. Sollte er mich wirklich mit Haut und Haaren akzeptiert haben? Musste er wohl.

»Okay, dann komm, wir richten das Gästezimmer her.« Einfach fielen mir diese Worte nicht, andererseits blieb mir nichts anderes übrig als mich mit der Situation abzufinden.

Nachdem wir das Zimmer hergerichtet und Marcus seine Tasche aus dem Auto geholte hatte, verabschiedete sich sein Vater. Er wollte seinen Sohn in einer Woche wieder abholen. Eine Woche..

»Hallo Michael. Du, ich hab überraschend Besuch von Marcus bekommen.. « Bewusst fragte ich erst mal nicht, ob wir kommen sollten, das musste Michael ganz allein entscheiden.

»Oh, ist doch schön. Dann könnt ihr beiden ja kommen, wenn ihr wollt.«

Keine Denkpause, keine Enttäuschung in der Stimme. So, als wäre überhaupt nichts passiert. Das versetzte mich sofort ins Grübeln. War ich wieder irgendwelchen Hirngespinsten anheim gefallen? Hatte er nie etwas vorgehabt mit mir? Nun gut, es half alles nichts. Da war ich von zwei überaus hübschen und zugegebenermaßen anziehenden Geschöpfen umgeben – und doch..

Marcus half mir an diesem Abend im Stall und mir schien, als würde es ihm Freude machen wie nie zuvor. Ich meinte sogar, ihn einmal ein Lied pfeifen zu hören als er bei „seinem“ Kälbchen zugange war. So nannte er es a dem Abend und auch mir ging es auf einmal besser. Ich fand mich einfach ab mit der Situation, versuchte auch gar nicht erst, eventuell Versäumten nachzutrauern. Michael reiste schließlich nicht ab und wie war das noch? „..eines Tages kommt es doch soweit..“

Pünktlich um Neun fuhr Michael auf den Hof. Die Nacht war sternenklar und kalt, es würde sicherlich ein romantischer Abend am Kaminfeuer und ich hatte begonnen, mich richtig zu freuen. Natürlich hatte ich auch versucht, Dinge auszumachen die dem Schaden zufügen könnten, wie zum Beispiel unangenehme Themen oder gar ein Streit. Aber das schien mir zunehmend unwahrscheinlich, zumal man die Dinge beeinflussen konnte.

»Tschüs Mutti, bis nächstes Jahr«, verabschiedete ich mich lachend von ihr, dann stiegen wir in den Wagen und fuhren los.

Auch Michael kam mir viel gelöster vor als wir die einsame Landstraße entlangfuhren. Er erzählte von den beiden Sauen die er neulich geschossen hatte und wie lange sie ihn schon neckten. Eigentlich kein Thema für Marcus, dachte ich, aber er lachte sogar mit. Ich ließ mich einfach mittreiben, versuchte sogar mit Erfolg das Beste aus allem zu machen.

Nachdem Michael das Kaminfeuer angezündet und wir es uns gemütlich gemacht hatten kam eine lockere Unterhaltung unter uns dreien zustande. Der Fernseher lief nebenher und Arcos lag auf meinen Füßen. Über Gott und die Welt gingen unsere Gespräche, auch Michaels Zukunftspläne kamen zur Sprache. Er wollte das Haus verkaufen und sich nach etwas kleinerem umsehen. Die Jagd wollte er auf jeden Fall behalten und all diese Aussichten freuten mich. Dass er unter Umständen auf unseren Hof kommen könnte behielt ich für mich. Marcus erzählte von seiner Lehre und was er anschließend vorhatte. Nur ich hatte dem nichts hinzuzufügen. Mir blieb der Hof und daran hielt ich fest. Keiner fragte nach meinem Studium und mir war es ganz recht.
Michael überraschte uns dann mit einem kalten Büffet, welches er, und das schwor er bei Leib und Seele, Nachmittags selbst zubereitet hatte. Es war genug um eine Kompanie satt zu kriegen und das gab von mir natürlich auch ein paar Punkte mehr an ihn.
Um Mitternacht waren wir durch Glühwein und Grog schon etwas angeheitert, trotzdem begrüßten wir das neue Jahr standesgemäß mit Sekt.

»Ein schönes neues Jahr«, wünschte mir Michael und ich nutzte die Gunst der Stunde. Es blieb nicht bei der üblichen freundschaftlichen Umarmung, ich küsste ihn – mitten auf den Mund. Zum einen war meine Hemmschwelle eh sehr niedrig und zum anderen war es mir egal. Er spitzte den Mund so lustig und der Kuss dauerte auch etwas länger.
Marcus stand mit seinem Glas daneben und ich wollte ihn nicht länger warten lassen. Als wir so dastanden, mit den Gläsern in der Hand, nur wenige Handspannen voneinander entfernt studierte ich seine Augen. Er hatte den Kuss beobachtet, nicht weggesehen und es kam mir auch nicht vor dass ihm das peinlich war.

Wir stießen an. »Marcus, ich wünsch dir ein tolles, neues Jahr.. «

Er nickte, sein Blick war fest auf meine Augen geheftet. Eine unglaubliche Spannung baute sich in mir auf. »Dir auch«, sagte er dann und wir stießen an. Ich ließ mich gehen, was konnte passieren? Er musste am Ende sowieso damit rechnen. Ich nahm sein Glas und stellte es auf den Tisch, meins daneben und dann nahm ich den Jungen in den Arm, drückte ihn richtig fest, so dass ich sein Herzklopfen spürte und den aufregenden Duft an seinem Hals riechen konnte.
Der anschließende Kuss war reine Planung, nichts spontanes. Fest drückte ich meine Lippen auf seine und er wich nicht zurück. Ich war mir sicher, er wusste dass ich es tun würde. Und er hatte die Augen dabei geschlossen. Wie toll er schmeckte so nach Glühwein, Grog und Sekt.. »Das war übrigens auch noch für die Kette..«, flüsterte ich ihm ins Ohr.
Langsam ließ ich ihn los, gab ihm sein Glas in die Hand worauf sich Michael dazustellte und ihm ebenfalls einen Kuss gab, allerdings ganz züchtig auf die Wange.
Danach fühlte ich mich richtig sauwohl. Nichts Verbotenes war passiert, niemand war verletzt, beleidigt oder angeekelt. Wenn ich daran dachte, beide vor wenigen Tagen noch zur Hölle gewünscht zu haben..

»Wir drei sind schon ein Team«, lachte Michael und wir kippten den Rest Sekt auch noch ab. Die Stimmung unter uns war tatsächlich völlig ungezwungen, so, als wären wir schon ewig die besten Freunde.

»Ich würd so gern bei euch bleiben«, schien Marcus dann meine Gedanken auszusprechen, »es gefällt mir hier.«

Ich lachte. »Das sagst du jetzt nur, weil es hier nicht nach Misthaufen riecht und die Fliegen sich den Arsch abgefroren haben.«

Sein Gesicht wurde nachdenklich. »Nein, ich mein das im ernst.«

»Na, dein Paps würde aber abrasten wenn du hier aufs Land gehen wolltest, oder?«, fragte Michael.

»Weiß nicht. Klar, jetzt geht das nicht, aber nachher.. wenn die Lehre vorbei ist.«

Michael strubbelte ihm die Haare. »Hey Marcus, du bist Achtzehn, das Leben steht vor deiner Tür. Nicht dass ich in deine Pläne oder sonstwas pfuschen möchte, aber die Gegend hier, das ist wohl kaum was für einen Teenager. Und ne Freundin, das kannst dir abschminken, hier laufen lange nicht so hübsche Dirns herum wie in Bremen.«

Marcus lächelte nicht einmal, er sagte darauf auch nichts. Das machte mich auf der Stelle stutzig. »Mensch, Junge, was ist los?«

Seine Augen.. wieso starrte er mich jetzt so an? Hatte ich etwas Falsches gesagt?

»Das ist doch nicht wichtig, oder?«

»Was, eine Freundin?«, hakte Michael nach.

Marcus nickte, worauf ich Michael einen fragenden Blick zuwarf. Er zog die Schultern hoch. Beinahe hätte ich zu Marcus „hast recht“ gesagt, aber ich verbiss es mir. Offenbar hatten wir einen wunden Punkt bei ihm getroffen, warum auch immer.

Wir saßen noch eine Weile zusammen und redeten über dies und das, Marcus kam allerdings nicht mehr so richtig in Fahrt. Er war nachdenklich geworden und weder Michael noch ich bohrten an ihm herum. Er würde sicher irgendwann damit herausrücken.
Dann machte sich Müdigkeit breit.

»So Leute, ich geh mal ins Bett«, kam dann auch bald von Marcus.

»Ja, warte, ich zeig dir dein Zimmer.«

Sie gingen nach oben und ich war allein, die ersten Minuten im neuen Jahr. Nur Arcos lag noch immer an meinen Füßen, er hatte nicht mal den Kopf gehoben als die beiden aufstanden. Der Alkohol hatte mich beruhigt, es ging mir so gut wie lange nicht. Das Prasseln des Kaminfeuers wirkte fast wie eine Droge und ich schloss die Augen. Da sitzen und nichts tun, gar nichts.

Eine Hand fuhr durch meine Haare und dösig öffnete ich die Augen. Ich erkannte das liebste Lächeln seit langer Zeit. »Willst du dich nicht zu mir setzen?«, fragte ich leise und streckte meine Hand nach Michael aus. Er blieb stehen und sein Lächeln verwandelte sich in Grinsen. »Hey, was soll das werden?«

»Weiß nicht? Es ist so schön.. und du bist es auch.«

Er kniete sich vor mich und sah mich mit einem Dackelblick an. »Stefan, du machst mich..«

»Pscht, nicht reden«, flüsterte ich und hielt ihm meinen Zeigefinger auf den Mund.

Sollte ich eine Strichliste machen? Das war der erste Gedanke nachdem ich am anderen Morgen aufgewacht war. Die Wintersonne schien in das Zimmer, in dem ich übernachtet hatte. Sie schien auf das Bett, in dem ich irgendwann eingeschlafen war. Und sie schien in mein Gemüt, das sich in der vergangenen Nacht beruhigt hatte.
Michael war irgendwann in sein Zimmer gegangen, obwohl ich ihn nicht gehen lassen wollte. Sein Geruch haftete überall. Auf der Bettwäsche, auf den Gardinen, auf dem Teppichboden und an mir. Ich verschränkte die Arme und blickte an die Decke. Was für ein Kerl, was für eine Nacht. Unter anderem war mir klar geworden, was für ein Mensch ich bin. Ich hatte es darauf angelegt mit ihm zu schlafen und ich hatte es bekommen. Der Mensch hat sicherlich kein Recht auf Sex, aber wenn er ihm so offen präsentiert wurde, wenn man nur danach zu greifen brauchte – warum dann nein sagen?
Er hatte mir das Hemd langsam aufgeknöpft, er hatte seine Hand an meine Gürtelschnalle gelegt, er hatte meine Brustwarzen geküsst und mir ins Ohr gesäuselt, wir sollten nach oben gehen. Erst dort bin ich aktiv geworden, weil ich dann gar nicht mehr anders konnte. Und dann nein sagen?

Es klopfte leise und auf mein ebenso leises Herein ging die Tür einen Spalt auf und ein breites Grinsen bat um Einlass.

»Komm rein«, sagte ich, »du musst eigentlich nicht an deine eigenen Türen klopfen«, sagte ich frech.

Wie aufreizend er mit diesen Shorts aussah. Das war alles was er trug und bestätigte mir noch einmal in aller Deutlichkeit, was für einen schönen Körper er hatte. Mit ein paar Schritten war er an meinem Bett und eigentlich dachte ich nicht dass das passieren würde. Dauerte die Verarbeitung der ersten Nacht mit einem Mann nicht viel länger? War da nicht erst Verzweiflung, Unmut oder gar Wut und Hass die erste Reaktion? Ich wusste es nicht, aber ich dachte es mir.
Ich hatte falsch gedacht.
Er warf sich auf mich, drückte mich mit seinen starken Armen in die Kissen und dann waren da nur noch Hände an mir, überall. Und eine Zunge in meinem Mund, ich war im Grunde völlig machtlos. Und ich war es gerne. Ich kitzelte ihn, was ihn dann endlich von mir löste und in eine kleine Kissenschlacht ausartete.

»Was ist denn hier los?« Marcus stand unter der Tür, wie immer ganz drollig in einem Schlafanzug. Wir hielten kurz inne.

»Eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit«, versuchte Michael die Situation zu klären.

»Aha.« Daraufhin bückte sich Marcus zu einem Kissen vor seinen Füßen und schleuderte es uns entgegen. Die Antwort dauerte keine Sekunden und so gelang es uns bald, Michaels Gästezimmer in ein Tollhaus zu verwandeln.
Irgendwann landete auch Marcus auf dem Bett und ich eigentlich eher ungewollt direkt auf ihm. Nahe, näher ging es nicht. Sekundenlang betrachtete ich mir sein Gesicht, die großen, fragenden Augen. Er wusste todsicher was in der letzten Nacht da abgelaufen war. Sein Zimmer grenzte an unseres und wenn er nicht wie ein Stein geschlafen hatte oder taub war..

Nach einem späten, aber zugegeben opulenten Frühstück fuhr uns Michael nach Hause. Ich saß auf dem Beifahrersitz und grübelte. Er hatte die Nacht nicht angesprochen, nicht ob es ihm gefallen hatte und auch nicht wie es nun weiterging. Vielleicht wollte er wirklich nur wissen wie es ist und wenn mich nicht alles täuschte, war er mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden. Marcus schwieg ebenfalls. Als ich so auf ihm lag, seinen Körper spürte, der Blick in seine Augen, da wäre ich beinahe schwach geworden. Aber ich hatte mich zusammengerissen und von ihm abgelassen.

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte ich Michael als er uns auf dem Hof absetzte.

»Ich ruf dich an«, gab er nur zur Antwort, mit der ich mich zufrieden geben musste.

»Danke für den schönen Abend..«

Er grinste und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Keine Ursache.«

Marcus und ich wünschten meiner Mutter ein schönes neues Jahr. Sie fragte wie es war und so weiter, aber dieses Ereignis durfte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeit am Hof weiterging. Ich spürte dass sie mich darauf aufmerksam machen wollte und kam ihr zuvor. »Ich werde dann mal rübergehen, ist ja einiges zu tun.« Ich sah ihr an dass sie genau das von mir erwartet hatte und sie lächelte. Marcus wollte ich nicht einspannen, er hatte schließlich Urlaub und war nicht wegen eines Praktikums hier. Außerdem war es mir gerade recht, alleine zu sein. »Du kannst ja deinen Computer dann mal in die Mangel nehmen«, sagte ich ihm deshalb.

»Ja, ich geh dann mal nach oben.«

Seine Stimme hatte wohl einen gewissen Unterton, den ich aber nicht herausfinden wollte.

Meine Arbeit im Stall war von allen möglichen Gedanken begleitet, vor allem hingen sie Michael nach. Was würde jetzt passieren? Wie weit hatte ich ihn an mich herangelassen? War ich verliebt in ihn? Oder doch nur in seinen Körper?
Reihum kümmerte ich mich um die Kühe und schließlich gelang es mir, mich nur noch auf das wesentliche zu konzentrieren, nämlich auf mich und auf das hier. Woher meine gute Laune kam war mir nicht ganz klar, aber ich stellte bis zum Mittag fast den ganzen Stall auf den Kopf.

So vergingen die nächsten beiden Tage. Der Schnee war abgetaut, allerdings waren die Wege auf den Feldern völlig durchweicht. So konnte ich keine Inspektionsfahrten machen um zu sehen wo sich Staunässe bilden wollte. Ich wusste dass einige tiefere Senken gab, in denen sich Wasser ansammeln konnte. Vor allem das Feld entlang am Zauberwald war anfällig dafür. Für die Frucht war das nicht besonders gut, vor allem wenn es im Sommer viel Regen geben würde.
So konnte ich viel Zeit in die Planung investieren. Mit welcher Saat sollten welche Felder im kommenden Jahr bestellt werden? Mais, Roggen und Gerste, das hatte ich ja schon besorgt. Marcus sah mir öfter über die Schulter wenn ich an dem Computerprogramm arbeitete, ansonsten hielt er sich eher zurück. Er war seit der Silvesternacht ruhiger geworden, zu ruhig wie ich fand. Hielt ein wenig Distanz zu mir, wenn auch nicht grade abweisend. Langweilig war es ich nicht wie er mit ein paar Mal versicherte und mir schien, er war ganz froh aus seinem eintönigen Umfeld einmal herausgekommen zu sein. Ansonsten war er mit seinem Notebook beschäftigt und ich ließ ihn einfach gehen.
Michael rief nicht an und ich schloss daraus, dass ich ihm nicht so wichtig war. Ich fand es traurig, aber es war nichts daran zu ändern. Ich entschloss mich, nicht bei ihm anzurufen.

Meine letzte wichtige Arbeit nahm ich dann auch noch in Angriff. Die Seilwinde oben an der Scheune quietschte erbärmlich, aber die Mechanik dort zu warten war nicht ganz einfach, da sie ja einige Meter außerhalb der Ladeluke oben ins Freie ragte. Eigentlich eine Arbeit, für die man zu zweit sein sollte. Aber Marcus konnte und wollte ich dafür nicht einspannen.
An dem Tag schien die Sonne, es ging fast kein Wind und es war richtig angenehm da oben. Ich saß an der Luke, rauchte und ließ meine Beine im Freien baumeln. Wie schön es doch war, sich seine Zeit auf dem Hof größtenteils selbst einteilen zu können. So lange es nicht wirklich eilig war gönnte ich mir solche Pausen, in denen ich dann auch die Seele baumeln ließ. Natürlich drehte es sich oft um Michael, aber da war keine Wehmut. Vielleicht ein bisschen Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit.
Von da oben hatte ich einen weiten Blick über die Gegend und so fiel mir schon recht früh ein Fahrzeug auf, das sich auf der Straße zu unserem Hof bewegte. Ich kniff die Augen zusammen, aber der Wagen war mir unbekannt. Älteren Datums wohl. Gut, die Zeit der Vertreter war gekommen, die wollten einen die unmöglichsten Sachen aufdrehen und waren bisweilen wie lästige Fliegen. Aber solche Leute kamen mit dicken Autos, blitzblank geputzt – bis sie vom Hof fuhren. Dann war’s meistens vorbei mit der Schönheit und demnach konnte ich einen solchen Besuch ausschließen. Näher und näher kam das rote Auto und es stand nun fest, dass der Lenker zu uns wollte.
Ich blieb auf meinem Aussichtsposten sitzen, von hier konnte ich ja auch direkt in den Hof sehen und zunächst wollte ich abwarten, wer uns da einen Besuch abstattete.
Der Wagen fuhr langsam, so, als würde er nicht sicher sein ob er hier richtig war. Am Tor oben hielt das Fahrzeug kurz an, schien das Schild zu lesen auf dem groß unser Name stand und parkte schließlich fast unter mir. Nun war ich wirklich gespannt wer da aussteigen würde, noch immer hatte ich keine Ahnung.
Dann öffnete sich die Fahrertür. Einen Moment lang hielt ich den Atem an. Dieses Schildkäppi kannte ich, auch die Klamotten waren mir irgendwie nicht unbekannt. Vorsichtig kroch ein Stück zurück, so dass ich nicht gesehen werden konnte und lugte nach unten.
Sollte ich mich freuen? Ärgern? Wie überhaupt reagieren? Ich könnte schnell Mutti anrufen und ausrichten lassen, ich sei nicht da. Die ganze Woche nicht. Aber wollte ich das überhaupt? Ich seufzte. Florian hatte mich quasi rausgeschmissen, wollte mich doch endgültig nicht mehr wiedersehen. Woher kam nun sein Sinneswandel? Machte sich den Weg hier heraus um mir zu sagen dass es ihm leid täte? Blödsinn. Er wollte etwas von mir, was auch immer. Ich beschloss, mit ihm zu reden, auch wenn mir im Grunde gar nicht danach war.

Als ich aus der Scheune kam, lehnte er an seinem Auto und sah sich um. Unschlüssig wie mir schien. Er bemerkte mich erst, als ich fast an seinem Wagen war.

»Nanu, hast du dich verfahren?«

Erschrocken fuhr er herum. »Meine Güte, Stefan..« Er schob sein Käppi etwas aus der Stirn und musterte mich.

Ich wartete bis er anfing, denn er wollte ja etwas von mir, nicht umgekehrt. Dumm die Situation, sich so gegenüberzustehen und kein Wort fiel. Ein kurzer Blick zum Haus und ich sah, dass Marcus von seinem Fenster aus die Szene beobachtete.

»Nun? Welche Ehre habe ich deinem Besuch zu verdanken?«, begann ich dann doch, da ich keine Lust hatte den ganzen Tag hier herumzustehen. Ich konnte mich täuschen, aber Florian machte einen etwas bedrückten Eindruck. Trotzdem wollte ich versuchen, aufkommenden Wind aus seinen Segeln zu nehmen. »Falls du gekommen bist um mich doch noch zu überreden, vergiss es. Ich gehöre hier her.«

»Und wo gehöre ich bei dir hin?«

Das hatte ich nicht erwartet. Er versuchte gar nicht erst zu erklären warum er gekommen war. Ich schluckte. Ja, so wie er da vor mir stand, in seinen wie immer angepassten Klamotten, betont lässig. Die Zigarette in der einen Hand, die andere in der Hosentasche. Und dann dieser Blick.. Lehnte so nicht einst James Dean an seinem Sportwagen? Ich suchte krampfhaft nach einer passenden Antwort. Er hatte in ruhigem, leisen Ton geredet, nicht aggressiv, nicht provozierend. Es stand mir nicht zu ihn jetzt anzufahren.
Wo gehörte Florian in mir hin? Eine gute Frage. Erbärmlich kam ich mir vor, weil ich darauf spontan keine Antwort wusste. Dass er nirgendwohin gehörte, das wäre eine blanke Lüge gewesen. Er spielte sicher nicht mehr die Rolle als wir noch zusammen waren, aber er spielte noch eine. Nur, welche genau? Sollte ich nicht beleidigt sein nach seinem Rauswurf? Durfte ich es nicht sein? Ich hatte ihm böse Worte an den Kopf geworfen und seine Reaktion war zu verstehen. Dennoch, er sagte „endgültig.“

»Nun?« Er wartete noch immer auf eine Antwort.

»Gegenfrage: Wo gehöre ich bei dir hin?«

Jetzt grinste er und seine Stimme blieb ruhig. »Was erwartest du? Dass ich dich auf allen Vieren bitte mir alles zu verzeihen, nur damit ich dich wieder ins Bett kriege?«

»Zum Beispiel.«

Er ließ den Kippen zu Boden fallen und trat ihn nachdenklich aus. » Du weißt ganz genau dass das nicht stimmt. Stefan, wir sollten.. wir sollten darüber reden. Die letzten Sätze die wir gewechselt haben waren Worthülsen. Oberflächliches Gerde ohne wirklichen Inhalt. Ich gehe mit dir nicht ins Bett weil ich sonst keinen habe oder weil das alles ist was ich von dir will.«

»Und die Worte in Hamburg, in der Bude? Waren das auch Worthülsen?«, fragte ich nun doch etwas ungehaltener.

»Die insbesondere.«

»Du wolltest mich nie wieder sehen. Das waren sicher keine Worthülsen, oder?«

»Du hast mir ja keine Chance gelassen vernünftig darüber zu reden. Mir ist in dem Moment nichts anderes eingefallen.«

»Ach, und das möchtest du jetzt klarstellen..« Mein Seitenblick verriet, dass Marcus noch immer am Fenster stand. Verstehen konnte er uns nicht, aber er würde auch so bemerken um was es hier ging.

»Ja, das will ich. Stefan, ich liebe dich und das weißt du.«

„Ich liebe dich“. Noch nie hatte ein Mensch diese Worte zu mir gesagt. »Dann verrat mir einfach, warum du gekommen bist. Nur um mir nach einem Rausschmiss zu sagen, dass du mich liebst? Das glaube ich dir nicht.«

Er zündete sich eine neue Zigarette an, wobei ich ein leichtes Zittern seiner Hände bemerkte. »Du glaubst mir nicht. Klar, wie hätte ich das erwarten können?«

»Was hast du denn erwartet? Dass ich dir jetzt heulend um den Hals falle?«

Verlegen sah er zu Boden. »Nein, sicher nicht. Aber dass wir vernünftig darüber reden könnten, das habe ich erwartet. Nur, mir scheint das kann ich vergessen.«

Ich überlegte krampfhaft, woher dieser Streit eigentlich kam. Wo war sein Ursprung? Und wieso das alles? Doch nur, weil ich zurückbin auf den Hof. Weil ich hier gebraucht werde. Dass er nicht mitwollte dachte ich mir eh schon, aber nicht, dass deshalb unsere Freundschaft in die Brüche ging. Wir hätten schon viel früher einen Kompromiss treffen können, aber wir hatten eines gemeinsam: Wir waren beide Sturköpfe. Ja nicht dem anderen nachgeben, das könnte bedeuten, Schwäche zu zeigen.
Reden, ja, das war kein Problem. Aber es konnte nur auf eines hinauslaufen: Dass wir uns trennen ohne Ergebnis.

So standen wir da, völlig planlos. Ich wusste in dem Augenblick einfach nicht was ich sagen sollte. Er hatte mir seine Liebe eingestanden und ich mutmaßte, dass er reumütig geworden war. Dummerweise schien es an mir zu liegen wie es weitergehen sollte. Aber war Florian auch meine Liebe? War sie das wirklich? Ich mochte ihn, sehr sogar. Aber Liebe? Kannte ich dieses Gefühl überhaupt? Was, wenn er nun tatsächlich hier wegfahren und nie wieder in meinem Leben auftauchen würde? So lange es nur Gedanken waren konnte man ja damit umgehen, aber was war mit der Wirklichkeit? Mir wurde klar, welche Konsequenzen meine Entscheidung haben würde.

»Stefan, ich verlange jetzt keine Entscheidung von dir. Du weißt wo ich zu erreichen bin und.. ruf mich einfach an, okay?«

Damit konnte ich leben, zumindest im Augenblick. Ich nickte, denn hier einen Punkt setzen zu wollen war Unsinn.

Er stieg ein, rief ein „ciao“ aus dem Fenster und fuhr vom Hof.

Ich sah hoch zum Fenster, an dem Marcus noch immer stand. Was war eigentlich mit ihm? Mein Handy riss mich aus den wirren Gedanken.

»Hallo Stefan.«

»Hallo Michael.«

»Du.. ich.. ich mach’s kurz. Ich werde fortziehen von hier.«

Ich musste schlucken, denn eigentlich war das niemals Bestandteil meiner Überlegungen. Eher hoffte ich, er würde zu uns ziehen. Hatte er nicht irgendwann seine Hilfe angeboten? Tief holte ich Luft. Unsere Nacht war genau das gewesen was ich von Anfang an vermutete: Ein Experiment. Sie diente seiner Selbstfindung. Aber das spielte nun alles keine Rolle mehr.

»Und wo gehst du hin?«

»Hab durch Zufall eine Jagd bei Soltau bekommen.«

An seiner Stimme erkannte ich, dass er ziemlich aufgeregt war. Ganz sicher nicht wegen mir. »Und wann?«, wollte ich dann wissen.

»Nächste Woche schon, ich bin bereits beim packen. Mittwoch kommt der Möbelwagen.«

»Und.. sehen wir uns noch mal?«

»Ja, ich komm vorbei. Weiß noch nicht wann, aber ich sag dir Bescheid.«

Ich betrachtete mein Handy. Das war’s dann also. Aus und vorbei. In wenigen Tagen gehörte Michael der Vergangenheit an.

Mein Blick ging hoch zur Luke, aber zum arbeiten hatte ich keine Lust mehr. Kurz entschlossen setzte ich mich in den Traktor und rollte aus der Scheune. In diesem Augenblick verließ Marcus das Haus und stand mir praktisch mitten im Weg. Ich hielt an. Was konnte dieser Junge für das ganze Affentheater um mich herum? Er am allerwenigsten. Okay, er war nicht schwul, aber er hatte nichts gegen mich. Er stand nur da und sah zu mir hoch.

»Möchtest du mitkommen?«, rief ich um den Krach des Motors zu übertönen.

Er nickte und schon stieg er zu mir in die Fahrerkabine. »Willst nicht noch was anziehen? Es ist nicht grade Sommer.«

Er schüttelte den Kopf. »Das geht schon. Wir werden keinen Spaziergang machen, oder?«

Mutter war inzwischen unter die Eingangstür getreten.

»Wir fahren kurz weg, sind bald wieder da«, rief ich ihr zu, dann lenkte ich den Traktor vom Hof.

»Wo willst du denn jetzt hin?«

»Lass dich überraschen.«

Ich drehte die Heizung voll auf und Marcus stellte den Radio an. »So möchte ich ewig fahren«, sagte er nach einer Weile.

Ich grinste. »Ewig.. ja, nicht schlecht. Aber ich denk, das ist eher nicht machbar.«

Nach einigen Kilometern auf der Landstraße nickte Marcus plötzlich. »Ich weiß jetzt wo du hinwillst.«

Ich sah ihn von der Seite an. Kam es mir nur so vor oder wurde er jeden Tag ein bisschen erwachsener? Die Proportionen seines Körpers schienen sich gleichmäßig zu verteilen, was keineswegs ein Nachteil war.

»Es ist alles so anders als im Sommer.«

»Ja nun..«

Er lächelte plötzlich. »Sag mal, Stefan, was ist eigentlich passiert, da in der Silvesternacht, bei Michael?«

Ich verschluckte mich an der eigenen Spucke und musste husten. »Wie meinst du das?«

»Komm schon. Da war doch was mit euch beiden, oder etwa nicht?«

Klar, ich ahnte ja schon dass er es zumindest Andeutungsweise mitbekommen hatte. Aber diese Frage allein war schon ziemlich intim. Warum wollte er das wissen und wie genau? Ich beschloss, ihn zu reizen. »Was soll gewesen sein? Wir haben uns ein bisschen amüsiert.« Ein Hetero würde spätestens jetzt nicht weiterfragen, denn die nächste Antwort könnte peinlich werden. Aber Marcus gab sich damit nicht zufrieden.

Er grinste schelmisch. »Ja, das hat man gehört. Aber was war denn so amüsant?«

»Hör zu, du kleiner Naseweis. Du weißt ganz genau was ich meine, also geh das Risiko, Details zu hören, lieber nicht ein.«

Jetzt lachte er laut und klatschte in die Hände. »Au ja, erzähl mir Details.«

Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Ne ne, mein Lieber, das musst du dir schon aus deiner eigenen Fantasie ziehen.«

»Das ist gemein.«

»Marcus, ehrlich. Ich glaube nicht, dass du das wissen willst. Und zudem.. was würdest du mit den Details anfangen wollen?«

Er blickte zur Seite und spielte mit seinen Händen. Dieses Gebaren kannte ich nun schon gut genug. Es beschäftigte ihn und das nicht aus reiner Neugier. Ich fuhr den Traktor an den Straßenrand, hielt an und stellte den Motor ab. Es wurde Zeit, dem Kleinen gewisse Schranken aufzuzeigen. Scheinbar waren ihm die Grenzen der Intimsphäre noch nicht bewusst.
»Also, nun hör mal..«, wollte ich meine kleine Standpauke beginnen.

»Stefan, komm mir jetzt bitte nicht mit Bienen und Ameisen. Aus dem Alter bin ich raus.«

Er ahnte es doch. Er kannte die Grenze, alles was sie ihn überschreiten ließ war Neugier. Er wollte wissen was Männer zusammen im Bett trieben. Aber damit war ich mit einem Schlag überfordert. Fast verzweifelt krallte ich mich ans Lenkrad und drehte die Musik leiser. Ich konnte ernster mit ihm reden als ich dachte. Das war kein Lausejunge mehr, er stand auf der Schwelle zum erwachsen werden. Ein paar Daunenfedern waren noch da, aber sonst war der Kleine ziemlich flügge.
Meine Güte, dieses süße Grinsen. Er schien meine Gedanken lesen zu können, vor allem spürte er garantiert meine Unsicherheit.

»Und?«, fragte er frech.

»Marcus, ich glaube nicht, dass ich dir Einzelheiten erzählen möchte.« Ich verschluckte ihm anzuraten, es doch einmal selbst auszuprobieren.

Künstlich beleidigt lümmelte er sich auf seinen Sitz. »Na gut. War’s wenigstens schön?«

»Das kann man allerdings mit Fug und Recht behaupten. Zufrieden?«
Er nickte trotzig, was ich richtig süß an ihm fand.

Wenig später bog ich in den Feldweg ab.

»Der Zauberwald.. er ist so nackt und kahl«, waren die ersten Worte, die Marcus nach unserer Unterredung dann von sich gab.

»Er sammelt Kraft für den Sommer, Marcus.«

»Kraft für den Sommer«, wiederholte er lächelnd.

Ich parkte den Traktor am Waldrand. Ganz vereinzelt gab es noch Schneeflecken im Wald, sonst war es wirklich trist und öde. Ich fand dann auch die Idee, hier herauszufahren gar nicht mehr besonders attraktiv.
Wir stiegen aus und gingen ein paar Meter in den Wald. Es war kalt und Marcus hatte wirklich nicht die passenden Klamotten an. Lange würden wir nicht bleiben.

»Du, sag mal«, begann Marcus und ich fürchtete, er käme auf das Thema von vorhin zurück. »So weit ist es von hier nach Hamburg doch nicht, oder?«

»Nein, mit dem Auto ne halbe Stunde. Kommt drauf an wohin, Hamburg ist groß.« Ich hatte keine Ahnung was er damit sagen wollte.

»Und ne Busverbindung?«

»Ja, die gibt’s auch. Aber warum fragst du?«

Er blieb stehen und ich spürte dass etwas in ihm gärte. »Wenn ich in Hamburg meine Lehre weitermachen könnte, dann wär’s doch kein Problem.. ich meine, das ginge doch, oder?«

Ich packte ihn am Arm. »Hey, was geht da in deinem hübschen Kopf vor sich?«

Er grinste. »Hübschen Kopf..«

»Marcus, bitte. Was willst du damit sagen?«

»Hab ich doch schon.«

»Du.. du willst nach Hamburg, nur um..«

»Ja, nur um hier zu sein. Ich möchte hier bleiben.«

Ich musste lachen. »Na ja, in deinem Alter hatte ich auch Flausen im Kopf.. Und denk bitte an den Misthaufen, die Fliegen, den Gestank..« Nicht eines seiner Worte nahm ich ernst.

»Hab ich schon. Seit dem letzten Mal find ich nichts mehr dabei. Es ist okay, wirklich.«

»Aber du musst doch einen Grund haben.. ich meine, Höfe gibt’s bei euch in Bremen doch auch und…«

Er legte plötzlich seinen Zeigefinger auf meinen Mund und mit einem Schlag wusste ich was er damit sagen wollte. Aber das konnte gar nicht sein. Ungläubig starrte ich in seine Augen. Aber da war kein Schalk zu erkennen, nicht die Spur mich nur zu verunsichern. Diese Augen waren ernst.. und wunderschön.

Sanft drückte er mir einen Kuss auf die Lippen.

»Marcus.. was soll.. das?«

»Es ist das wonach es aussieht, Stefan. Ich möchte bei dir bleiben..«

»Ja, aber ich denke..«

»Hab ich auch gedacht. Aber es.. ist nicht so. Ich bin schwul.. glaub ich.«

»Du glaubst es?« Meine Sinne spielten verrückt.

»Ja. Hilfst du mir, es vom Glauben ins Wissen zu überführen?«

»Marcus, weißt du was du da von mir verlangst? Ich meine.. das.. ich weiß gar nicht ob das geht..«

»Dann wissen wir beide nicht viel, oder? Damit steht es eins zu eins. Komm, mir wird kalt.«

Dann nahm er einfach meine Hand, zog mich hinaus aus dem Wald und ich wehrte mich nicht. Warum auch? Mit jedem Meter den wir liefen drückte ich seine Hand fester.

Als wir auf den Traktor stiegen, sah ich noch einmal hinüber zum Zauberwald. Bald war er wieder grün, sangen die Vögel in seinen Baumwipfeln. Dann würde ich wieder viel öfter hier herkommen. Und sicher nicht alleine.

Ich rupfte einen Grashalm aus und kitzelte den kleinen Käfer auf einem Blatt.

»Ärgere ihn doch nicht.«

»Ich ärgere ihn nicht, ich spiele mit ihm.«

Wir lagen auf dem weichen Moospolster im Zauberwald, Gesang von Buchfinken, Kuckuckrufe und Schwalbengezwitscher erfüllte die Luft.

»Es ist so herrlich hier, Stefan.«

»Ja, das ist es.«

»Weißt du, ich hab sooft an Marcus-Kälbchen und Tine denken müssen. Und an den Wald hier. Bei allem was ich tat.. Ich habe das alles vermisst.« Unvermittelt schob sich Marcus dicht an mich und legte seinen Kopf auf meine Brust. Zärtlich streichelte er meinen Hals und schloss dabei die Augen. »Und dich natürlich am meisten. Meine Entscheidung war doch richtig, oder?«

Ich küsste sein Haar. »Goldrichtig.«

Er lachte. »Weißt du noch, im Winter, als wir hier hergefahren sind? Und ich sagte, ich möchte nach Hamburg? Welche Chance hast du dem gegeben, ich meine, außer der Sache.. mit uns beiden?«

»Keine. Ich habe beiden Visionen keine Chance gegeben. Weder dass du je auf den Hof kommen würdest, noch dass ich in der Lage gewesen wäre.. «

».. mir Sicherheit zu geben, richtig?«

»Jep. Aber nun.. wir sollten das abhaken.«

»Ich fand nur Michaels Abschied damals echt tröge. Ein paar Worte am laufenden Auto. Schade eigentlich.«

»Ja, das fand ich auch. Aber nun, er ist weg. Weiß nicht mal was er seitdem treibt.«

»Und Florian.. nachdem was da zwischen euch vorgefallen ist find ich’s super dass er ab und zu vorbeikommt.«

»Er hat es eingesehen, so wie ich auch. Aber es geht ja auch fast nichts über eine dicke Freundschaft.«

Ich gab Marcus einen Kuss. »So, genug gefaulenzt. Du hast zwar Urlaub, aber das Feld wartet nicht ewig. Und denk dran, dass wir Jan heute Abend einen Brief schreiben wollen. Nur der Vollständigkeit halber. Er soll ja wissen dass wir die Unterkunft für ihn und die anderen neu renoviert haben.. und dass meine Mutter extra eine alte Schultafel angeschafft hat. Sie möchte den Deutschkurs fortsetzen..«

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