So fern wieder ganz nah

„Schönen guten Morgen, Herr Cervi. Es ist bereits Null Sechs Uhr durch. Ich wiederhole: Null Sechs Uhr. Wir haben Montag, den 31. Januar 2011. Sie wollten von mir geweckt werden. Es folgt die von Ihnen bestellte Morgenmusik.“

Als „True Faith“ von „New Order“ los hämmert, bin ich schlagartig wach und springe aus dem Bett, drehe den Lautstärkeregler auf ein für den frühen Morgen erträgliches Maß. Ja, ich gestehe, ich bin im Moment auf dem Oldie-Trip. Muß halt oft an die schöne Zeit damals, während des Studiums, denken. Und an ihn, meinen besten Freund seit frühen Kindertagen. An David. Leider haben wir uns total aus den Augen verloren. Nun, aus den Augen, ja, aber nicht aus dem Sinn, denn ich träume noch oft von ihm und er fehlt mir sehr. Trotz allen meinen Nachforschungen, scheint er spurlos verschwunden zu sein.

Aber jetzt ist keine Zeit für diese Gedanken. „Los, Silvio Cervi, Du faule Nuss. Seh zu, dass Du in die Puschen kommst! Das wird ein langer Tag!“, treibe ich mich selbst an. WC. Dann schnell rein in die neue Duschzelle. Nachdem die automatische Körperreinigung beendet ist, sorgen Massagedüsen für meine Gesundheit, das anschließende Programm für erweiterte Körperpflege von Haut und Haaren geben mir ein Rundum-Wohlgefühl. An den notwendigen Körperstellen werden dezente Duftstoffe und Geruchsverminderer verteilt. Das Display des Bodycheckers vermittelt wichtige Werte meiner Lebensfunktionen. Alles in „Grün“ und bestens für einen 38-jährigen Mann. Nach jedem Besuch auf dem WC erfolgt sofort eine gründliche Analyse der abgesonderten Stoffe. Allerdings will ich das Ergebnis nicht immer so genau wissen, denn nach einem einsamen, melancholischen Weinabend wird mir morgens dann oft ein Arztbesuch empfohlen und vorgerechnet, welche Lebenszeit ich durch unsachgemäße Ernährung wieder verloren hätte. So ein kühler, einfacher Gebirgsbach ohne den ganzen technischen Schnickschnack wäre mir eigentlich lieber. Und erst das Frühstück! Entsprechend meiner analysierten körperlichen Werte nach neuesten Erkenntnissen rein wissenschaftlich zusammengestellt, so erfolgt meine Ernährung. Schnell all dieses unappetitliche Zeugs mit viel Kaffee runter gespült, die Arbeitsunterlagen geschnappt, schon geht es ab in die Zentrale. Ich bin ja nicht mein Eigentum – ich bin Sklave in einem Forschungsprogramm! Schon länger arbeite und wohne ich in diesem „Sternenstädtchen“ genannten Forschungsbereich der Russen und Amerikaner. Und es wird wieder eine schier endlose Beratung geben.

Die Wissenschaft ist in einer Sackgasse angelangt. Je mehr geforscht wird, je mehr in Forschung investiert wird zwecks Erkennung der Welt und allen Seins, um so mehr wird unsere Erkenntnis gestärkt, dass wir eigentlich nichts wissen. Das sich so steigernde Ergebnis ist: Wir steigern nur das Wissen, dass wir eigentlich nichts wissen! Viele Wissenschaftler haben daher vorgeschlagen, die bemannte Raumfahrt wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Anstrengungen zu stellen, um vielleicht auf anderen Himmelskörpern Anknüpfungspunkte zu finden. Der Mond wurde bereits genauestens erforscht und vermessen, zu anderen Stellen im Universum ist man bereits unterwegs. Und in meiner Tasche sind schon die Arbeitsunterlagen für den letzten abschließenden Forschungsgang auf dem Mond. Und nur weil so ein Dösbaddel vergessen hat, die Forschungsdaten für einen sehr alten, wissenschaftlich äußerst uninteressanten Kraterbereich ordentlich abzuspeichern, „darf“ ich da noch mal hin. Früher konnte man sich einfach so krank melden, Unwohlsein vortäuschen – heute schaut der Chef kurz auf den Monitor in die Personaldaten, und schon weiß der genau, dass ich in fünf Minuten Hunger bekommen werde… Ist das noch die gute, heile Welt?

In drei Tagen soll es losgehen. Ist ja nichts besonders zu Erwähnendes mehr, so ein Mondflug, und steht in keiner Zeitung. Rein in den Raumgleiter, dem neu aufgelegten „Buran“ der Russen. Dann ist kurz Zeit, um was zu lesen während des voll automatisch ablaufenden Fluges. Für diesen Routineauftrag hätten man auch Weltraum-Azubis nehmen können, und ich fühle mich nicht eben geschmeichelt, dass man mich auswählte. Werde mich beim Forschungsleiter beschweren müssen.

Und das auch noch! Da unser Flug ja so was von „wichtig“ ist, hat man uns ein Startfenster gegeben, was uns nun zwingt, wertvolle Arbeitszeit einfach zu verschlafen. In unserem Landegebiet ist es für Stunden noch stockdunkel und ich hab keine Lust, im Dunkeln über das Mondgestein zu stolpern. Mein Kamerad neben mir hat wieder sofort die für ihn typische Haltung eingenommen: Augen zu, Tiefschlaf. Selbst wenn er mal wach ist, macht er ständig einen müden Eindruck, so, als ob ihn immer gleich die Augen zufallen könnten. Viel lieber wäre ich allein zur Schmetterlings-Safari an den Amazonas gefahren, als mit DEM zum Mond. Und dort könnte man vielleicht noch was entdecken… Ich glaube, mein „Kamerad“, ich werde Dich kurz vor dem Einsatzende einfach dort unten lassen, dich einfach zufällig „vergessen“ – die ganze Welt wird froh sein, den Langweiler los zu sein!

Und mich? Freunde habe ich ja auch nicht unbedingt viele, dahinten auf der blauen Ei-Erdkugel. Eigentlich hatte ich bisher nur David. Ich bin nicht so der Typ, der gleich viele Freunde hat. Bin mehr der ganz Stille. Aber ich glaube, wer mich erst mal richtig kennt, kann mich ganz gut leiden. Ich bin gutmütig von der kleinen Zehe bis zur Haarspitze und meistens sehr kameradschaftlich.

War das damals schön, auf unserer kleinen Insel, auf Procida. David und ich, und noch ein paar andere Jungs, immer zusammen bei unseren Unternehmungen. Die hatten viel mit Wasser zu tun. Sind mit Davids Vater und seinem Fischerboot viel aufs Meer raus, um Seefrüchte für unsere Gaststätte mitzubringen. Die Touristen haben alles weggeputzt wie sonst was. Dann das Baden. Meist auf Vivara. Da waren keine Touristen, und auch sonst fast niemand, denn eigentlich darf man da ja nicht hin. Allerdings mußten wir immer über diesen rostigen Gammelsteg laufen. Und wenn später starker Wind aufkam, hatte ich schon mal etwas Angst, in die hohen Wellen zu stürzen. Aber nur dort auf der kleinen Haseninsel konnten wir überhaupt nackt baden, und das war mir schon wichtig. Wegen David, wegen seiner Schönheit.

Im Nachhinein finde ich diese ganzen Schiffsfahrten sehr schön, aber damals hatte es mich manchmal schon mächtig genervt, wenn ich täglich Richtung Neapel später zur Schule geschippert bin, Studium eingeschlossen. Hotel Mama war eben das günstigste im Angebot. Und diese Unmengen von Touristen. Und so fette, dicke, glatzköpfige, alte Männer mit großen Fotoapparaten. „Junge, darf ich Dich bitte mal fotografieren…? Drehst Du Dich bitte auch mal um? Und auch von der Seite? Mhm, schön. Bella Italia!“ Und anschließend mir mit der fettigen Hand noch meinen Knackarsch streicheln… Bäh! Pfui, Teufel! Basta! „Na gut, für 5 Dollar. Nein, keine Lire. Aber nur ganz kurz anfassen!“

Die Wege haben sich leider aus beruflichen Gründen getrennt. Mit leichter Wehmut schlafe ich endlich ein.

In unseren dicken Raumanzügen eingemümmelt, tapern wir in unser Einsatzgebiet. Der Langweiler stockstumm vor mir, vom NASA-Kontrollzentrum kann ich nur ab und an vermehrtes Gähnen über Funk vernehmen. Mit dem Kopf beim Büroschlaf wohl zufällig auf der Sendetaste zu liegen gekommen… Von uns will niemand was wissen. Was wollen wir eigentlich hier? Es ist wirklich ein so schöner Tag! „Du bleibst jetzt hier stehen und hältst die wichtige Funkverbindung ins Kontrollzentrum aufrecht. Dann beobachtest Du noch das Gelände, und passt auf, das sich keiner an uns ran schleicht. Aber sorgfältigst. Verstanden?“ Ist doch immer wieder schön, wenn man die Verantwortung trägt. Den bin ich erst mal für eine Weile los…

Nun, mittels Weltall-GPS und digitalen Aufzeichnungsgeräten ist so eine Aufgabe eigentlich nur noch ein Spaziergang (ich – einschalten nicht wieder vergessen). Ich nutze die Zeit, ausgerüstet mit einem kleinen Hammer, um mir noch fehlende Gesteinsstücke für meine kleine Sammlung zu organisieren. Ansonsten ist es hier wirklich öde. Nur gezackte, scharfe Felsen, wo man aufpassen muß, dass man sich nicht das Fell aufreißt (dann ist wirklich absolut die Luft raus) und viel Staub unter den dicken Schuhen. Die paar Löcher nicht zu vergessen, wo es einige Meter runter geht. … Aha, ich bekomme eine Anweisung über Funk. Bitte auch von diesem Basalt hier ein Stück für den Forschungsleiter… Der kann mich mal bei Mondschein.

Dort in der Felsnische scheint es interessanter. Moment – was ist denn das? Hinter der Felsnische ist ein Gang. Gibt die ja auch auf der Erde, fällt mir ein. Hat tektonische Ursachen von wegen Lavaabfluß. Wasser kann es hier ja nicht sein. Und Lava kenne ich noch genau von Procida. Aber hier ist keine Lava und nichts sonst vulkanisches – hier sind glatte Wände! Die Schwärze des Gesteins schluckt fast jedes Licht. Mir kommt es vor, als würde ich mit einer Kerze am Helm durch die Gegend wackeln, und nicht mit dem aller neuesten Hochleistungslumineszenzdiodenweitstrahler, so schluckt das. Vor mir in Brusthöhe ist ein kreisförmiges Symbol, ca. 15cm im Durchmesser, zu sehen. Was die Natur nicht alles für merkwürdige Formen hervor bringt. Auf dem zeichenförmigen Gebilde in der Mitte ist Staub, nicht gut was zu erkennen. Mit dem Geologenhammer versuche ich kratzend, diesen zu entfernen. „Ding! Dong! Der Fahrstuhl steht gleich zu Ihren Diensten.“

Ein Rütteln an den Schultern bringt mich wieder in die Realität, bevor mich der plötzliche Herztod ereilen kann. Ihn hat mein Geschrei beim Schlafen gestört… Ich werde meine bisherige Haltung zu meinem Kumpel überdenken müssen. Und ich habe jetzt ein persönliches Problem: Mit Raumanzug kann man ganz schlecht duschen, und ich bin wirklich total durch geschwitzt. Auch macht sich im Helm jetzt ein stechender Geruch breit.

Ich hatte bisher keine Ahnung, wie schlecht es der Weltraumforschung eigentlich geht: Kein Toilettenpapier an Bord, Spülwasser – Fehlanzeige, Frischwasser – Fehlanzeige, Wiederaufbereitung der Fäkalien zwecks menschlicher Ernährung statt der üblichen Tabletten… Eine ganze Liste von Abscheulichkeiten! Dann statt der angeschraubten Geräte diese nur mit Blumenbindedraht befestigt… Isolierband das am Häufigsten verwendete Material. Das Signal, welches ständig Treibstoffmangel signalisiert, läßt sich nur dadurch abstellen, dass wir einfach das Anschlußkabel kappen. Sicherheitshalber sind Fallschirme an Bord, was uns sofort wieder beruhigt. Na ja – es hätte ja auch alles viel schlimmer sein können!

Das darf so nie wieder vorkommen. In meinem Eifer und Verantwortungsgefühl versuche ich, die „Abteilung für Mängelreklamationen in der Weltraumfahrt“ zu erreichen. Kein Problem, und ich werde gleich aufgefordert, für die Annahme eines technischen Mangels die „Eins“ zu drücken…

So, jetzt geht es endlich los. Schnell fertig – und weg hier. Als ich die Mappe mit den Arbeitsanweisungen öffne, liegt oben drauf ein kleiner Zettel:

Lieber Herr Cervi und Mitarbeiter,

Bitte verzeihen Sie die wenigen Unregelmäßigkeiten. Aber Humor ist doch, wenn man trotzdem lacht. Im Laderaum liegen zwei Rucksäcke für Gestein und eine Transportkiste. Bitte alles lt. Liste füllen und mitbringen.

Viele Grüße, Ihr Einsatzkommando

Eintragung ins Logbuch:

a) Zwei Rucksäcke und eine große Blechkiste haben heute für die Eröffnung der „1. Internationalen Mülldeponie im Weltall“ gesorgt.

b) Raumgleiter schrottreif und nur bedingt flugfähig.

c) alles ausgebaut, was Treibstoff sparen könnte, auf den Müll

d) Unsere Testamente sind in der roten Mappe!

Mit viel Wut und Hunger im Bauch setzen wir auf das Nachtgestirn hart auf. Nun schmerzt auch noch mein Rückgrat. Mein Mitarbeiter kann ja wohl wirklich rein gar nichts. Der darf jetzt den Gleiter bewachen.

Als ich eine Felsnische entdecke, werde ich stutzig. Das kommt mir doch bekannt vor… Schwarze, glatte Wände, dahinten ist ein schmaler Gang zu sehen. Und dunkel ist es, selbst noch mit Scheinwerferlicht! Neugierig wie immer, taste ich die eigenartigen Felsumformungen in einem 15cm-Kreis am Ende des Ganges ab. „Ding! Dong! Der Fahrstuhl steht gleich zu Ihren Diensten.“ Hilfe – mein Herz bleibt stehen! Mir wird sehr schwindelig…

„Hallo! Silvio! Komme doch bitte zu Dir! Dein Puls ist doch schon wieder normal…“ Na gut, wenn man so überredet wird. Und von so einer netten Stimme… „David?“ Das war jetzt wohl etwas schnell, mit dem „wieder zu mir und hochkommen“. Mit Nebel vor meinen Linsen sehe ich David. „David? Träume ich? Bin ich tot und im Himmel?“ „Nein, Silvio, Du bist bei uns, und wir haben Dich gerufen. Es ist alles in Ordnung, beruhige Dich.“ Mit diesen Worten zieht er mich von der Horizontalen hoch und drückt mir einen Kuß auf meine Lippen. Wie ich das vermisst habe! Himmlisch… Und diese Musik im Hintergrund. „True Faith“ von „New Order“. Bitte noch mal….

Ich bin gewaschen und frisch wie ein Baby nach der Wanne, habe auch gut gegessen. Nun bin ich bereit für Davids Erklärungen.

„Bitte schau mal in diesem großen Raum die vielen rechteckigen und schwarzen Säulen mit den kleinen Fenstern oben, die ein Licht verbreiten, als würden sie leben. Das sind alles sehr große Computer, und mit einer für einen Menschen unvorstellbar fortschrittlichen Technologie ausgestattet. Silvio, das Leben ist eine Illusion, so wie wir meinen, es zu kennen! Alles ist nur vom Prinzip wie Elektrizität. Jeder Mensch, jeder Gegenstand, jeder Gedanke, Du und ich – alles ist nur ein jeweils zugeordneter Speicherplatz in einer riesigen Datenbank. Und das hier ist eine Zentrale von vielen im ganzen Universum. Die Programme heißen Leben und Evolution. Wer sie mal schrieb und wer ganz oben in der Hierarchie dran dreht – wir wissen es nicht. Wir wollen es aber raus bekommen. Wir, das ist ein geheimer Zusammenschluß von… Nein, dazu erst später. Ich habe mir sehr gewünscht, dass Du zu uns kommen darfst. Jetzt bist Du hier und kannst nicht mehr zurück. Bist Du mir jetzt sehr böse?“ Da ich an das schrottreife Raumschiff denken muß, fällt mir meine Antwort sehr leicht. „David: Wenn es irgendwie geht, möchte ich bei Dir bleiben…“

* * *

Als Herr Cervi nicht wieder zurück kommt, macht sich sein Mitarbeiter anhand der Fußspuren auf die Suche. Aber er findet nur einen leeren Raumanzug, und stinkige Unterwäsche daneben liegend. In der rechten Handschuhhand des Anzuges ist ein Datenkristall geklemmt. Nach der Landung des Raumgleiters, besser als Bruchlandung mit Totalschaden zu bezeichnen, und der Rückkehr des Mitarbeiters ins Sternenstädtchen wird der Kristall ausgewertet. Nach Kenntnisnahme des Inhaltes wird er zu den anderen Kuriositäten weit unter der Erde einer nordamerikanischen Wüste gelegt. Es ist nur sehr wenigen Eingeweihten bekannt, warum der Weg zur allgemeinen Erkenntnis so schwierig ist. Und dieses Wissen ist sehr gefährlich für die eigene Gesundheit.

Denn keiner von den Mächtigen möchte was ändern!

Funktioniert wie eine nicht erfüllte Bedingung in einem Computerprogramm:

## Wenn Menschen keine Kriege mehr führen und allgemein abgerüstet haben, dann zur Lösung. Sonst springe wieder auf den Anfang zurück. ##

 

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