Murmeltier – Teil 4

Ich wurde durch ein Geräusch wach, öffnete meine Augen und sah etwas blitzen. Wird sicher eine Spiegelung gewesen sein. Aber dieses Blenden lies mich erst einige Male blinzeln, bevor ich wieder etwas sah.

Scheiße dachte ich! Das kann doch nicht wahr sein! Schon wieder! Wann hört das endlich auf? Ich wollte nicht mehr, konnte nicht mehr! Ich konnte den Ablauf schon herbeten. Es muss doch einen Weg geben, diesem Dilemma zu entkommen?

Was hab ich nur verbrochen? Ich verstand die Welt nicht mehr! Jo redete die ganze Zeit auf mich ein, aber ich nahm gar nicht wahr, was er von mir wollte. Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht geschrien, dass ich nun schon zum x-ten Male die Lawine erlebt hatte, ließ es aber.

Er würde mich nicht verstehen. Eher würde er mich für verrückt halten. Also schwieg ich, was Jo scheinbar für ein Schock hielt. Vor der Feuerwache hielt er und ging hinein. Ich blieb im Auto sitzen, wollte keinen und nichts sehen.

Kurze Zeit später wurde die Tür aufgerissen und ein schneidend kalter Wind fegte herein.

„Hallo, ich bin Hanns, der Wachführer der Feuerwehr. Geht’s dir gut?“

Jo musste sich ja mächtig Sorgen um mich machen. Jedenfalls sah er so aus. Ich ließ mich am Arm greifen und wurde aus dem Auto gezogen. Er führte mich in die Wache und setzte mich auf einen Stuhl.

„Trink erst mal was“, und reichte mir ein Wasserglas.

Sah ich wirklich so mitleiderregend aus? Ich nahm das Glas und trank einige Schlucke. Jo und Hanns wandten sich von mir ab und unterhielten sich. Den Blicken, den sie mir ab und zu zuwarfen, konnte ich entnehmen, dass es um mich ging.

Aber mir war alles egal. Ich wollte einfach nicht mehr. Würde es etwas helfen, wenn ich mich von einer Schneelawine überrollen lasse? Vielleicht wäre das ja ein Weg.

„Ben, wir fahren jetzt in die Pension und dann legst du dich erst mal hin. Einen Arzt können wir nicht rufen, im Ort ist keiner und mit dem Auto kommt keiner rein. Wir sind durch die Lawine abgeschnitten“, Jo sah mich fragend an, ob ich alles verstanden hätte.

Ich nickte nur, immer noch kam kein Wort über meine Lippen. Jo nahm meinen Arm, zog mich vom Stuhl hoch und brachte mich zum Auto. Hanns hatte die Tür schon geöffnet und so konnte ich mich schnell hinsetzen.

Die Tür war endlich wieder zu. Den kalten Wind hatte ich die Tage, meine Tage, zuvor nicht mitbekommen. Aber ich fror. Und das nicht wenig. Ich zitterte am ganzen Körper vor Kälte. Jo dachte sicher, ich hätte es mit den Nerven, zu viel mitgemacht und so.

Aber dem war nicht so, wollte es aber auch nicht aufklären. Ich genoss es, dass man sich um mich kümmert, dass man mir Beachtung schenkte. Zu oft wurde ich in der letzten Zeit ausgenutzt.

Nun wollte ich es ausnutzen! Ob Jo der richtige war, konnte ich nicht sagen. Eigentlich war er immer fair, offen und ehrlich zu mir. Ich sollte versuchen, mir ein anderes Opfer zu suchen. Wie wäre es denn mit Katrin, schoss mir durch den Kopf.

Gut zu machen hätte sie ja noch etwas, aber wie sollte ich es anstellen? Wie konnte ich es so lenken, dass sie mir Beachtung schenkte? Aber wollte ich das wirklich – von ihr? Und Karl? Nein, er war so eine ehrliche Haut, dem wollte ich es nicht antun.

Und an Kai heran zukommen hatte ich keine Chance mehr. Also, hieß es abwarten, was passiert. Wir kamen vor der Pension zum stehen. Jo stieg aus und kam um das Auto herum, um mir die Tür zu öffnen.

Ich ließ mich wieder von ihm führen. Wir betraten die Lobby und Jo setzte mich auf einen Stuhl. Ich beobachtete Jo, wie er mit Rosi Aller sprach. Er zeigte mehrmals auf mich und ihr Gesicht drückte Entsetzen aus.

Dann kam plötzlich Karl rein. Er sah zuerst nur Jo, grüßte ihn und wechselte einige Worte mit ihm und seiner Mutter. Plötzlich sah er in meine Richtung. Unsere Augen trafen sich, am liebsten wäre ich aufgesprungen und zu ihm gegangen, aber ich saß wie festgenagelt auf meinem Stuhl.

Er fixierte mich mit seinen Augen, die mich mitleidig, traurig und gütig zugleich ansahen. Man, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Er schien sich echt Sorgen um mich zu machen, obwohl er mich nicht kennt.

Aber das wollte ich nicht. Sollte ich nun aus meiner Deckung hervorkommen, alles aufklären? Nein, ich wollte nicht, aber ich konnte ihn da nicht mit reinziehen! Aber wie sollte ich es anstellen? Mein Kopf glühte, aber einen klaren Gedanken fassen konnte ich nicht!

Jo kam auf mich zu.

„Komm Ben, wir gehen auf dein Zimmer und dann schläfst du erst mal“, und griff mich am Arm.

Ich stand auf und folgte ihm. Wir gingen nach oben und Karl folgte uns mit unserem Gepäck. Jo öffnete die Tür und führte mich weiter zu meinem Bett. Ich setzte mich auf die Kante und sah Karl zu, wie er meinen Koffer ins Zimmer brachte.

Er sah mich mit einem solch traurigen Blick an, dass ich schon Gewissensbisse bekam. Aber ich wollte jetzt selbst leiden, wollte, dass sich andere um mich kümmerten.

„Komm, leg dich hin“, sagte Jo und ich fiel nach hinten.

Dann bemerkte ich, wie er sich an meinen Schuhen zu schaffen machte. Nachdem er sie mir ausgezogen hatte, deckte er mich mit einer Decke zu und wendete sich an Karl.

„Am besten ist, wenn er erst mal ein bisschen schläft. Ich sehe nachher noch mal nach ihm“, und verließ mit Karl das Zimmer.

Nun war ich wieder allein. Ich hatte zwar Aufmerksamkeit bekommen, aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nein, ich wollte keine Aufmerksamkeit, wollte nicht, dass mich irgendwelche Leute bemitleideten.

Ich wollte geliebt werden! War das so schwer? Aber wer sollte mich lieben? Selbst die Frage, welches Geschlecht mich lieben sollte konnte ich nicht beantworten. Von Frauen? Sicher, das wäre schön, mal von dem Fiasko mit Katrin abgesehen.

Und von Männern? In der letzten Zeit hatte ich das Gefühl, als ob mir das mehr geben würde, als ob es ehrlicher wäre. Aber nach dem Debakel mit Kai konnte ich auch daran nicht mehr glauben.

Wieso ist es so kompliziert? Ich befand mich zwischen Baum und Borke. Weder Hüh, noch Hott. Ich hatte es genossen, mit Kai intim zu sein, wenn auch nicht mit dem gewünschten Ende.

Aber mit Katrin war es nur „druckablassen“. Was würde sein, wenn mich doch Männer mehr reizten? Ich stand auf und griff mir meinen Koffer. Ein paar frische Sachen zog ich raus, da ich das auspacken für nicht sinnvoll hielt.

Unter der Dusche wurden meine Lebensgeister wieder geweckt. Auch mein kleiner meldete sich, und ich gönnte ihm eine Entspannung. Dabei sah ich vor meinem geistigen Auge den Schwanz von Kai. Stellte mir vor, wie er mich verwöhnte.

In frische Sachen gekleidet, überlegte ich, was ich anstellen konnte. Ich flößte mir, während meiner Überlegungen einige hochprozentige Alkoholika aus der Minibar ein. Schon recht angeheitert zog ich mir meine warme Jacke an und steckte noch einige kleine Taschenwärmer ein.

So ausgerüstet verließ ich mein Zimmer, das Apartmenthaus und lief einfach die Straße entlang. Da kam auch schon das Haus von Kai in Sicht. Ich wollte nichts mehr von ihm, deshalb ließ ich es links liegen und setzte meinen Weg fort.

Mitten auf der Straße lief ich weiter. Es war eh niemand mit dem Auto unterwegs. Ich kam den Ortsausgang schon nahe, dann spürte ich einen stechenden Schmerz, zuerst in meinen Beinen, dann am Rücken und zuletzt am Kopf.

Ich konnte nicht mehr wahrnehmen, dass mich ein Auto von hinten voll erfasst hatte. Es wurde dunkel um mich, passend zu meiner Stimmung! Irgendwann nahm ich aus der Ferne Stimmen wahr.

Also, lebte ich noch, nur was wurde da geredet? Ich konnte nichts wahrnehmen. Vorsichtig versuchte ich ein Auge zu öffnen, was mir wahnsinnige Schmerzen bereitete. Aber ich schaffte es.

Nur wozu die Anstrengung? Ich konnte mit dem gesehenen nichts anfangen. Ich war in einem Raum, der wohl ziemlich abgedunkelt war. Die Stimmen wurden leiser und ich spürte etwas an meiner Hand.

„Ben, das wird wieder, du musst durchhalten“, hörte ich die Stimme von Jo wie durch eine Mauer.

Ich war froh zu leben, aber lohnte es sich noch für mich, zu kämpfen? Ich konnte und wollte nicht denken, mein Kopf schmerzte und auch spürte ich jeden Knochen meines Körpers.

„Ich gebe dir mal eine Spritze, dass du schlafen kannst und die Schmerzen nachlassen“, hörte ich noch eine Stimme, die ich nicht zuordnen konnte.

Es war sicher ein Arzt, oder wer auch immer. Ich wollte nur schlafen. Nachdem ich einen kurzen Einstich spürte, wurde es dunkel um mich und ich fühlte mich das erste Mal richtig wohl.

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