Volle Dosis – Teil 1

„Scheiße! Alles nur noch Scheiße!“ Eben komme ich von meinem Arzt, habe seine für mich schicksalhaften Worte noch im Ohr: „Herr Lukas Kowalski, ich kann Ihnen leider nichts Gutes berichten. Die Chemotherapie hat bei Ihnen nicht gewirkt. Ihre Erkrankung ist sogar schneller fortgeschritten, als ich annehmen konnte. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich gebe Ihnen noch maximal 6 Monate, in denen Sie wohl sehr leiden müssen! Ich würde Ihnen sehr empfehlen, dass Sie sich um die Einweisung in ein Hospiz bemühen…“

Orte:

  • Rostock „Kröpeliner Straße“
  • Valletta „Merchants Street“, „Lower Barracca Gardens“

Personen:

  • Lukas Kowalski Erzähler
  • Xavier

Was habe ich nur verbrochen, dass auf mich die Schicksalsschläge nur so einstürzen! Erst dieser blöde Verkehrsunfall und die lange Krankschreibung. Dann bald darauf der erste Krebs, der aber besiegt werden konnte, und nun dieser schlimme Rückfall. Ich bin zwar erst 26, war davon aber bereits fünf Jahre krank, mit kurzen Unterbrechungen. So krank, dass ich durch meine ständigen Bettlägerigkeiten meine ganzen Freunde verloren habe. Wer will schon ständig mit einem schwer Kranken zu tun haben… Und mit Familie kann ich leider nicht glänzen. Trotz alledem – besonders schlimm finde ich meine ständige Einsamkeit. Andere haben ihre Arbeitsstelle und Kollegen – ich habe ständig frei und habe niemanden. Bin ja nach der langen Krankheit und Harz-IV jetzt sogar schon Rentner. Mit 26!

In letzter Zeit bekomme ich richtig starke Depressionen. Ich habe große Angst zu sterben und will gegen meine Krankheit kämpfen, doch ich spüre deutlich, wie meine Lebenskräfte nachlassen. Und ich habe zeitweise wahnsinnige Schmerzen, die nur mit den aller stärksten Medikamenten eingedämmt werden können. Mein Spiegelbild zeigt mir ein graues und viel älter aussehendes Gesicht. Und meine Haare… Mein Körper ist bereits deutlich vom Verfall gekennzeichnet, der ehedem muskulöse Körper wirkt sehr mager und schwach, ähnlich einem klapprigen Gerippe, nur noch als Vogelscheuche gut geeignet. Lange Strecken kann ich nicht mehr laufen, habe sogar große Mühe, die Treppen zu meiner Wohnung in Rostock-Evershagen hinauf zu steigen. Ich mag nicht daran denken, wie es erst in vier Wochen sein wird…

Dermaßen missmutig und schlecht gelaunt, bin ich auf dem Weg vom Doktor durch die Kröpeliner Straße zur Straßenbahnhaltestelle hin. Inmitten dieser ganzen Masse von Menschen, von denen diese Straße ständig erfüllt zu sein scheint, fühle ich mich trotzdem wie auf einer einsamen Insel. Leute, ich bin doch noch da, lebe doch noch, aber niemand nimmt von mir irgend eine Notiz… Eine kleine Gruppe unterhält sich lautstark und ich bewundere mit in der letzten Zeit sich steigerndem Neid die lebensfrohen, gesunden, jungen Männer in meinem Alter, als ich fast über ein aufgestelltes großes Werbeobjekt stolpere. „TOP 5 REISEN: Mittelmeer jetzt preisgünstig erleben!“ Fluchend weiche ich dem Schild aus und nehme wie gewohnt die Richtung in mein Lieblingskaffee, um dort meinen obligatorischen Cappuccino zu trinken. Da – Christian, mein ex Kollege, kommt mir entgegen! Aber der schaut sofort weg, als er meinen Blick bemerkt… Der Christian, von dem ich glaubte, dass ich in ihn einen guten Freund hätte… Im Guten hat man viele Freunde, doch im Schlechten merkt man erst, ob es wirklich welche sind. Deutlich spüre ich Schmerzen und aufkommenden Schwindel, von dieser neuen Enttäuschung ausgelöst.

Nach dem Cappuccino und einem kleinen Eisbecher, den ich mir heute mal gönne, steht mir wieder dieser Werbeträger vor den Füßen, als ob ihn einer extra für mich zurecht gerückt hätte. Ich lese Malta… Ja, das war schön: Damals, der Urlaub mit meinen Klassenkameraden nach der Schule, kurz bevor wir alle auseinander drifteten, und als ich noch so gesund war… Wie schön wäre es, die Zeit zurück drehen zu können, alles noch einmal erleben zu können. Nur 253 € mit Flug und Halbpension! Eigentlich mein Preis, extra für mich gemacht und als Einladung zu verstehen. Ob ich das bis dahin noch schaffen würde? Einmal noch das Leben genießen, soweit es geht, und Kraft für den letzten Gang holen. Wenn schon sterben, dann vorher möglichst noch etwas Spaß haben. Vielleicht stürze ich mich dort zum Schluss von den Dingli Cliffs, damit es schneller geht… Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr gefällt mir diese Eingebung. Da die Sparkasse fast auf dem Weg liegt, will ich noch meinen Kontostand überprüfen.

1004 €, aber auch ein Dispo wäre noch drin… Jetzt ist mir alles egal! Die ahnen ja nichts von meinem Leiden, wissen nur von meiner kleinen Rente, die sicher monatlich meinen Kontostand ausgleicht. Soweit wie möglich hebe ich alles Geld ab, lasse nur was für die fällige Miete zurück. Mit Dispo wegen Autokauf, erzähle ich. Dann gehe ich zum Reisebüro zurück. Der Werbeträger ist nun weg.

* * *

Ich muss mich langsam an die Temperaturen hier gewöhnen. Ist schon sehr heftig, von 18 Grad zu hause auf über 30 Grad hier, wenn man nicht so auf dem Damm ist. Immer nach Möglichkeit die Schattenseite nehmend, bin ich vom Busbahnhof kommend auf den Weg durch die Merchants Street und bewundere wie früher die schöne Architektur. Als ich gerade die kleine Kirche schräg vor mir genauer betrachte, bemerke ich in der Nähe des rechten Glockenturmes oben Jemanden, der dort zusammen gekauert und mit umkrempelten Jeans sitzt. Neugierig geworden auf den Ort und den Ausblick, gehe ich in die Kirche hinein. Mein Vorhaben wird schnell erkannt und ich bekomme die Richtung nach oben gewiesen. Sehr mühsam und langsam quäle ich mich die Wendeltreppe empor.

Auf der steinernen Brüstung sitzt ein Mann in Richtung Straße gewandt. Er hat die Ellbogen auf seinen Knien abgestützt, das Gesicht in den Händen verborgen. Ungepflegte lockige, braune Haare, die schon eher wie eine Wucherung wirken, hüllen ihn ein. Auf seinem Nacken wachsen etliche Haarbüschel, die schon längst mal hätten ausrasiert werden müssen. Eine Brille liegt neben ihn. Er ist mit einem dunklen Pullover gekleidet. Seine ausgebleichte Jeanshose, ein vormaliges Blau ist nur noch zu ahnen, ist an den Füßen hoch gekrempelt, wohl wegen der heißen Witterung. Die Beine sind gut gewachsen und von einem hellen Haarflaum bedeckt. Trotz des etwas abweisenden Aussehens geht von ihm eine gewisse Anziehung aus. Er scheint überdies noch ziemlich jung zu sein und auch sehr schlank. Als ich mich neben ihn setze, bemerkt er mich wohl nicht mal.

Plötzlich beginnen die Glocken zu läuten. Dermaßen laut, dass es mir scheint, meine Eingeweide nehmen Schaden, so sehr bringt das Glockengeräusch mein Innerstes zum Schwingen. Es drückt mir regelrecht die Luft ab und peinigt meinen kranken, entzündeten Körper weit bis über ein für mich erträgliches Maß hinaus. Dann spüre ich, wie der Fremde, genau wie ich wohl sehr erschreckt, sich reflexartig und Schutz suchend an mich ran drückt und meinen Arm berührt. Endlich hebt er seinen Kopf und hellblaue Augen sehen mich an, von Angst erfüllt weit aufgerissen. Tränen haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Es ist vom Schmerz gezeichnet, der scheinbar auch schon da war, als das Glockengetöse noch fehlte. Dunkle Ringe unter den rot geweinten Augen zeigen es an. Sein hübsches Gesicht ist von einem kurzen Stoppelbart bedeckt. Er ist wohl etwas jünger als ich, erst knapp über zwanzig, nehme ich an. Ich spüre, dass der Fremde großen Kummer haben muss. Auch der betrachtet mich jetzt eingehend. Mir fällt auf, dass ihm meine offensichtlich etwas aufdringlichen Blicke nicht zu stören scheinen, so setze ich meine Musterung einfach fort. Was ich sehe gefällt mir sehr. Er hat wohl in etwa meine Größe von 1,80 m, scheint ein recht sportlicher Typ zu sein und entspricht in seinem Äußerem fast meinem Ideal für einen Mann.

Als das Glockengeräusch endlich nach lässt, bemerke ich, dass wir uns körperlich ziemlich angenähert haben und will, jetzt doch etwas peinlich berührt, mich schnell wieder trennen. Ich fühle aber auch, dass mir die Nähe des Anderen irgendwie gefällt und so beschließe ich spontan: „Egal, was der jetzt von mir denken mag – ich halte ihn jetzt weiter fest, will dessen Nähe weiter genießen. Wer weiß, ob ich das jemals wieder kann – einen anderen Mann so berühren…“ Der Fremde schaut erst erstaunt, doch langsam hellt sich sein Gesicht ein wenig auf. Es ist zu ahnen, wie schön sein Gesicht eigentlich sein könnte mit einem Lächeln und ganz ohne Tränenspuren und Schmutz. Und ohne Schmerz. Wir schauen uns unentwegt weiter in die Augen. Es kribbelt bei mir schon etwas, und ich glaube, ich bin gerade dabei, mich in diesen Mann zu verlieben.

* * *

Xavier heißt er also und ist erst 21, hat er mir auf englisch erzählt, als ich ihm meinen Namen verraten habe. Schade, dass nun hier oben eine ziemliche Unruhe durch die Touristen aufgekommen ist, die uns den Platz streitig machen wollen.

Wieder unten in der Kirche angekommen, zündet er zwei Kerzen an und drückt mich in die Bankreihe, setzt sich daneben und fängt inbrünstig zu beten an. Obwohl ich nicht sehr gläubig bin, spüre ich trotzdem die Wirkung des in einer mir unbekannten Sprache gesprochenen Gebetes auf meine Seele. Irgendwie doch sehr schön. Und hatte ich gestern noch starke Depressionen, weichen diese langsam einem wohligen Gefühl, was sich Liebe nennt.

Xavier kann viele Sprachen sprechen, aber von jeder immer nur ein bisschen. Richtig wohl nur maltesisch, glaube ich, was aus dem Arabischen stammt, aber davon kapiere ich gar nichts. Er fordert mich auf, ihm ruhig zu folgen. Dabei textet er mich regelrecht mit seinem Misch-Masch zu. Er stammt eigentlich vom Balkan, lebt aber schon lange hier und hat es zu einem Kioskbesitzer an guter Stelle gebracht, was ihm ein bescheidenes Einkommen ermöglicht, erfahre ich. Momentan arbeitet aber ein Schüler für ihn dort, der Ferien hat und dem er vertrauen kann.

An einem Park, den „Lower Barracca Gardens“, bitte ich erst mal um eine Pause. Xavier sein Redeschwall verwirrt mich und sein vorgelegtes Tempo ist für mich viel zu hoch, und eigentlich hätte ich ihn schon längst laufen lassen müssen, wenn nur sein betörender Anblick nicht wäre und erst wie er sich bewegt… Einfach perfekt. Auf einer Bank kann ich mich endlich ein wenig ausruhen. Und jetzt mal schweigend, mustert mich Xavier eingehend. Seine Hände sorgen für starke Energieimpulse, wenn sie meinen kranken Körper berühren.

Ich kann dann nicht mehr anders, als Xavier in seine Wohnung zu folgen, die nur unweit entfernt liegt. Ich würde jetzt schon alles für ihn tun. Ein scheinbar sehr altes, kleines Haus, das reichlich vom Patina der langen Vergangenheit eingehüllt ist, vollkommen aus dem für die Insel typischen Sandstein erbaut, welches immer fast gleich um die Ecke zu finden ist, ist sein Heim. Hier hat er eine kleine, einfach eingerichtete Wohnung. Sein ganzer Schatz sind wohl seine Bücher, die eigentlich überall zu finden sind, denn die Regale sind bereits stark überfüllt. Eine recht breite, ordentlich bezogene Matratze ist sein Bett, auf das ich mich einfach nur fallen lasse, da sonst nichts zum Sitzen einlädt. Als Xavier nur mal schnell verschwinden will, lasse ich mich nach hinten fallen. Meinem Ruhebedürfnis habe ich nichts mehr entgegen zu setzen und ich schlafe umgehend ein.

Nun bin ich schon einige Wochen hier bei meinem Pfleger. Deutschland ist mir zur Zeit so was von egal. Die gute Betreuung und die Liebe, die mir Xavier gibt, tun mir richtig gut. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so geborgen gefühlt. Aber auch meinem Freund bekommt seine neue Aufgabe anscheinend sehr gut, denn auch er war die letzten Jahre oft sehr einsam und ist froh, jemanden zu haben, um den er sich sorgen kann. Jetzt ist er sogar mit seiner Fröhlichkeit und dem quirligem Wesen für mein Leben unverzichtbar geworden. Ich vertraue ihm bereits so sehr, dass ich meine ganzen Angelegenheiten in seine Hände gelegt habe. Meine Rente wird demnächst auf Xavier sein Konto überwiesen werden. Auch wenn es nur schlappe 668 € sind, werden diese hier dringend gebraucht, denn nur allzu oft muss Xavier sein Kiosk geschlossen bleiben, weil ich mal wieder dringend auf ihn angewiesen bin, immer wenn es mir sehr schlecht geht. Außer in den Garten, der sich zwischen den Häusern befindet, kann ich das Haus nicht mehr verlassen. Bei den hier oft spielenden Kindern habe ich wenigstens etwas Ablenkung, wenn Xavier arbeitet.

* * *

Eines abends kommt er vor Freude strahlend in unser Zimmer und hält mir eine Tüte unter die Nase. „Schau mal: Das ist eine Medizin nach einem alten Rezept, was mir mein Opa mal verraten hat, welches dir vielleicht noch helfen könnte. Wir sollten es jedenfalls gleich mal ausprobieren.“ Er verrührt die Medizin in ein Glas Mineralwasser und hilft mir liebevoll, es aus zutrinken. Dann werde ich wohl von der Wirkung etwas müde und lege mich hin.

Ich bekomme eben noch mit, wie Xavier am Telefon eine Liste vorliest mit Namen und Geldsummen auf seinem Konto, wo auch meines dabei ist. Und was von „voller Dosis“ und dass Doktor Schischang heute noch eine frische Leiche ins Kühlfach packen soll. Auch dass er schon einen neuen Fisch an der Angel hat… Gerade, als ich tief entsetzt und auf das Schwerste enttäuscht, endlich zu verstehen beginne, schwinden mir die Sinne. „Warum nur immer ………..“

Bemerkung: Das war das bittere Ende für gewöhnliche Pessimisten.

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