5328 – Teil 1

Es war ein kalter Wintertag. Etwa der 29. Dezember 1944. Genau sagen kann ich das nicht, da ich das Zeitgefühl verloren hatte, doch das war auch nicht wichtig dort wo ich jetzt war.

Vor etwa einem halben Jahr kam ich her. Ich war leichtsinnig geworden und hatte meinen besten Freund Karl geküsst und ihm gesagt, dass ich ihn lieben würde. Es wusste bis dahin niemand, dass ich Jungs lieber mochte als Mädchen. Er fand das nicht so toll und hat mich verraten.

Vorwort / Erklärung:
Das Mindestalter eines Staffel-Bewerbers bei der SS war 25 Jahre. Nach Vollendung der drei Jahre Probezeit wurden diese SS-Anwärter in die Schutzstaffel übernommen und erhielten neben dem endgültigen Mitgliedsbuch und Zivilabzeichen der SS (2 weiße Sig-Runen auf schwarzem Grund) auch die Kragenspiegel und das “Sturmband”, das über den linken Ärmelaufschlag zu tragen war. Da ich meinen zweiten Hauptcharakter nicht so alt machen wollte habe ich das Mindestalter eines Staffel-Bewerbers bei der SS auf 18 Jahre heruntergeschraubt. Hans ist also zu dem Zeitpunkt in der meine Geschichte spielt 23 Jahre alt, da er das Praktikum erfolgreich absolviert hat, und schon 2 Jahre in der Schutzstaffel tätig. Hätte ich das Mindestalter bei 25 Jahren belassen wäre er schon 29 und das war mir doch zu alt, zumal David ja einiges jünger ist. Ich habe in der Geschichte Wirklichkeit und Fiktion ineinander überfließen lassen. Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind zufällig. Es würde mich freuen, wenn ihr mir eure Gedanken und Gefühle mitteilen würdet, die ihr beim Lesen empfunden habt. Gerade bei dieser Story ist mir das sehr wichtig. Also schreibt bitte in das entsprechende Forum oder das Gästebuch oder schickt direkt eine Mail an mich: gh1980@gmx.net . Vielen Dank

Gianna 26.04.2006

Dabei hatten wir doch schon so viele Jahre überstanden. Obwohl meine Familie jüdisch war hatten wir es geschafft unter falschem Namen in einer anderen Gegend unbehelligt weiterzuleben als alle Juden aufgefordert wurden ihr Heim zu verlassen und sich an bestimmten Sammelstellen zu melden. Meine Eltern ignorierten diese Anweisung und machten sich mit mir auf und davon. So genau wusste ich die Gründe dafür damals allerdings nicht. Ich war einfach noch zu klein. Nun, heute weiß ich sie…

Wir waren noch nie besonders gläubig gewesen und daher kaum von einer „arischen Familie“, wie es heute hieß, zu unterscheiden. Folglich fielen wir nicht auf bis ich diesen einen Fehler machte und meine ganze Familie wegen mir verraten wurde. Ich muss dazu sagen, dass Karls Familie wusste, dass wir Juden waren. Wie ich annehme spielten sie dieses Wissen gegen uns aus. Weshalb sollten wir sonst auf einmal aufgefallen sein. Am Tag nach meinem Geständnis wurden wir aus unserer Wohnung geholt und regelrecht verschleppt.

Ich weiß bis heute nicht wo sie meine Eltern hinbrachten. Wir wurden noch auf der Straße von einander getrennt. Ich weinte und schrie, dass ich sie liebte und dass es mir Leid tat, denn ich konnte mir ja wie gesagt denken, was der ausschlaggebende Punkt für diesen Verrat war. An mehr kann ich mich nicht erinnern, da ich einen gewaltigen Schlag auf den Kopf bekam.

Erwacht bin ich dann in einem Lastwagen mit dem ich zum Einsatz in einem Arbeitslager im Osten Deutschlands gefahren wurde. Ich fand „Gefangenenlager“ traf es eher. Dort bekam ich einen rosa Winkel, der über einem gelben Winkel lag an die Jacke gesteckt. Dieser besagte, dass ich homosexuell und Jude bin. Es dauerte nicht lange und ich bekam mit, dass Männer, die Männer lieben die niedrigste Kaste in der Lagerhierarchie darstellten. Wir wurden nicht nur von den Wachmannschaften wie Dreck behandelt sondern auch von einem Großteil der anderen Lagerinsassen. Das waren z.B. Juden, gekennzeichnet mit einem gelben Stern, Zeugen Jehovas mit einem lila Winkel usw. usf. Alle diese einzelnen Kasten hatten in einen bestimmten Teil des Lagers ihre Schlafbaracken.

Kaum, dass ich im Lager angekommen war musste ich anfangen zu arbeiten. Täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ohne längere Pausen oder nahrhaftes Essen und Trinken. Unterstellt war das Arbeitslager der Waffen-SS und die SS machte keinen Hehl daraus wer hier am längeren Hebel saß. Es verging kaum ein Tag ohne dass man irgendwo Tote sah oder einen Wachposten der SS schießen hörte. Es war einfach schrecklich hier. Wer sich nicht selbst das Leben nahm, schleppte sich so durch und hoffte auf die Befreiung der Roten Armee oder der Amerikaner. Gerüchte waren schon lange im Umlauf, dass Deutschland den Krieg verlieren würde aber laut sagen durfte man das natürlich nicht…

Ich gehörte zu denen, die sich trotz rosa Winkel glücklich schätzen konnten, da man wenn man hart und gut arbeitete noch am wenigsten behelligt wurde und das tat ich frei nach dem Motto: bloß nicht auffallen! Mir wurde aufgetragen Gesteinbrocken, die hinter den Pferdeställen der SS lagen 30 Meter weiter vor einer leerstehenden Baracke aufzuhäufen. Das tat ich und alles was ich dafür hatte war ein Eimer. Die großen Brocken musste ich mit der Hand tragen, da sonst der Eimer kaputt gegangen wäre und das hätte wiederum mein Ende hier sein können. Wehe dem, der was beschädigt… Bewacht wurde ich bei dieser Arbeit übrigens nicht. Es lohnte sich nicht für einen einzigen Jugendlichen eine Wache abzustellen und wenn ich Fehler machte würden sie mich das auch später noch wissen lassen.

Ich schleppte also einen schweren Stein nach dem anderen herüber zu der Baracke. Gerade hatte ich einen großen Brocken abgelegt und ging zurück zu den Ställen. Ich bog um die rückseitige Ecke des Stalls und…

„Hmpf…!“

…rannte voll in jemanden hinein, konnte mein Gleichgewicht nicht halten und fiel auf meinen Hintern. Schnell stand ich wieder auf. Ich blickte gerade aus, sah genau auf den Kragen einer Uniform und es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich fing an zu Zittern und musste mich zusammenreißen, um nicht laut mit den Zähnen zu klappern oder vor Angst in die Hose zu machen. Sagen konnte ich nichts.

„Meine Güte, du hast es aber eilig“, sprach mein Gegenüber. „Hast du dir was getan?“

Ich konnte immer noch nichts sagen, ich starrte nur auf die Runen am Kragen: SS!

„Alles in Ordnung mit dir? Du zitterst ja, hast du dich verletzt? Sieh mich an. Du sollst mich ansehen!“

Ich zwang mich den Blick vom Uniformkragen abzuwenden und blickte meinem Gegenüber ins Gesicht. Ich sah wie er mich musterte und sein Blick kurz an meinem Winkel hängen blieb bevor er mir direkt in die Augen sah.

„Also, hast du dir was getan?“

„Es tut mir Leid“, schluchzte ich hervor.

„Ist schon in Ordnung. Ist ja nichts passiert.“

Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Ich hatte ihn total umgerannt und die Uniform wies Flecken von dem Gesteinsstaub, mit dem ich von oben bis unten voll war, auf. Ich hatte hier schon Leute sterben sehen, nur weil Uniformen versehentlich beschmutzt wurden und er sagte es wäre nichts passiert.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Ich nickte und sah wieder zu Boden.

„Wie ist dein Name?“

„5328“

„Ich habe nach deinem Namen gefragt, nicht nach deiner Nummer.“

„David“

„Und wie alt bist du David?“

„15“

„Ist dir kalt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Natürlich ist dir kalt, du zitterst doch. Oh…“, er machte eine kurze Pause, „…du zitterst nicht nur weil dir kalt ist. Du hast Angst vor mir oder? Wie dumm von mir…“

Ich schwieg. Es war immer am Besten zu schweigen. Dann konnte man nichts Falsches sagen.

„Bist du hungrig?“

Ich schüttelte den Kopf.

„So ein Blödsinn, natürlich bist du es! Hier nimm das. Es ist nicht viel aber immerhin.“

Er hielt mir eine Tafel Schokolade hin und mein Hunger siegte. Ich streckte die Hand aus und sah ihn an. Er lächelte mich an und ich konnte es nicht glauben. Das konnte einfach nur ein Scherz sein. Eine ganze Tafel Schokolade…sicher würde er mich gleich wegen Diebstahls erschießen, wenn ich die Tafel in der Hand hatte. Ich nahm sie.

„Hans?! Bist du festgefroren beim Pissen?“

Ich erschrak fürchterlich.

„Bin schon auf dem Weg“, brüllte mein Gegenüber zurück und machte ein paar Schritte auf den Pferdestall zu. Dann wand er sich noch einmal mir zu und sagte:

„Halt die Ohren steif David und iss die Schokolade gleich. Wenn du damit erwischt wirst erlebst du das neue Jahr nicht mehr.“

Ich sah ihn um die Ecke biegen und dann machte ich mich über die Tafel her und schlang alles schnellstmöglich hinunter. Zeit zum Genießen hatte ich nicht, denn ich durfte keine Pausen machen und mit Sicherheit durfte ich keine Schokolade bei mir haben! Ich aß also alles auf, verbuddelte das Schokoladenpapier, wo es keiner finden würde und machte mich wieder an die Arbeit.

Eine ganze Zeit später war ich wieder auf dem Rückweg von der Baracke zum Pferdestall und mein Blick fiel auf zwei SS-Männer, die vor dem Stall standen und rauchten. Den einen erkannte ich als Hans und der andere war sicher der, welcher nach ihm gerufen hatte. Ich musste relativ nah an den beiden vorbei, um hinter den Stall zu dem Geröll zu kommen. Hans sah in meine Richtung, ich wandte den Blick schnell wieder zu Boden und schaffte weiter.

Mein Gehirn arbeitete ununterbrochen. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich diese Unachtsamkeit überlebt hatte. Und er hatte mich sogar nach meinem Namen gefragt und das extra betont, weil ich ihm erst nur meine Nummer genannt hatte. Im Lager wurde nämlich niemand mit Namen angeredet. Man war hier nur eine Nummer und ich hatte die 5328. Diese Nummer war mir bei der Ankunft auf den Unterarm gebrannt worden.

***

Die folgenden Tage arbeitete ich nicht bei den Ställen. Ich wurde wo anders gebraucht und sollte meine Arbeit dort erst nach der Jahreswende wieder aufnehmen.

So kam es, dass ich ein paar Tage nach Jahresbeginn pünktlich mit dem ersten Tageslicht wieder anfing Steine von A nach B zu schleppen. Es war gar nicht so einfach bei dem Wetter. Es hatte geschneit und das nicht gerade wenig. Um die Pferdeställe herum standen glücklicherweise viele Tannen, Bäume und Sträucher, so dass dort kaum Schnee lag und man vor Nässe von oben weitestgehend geschützt war. Allerdings musste ich ja immer zur Baracke hinüber laufen und dort war es weniger geschützt und der Weg dorthin war komplett eingeschneit. Bis auf eine Spur, die von einem Pferd stammen musste war die Schneedecke noch unberührt.

Normaler weise hätte ich erst einmal mit meinem Eimer versucht den Schnee wegzukriegen aber ich traute mich nicht, denn wenn man Arbeiten machte, die einem nicht zugeteilt waren und dafür die aufgetragene Arbeit ruhen ließ konnte das schlimme Strafen geben. So bahnte ich mir also ein ums andere Mal einen Weg durch den Schnee und kämpfte gegen mein Frieren und die Müdigkeit an.

Ich weiß nicht wie oft ich schon hin und hergelaufen war als ich ein Pferd schnauben hörte. Ich sah auf und im nächsten Moment sah ich ein wunderschönes Tier. Ein Schimmel, fast so weiß wie der Schnee. Ich liebte Pferde und konnte sogar ein bisschen Reiten. Im nächsten Augenblick fiel mir auf, dass ich mit einem riesigen Stein in der Hand stehen geblieben war und das Pferd anstarrte. Sofort legte ich einen Zahn zu und arbeitete weiter. Das Pferd und sein Reiter waren nun fast bei mir und gerade als ich den Stein bei der Baracke ablud kam es neben mir zum stehen. Ich riss mir die Mütze vom Kopf, hielt sie mir vor die Brust und senkte den Blick zu Boden. So hatten wir die SS-Männer zu grüßen wenn sie an uns vorbei kamen…

„Guten Morgen David. Du bist wohl manchmal ein kleiner Träumer, was? Setz die Mütze wieder auf, muss nicht sein dass du dir was wegholst bei dieser Kälte.“

Ich setzte die Mütze wieder auf und murmelte ein „Guten Morgen“ zurück.

„Gefällt dir mein Pferd, David?“

„Ja, es ist sehr schön. Darf ich fragen wie sein Name ist?“

„Natürlich darfst du. Es heißt Schneesturm. Passt irgendwie zum Wetter heute. Ziemlich widerlich. Komm mit in den Stall. Du kannst mir mit dem Pferd helfen und dann gebe ich dir eine Schneeschippe damit du dir deinen Weg zum Steine schleppen freischaufeln kannst.“

Hans ritt weiter, saß vor dem Stall ganz rechts ab und führte Schneesturm hinein. Ich lief ihm hinterher und sowie ich den Stall betrat fingen meine Finger an zu kribbeln und ich merkte, wie es mir wärmer wurde. Ich sah mich um und entdeckte einen kleinen Ofen, der mit Brennholz angefeuert wurde. Daneben stand ein einfacher Holztisch mit zwei Stühlen und auf der Erde stand ein Topf, daneben eine Tasche.

„Setz dich ruhig vor den Ofen und wärm dich ein wenig auf. Ich rufe dich wenn ich soweit bin.“

Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen, ich nahm mir einen der Stühle, setzte mich vor den Ofen und hoffte, dass dadurch auch meine feuchten Klamotten und die abgelatschten Schuhe ein wenig trocknen würden.

Ich war wohl im Sitzen eingeschlafen, denn ich schreckte hoch als es vor mir auf dem Ofen klapperte. Hans hatte den Topf mit Wasser gefüllt und auf den Ofen gestellt.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Ich mache uns einen Tee. Das wirkt Wunder bei der Witterung draußen.“

„Es tut mir Leid.“

„Dass du eingeschlafen bist? Solange du nicht bei anderen Dingen einschläfst…“

Er zwinkerte mir schelmisch zu und lächelte mich an.

„Normal passiert mir das nicht.“

„David, es ist in Ordnung. Ich habe nicht geschimpft und ich habe auch nicht vor dich zu bestrafen, weil du hier bei mir eingeschlafen bist oder weil du mich neulich dreckig gemacht hast oder sonst was. So was ist nicht meine Art. Außerdem ist es meine Schuld, dass du schläfst. Ist doch kein Wunder, an einem schönen warmen Ofen, nach so schwerer Arbeit.“

„Danke.“

Er lächelte mich wieder an, tat ein paar getrocknete Blätter in das Wasser und sofort stieg mir ein wohliger Geruch in die Nase. Einige Minuten später hielt ich einen heißen Becher mit Tee in der Hand und verbrühte mir beim Kosten die Lippen.

„Pass auf, ist heiß“, grinste Hans mich an als ich vom Becher zurückzuckte.

Ich lächelte ihn unsicher an. Ich war mir nach wie vor nicht sicher ob er nicht nur so tat als wäre er anders als die anderen. So eine gute Laune konnte bei den SS-Männern schnell umschlagen, das hatte ich schon am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Nachdem wir beide unseren Tee getrunken hatten zeigte mir Hans den Stall und erklärte mir Dinge, wie Auf- und Absatteln und dass man ein Pferd nach dem Reiten im Winter mit Stroh trocken rubbeln sollte damit es nicht krank wurde usw. Nach einiger Zeit fragte er ob ich mir die Stallarbeit zutrauen würde und ich sagte natürlich ja. Es war lebensgefährlich in diesem Lager eine solche Frage mit nein zu beantworten.

„Gut David. Dann wirst du ab heute für mein Pferd sorgen. Das heißt: jeden Tag Misten, füttern usw. Bisher habe ich das immer selber gemacht, weil ich mit meinem Pferd etwas eigen bin aber ich habe in Zukunft nicht mehr die Zeit dazu. Ich muss den Abriss der ausgedienten Gebäude bewachen und habe nicht mehr die Zeit das alles alleine zu machen aber ich denke du schaffst das schon.“

Ich nickte ernst und Hans lächelte mich wieder an. Er nahm ein Blatt Papier aus der Innentasche seiner Uniform, schrieb etwas darauf und reichte es mir.

„Heb das gut auf. Es ist deine Bescheinigung, dass du ab sofort mein Stalljunge bist und erst deine anderen Arbeiten wieder aufnimmst wenn du im Stall fertig bist.“

Ich nickte und steckte den Zettel in meine Jackentasche. Hans sah mich mitleidig an.

„Deine Klamotten haben auch schon mal bessere Tage gesehen, hm. Was hast du unter der Jacke noch an?“

„Ein Hemd.“

„Mehr nicht? Das ist doch sicher ziemlich dünn oder?“

Ich nickte. Hans ging an seine Tasche, holte etwas heraus und kam wieder zu mir hinüber. Er streckte mir einen Apfel entgegen.

„Hier iss! Vitamine sind wichtig bei dem Wetter. Nicht, dass du krank wirst.“

Ich nahm den Apfel und biss hinein. So einen Geschmack hatte ich lange nicht mehr gehabt beim Essen. Von der Tafel Schokolade abgesehen. Ich wusste schon gar nicht mehr wie Obst überhaupt schmeckte und putzte den Apfel weg wie nichts. Hans grinste mich an, gab mir noch einen und zeigte dann auf eine Ecke des Stalls, wo Schneeschippe, Besen und andere Werkzeuge standen.

„Wenn du fertig gegessen hast kannst du dir draußen den Schnee wegschippen damit der Steintransport nicht zum Hindernislauf wird. Ich würde dir die Arbeit ja gerne ersparen zumal sie eh sinnlos ist aber ich schätze dann gibt’s Probleme.“

„Danke.“

„Schon in Ordnung. Ich muss zum Dienst. Du kannst dich während deiner Arbeit gerne zwischendurch hier aufwärmen aber sieh zu, dass du immer einen Besen oder irgendwas in der Hand hast was zumindest nach Arbeit aussieht. Normal kommt hier zwar niemand rein aber man weiß ja nie…“

Ich nickte. Hans streichelte Schneesturm noch einmal, zog sich den Mantelkragen hoch und stapfte durch den Schnee davon. Ich machte mich ans Schnee schippen.

***

Die Arbeit im Stall machte mir viel Freude. Es war schön, bei dem Tier zu sein, es zu umsorgen und mit ihm zu reden. Wie gerne hätte ich Schneesturm einmal geritten aber das ging natürlich absolut nicht. Ein einziges Mal hatte ich einen schlechten Tag im Stall. Ein älterer SS-Mann von ziemlich hohem Rang kam herein als ich -zum Glück- gerade Schneesturms Box mistete und schrie mich an was ich hier zu suchen hätte. Ich nahm meine Mütze zum Gruß ab, blickte auf den Boden und antwortete, dass ich hier als Stalljunge arbeiten würde und eine entsprechende Bescheinigung hätte. Die wollte er sehen.

Ich reichte sie ihm mit zitternden Händen durch das Boxengitter. Er las die Bescheinigung und befahl mich aus der Box. Ich ging mit zittrigen Knien hinaus. Der SS-Mann zeigte auf einen frischen Haufen Pferdeäpfel, dort wo ich das Pferd während des Mistens angebunden hatte und schrie mich an wieso ich die noch nicht beseitigt hätte. Im nächsten Moment hatte er schon nach einem Besenstiel gegriffen und ihn mir über den Rücken gezogen. Meine Knie knickten ein und ich bekam keine Luft mehr. Es fühlte sich an als wäre ich vom Hals abwärts gelähmt. Er brüllte mich an ich solle aufstehen und Arbeiten wie es von mir verlangt würde, doch ich konnte mich noch immer nicht bewegen. Er brüllte immer weiter und beschwerte sich jetzt, weil ich meine Jacke mit dem Erkennungszeichen abgelegt hatte. Das Zeichen musste immer sichtbar an der Kleidung angebracht sein. Immer! Ich hatte die Jacke ausgezogen, weil mir beim Misten so warm wurde und vergessen das Zeichen am Hemd zu befestigen. Er holte zum nächsten Schlag aus doch der kam nicht.

„Was ist denn hier los?“, hörte ich statt dessen eine scharfe Stimme.

Hans war herein gekommen und ich hatte das erste Mal keine Angst vor ihm sondern war froh, ihn zu sehen. Oder besser zu hören, denn ich lag auf dem Boden und hatte die Augen fest zugekniffen.

„David geh wieder an die Arbeit und du kommst bitte mit raus“, sagte er zu seinem Kameraden.

Ich hörte wie sie hinausgingen. So langsam kehrte auch Gefühl in meinen Körper zurück. Mir tat alles weh aber ich sah zu, dass ich wieder auf die Beine kam. Draußen hörte ich Hans und den anderen reden.

„Was sollte das?“, zischte Hans ihn an.

„Rede nicht in diesem Ton mit mir Hans! Er hat seine Arbeit nicht vernünftig gemacht, der ganze Boden war vollgeschissen. Und er war nicht vernünftig gekennzeichnet.“

„Entschuldige, aber die Bestrafung ist immer noch meine Aufgabe wenn er in meinen Diensten steht.“

„Ist ja gut. Ich dachte mein Neffe braucht vielleicht noch ein wenig Unterstützung im Umgang mit so einer Brut. Bist ja noch nicht lange hier. Sei bloß nicht zu nachgiebig mit denen.“

„Ich komme schon zurecht.“

„Wenn du das sagst… Wie geht es mit den Abrissarbeiten voran?“

´“Es läuft einigermaßen. Das Wetter macht uns zu schaffen, der viele Schnee und viele werden krank.“

„Tausch die Kranken aus. Wirst es schon schaffen. Kommst du heute Abend zum Umtrunk?“

„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht geh ich lieber früh schlafen.“

„Überleg es dir.“

Ich hörte wie jemand durch den Schnee davon stampfte. Ich hatte mich inzwischen ganz aufgerichtet und hielt mich krampfhaft am Boxengitter fest, um nicht wieder hinzufallen. Ich versuchte meine Tränen zu unterdrücken aber ich schaffte es nicht. Die Schmerzen waren einfach zu groß.

„Um Gottes Willen, setz dich bloß erst mal hin“, Hans stürzte auf mich zu und brachte mich zu einem Stuhl.

„Aber Sie haben doch gesagt ich muss weiter ar…“

„Das musste ich vor ihm sagen. Komm setz dich hin.“

Ich setzte mich vorsichtig und stöhnte auf vor Schmerzen. Hans schloss die Stalltür, verriegelte sie von innen und kam wieder zu mir.

„Lass mal sehen.“

Er zog mir vorsichtig das Hemd hoch, begutachtete meinen Rücken im Schein des Ofens und berührte ihn vorsichtig. Ich zuckte heftig zusammen und Hans nahm sofort die Hand weg.

„Entschuldige David. Das sieht böse aus, da wirst du noch länger was von haben. Wie oft hat er dich geschlagen?“

„Einmal“, flüsterte ich.

„Das war einmal zuviel. Ein Glück, dass ich erst hierher gekommen bin. Eigentlich wollte ich mich etwas hinlegen, habe mich dann aber doch anders entschieden.“

Hans streifte mir das Hemd wieder über den Rücken, hockte vor mir nieder und sah mich an.

„Du arbeitest heute nicht mehr. Du bleibst hier im Stall und ruhst dich aus. Wenn jemand kommt finden wir schon eine Ausrede was du gerade machst. Ich werde hier bleiben.“

Ich nickte nur. Zu mehr fehlte mir die Kraft. Ich war so erleichtert, dass ich nicht weiter arbeiten musste und der letzte Rest meiner Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen. Ich sackte auf dem Stuhl zusammen und fiel fast vorn über. Hans verhinderte das allerdings indem er mich auffing. Im nächsten Moment lag mein Kopf auf seiner Schulter. Ich öffnete die Augen und sah genau auf die SS-Runen. Ich stöhnte und schon wieder liefen mir Tränen über die Wangen.

„Shhhht es ist alles gut. Ich pass für den Rest des Tages auf dich auf. Es wird dir nichts mehr passieren heute.“

Hans hatte eine Hand auf meine Hüfte gelegt, mit der anderen streichelte er mir über den Kopf und redete immer wieder beruhigend auf mich ein. Ich dämmerte langsam vor mich hin und das nächste was ich mit bekam war, dass mich irgendetwas anschnaufte.

Ich öffnete die Augen und sah auf zwei riesengroße Nüstern, da Schneesturms großer Pferdekopf genau über meinem Gesicht war. Ich hörte Hans lachen und im nächsten Moment schlang er auch schon eine Hand um Schneesturms Kopf und drängte das Pferd sanft in eine andere Richtung. Ich lag in der sauberen Box auf frischem Stroh und hatte eine Decke sowohl über als auch unter mir. Hans sah mich an und ich sah verschämt weg.

„Ich habe mir erlaubt deine Arbeit zu übernehmen und fertig gemistet. Du bist mir vorhin eingeschlafen, also habe ich dich schlafen lassen. Hattest wohl einiges nachzuholen.“

Ich biss die Zähne zusammen und erhob mich langsam aus meinem provisorischen Bett.

„Tut es noch sehr weh?“, ertönte Hans´ Stimme dicht an meinem Ohr. Im nächsten Moment fühlte ich seine Hand wieder auf meiner Hüfte. Ich wagte nicht mich zu rühren.

„Es wird schon gehen“, stammelte ich leise vor mich hin.

„Hm.“

So richtig überzeugt hatte ich ihn wohl nicht aber wie sollte es einem auch schon gehen wenn man mit so einer Wucht niedergeschlagen wurde.

Hans´ Hand lag immer noch auf meiner Hüfte und ich spürte, dass er ganz nah bei mir stand. Noch näher und sein Bauch hätte meinen Rücken berührt. Er legte sein Kinn auf meine Schulter. Ich konnte seine Lippen an meinem Ohr spüren als er mir zuflüsterte:

„Du gehst jetzt besser. Es ist schon spät und du musst zurück in die Unterkunft. Morgen früh ist zählen auf dem Appellplatz angesagt.“

Ich drehte mich erschreckt um und sah Hans direkt in seine blauen Augen. Die Zählung fand meistens alle paar Tage statt und das unerwartet. Beim letzten Mal wurde für alle Personen, die zu spät oder gar nicht erschienen jemand erschossen: zur Abschreckung! Hans erriet meine Gedanken wohl.

„Sieh zu, dass du weiter hinten stehst und jetzt geh.“

Ich zog mir meine Jacke an und achtete darauf, dass der rosa Winkel gut sichtbar war, um nicht noch einmal Ärger zu riskieren. Hans entriegelte die Tür und wir gingen zusammen hinaus.

„Gute Nacht David. Ich hoffe dein Rücken wird schnell wieder.“

„Gute Nacht.“

Ich drehte mich um und ging eilig den Weg hinunter bis ich zu dem Straßeneck kam in dem alle Jungen und Männer mit dem rosa Winkel schliefen. Ich betrat die Baracke, krabbelte auf eines der vielen Strohlager und zwang mich zwischen den vielen Anderen zu schlafen.

***

Es dauerte einige Tage bis ich mich wieder halbwegs ohne größere Schmerzen bewegen konnte. Diese Tage waren bis auf das Zählen, dass leider genauso schrecklich ablief wie das letzte Mal für mich recht ereignislos. Hans sah ich in dieser Zeit nicht so oft. Auch beim Zählen war er nicht dabei gewesen und ich war irgendwie auch froh darüber. Ich hätte seine Nähe nicht ertragen können, wäre er da gewesen oder hätte er vielleicht sogar auch geschossen.

Hans hatte viel zu Tun und meistens war er schon weg wenn ich am Morgen zum Stall kam oder er ging gerade. Er hatte mir gesagt, dass er im Topf öfter mal etwas zu Essen für mich hinterlegen würde und ich sollte das unbedingt selbst essen, damit ich nicht krank würde und nicht zum Tauschen mitnehmen. Natürlich tat ich das auch aber leider ließ sich die näher rückende Krankheit dadurch nicht vermeiden, zumal ich ja auch nach wie vor bei Frost und Schnee draußen in der Kälte arbeiten musste.

An einem Tag, wo es wieder besonders viel geschneit hatte, stand ich gegen Abend nach dem Steine schleppen noch einmal im Stall bei Schneesturm und kämmte den Schweif als mich zum x-ten mal an diesem Tag ein starker Hustenanfall heimsuchte. Ich hatte das Gefühl als würde ich mir im nächsten Moment die Lunge aus dem Hals husten und ich bekam dazu langsam noch verdammt heftige Halsschmerzen. Durch mein Husten hörte ich nicht, dass jemand herein kam. Ich erschrak heftig als von hinten zwei Arme um mich geschlungen wurden und sich jemand an mich kuschelte.

„Das hört sich aber gar nicht gesund an“, ertönte Hans´ Stimme ganz dicht an meinem Ohr. „Hast du das Obst gegessen?“

„Ja“, krächzte ich.

„Gut. Was hältst du von einer Pause?“, sagte er und nahm mir den Kamm aus der Hand. Im nächsten Moment spürte ich seine Lippen auf meinem Hals, wie sie mir einen sanften Kuss aufhauchten.

„Dreh dich um“, flüsterte Hans.

Ich drehte mich um und mein Herz fing an wie wild zu klopfen. Ich war der Situation nicht gewachsen, wusste nicht was ich machen sollte oder was jetzt passieren würde. Ich hatte schlichtweg Angst. Hans legte seine Hände auf meine Hüften, zog mich sachte an sich, stupste mit seiner Nase gegen meine und küsste mich. Ich erwiderte den Kuss nicht aber dafür fing ich an zu zittern.

„David? Warum zitterst du auf einmal so? Ist es…wegen mir? Hast du immer noch Angst vor mir?“

Ich sah ihn nicht an, ich konnte nicht. In meinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Was machen? Wie sich verhalten? Ja, ich hatte Angst aber das zuzugeben war vielleicht selbstmörderisch. Zwar hatte mir Hans noch nie etwas getan und ich hatte noch nie erlebt, dass er aus der Haut gefahren war. Außer das eine mal wo ich von seinem Onkel geschlagen wurde aber ich war mir immer noch nicht sicher ob er nicht doch so war wie die anderen.

„David wenn du nicht möchtest, dass ich dich so anfasse oder dich küsse dann sag mir das bitte, dann lass ich es…“

Mein Gehirn arbeitete immer noch ununterbrochen und ich wog so schnell es ging meine Möglichkeiten ab. Ihm sagen, dass ich es nicht wollte: unmöglich!! Er würde verletzt sein oder gar böse werden und das konnte schlimme Folgen für meine Arbeit sowie auch für mein Leben haben. Es zulassen war die einzig wahre Möglichkeit wenn ich dieses Lager überleben wollte. Ich blickte auf und sah in Hans´ fragendes Gesicht. Ich streckte langsam die Hände unter seinen Armen hindurch und lehnte mich an ihn. Hans drückte mich an sich und streichelte über meinen Rücken.

„David du zitterst immer noch.“

„Es ist nur weil… mir ist so kalt.“

Das war nicht mal gänzlich gelogen. Zwar zitterte ich eher wegen der ungewohnten Situation und wegen meiner Angst, jedoch merkte ich auch förmlich wie sich Fieber und somit die Krankheit, die ich um jeden Preis vermeiden wollte in mir ausbreitete. Hans fasste mir an die Stirn und erschrak.

„Du hast Fieber. Das ist nicht gut. Absolut nicht gut! Krankmelden kannst du dich nicht.“

Warum ich mich nicht krankmelden konnte ließ er offen aber ich konnte es mir denken. Ich hatte schon öfter von Kranken gehört, die von ihrem Krankenstationsaufenthalt nicht wieder kamen.

„Du bleibst heute Nacht hier im Stall. Morgen ist keine Zählung. Es kann also nichts passieren. Du legst dich hin und ich besorge noch ein paar Decken, damit du es richtig warm hast.“

Mittlerweile klapperte ich sogar schon mit den Zähnen, das kam jetzt allerdings wirklich von dem Fieber. Auch husten musste ich immer wieder. Hans fertigte mir schnell einen Schlafplatz, dort wo das Heu fürs Pferd gelagert wurde. Er legte eine Decke auf das Heu und wies mich an mich niederzulassen, was ich dann auch gleich tat. Mittlerweile konnte ich mich wirklich kaum noch auf den Beinen halten. Eine Decke zum zudecken legte Hans neben mich.

„Du solltest dir nur noch die nassen Klamotten ausziehen“, sagte er und verschwand, um noch ein paar Decken zu holen.

Als er mit zwei weiteren zurück kam und die Stalltür von innen verriegelt hatte lag ich schon zwischen den zwei Decken. Ich hatte mich meiner Kleider entledigt und nur noch meine Unterhose an, sie hatte den Schnee des Tages zum Glück trocken überstanden. Es war mir unangenehm aber Hans hatte Recht. Ich musste aus den nassen Klamotten raus wenn ich gesund werden wollte.

Die Glut des Ofens spendete noch Licht, so dass ich sehen konnte, wie Hans seine Uniform auszog und über den Stuhl legte. Die Waffe, die er immer bei sich trug, legte er auf den Tisch. Barfuss und nur in Unterhose und Unterhemd kam er dann zu mir herüber. Er sah mich an und zog sich das Hemd über den Kopf. Ich starrte ihn an. Er sah gut aus. Ich sah ihn jetzt das erste Mal ohne diese schreckliche schwarze Uniform vor mir und er sah wirklich gut aus…

„…David!“

„Wie bitte? Entschuldigen Sie. Was haben Sie gesagt?“

„Ich hab gesagt du sollst dir mein Hemd überziehen, wir müssen dich warm einpacken. Und bitte lass dieses bescheuerte Sie weg wenn wir alleine sind. Ich bin Hans, auch für dich.“

Ich schluckte, nahm ihm das Hemd aus der Hand und zog es über. Es war noch richtig schön warm und roch nach… Hans. Dieser breitete noch die beiden weiteren Decken über mir aus und krabbelte dann selbst zu mir unter die Decke. Ich hustete schon wieder. Er seufzte und lächelte mich an.

„Komm her.“

Ich rückte ein wenig näher zu Hans und schon kuschelte er sich an mich und legte einen Arm um meinen Bauch. Ich hingegen wusste nicht so recht wohin mit meinen Händen, denn er war ja nackt, zumindest oben herum und ich wollte nichts Falsches tun. Ich spürte wie Hans mit seinen Fingern langsam über meinen Bauch streichelte und ich war mir nicht ganz sicher ob ich nicht auch noch etwas ganz anderes spürte und zwar in Hans´ unterer Körperregion.

Im nächsten Moment hob er den Kopf, stütze ihn mit einer Hand ab und sah mich an. Die andere Hand ließ er auf meinem Bauch liegen und seine Fingerkuppen streichelten immer wieder sanft über den Stoff seines Unterhemdes.

„Ist dir warm genug?“

„Ja.“

„Gut. Schlaf schön David.“

Hans beugte sich zu mir und küsste mich. Erst tat ich gar nichts und dann erwiderte ich den leichten Druck seiner Lippen.

„Du wirst dich anstecken“, nuschelte ich.

„Das ist mir gerade so was von egal“, antwortetet er und küsste mich wieder.

Ich öffnete meinen Mund ein wenig und im nächsten Moment spürte ich seine Zunge an meiner. Es war wie ein elektrischer Schlag, ich stöhnte. Hans war inzwischen mutiger geworden und mit seiner Hand unter das Hemd gewandert. Er streichelte über meinen Bauch und es fühlte sich wirklich schön an.

In Gedanken focht ich unterdessen aber wieder einen meiner erbitterten Kämpfe aus. Diesmal mit mir selber. Denn auf der einen Seite versuchte ich mir einzureden, dass ich das machen musste, um zu überleben. Auf der anderen Seite flüsterte mir eine innere Stimme zu, dass es mir gefiel, hier mit Hans zu liegen und mich von ihm küssen und anfassen zu lassen. Das wiederum wiederstrebte mir, da er bei der SS war und die Mitglieder der SS waren barbarische Mörder und nichts anderes.

Eine Denkpause erhielt ich, als ich plötzlich Hans´ Hand auf meiner Unterhose spürte und ich spürte noch etwas ganz anderes und zwar dass mir das was er da machte eindeutig gefiel, denn in meiner Hose war es ziemlich eng geworden.

„Mhhhh, ich glaube so krank bist du doch noch nicht“, flüsterte er mir ins Ohr und küsste es.

Ich antwortete nicht, sondern entschloss mich dazu auch etwas mutiger zu werden. Ich ließ meine Hand langsam über Hans´ Bauch gleiten und küsste ihn, was er mit einem zufriedenen Seufzer quittierte. Er fing an über meine Unterhose zu streicheln und übte leichten druck auf meine Erektion aus. Das alles war einfach zu viel für mich. Ich keuchte und dann war die Hose auch noch nass geworden. Hans lächelte mich an und sagte mit einem leichten Grinsen im Gesicht:

„Ich glaube jetzt solltest du die Unterhose besser auch noch ausziehen.“

Das tat ich auch, da es sonst doch etwas eklig gewesen wäre. Als das erledigt war küssten wir uns noch einmal. Dann legte ich mich auf die Seite und Hans kuschelte sich an meinen Rücken und hauchte mir noch ein „Schlaf gut“ zu. Ich war wirklich müde und erschöpft doch kurz bevor ich einschlief hörte ich noch wie er flüsterte:

„Ich liebe dich.“

***

Es donnerte! Nein, es donnerte nicht, es wurde geschossen! Und zwar ganz in der Nähe. Ich sprang aus unserem Heubett hoch und rannte halbnackt wie ich war zur Stalltür, entriegelte sie und sah hinaus. Es war noch rabenschwarze Nacht und doch wurde diese ein paar hundert Meter entfernt durch Lampen und Schüsse aus Maschinengewehren erhellt. Ich starrte in die Richtung aus der die Schüsse kamen und fing an zu zittern.

„Komm bloß wieder rein!“, zischte Hans auf einmal hinter mir, zog mich in den Stall zurück und verriegelte die Tür wieder.

„Da…das ist in meinem Straßeneck! Das ist genau die Richtung in der meine Baracke liegt…“

Ich sah Hans ins Gesicht. Es war aschfahl.

„Die…die bringen alle um!!! Und wenn ich nicht hier wäre dann…hast du es gewusst? Hast du es gewusst?“

Ich schrie Hans schon fast an.

„Ich wusste es nicht! David, ich schwöre es dir. Ich hab es nicht gewusst.“

Er zog mich an sich und ich spürte, dass auch er zitterte und da war mir klar, dass er nichts davon gewusst hatte. Vielmehr noch glaubte ich zu spüren, dass er richtige Angst haben musste. Angst um mich, weil ihm klar wurde, was gewesen wäre, hätte er mich diese Nacht nicht hier behalten. Und dann erinnerte ich mich an seine letzten Worte bevor ich einschlief: „Ich liebe dich…“

***

Den Rest der Nacht lagen wir wach. Ich schmiegte mich die ganze Zeit an Hans und weinte. Es fehlte nicht viel und ich wäre durchgedreht. Ich konnte die Geräusche nicht mehr ertragen und Schneesturm ging es wohl ähnlich. Sie trabte unruhig in ihrer Box herum. Das ständige Schießen und die vereinzelten Schreie…und dann mit einem Mal wurde es ruhig. Ich hob den Kopf und horchte. Die Schreie waren verstummt, die Schüsse auch und es breitete sich eine Totenstille über dem Lager aus. Sie war genauso fürchterlich wie der vorherige Lärm. Leute, mit denen ich meine Schlafstätte geteilt und mich unterhalten hatte gab es nun nicht mehr. Ich hoffte, dass sie ihren Frieden finden würden.

Ich sah zu Hans und ihm direkt in die Augen. Wir hatten nicht mehr geredet, seit er mir gesagt hatte, dass er nichts von der Aktion gewusst hatte. Hans sah mich an aber ich hatte das Gefühl, dass er mich gar nicht richtig wahrnahm. Er schien mit seinen Gedanken weit weg.

„Hans?“

„Hm?“

„Was mache ich denn jetzt? Ich kann mich nirgends mehr zeigen. Wenn sie mich sehen und meine Jacke dann erschießen sie mich auch.“

Ich schluchzte.

„Ja, ich denke die ganze Zeit an nichts anderes. Ich überleg mir was. Ich lasse nicht zu, dass dir was passiert David.“

Jetzt sah er mir direkt in die Augen und es lag soviel Ernst darin, dass ich nicht weiter sprach, sondern ihn in Ruhe nachdenken ließ. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und fragte mich wann das ganze Elend hier ein Ende haben würde. Wann würden wir von dem ganzen Übel erlöst werden? Während ich so dalag strich ich mit den Fingerspitzen über Hans´ Bauch und er streichelte mir sanft über den Rücken.

„David lass mich mal aufstehen, ich muss einiges erledigen. Du bleibst solange hier.“

„Ich will nicht alleine bleiben. Hans ich hab Angst.“

Er stand auf und ich sah zu, wie er die Uniform anzog und sich wieder in das schreckliche Bild eines SS-Mannes verwandelte. Er meinte es ernst und wollte mich tatsächlich alleine lassen. Ich setzte mich auf und sah ihn mit großen Augen an.

„Sieh mich jetzt bitte nicht so an David. Es wird nicht allzu lange dauern. Ich bin wieder da bevor es hell wird. Riegel die Tür hinter mir ab.“

Er beugte sich zu mir hinunter und gab mir einen Kuss. Dann entriegelte er die Tür und war auch schon in der Dunkelheit verschwunden. Ich stand auf und schloss die Tür wieder. Danach schnappte ich mir die Decken und setzte mich zu Schneesturm in die Box. Dort fühlte ich mich besser. Das Tier hatte sich wieder beruhigt und strahlte eine so unglaubliche Ruhe aus. Ich schlang die Decken um meinen Körper und fror trotzdem. Das Fieber war wohl nicht zurückgegangen und jetzt merkte ich auch die Halsschmerzen wieder. Es kam mir unheimlich lange vor bis Hans zurückkehrte. Er entriegelte die Tür von außen, kam herein und sah sich suchend um. Dann erblickte er mich in der Box.

„Ach da bist du. Komm her und zieh dich an. Ich muss dich wo anders hinbringen.“

Ich verließ die Box eingewickelt in eine Decke und ging zu Hans herüber. Dieser lächelte mich an, nahm mich kurz in den Arm und küsste mich.

„Ich habe dir andere Klamotten besorgt. Es ist besser wenn wir das alte Zeug einschließlich dem Winkel verschwinden lassen.“

„Warum? Also das mit dem Winkel ist mir klar aber ich würde meine Jacke gerne behalten. Und was ist mit dem Erkennungszeichen? Sie werden mich töten wenn ich keins habe.“

„Damit man dich nicht an der Kleidung erkennt ist es besser wenn du andere Sachen trägst. Hier haben zwar fast alle die gleichen grauen Lumpen an aber man weiß ja nie. Dein Erkennungszeichen ist ab jetzt dies hier.“

Er gab mir einen gelben Stern. Dann holte er eine Hose, sowie Unterhemd, Slip, ein Hemd und eine alte Jacke aus einem Leinensack und gab mir alles.

„Hier das müsste passen. Zieh das an. Andere Schuhe konnte ich leider keine besorgen.“

Ich rührte die Klamotten nicht an.

„David mach schon wir haben es eilig.“

Ich rührte mich noch immer nicht.

„Hans, wessen Klamotten sind das?“ flüsterte ich heiser.

„Was?“

Er sah mich irritiert an und im nächsten Moment erkannte ich, dass er meine Sorge ahnte.

„Oh. Keine Sorge David . Bis auf die Jacke sind es alte Sachen von mir. Sie sind mir etwas zu eng und ich hatte sie nur noch zum ausmisten an. Es sind also genau die richtigen Klamotten für dich. Du wirst damit nicht auffallen und kennen tut die Sachen auch niemand.“

So nahm ich also die Klamotten, zog diese an und schlüpfte in meine Schuhe. Den gelben Stern befestigte ich mit ein paar Nadeln gut sichtbar an meiner Jacke. Hans sammelte meine alten Klamotten ein und steckte sie bis auf den Winkel, den er von meiner Jacke abriss in den Sack. Er wollte sie später entsorgen. Den Winkel schmiss er in das Ofenfeuer und wartete bis nichts mehr davon übrig war. Anschließend sah er mich prüfend an und nickte.

„Ich führe dich jetzt zu einer neuen Arbeitsstelle. Ich werde nachher dafür sorgen, dass deine Nummer in sämtlichen geführten Listen nur noch mit der Bezeichnung „Jude“ auftaucht. Das wird nicht gerade so einfach aber es klappt schon. Mir schuldet noch wer einen Gefallen.“

„Aber wenn sie Verdacht schöpfen?“

„Wieso sollten sie? So einen guten Stalljungen wie dich kriegt man schließlich nicht wieder und wie gesagt bei meinem Pferd bin ich ziemlich eigen und das weiß hier jeder.“

Er zwinkerte mir zu.

„Also kann ich hier weiter arbeiten? Du wolltest mich doch wo anders hinbringen.“

„Erst einmal wirst du hier nicht weiter arbeiten aber nur vorübergehend. Es ist sowieso nicht gut wenn du in deinem Zustand diese Arbeit machst. Du siehst nicht gerade gesund aus und jetzt komm!“

Hans küsste mich wieder, nahm meine Hand und zog mich aus dem Stall. Draußen ließ er meine Hand wieder los, schloss ab und führte mich über Umwege in das Straßeneck, dass wie ich wusste von den Juden bewohnt wurde. Gut, streng genommen gehörte ich hier ja sogar hin, da ich auch Jude war wenn auch nicht besonders gläubig und noch dazu homosexuell. Er führte mich in ein Haus auf dem draußen in weißer Farbe „Krankenstation“ geschrieben stand. Wir gingen hinein und Hans klopfte energisch an eine Wohnungstür im Erdgeschoss. Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet und als der Bewohner sah wer dort vor der Tür stand wurde sie sofort ganz aufgemacht.

„Entschuldigen Sie bitte, ich hatte um diese Zeit nicht mit Besuch gerechnet.“

„Ja ja schon gut“, sagte Hans schroff, schob mich in das Zimmer und schloss die Tür.

Es war keine Wohnung hinter dieser Tür sondern nur ein etwas größeres Zimmer, in dem geschlafen und gegessen wurde. Auf einer mit Stroh gefüllten Matratze saß eine Frau, die sich bei Hans´ Anblick schnell erhob und sich zu ihrem Mann stellte.

„David, das ist Jakob Nussbaum“, sagte Hans und zeigte auf den Mann, „er ist Arzt und seine Frau Hanna Krankenschwester. Du wirst ab sofort bei ihnen auf der Krankenstation arbeiten. Die nötigen Papiere bringe ich dir später vorbei, damit du dich ausweisen kannst.“

Er wandte sich an den Arzt.

„Und Sie sorgen dafür, dass er das Haus bis dahin nicht verlässt. Wenn er die Papiere hat wird er heute Abend zum Schlafen in eine der Juden zugeteilten Baracken gehen müssen. Morgens kommt er bei Tagesanbruch sofort wieder hierher. Ich werde dafür sorgen, dass er eine Ausnahmegenehmigung bekommt, damit er wie Sie auch hier mit schlafen kann. Das kann allerdings einige Zeit dauern. Heute müsste er bis ich mit den Papieren wiederkomme sowieso in diesem Zimmer bleiben und nirgends sonst. Verstanden?“

„Selbstverständlich“, beeilte sich Herr Nussbaum zu sagen.

„Komm David, du kannst dich hier auf die Matratze legen und noch etwas schlafen.“

Frau Nussbaum zog mich aus Hans´ Nähe weg, ich zog mir Jacke und Schuhe aus und legte mich lang. Ich war doch sehr geschafft von der ganzen Aufregung und mir war schon wieder sehr kalt. Ich wurde zugedeckt und schloss die Augen. Hans sprach unterdessen gedämpft mit dem Arzt weiter und trotzdem sie so leise waren verstand ich jedes Wort.

„Er ist krank, hat Fieber und Husten. Ich möchte, dass Sie ihn wieder gesund kriegen. Des Weiteren sagen Sie niemandem unter welchen Umständen er heute Nacht hier her kam. Wenn jemand fragt stand er morgens mit einem Befehl zum Arbeitsantritt in dieser Station vor ihnen. Es wäre gut wenn sie ihm gleich die Haare noch etwas kürzen würden. Hier habe ich Ihnen noch etwas mitgebracht. Verstecken sie es gut! Und halten Sie sich an das was ich gesagt habe.“

Ich öffnete die Augen und sah wie der Arzt nickte und ein wenig Essen entgegen nahm. Hans sah zu mir hinüber und sagte, dass er noch einmal kurz allein mit mir reden müsste. Herr und Frau Nussbaum verließen das Zimmer und schlossen die Tür. Ich setzte mich auf und Hans hockte sich zu mir ans Bett.

„Warum warst du so schroff zu ihnen?“

„David, es tut mir Leid aber das musste sein damit sie merken wie ernst die Lage ist. Wir können ihnen nicht vertrauen. Überlege dir gut was du ihnen erzählst. Sag nichts von dem was du heute Nacht mitbekommen hast und…“, Hans schluckte, „dass du eigentlich hättest dabei sein müssen.“

Ich nickte.

„Ich muss jetzt gehen. Wahrscheinlich werden wir uns die nächste Zeit nicht so häufig sehen. Es fiele auf wenn ich hier rein und raus spazieren würde. Normal wird die Krankenstation von meinesgleichen gemieden. Halt die Ohren steif David und sieh zu, dass du wieder gesund wirst.“

Ich nickte noch einmal. Hans gab mir einen letzten Kuss und berührte mit seiner Zunge kurz meine. Ich merkte, dass es ihm missfiel mich hier zurücklassen zu müssen aber es ging nicht anders. Er stand auf, holte den Arzt und seine Frau wieder herein, nickte ihnen zu und verließ das Haus.

***

Ich erwachte als eine Tür ins Schloss fiel. Ich fühlte mich immer noch ein wenig schlapp aber ich hatte das Gefühl, dass das Fieber zurückgegangen war. Ich öffnete die Augen und sofort wurde eine warme Hand auf meine Stirn gelegt.

„Wie fühlst du dich David?“, fragte Frau Nussbaum.

„Besser.“

„Ich habe gerade deine Papiere bekommen. Sie liegen dort auf dem Tisch. Du sollst sie immer bei dir tragen und ab heute Abend schläfst du in der Baracke C zwei Straßen weiter.“

„Er war schon da?“

Ich sah sie mit großen Augen an.

„Ja, er ist gerade wieder gegangen als du aufgewacht bist. Er hat uns noch etwas Obst mitgebracht“, sagte sie und ich bemerkte, dass sie das kaum fassen konnte.

Ich lächelte sie an und sie lächelte zurück.

„Wir freuen uns, dass du bei uns bist David.“

„Danke. Auch, weil Sie sich so um mich kümmern. Ich weiß, dass er gesagt hat Sie müssen das machen aber trotzdem danke.“

„Sag ruhig Hanna und „du“ David. Immerhin müssen wir jetzt täglich zusammen arbeiten, da passt es nicht wenn wir miteinander fremdeln. Und wir kümmern uns sehr gerne um dich.“

„Wo ist dein Mann?“

„Er ist oben und kümmert sich um die Patienten.“

„Wie viele sind es?“

„Es sind noch 15. Mit der Zeit wurden es immer weniger und das wo ich jeden Tag von Anderen höre, dass immer mehr Leute krank werden. Doch die kommen gar nicht erst bis hierher…“

Sie schaute mich traurig an und ich verstand.

„Du hast großes Glück gehabt, dass er dich her gebracht hat David.“

Sie strich mir über die Haare und verließ das Zimmer, um ebenfalls nach den Patienten zu sehen. Ich schloss erneut die Augen und schlief kurz darauf wieder ein.

Am Abend wurde ich von Jakob geweckt, da es Zeit wurde in meine Baracke zu gehen. Ich hatte tatsächlich den ganzen Tag geschlafen und fühlte mich auch wieder wesentlich besser als am Morgen. Auf meine Frage hin antwortete Jakob, dass Hans nicht mehr da gewesen war. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zu meiner neuen Schlafbaracke.

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