Die Hütte am Torfmoor – Teil 4

Gerdas Geheimnis
Wieder dieser merkwürdige Unterton. So als würde sie diese Freundschaft nicht billigen. Aber was konnte Mario schon machen? Er war erst 16, sie verantwortlich für ihn. Es gab keinen Ausweg.
» Schön, ich begleite dich ein Stück«, sagte er zu Felix, der Tonfall seiner Stimmung entsprechend.
Felix verabschiedete sich von der Bruhns und sie traten vor die Tür.
» Diese Hexe; langsam beginne ich sie zu hassen. Warum lässt sie mich nicht mit zu dir?« fragte Mario aufgebracht.
» Das kann viele Gründe haben. Möglicherweise ahnt sie ja schon, dass wir beide…«
» Red keinen Blödsinn. Wir haben nicht das Geringste getan, das ihr hätte verdächtig vorkommen können. Nein, ich glaube sie will mich für sich… sie duldet niemanden in meiner Nähe.«
Felix kräuselte die Stirn. » Eifersucht? Unsinn, was soll sie von dir wollen?«
» Ich glaube, sie will alleine mit mir sein, um ihrer Vergangenheit nachhängen zu können, das ist es, was sie will. Sie ist alleine hier draußen, tagein, tagaus. Jetzt ist endlich mal jemand da und dann wäre der auch noch weg – mit einem Freund in einem anderen Haus. Kann schon sein, dass das so ist.«
» Und dass sie hinter dir her sein könnte, dieser Gedanke ist dir vielleicht noch nicht gekommen? Du siehst aus wie 18 – und du bist dermaßen hübsch…«
Mario fuchtelte mit den Armen. » Du spinnst. Eine alte Schachtel, die sich an ihren Neffen heranmachen will? Auf so einen Blödsinn kannst auch nur du kommen.«
Felix sah sich um, versicherte sich, dass sie niemand beobachtete und gab Mario flüchtig einen Kuss auf die Wange.
» Hey, bitte, tu das nicht.«
» Oh, Sinneswandel?«
» Dummkopf. Du machst mich ganz fusselig und jetzt hab ich nicht mal was von dir. Aber wenn man uns sieht? Ich habe so das Gefühl, meine Tante ist nicht von der toleranten Sorte in dem Fall. Und Gerda, der trau ich erst mal auch nicht.«
» Oh, Mario, glaubst du, ich gehe gern allein da rüber ins Haus? Ich hatte mir die Nacht auch anders vorgestellt.«
Mario überlegte kurz, dann schnippte er mit dem Finger. » Ich hab ne Idee!«
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» Gute Nacht, Tante Margot«, rief er später von der Treppe zum Obergeschoss herab.
» Nacht mein Süßer und träum was Nettes. Wann möchtest du zum Frühstück erscheinen?«
Es wunderte ihn, dass sie ihm keine Zeit vorgab.
» So um halb neun herum.«
» Schön, ich werde auf dich warten.«
Mario zog die Zimmertür zu und warf sich auf das Bett. Nachdenklich starrte er an die Decke. Der Abschied von Felix war ihm vorgekommen, als würden sie sich nie wieder sehen. Dabei konnte es sich nur um Stunden handeln, dafür würde er sorgen.
Er wusste noch nicht, wann seine Tante schlafen zu gehen pflegte, aber er würde lange genug warten. Alle seine Pläne wurden ständig von Felix’ Gesicht in seinem Kopf begleitet. Eine unheimliche Kraft zog ihn zu ihm hin.
Er stand auf und ging ans Fenster. Die Birke vor dem Haus stand nahe genug, um an ihrem Stamm hinabklettern zu können. Nur herauf würde es auf diesem Wege nicht mehr zu schaffen sein. Fest stand nur, er würde diese Nacht nicht hier verbringen. Vor allem nicht alleine.
Wie in weiter Ferne war der Fernseher zu hören. Mario setzte sich auf die Fensterbank und zündete sich eine Zigarette an, bis morgen früh würde man es nicht mehr riechen.
Ein Kauz rief vom Feld herüber und irgendwo bellte ein Fuchs. Bis zu Paulsens Haus war es ein knapper Kilometer. Wenn ich gut bin, könnte ich diese Strecke in 15 Minuten schaffen, dachte er. Das war nicht zu lange und ließ ihm auch am Morgen genügend Spielraum.
Kurz vor elf verstummte der TV und die Lichter im unteren Stockwerk wurden gelöscht. Leise ging er zum Fenster und lehnte sich weit hinaus. Kein Geräusch war zu hören, seine Tante schien ins Bett gegangen zu sein. Wenn nicht – sein Alter würde einen Ausflug rechtfertigen. Sollte sie ihn erwischen, musste er ihr nicht zwangsläufig den Grund für dafür nennen.
» Hi Felix. Sie schläft jetzt und ich seile mich ab. Bin in einer Viertelstunde bei dir, okay?« flüstere Mario in sein Handy.
» Okay. Aber pass auf, dass sie dich nicht erwischt.«
Langsam ließ sich Mario an der rauen Rinde der Birke hinab. Dass seine Klamotten darunter litten und er ein paar Schrammen davontrug, war ihm egal.
Wie eine Katze schlich er an der Hauswand entlang und nahm dann den Weg in die Heide. Nur die schmale Sichel des Mondes deutete ihm mit schwachem Licht den Weg. Er entschloss sich, eine zeitlang zu sprinten. Ein Blick auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr, dann rannte er los. Irgendwann würde das Grundstück der Paulsens auf dem Weg auftauchen, verlaufen konnte er sich nicht.
Keuchend blieb er stehen, stützte sich auf seine Schenkel und atmete tief durch. » Acht Minuten«, stöhnte er. Das war schlecht, früher glaubte er so an das Ende der Welt laufen zu können.
Langsam ging er weiter, sah nach oben zu den Sternen, die man nur hier so sehen konnte. Dann rannte er erneut los, ignorierte das Seitenstechen.
Wenig später tauchte ein einzelnes Licht in der Dunkelheit auf. Als er näher kam, waren die Umrisse der großen Villa zu sehen und man konnte das Quaken der Frösche vom See herüber hören.
Nichts regte sich in dem Haus, nur dieses eine Licht im ersten Stockwerk brannte. Mario war sich nicht sicher, ob es Felix’ Zimmer war oder das der Bediensteten. Aber im Grunde war es egal, sie würden sicher nicht sofort mit Flinten auf ihn schießen.
Er nahm sein Handy.
» Ich steh vor dem Haus.«
» Okay, ich komm runter.«
Leise öffnete sich die Tür und Mario wurde von dem Jungen in die Diele gezogen. Noch während er die Tür schloss, drückte Felix Mario an sich und küsste ihn.
» Ein paar Stunden getrennt und solch eine Sehnsucht – das hab ich nicht für möglich gehalten«, flüsterte Felix.
» Komm rauf, man muss uns hier nicht erwischen.«
Leise schlichen sie die Treppe nach oben. Mario ließ sich führen, da es in dem Haus praktisch stockdunkel war.
» Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll – ich glaube ich hab mich unsterblich in dich verliebt«, flüsterte Mario, als sie in Felix’ Zimmer standen.
» Glaubst du, mir geht es anders?«
Erst jetzt sah Mario, dass Felix nur einen knappen Slip anhatte. Im schwachen Licht der Nachttischlampe kam es ihm wieder so vor, als stünde eine Statue des Adonis vor ihm. Er nahm Felix’ Kopf in seine Hände.
» Du bist so unwahrscheinlich schön. Unglaublich, dass die Weiber das Haus nicht umlagern.«
Felix lachte. » Es genügt, wenn da ein Boy vor mir steht. Komm, zieh dich aus, die Nacht ist nicht mehr lang.«
Mario spürte einerseits die heftige Erregung, die ihn bei diesen Worten erfasste, andererseits kam ihm diese Einladung ziemlich plötzlich. Er hatte nicht mit einer solch stürmischen Begrüßung gerechnet.
» Du willst … du möchtest, dass wir…?«
» Klar, oder ist dir nicht danach? Ich sage es einfach mal so: Ich bin ungeheuer scharf auf dich. Ich möchte dich haben. Hier und jetzt.«
Er kniete sich vor Mario und zog ihm mit zitternden Händen die Shorts herunter, küsste seinen Bauchnabel, fuhr mit der Zunge zum Brustkorb und saugte an den kleinen Nippeln. Er tastete sich über Marios Gesicht, seinen Hals, seinen Mund. Fest presste er seine auf Marios Lippen, ihre Münder öffneten sich.
Mario schob ihn ein Stück von sich. » Nicht so stürmisch. Ich…«
Felix hörte nicht zu, küsste ihn und wieder trafen sich ihre Zungen. Mario spürte, wie die Hitze in ihm aufstieg, wie er zu zittern begann. Alles war jetzt so neu, so aufregend. Nichts dagegen ihre erste Berührung in der alten Hütte oder unten am See.
Erneut kniete sich Felix vor ihm hin und zog ihm langsam den Slip herunter. » Komm, auf dem Bett ist es bequemer«, sagte er erregt.
Er zog Mario mit und sie ließen sich auf das große Doppelbett fallen. Mario ließ sich gehen. Er strich Felix durch die Haare, leckte an seiner Brust, den Schläfen, am Kinn.
» Du bist so geil… und wie du riechst… Wahnsinn!«
Sie verschmolzen zu einem einzigen Körper und vergaßen alle Tabus.
Mario erforschte jeden Zentimeter seines Freundes, so wie der es auch bei ihm tat. Sie waren beide zu aufgeregt, als dass es zu einem schnellen Ende gekommen wäre. Immer wieder machten sie eine kleine Pause, um neuen Anlauf zu nehmen. Das Wissen, genug Zeit zu haben und nicht gestört werden zu können, machte die Situation mit jeder Minute prickelnder.
Atemlos lagen sie nach dem ausgiebigen Liebesspiel nebeneinander. Die Luft in dem Raum war trotz geöffnetem Fenster heiß und erfüllt mit aufregenden Gerüchen.
Mario hatte sich in den Jahren alles Mögliche vorgestellt. Wie sich ein Junge anfühlt, wie er schmeckt, wie er riecht. Was er mit einem machen wollte, wenn es soweit wäre. Aber all das waren Vorstellungen, die durch diese Nacht an Bedeutung verloren. Man konnte es sich gar nicht ausmalen, man musste es getan haben. Er hatte einen Vorgeschmack bekommen in der Hütte, aber erst jetzt wurde er sich dieser Sache richtig bewusst.
Eng umschlungen schliefen sie nach diesem ereignisreichen Tag ein.
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Felix wachte als erster auf, ein Blick auf die Uhr mahnte zum Aufbruch. Er gab Mario einen Kuss.
» Hey Kleiner, aufstehen.«
Mario streckte sich. » Ist nicht wahr, oder? Mitten in der Nacht.«
» Ja schon, aber es wird bald hell, du musst zurück.«
Mario stützte seinen Kopf auf den Arm und streichelte über Felix’ Bauch. » Oh Mann, ich könnte schon wieder.. Du warst ganz toll, ehrlich.«
» Du auch. Aber du musst jetzt gehen, deine Tante darf nichts merken. Wenn sie rauskriegt, dass du die Nacht hier warst, wird sie sich erstens alles Mögliche denken und dich zweitens in deine Bude sperren für den Rest der Zeit. Ich erwarte dich um neun, wir nehmen deine Fotoausrüstung und gehen den ganzen Tag weg.«
Sie küssten sich lange, bevor Mario beschwingt das Haus verließ und ebenso geisterhaft verschwand wie er gekommen war.
Kurz vor Sonnenaufgang stand er unter der Birke vor dem Haus. Der untere Bereich des Baums war ohne Äste, auf diesem Weg konnte er nicht mehr zurück, aber er hatte bereits einen Plan.
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Er musste grinsen, als seine Tante im Morgenmantel, ungeschminkt und mit absolut wirren Haaren auf die Terrasse kam. Wahrscheinlich war ihr der Auftritt peinlich.
» Ach, du bist schon auf? Das ist aber früh. Konntest du nicht schlafen?«
Mario lag in der Hängematte, die in einer Ecke der Veranda gespannt war, und schaukelte anscheinend gelangweilt hin und her.
» Ich bin aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Es ist so schön heute Morgen, deshalb bin ich raus.«
» Na schön, dann mach ich mich fertig und wir können ja schon mit dem Frühstück beginnen.«
Mario bemerkte, dass seine Tante an diesem Morgen nicht sehr gesprächig war. Könnte ihr missfallen, dass er ein gewisses Eigenleben führen wollte? Felix war ihm nun wichtiger als alles andere und er würde sich gegen allzu grobe Einschränkungen ab jetzt zur Wehr setzen.
Während sie frühstückten sagte sie: » Hör mal, ich hatte gestern Abend noch einen Anruf.«
Mario setzte die Kaffeetasse ab. Was immer jetzt auch kommen sollte, er würde sich zu nichts zwingen lassen. Aber musste er vielleicht früher nach Hause? Gab’s dort Probleme? Gespannt wartete er, bis sie fort fuhr.
» Ein alter Freund hat sich seit Jahren mal wieder bei mir gemeldet.«
Auch wenn er damit zunächst nichts anfangen konnte, atmete er etwas auf.
» Wir standen vor langer Zeit öfter zusammen auf der Bühne und nun hat er mich zu sich nach Hause eingeladen. Er ließ sich davon nicht abbringen, auch nicht, als ich von dir erzählte. Dass du hier bist und deine Ferien in meinem Haus verbringst.«
Jetzt war es heraus. Er würde mitfahren müssen zu diesem Freund und sein Vorsatz sich gegen ihre Reglementierungen zu wehren, bekam Risse. Nichts könnte er dagegen ausrichten, gar nichts. Sie würde ihn mitschleppen, wie auf diese Party.
» Und nun?« fragte er, obwohl er die Antwort schon ahnte.
» Nun, es ist nicht ganz einfach. Er meinte, im Grunde hätte er schon nichts dagegen, dass du mitkommst, aber er ist darauf nicht vorbereitet. Er sagt, sein Haus würde gerade umgebaut und in der Hotelsuite, in der er vorübergehend wohnt, wäre nicht genug Platz. Außerdem ist er der Meinung, dass wir alte Leute dich nur langweilen würden.«
Wie Recht er doch hatte. Es begann wieder gut auszusehen: die Chance, nicht mitkommen zu müssen, stieg.
» Und was bedeutet das nun?«
» Ich konnte ihn nicht abwimmeln. Nun ja, genau genommen wollte ich das ja auch nicht. Er ist ein sehr feiner Mensch und ich möchte unsere Freundschaft nicht einfach brach liegen lassen.«
Gerda schenkte ihnen Kaffee nach.
» Nun hab ich halt ein Problem. Zeitlich lässt sich das nicht anders machen, denn im Gegensatz zu mir ist er noch immer aktiv im Bühnenleben. Also werde ich fahren. Gerda kann sich die drei Tage um dich kümmern. Ich habe schon mit ihr gesprochen«, sagte sie und Gerda nickte freundlich.
Am liebsten hätte Mario Hurra geschrieen. Gerda war kein Hindernis, notfalls würde er sie genau so behandeln, wie es untergebene Bedienstete verdienen. Er kannte diese Art und Weise zu denken von sich nicht, aber für Felix war ihm jedes Mittel recht.
» Wann fährst du?« fragte er.
» Noch heute Mittag. Mein Flugzeug nach Stockholm ist schon gebucht.«
» Oh, Stockholm. Sicher eine sehr schöne Stadt.«
Er hätte sich nun über jedes Thema mit ihr unterhalten. In seinem Kopf rechnete er sich die Stunden hoch, wann er Felix wieder sehen würde, alles andere versank in Bedeutungslosigkeit.
» Schön, wie mir scheint bist du nicht sonderlich traurig, wenn ich ein paar Tage nicht hier bin.«
Wieder gefiel ihm ihr Unterton nicht, aber immerhin hatte sie Recht. Von ihm aus hätte sie den Rest seiner Ferien am Nordpol verbringen können.
» Also, ich habe mich vergewissert, dass es dir an nichts fehlen wird. Gerda bleibt im Hause und sorgt für Ordnung. Im Übrigen – nur damit du Bescheid weißt – dulde ich keine fremden Besuche in meinem Haus, wenn ich nicht da bin.«
Das war deutlich und entschlossen. Mario krampfte sich zusammen.
» Und was ist mit Felix?«
» Der ist im gewissen Sinne fremd. Mag sein, dass ihr euch inzwischen angefreundet habt, aber ich möchte nicht, dass außer dir und Gerda jemand hier im Hause ist.«
Mario schluckte. Sie missbilligte diese Freundschaft, von Anfang an. Wenn er das auch immer nur geahnt hatte, nun schien es offiziell zu sein. Rasch warf er Gerda einen Blick zu. Wie dachte sie darüber? Sie nickte zu seiner Tante hin und es schien ihm, als meinte sie das ernst. Schon wollte er sich gegen diesen Befehl widersetzen, da leuchtete ihm ein, dass es keinen Sinn haben würde. Sie vertrat einen Standpunkt und den würde er nicht ins wanken bringen können. Seine Schlüsselfigur war jetzt einzig und allein Gerda.
Als er später in seinem Zimmer war rief er Felix an. Zitternd hielt er das Handy. » Hallo Felix, hast du gut geschlafen?«
» Oh, Mario. Schon, aber ich hätte besser geschlafen, wenn du neben mir gelegen hättest.«
Mario wurde heiß, als er sich die wenigen Stunden, in denen sie zusammen gewesen waren, lebhaft vorstellte.
» Ich auch. Aber wir haben noch ein bisschen Zeit, um das nachzuholen.«
» Bei dieser Tante? Das wird sehr schwierig.«
Mario holte tief Luft. » Pass mal auf: Sie fährt noch heute nach Stockholm, einen Freund besuchen. Drei Tage wird sie nicht hier sein.«
Er vernahm einen Freudenschrei am anderen Ende.
» Langsam, Felix, es gibt Probleme. Sie sagt, dass sie niemanden außer Gerda und mir im Haus haben möchte. Und diese blöde Magd scheint das Spiel mitzumachen. Kann ich nicht die drei Tage bei dir verbringen? Dann kann sie nicht meckern.«
Felix räusperte sich. » Nee, die Bediensteten hier sind die reinsten Spione. Denen würde das nicht entgehen.«
» Schade.«
» Ach Mario, komm, Gerda tricksen wir aus. Mit links.«
» Stell dir das nicht so einfach vor. Ich wette mal, meine Tante hat ihr schon mit Kündigung gedroht, falls sie sich ihren Anweisungen widersetzt.«
» Das kriegen wir raus. Lass mich mal nachdenken. Kommst du nun zu mir oder wie?«
» Ich muss erst mit ihr reden.«
» Okay, ich erwarte deinen Anruf. Bis später.« Felix hauchte einen Kuss ins Handy und Mario erwiderte ihn.
Er ging nach unten und suchte seine Tante. Sie saß auf der Terrasse und telefonierte. Gespannt lauschte er dem Gespräch.
» Nein, Albert, ich sagte doch schon. Mario ist alt genug und Gerda weiß was sie zu tun hat, ich mach mir da keine Sorgen. Ich freu mich so auf heute Abend. Mario bleibt heute im Haus, er treibt sich zuviel in der Gegend herum. Wie? Ja, im Torfmoor. Ich hab da immer Angst, du kennst die Gegend ja. Er soll sich mal mit anderen Dingen beschäftigen und Felix ist eh nicht so der Umgang für ihn. Immer heckt der etwas aus. Stell dir vor, neulich haben sie eine Nacht in Harrys Fischerhütte zugebracht. Das ist doch nichts.«
Mario wandte sich ab und rannte die Treppen hoch, Tränen drohten ihm die Sicht zu nehmen. Jetzt war der Punkt erreicht, wo er sie zu hassen begann. Am liebsten hätte er die Tür zugeknallt, aber er beherrschte sich.
Er warf sich auf das Bett. Wie herrlich hätten diese drei Tage werden können. Er knüllte sein Kopfkissen zusammen und stellte sich vor, es wäre Felix’ Kopf. Fest drückte er das Kissen an sich, griff dann zum Handy.
» Ich darf heute nicht weg.«
» Das kann sie doch nicht machen. Ich verstehe das einfach nicht. Aber lass mal, wenn sie weg ist… Das kriegen wir schon hin.«
Mario beschloss, das Zimmer nicht zu verlassen. Er klappte sein Notebook auf und begann, Stories zu lesen, die er sich zu Hause aus dem Internet herunter geladen hatte. Das wäre sein Zeitvertreib für Regentage gewesen, jetzt baute er seinen Frust damit ab.
Irgendwann klopfte es an seiner Tür.
» Mario?«
Die Stimme seiner Tante jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
» Komm rein.« Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
» Was ist, kommst du heute nicht runter? Es ist so schönes Wetter.«
» Nein, mir geht es nicht besonders. Hab mich vielleicht ein bisschen erkältet.« Nun musste sie an seinem Ton doch gemerkt haben, was los war. Aber sie ging nicht darauf ein.
» Bei dem Wetter? War vielleicht eher ein bisschen viel für dich. Und du solltest nicht in so einer zugigen Hütte schlafen. Aber gut, ich werde dir ein Medikament bringen. Übrigens, gegen 14 Uhr wird mich Hans zum Flughafen Hannover fahren.«
Ohne weitere Worte verließ sie das Zimmer. Es war ihr also recht, dass er freiwillig im Zimmer blieb, sehr sogar. So musste sie ihm nicht sagen, dass er sich heute nicht mit Felix treffen durfte. Und damit vier lange Tage nicht.
Es musste einen Ausweg geben, egal welchen.
Gerda brachte ihm kurz darauf eine Tablette und ein Glas Wasser.
» Gute Besserung«, sagte sie beim Verlassen des Zimmers.
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Bevor seine Tante abreiste, kam sie noch einmal in sein Zimmer. Er hatte sich auf sein Bett gelegt, als er sie kommen gehört hatte.
» Geht es dir besser?«
» Etwas.«
Er hatte keine Lust, sich mit ihr zu unterhalten. Seine Wut im Bauch war größer als alles andere.
Sie gab ihm noch einige Anweisungen, an die er sich doch bitte halten sollte. Dazu gehörte das Frühstück um halb neun, Mittagessen um zwölf und Nachtessen um neunzehn Uhr.
» Nach neun Uhr abends bleibst du bitte im Haus, hörst du? Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn dir etwas zustoßen würde. Bleibe vor allem vom Moor weg. Ach, und wenn du mit 16 unbedingt rauchen musst – tu das bitte außerhalb des Hauses. Aber nicht so, dass ich wochenlang die Kippen auflesen muss. Und noch einmal: Auch Felix hat im Haus nichts zu suchen. Ihr könnt euch auf der Terrasse aufhalten.«
Zorn stieg in ihm auf. Jetzt wünschte er sich eine Entführung des Flugzeugs und wenn es nicht anders ginge sogar Schlimmeres. Ihm wurde klar, dass er nach diesen Ferien keinen Fuß mehr in dieses Haus stellen würde. Beinahe hätte er frech gefragt, ob »sonst noch ein Wunsch?« vorläge, hielt aber den Mund. Immerhin verbot sie ihm nicht den Umgang mit Felix, was ihn im Nachhinein eher wunderte.
» Schön. Dann mache ich mich jetzt auf den Weg. Hans hat die drei Tage frei, ihr beiden seid also allein.«
Sie ging nach unten, während Hans die Koffer zum Wagen brachte.
Mario seufzte. Im Grunde war es egal, ob sie fuhr oder nicht, denn es änderte sich dadurch nichts.
Als der Rolls im aufgewirbelten Straßenstaub verschwand, nahm Mario das Handy.
» Felix, sie ist fort, Gott sein Dank.«
» Und, wie geht’s weiter? Ich halte es ohne dich nicht mehr lange aus.«
» Und was denkst du, wie es mir geht? Ich habe keine Ahnung. Zuerst mal muss ich wissen, was ich bei Gerda ausrichten kann. Bis später.«
Mario ging in die Küche, wo Gerda mit dem Abräumen beschäftigt war. Viele Worte hatte er noch nicht mit ihr gewechselt, aber das konnte sich jetzt ändern.
Lächelnd sah sie ihn an. » Hallo Mario. Kann ich Ihnen behilflich sein?« fragte sie höflich.
» Nun, ich weiß nicht so recht. Meine Tante meinte, nun ja, sie hat ja sehr deutlich gemacht, dass sie außer uns hier niemanden haben möchte.«
Plötzlich sah er ein Grinsen in ihrem Gesicht, das er nicht für möglich gehalten hätte.
» So, hat sie das?« fragte sie fast beilläufig, während sie die Essensreste in den Mülleimer schüttete. » Hm, so genau hab ich das aber gar nicht verstanden«, setzte sie fort.
Mario bekam große Augen.
» Wie meinst du das?«
Sie blinzelte. » Passen Sie auf, Sie sind 16, das ist sehr jung – im Sinne einer Verantwortung. Ich bin 26, das ist genug um zu wissen, wann man etwas sehr genau nehmen muss und wo man Abstriche machen muss. Oder besser gesagt – kann.«
Er verstand ihre Worte nicht, nur soviel, dass sie es sich anscheinend aussuchen konnte und er nicht. Und dann dieses schreckliche Siezen.
» Kommen Sie, ich zeig Ihnen was«, sagte sie und verließ die Küche.
Gespannt folgte er ihr in ihre Kammer im Dachgeschoss. Es war nicht üblich, dass man diese Räumlichkeiten betrat, umso neugieriger war er deshalb.
Sie breitete die Arme aus: » Und, was können Sie hier sehen?«
Er schluckte. Die Kammer war höchstens sechzehn Quadratmeter groß, ein Bauernschrank, ein kleiner Tisch und zwei Stühle, ein Fernseher, eine Kommode, ein Bett – und eine frisch bezogene Matratze auf dem Boden. Auf die musste sie wohl anspielen. Tausend Gedanken begannen durch seinen Kopf zu sausen und es endete mit der Vorstellung hier mit Gerda… Der Gedanke war schrecklich und nicht bis in alle Einzelheiten nachzuvollziehen.
» Was soll das?« antwortete er sichtlich überrascht.
» Setz dich. Ich darf doch du sagen?«
» Ich bitte darum.«
» Was ich dir jetzt sage, bleibt unter uns, okay?«
Mario nickte. Es schien, dass nun irgendwelche Wahrheiten über seine Tante ans Tageslicht kommen würden.
» Frau Bruhns ist eine wirklich liebe Arbeitgeberin. Ich bekomme einen guten Lohn, ich habe einigermaßen anständige Arbeitszeiten und komme gut mit ihr aus. Allerdings«, Sie stand auf, öffnete die Kommode, nahm eine Flasche Wein und zwei Gläser heraus und stellte sie auf den Tisch, » kann sie auch der reinste Tyrann sein.«
Gekonnt entkorkte sie die Flasche und schenkte ein.
» Wieso?«
» Sie möchte auch sonst keine Fremden im Haus. Auch nicht, wenn sie hier ist. Felix meidet sie, weil er der Sohn ihrer großen Liebe ist.«
Mario wollte gerade das Glas an die Lippen halten. » Und wie genau muss man das verstehen?« fragte er neugierig.
» Naja, die Bruhns war hinter Bernd Heiser her. Der Altersunterschied störte sie nicht, aber er wollte nie so recht. Es gab wohl auch ein Techtelmechtel, sagt man, aber was Ernstes ist nie daraus geworden. Dann lernte Heiser seine Annette kennen und aus war’s mit der Freundschaft.« Sie nahm einen großen Schluck Wein.
» Aber jetzt kommt’s – halt dich fest: Komischerweise war die Bruhns nach der Trennung von Heiser fast ein Jahr im Ausland. Verschwunden. Angeblich in Brasilien, aber so genau weiß man es nicht.«
Mario sah ihr in die Augen. » Was ist daran so ungewöhnlich? Vielleicht brauchte sie ja nur Abstand.«
» Nun, man munkelt, dass sie dort oder wo auch immer ein Kind ausgetragen hat. 18 Jahre ist das jetzt her. Genauso lange, wie die Heisers einen Jungen adoptiert haben.«
Mario blies die Luft hörbar aus und schluckte: » Soll das bedeuten, dass … Felix ihr eigener Sohn ist? Und Heiser seinen eigenen Sohn adoptiert hat? Und… und Felix mein Cousin ist?« Ihm wurde mulmig in der Magengegend, seine Sinne spielten verrückt. Jede Minute mit Felix zog an seinem geistigen Auge vorbei. Das durfte nicht wahr sein.
Gerda nickte. » Ich fürchte, mit dieser Tatsache musst du leben. Aber wie gesagt, es ist alles Spekulation. Wenn einer weiß, wie es wirklich war, dann Bernd Heiser. Und Felix darf es deshalb nicht wissen, oder besser, er soll es nicht wissen.«
» Das ist ja wie einem schlechten Roman.« Mario fürchtete dem Ganzen nicht mehr folgen zu können.
» Man vermutet, dass die Bruhns den Braten mit Annette gerochen hat und die Pille absichtlich nicht mehr nahm. So bindet man manchmal einen Mann an sich.«
Nun verstand Mario, warum seine Tante die Freundschaft mit Felix nicht mochte. Dadurch war er ihr ständig nah und wühlte in ihren Gefühlen herum.
» Das muss ich erst verkraften.«
» Die Heisers haben ihn mehr als vorbildlich erzogen und niemand fände es gut, jetzt in diesen alten Sachen herumzuwühlen. Annette Heiser ist übrigens vor Jahren mit einem Amerikaner auf und davon.«
Mario sah zum Fenster, seine Gedanken verloren sich. Der einzige Jungen, den er liebte – sein eigener Cousin. Alles drehte sich in seinem Kopf und er versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. Er suchte nicht nach einem Schuldigen, nur nach einem Ausweg.
Gerda schwieg, nippte an dem Wein und wollte ihn anscheinend erst einmal in Ruhe lassen.
Mario lenkte sich krampfhaft ab und sein Blick fiel auf die Matratze. » Und, was ist mit der da?«
Sie lächelte. » Die wird noch heute Abend in Betrieb genommen.«
» Und vom wem, wenn ich fragen darf?« Er fürchtete, dass sie ihn jetzt einfach dort hinunterziehen würde.
Sie hielt einen Zeigefinger vor ihren Mund. » Du darfst mich ja nicht verraten. Ich habe einen Freund, schon länger. Die Bruhns weiß es nicht und es ist gut so. Immer wenn sie mal ein paar Tage verschwindet, kommt er zu mir. Da kann sie nichts dran machen, auch durch Androhungen nicht.«
Mario spürte die Erleichterung. Und er witterte seine Chance. Ohne Kurven ging er aufs Ganze.
» Schön, ich habe keinen Grund dich zu verraten – solange du über mich den Mund hältst.«
Entgeistert sah sie ihn an: » Wie meinst du das?«
» Felix«, sagte er nur.
Sie setzte sich langsam, schenkte Wein in die Gläser.
» Hast du eine Zigarette?« fragte sie ihn, ohne ihren Blick von ihm zu wenden.
Er hielt ihr die Schachtel hin, leicht zitternd zog sie eine Zigarette heraus und er gab ihr Feuer.
Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, holte tief Luft und lächelte wieder. » Ich verstehe nicht, was du meinst«, sagte sie, blies den Rauch in die Luft und sah ihn an.
Mario beschlich das Gefühl, sie ahnte was er sagen wollte.
» Felix und ich… Wir haben uns auf dieser Party kennen gelernt.«
» Ja, ich hab das am Rande mitgekriegt.«
Noch immer lag diese Spannung in der Luft des kleinen Zimmers.
Was sollte er ihr jetzt sagen? Noch schlimmer: Wie? Sollte er überhaupt erwähnen, dass zwischen ihm und Felix eine Beziehung bestand, die weit über eine normale Freundschaft hinausging?
Er trank einen Schluck und riss sich zusammen. Sie konnte und sie musste es wissen, er brauchte jemanden, mit dem er über seine Gefühle reden konnte. Und Gerda schien ihm die Richtige zu sein.
» Wir, wir lieben uns.«
Sie sah ihn überrascht an. » Du und dieser süße Bengel?«
» Ja, so ist es.«
Er nahm erneut einen großen Schluck aus seinem Glas und versuchte damit seine Nerven zu beruhigen.
» Naja, irgendwie spürt man’s ja«, sagte sie und sah in lächelnd an.
» Wie?«
» Frauen haben für solche Sachen ein Gespür. Manchmal trügt es, manchmal nicht. Da es mich ja nicht betrifft, hab ich nicht näher darüber nachgedacht. Jedenfalls, ich freu mich für euch.«
Es beruhigte ihn, dass er die Sache offensichtlich mit einem Wort klären konnte. Sie war der erste Mensch, der es erfuhr. Ein merkwürdiges, neues Gefühl.
» Glaubst du meine Tante hat es auch schon gemerkt? Sie redet immer so komisch, wenn es um uns beide geht.«
» Nein, dazu halte ich sie für zu naiv. Einzig die Nähe zu Felix macht sie nervös. Sie weiß schließlich, dass es ihr Sohn ist, den sie so spät bekommen hat und der ihrer Karriere im Wege stand. Vermutlich hat sie Bernd den Jungen in die Hände gegeben. Wie auch immer. Ich denke da war eine Menge Geld und Korruption mit im Spiel, denn so einfach ist das nicht. Ihr Einfluss auf sämtliche Größen hier im Land hat ihr möglich gemacht, was einem normalen Bürger nicht mal im Traum gelingen kann. Warum Bernd Heiser dem zugestimmt, beziehungsweise seinen eigenen Sohn adoptiert hat, das weiß nur er. Aber eins glaube ich zu wissen: Er liebt seinen Sohn abgöttisch. Und ich denke, sie bereut diesen Schritt, aber sie kann es nicht mehr rückgängig machen. Sie liebt ihn und sie lehnt ihn ab – ich möchte eigentlich nicht in ihrer Haut stecken.«
Marios Augen wurden feucht. Warum konnte er nicht genau sagen, aber es stürzten zu viele Ereignisse auf ihn ein.
» Es ist jetzt nur… ich meine… Felix ist mein Cousin. Das macht mich fertig.«
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. » Nun mal ruhig. Denk ein bisschen drüber nach, was und wie ihr das auf die Rolle kriegt. Ich meine, es ist ja keine offizielle Tatsache. Aber selbst wenn es so ist: Ihr solltet euer Gewissen damit beruhigen, dass es nur Gerede geben könnte. Vor allem: Sag Felix bitte nichts. Es könnte ein Schock für ihn sein.«
Er nickte nachdenklich. Schweigen über das alles, dann würde sich nichts zwischen ihnen ändern. » Felix, mein Cousin. Ich weiß nicht, das ist einfach zuviel für mich.«
» Das ist doch nicht schlimm. Eine Blutschande ist’s jedenfalls nicht. Ihr könnt keine Kinder kriegen und damit würde ich das Ganze einfach vergessen.«
Sie tranken die Gläser auf einen Schluck leer.
» Mann, wenn sie das wüsste. Aber gut, sie wird es nicht erfahren. Nur, wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtet ihr wohl zusammen sein diese drei Tage?« fragte Gerda.
Marios Gesicht hellte sich etwas auf. » So ist es. Er wartet nur auf meinen Anruf.«
» Prima. Dann sind wir ja zu viert. Hätte ich mir heute Morgen noch nicht träumen lassen. Hein kommt in einer halben Stunde. Übrigens – ich hab weder etwas gehört noch gesehen.«
Mario ließ sich dazu hinreißen, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. » Danke. Ich nämlich auch nicht.«
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Mario öffnete die Augen. Es war nicht ganz dunkel in seinem Zimmer und er brauchte einige Sekunden, bis er sicher war, nicht zu träumen. Er lag nicht alleine in seinem Bett, hörte ein gleichmäßiges Atmen, spürte den Körper neben sich, konnte die Hand streicheln, die neben seinem Kopf lag. Vorsichtig richtete er sich auf. Felix schlief noch tief und fest. Seine Haare lagen wirr durcheinander, die Bettdecke reichte nur bis zu seinem Bauchnabel. Mario legte sich wieder vorsichtig zurück. Kein Traum diese Nacht.
Nach seinem Anruf war Felix ein paar Minuten später hier aufgetaucht und sie stürzten sofort in sein Zimmer.
Sie mussten Stunden damit zugebracht haben, ihre Körper weiter zu erforschen, herauszufinden, was es noch für Möglichkeiten gab, um sie in Hochstimmung zu versetzen. Irgendwann war es dann zu Explosionen gekommen, wie oft hatte er nicht gezählt.
Mario verdrängte den Gedanken, es mit seinem Cousin zu treiben. Ihm schien als könnte es gelingen, diesen Gedanken abzustreifen.
Felix streckte sich und blinzelte Mario an. » Morgen mein Hase.«
Wann, wie und warum dieser Name in der Nacht gefallen war, wusste keiner mehr, aber Mario gefiel er.
Statt eines Wortes küsste Mario Felix’ weichen Mund. Er fuhr durch die dichten Haare und war nicht sicher, ob er den Körper neben ihm noch einmal loslassen sollte.
Felix drückte seinen Arm unter Marios Oberkörper und eng kuschelten sie sich aneinander. Worte waren überflüssig.
Irgendwann klopfte es leise an der Tür. Felix riss die Augen auf, aber Mario konnte ihn beruhigen.
» Das ist nicht meine Tante, denk dran.«
Nachdem sie die Decken bis an ihre Hälse gezogen hatten, rief er leise: » Ja?«
Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt, aber statt Gerda lugte ein halber Männerkopf durch die Tür.
» Moin moin, ihr beiden. Gerda meinte, es wäre besser, wenn ein Mann euch zum Frühstück weckt«, sagte eine tiefe Stimme. Eine, die sich energisch anhörte, ohne drohend zu wirken.
Die beiden sahen sich kurz erschrocken an, dann jedoch wurde ihnen klar, dass Hein von Gerda eingeweiht worden war.
» Wir kommen« rief Mario.
Sie sprangen unter die Dusche und seiften sich gegenseitig ein. Zu mehr kam es nicht, denn sie wussten, dass nun drei herrliche Tage vor ihnen lagen, in denen genug Zeit für alle Spielchen blieb.
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Die Tafel war reichlich gedeckt, Gerda hatte an alles gedacht. Sie saß mit ihrem Freund bereits am Tisch, als die Jungen die Terrasse betraten.
Gerda zeigte auf den Mann. » Morgen ihr beiden. Das ist Hein. Hein Lichte. Und das, mein Lieber, sind Mario und Felix.«
Sie gaben sich die Hand und Mario entwich ein unbestimmtes Grinsen. Da waren gestern noch strenge Befehle, die das, was da gerade passierte, aufs Entschiedenste untersagten und nun wurde vielfach dagegen verstoßen. Mario freute es innerlich und seine Tante würde sofort den Rückflug antreten, wenn sie es nur ahnen würde.
Hein Lichte war ein Bauer aus dem hiesigen Dorf und man konnte ihm seinen Beruf schon ansehen. Groß und kräftig, ohne fett zu sein, schütteres Haar auf einem dunkelbraunen Kopf. Er konnte herzlich laut lachen und machte davon auch reichlich Gebrauch. Mario versuchte, sich die beiden im Bett vorzustellen, aber es gelang ihm nicht, das in Einklang zu bringen. Diese doch ziemlich zierliche Gerda und dann dieser Mann.
» Sag mal, Gerda, ich will ja nicht indiskret sein – aber die Matratze in deinem Zimmer?« Mario grinste.
Plötzlich wurden die beiden dunkelrot im Gesicht und begannen schallend zu lachen.
Mario sah Felix an und sie zuckten gleichzeitig mit den Schultern.
» Vor einigen Monaten«, begann Gerda immer noch lachend, » war Hein hier zu Besuch. Die Bruhns war mal wieder zwei Tage auf Achse und wir hatten uns da schon 14 Tage nicht gesehen.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und fuhr fort: » Da war das nun ein bisschen stürmisch und mein schönes Bett aus dem 18. Jahrhundert ist in der Mitte auseinander gebrochen.« Wieder lachte sie los und nun stimmten alle mit ein, bis die Tränen flossen.
» Wir haben fast einen Tag gebraucht, bis wir das wieder weitgehend in Ordnung gebracht hatten. Dank meinem großen Handwerker hier.« Zärtlich fuhr sie Hein über die Wange und sie gaben sich einen Kuss. » Ja und seitdem haben wir die Matratze.«
Sie unterhielten sich noch eine Weile, bevor Gerda den Tisch abräumte.
Mario ging nach oben und machte seine Kameraausrüstung fertig, denn er wollte endlich Fotos machen. Felix war mit dem Moped zum Haus der Paulsens gefahren, um sich umzuziehen. Wenig später kam er zurück, um ihn abzuholen.
Sie fuhren mit dem Moped hinaus zu den Torfstichen, Mario hatte dort ein paar sehr schöne Blumen entdeckt und heute sollten sie auf den Film.
»Besser kann’s nicht laufen«, dachte Mario. In seinem Hinterkopf braute sich der Gedanke zusammen, Felix heute noch fotografieren zu können. Das musste in diesen Tagen geschehen, bevor seine Tante zurück war und wieder Unruhe stiften würde. Er wischte die Gedanken aus dem Kopf, wenn er ihre Augen sah, sobald Felix in ihrer Nähe war. Es gab nichts Schöneres als ihn. Nicht früher, nicht später.
Auf der Fahrt unter blauem Himmel, umgeben von purer Natur, zersauste der Wind ihre Haare, sie lachten manchmal ohne Grund und freuten sich einfach. Mario legte seinen Kopf auf Felix’ Schulter, schob seine Hände von hinten unter sein T-Shirt und umklammerte ihn. Felix’ Brust war feucht und Mario spürte, wie sehr ihn dieses Gefühl erregte. Ein Hauch von unendlichem Glück und Freiheit umgab ihn. Er dachte bis dahin, dass es so etwas nur im Film geben konnte, aber nun musste er sich eingestehen, dass es Wirklichkeit geworden war. Unendlich lange wäre er so weitergefahren.
Übermütig schlenkerte Felix sein Moped hin und her. Es war einfach nur ein Traumtag.

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