Welcome to Australia – Teil 26

Ich saß an meinem Computer und rief Emails ab. Schon seit Tagen war ich hier nicht mehr gesessen und dementsprechend voll war die Box. Der größte Teil war Werbung. Eine kleine Mail von Großmutter fand ich.

Sie erkundigte sich wie es mir ginge. Ich öffnete und wollte antworten. Doch ich hielt inne. Sollte ich von der Schussverletzung erzählen? Es klopfte an meiner Tür.

„Ja?“

Die Tür ging auf und meine Mutter streckte den Kopf herein.

„Hallo Sohnemann, geht es dir gut?“

„Hi Mum. Den Umständen entsprechend ja, nur der Arm zieht fürchterlich.“

Sie kam herein und stellte ihre Tasche auf meinem Bett ab.

„Ich kann es mir nur vorstellen, aber es wird auch weniger werden. Die Narbe wird wohl bleiben.“

Ich seufzte und nickte.

„Was machst du?“

„Grandma hat geschrieben, will wissen wie es mir geht.“

Sie sah mich fragend an.

„Ich weiß nicht was ich antworten soll…, wenn ich ihr von der Schussverletzung schreibe, macht sie sich noch mehr Sorgen.“

„Verständlich! Du vermisst sie sehr?“

„Ja… Gut ich kann ihr Emails schreiben, aber dass ist mir zu wenig. Mir fehlt das, einfach zu ihr zu gehen, wann immer ich will. Oder mit Grandpa Schach zu spielen. Wenn ich könnte würde ich sie hier her holen, irgendetwas wäre schon zu finden wo sie unter kommen.“

Mum atmete tief durch.

„Das ist nicht so leicht! Bei dir war es ja auch schon schwierig dich umzugewöhnen. Aber Grandma und Grandpa sind alte Leute, die ihr ganzes Leben in San Franzisco verbracht haben. Alte Bäume umzupflanzen geht schwer.“

Ich nickte.

„War ja auch nur so ein Gedanke.“

Sie wuschelte mir durchs Haar.

„Warum ich eigentlich gekommen bin…, hättest du Lust mitzufahren? Ich hole die Kinder ab und wollte mit ihnen ein Eis essen gehen.“

„Meinst du es ist gut, wenn sie mich so sehen?“

„Warum? Dann hat ihr großer Bruder ein Aua am Arm, kann doch vorkommen.“

Ich überlegte kurz und fand, dass es eine gute Idee war hier heraus zu kommen. Berry war eh bei seiner Mutter und würde so schnell nicht auftauchen. Und ich hatte Emilie und Eric schon eine Weile nicht mehr gesehen.

„Okay…“

Mum lächelte.

„Ich muss nur kurz Abby Bescheid sagen und… ähm…“

„Was?“

„Könntest du mir helfen meine Turnschuhe zu zubinden?“

„Klar! Einer meiner leichtesten Übungen und es ist ja nicht so, dass ich das bei dir noch nie gemacht habe. Welche willst du an ziehen?“

„Die weißen Turnschuhe.“

„Die?“

„Ja!“

Die Erinnerung kam zurück, wie mir Mum versuchte beizubringen, wie man die Schuhe band. Wie oft hatte sie es mir gezeigt und ich hatte es immer wieder falsch gemacht.

„An was denkst du?“

Sie schien wohl mein Blick ins Leere bemerkt zu haben.

„Wie du mit beigebracht hast, wie man Schuhe bindet.“

Ich schlüpfte in die Schuhe und sie begann sie zu binden.

„Ein ruhmreiches Kapitel deiner Vergangenheit. Ich weiß nicht wie oft ich da stand und versucht habe, deine Knoten auf zu bekommen.“

Ich konnte nicht anders und kicherte.

„Nur Übung macht den Meister, dass hast du immer gesagt.“

„Ja und es kostete mich einige Schuhbänder…, die ich aufschneiden musste. So fertig!“

„Danke Mum.“

Ich griff nach meinen Sachen und drückte den Monitor aus.

„Antworten kann ich auch noch später.“

Ich verließ mit Mum mein Zimmer und suchte nach Abby. In der Tierklinik fand ich sie schließlich hinter dem Empfang.

„Oh hallo Kathleen, schön dich zu sehen. Was führt dich her?“

„Ich wollte meinen Sohn zum Eis essen entführen.“

„Gute Idee, dann kommt er mal heraus.“

Ich sah zwischen den beiden Frauen hin und her und wurde das Gefühl nicht los, dass das vorher abgesprochen war.

„Ich bin dann eine Weile weg“, meinte ich.

„Gut!“ Und viel Spaß!

„Danke“, sagte Mum und ich gleichzeitig.

*-*-*

Eric saß auf meinem Schoss, während Emilie neben ihrer Mutter saß und malte.

„Spielen wir nachher Ball Tom?“

Ich sah Eric an.

„Wenn du nicht so toll machst ja.“

„Tut das arg weh?“, fragte Eric weiter und zeigte mit seinem Finger direkt auf den Verband.

„Es geht.“

„Hast du nicht aufgepasst?“

Ich verstand gerade nicht, was er meinte, während Mum grinste.

„Was meinst du?“

„Mum sagte immer, wenn ich nicht aufpasse, auf dass was sie mir sagt, dann mach ich mir dolle weh.“

Jetzt musste ich lachen.

„Nein Eric, ich habe aufgepasst, aber mir trotzdem weh getan, da war jemand anderes dran schuld.“

Das Bild, wie Priscilla mit der Waffe auf mich zielte, kam wieder hoch. Mein Grinsen verschwand.

„Dann ist der andere aber böse!“

„Ja…“

Mum sah mich mitfühlend an.

„Eric holst du schon mal die Jacke deiner Schwester und dir?“, meinte sie.

„Au ja… und dann Ball spielen.“

„Muuuum“, meldete sich Emilie zu Wort, „ich bin doch noch gar nicht fertig mit malen.“

„Das kannst du das auch zu Hause fertig malen“

„Die haben aber viel schönere Stifte als wir.“

„Emilie, du hast zu Hause eine ganze Kiste voller Stifte…“

Emilie legte einen flehenden Blick auf, dass ich schon bereit war, für sie die Stifte abzukaufen.

„Du brauchst gar nicht so zu schauen, dass zieht bei mir nicht. Zieh jetzt bitte deine Jacke an und gut ist!“

Ich musste grinsen. Ich wäre da jetzt voll aufgelaufen und hätte ihr die Stifte gekauft.

*-*-*

Mum hatte mich vor Lindas Haus abgesetzt. Überrascht sah ich die Baumulde an der Garage stehen. Die Haustür stand offen und von drinnen drang Lärm heraus. Ich lief den Weg hinauf zum Haus und wollte gerade das Haus entgegen, als mir jemand mit einem großen Karton entgegen kam.

Ich wuchtete zur Seite, da der Träger mich anscheinend nicht sah.

„Hallo aufpassen!“, rief ich.

Der Karton sank tiefer und Lesley kam zum Vorschein.

„Shit… Tom. Dich habe ich gar nicht gesehen!“

„Das habe ich gemerkt“, meinte ich und rieb mir meinen Arm.

„Hab ich dir weh getan?“

„Mit wem redest du Lesley…, komm hier steht noch mehr Zeugs!“, hörte ich Berrys Stimme aus dem Hintergrund.

Lesley hob den großen Karton an und ich ging zur Seite.

„Tom ist da“, rief er noch und schon war er an mir vorbei.

Irgendwo her hörte ich gepolter und wenige Sekunden später stand Berry vor mir.  Sein Haar zierte Spinngewebe und sein Gesicht war etwas verschmiert.

„Hi Schatz, wo kommst du denn her?“

Er wollte mich küssen, aber ich wich zurück.

„Was ist los?“

„Du… solltest vielleicht erst mal dein Gesicht waschen und die Spinnwebe entfernen.“

Er sah überrascht in den Spiegel neben der Eingangstür und fing wie wild in seinen Haaren zu fuhrwerken.

„Ich war mit Mum und den Kleinen Eis essen und sie war so nett mich hier ab zusetzten.“

„Ist das eklig…“, sagte Berry und versuchte die Spinnwebe von der Hand zu bekommen, „oh Eis essen, da wäre ich gerne mitgekommen.“

Ich musste grinsen.

„Was macht ihr überhaupt?“, fragte ich.

„Befehl von ganz oben.“

„Hä?“

„Wir brauchen mehr Platz und nun wir unser Dachboden ausgebaut.“

„Aha.“

Berry erzählte das mit einer Begeisterung, der ich nicht folgen konnte. Anscheinend schaute ich so dumm, dass er zu grinsen begann. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, stürmte Lesley wieder in Haus.

„Komm Bruderherz, nicht herum stehen!“

„Ja, ich komm ja schon.“

Er sah seinem Bruder kurz hinter her.

„Wir reden heute Abend“, meinte er, gab mir nun doch kurz einen Kuss und verschwand wieder den Flur runter.

Ich wischte mir den Mund ab und sah ihm nach. Gut helfen konnte ich sowieso nicht, so beschloss ich wieder zu gehen. Langsam lief ich den Weg zur Straße zurück und wendete mehrere Male mein Kopf zum Haus.

Ausbauen…, den Dachboden. Na ja, vielleicht wollte Riley und Timothy einziehen, dann würde es natürlich eng werden. Aber Riley besaß doch ein Haus, warum zogen sie nicht dort hin.

Ich schüttelte den Kopf und lief Richtung nach Hause. Berry würde mir schon sagen, was Sache war.

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