Die Hütte am Torfmoor – Teil 5

Stimmen in der Heide

Wenig später kamen sie am Torfmoor an.
Als sie in die Grube hinabstiegen, ließ sich Felix in das Heidekraut fallen. »Komm her«, sagte er mit einer verführerischen Stimme.
Mario legte seine Tasche ab und kniete sich vor ihn. »Was ist, mein Engel?«
»Was soll sein? Ich… ich möchte dich bei mir haben, ganz dicht. Hier und jetzt…«
Mario wunderte sich nicht. Er hatte seine Hände während der Fahrt gelegentlich dort, wo man sich als Sozius im allgemeinen nicht festhält. Unübersehbar hatte Felix daraufhin einen Steifen bekommen und frech hielt Mario sich an ihm fest.
Die aufkommende schwüle Hitze riss die beiden in einen Gefühlstaumel. Selbst die Gefahr, von irgendjemand gesehen zu werden, ignorierten sie.
»Warte mal, ich möchte ein paar Bilder von dir machen« sagte Mario sichtlich erregt. Er fummelte nervös seine Kamera aus seinem Rucksack. Wenn Felix jetzt so wild war, würde er auch gegen ein paar unanständige Fotos nichts haben. Marios Hand zitterte, als er die ersten Bilder machte. Aus verschiedenen Stellungen drückte er immer wieder auf den Auslöser.
Mario bat ihn, sich langsam auszuziehen, damit er es festhalten konnte. Felix folgte ihm, obwohl er sich offensichtlich nicht ganz wohl dabei fühlte.
»Mann, beeil dich, ich kann’s nicht mehr aushalten. Und was ist, wenn man beim Entwickeln die Bilder sieht? Ich meine, die gucken doch immer mal« fragte er, während Mario eine Großaufnahme seines steifen Penis wagte.
»Es gibt keine Entwicklung. Das ist eine digitale Kamera und wir sind die Entwickler« antwortete Mario und spürte, dass ihn diese Session mehr als nur erregte. Er legte die Kamera beiseite und küssend vereinten sich ihre Körper.
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Kurze Zeit später erwachten sie aus dem Sinnestaumel, ihre Körper waren nass von Schweiß. Mario dachte an die letzte Nacht, als sie jetzt erschöpft nebeneinander lagen. Da hatte er zum ersten Mal einen Jungen in sich gespürt, verging fast in diesem Gefühl. Er fand nichts Schmutziges dabei, nichts Verbotenes. Sowenig wie vor ein paar Minuten, als er selbst diesen Akt vollführte. Alles geschah ohne Zwang, ohne Hast, ohne Eile.
»Du, Felix?«
»Ja?«
»Ich möchte immer bei dir bleiben.«
Felix fuhr ihm durch die schweißnassen Haare. »Wir werden sehen. Lass uns jetzt nicht verrückt machen, es ist so schön mit dir.«
In der Ferne hörte man Donner, die schwüle Hitze wurde unerträglich.
»Das wird bald was geben. Lass uns fahren, mit Gewitter ist hier draußen nicht zu spaßen« sagte Felix, und wenig später fuhren sie auf dem staubigen Feldweg zu Tante Margots Haus. Während der Fahrt drückte Mario seinen Kopf fest auf Felix’ Rücken und klammerte sich um seinen Brustkorb. Er schloss die Augen und genoss jede Sekunde. Die warme Luft umspülte sie und Felix fuhr noch verrückter, so dass Mario ab und zu Angst bekam, sie könnten stürzen. Sie waren ausgelassen, der Alltag unerreichbar weit weg. So müsste es bleiben, dachte Mario, ein Leben lang.
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Unübersehbar prangte ein Zettel an der Küchentür. »Wir sind erst morgen wieder hier, aber ihr werdet sicher zurechtkommen. Gruß Gerda und Hein«.
»Klasse. Jetzt haben wir die Burg ganz alleine für uns« strahlte Mario und riss den Zettel herunter.
Er drehte sich um und sah Felix lange in die Augen. Dann legte er seine Hände um seine Taille und zog seinen Freund zu sich. Langsam näherten sich ihre Lippen und es folgte ein langer, leidenschaftlicher Kuss. Mario spürte, dass er jetzt nicht den Körper in seinen Armen begehrte, in seiner Hose blieb es absolut ruhig. Nein, jetzt ging es um den Menschen Felix und nicht um Sex.
Mario schob ihn ein Stück von sich und starrte in seine Augen. »Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… aber ich hab dich unheimlich lieb. «
Felix lächelte. »Sag nur?«
Mario knuffte ihn. »Frecher Kerl.«
Lange blicken sie sich in die Augen und es folgte ein langer Kuss.
Anschließend durchsuchten sie den Kühlschrank nach etwas Essbaren und konnten sich trotz der Fülle nicht recht entscheiden.
»Was hältst du davon, wenn wir ins Dorf fahren? So klein wie es ist, aber da gibt’s ne kleine Kneipe. Spezialität: Pizza.«
»Geil. Pizza würde Tante Margot niemals hier auftischen. Gute Idee.«
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Eine halbe Stunde später parkten sie das Moped vor dem Wirtshaus. Da es noch früh war, saßen nur einige Dorfbewohner am Tresen und unterhielten sich; aus der Jukebox dudelte Heimatmusik.
»Hallo Felix, lang nicht mehr gesehen« rief der Wirt hinter dem Tresen hervor.
Auch die anderen Gäste hoben die Hand zum Gruß, hier kannte jeder jeden.
Felix winkte zurück und zog Mario an einen Tisch in der Ecke.
»Zwei Bier und zwei Standardpizza« rief er dann zurück.
Der Wirt winkte kopfnickend.
»Wie kann ein Junge wie du es in so einem Kaff eigentlich aushalten?«
»Mann, Mario, ich bin hier aufgewachsen. Ich kann in die Großstadt wenn ich möchte, aber leben, nein, leben könnte ich dort nicht.«
Während sie sich unterhielten, spielten ihre Beine und Füße miteinander.
Mario grinste. »Dumm, nicht? Vor ein paar Minuten habe ich gemeint, dass mich dein Schwanz nicht mehr so interessiert…«
»Ja, und jetzt?«
»Jetzt könnte ich ihn einfach packen…« Er lachte laut.
Felix sah sich um, aber man kümmerte sich nicht um sie. Er grinste neugierig. »Du würdest mir also hier in der Kneipe einen runterholen, du Ferkel?«.
»Klar, auf der Stelle«
Sie tuschelten sich ins Ohr, lachten. Mario stellte fest, noch nie in seinem Leben so ausgelassen gewesen zu sein.
In Sekunden tauchten die wichtigsten Szenen der letzten Tage vor ihm auf. Ja, er würde sagen, so man ihn danach fragen würde, er sei bis über beide Ohren verliebt. Es quälte ihn, Felix jetzt nicht küssen zu können.
Der Wirt stellte die Biere auf den Tisch und verzog sich wieder ohne ein Wort.
In diesem Augenblick erhellte ein gewaltiger Blitz die Schankstube, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner. Selbst die Dorfältesten hielten im Gespräch inne und starrten zu den Fenstern. Die Bäume und Büsche vor dem Haus begannen sich zu biegen, Blätter und Papier flogen durch die Luft, irgendwo knallte eine Tür im Luftzug und Hunde bellten.
»Oha, jetzt kommt’s dicke« murmelte Felix.
Sie blickten nach draußen, wo sich der Wind zum Sturm wandelte. Die Gäste in der Kneipe standen auf und verließen eilig die Wirtschaft.
»Wo gehen die hin?« wollte Mario ängstlich wissen.
»Na ja, nach Hause nehme ich an. Und wenn da alles aufsteht, dann Mahlzeit. Die wissen hier schon, wenn’s brenzlig wird.«
Felix sah, wie sein Moped von einem herumfliegenden Brett getroffen wurde und umfiel.
»Scheiße« brachte er erschrocken hervor und sprang auf.
Unter der Tür blieb er stehen, denn in diesem Moment setzte ein sintflutartiger Regen ein. Schwer prasselten die Tropfen auf das Pflaster, Sekunden später kullerten Hagelkörner darüber hinweg. Begleitet wurde das Szenario durch unzählige Blitze und Donner.
»Mann, ausgerechnet heute muss das kommen« sagte er leise und starrte auf sein Moped.
»Und nun?« Mario stand jetzt neben ihm.
»Keine Ahnung. In der Regel dauert das ein, zwei Stunden, dann ist es vorbei. Solange müssen wir halt warten.«
»Und dein Moped?«
»Muss man sehen. Vielleicht ist ja nix passiert.«
Sie setzten sich etwas verängstigt an ihren Tisch. Ab und an begann jetzt das Licht zu flackern, schließlich blieb es ganz dunkel. Rasch hatte der Wirt Kerzen hervorgeholt und stellte eine auf ihren Tisch.
»Na, Jungs, alles in Ordnung?«
»Ja, schon.« Ein gutes Gefühl hatte Felix bei seiner Antwort nicht.
Lange starrten sie nur hinaus. Immer wieder erhellten Blitze die Szene, der Wind heulte in den Ecken und das Rauschen der Bäume wurde nicht schwächer.
»Glaubst du, dass das bald vorbei ist?«
Felix holte tief Luft. »Ich weiß es nicht. Manchmal kann es schon länger dauern, aber ich hab wirklich keine Ahnung.«
Mario griff nach Felix’ Händen auf dem Tisch. Er brauchte jetzt diese Nähe, es wäre ihm nun egal, ob man das sehen könnte oder nicht.
»Ich bin froh, dass du hier bist.«
»Hast du etwa Angst?«
»Quatsch. Aber ich… ich fühl mich einfach wohl, wenn ich deine Nähe spüren kann.«
Der Wirt schien verschwunden und sonst war niemand mehr in der Kneipe. Rasch beugte sich Mario über den Tisch und gab Felix einen flüchtigen Kuss.
»Verflucht« entwich es ihm.
Felix lachte. »Du hast zwar den Namen Hase von mir, weil die auch so rammeln… Aber ich hab nicht gemeint, dass ich heute Hasenbraten essen möchte.«
Obwohl Marios Hand schmerzte, als er sich an der Kerze verbrannte, musste er grinsen. »Na schön. Aber warte nur, ich werde dir das heimzahlen…«
Felix nahm Marios Hand und leckte an der verbrannten Stelle. »Das hilft« sagte er und sah Mario dabei in die Augen.
Der Wirt brachte eine neue Kerze, als die alte heruntergebrannt war. Noch immer regnete es in Strömen und der Sturm ließ nur langsam nach.
»Scheint die Nacht durchzugehen« sagte er und stellte zwei Bier auf den Tisch. »Geht auf Kosten des Hauses. Immerhin seid ihr ja hier richtig gefangen. Mit der Pizza wird es leider nichts – ohne Strom!«
Mario seufzte. »Und nun, was jetzt? Sollen wir vielleicht die ganze Nacht hier verbringen? Mensch, die hatte ich mir allerdings ganz anders vorgestellt…«
Plötzlich sprang er auf.
»Was ist denn nun los?« fragte Felix erschrocken.
»Scheiße, ich hab mein Fenster offen gelassen.«
»Na wenn schon.«
»Aber mir fällt ein – das ist die Wetterseite. Das Zimmer säuft ab…«
Er sah bereits seine Tante vor der Bescherung stehen. Unter Anderem hätte das, so er ihren Befehlen gefolgt wäre, nicht passieren können.
»Die bringt mich um« rief er.
»Blödsinn. Das kriegen wir wieder hin. Und zudem, es ist vorbei. Was jetzt noch kommt macht es nicht mehr schlimmer. Das trocknet wieder. Komm, setz dich.«
»Nein, Felix, ich muss nach Hause. Es ist niemand dort und ich kann jetzt nicht mehr hier sitzen und warten.«
Felix flehte ihn förmlich an. »Du kannst nicht da raus. Wir müssten durch die Allee, da hat’s schon mal einen erschlagen, weil Äste heruntergefallen sind.«
Mario blickte ungläubig. »Du hast Angst? Das meinst du doch nicht im Ernst?« Er fühlte sich plötzlich stark und überlegen, obwohl es keinen Grund dafür gab. Wollte er seinen Mut unter Beweis stellen?
»Doch Mario, ich meine das ernst. Warte doch noch eine Weile, wenigstens bis sich der Sturm gelegt hat.«
Er zauderte. Sollte Felix Recht haben? Immerhin kannte er die Tücken der Gegend hier. Aber die Angst vor seiner Tante war stärker.
»Nein. Ich gehe. Du kannst ja noch hier warten.«
Er ließ Felix stehen und trat vor die Tür. Es regnete nicht mehr stark, aber der Wind piff noch immer um die Häuser. Außerdem war es empfindlich kühl geworden.
Er zögerte einen Moment, dann ging er entschlossen auf die Straße. Er hörte Felix’ Rufe, blieb aber nicht stehen.
Es brauchte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann marschierte er schnurstracks auf die Allee zu, deren hohe Bäume in den entfernten Blitzen zu sehen war. Unangenehm zerrte der Wind an ihm und der Regen begann seine Kleidung aufzuweichen. Er würde sich erkälten, aber all diese Dinge hielten ihn nicht auf. Er musste zum Haus, so schnell wie möglich.
Einige Male schreckte er zusammen, als ihm kleinere Äste um die Ohren flogen, stets blickte er nach oben in die Alleebäume, um einem abstürzenden Ast ausweichen zu können. Er würde ihn vielleicht nicht sehen, aber hören.
Der Regen wurde wieder stärker und erneut heulte der Wind auf. Es klang unheimlich in den Baumkronen, manchmal wurde das Rauschen zum richtigen Getöse.
Erleichtert verließ er schließlich die Allee, auf dem freien Feld konnte ihm nichts mehr passieren. Er wusste, irgendwann kam er auf diesem Weg zu dem Haus seiner Tante. Felix würde wohl noch eine Weile warten, um dann nachzukommen, um ihn brauchte er sich nicht zu sorgen. Den kleinen Streit würden sie schnell wieder vergessen haben.
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Nervös nestelte er den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf. Die schwüle Hitze der vergangenen Tage hatte sich in dem Gebäude gefangen und schlug ihm jetzt entgegen.
Eilig nahm er immer drei Treppen nach oben auf einmal und riss seine Zimmertür auf. Der Vorhang wedelte im Wind und es war frisch geworden in dem Raum. Er machte Licht und sein Blick fiel sofort auf den teuren Teppich. Er kniete sich hin und befühlte den Boden. Schon hier, nahe der Tür, fühlte es sich feucht an. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Langsam rutschte er auf seinen Knien immer näher an das Fenster, mit jedem Zentimeter wurde der Boden feuchter, schließlich richtig nass.
»Scheiße« sagte er laut und stand auf. Er lief zum Fenster und unter seinen Schuhen quatschte der Teppichboden. Sein Schreck wurde größer als er den Sprung sah, den eines der Fensterflügel hatte; er war offenbar gegen die Schranktür geschlagen. Auch der Sessel davor und die halbe Couch waren durchnässt als hätten sie im Freien gestanden.
Fluchend schloss er das Fenster, wobei sich die kaputte Scheibe löste und beim Aufschlag in etliche Scherben zersprang.
Mario hätte vor Zorn am liebsten geheult. Er musste sofort mit dem Aufräumen beginnen, Handtücher mussten her, jede Menge. Wo war der Staubsauger? Panik machte sich in ihm breit. Wo Felix nur blieb?
Er ging hinunter und fummelte dabei sein Handy aus der Tasche, versuchte Felix anzurufen. Aber der nahm nicht ab. Er versuchte es noch ein paar Mal, dann machte er sich ärgerlich auf die Suche nach Handtüchern.
Plötzlich klingelte sein Handy. Aufgeregt nahm er das Gespräch an.
»Hallo Felix. Wo um Himmels Willen steckst du denn? Ich mach mir solche Sorgen. Du, hier ist das absolute Chaos im Haus, du musst mir helfen. Mein Zimmer ist wirklich abgesoffen, die Möbel haben auch was abgekriegt… Wenn das meine Tante sieht, kann ich was erleben.«
Er machte eine kleine Pause, lächelte und versuchte so erotisch wie möglich zu klingen. Es war mehr ein Säuseln als ein Sprechen. »Du hast doch nicht bei einem anderen Boy im Dorf Unterschlupf gefunden, oder? Ich sehne mich so nach dir und ich kündige dir meine Liebe, wenn du nicht sofort hier erscheinst. Und noch etwas: Wenn wir das hier in Ordnung gebracht haben, machen wir uns einen ganz gemütlichen Abend. Wir schalten den Fernseher an, trinken etwas… ich freu mich schon, wenn wir wieder so richtig zusammen knuddeln können. Und die Nacht, naja, da lassen wir uns noch was einfallen. Ich hab da schon so nen kleinen Plan, was wir anstellen könnten. Wenn Tante Margot zurück ist, dann ist das eh vorbei. Und weißt du was lustig ist? Ich stell mir grade ihr Gesicht vor, wenn sie uns zusammen im Bett erwischen würde.. Felix?….Hörst du überhaupt zu?«
Er sah auf sein Display und erschrak. Dort stand nur »Unbekannter Anrufer« statt Felix’ Name, er hatte nicht darauf geachtet. Schweiß brach ihm aus.
Leise rief er »Hallo?«
»Mario?!«
Er erkannte die Stimme seiner Tante und sein Herz wollte stehen bleiben. Er versuchte die Fassung nicht zu verlieren, brach das Gespräch aber ohne Kommentar ab. Er zitterte am ganzen Körper, dies konnte der Beginn eines Albtraums sein.
Laut prustete er die Luft aus und ließ sich auf den Teppich sinken. Das war’s nun. In wenigen Sekunden wusste sie über alles Bescheid. Dass er schwul war, dass seine Bude auf dem Kopf stand. Mehr musste man in so kurzer Zeit wirklich nicht sagen. Die Katastrophe war perfekt.
Er ließ sich der Länge nach fallen und fluchte was das Zeug hielt. Fluchte auf sich, aber vor allem auf Felix, der sich längst hätte melden können. Dass er es nicht tat, konnte nur bedeuten, dass er beleidigt war.
Er zuckte zusammen als das Handy erneut klingelte. Wieder stand »Unbekannter Anrufer« auf dem Display. Das war sie wieder; er drückte eine Taste um das Gespräch auf die Mailbox umzuleiten, er hätte jetzt keinen Ton herausgebracht.
Tausend Gedanken stürzten auf ihn ein und er fand keinen Weg, sie zu ordnen. Wahrscheinlich würde seine Tante bereits auf dem Weg zum Flughafen sein, morgen früh war der Ärger dann perfekt.
Er sah dass er an der Hand blutete, wickelte ein Handtuch darum und begann die Nässe auf dem Teppich mit den Handtüchern aufzusaugen. Tränen standen in seinen Augen, es waren ausschließlich Tränen der Wut.
Eine Kurzmitteilung bestätigte ihm den Eingang eines Anrufs. Zitternd hielt er das Handy und hörte sich das Gespräch an.
»Mario, ich wünsche, dass du bei meinem nächsten Anruf abnimmst. Sofort, hörst du? Ich versuche den ganzen Tag dich zu erreichen, wo warst du? Zudem werde ich morgen Abend wieder zu Hause sein.«
Ihre Stimme klang erbost, feindlich, laut. Er würde nicht mehr ans Handy gehen und er würde nicht mit ihr sprechen. Er überlegte, ob es nicht besser wäre den Zug am Morgen zu nehmen, um verschwunden zu sein, wenn sie ankam. Aber da war Felix. Wenigstens reden musste er mit ihm, wenn auch ein letztes Mal. Aber er würde ohne das nicht gehen.
Noch zweimal klingelte sein Handy, er rührte es nicht an. So lange nicht Felix’ Name im Display stand, würde er überhaupt kein Gespräch mehr annehmen.
Er stellte sich ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Der Wind ließ nach, es regnete auch nicht mehr.
Immer wieder versuchte er, Felix zu erreichen, aber der meldete sich nicht. Schon zum dritten Mal sprach er auf die Mailbox, verzweifelt klang seine letzte Bitte um einen Antwort.
Allmählich begann sich seine Aufregung zu legen. Er setzte sich auf die Fensterbank und zündete eine Zigarette an. Er scherte sich einen Teufel um die Verbote seiner Tante, sollte sie damit doch zur Hölle fahren. Es war an all dem nichts mehr zu ändern und wenn sie die Erbschaft von solchen Dingen abhängig machen würde, dann konnte sie ihm gestohlen bleiben. Und Felix? Wenn er wegen so einer Kleinigkeit dermaßen beleidigt war, dann konnten sie keine Freunde sein, wie er es gerne hätte.
Völlig aufgelöst ging er nach unten und öffnete die Hausbar. Er betrachtete sich einige Flaschen, schenkte sich dann einen Whiskey ein und leerte das Glas auf einen Zug. Wenn schon, dann wollte er das Maß voll machen. Wenn er nur wüsste, wo er Gerda erreichen konnte. Aber vor morgen waren die nicht da.
Seine Sorge um Felix wurde immer größer, sie wurde allmählich sogar größer, als die Angst vor seiner Tante. Warum meldete er sich nicht?
Kurz entschlossen ging er nach oben, holte seine Taschenlampe und verließ das Haus. Felix würde vielleicht noch im Dorf sein, denn dass er einfach zu sich nach Hause ging, ohne hier vorbeizuschauen, konnte Mario nicht glauben.
Er verließ das Haus und streckenweise rannte er den Weg zurück, getrieben von einer unheimlichen Ahnung.
Als er an der Allee ankam lief er langsamer. Er wagte es nicht auszudenken, aber die Angst, Felix könnte etwas passiert sein, schnürte ihm die Kehle zu. War er ihm doch nachgekommen, von einem Ast getroffen worden oder gar gestürzt? Mario begann, sich Vorwürfe zu machen. Wieso war ihm ein Zimmer wichtiger, als ein Freund? Seine Gedanken rotierten.
Er begann leise seinen Namen zu rufen, lauschte in die Dunkelheit. Noch immer wisperte der Wind im Laub der Bäume und Mario hörte Stimmen aus der Heide. Er schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete in die niedrigen Büsche hinein. Aber da war niemand. Er schaltete das Licht aus, zu begrenzt war der Leuchtkegel, und einmal an die Dunkelheit gewöhnt, könnte er vielleicht doch mehr erkennen.
Stimmen riefen plötzlich durcheinander, flüsterten, lachten. Und je angestrengter Mario in die Dunkelheit starrte, desto deutlicher wurden diese Gestalten, die sich im Gebüsch bewegten. Er blieb stehen, rief zögernd »Hallo?«.
Da standen zwei beisammen und flüsterten, weiter rechts lief einer auf die beiden zu. Er sah, wie sie zu ihm herüberschauten, sie schienen auch zu winken. Mario ahnte, dass es nur Einbildung war, Hermann Löns hatte dieses Phänomen in seinen Büchern sehr genau beschrieben. Die Sinne täuschten ihn. Er hatte keine Angst, aber es war ein unangenehmes Gefühl. Denn trotz allem schienen die Gestalten sehr real.
Eilig lief er weiter, versuchte nicht auf die Seiten zu sehen. Er würde Felix auch so finden, denn warum sollte er sich in der Heide verstecken?
Völlig zerschlagen erreichte er schließlich das Dorf.
Vereinzelt brannten Lichter, es schien wieder Strom zu geben. Felix’ Moped war nicht mehr da und als Mario die Tür zu der Kneipe öffnen wollte war sie versperrt. Fest rüttelte er an der Tür, bis er einsehen musste, dass die Wirtschaft schon geschlossen hatte.
Er ging auf die Straße zurück, sah sich in allen Richtungen um. Es war bis auf den Wind völlig still und die Szene hatte etwas Geisterhaftes an sich. Wo sollte er jetzt nach ihm suchen? War er doch zu sich nach Hause gefahren? Aber hätte er das Moped geschoben, dann wäre er ihm sicher begegnet.
Wieder kam die Angst zurück. Er sah ein, dass es keinen Sinn machte, hier im Dorf zu suchen, selbst wenn Felix hier irgendwo sein sollte – wie wollte er ihn finden?
Erneut versuchte er ihn anzurufen, aber das Handy blieb weiterhin stumm.
Resigniert machte er sich auf den Heimweg. Sollte es ihm Felix so übel genommen haben? Eigentlich hatten sie sich doch gar nicht gestritten. Sie waren lediglich anderer Meinung, aber das war doch kein Streit.
Er ignorierte auf dem Rückweg die Gestalten in der Heide, nahm von den merkwürdigen Stimmen keine Notiz. Es fing wieder leicht an zu regnen, aber er störte sich nicht daran.
Zu seiner unterschwelligen Angst kam wieder die Wut. Wie konnte Felix so ein Spiel mit ihm treiben? Hatten sie sich heute Mittag nicht noch ihre Liebe eingestanden? War all das nur Schall und Rauch? Nichtssagendes Geschwafel zweier Jungs, die nur auf ihre Schwänze scharf waren – und sonst auf nichts? Er redete sich ein, dass es wenigstens bei ihm nicht so wäre. Nein, das war Liebe. Vielleicht auch nur eine sehr tiefe Zuneigung, was für ihn aber fast das gleiche bedeutete.
Dann leuchteten Felix’ Augen vor ihm auf, sein sinnlicher Mund lächelte betörend und verführerisch. Mario spürte förmlich die warme, weiche Haut, stupste in Gedanken Felix’ Nasenspitze, ließ sich zärtlich in den Finger beißen, fühlte, wie ihre Zungen miteinander spielten. Nein, keine bloße Zuneigung. Er begann mit seinen Tränen zu kämpfen.
Tante Margot fuhr wie eine Hexe in seine Gedanken. Sie würde ihn noch morgen in den Zug setzen und gleich anschließend seinen Eltern brühwarm erzählen, was vorgefallen war. Eigentlich fürchtete er sich vor der Reaktion seiner Eltern nicht, außerdem bezweifelte er, dass ihn seine Tante ganz offiziell vor allen anderen outen würde. Noch jedenfalls. Wenn ja, dann war sie für ihn gestorben.
Felix! Sehr viel wichtiger war jetzt, warum er sich nicht meldete. Er wischte sich eine Träne von der Wange und dachte zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft daran, zu beten. Er blieb stehen, lauschte den Stimmen der Nacht. Er hörte sein Herz pochen, spürte die Pulsschläge deutlich an seinem Hals. Mehrmals drehte er sich im Kreis und leuchtete mit der Lampe in die Büsche. Es war ein sinnloses Unterfangen, aber seine Hilflosigkeit machte ihn fast wahnsinnig. Er rannte los.
Völlig außer Atem stand er wenig später vor Harry Paulsens Haus.
Nirgendwo brannte Licht, es war ruhig und friedlich. Zu friedlich, wie Mario fand. Er ging zu dem Schuppen, in dem Felix sein Moped für gewöhnlich abstellte, aber bis auf das übliche Gerümpel war der Schuppen leer.
Er versuchte es wieder mit dem Handy, nichts geschah. Es konnte nicht sein, dass Felix so verbohrt war. Er würde sich melden, ihn beschimpfen, sich rechtfertigen, ihn anmaulen – irgend etwas würde er tun.
Mit Felix musste etwas geschehen sein. Eine quälende Angst machte sich in Mario breit und es gelang ihm nicht, sie zu unterdrücken.
Zu Hause angekommen saugte Mario weiter mit den Handtüchern den Teppichboden trocken und sammelte die Scherben auf, suchte und fand den Staubsauger. Das Möbel würde ewig brauchen, bis es getrocknet war, das würde sie in jedem Fall bemerken. Machte seine Aktion also überhaupt einen Sinn?
Das Handy lag in seiner unmittelbaren Reichweite, immer wieder starrte er es an, flehte darum, dass es endlich klingeln und im Display »Felix« stehen würde. Aber das Telefon schwieg.
Nachdem er die schlimmsten Stellen halbwegs getrocknet hatte, ließ er sich auf das Bett fallen. Hunger brannte in seinem Magen, ihm fiel ein, dass er noch nichts gegessen hatte. Schwach färbte sich der Osthimmel rot. »Der Tag der Tage bricht an« dachte er noch, dann schlief er völlig erschöpft ein.
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Lärmende Spatzen in der Birke vor seinem Zimmer weckten ihn auf. Er rieb sich die Augen und sah vom Bett aus durch das Fenster in einen wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Ein Traum? Gott sei Dank, all das war nur ein grausamer Albtraum. Er ließ sich zurückfallen und schloss die Augen, versuchte sich zu erinnern, was vor diesem Traum alles geschehen war.
Aber etwas störte ihn plötzlich. Wenn es ein Traum gewesen war, wo war dann Felix? Und wieso lag er angezogen auf dem Bett? Etwas, das er niemals tat. Sein Herz begann erneut schneller zu schlagen.
Dann sah er den Fensterrahmen, in dem eine Scheibe fehlte, den Turm aus Handtüchern und seine verbundene Hand. Nein, jede Minute war genau so passiert, wie es ihm jetzt wieder einfiel.
Rasch setzte er sich auf. Es war schon fast Mittag und hastig suchte er sein Handy. Kein Anruf, keine Nachricht – nichts.
Er stand auf und fühlte sich mit einem Mal elend. Seine Tante würde in ein paar Stunden hier aufkreuzen und dann war alles vorbei. Gerda. War sie schon da?
Er stürmte nach unten, aber keine Spur von ihr. Rasch hängte er eine Ledertasche in der Garderobe ab, packte einige Brotscheiben, ein paar Dosen Wurst ein und verließ das Haus. Er würde nicht eher hierher zurückkommen, bis er Felix gefunden hatte.
Seine Füße schmerzten und erst jetzt stellte er fest, dass er sich Blasen gelaufen hatte. Immer heftiger wurde der stechende Schmerz und es schien, als würde er nie mehr an Paulsens Haus ankommen.
Er klopfte an alle Türen an dem Haus, versuchte etwas durch die Fenster sehen zu können, aber es war niemand da. Wo waren die Bediensteten? Felix sagte doch, sie würden alles mitbekommen.
Er ging um das Haus herum und lief hinunter zum See. Wehmütig sah er das kleine Boot auf dem Wasser schaukeln, weit in der Ferne schemenhaft die Fischerhütte. Hätte sich Felix dorthin verkrochen, wäre das Boot nicht da.
Ein Diener in Livree stand plötzlich vor ihm.
»Suchen Sie etwas?«.
»Ja, ich suche Felix Heiser.«
»Der ist nicht da.«
Mehr wollte er nicht hören.
Entmutigt, erschöpft und von den Blasen geplagt setzte er sich auf den Steg am See und kühlte seine Füße im Wasser. Vielleicht sollte er hier sitzen bleiben, bis sich wieder alles gefunden hatte. Seiner Tante jedenfalls wollte er sobald nicht begegnen.
Wohin konnte Felix verschwunden sein? Warum meldete er sich nicht? Mario spielte mit dem Gedanken, die örtliche Polizei einzuschalten. Vor allem aber musste Felix’ Vater davon wissen, der würde ihn womöglich noch gar nicht vermisst haben. Oder war Felix gar nach Hause gegangen? Aber das machte keinen Sinn. Er musste jetzt handeln, Hauptsache, er konnte seinen Freund wieder in seine Arme schließen. Etwas, das ihm nun immer mehr fehlte. Aber er hatte die Telefonnummer nicht, um Bernd Heiser anzurufen.
Er fühlte sich alleine, einsam, verlassen und er spürte, wie er sich gegen alle anderen Einflüsse abzuschotten begann. Seine Tante konnte ihm schon jetzt gestohlen bleiben, Krach war eh vorprogrammiert. Vielleicht verlangte sie sogar, dass er für den Schaden aufkommen müsse. Ade Erbschaft. Aber es war ihm gleichgültig.
Er biss in ein Stück Brot und kaute darauf herum, obwohl er keinen richtigen Hunger verspürte.
Sein Handy klingelte plötzlich und es dauerte eine Weile bis er es wagte, auf das Display zu sehen. »Papa«.
»Hallo Mario. Wir wollten mal wissen wie es dir geht. Alles Ok da oben bei euch?«
Mario war auf dieses Gespräch nicht vorbereitet und holte tief Luft. Jetzt alles erzählen? Warum nicht; er brauchte jemanden, dem er vertrauen konnte und nichts war besser, als seiner Tante zuvorzukommen.
»Hallo Papa. Schön, dass du anrufst. Nein, hier ist nichts in Ordnung, gar nichts.«
Kurze Pause und Schlucken auf der anderen Seite. »Was ist los? Ist dir etwas passiert?« Die Stimme seines Vaters klang sofort besorgt.
»Nein, nicht direkt. Aber im Haus…« Er wusste nicht, wie er es anfangen sollte. »Also, Tante Margot ist ein paar Tage weggefahren und hat mich allein gelassen. War ja nicht schlimm, nur, ich habe hier einen Jungen kennengelernt und mit dem war ich… nun ja, wir waren nicht im Haus. Dann kam dieses Unwetter und mein Zimmer steht unter Wasser…« Er spürte, wie seine Stimme wacklig wurde und sich überschlug.
»Ja und? Was weiter?«
»Und seit gestern Abend ist mein Freund verschwunden. Ich weiß nicht, wo er ist und ich bin so allein…« Er konnte seine Worte nicht in die richtige Reihenfolge bringen.
»Langsam, Mario, der Reihe nach. Warum ist er verschwunden? Und was… Mein Gott, sollen wir kommen? Wo ist Tante Margot jetzt?«
»Sie wird heute noch zurückkehren, aber wenn sie das Unheil sieht – ich weiß nicht. Und Felix, mein Freund…«
»Mario, wir fahren heute noch los, okay? Sag das Tante Margot und mach dir keine Sorgen, das ist alles halb so schlimm.«
»Aber sie wird euch anrufen, nehme ich an – und sie wird euch vielleicht sagen, dass ich….« Er überlegte krampfhaft, ob das der richtige Zeitpunkt sein könnte. Aber er setzte an, nahm Anlauf, um über seinen eigenen Schatten zu springen.
»…ich diesen Jungen liebe.«
Mario lauschte gespannt. Es war gesagt. Aber immer noch besser, als wenn sie es auf billige Art und Weise von seiner Tante erfuhren.
»Was heißt, du liebst ihn?«
»So wie ich es sage.«
»Mario, ich verstehe nicht…«
»Papa, ihr werdet euch daran gewöhnen müssen, dass euer Sohn nie eine Schwiegertochter heimbringt. Ich… ich kann es auch nicht ändern. Und Felix, dem geht es genau so. Es… es tut mir leid…« Eine Träne rollte seine Wange herunter.
Die Stimme am anderen Ende klang plötzlich ruhig und gefasst. »Mario, wir fahren jetzt los und besprechen das in aller Ruhe, Okay?«
»Ja, aber bitte versucht nicht, mich irgendwie umzustimmen.«
Die Stimme seines Vaters änderte sich, er sprach jetzt leiser und irgendwie gefasster. »Aber Mario, du bist sechzehn, da kommt sowas vor. Kein Grund sich aufzuregen.«
»Nein, Papa, komm bitte nicht so. Wir haben… zwei Nächte zusammen verbracht. Und sowas kommt eben nicht vor.«
Er hörte den Seufzer seines Vaters. »Schön, aber ich denke, dass wir das nicht am Telefon besprechen sollten.«
Bevor Mario antworten konnte, hörte er ein piependes Geräusch – sein Handy schaltete sich ab.
Ungläubig blickte er auf das Telefon. Er hätte es längst laden müssen, nun war er völlig abgeschnitten. Am liebsten hätte er es in den See geworfen, aber er sah ein, dass es seine eigene Schuld war.
Nach einiger Überlegung beschloss er, nach Hause zu gehen. Sollte seine Tante einen Aufstand machen, sein Vater war gewarnt und noch heute Abend würde er ihn hier herausholen. Er sehnte sich plötzlich nach seinem Zimmer zu Hause, nach der Ruhe, die er dort hatte. Es würde einige Zeit vergehen, bis sich seine Eltern mit den Tatsachen abgefunden hatten; aber noch mehr sehnte er sich nach Felix.
Seine Schuhe konnte er wegen der Blasen nicht mehr anziehen und so machte er sich barfuß auf den Weg. Er würde Ewigkeiten dafür brauchen, aber es war ihm egal.
Die Sonne brannte jetzt von einem fast wolkenlosen Himmel und oft musste sich Mario am Rande des Wegs ins Heidekraut setzen.
Ein Pferdegespann rumpelte an ihm vorbei. Auf dem Bock saß ein alter Bauer und hielt den Heuwagen einige Meter weiter an.
»Na, junger Mann, ein Stück mitfahren?« rief er.
Mario dachte, dass ihn Gott doch nicht ganz verlassen hatte. Dankbar zog er sich an dem Anhänger hoch und ließ sich völlig erschöpft in das Heu fallen.
Langsam trotteten die beiden Pferde durch die Landschaft, Mario lag auf dem Rücken und sah den blauen Himmel, in dem viele Schwalben schwatzend umherwirbelten und überall dieser Geruch nach frisch gemähtem Gras. Unter anderen Umständen wäre das einer der schönsten Momente in diesen Ferien für ihn gewesen. Wenn jetzt nur Felix hier neben ihm liegen könnte – er würde so mit ihm ans Ende der Welt fahren.
Er streckte sich aus und stieß mit dem Fuß plötzlich auf einen harten Gegenstand. Er wühlte etwas Heu beiseite und erschrak. Als wolle er der Entdeckung nicht trauen, grub er seine Hände hastig tiefer in das Heu, bis er sicher war: Da lag Felix’ Moped.
Mario robbte nach vorne und schwang sich gekonnt auf den Kutscherbock.
»Wo haben Sie das Moped gefunden?« fragte er den Bauern aufgeregt.
Der zog ruhig an seiner Pfeife. »Jaja, ist schon ein Ding, was die Leute so alles in die Heide schmeißen. Ich würde sie…«
»Wo?« Mario wurde ungehalten.
»Drüben, im Torfmoor.«
»Halten Sie bitte an? Und könnten Sie mir helfen, das Moped abzuladen?«
Der Bauer blinzelte. »Es gehört dir?«
»Nein, meinem Freund. Man hat es ihm geklaut« log er – oder doch nicht?
»Meinetwegen. Dann brauch ich es nicht zu entsorgen.«
Mario nahm seine Tasche, die Schuhe und sie luden das Moped ab.
Er bedankte sich bei dem Bauern und sah dem Gespann nach, wie es in einer kleinen Staubwolke davonrumpelte.
Er beugte sich über das Moped, kaputt sah es nicht aus. Nichts war verbogen, nichts fehlte. Es überkam ihn ein merkwürdiges Gefühl, als er den Lenker anfasste und das Moped aufstellte. Wann hatte es Felix das letzte Mal in den Händen gehabt?
Er setzte sich auf den Sattel und versuchte, das Gefährt in Gang zu bringen. Nach etlichen Startversuchen knatterte es plötzlich und Mario jubelte.
Unbeholfen drehte er auf dem Feldweg und fuhr zurück. Er gab Gas, wich gekonnt den Schlaglöchern aus und wurde immer schneller. Er wusste nicht, wieviel Sprit noch im Tank war, aber jeden Meter, den er nicht laufen musste, war eine Qual weniger.
Seine Blicke gingen nach rechts und links, irgendwo dort draußen mussten die Torfstiche sein. Aber er fuhr und fuhr, die Gegend wurde immer fremder. Hier war er garantiert noch nie gewesen, er hätte irgendwo weiter vorne abbiegen müssen. Er erinnerte sich an viele kleine Kreuzungen, aber welche war die richtige?
Er bremste abrupt. Das Gelände war hier hügelig, weit konnte man nicht sehen. Er drehte und fuhr den Weg zurück bis zur nächsten Kreuzung, aber auch hier wusste er nicht in welche Richtung. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Enttäuschung ab. Er würde die Torfgruben ohne fremde Hilfe niemals finden. Die Sonne stand tief und wurde bereits rot, in einer Stunde würde die Dämmerung beginnen und dann dürfte er hier draußen gar nichts mehr finden.

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