Murmeltier- Tag 2

Ich wurde durch ein Geräusch wach, öffnete meine Augen und sah etwas blitzen. Wird sicher eine Spiegelung gewesen sein. Aber dieses Blenden lies mich erst einige Male blinzeln, bevor ich wieder etwas sah.

„Jo, wo bin ich?“, fragend schaute ich zu meinem Fotografen.

„Wir sind gleich…“, weiter kam er nicht.

Hinter uns gab es einen Ohrenbetäubenden Krach, Jo trat aus Instinkt das Gas voll durch und der Wagen beschleunigte zunehmend. Erschrocken sah er in den Rückspiegel. Ich wusste was passiert war!

In welchen Film war ich denn? Das hatte ich gestern doch schon alles erlebt! Wie kam ich wieder in das Auto? Waren wir etwa schon wieder auf dem Rückweg? Jo hatte inzwischen angehalten und den Motor abgestellt.

„Ben, hinter uns ist eine Lawine runtergegangen. Ich, ich… ich kann es nicht glauben. Aber eine Sekunde später und ich glaub….“.

„Das hast du mir gestern schon gesagt. Ich will wissen, wie ich in dieses Auto komme und was hier los ist?“

Ich schrie ihn schon fast an, aber er schüttelte ungläubig mit dem Kopf.

„Ben, was ist los mit dir? Wir sind heute früh losgefahren und dann bist du eingeschlafen. Hast vielleicht einen Alptraum gehabt. Aber das hier ist wahr! Schau doch auf die Straße! Das war eine verdammte Lawine und die hätte uns fast erwischt!“

Jo war außer Atem. So aufgebracht hatte ich ihn noch nie gesehen! Ich sollte einen Alptraum gehabt haben? Das kann nicht sein, ich hatte das schon alles erlebt! Und zwar gestern! Welches Spiel wird hier gespielt?

Das kann doch nicht sein! Oder schlief ich etwa noch? Ich zwickte mir selbst in den Arm und bemerkte den Schmerz. Nein ich war wach. Aber was hatte das alles zu bedeuten? Wir öffneten die Türen und gingen den Weg etwas zurück, den wir gekommen waren.

Mir bot sich das gleiche Bild wie gestern. Ich fass es nicht!

„Jo, lass uns weiterfahren“, sagte ich wie auch schon gestern.

Er schaute mich an und nickte. Im Auto sah ich eine Träne aus seinem Augenwinkel tropfen. In welch schlechten Film war ich nur gelandet. Es war alles schon mal da, wieso musste ich noch mal alles erleben?

„Wir sollten so schnell wie möglich die Rettungskräfte informieren. Nicht dass hinter uns noch ein Auto war, dass es erwischt hat“, sagte Jo und startete den Wagen.

Die Fahrt war so rasant, wie schon erlebt, und vor der mir vertrauten Feuerwache hielten wir. Wir stiegen aus und ich ging zielsicher in das Gebäude. Ich sah Hanns Herrmann.

„Hallo, die Straße wurde von einer Lawine getroffen. Wir hatten Glück und sind davongekommen.“

Ich sprach, als ob es mich langweilen würde. Hanns Augen wurden groß.

„Leute, wir haben hier zwei, die den Lawinenabgang miterlebt haben“, rief der Mittvierziger in den Raum.

Schlagartig verstummten die Gespräche, es wurde so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte. Alle drehten sich zu uns, ihre Augen nahmen uns ins Visier. Leises Gemurmel machte sich wieder breit.

Der ein oder andere klopfte uns auf die Schulter, es war ehrlich gemeint, so konnten die alle nicht schauspielern!

„Ich bin der Wachführer, Hanns Herrmann“, und streckte uns die Hand hin.

Wir ergriffen sie und eine deutliche Freude machte sich in seinem Gesicht breit.

„Was fahrt ihr für ein Auto?“, wollte er von uns wissen.

„Einen schwarzer VW Polo.“

Kaum hatte ich es gesagt, schon breitete sich ein leiser Jubel aus, der immer mehr zunahm. Jo stand ziemlich ratlos da. Ich wusste was das zu bedeuten hatte. Hanns legte den Arm um uns und klopfte unsere Schultern kräftig.

„Ist sicher für euch seltsam, aber nach euch wollten wir gerade suchen. Also…“, setzte er zu einer Erklärung an, die ich schon kannte.

Jo wich bei der Erklärung alle Farbe aus dem Gesicht, ich hingegen schaute mich um, vielleicht konnte ich herausfinden, was mit mir geschehen war? Hing ich etwa in einer Zeitschleife fest? Da gab es doch mal so einen Film. Wie hieß der denn gleich?

„Und täglich grüßt das Murmeltier“!

Das war der Name. Da war auch einer, der immer und immer wieder den gleichen Tag erleben musste, bis er alles richtig machte und das Leben weiterging. Sollte ich in der gleichen Situation sein?

Was hatte ich verbrochen, das mich dieses Schicksal ereilen musste. Ich hatte nie einem Menschen Unrecht getan, im Gegenteil. Hielt ich mich doch von ihnen fern. Kannte nur meine Arbeit.

„Wir sprechen uns noch“, sagte Hanns und riss mich aus meiner Grübelei. Ich ging mit Jo zum Auto. „Fahren wir zum Hotel und checken ein“, sagte ich und setzte in meinen Gedanken nach >mal sehen ob es da so weitergeht<.

Wir hielten vor dem mir schon bekannten Hotel. Wir betraten die Lobby und die nette Frau von gestern nahm uns wieder in Empfang.

„Guten Tag, was kann ich für sie tun?“

„Mein Name ist Joachim Schneider und das ist mein Kollege Ben Krause“, wobei er auf mich zeigte, „wir hatten zwei Zimmer gebucht, eigentlich schon gestern, aber wir konnten nicht pünktlich anreisen.

Ein Unfall zwang uns zu einer Pause.“

Wenn ich mich nicht irrte, musste jeden Moment die Tür aufgehen und Karl würde kommen. Sie unterhielten sich weiter und tatsächlich! Die Tür ging auf und Karl strahlte mich an. Diesmal hielt ich seinem Blick stand.

Er wurde leicht rot, schnappte sich unser Gepäck und ging in Richtung der Zimmer. Genau, was sonst auch anders. Die dreizehn!

„Bitte, dein Koffer“, sagte er.

„Danke Karl, treffen wir uns nachher noch?“

Ich wollte wissen, ob ich den Ablauf ändern konnte. Vielleicht sollte ich mich heute nicht betrinken. Einfach ganz normal weitermachen und sehen, was nach dem Mittag kam. Gestern hatte ich schließlich gerade Mal bis halb zwölf durchgehalten, bis ich auf dem Boden der Gaststube lag. An mehr konnte ich mich nicht erinnern.

„Sicher, ich bin nachher unten in der Gaststube. Wenn du willst, kannst du ja nach unten kommen“, sprach er und drehte sich mit einem süßen Lächeln um und ging.

Mir jagte es wieder einen Schauer über den Rücken. So betrachtet sah er schon schön aus, aber ich hatte noch nie eine richtig feste Beziehung, schon gar nicht mit einem Jungen! Im Zimmer räumte ich wieder meine Sachen ein, ging duschen und kehrte dann in die Gaststube ein.

Die Stube war leer. Sollte ich wieder ein Bier und einen doppelten bestellen? Ich musste in mich hinein grinsen, konnte ich doch ahnen was Katrin machen würde. Ich wollte es wissen!

Ich setzte mich auf einen Barhocker an der Theke.

Katrin steckte den Kopf durch die Seitentür. Sie setzte ein Lächeln auf und kam näher.

„Kann ich helfen?“, fragte sie.

„Ich hätte gern ein Bier und einen doppelten Klaren.“

Wieder legte sie den Kopf schief und sah mich forschend an.

„Es geht mich ja nichts an, das man schon zu dieser Zeit Alkohol trinkt, aber bist du nicht ein bisschen zu jung dafür?“

Es war alles so vorhersehbar und ich konnte es ändern, dessen war ich mir sicher. Aber was musste ich ändern, um wieder in mein normales Leben zurückzukehren. Und wie oft, bis dahin musste ich das noch alles mitmachen?

Ich zog wieder meine Brieftasche raus und legte den Ausweis hin. Sie warf einen Blick darauf und errötete wieder.

„Schon gut“, sagte ich zu ihr, „du bist nicht die erste, der es so geht. Ich hab mich daran gewöhnt. Ich darf doch du sagen?“

Sie stellte das Glas Bier auf einen Pappdeckel und grinste mich an.

„Nur wenn ich es auch darf“, und zwinkerte mir zu.

„Sicher darfst du das. Du bist sicher die Tochter der Wirtsleute. Und lass mich raten, du studierst und hast grade Semesterferien?“, erstaunt sah sie mich an. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ja, woher weißt du das, hat mein Bruder wieder getratscht?“

„Nein, hat er nicht. Wie heißt du eigentlich. Nein! Sag nichts, lass mich raten. Dein Bruder heißt Karl, dann könntest du Karoline, nein, Karla, nein auch nicht vielleicht aber Katrin heißen?“

Ihre Augen wurden immer größer.

„Also wenn das geraten sein soll, bist du echt gut. Aber ich weiß schon, Karl hat doch geschnattert.“

Ich lachte und schüttelte den Kopf.

„Also, Katrin, ist doch richtig oder“, und sie nickte zustimmend, „ dein Bruder hat echt nichts gesagt. Ich glaub er kommt auch gleich, dann kannst du ihn ja selber fragen.“

Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen kam Karl durch die Tür hinter den Tresen. Seine Augen erfassten mich und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ich wollte nicht stören, aber du sollst mal zu Mutter gehen, sie hat ein Problem“, sagte er zu ihr, hielt mich aber fest im Blick.

„Karl, hast du schon wieder getratscht?“

Sie schaute ihn streng an und sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Ich beobachtete die beiden amüsiert.

„Was soll ich erzählt haben“, er schaute sie fragend an. Sie sah mich an, hatte wohl begriffen, dass er wirklich nichts gesagt hatte.

„Du bist unheimlich“, lächelte und verschwand durch die Tür.

„Darf ich fragen, was hier eben abging?“

„Karl, ich hab nur einige Vermutungen aufgestellt und lag wohl in jedem Punkt richtig.“

„Und, was hast du vorhergesagt“, wollte er wissen und sah mich etwas unsicher an.

„Ach, nur das sie studiert und Semesterferien hat. Ach und dann noch ihren Namen.“

Er sah mich erstaunt an und zog die Augenbrauen hoch.

„Das hast du alles geraten?“

„Ja, sagte ich doch, “ schaute zu den beiden Gläsern vor mir und ergänzte „bevor du fragst, ob ich das trinken darf muss ich dir sagen dass ich schon vierundzwanzig bin, sehe leider jünger aus. Das ärgert mich zwar, aber daran kann man nun mal nichts ändern. Deine Schwester hat meinen Ausweis schon kontrolliert. Und ich glaub, sie hätte mir sonst auch nichts gegeben.“

Ihm klappte der Unterkiefer nach unten. Ich hatte geahnt, nein gewusst, dass er es fragen wollte und bin ihm zuvorgekommen. Was er nicht wusste, war, dass ich alles schon einmal erlebt hatte.

Ich nahm einen Schluck von meinem Bier, ließ den Klaren absichtlich stehen. Die Tür zum Gastraum öffnete sich und Jo kam rein, legte den Arm um meine Schulter und sah den Schnaps stehen.

„So früh schon harte Sachen?“

„Jo, das ist mein erster. Ich dachte auf den Schreck muss man sich einen gönnen.“

„Ben, du hast recht“, und zu Karl gewandt, „ich nehme das gleiche.“

Karl zapfte das Bier und schenkte einen Klaren ein.

„Dann wart ihr das, die fast von der Lawine getroffen wurden?“, er schaute mir in die Augen, was wieder für ein Kribbeln sorgte und wir nickten ihm beide zu.

„Na, dann habt ihr echt Glück gehabt. Prost euch zweien.“

Wir erhoben unsere Gläser und schütteten uns diesen richtig kalten Schnaps in den Hals. Karl lächelte mir zu.

„Oh, ich muss noch mal nach hinten, etwas erledigen. Soll ich noch mal nachschenken?“

Wir verneinten und Karl ging durch die Tür hinter den Tresen. Jo sah mich nachdenklich an.

„Was ist, hab ich etwas falsch gemacht?“, fragte ich ihn.

„Ben, entschuldige die direkte Frage, aber ist da was zwischen dir und Karl?“

Ich war wie vom Donner getroffen.

„Äh, nein, wieso?“, stammelte ich.

„Also wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich das denken. So wie ihr euch anseht. Dem Karl läuft ja schon fast der Sabber aus dem Mund. Und du kannst die Augen auch nicht von ihm lassen.“

Bam! Das hatte ich nun davon! War es so offensichtlich? Ich schaute ihn gern an, aber da war nichts zwischen uns! Jedenfalls nicht von meiner Seite! Er ist doch ein Mann!

„Jo“, ich musste hart schlucken, „nicht das du mich falsch verstehst, aber ich bin nicht schwul. Ich habe nichts gegen solche, aber ich bin es nicht.“

Er sah mich noch immer an.

„Ben, bist du dir sicher? Aber ist auch egal, bei Karl glaub ich schon, dass er es ist. Er zieht dich ja förmlich mit Blicken aus.“

Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, aber ich wollte dieser unangenehmen Situation entkommen. Mir fiel mein Laptop ein, der noch im Auto lag.

„Jo, gib mir mal bitte die Autoschlüssel, ich muss meinen Computer noch holen. Ich glaub zwar nicht, dass sie hier WLAN haben, aber zum Schreiben brauch ich ihn schon.“

Jo sah mich erstaunt an.

„Wie kommst du darauf, dass sie kein Internet hier haben?“

„Ist nur so eine Ahnung“, griff mir den gereichten Schlüssel und ging nach draußen.

Dort musste ich erst einmal tief durchatmen. Jo denkt also, dass ich schwul bin? Machte er es nur an mein Aussehen fest? Gut, ich sah jung aus, sehr jung, aber schminken tat ich mich nicht.

Auch hatte ich nicht das Gefühl, dass ich mich tuckenhaft verhalte. Es war mir ein Rätsel, wie er darauf kam. Im Gastraum angekommen saß Jo noch immer an der Bar. Ich nahm den Platz neben ihn wieder ein und genehmigte mir einen Schluck Bier.

„Willst du es nicht ausprobieren?“ fragte mich Jo von der Seite.

„Was ausprobieren“, ich schaute ihn verwirrt an.

„Na, ob du Internet bekommst, was denn sonst“, Jo schüttelte den Kopf.

Obwohl ich es schon wusste startete ich meinen Rechner.

„Wie ich gesagt habe, kein WLAN. Hätte ich mal mit dir gewettet“, fügte ich noch grinsend hinzu.

„Ich melde mich mal bei der Redaktion, sag dass es länger dauert.“

Jo stand auf und zog sein Handy hervor und ging vor die Tür. Als ich allein in der Gaststube saß stelle ich fest, dass gestern Karl noch da war. Wieso war er es heute nicht? Gut, ich hatte ja immer etwas zu trinken verlangt, heute aber nicht.

Das wird es sein überlegte ich noch, als Jo neben mich trat.

„Was haben sie gesagt?“ fragte ich ihm, die Antwort schon kennend.

„Es geht in Ordnung, sie haben es schon in den Nachrichten gehört.“

„Habe ich mir gedacht.“, entgegnete ich ihm teilnahmslos.

Es ging inzwischen auf halb zwölf zu. Die Zeit, in der ich mich gestern aus dem Geschehen getrunken hatte. Ich grinste in mich hinein. Katrin erschien wieder und auch die Tür zum Gastraum öffnete sich.

Hanns Herrmann, der Wachführer und noch zwei weitere Männer betraten die Gaststube. Als er uns erblickte steuerte er auf direktem Weg zu uns.

„Und, schon erholt vom Schreck?“ fragte er.

„Ja, es geht schon wieder“, entgegnete ihm Jo.

Ich betrachtete Katrin, die hinter der Theke einige Gläser füllte. Anscheinend kannte sie den Wunsch der drei. Ab und an sah sie kurz zu mir auf und bedachte mich mit einem scheuen Blick.

Sie sah süß aus, aber ich wollte nichts von ihr. Vielleicht nur ein bisschen spielen. Mehr auf keinen Fall. Ein Hieb auf meine Schulter ließ mich hochschrecken.

„Kommst du mit, oder willst du hier sitzen bleiben?“ fragte mich Jo.

Wohin wollte er denn? Ich stand auf und folgte ihm zu einem Tisch, an dem schon die beiden anderen Männer Platz genommen hatten. Hanns, Jo und ich setzten uns dazu. Jo und Hanns unterhielten sich über die Lawine, ich hingegen beobachtete die Tür hinter Katrin, die sich soeben öffnete.

Karl trat ein und ein Kribbeln jagte mir über den Rücken. Ich musste über mich selbst den Kopf schütteln. Was war das? Hatte Jo Recht? Nein, das konnte nicht sein, ich hatte noch nie die Bekanntschaft mit einem Mann gesucht!

Er kam auf unserem Tisch zu und mir wurde unbehaglich, konnte den Blick aber nicht von ihm abwenden.

„Darf ich noch etwas zu trinken bringen?“ fragte er und gab uns jeden eine Speisekarte.

„Ich nehme noch ein Bier, Jo, du auch?“, schaffte es endlich den Blick von Karl zu lösen und Jo anzusehen.

Der grinste über das ganze Gesicht. Ich wurde verlegen. Was dachte Jo schon wieder?

„Ich nehme auch eins“, und grinste immer noch. Karl drehte sich um und ging wieder hinter den Tresen, um das Bier zu zapfen. Ich musste mich zwingen, nicht in seine Richtung zu schauen.

Desinteressiert hörte ich dem Gespräch am Tisch zu, in dem es um Lawinen ging, die den Ort schon öfter getroffen hatten. Fast hätte ich Karl das Glas aus der Hand gehauen, als dieser es vor mir abstellen wollte.

„Vorsicht“, sagte er leise zu mir, was mir wieder ein breites Grinsen von Jo einbrachte.

Was war nur los mit mir? Ich begann langsam zu verzweifeln! Zuerst wiederholt sich dieser an sich schon beschissene Tag, dann auch noch dieser Jo! Ich griff zum Bier und leerte es in einem Zug. Alle sahen mich an.

„Oh, ich habe Durst“, sagte ich kleinlaut.

Ich hatte nicht vor, mich wieder volllaufen zu lassen. Auch Karl hatte alles beobachtet und kam wieder an den Tisch.

„Willst du noch eins“, seine Stimme klang gedämpft. „Nein, bring mir bitte ein Mineralwasser.“

Seine Mine hellte sich auf, schnappte mein leeres Glas und verschwand wieder, um kurz danach mit einem Glas Wasser wiederzukommen. Inzwischen hatten wir die Speisekarte studiert.

Katrin nahm unsere Bestellungen auf und das Gespräch am Tisch wurde wieder aufgenommen. Mir war es egal. Hin und wieder schaute ich in Richtung Tresen, an dem Karl beschäftigt tat. Aber immer wieder trafen sich unsere Augen.

Es dauerte nicht lange und wir hatten jeder unser Essen vor uns zu stehen. Das Gespräch riss auch hierbei nicht ab. Hanns hatte immer neue Storys zu erzählen. Wieso machten die nicht etwas, dass nicht so viele Lawinen den Ort immer und immer wieder von der Außenwelt abschnitten?

Schlagartig wurde mir wieder bewusst, dass ich noch eine ganze Woche hier verbringen musste. Was sollte ich nur die ganze Zeit über machen. So recht nahm ich es gar nicht wahr, bis mir Jo den Ellenbogen in die Seite stieß.

„Du sabberst gleich“, sprach er, wieder mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Ich hatte unterbewusst die ganze Zeit zu Karl gesehen, der mich auch taxierte. Mist, mir wurde das zu viel! Ich erhob mich und wollte nach draußen gehen. Jo hielt mich am Arm fest.

„Wo willst du hin?“ er schaute mich durchdringend an.

„Egal, Hauptsache raus hier! Lass das Essen und die Getränke auf die Rechnung setzen“, entgegnete ich schroff, riss meinen Arm los und verschwand nach draußen.

Im Vorbeigehen nahm ich noch einen enttäuschten Blick von Karl wahr, aber das interessierte mich nicht. Draußen musste ich erst einmal tief Luft holen. Ich ging den Weg über den Parkplatz und lief auf der Straße entlang.

Es fuhr kein Auto. Wieso auch, man konnte eh nicht raus, aus diesem Ort. Ich nahm nicht wahr, was alles links und rechts des Weges war. Ich grübelte vor mich hin. Verglichen mit gestern lief dieser Tag aber besser.

Ich war >noch< nicht betrunken. Auch hatte ich schon mehr erfahren. Aber ich wollte noch mehr herausfinden! Mit diesem Entschluss drehte ich mich um hundertachzig Grad und begann den Rückweg.

Zuerst wollte ich herausbekommen, ob Karl wirklich schwul war. Jo meinte es ja, und so, wie er mich immer ansah glaubte ich das auch. Und wenn es wirklich so ist, dann musste ich auch wissen, ob er etwas von mir will.

Ich wusste zwar nicht, was mir das nützte, aber ich wollte es einfach wissen. Dann wollte ich noch mehr über Katrin erfahren. Ob sie sich auf ein Spiel mit mir einlassen würde? Vielleicht endlich mal wieder eine Bettgeschichte erleben?

Zeit hatte ich ja genug. Und so, wie sie mich ansah, schien sie auch nicht abgeneigt zu sein. Oder täuschte ich mich? Hatte mich meine geringe Menschenkenntnis auf einen Irrweg geführt?

Ich erreichte das Gasthaus und machte mich gleich auf den Weg in mein Zimmer. Kalt lief es mir den Rücken hinunter! Ich hatte meinen Laptop im Gastraum stehen lassen! Mist, wie konnte das nur passieren.

Gut, Geheiminformationen waren da nicht drauf, aber die ganzen Links, die ich im Laufe der Jahre gesammelt hatte waren wichtig für mich, für meine Recherchen. Fast schon, rannte ich nach unten zum Gastraum.

Der hatte sich weiter gefüllt und es herrschte eine angeregte Unterhaltung. Scheinbar genossen es die Anwohner, dass sie endlich wieder von der Außenwelt abgeschlossen waren. Wie konnte man nur so blöd sein, ging es mir durch den Kopf.

Ich ging zum Tresen, hinter dem nur Katrin stand.

„Ich hab mein Laptop vergessen, hast du ihn gesehen?“

Sie schenkte mir ein Lächeln, das mich in meiner Vermutung verstärkte, mit ihr anbändeln zu können.

„Moment, ich hole ihn“, sagte sie zuckersüß und verschwand durch die Tür nach hinten.

Kurze Zeit später kam sie mit meinem besten Stück wieder und übergab ihn mir freudestrahlend. „Danke, ich bin dir etwas schuldig. Ich mache es heute Abend wieder gut“, und griff ihn mir.

Zurück im Zimmer klappte ich den Deckel auf und mir fiel ein Zettel entgegen. Was war das denn? Ich ließ nie Zettel im Laptop. Ich öffnete ihn und begann zu lesen.

Lieber Ben,

Ich freue mich dich heute getroffen zu haben. Auch bin ich der Lawine dankbar, die dich nun noch mindestens eine Woche bei mir hält. Schon, als ich das erste Mal in deine Augen geschaut habe, war es um mich geschehen. Und ich glaube, dass du mich auch magst. Ich fühle es jedenfalls. Ich hoffe, dass es so ist und wir zwei uns besser kennenlernen werden. Gruß K.

Ich setzte mich auf mein Bett und ließ die Hand sinken, mit der ich den Zettel hielt. Ich war hin und hergerissen. Nicht nur, dass ich solche Liebeserklärung noch nie bekommen hatte, auch die direkte Art war mir fremd.

Konnte man sich auf den ersten Blick in einem unbekannten verlieben? Und ihm das dann auch gleich mitteilen, in dieser Art? Und vor allem, wer war K.? Sollte es Katrin sein. Nein, oder doch. Deshalb das zuckersüße Grinsen?

Oder etwa Karl? Dann hatte ich ein Problem. Schließlich hatte nicht nur er mich den ganzen Tag lang angeschaut, ich ihn auch! Aber wie sollte ich es ihm begreiflich machen, dass ich nicht auf Männer stand?

Mein Benehmen musste ihm doch schließlich signalisiert haben, das es nicht so wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen es herauszufinden. Ich suchte im Schrank neue Sachen raus und machte mich fertig.

Der Abend rückte näher, außerdem bekam ich schon wieder Durst. Ich ging in die Gaststube, in der nicht mehr so viel Betrieb war. Ich nahm wieder meinen Platz am Tresen ein und Katrin erschien, mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Darf ich dir was zu trinken anbieten?“, wie sie mich ansah!

Sie musste den Zettel geschrieben haben!

„Ja, ein Bier“, sagte ich knapp.

Sie zapfte es und stellte es vor mir ab.

„Wohl bekomm´s“, grinste sie mich an.

„Danke.“, entgegnete ich knapp, lächelte sie aber an und hob das Glas.

Das tat gut. Unsere Augen trafen sich, sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, verstummte aber sofort wieder.

„Was studierst du eigentlich, wenn ich fragen darf?“

Ich hatte ihr, in meinem gestern, die Frage schon gestellt, aber keine Antwort bekommen, da Karl gekommen war.

„Ich studiere Kunst“, antwortete sie mir etwas verunsichert und schaute mich fragend an.

„Aha, Kunst. Macht es Spaß?“

„Oh, sehr, es war schon immer ein Traum von mir. Ich male gern und interessiere mich auch für andere Sachen, die mit Kunst zu tun haben.“

Sie erzählte, was sie noch alles für Sachen machte und ich sah ihr einfach zu, bekam eigentlich gar nicht mit, was sie genau erzählte. Hin und wieder nickte ich ihr aufmunternd zu, aber in meinen Gedanken verglich ich sie immer mit Karl.

Ich griff zum Glas, um diesen Gedanken runterzuspülen. Da tat sich die Tür hinter ihr auf und Karl kam herein. Meine Hand begann zu zittern als ich das Glas abstellte. Ich stehe nicht auf Männer!

Also was war mit mir los? Wieso brachte der mich so durcheinander, schlich sich immer und immer in meine Gedanken? Das musste ein Ende haben! Ich musste etwas mit Katrin anfangen, schon um es mir selbst zu beweisen.

Er hatte mich mit einem Blick bedacht, den ich nicht recht deuten konnte. War es fragend, wissend oder einfach nur forschend? Ich wich ihm aus und unterhielt mich mit Katrin weiter. Wir lachten und scherzten, Karl stand abseits und aus dem Augenwinkel stellte ich fest, dass er mich beobachtete.

Schon fast zwanghaft sah ich Katrin an. Nur um nicht in die Versuchung zu kommen, Karl in die Augen schauen zu müssen. Jo kam und rettete mich aus dieser Situation.

„Wollen wir uns an den Tisch setzen, oder hier bleiben?“, und er deutete mit der Hand zu dem Tisch, an dem wir auch zu Mittag saßen.

„Lass uns an den Tisch gehen“, schnappte mir das Bier und folgte ihm.

Froh, von den beiden wegzukommen. Ich konnte noch nicht einmal sagen, ob es Katrin unhöflich gegenüber war, das Gespräch einfach so zu unterbrechen. Ich hatte doch fast nichts mitbekommen vom Inhalt.

Ich unterhielt mich mit Jo  über dies und das, war aber immer noch nicht bei der Sache. Es waren aber nur Belanglosigkeiten, zu mehr war mir auch nicht der Sinn. Ich ertappte mich wieder, dass ich Karl ansah.

Auch sein Blick ging wieder zu mir. Katrin sah mich auch an. In was war ich hier nur reingeraten? Nach einem üppigen Abendbrot und noch zwei Bieren verließen wir den Gastraum. Vorher hatten wir noch ausgemacht, dass wir uns um neun Uhr zum Frühstück treffen wollten.

Ich verschwand in mein Zimmer, zog mich aus und nahm noch eine Dusche. Nur mit dem Handtuch um die Lenden ging ich aus dem Bad, als ich ein leises Klopfen an der Tür hörte. Ich öffnete einen Spalt und sah Katrin davor stehen.

„Darf ich reinkommen?“, flüsterte sie leise.

Was sollte ich nun machen? Ich zog die Tür weiter auf und ließ sie herein. Im Zimmer drehte sie sich um und musterte mich in meiner spärlichen Bekleidung. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Wie sollte ich mich verhalten? War der Zettel doch von ihr? Sollte ich etwas mit ihr anfangen? Schließlich hatte ich es mir vorgenommen, das Ziel schien nah.

„Ich wollte dir noch gute Nacht sagen“, sie musterte mich immer noch.

Schnell machte sie einen Schritt auf mich zu, ich stand wie angewurzelt da, zu keiner Regung fähig. Dann stand sie ganz dicht vor mir. Sie umschlang mich mit ihren Armen und ihre Lippen suchten die meinen.

Es fühlte sich nicht schlecht an. Plötzlich merkte ich, wie sie sich an meinem Handtuch zu schaffen machte. Der Knoten war nicht fest, ich bemerkte, wie er sich weiter lockerte und es auf den Boden fiel.

Wir waren immer noch am Küssen, aber nun stand nackt vor ihr. Mir war es peinlich, vor allem als ich ihre Hand bemerkte, die langsam mein Schenkel nach oben fuhr. Als sie meinen kleinen erreichte, war es angenehm, ich ließ es mir gefallen.

Langsam, immer noch küssend, führte ich sie zu meinem Bett.

Wir ließen uns darauf fallen und ihre Hand strich immer weiter um meinen Schwanz. Der blieb von diesen Berührungen natürlich nicht unbeeindruckt und schon hatte er seine volle Größe erreicht.

Katrin wurde immer heißer, ihr Atem war nur noch ein keuchen, als sie mich masturbierte. Ich ließ es mir gefallen, hatte ich doch schon Tagelang keinen Abgang mehr gehabt. Und es dauerte nicht lang, und ich schoss meine Ladung über ihre Hand und meine Brust.

Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet, ließ schlagartig von mir ab und betrachtete mich aus einiger Entfernung.

„Oh, so schnell?“, hörte ich da etwa einen spöttischen Unterton heraus.

Es wurde mir immer peinlicher, nackt und mit verschmierter Brust vor ihr zu liegen. Ich stand schnell auf und griff mir das auf dem Boden liegende Handtuch.

„Ich glaub, es ist besser wenn du gehst“, mehr konnte ich nicht sagen.

Sie sah mich groß an, drehte sich einfach um und verließ das Zimmer. Ich ging ins Bad und stellte mich wieder unter die Dusche. Ich wollte alles abspülen, auch den Gedanken, dass ich benutzt wurde.

Ich könnte ihr nicht mehr in die Augen sehen. Es  hatte nichts, aber auch gar nichts mit Liebe oder Gefühlen zu tun! So hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ich machte mich wieder fertig und ging zur Minibar.

Deren Inhalt stimmte mich wieder etwas glücklicher. Aber ein Gefühl in mir wurde ich nicht los: Ich sehnte mich nach menschlichen Kontakten, nach Liebe und Geborgenheit. Das wurde mir nun zum ersten Mal klar. Aber wo fand ich das? Bei Katrin sicher nicht.

Wäre es anders gelaufen, wenn ich nicht so schnell gekommen wäre? Hätten wir dann richtig miteinander geschlafen. Würde ich mich dann nicht so benutzt fühlen? Hätte ich sie wirklich lieben können? Die Fragen überschlugen sich in meinem Gehirn, selbst der Alkohol vermochte keine Besserung zu bringen. Bis auf die Tatsache, dass ich irgendwann sturzbetrunken einschlief.

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