Das Hologramm – Teil 4

Ich ging in die Hocke und machte mich auf den Weg. Spinnweben kitzelten mein Gesicht und ich wollte gar nicht wissen, was da alles in der Röhre herumkrauchte. Aber schon nach wenigen Metern machte sie einen Knick um neunzig Grad nach rechts und als ich meinen Kopf um die Ecke steckte war da Licht. Darum schien das Ding unendlich lang. Erfreut krabbelte ich weiter und kam schließlich am Ende des Tunnels an. Eigentlich war es zu erwarten gewesen, aber man hofft ja auch mal Glück zu haben: Der Ausgang war durch ein Gitter versperrt.

»Du hast das doch gewusst«, meckerte ich durch die Stäbe. Oliver stand da draußen und sah mich an. Etwas ratlos, wie mir schien. »Und jetzt?«

»Rüttle mal kräftig dran«, sagte er nur.

Ich tat wie mir geheißen und daraufhin erhellte sich mein Gemüt wieder etwas. Das Gitter gab nach, Rost rieselte und nur ein kurzer Ruck ließ es aus der vergammelten Aufhängung herausfallen.

Oliver zuckte zusammen, als es auf den Boden zu poltern drohte. »Pscht..«, mahnte er und in letzter Sekunde konnte ich den Absturz des Gitters verhindern. Dabei fuhr es mir aber mächtig ins Kreuz und ich hätte am liebsten laut geflucht.
Ich krabbelte aus der Röhre und bog meinen lädierten Körper durch. Wir standen in einer Art kleinem Lichthof. Welke Blätter, wohl auch schon aus vergangenen Jahren, bedeckten den Boden und es war offensichtlich, dass hier nie jemand hinkam.

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte ich, nachdem ich mich einigermaßen von der Anstrengung erholt hatte.

»Hier lang«, gab Oliver knapp von sich und ich folgte ihm quer durch den Lichthof.

»Aber keine Tunnels mehr, okay? Einer von der Sorte reicht.«

Oliver lachte. »Nein, keine Angst.« Dabei zeigte er zu einer verrotteten Tür. Die war ebenfalls so verrostet, dass sie ohne Anstrengung aufging. Ein schmaler Gang dahinter führte uns schließlich in eine Katakombe.
Die sah schon recht imposant aus, wahrscheinlich war das gesamte Gebäude damit unterkellert. Schnurstracks folgte ich Oliver durch die Gänge. Licht fiel ab und zu durch kleine Öffnungen an der Decke und plötzlich hörte ich Stimmen.
»Was ist das?«

Oliver deutete nach oben. »Das ist eine Führung. Krach sollten wir also lieber keinen machen.«

Ich lauschte und konnte die Stimme des Führers da oben heraushören. Verstehen konnte ich nichts, aber das war hier ja auch nicht wichtig.

Alleine wäre ich da unten hoffnungslos verloren gewesen. Oliver dagegen war ja hier sozusagen groß geworden, der kannte jede Spinnwebe in den Ecken und so steuerte er auch zielstrebig in eine der zahllosen Seitengänge. Irgendwann blieb er stehen. »So. Hier ist es.«

Ich sah mich um, aber wie erwartet konnte ich nichts erkennen.

»Dahinter ist die Kammer«, und damit deutete Oliver an die blanke Wand. Direkt über uns befand sich ein weiterer Lichtschacht und das beruhigte mich etwas. So ganz im Finsteren wäre es nicht so praktisch gewesen. »Warte hier«, wies er mich an.

Es war wieder so ein komischer Anblick, Oliver einfach in der Wand verschwinden zu sehen. Ich lehnte mich an die feuchtkalte Wand und zündete mir eine Zigarette an. Keine Ahnung wie das hier weiterging, ich wollte mich einfach überraschen lassen.

Plötzlich steckte Oliver seinen Kopf durch die Wand. »Hier war die Tür«, sagte er, dann machte er riesengroße Augen. »Spinnst du? Mach die Kippe aus.«

»Wieso? Ist das hier brennbar?«

Er schüttelte energisch den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Aber der Rauch zieht nach oben und da ist striktes Rauchverbot. Das riecht man Meilenweit.«

So ganz verstand ich seine Aufregung nicht, aber ich folgte ihm und trat die Kippe aus. »Und nun?«

»Du musst hier rein. Deswegen sind wir schließlich hier.«

»Ja ja, aber wenn du mir jetzt noch sagst wie, dann ist alles in bester Ordnung.«

»Klopf mal an die Wand, hier bei mir.«

Ich tat es und es klang tatsächlich sehr hohl. »Scheint ja nicht sonderlich dick zu sein. «

»Ist sie auch nicht.«

Ohne weitere Worte begann ich, mit dem Schraubendreher an dem Verputz zu kratzen. Der rieselte herunter und mir schien in diesem Augenblick, dass es in der Tat kein großes Problem sein würde.
Also nahm ich mein Werkzeug in beide Hände und begann, den Verputz herauszubrechen. Viel Krach machte das nicht, außerdem war es wieder still geworden da oben.

»Geht’s?«, fragte Oliver , der wieder auf den Gang zu mir herausgekommen war.

»Ja, aber frag nicht wie lange das dauert.«

»Hier liegt das Schloss der Tür«, sagte er und deutete an einer Stelle an der Wand.

Ich verstand und irgendwann ertastete ich tatsächlich das rostige Schloss. Die Tür selbst war wohl aus Holz und der Verrottung sei Dank zerbröselte es fast von selbst. Ich hatte mir das ja sehr fiel schwieriger vorgestellt und erwartete deshalb irgend ein Problem. Es ging einfach zu leicht und einfach. »Und hier kommt ganz sicher nie jemand hin?«

»Ich hab in all den Jahren hier niemanden gesehen, warum sollte es jetzt jemand tun?«

»Mein ja bloß.« Ich drückte gegen die Tür und sie gab tatsächlich nach. Aber ohne Geräusch würde das nun nicht abgehen. »Das macht aber jetzt Krach.«

Oliver hob die Augenbrauen und sah nach oben. »Hm, das ist nicht gut.«

»Ja, natürlich nicht. Aber leider nicht zu ändern.« Ich lehnte mich jetzt an und rückte immer fester. Vielleicht blieb das Ganze ja doch im Rahmen mit dem Krach. Es knirschte und knackte, Staub und Sand rieselte auf mich herunter. Dass Oliver so einfach daneben stand und nichts tat, daran hatte ich mich allmählich gewohnt. Aber vielleicht war hinter dieser Tür ja wirklich die Lösung dieses Problems.
Die Tür krachte erst oben aus der Verankerung, dann an der Seite. Das war gut, so konnte ich sie fassen und verhindern, dass sie auf den Boden polterte.
Muffige, alte, abgestandene Luft schlug mir entgegen. Es roch nach altem Papier und was weiß ich.
Und dann stand ich drin. Durch ein winziges Fenster unterhalb der Decke fiel Licht in den Raum, gerade genug um das notwendigste zu sehen. Bücherregale an allen Wänden, in der Mitte ein uralter Schreibtisch. Ein Kerzenleuchter, verziert mit Spinnweben wie fast alles hier. Das aufgeschlagene Buch lag mittendrin, aber..
Das Blut gefror mir dann augenblicklich in den Adern, als ich genauer zu dem Schreibtisch sah. »Oliver. Von dem hast du aber nichts gesagt!« Dabei deutete ich auf das Skelett, das halb über dem Buch geneigt lag. Eingehüllt in staubige Klamotten, die Knochenhand auf dem Buch schien derjenige irgendwann vor tausend Jahren hier umgekommen zu sein. Einzig die Haare lagen wirr auf dem Tisch und verliehen dem Knochenmann ein unheimliches Aussehen.

»Ähm, nein. Ich wusste nicht ob dich so etwas schreckt und dann wärst du vielleicht nie hierher gekommen.«

Zum Jammern blieb keine Zeit mehr. Dabei wusste ich nicht einmal, ob ich dann wirklich nicht her gekommen wäre. Immerhin war dieser Mensch schon ewig tot, was sollte er also noch anrichten? »Oliver, ich weiß ja nicht, aber ich rechne ja schon mit allem. Nur für den Fall, dass dessen Geist hier noch herumschwirrt.« Unwohl war mir schon, zugegeben. Alltäglich ist sowas ja auch nicht.

Oliver lachte. »Wenn, dann wüsste ich das.«

»Und die Zeit? Sagtest du nicht, dass Geister in unterschiedlichen Zeiten existieren?«

Da hatte ich ihn wohl erwischt. »Nun ja, möglich wäre es. Aber sieh dich doch mal um. Siehst du einen Geist?«

Ich nickte eifrig mit dem Kopf.

»Außer mir natürlich.«

»Nein. Aber komm, wir sind nicht zum Schwatzen hier.« Dabei war mir von Beginn an klar, dass ich dieses Skelett wohl oder übel anfassen musste. Seine Hand lag so blöd auf dem Buch, dass ich keine andere Chance hatte. Wehe, das alles war nur ein Spaß. Ich malte mir aus, was ich mit dem Bastler des Hologramms anstellen würde. Es sei denn, er sah aus wie Oliver. Der stand da und starrte mich an. »Was glotzt du so?«

Er zeigte auf den Schreibtisch. »Nichts, nichts. Das Buch.«

»Ja, ich weiß.« Damit schritt ich zu dem Schreibtisch. Etwas zögerlich nahm ich die Knochenhand und es knirschte wie ein trockenes Ästchen, als ich sie wegnahm. Als ich sie beiseite legen wollte, brach sie irgendwie ab und dann fielen die einzelnen Knochen auf den staubigen Boden.
Ich schreckte kurz zurück, weil das aussah als würde das Skelett leben. Natürlich war das Unsinn, aber man hat sehr schnell solche Eindrücke. Dann widmete ich mich diesem dicken Buch. Es lag so viel Staub darauf, dass man nur vereinzelt ein paar, mit Feder geschriebene Zeilen erkennen konnte. »Wieso willst du wissen, dass ausgerechnet in diesem Buch das Geheimnis steht? Man kann ja nichts lesen.«

Oliver sah mich eher etwas verklärt an. »Nun, ich.. vermute das eher.«

Jetzt drohte mir der Kragen zu platzen. »Wie bitte? Du vermutest?«

Er fuchtelte mit den Händen. »Pscht, nicht so laut.«

Das brachte mich noch mehr in Fahrt. »Ruhe? Wie soll man denn da ruhig bleiben? Erst verschweigst du mir dieses Knochengestell und dann bist du nicht mal sicher, dass wir hier überhaupt etwas finden, was uns weiterhilft?«

»Nun, ich.. ja, du hast recht. Aber ein Versuch ist’s doch wert, oder?«

Ich sah ihm in die Augen. Ja, verdammt. Diesen Jungen anfassen zu können, das war allerdings ein Versuch wert. »Oliver, ich warne dich. Wenn das alles hier ein Schauspiel ist, werde ich sehr wenig Verständnis dafür aufbringen können.«

Er grinste. »Das ist kein Spiel. Wie oft noch?«

»Ich hoffe es. In deinem Interesse. Und jetzt erzähl mir, wonach wir hier eigentlich suchen. Und vielleicht kannst du mir auch erklären, wieso dieser arme Tropf hier drin eingemauert wurde. Ohne Grab und so.«

»Keine Ahnung, Andreas, ich hab ihn schon so vorgefunden.«

»Und ich schätze, das ist tausend Jahre her.«

»Na ja, also so lange nun doch nicht.«

»Also los. Wo suche ich? Was vor allem?«

»Blätter mal in dem Buch«, sagte er und deutete auf den Schinken auf dem Schreibtisch. Ich fasste eine Seite an und im selben Moment zerbröselte das Blatt zu Staub. Ich musste husten. »Sorry, Kleiner, das war’s wohl. Ich nehme an, dass hier nur noch Hüllen herumstehen«, und zeigte auf die Regale.

Oliver lief die Regale ab und las auf den Buchrücken.

Mir kam das alles sprichwörtlich lateinisch vor. »Tut mir leid, Latein hab ich nie gelernt.«

»Das macht nichts. Ich kann’s dafür um so besser.«

»Ah, ich vergaß, du hattest ja Zeit.«

»So ist es. Hier, sieh mal da nach.« Dabei deutete er auf eines der Bücher.

Ich zog es sehr vorsichtig heraus und legte es auf den Schreibtisch. Dann schlug ich es auf und tatsächlich zerfiel es nicht gleich in tausend Fetzen.

Oliver deutete auf einen Stuhl. »Nimm und setz dich.«

»Du sagst jetzt nicht, dass wir alle Bücher durchlesen, oder? Dann geht es mir so wie dem da«, und zeigte auf das Skelett.

»Nein, aber blättere mal auf.«

Ich tat es und außer Text, den ich nicht lesen konnte, gab es auch Handzeichnungen darin. Doch die waren auch nicht besser zu deuten.

Oliver schien sehr schnell lesen zu können, ich sah das seinen Augen an. Und er las ganz leise vor. »Weiter.«

So ging die Zeit vorbei. Ich bekam Hunger, die staubige Umgebung sorgte für noch mehr Durst. »Wie lange schätzt du, dass das dauert?«, fragte ich ihn, nachdem ich die nächste Seite geblättert hatte.

»Weiß nicht, aber was da steht ist sehr interessant.«

»Oliver! Es war nicht abgemacht, dass du hier die Memoiren deiner Vorgänger studieren sollst.«

»Das sind keine Memoiren.«

»Und was bitte, ist es dann?«

»Warte. Blätter mal weiter.«

Langsam wurde ich ungeduldig, zudem begann es draußen zu dämmern. »Oliver, was ist denn nun?«

»Hm, da steht.. Moment..«

»Was um Himmels Willen steht da?

»Blätter.«

»Bitte?«

»Blätter mal weiter.«

Lag es an mir, an ihm? Wir wurden beide nervös. Ich weil ich wirklich keine Lust mehr hatte, und er, weil er scheinbar dem Geheimnis immer näher kam. Mich machte dann auch dieser Knochenmann langsam kribblig. Je öfter ich ihn mir ansah, desto mehr fürchtete ich, der würde jetzt doch seinen Kopf heben um.. Bewegte er sich? Blödsinn.

Doch dann schnaufte Oliver auf. »Ich glaube, ich hab’s.«

»Was hast du? Sag schon. Aber nicht, dass wir gekochte Fledermäuse und Rattenschwänze essen sollen.«

»Was heißt wir? Wenn ,dann nur ich. Aber so ist das eh nicht.«

»Sondern?«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, dann liegt die Lösung hier im Raum.«

Ich zeigte auf das Skelett. »An dem da?«

»Nein, an dem Raum an sich. Sieh mal auf deine Uhr.«

Ich hob meinen Ärmel an und hielt ihm die Uhr vors Gesicht. »Nun?«

»Stimmt das, was da angezeigt wird?«

Nun sah ich aufs Zifferblatt, aber schon der erste Blick sagte mir, dass die Zeit nicht stimmen konnte. Auf meiner Uhr war es noch immer kurz nach zehn. »Was bedeutet das?« Meine Uhr war noch nie stehen geblieben.

»Hier ist Zeit keine Größe. Das steht auch in dem Buch.«

»Das hilft mir aber jetzt nicht wirklich weiter.«

»Doch. Das Geheimnis liegt in diesem Raum. Wir sind in einer anderen Dimension.«

»Aha. Und was heißt das im Klartext? Hier bleiben bis zum Ende?« Mein Blick fiel wieder auf den Schädel vor mir.

»Eben nicht. Die Energie stickt hier drin.«

Oh ja. Hologramme sind pure Energie, sinnierte ich. Das war eigentlich nichts Neues. »Oliver, geht’s nicht ein bisschen konkreter?«

»All diese Bücher hier, zusammen in diesem Raum. Das ist die Energie. Und man kann sie freisetzen. Sie würde.. ach, das jetzt zu erklären ist zu müßig.«

»Nun, mein Lieber, ich fürchte dir wird nichts anderes übrig bleiben. Wobei ich zugeben muss, dass ich langsam aber sicher die Geduld verliere. Ich will jetzt hier raus. Heim. Was essen, trinken, schlafen.«

»Dass du so an diesen weltlichen Dingen hängst..«

Dafür hätte ich ihm eine Ohrfeige geben können, so zornig wurde ich. »Hör mal. Mag ja sein, dass diese Dinge für dich seit Steinzeiten keine Rolle spielen, aber ich.. möchte eigentlich noch etwas älter werden. Nicht hier vergammeln.«
»Ist ja schon gut. Du erinnerst dich, dass man mich verbrannt hat, damals.«

»Allerdings.«

»Wenn das alles hier in jenen Zustand versetzt wird.. «

Ich grübelte kurz. »Du meinst, wir müssen all den Kram hier anstecken?«

»Ich denke, so ist es.«

»Und dann?«

»Na ja, wichtig daran ist, dass ich hier drin bleibe.«

Ich schluckte. »Wie bitte?«

»Ja, zurück kann ich nur, wenn ich auch den selben Weg gehe. Durch das Fegefeuer.«

Okay, ich war auf alles gefasst, es war im Grunde völlig egal. Zudem wusste ich, dass Oliver im schlimmsten Fall gar nichts passieren konnte. Zwar gefiel mir der Gedanke daran überhaupt nicht, aber zum Glück musste ich ja nicht bei ihm bleiben. »Schön. Wenn dem so ist, wie machen wir das? Wie stellen wir es an, dass nicht die Feuerwehren aus dem ganzen Land hier auftauchen? Es wird Rauch geben und ich fürchte, nicht zu wenig.«

»Zeit. Wir haben den Faktor Zeit für uns. Bis die hier sind und diese Stelle gefunden haben, müsste es vorbei sein.«

»Vorbei sein.. was denn?«

»Dass ich hier herauskann, nicht mehr als Geist leben muss.«

Das klang natürlich wieder so ganz anders. Ich wägte kurz die Risiken ab. »Und die Leute hier?«

»Wir müssen das in die Nacht legen. Dann dauert es ewig, bis das jemand merkt.«

»Nacht. Klar. Bis dahin brauchst du nicht wieder lebendig zu werden, weil ich dann tot bin. So wie der da.«

»So schnell stirbt es sich nicht, kannst es mir glauben.«

»Na, ich weiß nicht.«

Ich lehnte mich zurück. Gut, ich würde es in der Tat erleben und mit Oliver Hand in Hand hier rauszukommen, das beflügelte meine Antriebskräfte. »Gut. Dann machen wir es so. Wir warten, nur ich hab jetzt keine Uhr mehr.«

»Macht nichts, ich kann nachsehen.«

Zack, weg war er, Augenblicke später wieder da. »Es ist Fünf Uhr Nachmittags.«

»Und wann schlagen wir zu?«

»Bis nach Neun müssen wir schon warten.«

Klasse. Ich war jetzt schon müde von der Anstrengung und keinen Plan, was man die ganze Zeit machen könnte. Hier bleiben schien mir nicht angebracht, die Gesellschaft mit dem Gerippe war mir eh suspekt. »Gibt’s hier sonst noch was zu sehen?«, fragte ich deshalb.

»Hier unten? Eher nicht. Weiter hinten in der Katakombe Gebeinnischen.«

»Was für Dinger?«

»Ganz früher hat man die Toten nicht beerdigt, sondern hier unten in Nischen an den Wänden untergerbacht.«

Ich winkte ab. »Oh, nein, danke. Der hier reicht, und zwar für den Rest meines Lebens. Es sei denn..«

»Was?«

Ich grinste frech.».. die haben alle noch ihren Schmuck an.«

Oliver zog die Mundwinkel hoch. »Also das hätte ich nicht von dir gedacht.«

»Man kommt auf allerlei Gedanken, vor allem hier unten.« Also schien es Fakt zu sein, bis zur Tat hier zu bleiben.

So versuchte ich wenigstens etwas zu dösen. Immerhin war es stil da unten und auch die Gefahr einer Überraschung schien nicht gegeben. Oliver verschwand für einige Zeit, um sich über die Lage in dem Gebäude zu informieren. Vielleicht konnten wir ja schon früher zuschlagen, nämlich wenn der letzte Besucher hier gegangen war. Vor allem dieser Heinrich Seltmann musste außer Reichweite sein, in dem sah ich das größte Problem. Typischer Schnüffler und solche Leute waren unberechenbar.
Währenddessen sorgte ich durch den Kerzenständer für das nötige Licht in dem Raum. Das sah dann noch einen ganzen Tick unheimlicher aus, aber ich versuchte, keine Emotionen an mich heranzulassen. Der Typ auf dem Schreibtisch war vermodert und sonst gab’s ja keinen Grund für Panik. Eigentlich.

Oliver kam irgendwann zurück und gab grünes Licht. »Die sind alle weg.«

»Auch Heinrich?«

»Der auch. Wir.. können loslegen.«

Hatte ich mich zuvor schon mental auf alles vorbereitet, so war es jetzt doch ziemlich blöd. Ich stand unter der Tür, mein Feuerzeug in der Hand und Oliver stand am Schreibtisch. Ich spürte, dass auch ihm alles andere als wohl war. Aber letztlich half alles nichts, außer einigen Gebeten, es möge gut gehen. »Oliver, bist du.. bereit?«

Er nickte. »Nun mach schon.«

Ungeduldig, der junge Mann. Ich schnaufte. Unter dummen Umständen könnte der ganze Bau abfackeln, das war sogar wahrscheinlich. Sollte es hier einen Raum mit der Elektronik geben, müsste sich der Insasse auch langsam Gedanken über seine Existenz machen. Aber allmählich drängte sich die Vorstellung an ein Hologramm doch aus meinem Kopf. Vielleicht hatte ich auch schon die Fähigkeit, an die realen Dinge des Lebens zu glauben, verloren.
»Okay. Wo sehen wir uns? Ich meine, das hier wird kein kleines Feuerchen.«

Oliver zog die Schultern hoch. »Ich weiß es nicht. Wir wissen ja nicht mal wie das ausgeht. Warte draußen am Auto auf mich.«

»Und wie komm ich am schnellsten hier raus?«

»Am sichersten so, wie du gekommen bist.«

»Klasse. Aber gut, was solls.« Dann erhellte die kleine Flamme meines Feuerzeugs meine Hand. Brennbares Material musste man hier wahrlich nicht suchen, ich fürchtete sogar, der Moder hier würde in einer einzigen Explosion verpuffen.
Ich drehte mich zur Seite und hielt die Flamme an eines der Bücher in dem Regal. Es fing sofort Feuer und mein letzter Blick galt Oliver. »Ciao mein Freund, bis nachher.« Ich gebe zu, ich musste schlucken. Aber dann blieb keine Zeit mehr für Sentimentalitäten.
In Sekunden stand das ganze Regal in Flammen und ich musste, ob ich wollte oder nicht, in den Gang draußen zurückweichen. Ich sah noch einmal in den Raum, der sich schnell mit Rauch füllte und hechtete dann los.

Doch schon nach wenigen Metern kam der Schock. Es gab kein Licht mehr hier drin und überhaupt, woher waren wir gekommen? Ich Idiot hatte die Zeit da drin verplempert, statt den Fluchtweg auszuloten. Jetzt blieb dazu kaum die Zeit. Also lief ich zunächst immer geradeaus, mein Feuerzeug musste als Beleuchtung herhalten. Rechts kamen Gänge, links auch. Kein Anhaltspunkt, keine Chance.
Keuchend blieb ich stehen und sah zurück. Noch war alles Dunkel da hinten, aber dann lauschte ich. Schrie da jemand? Gotterbärmlich? Mein Gott, ja. Oliver schrie, ich kannte seine Stimme gut genug.
Zurück? Und dann? Helfen konnte ich ihm nicht mehr, egal wie. Panik kam in mir auf. Geradeaus weiter, vielleicht brannte die Hütte doch nicht so einfach ab wie gedacht. Genau das betete ich dann auch. Ein paar mal polterte es von hinten, wahrscheinlich fiel zumindest die Bibliothek in sich zusammen. Doch all das half mir nicht. Raus, ich musste so oder so hier raus.
Nach was weiß ich wie viel Metern hielt ich an. Es war sinnlos, den richtigen Weg zu finden eher ein Glücksfall. Ich wusste doch, dass die Sache einen Haken haben würde. Nur leider war mir nicht klar, welch fatalen. Ich hörte nichts mehr, auch blieb es dunkel. Womöglich stand aber schon alles Oberirdische in Flammen und nur hier unten war man sicher.

»Pscht.«

Ich hörte es ganz deutlich und mein Herz wollte stehen bleiben. »Hallo?«, rief ich verhalten.

»Andreas.«

Ich fuhr entsetzt herum, versuchte mit der kleinen Flamme des Feuerzeugs etwas zu sehen. »Oliver? Wo bist du?«

»Hier.«

»Wo hier?«

Meine Feuerzeugflamme flackerte plötzlich, als würde sie ein Luftzug streifen.

»Neben dir.«

Noch ein paar Mal drehte ich mich im Kreis. »Wo neben mir? Mach keine Scherze mit mir.«

Ich hörte, wie Oliver die Nase hochzog. »Ich scherze nicht. Es ist.. wohl schief gegangen.«

»Wie bitte? Was? Warum?«

»Ich bin.. wieder unsichtbar.«

Das klang so seltsam in meinen Ohren. »Unsichtbar?«

»Ja.«

Was hätte ich darauf noch sagen sollen. Mich traf fast der Schlag. Im Grunde hätte ich ja mit Oliver, so wie ich ihn kannte, noch leben können. Irgendwie wenigstens. Aber jetzt war er nicht einmal sichtbar und spätestens an der Stelle begrub ich nun meine These vom Hologramm. Es war unsinnig, so eine Einlage einzuschieben. »Und.. jetzt?«, fragte ich völlig ratlos.

»Weiß nicht. Komm, du musst hier raus bevor das Theater da oben losgeht.«

Bei allem was vorher recht war, aber jemandem zu folgen den man nicht einmal sehen konnte, das würde alles andere als spaßig. »Oliver, du machst wirklich keine Scherze?«

»Nein, verdammt. Ich weiß nicht was schief gegangen ist, aber wir haben jetzt keine Zeit dafür. Wenn man da oben dein Auto findet, weiß man wer das Feuer gelegt hat. Komm jetzt.«

Er hatte ja so recht. Ich wusste nicht, ob ich das alles jetzt verfluchen sollte, sicher war nur, dass es vorher um so vieles besser war. Ich hatte Olivers Aussehen jetzt nur noch im Kopf. Keine Fotos, nichts. Aber dem Gedanken, ob das für immer so bleiben musste, konnte ich nicht nachhängen.

»Nun mach schon«, drängelte er und in seiner Stimme schwang echte Sorge mit.

Er sagte einfach immer, wo ich abzubiegen hatte, bis wir irgendwann in den Lichthof kamen. Oben durch den Lichtschacht fiel nur die Schwärze der Nacht, kein Feuerschein. Vielleicht bemerkte das Feuer ja gar keiner. Um so besser, dachte ich und kroch in die Röhre. »Bist du noch da?«

»Ja, vor dir.«

Das war wirklich zum kotzen. »Okay«, sagte ich und robbte die Röhre entlang, bis mir frische Luft entgegen schlug. Wie schon einmal streckte ich mich und holte tief Luft.
Alles ruhig hier draußen. Keine Sirenen. Eine Eule war zu hören, sonst nichts. »Glaubst du, der Brand wurde bemerkt?«

»Warte mal«, hörte ich und das drohte mich schon jetzt, ziemlich nervös zu machen. Eigentlich war es, als wenn man Blindekuh spielt. Wie ging das bloß weiter? Ich verdrängte die Gedanken daran und lauschte. War er noch da? Oder nicht?

»Alles okay«, hörte ich ihn dann sagen. »Von außen sieht man nichts.«

Ich atmete auf. »Okay, das ist ja schon mal gut dass es keine Feuermelder gab. Damals, zu deiner Zeit.«

Ich hörte ihn leise lachen. »Trotzdem solltest du hier keine Wurzeln schlagen.«

»Nein, sicher nicht. Nach Hause, duschen.. «

».. essen, trinken, rauchen. Ich weiß. Komm jetzt.«

Wenig später saß ich in meinem Wagen. Fertig, nichts als total fertig. Nur noch nach Hause, mehr wollte ich nicht. »Was wird jetzt?«, fragte ich und begann mich daran zu gewöhnen, dass ich mehr oder weniger Selbstgespräche führte. Ein dennoch ziemlich desolater Umstand. Dauernd zu fragen, wo er wäre. Immer damit rechnen müssen, dass er in meiner Nähe war. Aber mithin gab’s ja auch Schlimmeres.

»Fahr nach Hause. Ich muss mir was einfallen lassen.« Seine Stimme kam zum offenen Wagenfenster.

»Möchtest du nicht mitkommen?«

»Eher nicht. Ich muss einen anderen Weg finden und ich denke, den gibt’s nur hier.«

Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. »Oliver?«

»Ja?«

»Was ist, wenn es keinen Weg mehr gibt? Ich meine, die Bücher sind alle weg und so.«

»Dann gibt es keinen Ausweg aus dem Fluch.«

Das klang resigniert und er begann mir richtig leid zu tun. »Oliver, ich.. wir haben doch Zeit, oder?«

»Was heißt Zeit?«

»Ich meine, es kommt doch nicht auf den Tag an.«

»So gesehen, nein. Aber ich dachte ja weniger an mich.«

Mir dämmerte, was er sagen wollte. »Hey Kleiner, was ich damit sagen will: Ich möchte, dass wir zusammenbleiben, egal was kommt.«

»Aber Andreas, du kannst doch.. wir können doch gar nichts miteinander anfangen.«

»Mir egal. Lieber einen unsichtbaren Geist als niemand. Vergiss nicht, ich hab mich in dich verknallt.«

Er sagte eine Weile nichts.

»Komm, wir fahren zu mir nach Hause. Du kannst immer noch nach einer Lösung suchen, jetzt brauche ich dich.« Das klang selbst in meinen Ohren doof, aber ich meinte es wirklich so.

Ich versuchte mich auf der Heimfahrt daran zu gewöhnen, dass er immer in meiner Nähe sein würde ohne dass ich es mitbekam. Trotzdem wollte ich einige Sicherheit. »Sag mal, wie kannst du mir klarmachen, wann du um mich bist und wann nicht? Ich meine, immer zu fragen ist blöd.«

Seine Stimme kam vom Beifahrersitz. »Es gibt eine Lösung. Ich sage immer wenn ich bei dir bin und wenn ich gehe. Das werde ich als Ehrenwort auslegen und du musst es mir einfach glauben.«

Ich nickte, damit konnte ich leben.

Ich, bzw. wir trafen in dem Moment bei mir zu Hause ein, wo es Nachtessen gab. Etwas später als üblich, aber mir war das recht. Dauernd musste ich daran denken, dass Oliver in meiner Nähe war. Neben mir irgendwo.
Und ich konnte nicht mit ihm reden, während ich am Esstisch saß. Aber das taten eh meine Eltern, die meinen Tag geschildert haben wollten. Es war beileibe nicht einfach, die Dinge, von denen ich ihnen erzählte, aus den Fingern zu saugen. Die hatte es ja schlicht gar nicht gegeben und logischerweise musste ich von Oliver gar nicht erst anfangen. Aber das taten sie.

»Wo ist ein eigentlich dein seltsamer Freund?«, fragte mich meine Mutter, woraufhin mir ein Bissen im Hals stecken blieb. »Ach der. Hat sich erledigt. Ist wohl doch nicht so das Wahre.«
Das Wissen, Oliver hörte jedes Wort, bremste dann nähere Ausführungen. Zwar würde er meine Notlügen verstehen, aber ich wollte ihn keinesfalls unnötig kränken.

Mein Vater nickte. »Ja, scheint wohl so.«

Wäre ich nach dem Essen noch sitzen geblieben, hätte ich kein Bett mehr gebraucht. Meine Augen versuchten zuzufallen und ich verabschiedete mich in die Falle. Die Uhrzeit dafür war okay, außerdem wollte ich noch ein bisschen mit Oliver reden. Unter anderem wollte und musste ich mich an diese Umstände gewöhnen.

Später stand ich im Badezimmer, ausgezogen bis auf meine Boxer. »Ich werde mich jetzt ganz ausziehen«, sagte ich in den leeren Raum.

»Ich kann raus, wenn du willst. Ich hätte dich das eh gefragt.«

»Ob du raus sollst?«

»Ja.«

»Schöner Zug von dir. Aber ich denke, das ist nicht nötig. Ich hab ja nichts zu verbergen.« Natürlich sagte ich das einfach so dahin. Zu wissen, dass ich von einem gutaussehenden jungen Mann beobachtet wurde, das war so schrecklich einfach nicht. Ich lehnte mich an das Waschbecken. »Oliver? Darf ich dich mal was fragen?«

»Nur zu.«

»Wenn du nur noch zwei Wünsche hättest, nämlich erstens wieder sichtbar zu sein, aber Geist bleiben zu müssen oder so zu sein wie jetzt, unsichtbar: Welches würdest du vorziehen?«

Eine lange Pause. »Dann lieber sichtbar.«

Ich nickte und sah zum Spiegel hin. Endlich wurde mir bewusst, dass dieser Tag einiges von mir abverlangt hatte. Erstaunlich, wie gut ich Olivers Bild noch im Kopf hatte. Doch dann starrte ich weiter auf den Spiegel. Meine Illusion bewegte sich. Rasch sah ich mich noch einmal im Bad um, aber ich war alleine. Zumindest der sichtbare Teil hier. »Oliver, wo stehst du?«

»Hier, an der Tür.«

Ich stand langsam auf und ging zum Spiegel. Tatsächlich, da lehnte er an der Tür mit verschränkten Armen und sah mich an. »Heb mal deinen Arm«, sagte ich mit stotternder Stimme.

»Wozu?«

»Tu es einfach.«

Mir trocknete der Mund aus. »Oliver, ich kann dich sehen; durch den Spiegel.«

»Was kannst du?«

»Ich sehe dich.« Freude kam in mir auf, helle Freude sogar. Egal was in Zukunft passieren würde, ich konnte ihn sehen.

Er kam auf mich zu und stellte sich neben mich. Durch den Spiegel fuhr ich ihm über das Gesicht. »Siehst du.. ich weiß genau wo du bist.«

Er lächelte. Mein Gott, dieses süße Lächeln. Diese Grübchen, die wilden Haare. Ich zwickte mir vorsichtshalber in den Arm, aber ich wachte nicht auf. »Oliver.. das ist toll.«

Er lächelte weiter. »Findest du?«

»Mensch, freu dich doch. Das hätte doch viel schlimmer sein können. Ich sehe dich.. gut,
Okay, das ist wenig, ich geb es zu. Aber besser als nichts, oder?«

Er spitzte den Mund und küsste mich auf die Wange. Ein Schauer lief über meinen Rücken, auch wenn ich nichts spürte. »Das ist schön. Sehr schön.«

Eine ganze Weile standen wir so da. Ich konnte mich gar nicht an ihm Sattsehen. »Warte mal«, sagte ich dann und kramte aus dem Schminkschrank einen Handspiegel. Ich hielt ihn seitlich vor mich und da war er. Ja, das war unglaublich. »Oliver, weißt du was das heißt? Ich kann dich sehen, wann immer ich möchte.«

Wieder dieses Lächeln. Natürlich hätte ich in meiner Freude alles dafür getan, ihn in den Arm zu nehmen und zu streicheln, zu küssen, zu liebkosen. Man kann halt nicht alles haben, sagte ich mir. »So, mein Lieber. Ich gehe unter die Dusche – und du gehst mit.«

»Danke für die Einladung, aber wie du weißt hab ich nichts davon.«

»Aber ich. Ich wäre dir jetzt sehr verbunden, wenn du dich ausziehst.«

Er nickte verlegen. »Ich wusste, dass das jetzt kommt.«

»Hey, gleiches Recht für alle. Und außerdem ist es ja nicht das erste Mal.«

Oliver grummelte. »Man müsste nur noch wissen, was du davon hast.«

Ich trat in die Duschwanne und zeigte zum Spiegel. »Schau mal: Wenn ich die Türchen zur Dusche auflasse, kann ich uns im Spiegel sehen. Das hab ich davon.«

Oliver schüttelte lächelnd den Kopf. »Na gut, was solls.«

Er zog sich langsam aus. Entweder vor Scham oder weil er mich ärgern wollte. Nur irgendwie verrenkt man sich total, wenn man zwar weiß, dass jemand neben einen steht, ihn aber nur durch einen Spiegel sehen kann.

»Den Rücken kann ich dir jedenfalls nicht waschen«, bemerkte er dann auch folgerichtig.

»Macht nichts, das krieg ich ja sonst auch alleine hin.« Der Spiegel war zu weit entfernt, als dass ich Olivers Körper genauer betrachten konnte. Schließlich kannte ich ihn zwar aus der Badewanne, aber einmal ist keinmal. Und sich an Oliver Sattsehen, das war schlicht gar nicht möglich. Durch diese Umstände angestachelt konnte ich eine langsam beginnende Erektion nicht vermeiden. Mir war klar, dass ich sie nicht vor ihm verbergen konnte und dass ich das auch gar nicht wollte. Irgendwann, so sagte ich mir, kommt die Revanche. Dann würde ich ihn aus so sehen können und anfassen und lauter so schöne Sachen mit ihm machen.
Schließlich zog ich doch die Türen zur Dusche zu.

»Was machst du denn jetzt?«, fragte Oliver etwas erstaunt.

»Erstens wird der Boden im Bad nass, zweitens versuche ich mich einfach dran zu gewöhnen. Ich meine, dass du mich so siehst wie ich bin.«

»Aha.«

»Ja, sieh mich ruhig an. Ich werde das mit dir auch bald machen können, wart’s nur ab.«

Das Gespräch konnte meinen Schwanz nicht ablenken. Im Gegenteil. Mich reizte es plötzlich, dass mir jemand dabei zusah und dass dieser Jemand, ob unsichtbar oder nicht, auch noch recht hübsch war. Ich seifte mich ein und tat so, als wäre ich wirklich alleine. Dazu kam, dass ich jetzt nicht wusste ob er überhaupt noch hier war. Nachsehen wollte ich nicht und so nahm ich einfach an, er wäre gar nicht da.
Ich begann meinen Schwanz einzuseifen, der hatte eh schon seine Endstellung erreicht. Abstrus war das Ganze, ohne Zweifel, aber es gelang mir die Vorstellung, Oliver würde das bei mir tun. Ein kribbelndes Gefühl war das, diese Ungewissheit. Stand er direkt neben mir, beobachtete jede meiner Bewegungen? Ich an seiner Stelle würde es tun, dachte ich so für mich. Andererseits, er hatte davon nichts, gar nichts.
War es sogar unfair was ich vorhatte? Mir einen runterzuholen unter seinen Augen und ihm schmerzhaft klar machen, dass er das nicht konnte? Nein, das durfte ich nicht. Rasch ließ ich meine Hand den Bauch hochwandern und seifte meine Brust ein. Allerdings beeilte ich mich dann damit, denn ich fürchtete, überhaupt schon viel zu weit gegangen zu sein.
Ich öffnete die Türen und sah hinüber zum Spiegel. Aber ich sah nur mich. »Oliver?« Nichts, keine Antwort.

»Bist du hier?« Ich stieg aus der Dusche und suchte im Spiegel das Badezimmer ab, aber ich war offenbar alleine. »Hallo? Wo bist du?«
Rasch trocknete ich mich ab und zog mir frische Sachen an. Immer wieder fiel mein Blick dabei in den Spiegel.
Plötzlich stand er neben mir. »Wo warst du denn? Hattest du nicht vor, mir zu sagen wenn du gehst? Weißt du, ich erzähle und erzähle und du bist gar nicht da.«

Oliver war inzwischen wieder angezogen und sah verlegen sah zu Boden. »Ich.. ja, entschuldige.«

Fragen, warum er gegangen war, wollte ich ihn nicht. Die Gründe waren mir auch so völlig klar. »Nein, nicht du. Ich war ein Tölpel.«

»Du?«

»Komm, lass uns in mein Zimmer gehen. Ich denke, darüber können wir ein andermal reden.«

In meinem Zimmer war es nicht so schwierig. An meinem Schrank hing dieser Spiegel, über die ganze Tür. Gelegentlich saß ich davor und holte mir einen herunter. Ne komische Angewohnheit, aber das passierte schon mal. Nun konnte ich die Tür etwas öffnen und dann darin mein Bett sehen. Nicht das Nonplusultra, aber besser als nichts. Kurzzeitig dachte ich an einen Deckenspiegel, aber den hätte ich meinen Eltern dann doch erklären müssen. Außerdem ging ich nicht davon aus, dass das für ewige Zeiten so bleiben würde.
Ich legte mich auf mein Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. So konnte ich sehen, dass Oliver am Fußende auf meinem Bett saß. »Du kannst dich gern neben mich legen, wenn du möchtest.«

Er spielte mit einen Fingern, dann sah er mich an. »Eher nicht. Ich möchte jetzt gehen, wenn es dir recht ist.«

Okay, das musste ich akzeptieren. »Es ist nicht leicht für dich, stimmts?«

Er nickte. »Ich sollte wirklich lieber zurück und zusehen, wie wir das in Ordnung bringen können.«

»Klar. Aber, Oliver: Du kannst immer kommen, egal wann. Ich denke doch, dass wir Freunde sind, oder?«

Sein Lächeln war wirklich umwerfend. »Klar, ich sage dir wenn ich da bin. Aber ich denke, ich werde erst wiederkommen, wenn ich etwas gefunden habe, was uns weiterhilft.«

Dann stand er auf und verschwand. Einfach so. Und hinterließ bei mir den Eindruck, völlig zerknirscht zu sein. Vielleicht war ich viel zu weit gegangen, aber immerhin war das alles auch nicht grade einfach für mich. Sich in einen Jungen zu verknallen, den man nicht einmal anfassen konnte. Wo gab’s denn sowas? Bevor ich einschlief, drückte ich beide Daumen, dass er eine Lösung finden würde. Ich wollte ihn haben, als Mensch.
..be to continue…..

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