Mann mit Hund sucht Freund – Teil 2

Gunnar

Ich sah Patrick und Lukas im Garten stehen. Die beiden gaben wirklich ein süßes Paar ab. Und wie mein Sohn mir versprochen hatte, war ich nun ja auch nicht mehr alleine. Dass er es gleich selbst in die Hand nahm und mich mit Frank verkuppelte, dass hätte ich ihm allerdings nicht zu getraut.

Doch ich konnte meinem Sohn nicht böse sein. Er hatte mir einen Traummann beschert. Ich dachte an unseren ersten Kuss und musste schmunzeln. Es war an dem Mittag, als Patrick die grandiose Idee hatte, Elfriedes Grundstück zu kultivieren, sprich diese Mannshohe Hecke vor dem Laden zu entfernen.

Als Frank und ich die erste Fuhre Buschabfälle wegbrachten und dann auch noch diesen Minibagger zu holen, hatte wohl Frank seinen ganzen Mut zusammen gefasst.

*-*-*

„Du… Gunnar, kann sein, dass ich jetzt zu weit gehe…, aber nachdem dein Sohn so gesprächig war und…“

„Was hat mein lieber Sohn denn wieder erzählt?“

„Dass du… auch in unserer Liga spielst?“

„Wo spiele?“

Ich saß total auf dem Schlauch, was meinte er damit.“

„Dass du so… bist wie ich.“

Oha. Ich spürte sofort, wie sämtliche Blutgefäße ihren Inhalt in mein Gesicht drückten. Ein schüchterner Blick zu Frank zeigte mir, dass er lächelte.

„Tut mir Leid, wenn ich dich jetzt so direkt angesprochen habe, … ähm, dass ist normalerweise nicht so meine Art.“

Am liebsten hätte ich mich jetzt ins Handschuhfach verzogen, aber dass ging wohl nicht.

„Muss dir nicht Leid tun, ich kann nur nicht so offen wie mein Herr Sohn damit umgehen.“

„Das macht doch nichts, wir sind doch unter uns.“

Souverän lenkte Frank den Lkw über die Kreuzungen und ordnete sich dann in den Abbiegerverkehr ein. Ich musste nun ebenfalls grinsen, weil die Situation total verrückt war. Wir wussten beide, wir waren schwul und doch hatte zumindest einer von uns ein Benehmen wie ein schüchterner Teenager.

„Du gefällst mir!“, sprach Frank plötzlich weiter.

Ich schaute zu ihm, während er sich auf die Straße konzentrierte. Sein Dreitagebart gab ihm etwas Verruchtes, aber seine braunen Augen sagten mir etwas anderes. Sie strahlten, sie erzählten mir, dass er ein sehr humorvoller Mensch zu sein schien.

Seine braunen Haare hingen wirr ins Gesicht.

„Danke“, meinte ich leise.

An der Deponie angekommen, bog er in die Einfahrt. Am Häuschen gab er Bescheid, dass wir Gartenabfälle hatten und konnten weiter fahren. Wenig später stiegen wir beide aus und begannen, die Abfälle in die vorbestimmte Mulde zu werfen.

Beim Zugreifen, berührten sich durch Zufall unsere Hände. Kurz hielten wir inne und lächelten uns an.

„Öhm… Patrick wartet sicher schon…“, meinte ich verlegen.

„Du… wir sind nicht die Sklaven deines Sohnes!“, grinste mir Frank entgegen, „aber du hast Recht, den Bagger müssen wir ja auch noch holen.“

Ich nickte. Schnell war die Ladefläche leer und wir hatten die Deponie wieder verlassen.

„Du wohnst also noch zu Hause?“, fragte ich.

„Wieder…, nach der letzten Enttäuschung bin ich wieder zu meinen Eltern gezogen, die haben eine kleine externe Wohnung am Haus.“

„Enttäuschung?“

Frank atmete tief durch.

„Entschuldige, es geht mich nichts an, vergiss die Frage einfach.“

„Nein, so war das nicht gemeint und hör auf dich ständig zu entschuldigen. Kurz und knapp…, ich habe meinen Ex mit einem anderen in unserem Schlafzimmer erwischt… und bin danach einfach ausgezogen. Die Wohnung gehörte ihm sowieso.“

„Heftig.“

„Stimmt. Aber mir ist es lieber so. Es hat eh schon eine Weile gekriselt.“

„Warum?“, fragte ich einfach.

Frank starrte auf die Straße.

„Ich habe bestimmte Vorstellungen bei einer Partnerschaft und auch Prinzipien. Mag sein, dass ich dadurch altertümlich erscheine, aber dass ist mir egal.“

„Und die wären?“

„Was?“

„Die Vorstellungen oder Prinzipien.“

Frank atmete tief aus und blies die Luft scharf aus.

„Dass ist so vieles…“

„Hast du dann nicht Angst, du könntest immer alleine bleiben, weil du niemanden findest, der deinen Vorstellungen entspricht?“

„Doch schon…“

„… aber?“

„Die Angst ist natürlich da…, aber… ich glaube… ich habe da jemand gefunden…“

„Ja?“

Er drehte seinen Kopf zu mir und lächelte mich breit an. Der Wagen ruckelte etwas und hinter uns hupte es. Frank war nur etwas auf der Straße abgekommen und korrigierte sofort per Lenkrad. Er fing laut an zu lachen.

„Man, ich fühl mich gerade wie ein Teenager…“, meinte er, ohne mich wieder anzusehen.

Dann waren wir schon zwei. Nach der nächsten Kreuzung hielt er in einer Parkbucht an, ließ aber den Motor laufen.

„…, was ich meinte…, boah ist das schwer… ich… du bist mir schon in der Werkstatt aufgefallen und… und ich habe gesehen, wie du mit deinem Sohn umgehst.“

Er schaute wieder auf sein Lenkrad.

„… ich habe mich… etwas in dich verknallt…, glaub ich.“

Etwas geschockt sah ich ihn an.

„… so schnell?“, war alles, was ich heraus brachte.

Er nickte.

„Aber…, aber du kennst mich doch gar nicht… ich… ich…“

Jetzt stotterte ich schon genauso. Er sah mich lächelnd an und ich atmete tief durch. Langsam beugte er sich zu mir herüber, zog mich mit Hilfe seiner Hand an meinem Nacken zu sich und wenige Sekunden später bekam ich einen Kuss.

Es war nicht einfach nur ein Kuss, sondern ich spürte, was Frank für mich empfand. Seine Lippen trennten sich von meinen und ich verharrte noch etwas mit geschlossenen Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich in das strahlende Gesicht von Frank.

„Meinst du… ich meine… ähm… wir könnten das vertiefen?“, fragte er leise.

Ohne nachzudenken, nickte ich einfach. Konnte man ein Lächeln oder Strahlen steigern? Bei Frank schien dass zu gelingen. Er schaute in seinen Rückspiegel, setzte den Blinker und zog wieder auf die Straße.

*-*-*

Meine Zunge fuhr über meine Lippen und es war so, als würde ich diesen ersten Kuss immer noch spüren. Mein Blick fiel wieder auf die Jungs unten im Garten. Ich öffnete mein Fenster.

„Jungs, soll ich euch in die Schule bringen?“, rief ich hinunter.

„Nein wir nehmen den Bus, Paps, danke.“

„Okay, bis heut Abend dann.“

Patrick nickte, winkte und die beiden liefen los.

*-*-*

Patrick

Nervös lief Lukas neben mir her. Heute war sein erster Schultag. Nachdem er sich in der Therapiegruppe so gut eingelebt hatte und sich sein Zustand gebessert hatte, war Doktor Schwenk zum Entschluss gekommen, dass Lukas auch wieder in die Schule gehen konnte, damit sich sein Leben wieder normalisiert.

„Alles klar?“, fragte ich.

„Nein…“, kam es von Lukas, „ich habe Angst.“

„Du brauchst keine Angst haben, ich bin bei dir und lasse dich auf keinen Fall alleine!“

„Danke…, aber beruhigen tut mich das nicht wirklich.“

Ich vermied einen Seufzer. Das ganze Wochenende lief das nun schon so. Obwohl ich ihm mehrfach versicherte, dass in der Schule nichts bekannt geworden war, hatte Lukas Angst, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Eine Aufgabe, die Doktor Schwenk verlangte, damit sich wieder Normalität in Lukas Leben einstellte. Auch gab es da noch der Prozess gegen seinen Vater, der anstand. Alles Dinge vor denen Lukas unheimlich Angst hatte.

Seine Mutter war immer noch nicht gefunden worden, von daher hing Lukas in der Luft. Einzig meine Gegenwart und die liebe Hilfe von Frau Kollo, Elfriede und meines Vaters war es zu verdanken, dass Lukas solche Fortschritte machte.

Der Pausenhof kam in Sicht.

„He Lukas, wieder gesund?“, hörte ich Chris Stimme hinter uns, „ähm… Patrick du?

Blitzartig und etwas erschrocken drehten wir uns um und Chris blieb stehen. Sein Blick wanderte zwischen uns hin und her. Auch wenn Chris mich in meiner neuen Bleibe nun öfter besuchte, hatte er nicht mitbekommen, was am laufen war.

„Nanu… ihr beide zusammen…, habe ich etwas verpasst?“

Die Frage war nicht gut, denn sie hörte sich so an, als würde sie sich auf unser Beisammensein beziehen, von der Chris aber nichts wissen konnte.

„Wir haben uns ausgesprochen und uns wieder vertragen“, meinte ich schnell.

Lukas schaute mich unsicher an. Ich konnte mir denken, was in seinem Kopf los war.

„Das wundert mich jetzt aber, denn das was Lukas abgezogen…“

„… ist vergeben und vergessen, Chris. Schwamm drüber, okay?“

Sein Blick wanderte unsicher zu Lukas, der bis jetzt noch keinen Ton von sich gegeben hatte. Dieser atmete tief durch und sah mich kurz fragend an. Ich lächelte Lukas kurz an.

„Du Chris…, kann ich dir noch kurz etwas erzählen, bevor wir hineingehen?“, fragte Lukas.

Das wunderte mich jetzt aber. Gleich mit der Tür ins Haus fallen?

„Ja, klar. Um was geht es?“

Lukas schaute auf den Boden.

„Ich habe dich angelogen und dafür… will ich mich entschuldigen.“

„Wie… angelogen?“

Chris schaute mich fragend an und ich zuckte mit den Schultern.

„Es fällt mir schwer dass zu erzählen…“

„Was denn?“

„Mein… meine Eltern haben sich getrennt… und bin von der Bonndorfer Wiese in die Niederreuter Siedlung umgezogen…“

Chris schaute ihn an.

„Ich… ich versteh dich jetzt nicht, was ist daran gelogen, ich habe das nicht gewusst.“

Ich merkte wie Lukas mit sich kämpfte.

„Ich habe euch… vorgespielt, dass ich viel Geld habe…, meine Familie reich ist…“

„Ja und? Das ist doch kein Drama… jedenfalls für mich nicht. Na ja, dann spendierst du mir wohl keinen Milchshake mehr…“

Chris versuchte einen kleinen Spaß zu machen, um die Stimmung zu heben, was aber deutlich in die Hose ging. Lukas schaute traurig. Mir war es jetzt egal, was Chris dachte und nahm Lukas in den Arm.

„Ich sagte dir, dass schaffen wir, okay?“, fragte ich Lukas, der mir zunickte.

„Kann es sein, dass ich bei dieser Aussprache deutlich mehr beredet wurde?“, fragte Chris.

Ich konnte nicht anders und musste lächeln, Lukas dagegen wurde tief rot.

„Kann sein Chris, aber ich denke, Lukas hat schon genug offenbart… oder Lukas?“

Lukas sah mich flehend an. Sollte ich Chris auch gleich auf die Nase binden, dass Lukas schwul war und wir ein Paar waren? Doch bevor ich diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, suchte Lukas meine Hand und umklammerte sie fest.

„Ähm… Chris… der Patrick und ich sind zusammen… und ich bin schwul.“

Wow, ich hätte jetzt nicht gedacht, dass Lukas so weit gehen würde. Aber statt eines verwunderten Chris zu sehen, fing dieser laut an zu lachen. Verwirrt schaute ich ihn an.

„Ich habe es gleich gewusst!“, sagte Chris plötzlich, als er sich von seinem Lachanfall erholt hatte, „dass der Kuss von Lukas nicht gespielt war.“

„Bitte?“, entfleuchte es mir, aber bevor ich noch etwas sagen konnte, erinnerte uns der Schulgong, dass wir ja in die Schule mussten.

*-*-*

Der alte Schlüter war im Vorfeld über Lukas’ Situation informiert worden und hatte ihn vor dem Unterricht zur Seite genommen. Wir dagegen saßen im Klassenzimmer. Chris stand bei mir und grinste.

„Halt bloß deinen Mund“, sagte ich leise, „Lukas macht schon genug mit… du kennst nicht die ganze Geschichte.“

„Keine Angst, ich werde schon nichts sagen.“

Die Tür ging auf und unser Klassenlehrer Schlüter kam mit Lukas herein und ein lautes Begrüßungsgröhlen ging durch die Klasse. Dass dies Lukas peinlich war, merkte ich sofort. Hilfesuchend schaute er in meine Richtung. Ich rempelte Chris an.

„Hast du etwas dagegen, wenn Lukas zu mir sitzt?“, fragte ich.

„Nein“, meinte er immer noch grinsend.

Er stand auf, schnappte sich seine Sachen und setzte sich einfach auf Lukas Platz. Das schien Eindruck in der Klasse zu hinterlassen, denn plötzlich wurde es ruhig. Als dann Lukas dann noch zu mir lief, verstummte jeder in Klasse.

Nur das leise Kichern von Chris war zu hören. Lukas schien geweint zu haben, denn seine Augen waren rot. Fragend schaute ich ihn an, aber er schüttelte leicht lächelnd den Kopf, während er sich setzte.

„So alles wegpacken“, meinte Schlüter.

Er griff nach einem Packen Papier und ging zu den vorderen Tischen. Er ließ an jeder Reihe Papiere durchgeben.

„Aus gegebenem Anlass lass ich heute die ersten zwei Stunden sausen und wir reden über ein wichtiges Thema.“

Mittlerweile hatten uns die Arbeitsblätter auch erreicht. In großen Buchstaben prangte „Selbstmord“ als Überschrift auf dem ersten Blatt. Ich sah zu Lukas hinüber, der kurz durchatmete.

„Selbstmord?“, fragte Katja.

„Ja Selbstmord!“, antwortete Schlüter.

Entsetzt sah mich Chris an und schaute dann zu Lukas. Ich nickte unscheinbar. Aber Herr Schlüter lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Bekannt erfasst versuchen in Deutschland im Jahr etwa 9000 Jugendliche sich das Leben zu nehmen, aus welchen Gründen auch immer.“

„So viele?“, rutschte Georg heraus.

„Leider sind viele Fälle nicht erfasst, weil bei vielen Toten die Ursache nicht genau definiert werden kann…, eine Frage vorneweg… hat jemand von euch im Bekanntenkreis jemanden durch Selbstmord verloren, oder ist ein Selbstmordversuch bekannt?“

Lukas schaute mich an und ich nickte ihm zu. Zögerlich strecken wir beide die Finger. Aber nicht nur wir, sondern auch Tanja hob den Finger. Ihr Blick war traurig. Erstaunt wurden in der Klasse Blicke gewechselt.

„Darüber reden wir später. Ich möchte mit euch einfach über dieses Thema reden, euch feinfühliger werden lassen, denn viele Gründe haben ihren Ursprung auch in der Schule.“

„Sie sagten aus gegebenem Anlass, Herr Schlüter… ähm hat sich jemand von unserer Schule umgebracht?“, wollte Katja wissen.

„Nein, Katja, aber es versucht.“

Ein entsetztes Raunen ging durch die Klasse.

„Ich weiß, für euch ist das ein schwieriges Thema, also nicht nur für euch, sondern generell. Auch ich musste mich erst mal fast zwei Wochen auf dieses Thema vorbereiten, weil ich einfach zu wenig wusste.“

Das war genau der Zeitpunkt, als er von Doktor Schwenk in die Sache eingeweiht worden war. Ich bewunderte ihn dafür, dass er sich die Sache so zu Herzen nahm, obwohl ich bisher keine so hohe Meinung von ihm hatte.

„Mein Bruder… hat sich das Leben genommen“, sagte Tanja plötzlich.

Das hatte ich nicht gewusst. Damals wurde nur gesagt, sie hatte ihren Bruder durch einen Unfall verloren.

„Du hast aber immer gesagt, er sei durch einen Unfall gestorben…“, sagte Katja.

„Ich weiß…, ich wollte nicht darüber reden.“

„Warum?“

Diese Frage wollte wohl jeder wissen. Tanja wurde rot und sank in sich zusammen. Sie atmete tief durch.

„Tanja, du musst nichts sagen, wenn du nicht willst, vor allem nicht vor der ganzen Klasse“, mischte sich Schlüter ein.

Sie hob die Hand.

„Nein… ich wollte ja darüber reden…, es fällt mir nur schwer.“

„So wie mir…“, nuschelte Lukas neben mir, fast unhörbar.

„Wieso dir?“, kam es vorwurfsvoll von Katja, „du hast doch alles. Eltern… reiche Eltern, dir geht es doch gut!“

Ich schaute mich um, alle schauten auf Lukas. So nahm ich kurz seine Hand und drückte sie. Als ich wieder loslassen wollte, hielt er sie fest und stand auf.

„Es ist… schwer darüber zu reden, ich versteh dich Tanja“, begann Lukas zu reden.

„Du?“, fragte Tanja, „bisher hast du nie den Anschein erweckt, besonders feinfühlig zu sein!“

Tanjas blick fiel auf meine Hand, die immer noch in Lukas’ Hand ruhte. Zu diesem Vorwurf wollte ich etwas sagen, aber Lukas ließ los und wandte sich kurz zu mir.

„Lass es Patrick, da muss ich jetzt selber durch…“

„Wenn du meinst…“, sagte ich leise.

„Lukas, wenn du gerne nach vorne kommen möchtest“, kam es von Schlüter.

„Nein… ich würde gerne bei Patrick bleiben…, wenn es Recht ist…“

„Kein Problem…“

Schlüter umrundete sein Lehrerpult und setzte sich hin. Lukas dagegen ließ sich auf den Tisch nieder. Ich spürte Chris’ Blicke auf mir und schaute kurz zu ihm hin. Sein Gesicht war weiß, denn er hatte wohl einiges begriffen.

Alle Augen waren auf Lukas gerichtet, der mich unsicher anschaute.

„Soll ich dir nicht doch helfen?“

Er atmete tief durch und nickte leicht lächelnd. So setzte ich mich neben Lukas und ergriff das Wort.

„Seit der Party bei Chris damals, schneiden mich einige von euch. Warum weiß ich nicht, es war schon vorher bekannt, dass ich schwul bin“, begann ich zu erzählen.

„Du bist schwul?“, kam es von Schlüter, „das hat mir keiner erzählt.“

Das wunderte mich jetzt aber, dass er das nach dem Gespräch mit Doktor Schwenk nicht wusste.

„Ja bin ich… und diese Party war für vieles ein Anfang… oder auch ein Ende.“

„Jetzt stell dich nicht so an…, das war doch nur ein Kuss“, meinte Georg, der damals ebenso seine Wettschulden bezahlt hatte.

„War es nicht…“, meinte Lukas neben mir.

„Ich fand die Idee lustig, das gebe ich zu, aber dass ich so eine Scheiße damit anrichte, war mir nicht bewusst.“

„Könnte mich mal jemand aufklären?“, kam es von Schlüter.

Ein Kichern ging durch die Klasse, verstummte aber schnell wieder.

„Das war nur eine dumme Wette, dass Lukas unseren Klassenschwuli zum Küssen bewegen könnte…“, kam es von Georg.

„Eine blöde Wette. Egal ob Patrick nun schwul oder nicht ist, ward ihr euch nicht bewusst, das ihr mit Gefühlen von anderen Menschen spielt?“

Die Herren, die an der Wette beteiligt waren, schüttelten betroffen den Kopf. Das Wort Klassenschwuli war ein anderes Thema, aber traf mich nicht so hart.

„Hat es aber…“, sagte ich leise und die Köpfe flogen wieder herum.

„Und warum hast du nichts gesagt und bist einfach von der Party verschwunden?“, kam es von Tanja.

„Du bist gut. Nach der Grölerei soll ich auch noch meine Gefühle auf den Tisch legen… nein danke! Und nachdem mich hier einige gemieden haben…“

Ich brach ab, denn Lukas war das Thema, nicht ich.

„Ich habe das auch nicht gewusst und nicht darüber nach gedacht“, sagte plötzlich Lukas neben mir, der immer noch neben mir auf den Tisch saß.

„… erst als du gegangen warst.“

„Was hat das Ganze jetzt mit dem Thema Selbstmord zu tun?“, kam es erneut vorwurfsvoll von Katja.

Ich sah, wie plötzlich Tränen in Lukas’ Gesicht und merkte, dass er das nicht alleine bewältigen konnte.

„Kennt ihr Lukas wirklich?“, begann ich mit meiner Frage.

„Ihr kennt ihn als spendablen Klassenkamerad, der immer einen guten Witz auf den Lippen hatte. Aber hat sich mal jemand von euch bemüht ihn wirklich privat kennen zu lernen?“

„Du klingst vorwurfsvoll, Patrick“, kam es von Sybille.

„Ja, weil ich mittlerweile mehr weiß als alle hier.“

„Und was weißt du?“

Diese Frage kam von Chris. Ein kurzer Blick zu Lukas und sein Nicken gab mir die Sicherheit, so weiter zu machen.

„Dass Lukas’ Eltern sich getrennt haben, sein Vater das Haus verkaufen musste, weil er seinen Job verlor und Lukas arbeiten ging, damit er immer genug Geld für die Schule hatte.“

Ein Gemurmel ging durch die Klasse. Lukas starrte auf seine Hände und sagte kein Wort.

„Ja und? Er hätte ja etwas sagen können“, kam es abfällig von Robert aus der ersten Reihe.

„Und dann? Wärt ihr dann immer noch bei ihm gegessen, wenn kein Geld geflossen wäre?“

Ich bekam keine Antwort. Katja sah mich fragend an, sie verstand noch nicht, worauf ich hinaus wollte. Dazu wusste ich auch nicht genug.

„Hat… hat Lukas deswegen gefehlt… wollte er sich etwas antun?“, kam es stotternd von Chris.

Entsetzt schauten alle Richtung Lukas.

„Nein… das war nur ein Grund…“, kam es leise von Lukas.

Wieder herrschte eine totale Stille in der Klasse, selbst Schlüter mischte sich nicht ein.

„Ich… ich war bei Patrick… wollte mich entschuldigen… weil es mich nicht los lies. Aber da hat er mir gesagt…, was er empfunden hat…“

Chris schaute mich durchdringend an.

„Er war entsetzt… weil ich das wegen dem Geld gemacht habe…“

„Nur verständlich“, kam es von Katja.

Ich schaute sie vorwurfsvoll an, sie mich fragend.

„Ich wusste ich hatte einen Bockmist gebaut… zu Hause der Stress… der Druck in der Schule… ich hab dann keinen Ausweg mehr gesehen…“

„Scheiße… du hast…?“, begann Katja.

„Fräulein Westkamp, zügeln sie ihre Ausdrucksweise!“, kam es von Schlüter.

„Entschuldigung Herr Schlüter, aber bei diesem Thema…“

„Warum Druck in der Schule?“, fragte Sybille leise.

„Wenn man vorgibt, jemand zu sein und es nicht ist…“, sagte ich.

„Dazu hat ihn niemand gezwungen“, sagte Robert.

„Weißt du eigentlich, was du da von dir lässt?“, fragte ich sauer.

Robert drehte sich zu uns um. Die ganze Zeit hatte er Richtung Herr Schlüter geschaut.

„Was gehen mich eure Probleme an?“

„Komische Einstellung“, hörte ich Schlüter sagen.

„Wieso?“, fragte Robert energisch, „nur weil es mich nicht interessiert ob Patrick schwul ist oder Lukas einen Selbstmordversuch begannen hat? Man muss doch nicht überall seine Nase hinein hängen!“

„Dass ist wirklich deine Einstellung?“

„Ja.“

„Dann verlass bitte das Klassenzimmer…“

Geschockt sahen wir alle zu Schlüter.

„Wieso dass denn jetzt?“

Schlüter stand auf und lief zu Robert. Er stütze seine Hände auf dessen Tisch ab und beugte sich nach vorne, dicht vor Roberts Gesicht.

„Weil solche Menschen wie du schuld daran sind, dass vieles im Argen liegt! Was geht mich mein Nachbar an meine Mitmenschen an… jedem das Seine und mir das MEISTE, dass ist doch deine Ansicht?“

Schlüters Ton war etwas heftig geworden und Robert zurück gewichen.

„Für dich sind anscheinend nur Leute interessant, wenn du von ihnen profitieren kannst, sonst sind sie dir egal? Eine scheiß Einstellung ist das!“

„Jetzt haben es sie gesagt…“, rutschte es Katja heraus.

Ich musste unweigerlich grinsen, obwohl der Anlass nicht der Richtige war.

„Gibt es noch einen in der Klasse der die „noble“ Einstellung von Robert hier teilt?“, fragte Schlüter sauer.

Es meldete sich keiner. Natürlich nicht, obwohl ich sicher war, dass einige ebenso dachten.

„Wo ist eure Klassengemeinschaft? Euer Mitgefühl für eure Klassenkameraden? Meint ihr Katja hätte das wirklich mit ihrem Bruder verschwiegen, wenn damals als sie ihren Durchhänger hatte sich jemand mehr um sie gekümmert hätte. Mit ist das nicht entgangen!“

Das betraf auch mich. Betroffen schaute ich zu Katja, die mit feuchten Augen und roten Kopf zu mir sah.

„Ihr fandet es toll, was Lukas bei der Party gemacht hat, aber keiner hat darüber nachgedacht, wie sehr so etwas Patrick verletzten könnte. Und Robert, es ist egal, wenn es Lukas bei Tanja gemacht hätte, wäre das genauso schlimm gewesen!“

Keiner sagte ein Wort, nur das laute Schnaufen unseres Lehrers war zu hören.

„Muss immer erst etwas passieren, damit euch die Augen aufgehen…, wenn es dann längst zu spät ist?“

Er redete sich in Rage.

„Stellt euch doch mal vor, Lukas hätte es geschafft und säße hier jetzt nicht mehr unter uns. Wie würdet ihr da jetzt reagieren?“

Ich sah wie viele betroffen kurz zu Lukas schauten. Ich blickte zu Lukas und merkte, wie unwohl er sich fühlte.

Katja stand auf und setzte sich neben Lukas.

„Mein Bruder wurde… mit seinem Leben nicht mehr fertig… Er war schuld an dem Tod eines Freundes… und das alles, weil sie zu viel getrunken hatten. Er… verlor seine Lehrstelle hatte nur noch Krach zu Hause. Bis ihn mein Vater…“

Katja unterbrach kurz und wischte ihre Tränen aus den Augen. Alle, wirklich alle auch Robert und Georg schauten betroffen zu Katja.

„… bis ihn mein Vater erhängt im Garten gefunden hat…“

Sie senkte den Kopf und fing an zu weinen. Lukas weinte ebenfalls. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und legte einfach meinen Arm um Lukas. Ebenfalls wusste ich nicht, ob Schlüter mit seinem Gespräch dies erreichen wollte.

Einige der Mädchen hatten ebenfalls Tränen in den Augen, ein paar Jungs schauten beschämt auf den Boden. Was mich wunderte, sogar Chris hatte Tränen in den Augen.

„… ich…“, begann Lukas leise ohne aufzusehen, „ich … bin schwul… und habe das meinen Eltern gesagt. Sie haben… sich dann laufend wegen mir gestritten… es wurde immer schlimmer…“

Es schüttelte Lukas kurz und ich zog ihn näher an mich.

„… bis eines Tages ich von der Schule kam und Mum weg war… Mein Vater störte das nicht und begann zu trinken… soviel, dass er dann irgendwann seinen Job deswegen verlor… er trank immer mehr und… und… schlug mich auch.“

„…hör auf… Lukas…“, meinte Katja leise neben ihm.

„Nein… ich will das erzählen…“, sagte er weinerlich.

Sybille stand auf und reichte jedem von uns ein Papiertaschentuch, denn dies alles ließ mich natürlich auch nicht kalt.

„Ich… ich hab angefangen bei einer Bäckerei zu arbeiten, damit hier niemand merkte, dass kein Geld mehr da war.“

„Warum?“, wollte Chris wissen.

„Ich… ich hab mich so geschämt…“

Ich blickte zu Robert und unsere Blicke trafen sich. Ich hoffte, in seinem Hirn gingen einige Flutlichter an und er würde seine Meinung ändern. Er saß nur fassungslos da.

„… das mit Patrick habe ich nur gemacht… weil ihr mir soviel Geld geben wolltet und ich keins mehr hatte.“

Für eine Weile war es nun Still im Raum. Schlüter hatte sich wieder gesetzt, während Lukas immer noch zwischen mir und Katja saß.

„Dann habe ich Patrick getroffen… und er sagte mir, wie er sich gefühlt hat… da ist bei mir… eine Sicherung durchgebrannt… und ich dachte… ohne mich… wären alle besser dran…“

Nun konnte ich meine Tränen auch nicht mehr zurück halten, sie liefen ungehindert über die Wangen.

„Ich… ich lass euch nun ein paar Minuten alleine“, kam es von Schlüter und er verließ das Klassenzimmer.

Alle saßen wie gebannt auf ihren Stühlen, keiner gab einen Laut von sich. Sogar Robert und Georg saßen betroffen auf ihren Plätzen. Ich erinnerte mich an den Brief von Lukas, den ich aufgehoben hatte und immer bei mir trug.

Ich griff nach meinem Geldbeutel und zog ihn heraus.

„Den… den hast du noch?“, hörte ich Lukas sagen, als er merkte, was ich in der Hand hatte.

Ich nickte. Er griff nach dem Zettel und überflog ihn. Ich hörte ihn tief durchatmen. Dann reichte er ihn an Katja weiter. Sie lass ihn ebenfalls, während sie ihre Tränen aus den Augen wischte.

„Soll… soll ich ihn vorlesen?“

Lukas nickte und Katja stand auf.

„Lieber Patrick,

es tut mir Leid, was ich gemacht habe, du weißt gar nicht wie sehr. Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich kann nur immer Entschuldigung sagen. Aber auch das ist nicht genug was ich dir angetan habe.

Die Idee, dich auf das Glatteis zu führen stammte zwar nicht von mir, aber ich fand sie lustig. Darüber nach gedacht, dass ich deine Gefühle verletzten könnte, habe ich nicht. Das wurde mir erst bewusst, als du es mir ins Gesicht gesagt hast.

Ich würde das gerne ungeschehen machen, aber weiß auch, dass du mir sicher nie verzeihen wirst. Deshalb habe ich beschlossen einfach zu gehen. Wenn du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr sein.

Es gibt noch viele andere Dinge, von denen du nichts weißt, die ich einfach nicht mehr ertrage. Glaube mir das ist das Beste so für alle. Ich will niemand zu Last fallen und ich will auch für niemand peinlich sein. Eines wollte ich dir aber noch sagen…, auch wenn du es mir nicht glauben wirst. Du bist mir sehr wichtig!

Lebe Wohl!

Lukas“

Katja gab mir den Brief zurück und setzte sich wieder an ihren Platz.

„Leute… ich hoffe ihr seid jetzt nicht sauer auf mich…, ich wusste da nichts davon…“

Es war Robert, der die Stille zerbrach.

„Warum denn auch, wenn du dich für niemand interessierst“, sagte Katja sauer.

„Und wer interessiert sich für mich?“, kam es im gleichen Ton von Robert.

„Wieso… geht es dir auch schlecht?“

Diese Frage blieb unbeantwortet.

„Sind wir alle wirklich so oberflächlich?“, kam die Frage von Sybille.

„Es scheint so“, sagte Katja sarkastisch.

Mich wunderte, dass all die anderen noch keine Meinung abgeben hatten, nur stumm da saßen. Lukas stand auf und wischte seine Tränen ab. Langsam lief er nach vorne und stellte sich vor die Klasse.

„Für mich…“, sagte er leise, „war das… nicht einfach. Ich bin jetzt… in einer Therapiegruppe… dass ist Pflicht bei…“

Er schaute mich kurz an.

„Ich weiß jetzt nicht… wie ihr über mich denkt… ob ich unten durch bin… oder mich noch als „Freund“ haben wollt. Spendierhosen habe ich keine mehr an… und… es hat sich noch etwas in meinem Leben geändert.“

Wieder sah er kurz zu mir und wusste, was er sagen wollte. Ich nickte ihm zu und versuchte ihm auch ein Lächeln zu schenken.

„Ich bin mit… Patrick zusammen… wir sind ein Paar…“

Für einen kurzen Augenblick war es noch ruhig, bevor Chris plötzlich zu grölen und pfeifen begann. Alle fingen plötzlich an zu klatschen. Doch Lukas ging darauf nicht ein und lief zu Robert.

Das Klatschen verstummte.

„Robert?“

Er schaute auf.

„Wenn irgendetwas ist… hier in der Klasse gibt es zwanzig Leute… mit denen du reden kannst, mich eingeschlossen. Ich wünsche niemandem“, er schaute auf, „dass durch zumachen müssen, was ich durchgemacht habe…“

*-*-*

Lukas stand angelehnt in meinen Armen im Pausenhof. Eigentlich standen alle aus unserer Klasse um uns herum und keiner sagte ein Wort. Man hörte die anderen Stufen im Pausenhof toben, nur in unserer Ecke war es ruhig.

Schlüter hatte es wohl eingerichtet, dass wir heute keine offiziellen Unterricht mehr hatten, was uns kurz vor der großen Pause die Direx auch noch einmal bestätigte. Doch wir sollten im oder am Schulgebäude bleiben.

Man merkte deutlich, wie es in jedem arbeitete. Ich hatte Schlüter entdeckt, der in einer anderen Ecke stand und uns beobachtete. Chris trat zu uns.

„Es tut mir leid Lukas… ich versteh es immer noch nicht, dass du nichts gesagt hast… ich dachte, wir wären Freunde.“

Lukas schaute auf.

„Freunde? Entschuldige Chris, dass ich das nicht so sehen kann oder ich vorwurfsvoll klinge. Patrick hier war der einzige, der sich nie von meinem Geld beeindrucken ließ.“

Chris verzog das Gesicht.

„Mir war dein Geld immer egal“, sagte er leise.

Sybille trat zu uns.

„Jungs ich weiß… es ist vielleicht der unpassende Augenblick dafür…“

Ich sah sie fragend an.

„Falls ihr es vergessen habt… wir haben bald die Klassenfahrt… und…“

Die Klassenfahrt, die hatte ich total vergessen.

„Ich… ich weiß nicht ob ich da… mit kann oder darf“, kam es von Lukas in meinen Armen.

„Schade… ich dachte es wäre vielleicht eine Chance uns neu kennen zu lernen“, meinte Sybille traurig.

„Warum darfst du nicht mit… dass verstehe ich nicht“, fragte Chris erstaunt.

„Chris, Lukas ist nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Arztes wieder in der Schule…, normalerweise hätte er in der… dem Krankenhaus bleiben müssen.“

„Kann man da nichts machen?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„… ich wohne derzeit… bei einer Pflegemutter… ich weiß auch nicht, wie ich das bezahlen soll.“

Ich spürte die Hilflosigkeit meines Freundes und kam mir dabei selbst hilflos vor. Mir kam mein Dad in den Sinn, aber er verdiente nicht so viel um für uns beide zu zahlen.

„Und wenn wir zusammenlegen… alle etwas geben?“, schlug Sybille vor.

„Ach Quatsch… die Schule hat doch sicher für solche Fälle ein Förderprogramm oder so etwas?“, mischte sich Robert ein.

Das wunderte mich jetzt wirklich.

„Was ist mit deinen Eltern…?“, fragte Sabine, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte.

Lukas atmete tief durch.

„Mein Vater sitzt im Knast und wo meine Mutter ist… weiß ich nicht“, kam es tonlos von ihm.

„Deine Mutter?“, sagte nun Tom, „die war doch letzte Woche erst mit meiner Mutter weg.

Lukas’ Kopf fuhr herum und schaute zu Tom.

„Letzte Woche?“

Tom nickte.

„Kann deine Mutter mir vielleicht sagen, wo meine Mutter ist?“

„Ich weiß es nicht, ich kann sie ja fragen.“

Das erste Mal, seit Lukas aus dem Krankenhaus war, sah ich einen Hoffnungsschimmer in seinen Augen.

*-*-*

Nachdem Paps erfahren hatte, was in der Schule passiert war, hatte er sich den Mittag frei genommen. Nun saßen wir alle bei Elfriede am Tisch, sogar Gertrude… Frau Kollo war gekommen. Lukas saß in meinen Arm gelehnt und starrte auf das Telefon.

„Also ich denke, wegen der Kosten brauchst du dir keine Gedanken machen“, fing Paps an zu reden, Elfriedes Bruder hat sich mal schlau gemacht und meinte, dass die vom Jugendamt sicher etwas beisteuern würden.“

Bevor irgendwer etwas darauf antworten konnte, ging im Laden die Tür.

„Hallo jemand da?“, hörten wir Franks Stimme.

„Hier oben Frank, wir sind hier oben“, rief Elfriede.

Aber nicht Frank, sondern Bruno erschien auf der Bildfläche und bellte kurz. Er rannte direkt zu Lukas, stellte sich auf seine Hinterfüße und lehnte mit den Vorderfüßen auf sein Bein.

„Hallo…, wer bist du denn?“, fragte Lukas.

Stimmt, er kannte zwar Frank, weil der öfter hier war, aber Bruno hatte er noch nicht gesehen. Nun erschien auch Frank.

„Hallo“, meinte er.

„Hast du dir auch frei genommen“, fragte Paps.

„Nein ich habe alle Aufträge durch und habe deswegen heute Mittag frei“, meinte er lächelnd und ging zu Paps.

Er begrüßte Paps mit einem kleinen Kuss und ich musste lächeln, also nicht nur ich Elfriede und Gertrude grinsten ebenfalls. Nur Lukas starrte die zwei an. Shit, Lukas hatte nicht mitbekommen, das die zwei nun zusammen waren, nicht mal, dass mein Vater auch schwul war.

Lukas’ Blicke blieben nicht unbemerkt.

„Alles klar mit dir?“, fragte Frank und ging vor Lukas in die Knie.

Er kraulte seinen Hund und zog ihn von Lukas weg. Lukas selbst starrte Frank an.

„Ich weiß, es mag sonderbar für dich erscheinen, aber du und Patrick seid hier nicht das einzige Liebespaar… okay?“

Lukas nickte wie in Trance.

„Mach nicht so ein Gesicht, du bist hier gut aufgehoben“, sagte Frank und nahm Lukas’ Hand.

„Ihr zwei seid…“, kam es leise von Lukas.

„Ja!“, meinte Frank.

Lukas drehte den Kopf.

„Du… ihr wusstet das?“

„Ja…klar. Die zwei küssen ja nicht erst seit heute und ich will nicht wissen, was im Nachbarzimmer passiert…“, meinte ich und wurde knall rot, als mir bewusst wurde, was ich da gerade fast los gelassen hatte.

Nun fing Lukas laut an zu lachen und Paps und Frank wurden ebenfalls rot.

„Lukas, der liebe Patrick hat die zwei sogar verkuppelt!“, ließ Elfriede vom Stapel.

„Habe ich gar nicht!“, beschwerte ich mich.

„Hast du wohl“, meinte Paps und wuschelte mir über den Kopf.

„Du bist eben auf den Hund gekommen!“, wehrte ich mich.

„Ach du wolltest mich nur wegen, Bruno?“, frotzelte Frank gespielt.

„Klar, so einen Hund habe ich mir schon immer gewünscht“, antwortete Paps und gab Frank einen weiteren Kuss.

Gertrude und Elfriede amüsierten sich köstlich und auch Lukas hatte ein Lächeln auf den Lippen.

„Du siehst Lukas, du brauchst dir also keine Gedanken zu machen und wie Frank schon sagte, du bist hier wirklich gut aufgehoben“, sagte Gertrude.

„Euch beide macht es wirklich nichts aus?“

Diese Frage war an Gertrude gerichtet und auch an Elfriede.

„Nein mein Junge, warum sollte es?“, antwortete Gertrude.

„Warum… warum war mein Vater nicht so?“

Lukas senkte den Kopf.

„Dein Vater ist ein mittelalterlicher Snob“, meinte ich, „und wenn er dich nicht versteht, dann hat er dich auch nicht verdient.

„Ich weiß“, begann Elfriede, „das macht dich alles sehr traurig und jeder versteht dich auch. Aber im Augenblick können wir nichts daran ändern.“

Die Türglocke des Ladens ging.

„Ich muss wohl runter“, sagte Elfriede.

„Hallo?“

„Was will denn mein Bruder hier? Josef, wir sind hier oben.“

Langsam hörte man jemand die Holztreppe hinauf stampfen, bis plötzlich Herr Heinrich schwer atmend ins Blickfeld kam.

„Oh, störe ich?“, waren seine ersten Worte.

„Nein, setz dich… willst du auch einen Kaffee?“, fragte Elfriede.

Herr Heinrich sah jeden an.

„Hallo Herr Niebsen, sie auch hier? Mit ihrem Wagen alles in Ordnung?“

„Ja Herr Heinrich. Hallo“, meinte Frank und reichte ihm die Hand.

„Jetzt setz dich“, meinte Elfriede zu ihm, „hier ist dein Kaffee. Warum bist du eigentlich gekommen?“

Herr Heinrich setzte sich wie geheißen auf den letzten freien Stuhl und bekam von seiner Schwester den Kaffee serviert.

„Du hast mich doch gebeten mal bei Friedrich anzurufen.“

„Ja stimmt und hat sich etwas ergeben?“

„Also er meinte, dass ihr euch wegen Lukas keine Gedanken machen braucht, es sogar wünschenswert wäre, wenn er bei der Klassenfahrt mitkäme.“

In unseren Gesichtern standen Fragezeichen.

„Friedrich ist ein Klassenkamerad von Josef gewesen und arbeitet im Jugendamt“, erklärte Elfriede.

„Ich darf mit?“, fragte Lukas.

„Ja junger Mann und das Jugendamt übernimmt auch die Kosten“, sagte Herr Heinrich.

„Danke Josef, du hast etwas gut bei mir.“

„Das nehme ich sogar gleich in Anspruch, könntest du mir einen Rosenstrauß für meine Frau machen…, ich habe sie die letzte Zeit etwas vernachlässigt…“

Ein Grinsen ging durch die Runde.

„Herr Hersflor, wenn sie die Güte hätten diesem Auftrag gleich nachzukommen“, meinte Elfriede zu mir.

„Kein Problem, Frau Heinrich, immer wieder eine Ehre… Lukas kommst du?“

Lukas nickte und stand mit mir auf.

*-*-*

Gunnar

Nach diesem Gespräch war Lukas wie ausgewechselt. Mein Chef zog mit einem großen Rosenstrauß ab, die Jungs hörte man hinten im Gewächshaus. Elfriede und Frau Kallos waren im Laden, während Frank und ich auf dem Parkplatz standen.

„Hast du heute Abend noch etwas vor?“, fragte ich.

„Nein, ich stehe dir voll zur Verfügung.“

Bruno umrundete uns mehrfach, bis er einen Busch fand, wo er sein Zeichen absetzten konnte, sprich er pinkelte in den Busch. Belustigt beobachteten wir dieses Schauspiel.

„Hast du etwas geplant?“, fragte mich Frank.

„Eigentlich nicht, ich war schon lange nicht mehr weg, also mit jemandem alleine…, ohne Patrick… ähm…“

„Ich weiß, was du meinst.“

Ich lächelte ihn an.

„Was hältst du von gemeinsamem Kochen?“

Frank senkte den Kopf nach links.

„Du kannst kochen?“

„Also Patrick schmeckt es.“

„Und was würde dir vorschweben?“

„Magst du Nudelauflauf?“

„Darin könnte ich baden…“

„Dafür haben wir eine Badewanne.“

„So…“, meinte Frank und bohrte mit seinem Finger in meinen Magen.

Ich grinste wieder.

„Okay, dann werde ich diese charmante Einladung zum Nudelauflauf und anschließendem Badevergnügen zusagen.“

Frank grinste umso mehr, als er mein verwirrtes Gesicht sah.

„Bleib locker, Gunnar, dass war nur Spaß“

Ich atmete tief durch.

„Ich habe dir schon einmal gesagt, du bestimmst das Tempo, ich mache nichts, was du nicht willst!“

Ich beugte mich vor und gab ihm einen Kuss.

„Danke!“

*-*-*

Patrick

Seitdem Tag in der Schule, als wir das Thema Selbstmord hatte, war das Verhältnis in der Klasse anders geworden. In den Pausen waren wir alle immer nur gemeinsam anzutreffen und auch die Besuche untereinander, unter der Woche und an den Wochenenden waren mehr geworden.

Den anderen Klassen der Stufe waren wir unheimlich, weil wir uns so friedlich und brav benahmen. Jetzt stand nächste Woche die Klassenfahrt an und alle waren irgendwie aufgeregt deswegen.

Einstimmig wurde von allen ein Haus in den Bergen ausgesucht. Die Besonderheit der Situation hatten wir es zu verdanken, dass der Direktor dies erlaubte, während die Parallelklassen eine Herberge in einer Stadt bevorzugten.

„Müssen wir noch etwas besorgen…, hast du alles?“, fragte Paps, der in mein Zimmer kam.

„Nein, ich denke ich habe alles.“

„Was steht am Wochenende an?“

„Nicht viel, Lukas würde gerne bei mir verweilen, die nächste Woche haben wir Schulklasse genug.“

„Mag wohl stimmen. Ich geh mit Frank heute Abend ins Kino, könntest du dann auf Bruno aufpassen?“

„Kein Problem. Ich welchen Film geht ihr denn?“

„Hat Frank ausgesucht ich weiß es nicht.“

Ich sah Paps länger an. Entweder täuschte ich mich, oder es kam mir auch nur so vor. Seit er mit Frank zusammen war, waren einige Falten in seinem Gesicht verschwunden. Sein Gesicht schien viel freundlicher und er lächelte mehr als sonst.

„Was ist?“, fragte er.

„Nichts… uns geht es gut.“

„Stimmt und du hast daran sehr viel beigetragen.“

„So viel habe ich auch nicht gemacht.“

„Jetzt stell dein Licht nicht unter den Hocker. Wer wollte denn, dass wir hier her ziehen und hat mich mit Frank verkuppelt…“

„Das hab ich überhaupt nicht und…“

Bevor ich noch mehr sagen konnte, klingelte das Telefon.

„Ich geh dran“, meinte Paps und verschwand.

Ich stellte meine Tasche auf den Boden und stellte fest, dass sie doch schwerer war, als ich dachte.

„Patrick, lass alles liegen und stehen, wir müssen zu Gertrude, Lukas braucht deine Hilfe.“

„Was ist passiert?“

„Seine Mutter hat sich angekündigt.“

„Schei… benkleister.“

„Los komm!“

*-*-*

Als wir bei Gertrude ankamen, fand ich Lukas ziemlich neben sich in seinem Zimmer vor.

„He Schatz, was ist los.“

Er sah auf, sprang auf und fiel mir um den Hals.

„Ich…, ich weiß nicht, ob ich sie sehen will.“

Ich drückte ihn etwas sanft von mir weg, damit ich ihn ins Gesicht schauen konnte.

„Warum denn das?“

Er ließ mich los und setzte sich wieder auf sein Bett.

„Sie müsste doch mittlerweile über Toms Mutter mitbekommen haben, was passiert ist…, warum meldet sie sich dann jetzt erst? Sie wollte mich die ganze Zeit nicht…“

Tränen standen ihm in den Augen. Ich verstand, was er meinte. Ich war selbst ohne Mutter aufgewachsen. Sie war einfach verschwunden, ohne einen Grund. Damals war ich in der dritten Klasse und hatte ganz schon darunter gelitten.

„Ich weiß es nicht, Lukas.“

Ich war hilflos, wusste nicht wie ich ihm helfen konnte.

„Danke, dass du da bist…“, meinte Lukas und lehnte sich an mich.

„He ich bin dein Freund, dafür bin ich da.“

Er drückte mich etwas von sich weg. Ich schaute ihn an. Sein Blick hatte sich etwas geändert.

„Du sagst du bist mein Freund.“

Ich nickte.

„Und warum bekomme ich dann keinen Kuss von dir?“

Sein Lächeln war entwaffnend. Gerade als sich unsere Münder näherten, dröhnte die Wohnungsklingel unten. Sofort verfiel Lukas wieder in wieder in totale Traurigkeit.

„Komm“, meinte ich, „ich bleibe die ganze Zeit bei dir, versprochen!“

Ich hob meine Hand und er griff danach. Hand in Hand liefen wir zusammen die Treppe hinunter. Lukas blieb plötzlich ruckartig stehen, als seine Mutter mit Gertrude ins Blickfeld kam.

Eigentlich hätte ich erwartet, dass mindestens einer von beiden dem anderen um den Hals fällt, aber nichts geschah.

„Lasst uns ins Wohnzimmer gehen…, Frau Heger, möchte sie mir ihren Mantel geben?“

Gertrude schien die Situation entspannen zu wollen.

„Nein danke…, ich wollte nur kurz vorbei schauen.“

Diese Antwort von Lukas‘ Mutter tat sogar mir weh. Lukas drückte meine Hand so fest, dass es weh tat, aber ließ nicht los. Gertrude machte eine einladende Bewegung mit der Hand und Frau Heger folgte ihr.

Lukas schaute mich kurz an. Seine Augen waren wieder feucht und eine einzelne Träne lief über seine Wange. Ich strich darüber und gab ihm einen Kuss.

„Jungs?“, hörte ich Gertrude rufen.

Als Lukas und ich das Wohnzimmer betraten, stellte unsere Gastgeberin gerade meinen Vater vor.

„Das ist Herr Hersflor, der Vater von Patrick.“

Frau Heger schüttelte ohne einen Ton zu sagen die Hand meines Vaters, bevor sich alle setzten. Lukas ließ sich zögerlich am Rand der Couch nieder, während ich mich neben ihn auf die Lehne setzte.

„Einen Kaffee?“, fragte Gertrude und zeigte auf die Kaffeekanne.

„Nein danke…, wie schon gesagt, ich möchte nicht lange bleiben.“

„Und weshalb sind sie dann vorbei gekommen?“, fragte mein Vater.

Verwundert schaute ich ihn an.

„Ich wüsste nicht, was sie das anginge…“

„Es ist so. Lukas ist der Freund meines Sohnes und ich habe alles mitbekommen was seit Lukas Selbstmordversuch passiert ist!“

Ich verstand nicht, warum Paps so einen strengen Ton an den Tag legte, so war er normalerweise nicht. Frau Heger schaute kurz ihren Sohn an.

„Ich gehöre zu denen Menschen, die sich die ganze Zeit um ihren Sohn gekümmert haben!“

Das klang recht vorwurfsvoll und ich verstand immer noch nicht, warum Paps das machte.

„Herr … Hersflor, ich denke es steht ihnen nicht zu über mich zu urteilen!“, meinte Frau Heger und war dabei wieder aufzustehen.

„Nein, dass steht mir nicht zu, aber ich sehe, wie es Lukas geht und da kann ich nicht ruhig bleiben. Ich bin allein erziehender Vater und mir fehlt vielleicht das Feingefühl dazu, über so Sachen mit ihnen zu reden…, aber ein Kind leiden zu sehen, dass kann nicht richtig sein.“

Lukas fing an zu zittern.

„Er hat meine Ehe auf dem Gewissen…“

Meine Augen wurden groß, als ich das aus Frau Hegers Mund hörte.

„Den Quatsch glauben sie wohl selber nicht!“

Paps wurde lauter.

„Aber ich denke, sie haben Recht, es wäre besser sie gehen wieder…, sie bringen es ja nicht mal fertig ihren Sohn richtig zu begrüßen!“

Lukas sackte in sich zusammen und fing an zu weinen.

„Komm Lukas“, meinte ich sehr leise und zog ihn hoch.

Paps stand ebenfalls auf.

„Was sind sie für eine Mutter, die so ihren Sohn fallen lässt? Ich werde das dem Jugendamt melden und für sie wäre es wirklich das Beste…“

„Gunnar…, bitte“, unterbrach Lukas ihn leise.

Er stand auf und sah seine Mutter an.

„Ich dachte eigentlich…, jetzt wo Vater nicht mehr da ist…, könnten wir…“, Lukas wischte sich die Tränen aus den Augen, „… könnten wir eigentlich gemeinsam ein neues Leben beginnen…, aber ich sehe schon… ach ist jetzt auch egal…“

Er drehte sich um und verließ das Wohnzimmer. Ich folgte ihm.

*-*-*

Gunnar

Traurig schaute ich Lukas und Patrick nach.

„War das jetzt nötig? Ich verstehe wirklich nicht, warum sie überhaupt hier hergekommen sind.“

Frau Heger schaute mich vorwurfsvoll an, bevor sie den Kopf senkte.

„Ich…, ich weiß es selbst nicht. Es war wohl wirklich ein Fehler herzukommen.“

„Warum ist es ein Fehler?“, fragte plötzlich Gertrude, die, die ganze Zeit geschwiegen hatte, „gehört denn ein Sohn nicht zu seiner Mutter, oder eine Mutter zu ihrem Sohn? Frau Heger, ich denke, die letzte Zeit war schwierig genug für sie, aber ihr Sohn braucht sie! Jetzt mehr denn je! Wäre es nicht an der Zeit, ihren Schmerz in den Hintergrund zu stellen?“

Dies alles regte mich zu sehr auf. Ich wusste selbst, wie das damals für Patrick war, als meine Ex uns einfach im Stich ließ, wie sehr er darunter gelitten hatte.

„… ich kann nicht“, sagte Frau Heger leise.

Dann stand sie auf und verließ fluchtartig die Wohnung. Fassungslos stand ich da und hörte die Wohnungstür knallen.

*-*-*

Patrick

Lukas zuckte in meinen Armen zusammen, als wir die Wohnungstür knallen hörte und fing laut an zu weinen. Wenig später erschien Paps in der Tür.

„Es tut mir Leid Lukas, ich hätte nicht so ausfällig werden dürfen.“

Lukas richtete sich auf, wischte sich mit dem Ärmel seine Pullis die Tränen ab.

„Wieso denn, sie haben doch die Wahrheit gesagt… Sie will mich nicht… Punkt und aus!“

Mir tat es weh, Lukas so reden zu hören.

„Da bin ich mir eben nicht so sicher, Lukas.“

Er schaute zu Paps.

„Ein Vorschlag…, lassen wir ihr Zeit, okay? Ihr zwei fahrt am Montag auf Klassenfahrt und danach werden wir weiter sehen.“

Lukas nickte, sagte aber kein Wort zu dem Vorschlag.

*-*-*

Lukas schlief friedlich neben mir. Er war endlich eingeschlafen. Leise schlich ich mich aus dem Bett und verließ auf leisen Sohlen mein Zimmer. Die Tür ließ ich angelehnt, damit, falls Lukas aufwachte, hören konnte, dass ich unten war.

Im Wohnzimmer angekommen, saßen Paps und Frank eng aneinander gekuschelt und schauten Fern.

„Hi ihr zwei…“, meinte ich leise.

Beide Köpfe fuhren herum.

„Nanu, ich dachte du schläfst schon“, sagte Paps verwundert.

„Lukas schläft endlich, ich konnte nicht schlafen.“

„Wundert mich eigentlich, müsste doch gerade anders herum sein“

„Wolltet ihr nicht ins Kino?“

„Wir dachten, wir verschieben das“, antwortete Frank.

„Hättet ihr nicht müssen. Ich bin doch da.“

„Schon gut, dein Vater hatte eh keine Lust mehr, nach diesem tollen Gespräch heute Mittag.“

Paps nickte. Ich setzte mich in den Sessel. Keiner sagte mehr etwas.

*-*-*

Lukas war wie ausgewechselt. Im Auto alberten wir schon die ganze Zeit und vor der Schule war es nicht anders. Wir wurden freudig begrüßt. Paps hatte sich verabschiedet, denn er musste ja zur Arbeit. Unsere Koffer waren verladen worden und wenig später hatte jeder seinen Platz eingenommen.

„Guten Morgen zusammen“, hörte ich Schlüters Stimme durchs Mikrofon.

„Guten Morgen“, kam es einstimmig aus dem Businnern zurück.

Der Fahrer startete den Motor und der Bus setzte sich in Bewegung. Die noch verbliebenen Eltern standen draußen und winkten uns zu.

„So meine Lieben. Ihr habt euch das Haus in den Bergen ausgesucht, sehr ruhig gelegen. Ich hoffe ich bereue es nicht, dass ich dem zugestimmt habe.“

Im Bus wurde laut „Nein“ gerufen und allgemeines Gelächter folgte.

„Gut! Ich wollte noch mal loswerden, wie gut ich es finde, dass ihr euch in den letzten zwei Wochen so zusammen gerauft habt und jetzt wünsche ich eine gute Fahrt. Nächste Pause in ein einhalb Stunden.“

*-*-*

Ein sanftes Rütteln weckte mich.

„He… aufwachen, Patrick. Wir sind gleich da!“

Verschlafen öffnete ich die Augen. Mein Ohr tat weh, das die ganze Zeit auf Lukas Schulter gelegen hatte. Noch müde streckte ich mich, so weit dies eben in einem Bussitz möglich war.  Mein Blick wanderte nach draußen, wo ich nur Wald sah.

„Andere Seite“, hörte ich meinen Nebenmann.

Ich drehte den Kopf und sah in Lukas Augen. Sie strahlten und sein Lächeln war echt. Mein Blick wanderte weiter auf die gegenüberliegende Fensterreihe.

„Wow!“, entglitt mir.

„Wusste doch, dass dir das gefällt“, sagte Lukas.

Vor uns konnte man unheimlich weit schauen. Doch bevor ich mehr sehen konnte, suchte Schlüter unsere Aufmerksamkeit.

„So, ich bitte euch im Namen des Busfahrers euren sämtlichen Müll und was sonst noch von euch herumliegt einzupacken. Bitte kontrolliert gleich nach, ob ihr auch wirklich nichts vergessen habt.“

Plötzlich begann ein wildes Treiben, noch bevor der Bus anhielt. Bonbons flogen durch die Gegend und wieder folgte Gelächter. Der Bus wackelte ziemlich und ich hatte etwas Schwierigkeiten mich auf den Beinen zu halten.

„Also ich habe alles“, meinte Lukas und stellte seinen Rucksack auf den Sitz.

„Ich auch“, gab ich von mir und tat das gleiche.

Der Bus schlingerte um die letzte Kurve und gab die Sicht auf unser Haus frei. Hütte! Das war ein riesen Haus mit drei Stockwerken und jede Menge Gelände. Der Bus kam endlich zum Stilstand und die Türen wurden geöffnet.

Es dauerte eine Weile, bis wir alle im Freien waren. Der Busfahrer kam nun ebenfalls heraus und öffnete die Seitenteile. Ein wildes Durcheinander entstand, denn jeder wollte seinen Koffer heraus holen.

Nach einer viertel Stunde war der Bus endlich geleert und wir standen versammelt vor dem Haus. Schlüter sprach mit einer Frau, die sich dann als Chefin des ganzen hier vorstellte. Sie begrüßte uns und ließ gleich ein paar Regeln vom Stapel.

Danach rief Schlüter unsere Namen auf, wer mit wem in einem Zimmer lag. Was mich sehr wunderte, dass ich mit Lukas ein Doppeltzimmer bekam, während die anderen sich Vierbettzimmer teilten.

Plötzlich setzte sich die ganze Meute in Gang und der Run auf die Eingangstür begann. Mit den Koffern und Rucksäcken keine leichte Aufgabe, ohne Blessuren ins Haus zu kommen. Endlich drinnen, tat sich ein größerer Raum vor uns auf, von dem mehrere Treppen weg gingen.

„Wir treffen uns in einer halben Stunde hier unten wieder“, rief Schlüter, „an den Treppen sind die Schilder zu den jeweiligen Fluren angebracht, wo sich eure Zimmer befinden.

Lukas rollte mit den Augen und gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach unserer Zimmernummer. Zehn Minuten später, drei Stockwerke höher und völlig aus der Puste standen wir vor unserem Reich.

Lukas öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt. Ich trat also in unser Zimmer, welches die nächsten Tage unser beider Bleibe sein sollte. Direkt vor uns war eine Glastür, die nach draußen führte.

„He wir haben einen Balkon“, meinte ich und stellte meinen Koffer auf den Boden.

„Cool“, sagte Lukas, entledigte sich selbst von seinen Sachen und öffnete gleich die Balkontür.

Ich folgte ihm nach draußen und hier hatten wir die gleiche Aussicht, wie vorhin schon im Bus.

„He! Ist euer Zimmer auch so cool?“, hörte ich plötzlich Chris Stimme von links.

Wir stellten fest, dass anscheinend alle Zimmer über einen Balkon verfügten. Auf alle Fälle standen alle Herren draußen.

„Wo sind die Mädels?“, wollte Robert wissen.

„Auf der anderen Seite“, antwortete Chris.

„Also ich geh erst mal auspacken“, sagte Lukas, „wenn wir in einer halben Stunde wieder unten sein sollen.“

Ich nickte und folgte ihm wieder ins Zimmer. Jetzt erst sah ich, dass wir ein Stockbett hatten.

„Wo schläfst du?“, fragte ich.

„Bei dir“, grinste er mich an und ich musste ebenfalls lächeln.

„Schon klar, aber welches Bett nimmst du?“

„Das Obere, wenn es Recht ist.“

„Ja ist mir Recht!“

In der nächsten viertel Stunde kämpften wir mit dem Bettzeug und versuchten irgendwie unsere Sachen in den viel zu kleinen Schrank unterzubringen. Lukas ließ sich auf den Stuhl am Tisch fallen.

„Mir reicht‘s!“

„Nicht nur dir…, aber wir sind ja auch fertig.“

„Sollen wir gleich herunter gehen?“

Ich schaute auf meine Uhr und dann wieder zu Lukas. Dann schüttelte ich den Kopf, ging zu Lukas, beugte mich etwas herunter und küsste ihn sanft. Lukas fing leise an zu schnurren und legte seine Hand auf meinen Rücken.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Lukas und ich fuhren erschreckt auseinander.

„He… seid ihr fertig… oh… hab ich bei etwas gestört?“

Chris.

„Du kannst blöd fragen! Schon mal was davon gehört, dass man anklopft, bevor man ein Zimmer betritt?“, fuhr ich ihn gespielt an.

Chris fing an zu lachen, zog die Tür wieder zu. Es klopfte und Chris kam erneut herein marschiert. Doch bevor ich mich beschweren konnte, fanden sich auch andere in Zimmer ein. Lukas saß nur da und grinste.

„He, wir haben das gleiche Zimmer“, kam es von Katja, die ebenfalls durch die offene Tür stiefelte.

„Mit wem liegst du zusammen?“, wollte Chris wissen.

„Mit Tanja!“

„Sollten wir nicht langsam hinunter gehen?“, hörten wir Georgs mahnende Stimme.

„Zu Befehl, Herr Klassensprecher“, rief Chris und salutierte vor Georg.

„Idiot!“

„Angenehm Chris!“

Alle fingen an zu lachen und so langsam leerte sich unser Zimmer.

„Das kann ja heiter werden“, meinte Lukas und ich konnte nichts anders als grinsend zu zustimmen.

*-*-*

Die Nudelsauce fand ich etwas fade, dafür schmeckte der Salat geil. Als ich gerade mein Dessert auslöffelte, meldete sich Schlüter zu Wort.

„Der Küchendienst ist eingeteilt, am Kiosk könnt ihr euch Getränke kaufen, wenn ihr wollt. Wir treffen uns vor dem Haus…“, er schaute auf seine Uhr, „…so gegen halb zwei.“

Die Stühle wurden zurück geschoben und jeder trug sein Tablett zum Schalter. Ein paar Witze fielen über den Küchendienst, als nach meiner Hand gegriffen und kräftig daran gezogen wurde.

„Komm, ich will ins Freie“, sagte Lukas und zog mich aus dem Speisesaal hinaus.

„Wo wollt ihr denn hin?“, fragte Sybille.

„Nach draußen“, antwortete mein Schatz.

„Ich geh mit“, kam es von Sybille und griff nach meiner anderen Hand.

Ich konnte nicht anders und begann zu lachen.

„Sind wir hier im Kindergarten?“, fragte ich.

„Nein, einer muss doch aufpassen, dass ihr nicht verloren geht.“

Es folgte uns noch mehr nach draußen. Die Wolken am Himmel hatten sich nun ganz verzogen. Strahlender Sonnenschein und blauer Himmel, was wollte man mehr. Wir ließen uns auf Bänken vor dem Haus nieder.

Wenig später kam auch Chris mit einem Eis in der Hand.

„Wo hast du dass denn her?“, fragte Katja.

„Gibt es drin am Kiosk.“

„Oh, da hole ich mir auch eins“, hörte ich Lukas neben mir sagen, „willst du auch eins.“

„Öhm… nein danke, ich bin satt!“

Lukas lief zusammen mit Katja ins Haus, während sich Chris neben mich pflanzte.

*-*-*

Gunnar

Ich polierte mit einem Tuch über die Motorhaube, so, dass man keine Fingerabdrücke mehr sah. Endlich fertig! Ich nahm das Klemmbrett, kreuzte an, was ich gemacht hatte und schrieb die Uhrzeit dahinter.

„Phillip, du kannst den Wagen hinausfahren, aber bitte vorsichtig!“, rief ich unserem Azubi zu.

Ich warf ihm den Schlüssel zu, den er freudenstrahlend auffing. Ich lief hinüber zum Büro und legte das Klemmbrett in der Ablage ab. Ich beobachtete Phillip, wie er den Wagen langsam aber sicher zum Tor hinaus fuhr.

Am Tor selbst, stand eine Frau, die ich bei näherem Betrachten als Frau Heger, Lukas‘ Mutter erkannte. Ich verließ das Büro und ging auf sie zu. Sie selbst schaute sich suchend um, bis sich unsere Blicke trafen.

„Hallo Frau Heger…, etwas an ihrem Wagen kaputt?“

„Oh… hallo Herr Hersflor. Nein, ich wollte kurz zu ihnen.“

„Zu mir? Wenn sie kurz warten, ich wasche mir kurz die Hände, dann können wir nach draußen gehen.“

Sie nickte. Wenig später standen wir zusammen vor der Werkstatt.

„Herr Hersflor… ich wollte mich bei ihnen entschuldigen…“

„Bei mir? Wieso?“

„Wie ich mich… benommen habe. Sie müssen einen sehr schlechten Eindruck von mir haben.“

Ja, den hatte ich, aber wollte das jetzt nicht breit treten.

„Wie schon bei unserem ersten Treffen gesagt, es geht mich eigentlich nichts an, aber ich bin allein erziehender Vater und denke ich weiß, wie Lukas sich fühlen muss. Mein Sohn hat Ähnliches durchgemacht, als seine Mutter auf und davon ist.“

Etwas unglücklich schaute mich Frau Heger an.

„Ich weiß, sie haben völlig andere Beweggründe, aber ein Sohn braucht seine Mutter oder Vater, wenn dies noch möglich ist.“

Sie nickte und schaute kurz zum Tor der Werkstadt.

„Weshalb ich komme…, ich habe durch eine Freundin erfahren…, dass mein Mann… wieder auf freien Fuß ist.“

„WAS?“

„Ja…, ich habe genauso reagiert. Deswegen habe ich einen Anwalt konsultiert, damit er eine Unterlassungsverfügung veranlasst, dass mein… Mann sich mir oder Lukas nicht nähern darf.“

Ich spürte, wie schwer ihr das alles viel.

„Herr Hersflor… ich habe Angst.“

„Wieso?“

„Ich habe Angst, dass er Lukas nachstellt, er ist doch sicher sauer und denkt, Lukas hat ihn hinter Gitter gebracht.“

Der Gedanke war mir bisher noch nicht gekommen.

„Und was meinen sie, können wir jetzt tun?“

„Mein Anwalt hat mich eben angerufen, dass Die Papiere, wegen der Verfügung nicht zugestellt werden konnten. Darauf habe ich die Polizei angerufen, aber die meinten, sie könnten da nichts machen…“

„… erst wenn etwas passiert ist.“

Ich sah meinen Chef aus dem Augenwinkel heraus auf uns zu kommen.

„Alles in Ordnung, Herr Hersflor“, rief er schon von weitem.

„Herr Heinrich, darf ich ihnen Lukas‘ Mutter vorstellen.“

„Hallo Frau Heger“, begrüßte sie mein Chef.

„Sie hat gerade Bescheid bekommen, dass Lukas‘ Vater wieder auf freien Fuß ist und wir denken, dass er nach Lukas sucht.“

„Scheißkerl“, rutschte es Herr Heinrich heraus und schaute zu Frau Heger, „oh entschuldigen sie bitte…“

„Kein Problem, ich gebe ihnen Recht. Meinen sie, wir sollten zu diesem Schullandheim fahren?“

„Lukas dort abholen?“, fragte ich, „ich weiß nicht Recht.“

„Auf alle Fälle sollte man das Jugendamt und die Schule davon informieren“, meinte mein Chef, „ersteres werde ich gleich selbst tun und Friedrich anrufen.“

Frau Heger schaute mich fragend an.

*-*-*

Patrick

Der Schlüter hatte mit uns einen langen Sparziergang gemacht. Endlich zurück, sprang ich schnell in unser Zimmer, da ich auf die Toilette musste. Erleichtert und ein paar gefühlte Liter leichter ging ich wieder hinunter, in den Empfangsbereich.

Ich konnte Lukas nirgends entdecken, so lief ich zu Chris am Kiosk.

„Hast du Lukas gesehen?“

„Nein, er war aber eben noch hier.“

„Entschuldigung…“, unterbrach uns der junge Mann im Kiosk, „eben war ein Mann da, der hat nach einem Lukas gefragt und sich als sein Vater ausgewiesen.“

„WAS?“, schrie ich fast, dass alle anderen auf mich aufmerksam wurden, „wo ist Schlüter?“

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